Gertraud Schöpflin
Mehr als wir je
erhofft hatten Vom stillen Kinderwunsch zum vollen Mutterherz
Die Bibelzitate sind aus folgenden Übersetzungen entnommen: NGÜ: Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen, © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. Hfa: Hoffnung für alle®, © 1983, 1996, 2002 Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung von Fontis – Brunnen Basel. SLT: Bibeltext der Schlachter. Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. LUT: Lutherbibel, 1912.
© 2026 Brunnen Verlag GmbH, Gießen Gottlieb-Daimler-Str. 22, 35398 Gießen www.brunnen-verlag.de info@brunnen-verlag.de Die Nutzung von Bild-, Sprach- und Textdaten für sog. KI-Trainings und ähnliche Zwecke ist nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung erlaubt. Lektorat: Petra Hahn-Lütjen / Überarbeitung: Carolin Kotthaus Umschlagfoto: Adobe Stock, privat Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger, Brunnen Verlag GmbH Satz: Brunnen Verlag GmbH Herstellung: CPI books GmbH, Leck Gedruckt in Deutschland ISBN Buch 978-3-7655-3376-1 ISBN E-Book 978-3-7655-7784-0
Inhalt Warum dieses Buch? Alle einverstanden? Besuch! Dann wisch noch schnell den Tisch ...
5 7 9
1
Tränen zum Muttertag
12
2
Trost mitten in Trauer
18
3
Ein Baby zu Weihnachten
27
4
Mama, ich will ein Kind zum Spielen haben!
36
5
Ein Kind in Schwarz-Grau
43
6
Eine Brücke aus Seifenblasen
52
7
Gut gebrüllt, kleiner Löwe!
64
8
Na, Kleiner, wohin fliegst du?
74
9
Ein Lachen vom Himmel
88
10
Alle Mann an Bord!
99
11
Fledermäuse und andere Schatten
111
12
Engelsflügel und Elefantentanten
123
3
13
SOS im Aquarium
133
14
Warum gerade ich?
138
15
Wiedersehen in Weißrussland
146
16
Paka heißt Tschüss!
157
17
Und dann?
160
Nachwort
162
Danke Ich widme dieses Buch Stimmen zum Buch
167 168 169
4
Warum dieses Buch? Unerfüllte Wünsche können einsam machen. Manchmal findet man kaum jemanden, mit dem man die Not teilen kann. Da mein Mann und ich in den „Tunnel“-Zeiten unseres Lebens für jede Hilfe dankbar sind und waren, haben wir uns entschieden, unsere Erfahrungen weiterzugeben – unter anderem anhand von konkreten Impulsen und Fragen zum Weiterdenken am Ende jeden Kapitels. Beim Thema „Unerfüllter Kinderwunsch“ hatte ich beim Schreiben eine Freundin im Sinn, mit der ich jahrelang litt, hoffte und betete, dass ihre tiefsten Wünsche sich erfüllen. Inzwischen sind ihr Mann und sie wunderbare Eltern von Pflegekindern, die als Babys zu ihnen kamen. Außerdem hatte ich beim Schreiben Eltern von angenommenen Kindern vor Augen, die mir im Bekanntenkreis, aber auch in meiner Tätigkeit als Lehrerin begegnet sind. Immer wieder habe ich erlebt, dass Adoptiv- und Pflegeeltern sich kaum mitteilen. Das mag im Blick auf die Fakten zur Geschichte des Kindes richtig sein – und unser offener Bericht darüber ist eine Ausnahme, die nur mit der Erlaubnis der Beteiligten möglich war. Manchmal zögern Eltern angenommener Kinder aber auch, notvolle Situationen anzusprechen, aus Angst vor dem Verdacht, der Grund für die Probleme könnte im Versagen der Adoptiv- und Pflegeeltern liegen. Auch diese Gefühle kenne ich aus eigenem Erleben. Aber uns hat ehrlicher Austausch immer geholfen, Schwierigkeiten besser einordnen zu können und Mut zu fassen, den Herausforderungen zu begegnen. Darum haben wir uns entschlossen, einen Blick in unser Familienleben zu gewähren. Auch dies geschah in Absprache mit unseren mutigen Jungs – ich betone das hier, weil ich sie dafür bewundere. Es ist meine Hoffnung, dass dieses Buch jeder Leserin und jedem Leser 5
