H AU K E B U R G A R T H
Wenn Mann
sche itert
Wahre Geschichten von Krisen, Umwegen und neuen Perspektiven
Hauke Burgarth (*1964) ist freiberuflicher Lektor, Autor und Pastor. Ehrenamtlich engagiert er sich für ein christliches Hilfswerk. Der gebürtige Hamburger lebt heute in der Nähe von Gießen. Er ist verheiratet mit Eva-Maria. Die beiden haben vier erwachsene Kinder und drei Enkel. Er schwärmt für Kunst, Bücher und gute Gespräche. In seiner Freizeit fährt er außerdem gern Motorrad, am liebsten auf bergigen und kurvenreichen Nebenstrecken.
© 2025 Brunnen Verlag GmbH Gottlieb-Daimler-Str. 22, 35398 Gießen www.brunnen-verlag.de info@brunnen-verlag.de Die Nutzung von Bild-, Sprach- und Textdaten für sog. KI-Training und ähnliche Zwecke ist nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung erlaubt. Lektorat: Stefan Loß Umschlaggestaltung: Jonathan Maul Umschlagillustration: WITTAYA/Adobe Stock Druck: CPI books GmbH, Leck Gedruckt in Deutschland ISBN Buch: 978-3-7655-3345-7 ISBN E-Book: 978-3-7655-7741-3
Jede Einzelne Lange habe ich Gott die Scherben meines Lebens entgegengestreckt. Bitte! Heile mich! Mach mich neu! Immer war Gottes Antwort Schweigen. Jetzt sehe ich, dass die Scherben unverändert da sind. Aber jede Einzelne von ihnen spiegelt Gottes Liebe, sein gesamtes Wesen. Hauke Burgarth
Inhalt
Muss das sein? ����������������������������������������������������������� 7 Martin: Blindes Vertrauen ���������������������������������������� 11 Richard: Andere schaffen’s doch auch ���������������������� 22 Ingmar: Ausgerechnet Pfarrer! ��������������������������������� 32 Ruben: Von der Kanzel in den Führerstand ������������� 42 Hauke: Alkoholprobleme haben andere ������������������ 53 Uli: Da war gar nichts vorgezeichnet ����������������������� 63 Thomas: Von geplatzten Träumen ��������������������������� 73 Joe: Familienbande – fast eine biblische Geschichte ��86 Udo: Manchmal war ich nicht ich �������������������������� 99 Ewald: Von der Bank auf die Bühne ���������������������� 108 David: Skispringen war mein Leben ���������������������� 121 Martin: Was bleibt, wenn wenig bleibt? ������������������ 134 Manuel: Tausche Krisen gegen Krieg ���������������������� 145 So viel Zeit muss sein … ���������������������������������������� 157 5
Muss das sein?
„Warum muss es in deinem Buch denn unbedingt ums Scheitern gehen? Das klingt so negativ. Könntest du es nicht ‚Neuorientierung‘ nennen?“ Das könnte ich. Aber ich will es nicht. Denn dieses Denken ist Teil eines gesellschaftlichen Problems, das bis zu dir und mir reicht. Rate mal: Welches Land hat die miserabelste Fehlertoleranz weltweit? Nein, es ist nicht Deutschland, sondern Singapur. Aber wir kommen direkt danach auf Platz zwei. Offensichtlich haben wir ein Problem damit, uns selbst und anderen einzugestehen, dass wir einen Fehler gemacht haben oder gescheitert sind. Beides hängt eng zusammen. Das betrifft Männer, Frauen, alle – obwohl Männer sich damit scheinbar besonders schwertun. Scheitern heißt, ein Ziel nicht zu erreichen und sich von Wünschen, Plänen und Träumen zu verabschieden. Und zwar endgültig. Das hört sich nie gut an. Aber unabhängig von irgendwelchen Schuldfragen ist es etwas, das jedem immer wieder passiert. Vieles kann scheitern: Träume und Ziele, Freundschaften und Ehen, Koalitionen und Karrieren. Und wie ist das, wenn man scheitert – wenn ich gescheitert bin? Erst einmal bist du dann in guter Gesellschaft: Ein erfolgloser Kapitän wie Christoph Kolumbus setzte ein Vermögen in den Sand und verfehlte sein Zielland Indien völlig. Der Garagenbastler Steve Jobs scheiterte gründlich, als er versuchte, seinen Computer „Lisa“ zu vermarkten. Allerdings war für die beiden das Leben damit nicht zu Ende, denn sie waren ja einfach nur gescheitert. Und die Wenigsten verbinden diese beiden heute noch mit ihren Misserfolgen … Nun sind du und ich weder Weltentdecker noch Milliardäre – ich 7
