ROLAND HARDMEIER
GLAUBE, der trägt, wenn alles im Fluss ist Evangelikale zwischen fundamentalistisch und postevangelikal
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Bibelstellen folgen, wenn nicht anders angegeben, der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. © 2016 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten. Sonst: LUT: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. NGÜ: Neue Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen. © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.
© der deutschen Ausgabe: 2024 Brunnen Verlag GmbH, Gießen www.brunnen-verlag.de info@brunnen-verlag,de Die Nutzung von Bild-, Sprach- und Textdaten für sog. KI-Training und ähnliche Zwecke ist nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung erlaubt. Lektorat: Uwe Bertelmann/Brunnen Verlag GmbH Umschlaghintergrund: SKfoto/Adobe Stock Umschlaggestaltung: Jonathan Maul/Brunnen Verlag GmbH Satz: Brunnen Verlag GmbH Druck: CPI Books GmbH, Leck Gedruckt in Deutschland ISBN Buch 978-3-7655-2189-8 ISBN E-Book 978-3-7655-7862-5
Ich widme dieser Buch allen Männern und Frauen, die täglich die harte, aber lohnende Arbeit eines Pastors bzw. einer Pastorin tun. Ich hoffe, dass dieses Buch euch Mut macht, theologische Orientierung gibt und euch zu Umsicht in eurer anforderungsreichen Berufung verhilft.
Stimmen zum Buch „Roland Hardmeier gelingt mit seinem Buch nicht nur eine ausgezeichnete Analyse unserer theologischen Krise in der evangelikalen Welt. Er spricht auch die Herzen und die Sehnsucht nach einem Neuaufbruch der Gemeinde Jesu an. Er zeigt, welche Richtung die Gemeinde Jesu in den kommenden Jahren gehen kann. Darum empfehle ich das Buch gern allen Gemeindebauern!“ Reinhard Spincke, Gemeindeleiter Freie Evangelische Gemeinden Norddeutschland „Roland Hardmeiers neues Buch über Evangelikale ist ein wahrer Lichtblick im Dschungel neuartiger Glaubensüberzeugungen. Mit fundierter Analyse, Fairness und einer gradlinigen Schreibweise bietet es eine dringend benötigte Orientierungshilfe für Christen. Zwischen den Polen des Fundamentalismus und des Postevangelikalismus navigiert Hardmeier meisterhaft und ermöglicht es dem Leser, klarer zu sehen und der Bibel als Offenbarung Gottes zu vertrauen. Ein unverzichtbares Werk für alle, die nach einer soliden Basis für ihren Glauben suchen.“ Stefan von Rüti, Gesamtleiter ISTL International „Wie kann unser Glaube anschlussfähig an die Postmoderne werden, ohne dass wir seinen Grundbestand und unsere ethischen Wertsetzungen preisgeben?“ – Ich habe bisher kein Buch gefunden, das diese Schicksalsfrage der Evangelikalen jenseits von Fundamentalismus und Postevangelikalismus so sorgfältig, fair und gleichzeitig so gut lesbar beantwortet wie dieses hier. Ein Buch der Mitte im besten Sinne, auf dem man aufbauen kann.“ Reinhold Scharnowski, Pastor und Publizist 5
Inhaltsverzeichnis Darum geht es
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Kapitel 1 Progressiv oder fundamentalistisch? – Warum wir ein Evangelium der Mitte brauchen Welt im Umbruch Das progressive Christentum ist da Den Glauben neu konstruieren Die Fundamentalisten reagieren Krisenphänomene verstehen Eine religiöse Landkarte unserer Zeit Die Evangelikalen in den USA und Europa Das Evangelium der Mitte
13 15 21 24 27 31 35 38 40
Kapitel 2 Vertrauensvoll wie Luther: evangelikales Schriftverständnis Vertrauensvolles Lesen Unfehlbar und inspiriert Kann man den Evangelien vertrauen? Widersprüche, oder doch nicht? Legenden, Recherchen und Augenzeugen Das verschmähte Alte Testament Der Erfolg der Evangelikalen
45 46 49 52 56 59 61 64
Kapitel 3 Postevangelikale Taktgeberin: die moderne Bibelwissenschaft Ad fontes! Ich denke, also bin ich!