hilft, Atem, Hoffnung und Glauben zu schöpfen für den eigenen einzigartigen Lebensweg. „Ich konnte gar nicht aufhören zu lesen. Doch als ich zum Kapitel kam, das meine Geschichte enthält, musste ich es weglegen. Mir kamen die Tränen. Manchmal kann ich selbst nicht glauben, was ich alles durchgemacht habe und dass ich die Kraft hatte, all das durchzustehen. Es hat aber auch mein Herz berührt, was ihr alles durchgestanden habt. Ich werde euch bis an meine letzten Tage dankbar sein, dass mein Kind so schön aufwachsen durfte und so ein toller Junge geworden ist. Ich würde mich freuen, wenn das Buch ein Erfolg wird und anderen Mut macht!“ Julia X., leibliche Mutter des ältesten Sohnes (Name zum Schutz der Person geändert)
Weitere Stimmen zum Buch finden Sie am Ende des Buches. Von: Prof. Dr. Elisabeth Jäger, Claudia Filker, Maria Prean, Marlies Kielhorn, Helmut Limburger, Rita Bially
6
Alle einverstanden? „Alle einverstanden, dass wir ein Buch darüber schreiben?“
„Ist okay für mich.“ Levi „Ich vertraue dir da schon, dass du das Richtige schreibst. Ich will mich mit dieser Geschichte nicht verstecken!“ Josia
„Also gut, aber nur wenn ich dein Manager werde.“ Isaak
„Mir egal. Solang’s nicht illegal ist …“ Elia „Ich dachte, das hebst du dir auf fürs Alter?“ Hanspeter
7
Besuch! Dann wisch noch schnell den Tisch ... Ich höre, wie die Gäste unten im Erdgeschoss in den Hausgang treten. Zum Glück hat irgendeiner die Haustüre geöffnet. O Schreck, der Wohnzimmertisch! Der hat es auch nötig! Mein Lappen fährt über den Schmutzfilm, den Chips, Salzstangen, Nutella-Brot und Popcorn in den letzten Tagen hinterlassen haben. Unbemerkt, versteht sich. So heimlich, wie die Packungen mit diesen Köstlichkeiten oft auch aus dem Schrank gewandert sind. Ich habe aufgehört, Fragen zu stellen wie: „Wer hat die ‚Merci‘ aus dem Schrank geklaut?“ Sie waren eigentlich für die Klavierlehrerin bestimmt. Stets beteuern mir vier Unschuldsmienen nur: „Ich war’s nicht!“ Und der Hund scheidet aus. Er stibitzt nur Katzenfutter. Leider sind nicht alle Beispiele aus unserem Familienalltag so harmlos. Andere Vorfälle haben mich mehr als an meine Grenzen gebracht. Ich habe mir abgewöhnt, mich über alles aufzuregen. „Ich bin Mutter und nicht Polizistin“, sage ich mir, wenn ich den Schuldigen nicht finde. Das Gefühl, belogen zu werden, hat mich oft geschmerzt. Darum bleiben manche Fälle ungelöst. Es muss genügen, dass Gott den Überblick behält. Mit dem Geschirrtuch reibe ich das weiche Kiefernholz trocken. Dunkle Astlöcher geben der Maserung ihr unverwechselbares Aussehen. Das Holz ist glatt und makellos. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da sah dieser Tisch aus wie eine Werkbank. Tiefe Rillen hatten Gabeln, Scheren und andere spitze Gegenstände in dieses Holz gegraben. Nicht allein in das Holz – 9