jedenfalls nicht –, deshalb habe ich für dieses Buch mit ein paar Männern über ihr Leben geredet, inklusive ihrer eigenen Erfahrungen des Scheiterns. Persönliches Versagen kommt hier genauso zur Sprache wie unvorhergesehene Umstände, die niemand einplanen konnte. Ich habe sie auch gefragt, welche Rolle Gott dabei für sie spielt. Manches hat eine Lösung gefunden, einiges (noch) nicht. Alle Berichte machen deutlich, dass das Leben nie aus unserem Scheitern besteht, sondern aus dem, was wir daraus machen. Auch meine eigene Geschichte findet ihr in diesem Buch, denn auch ich habe Scheitern erlebt. Aber dazu später mehr. Vielleicht fällt es dir leicht, von deinem eigenen Scheitern zu erzählen. Vielleicht tust du dich auch schwer damit. Wer erzählt anderen schon gerne von seinen Misserfolgen, Krisen und Niederlagen? Hier kannst du einfach einmal zuhören. Und du wirst merken, dass es guttut, wenn andere nicht nur ihre Erfolgsgeschichten präsentieren, sondern auch diejenigen auspacken, bei denen sie nicht gut aussehen. Dabei steht am Ende jeder dieser Geschichten keine peinliche, hilflose Stille, sondern Hoffnung. Kein Versagen, sondern Leben. Denn Gott ist schon immer derjenige gewesen, der mitten in Fehlschlägen neue Perspektiven schenkt. Beleg dafür ist eine Geschichte, die in biblischen Zeiten spielt und die ich für dieses Buch nacherzählt habe. Alles beginnt damit, dass ich vor mir selbst, vor anderen Menschen und vor Gott ehrlich werde. Nicht nur in dem Sinne, nichts Unwahres zu sagen, sondern auch keine falsche Stärke vorzuspielen. Ausgerechnet der scheinbar so erfolgreiche Paulus gibt in seinem ersten Brief an die Korinther (1. Korinther 2,3) zu: „Als ich zu euch kam …, war ich schwach und elend und zitterte vor Angst.“ Helden sehen anders aus, aber wer authentisch ist, schlägt Brücken zu anderen Menschen. Wenn es andere betrifft, sagen wir: Scheitern gehört zum Leben dazu. Aber das gilt für dich und mich genauso! Ich wünsche mir, dass du erkennst, dass die Welt nicht untergeht, wenn du etwas in den Sand setzt. Und das wirst du! Dass du aber genauso siehst, dass Jesus an deiner Seite 8
ist und nicht peinlich berührt wegschaut, wenn du am Boden bist. Und dass du am Ende anderen von deinem ganzen Erleben inklusive deines Scheiterns erzählen kannst und sie sagen: „Danke! Das hat mir Mut gemacht.“ Pohlheim, im Januar 2025 Hauke Burgarth
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Martin: Blindes Vertrauen
Einen der bekanntesten alten Griechen hat es wohl in Wirklichkeit nie gegeben: Damokles. Genau: Das war der mit dem Schwert. Sein Beispiel zeigt bis heute, dass das gute Leben, das man führt, schnell vorbei sein kann. Damokles soll ein Bediensteter von König Dionysios aus Syrakus gewesen sein. Ständig äußerte er sich begeistert und überschwänglich über seinen König und ließ gleichzeitig durchblicken, dass er selbst auch gern so glücklich wäre, auf dem Thron zu sitzen. Irgendwann konnte der Monarch es nicht mehr hören und räumte seinen Platz. Vorher ließ er jedoch ein Schwert über dem Thron anbringen, das nur mit einem Pferdehaar