67 68 71
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In Köln über den Rhein spazieren? Zwei Weltanschauungen Glauben in einer fluiden Gesellschaft
74 77 81
Kapitel 4 Was Fundamentalisten einfach nicht verstehen: die Welt Gottes geliebte Welt Dort weitermachen, wo Gott aufgehört hat Wie relevant ist unser Evangelium? Eine Philosophie der Liebe für die Postmoderne Erlösung neu denken
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Kapitel 5 Der Grundton, auf den alles gestimmt ist: das Königreich Gottes Endzeiterwartungen im Judentum Das Geheimnis des Königreiches Eine Revolution des Gottesbegriffs Kirche als Raum der Gnade Arbeiten für eine bessere Welt Träumen von der ewigen Stadt
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Kapitel 6 Lauter Unsinn und viel Ärger: das Kreuz Totales Unverständnis Jesus auf dem Weg nach Jerusalem Sokrates starb heiter und gelassen Der Schmerz des Vaters Die Revolution sozialer Beziehungen Von Helden und Opfern Die Umwertung aller Werte
128 131 135 139 141 143 148 150
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Kapitel 7 Das ganze Evangelium für die ganze Welt: der Mensch Jesus Prophetischer Dreiklang Hilfe für Arme Gerechtigkeit für Unterdrückte Frieden für die Welt Die Senfkornrevolution Die Leuchtkraft wiederfinden
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Kapitel 8 Wovon Progressive ständig reden: Gender Genderfragen bewegen Eine Freiheitsgeschichte Ein wichtiger Unterschied Sex in der altorientalischen Welt Gottes Design für den Menschen Und Jesus schwieg? Paulus und der Eros Die Deutung des biblischen Befundes Bringt uns das Gendersternchen zu Fall?
174 175 177 181 184 186 190 192 196 201
Kapitel 9 Wenn Bäume in die Hände klatschen: Himmel und Hölle Das Übel hat einen Namen Störfaktor der Evolution Eine zerstörerische Kraft Die Hölle Sehnsucht nach Gerechtigkeit Auschwitz wiedergutmachen?
210 213 215 217 219 225 228
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Kapitel 10 Verspielen die Evangelikalen ihre Zukunft? Christsein nach der Zeitenwende Vertrauensvoll die Bibel lesen Ein Grundbestand des Glaubens Kirche als Gegenkultur Verantwortliche Ethik
232 234 240 255 272
Dank Literaturverzeichnis Anmerkungen
291 293 314
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Darum geht es In diesem Buch geht es um einen dynamischen und lebensnahen Glauben in der Postmoderne. Und eine tiefgreifende Krise. Die westliche Gesellschaft befindet sich in einem epochalen Umbruch. Der Toleranzgedanke wird zur gesellschaftlichen Grundverfassung. Wer nicht „woke“ ist, wird ausgegrenzt. Kirche und Glaube sind von der gesellschaftlichen Pluralisierung existenziell betroffen. Wir stehen in einer religiösen Zeitenwende, die nach einer gründlichen Auseinandersetzung verlangt. Für viele Christen brechen Glaubensfundamente weg. Besonders betroffen sind die Evangelikalen. Viele werden von drängenden Fragen umgetrieben: Kann man heute noch an ein blutiges Opfer glauben, das Jesus am Kreuz brachte? Ist es moralisch vertretbar, am Gedanken von Himmel und Hölle festzuhalten? Sollten wir in Genderfragen zur toleranten Postmoderne aufschließen? Und nicht zuletzt: Kann man der Bibel vertrauen oder sollten wir sie kritisch lesen? Die gegenwärtige Krise führt zu einer Polarisierung der religiösen Landschaft. Die einen ziehen sich auf fundamentalistische Positionen zurück. Sie möchten den Glauben bewahren und lassen der Welt ihren Lauf. Die anderen suchen den Anschluss an die postmoderne Lebenswelt. Sie bauen herkömmliche Glaubenskonstrukte ab und umarmen den Zeitgeist. Dieses Buch bietet eine Alternative. Es entwirft ein Evangelium der Mitte jenseits von fundamentalistischer Engführung und progressiver Auflösung des Glaubensbestands. Es inspiriert, fundiert unfundamentalistisch zu glauben, zu denken und zu handeln. Für eine schnelle Übersicht eignen sich das erste und das letzte Kapitel: Das erste Kapitel beschreibt die gegenwärtigen Veränderungen in Gesellschaft und Kirche und klärt Begriffe wie „postevangelikal“ und „progressiv“. Die weiteren Kapitel bieten eine verständliche Auseinander11
setzung mit Themen, die besonders unter Diskussion stehen und grundlegend für den christlichen Glauben sind. Das letzte Kapitel zeigt für evangelikale Christen und Gemeinschaften einen Weg in die Zukunft. Es beschreibt die Aufgaben, die wir anpacken müssen, wenn wir unsere Zukunft nicht verspielen wollen.