ordentliche Schrammen hat auch unser Idealismus im Laufe der Jahre abbekommen. Der Tisch war nicht verkratzt gewesen, als ich ihn mitgeheiratet habe. Zu diesem Möbelstück gehörte ein Mann, der meine Träume mit mir teilte: Hanspeter! Wir wollten eine Familie gründen und glücklich sein – wie andere auch. Das mit der Familie ließ jedoch jahrelang auf sich warten. Und das mit dem Glück … Das ist eine Geschichte für sich! Auf jeden Fall kam der Tag, an dem mir dieser Wohnzimmertisch reif für den Sperrmüll erschien. „Ich will keine ‚Werkbank‘ zwischen Sofa und Sessel“, so lautete meine Begründung für den Abschied. Ich wollte mich nicht nur von diesem Möbelstück aus Kiefernholz trennen, das es in jedem Abholbereich eines Mitnahmemarktes gab. Auch all die schmerzhaften Erinnerungen wollte ich loshaben, die mit den Furchen im Holz und den geschundenen Ecken verbunden waren. Die wenigsten Kratzer hatte der ganz normale Alltag diesem Tisch zugefügt. Mutwillig hatten kleine Hände aus Zorn und Eifersucht darin Spuren hinterlassen – und nicht nur in diesem Tisch … So manches erinnert uns bis heute an die schmerzhaften Kerben unseres Familienabenteuers. Anfangs hatten mein Mann und ich allein an diesem Tisch gesessen. Acht Jahre warteten wir darauf, dass sich unser Leben mit Kindern füllen würde – anfangs träumten wir davon, zuletzt weinten wir darum. Wir hatten nur zwei Katzen. „Gib ihnen Kinder statt Katzen!“, beteten Freunde für uns. Dann geschah das Wunder: Wir wurden vom Ehepaar zu einer Familie. Innerhalb von neun Jahren veränderte sich unser Familienstand von „kinderlos“ zu „kinderreich“. Eines nach dem anderen scharte sich um den Tisch. Jede Ankunft war ein Fest! Doch auch Wunder gehen nicht spurlos an uns vorüber. Dieser kleine Tisch bekam alles mit – und vieles ab. Nach einem Umzug erschien mir seine Zeit abgelaufen. Ich sah mich in einem Möbelhaus bereits nach einem neuen um. Aber mein ältester Sohn, damals ein Teenager, bettelte um Gnade. 10
„Gib ihn mir. Ich reparier ihn dir!“ Zuerst wollte ich dem Jungen und dem Tisch keine Chance geben. „Nein, danke! Im Wohnzimmer will ich etwas Schönes haben!“ Doch der Halbwüchsige blieb hartnäckig. Mein Mann meinte, ich könne ihm doch den alten Tisch zum „Werkeln“ überlassen, so wie unsere Söhne auch alte Radios und Rührgeräte auseinanderbauen durften. In Ordnung – kurz vor dem Sperrmüll hat man nichts mehr zu verlieren. Und der neue Tisch war ja schon ausgesucht. Unser Ältester nahm das Ding mit in die Werkstatt. Ein paar Stunden später schleppte er ihn wieder zurück. „Und?“ Mit einem triumphierenden Blick hievte er ihn wieder an seinen alten Platz. Ich traute meinen Augen kaum. Meine Hand fuhr über die Platte. Frisch geschliffen fühlte sich das Holz an wie Samt – weich und unversehrt. Ich hatte die Maserung noch nie so wahrgenommen. Ein neuer Tisch stand vor mir. In geheilter Schönheit. All die Furchen und Kratzer der vergangenen Jahre – sie waren verschwunden. Nur … der Lack war ab. Endgültig. Bis heute steht der Holztisch bei uns im Wohnzimmer in der Sofaecke. Ich gebe ihn nicht mehr her. Für mich ist er ein Schmuckstück. Er ist ein Sinnbild geworden für die Wunden und die Heilung, die wir erlebten, für die Höhen und Tiefen unserer Geschichte. Du willst sie hören? Setz dich gern mit an den Tisch!