befestigt war. Ganz klar: Irgendwann würde das reißen. So hatte Damokles sein Ziel erreicht und fühlte sich doch nicht wohl mit dem Schwert über seinem Kopf. Die Lektion des Königs, dass jedes Glück enden kann und auch wird, kam bei ihm an. Er gab dem Herrscher seinen Platz zurück und beklagte sich nicht mehr. Das Damoklesschwert wurde als Synonym für drohendes Unheil sprichwörtlich. Martin kennt diese Geschichte. Immer wieder sprachen andere davon, dass auch über ihm ein Damoklesschwert hängen würde, doch eigentlich stimmte das nicht. Da hing zwar eine Bedrohung über seinem Leben, doch er konnte ihr nicht ausweichen. Er konnte nicht sagen: Alles klar, ich habe meine Lektion gelernt. Setzt das Leben wieder auf „Start“ und lasst mich noch einmal von vorne anfangen. 11
Als er 1972 in Helmstedt geboren wurde, gab es die deutsch-deutsche Grenze noch. Wenige hundert Meter hinter dem Haus seiner Eltern endete die Welt für ihn. Er hörte schon früh: „Vorsicht! Geh nicht zu nah an die Grenzanlagen.“ Dort standen Zäune, der sogenannte Todesstreifen und Wachtürme mit Soldaten, die alles durch ihre Ferngläser beobachteten. Gleichzeitig war die Autobahn A2 Richtung Marienborn eine wichtige Verbindungsstrecke in die DDR hinein. Das alles war damals für ihn allgegenwärtig und normal. Martin war das Jüngste von fünf Kindern. Stärker als Grenzzaun und Todesstreifen beschäftigte sie als Familie eine erbliche Augenerkrankung, die vier der Kinder betraf. Sie hatten schon früh Sehprobleme, und es war klar, dass sie irgendwann erblinden könnten. Während andere Jungs in seinem Alter sich nie irgendwelche Gedanken um körperliche Einschränkungen machen mussten und sich nur fragten, ob sie lieber so gut wie Karl-Heinz Rummenigge oder wie Rudi Völler Fußball spielen wollten, kannte Martin seinen „Gegner“ bereits mit lateinischem Namen: Retinitis Pigmentosa. Und er wusste, dass diese Netzhautdegeneration dafür sorgen würde, dass er immer schlechter und irgendwann wahrscheinlich gar nicht mehr sehen könnte. Daheim war das immer mal wieder Gesprächsthema, aber es bestimmte nie das Klima. „Du wirst deinen Weg gehen, die Schule abschließen und einen Beruf ergreifen. Dabei wird vieles geschehen, was dir nicht gefallen wird, aber so ist das im Leben. Es wird auch viel Schönes geschehen, worüber du dich freuen kannst.“ Sätze wie diese hörte Martin von seinen Eltern immer wieder. Sie packten ihre Kinder nicht in Watte, erlaubten ihnen so viel wie möglich und förderten sie, so gut es ging. Das begann in der katholischen Kirchengemeinde, wo Martin selbstverständlich an allen Kinderaktionen teilnahm. Wenn es mit den Pfadfindern ins Gelände ging, stellte sich nie die Frage: „Kann der Junge mitkommen?“ Stattdessen ging es darum, wie Draußensein, Zelten und Geländespiele trotz seiner Einschränkung auch für ihn gute Erfahrungen 12
werden konnten. Ähnliches galt für Martins Lieblingsort: Kurz vor der Grenze lag der Bauernhof einer befreundeten Familie. Er liebte es, dort zu sein. Wann immer es ihm möglich war, half er bei der Ernte mit, arbeitete in der Scheune oder ritt mit dem Pony aus. Die Frage „Darf ein Kind, das nicht gut sieht, so etwas machen?“ stellte sich nicht. Sogar Prinz, das Pony, schien zu verstehen, dass seine Augen eben für dieses Kind mitsehen mussten. Deutlich schwieriger war das Leben in der Schule. Mit dem Unterrichtsstoff kam Martin gut zurecht, aber seine Mitschüler und auch etliche Lehrer konnten nicht gut damit umgehen, dass er für manches länger brauchte, weil er zum Beispiel immer wieder an die Tafel gehen musste, um zu erkennen, was dort stand. Er brauchte schon in der Grundschule Sehhilfen: große Lupen, um Bilder und Texte zu erkennen, und eine starke Lampe am Platz, damit er genug Licht zum Sehen hatte. Regel mäßig zogen seine Mitschüler hier den Stecker heraus. Wenn Martin etwas vorlesen sollte, ging die Lampe nicht an und er musste erst einmal aufstehen und den Stecker wieder einstecken. Das gab jedes Mal Gelächter in der Klasse. Wenn er am Ende des Schultags seine Sachen zum Klassenschrank trug, damit sie eingeschlossen werden konnten, stellten ihm manche ein Bein oder schoben ihren Ranzen so in den Gang, dass er darüber stolpern musste. Er litt unter diesen dauernden Bosheiten. Die Lehrkräfte reagierten kaum auf solche Schikanen. Sie taten sich auch schwer damit, ihn in den Unterricht zu integrieren, wenn es um mehr als Lesen, Schreiben und Rechnen ging. Oft saß Martin einfach nur daneben und konnte nicht mitmachen, etwa wenn im Sport Ballspiele auf dem Programm standen oder im Kunstunterricht eine Zeichentechnik verlangt wurde, die Martin mit seinem eingeschränkten Sehvermögen nicht umsetzen konnte. Eine echte Förderung war nicht möglich. Mehr und mehr realisierte Martin: Hier bin ich nicht richtig. Das Mobbing blieb nicht auf den Klassenraum begrenzt. Ein Mitschüler lauerte ihm regelmäßig auf dem Schulweg auf, beschimpfte ihn als 13
„Scheißblinden“ schlug, trat und bespuckte ihn und schubste ihn auch auf die Straße. Woher kam dieser Hass? Martin wusste es nicht. Er fühlte sich hilflos und ausgeliefert. Wie sollte er als Kind damit umgehen? Zum Glück für ihn bekam ein anderer Junge diese Szenen mit. Er holte ihn daraufhin morgens ab und begleitete ihn zur Schule, und auch mittags liefen sie meist zusammen und er beschützte ihn. So litt er einerseits unter den Anfeindungen oder der Ignoranz von Menschen, erfuhr aber gleichzeitig, dass sich andere immer wieder an seine Seite stellten und für ihn da waren. Wenn er frustriert oder mit Kopfschmerzen von der Anstrengung nach Hause kam, fühlte er sich daheim immer angenommen und willkommen. Dabei spielte auch Gott eine selbstverständliche Rolle, denn seine Eltern segneten ihn morgens und zeichneten ihm dazu ein Kreuz auf die Stirn, abends sprachen sie ein Nachtgebet mit ihm. Selbst wenn er immer wieder Schwierigkeiten erlebte, wusste Martin: Ich bin nicht allein. Nach der Grundschule und der Orientierungsstufe war jedoch klar, dass er in diesem Umfeld nicht bleiben konnte. Mit vierzehn Jahren kam er ins Landesbildungszentrum für Blinde, ein Internat in Hannover. Den Umzug dorthin erlebte er nicht als schmerzhafte Trennung, sondern als großen Schritt in die Freiheit. Hier war er kein Außenseiter, sondern einer von vielen. Die Lehrerinnen und Lehrer waren geschult und erfahren im Umgang mit Augenerkrankungen wie seiner und kamen damit zurecht. Hier wurde er nicht mehr ständig mit dem konfrontiert, was er nicht konnte. „Was bringst du mit? Was kannst du – und vor allem: Was willst du?“ Das wurden leitende Fragen im Unterricht. Zusätzlich lernte Martin Schlagzeug und Klavierspielen. Er kämpfte im Judo, ruderte und konnte auf einer besonders präparierten Laufbahn Langstrecken laufen. Plötzlich merkte er, dass er viel mehr konnte, als er bisher gedacht hatte. Aber er lernte auch, aktiv mit seiner Behinderung umzugehen. Noch hatte er einen Rest Sehstärke, doch selbstverständlich musste er Blindenschrift lesen und schreiben lernen. [...] 14