11
1
Tränen zum Muttertag „Verschaff mir endlich Kinder, sonst will ich nicht länger leben!“ 1. Mose 30,1
Eine Obstkiste voll kleiner Blumentöpfe steht vorne an der Bühne. „Fleißige Lieschen“ – die hat man mir einst schon im Kindergarten in die Hände gedrückt, um sie meiner Mutter zu schenken. Ich ahne schon, was in diesem Gottesdienst kommt. Es ist Muttertag. Zeit, die Mütter in der Gemeinde zu ehren. Die Kleinen marschieren mit den Betreuern des Kinderprogramms vorne im Gottesdienstraum auf. Der Pastor tritt lächelnd hinter das Mikrofon. „Wir bitten alle Mütter, einmal aufzustehen. Wir haben eine Überraschung für euch …“ Ich bleibe sitzen, auch wenn ich mittlerweile Mutter bin. In mir rumoren alte Erinnerungen. Ich kann einfach nicht aufstehen. Ich leide an „Muttertags-Allergie“. Verstohlen schiele ich zu den Singles und Kinderlosen schräg gegenüber. Was kann ich dafür, dass ich Mutter bin und sie nicht? Es ist ein unverdientes Geschenk! Während der Pastor die Dankesworte an die Mütter richtet und ihre Hingabe rühmt, studiere ich die Schattierungen des grauen Teppichbodens. Zu sehr leide ich mit den Frauen, die ungewollt keine Mütter sind. Wie sie sich wohl gerade fühlen? Früher waren für mich Momente wie diese grauenhaft. 12
Alle Frauen sind Evas! Am liebsten würde ich es laut sagen. Alle haben die Berufung, Mütter in dieser Welt zu sein und Leben zu spenden – auch die, die nicht geboren haben! Der Dank an die Mamas ist lieb gemeint. Ich weiß. Aber ich kann mich nur schwer an den Blumen freuen. Die Kinder mit den „Fleißigen Lieschen“ finden zu mir, auch wenn ich nicht mit den Müttern aufgestanden bin. Ich halte das Töpfchen in der Hand und betrachte die kleinen rosa Blätter der Blüten. Dabei steigen in mir die Gefühle jener Zeit auf, in der man mir diese Blumen nicht überreicht hätte. Der Muttertag trieb mir viele Jahre Tränen in die Augen … Schon vor der Ehe hatten wir uns ausgemalt, wie schön es sein würde, eine große Familie zu haben. „Ich will, dass du der Vater meiner Kinder wirst“, hatte ich Hanspeter nach seinem Heiratsantrag an Ostern 1990 in einem Park ins Ohr geflüstert. Doch meine Hoffnung, so wie einst meine frisch verheiratete Mutter schneller schwanger zu werden als aufgeklärt zu sein, erfüllte sich nicht. Jeder Zyklus endete mit der gleichen Enttäuschung, die auch noch körperlich schmerzhaft war. „Du musst deinen Lebensstil ändern. Dein Job ist zu stressig“, riet man mir. Mein Leben damals pulsierte. Meine Tätigkeit bei einer Tageszeitung war anstrengend und schön zugleich. Eigentlich liebte ich dieses pralle Leben … Doch ich beschloss, ein Studium zu beginnen. Ich schrieb mich im Frühjahr 1993 bei einer pädagogischen Hochschule ein – in der Hoffnung, schwanger zu werden. Lehrerin zu werden, war nicht unbedingt mein Ziel. Aber Mutter wollte ich werden – um jeden Preis! Auch neugierige Zeitgenossen begannen bei dem inzwischen länger verheirateten Paar langsam nachzuhaken. „Wollt ihr eigentlich keine Kinder?“, so kamen mit der Zeit die ersten Anfragen. Nicht jedem wollte ich diese Frage beantworten. Es ermüdete, mich immer wieder zu rechtfertigen. „Das steht dir aber gut!“, bekam ich zu hören, wenn ich es wagte, ein Kleinkind von Bekannten hochzunehmen. Um Kommentare zu vermeiden, gewöhnte ich es mir ab und mied die Nähe zu kleinen Kindern. 13
Zum Glück gab es Orte, an denen wir ehrlich sein konnten. In unserer Kirchengemeinde, besonders in unserem Hauskreis, fanden wir Freunde, die uns ernst nahmen, uns zuhörten und für uns beteten. Auch wenn sie in einem Fall sogar mit dem Gegenteil zu kämpfen hatten! Sie erwarteten ein ungeplantes Kind … und hatten an ihrer Situation genauso zu knabbern wie wir an unserer Not. Unseren Verwandten waren wir dankbar, dass sie uns nie unter Druck gesetzt haben, obwohl es sich Hanspeters betagte Eltern sicher gewünscht hätten, Enkel zu erleben. Aber sie gehörten zu einer Generation, die solche Themen nicht ansprach. Hanspeters Vater starb, ohne je einen Enkel gesehen zu haben. Mein Mann wurde daraufhin viele Wochen krank. Aus Trauer und Enttäuschung, weil die Wiege leer blieb, wurden Depression und Hoffnungslosigkeit. Jeden Sonntagnachmittag, wenn wir Zeit zum Nachdenken hatten, tat sich vor mir ein großes schwarzes Loch auf und ich versank darin. Ohne die Perspektive, ein Kind zu haben, kam mir mein Leben sinnlos vor. Ich fühlte mich wertlos – im Kern getroffen in meiner Identität als Frau. Diese Trauer hatte mich im Griff und war mit dem Verstand nicht zu bezwingen. Hanspeter stand hilflos daneben. Auch er trauerte – aber er drückte es anders aus. Er wünschte sich sehnlichst ein Mädchen mit Locken. Doch er sprach selten von seinen Träumen. Auch er vergoss Tränen. Aber meist im Stillen und allein. Sein Körper begann stattdessen in Krankheitssymptomen zu zeigen, was seiner Seele schwerfiel, in Worte zu fassen. Wir träumten von dem, was wir gerne mit unseren Kindern unternommen hätten … Aber was will ein Paar allein in einem Zoo oder Freizeitpark? Wir fühlten uns an solchen Ausflugszielen für Familien umso einsamer. Es nervte mich, aber alles Lebensglück schien an der Erfüllung dieses einen Herzenswunsches zu hängen! Wie schön wäre es, wenn … Diese Gefühle holten uns immer wieder ein. Ein Leben ohne Kinder schien uns einfach unvorstellbar. Also quälten wir uns weiter. Längst bestimmte der Terminkalender die Zeiten unserer Intimität. Wir begannen einen Frauenarzt ins Vertrauen zu ziehen. Er optimierte den Blick auf die fruchtbaren Tage weiter per Medikamente und Ultraschall. Ich war es bald leid, die reifenden Eizellen am Bild14
schirm zu beobachten. Die Follikel wurden vermessen, damit der Arzt den Zeitpunkt bestimmen konnte, wann wir „aktiv“ werden sollten. Doch was half es mir, ein unbefruchtetes Ei zu beobachten? Es ermüdete mich, Monat für Monat vergeblich zu hoffen … Auch Hoffnung kann zur Qual werden! Ich wünschte, diesen Herzenswunsch aus mir herausschneiden zu können, und beneidete kinderlose Ehepaare, die sich offensichtlich zufrieden anderen Lebensaufgaben zugewandt hatten. Doch wir fanden keinen Ausweg aus dem dunklen Tal und keine Abkürzung durch diese Trauer. Bin ich verurteilt zu hoffen? Im vierwöchigen Rhythmus? Jahrelang? Wann werden wir dieses Thema endlich „weglegen“ können? Es gab keine Ursache für unsere Kinderlosigkeit, die uns das Thema aus der Hand genommen hätte. Die medizinischen Untersuchungen verliefen ergebnislos – wie bei vielen unfruchtbaren Paaren. „Ihr seid ja noch jung!“, hörten wir oft. „Das kommt schon noch … Habt Geduld!“ Doch es tröstete uns mit den Jahren immer weniger. Die biologische Uhr tickte – mir als Frau war das schmerzlich bewusst. Die Fruchtbarkeit nimmt ab einem Alter von etwa dreißig Jahren immer mehr ab – solche wissenschaftlichen Studien beruhigten mich nicht gerade. Längst erlaubte ich es mir nicht mehr, in Geschäften Bücher über Babyentwicklung oder Kindererziehung durchzublättern, geschweige denn durch Abteilungen mit Babykleidung zu schlendern. Lediglich ein paar Erinnerungsstücke meiner Schwiegermutter, die sie selbst aus rosa Wolle gestrickt hatte, hob ich in einem alten Koffer auf. Sie hatte mir die Jäckchen und Mützen zu Beginn unserer Ehe erwartungsvoll überreicht. Mit jeder Enttäuschung, Zyklus für Zyklus, wuchs in mir mein Groll auf Gott. Warum schenkte er uns kein Kind? Er konnte uns doch den erbetenen Nachwuchs schenken! Wir hatten bereits sein Eingreifen und Reden erlebt. Warum reagierte er nicht und erfüllte unseren Herzenswunsch? Wir versuchten, uns auf andere Lebensaufgaben zu konzentrieren. Themen anzupacken, die man nur ohne Kinder angehen konnte. Halbherzig ließ ich mich darauf ein. Mir blieb ja keine andere Wahl. Im November 1991 gab ich mir einen Ruck und meldete mich für die Zeit 15
meines restlichen Urlaubs zur Mitarbeit bei einem Hilfseinsatz in Albanien an. Das einst gegen den Westen streng abgeriegelte Land hatte damals gerade seine Grenzen geöffnet. Ein kommunistischer Diktator hatte hier den ersten „atheistischen Staat“ erschaffen wollen – doch im Jahr zuvor hatte das verarmte Volk Enver Hodschas Bronzebüsten vom Sockel geworfen und das Regime gestürzt. Voller Erwartungen stieg ich mit einem Team christlich motivierter junger Leute in einen Lastwagen voller Hilfsgüter in Richtung Südeuropa. Ich wollte meine Sehnsucht vergessen. Ich wollte ein sinnvolles Leben jenseits des Kinderwunsches suchen. Doch das Thema schlich mir nach. In den Bergen Albaniens holte es mich ein – und zwar völlig anders als erwartet!
16
Was, wenn Wünsche sich nicht erfüllen? ↳ Was ist der Sinn meines Lebens? Worauf kommt es im Leben an? Unerfüllte Wünsche können uns an die Grenzen des menschlich Machbaren führen. Das ist schmerzhaft. Aber sie beinhalten die Chance, Fragen zu klären, die wir sonst nicht gestellt hätten. Auf diese Weise bringen unerfüllte Wünsche Tiefgang in unser Leben und bewahren uns vor einem oberflächlichen Dasein. ↳ Ein Kind ist eine erfüllende Aufgabe – aber der „Sinn des Lebens“? „Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen“, heißt ein Sprichwort. Schneller, als wir Eltern es uns wünschen, müssen wir sie loslassen. Also, Gott, wozu bin ich hier? Diese Frage musste ich in jeder Lebensphase neu überdenken: ohne Kinder. Mit kleinen Kindern. Mit Teenagern. Mit Kindern, die aus dem Haus gehen. Mit erwachsenen Kindern. ↳ Suche dir Verbündete, mit denen du die Not deiner unerfüllten Wünsche teilen kannst. Wage es, dich zu öffnen. Suche dir Ermutiger! Scheue dich nicht, auch Spezialisten zurate zu ziehen. ↳ Gesteht euch als Paar zu, dass jeder die Trauer über den unerfüllten Herzenswunsch anders empfindet und ausdrückt. Verurteile den anderen dafür nicht. Jeder will mit seiner Wahrnehmung ernst genommen werden. Investiert bewusst in eure Paarbeziehung! ↳ Überprüfe den Stresspegel in deinem Leben! Arbeitest oder machst du zu viel? Bist du auf der Flucht vor der Leere? Wünschst du dir, was du dir wünschst, weil du mit deiner Situation unzufrieden bist? Wie könntest du dein Leben jetzt verändern – ohne den erfüllten (Kinder-)Wunsch als „Eintrittskarte“ in ein besseres Dasein?
17