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Kapitel 1 Progressiv oder fundamentalistisch? – Warum wir ein Evangelium der Mitte brauchen Seit einigen Jahren erlebe ich, wie sich bei Freunden der Glaube verändert oder das Fundament des Glaubens wegbricht. Es gibt eine zunehmende Zahl engagierter Christen, die ihren bisherigen Glauben hinter sich lassen und der Kirche den Rücken kehren. Sie verlassen ihre Gemeinschaften und ziehen sich in einen privaten Glauben zurück, den sie mit ein paar Gleichgesinnten auf ein Bier oder in der digitalen Kirche leben. Ein Dozentenkollege hat sich von seinen traditionellen Glaubensvorstellungen befreit und lobt jetzt eine amerikanische Pastorin, die Keuschheitsringe von jungen Frauen sammelt und sie in eine goldene Vagina umgießt. Ein anderer Freund, der wie ich evangelikal geprägt ist, hat seinen Glauben verloren. Er sagt jetzt, dass sein Glaube sich darauf beschränke, „dass es da oben jemand oder etwas gibt“. Diese Geschichten reihen sich ein in Biografien von prominenten Persönlichkeiten, die ihren alten Glauben als eng und verurteilend empfinden und sich mit dem Etikett „evangelikal“ nicht mehr identifizieren können. Sie fühlen sich befreit, wenn sie nicht mehr an ein blutiges Opfer glauben müssen oder die Vorstellung von Himmel und Hölle hinter sich lassen können. 13
Meine eigene Glaubensgeschichte hätte ähnlich verlaufen können. Ich wurde in einem fundamentalistischen Milieu im Glauben erzogen. Unsere Welt war zunächst angenehm eindeutig: Ich wurde gelehrt, dass die Bibel Gottes Wort ist, das nicht irren kann. Wer diesen Glauben nicht teilte, konnte nicht richtig Christ sein. Jesus wurde unserer Auffassung nach geboren, um zu sterben. Dass zwischen seiner Geburt und seinem Tod ein Leben lag, das ein Vorbild bietet, wie man das Leben und die Welt gestalten kann, kam nicht in unser Blickfeld. Im Rückblick wurde mir klar, dass wir das Leben nicht gestaltet haben, wir warteten bloß das Ende ab. Die Welt, in der ich aufwuchs, vermittelte mir die Gewissheit, zu den Auserwählten zu gehören, die treu an der Bibel festhielten, während andere ziemlich liberal und weiter vom Evangelium entfernt waren als wir. Der Begriff spielte damals noch keine so große Rolle, aber wir waren Fundamentalisten. Die Erwachsenen in der Gemeinde, die diesen Begriff für sich beanspruchten, trugen ihn mit Stolz. Später bekam mein Fundament Risse. In der theologischen Ausbildung stieß ich auf eine Fülle von Literatur, die mir deutlich machte, dass unsere Sicht nur eine von vielen war. Ich begann die Bibel mit neuen Augen zu lesen. In mir wuchs die Bereitschaft, von anderen Ansichten zu lernen. Ganz langsam tat sich vor mir ein Weg aus der Enge in die Weite auf. Auf diesem Weg habe ich gelernt, dass es eine Differenz gibt zwischen der biblischen Wahrheit und meiner Erkenntnis. Heute verspüre ich nicht mehr das Bedürfnis, alles in der Bibel erklären zu müssen. Ich habe keine Angst mehr davor, die Kontrolle zu verlieren, wenn ich mit unbeantworteten Fragen leben muss. Mein Glaube hat sich verändert, aber mein Haus des Glaubens steht noch. Das Fundament ist in meiner Kindheit in jenem fundamentalistischen Milieu gelegt worden, als man mir die biblischen Geschichten erzählte. Im Hören auf sie wuchs ein Glaube, der allen Umbrüchen getrotzt hat und mich heute noch trägt. Es geht mir wie dem Schriftsteller Thomas Hürlimann, der sich von der Religion seiner Kindheit löste und als Erwachsener neu für den 14
Glauben sensibilisiert wurde:1 Ich möchte nicht zurück zum behüteten Glauben meiner Kindheit, der mir zwar ein tragfähiges Fundament vermittelte, aber auch viel Beengendes und Rechthaberisches enthielt. Noch weniger aber möchte ich in einer Welt leben, in der das Evangelium nur noch in homöopathischer Verdünnung verabreicht wird und die Moral sich auf den Satz beschränkt: „Du sollst den Abfall trennen.“ Die eine Welt ist mir zu pessimistisch und zu eng, die andere zu progressiv und zu haltlos.
Welt im Umbruch Im Gespräch mit Christen und Leitern aus evangelikalen Kirchen und Verbänden spüre ich eine große Verunsicherung. Es gibt eine wachsende Zahl von Christen, die den Eindruck haben, „dass ihr bisheriger Glaube nicht mehr funktioniert, keine Begeisterung mehr weckt, keine Antworten auf brennende Fragen bietet und in seiner Perspektive vor allem rückwärtsgewandt ist“.2 Woher rührt diese Verunsicherung? Wir befinden uns mitten in einem gesellschaftlichen Umbruch, der unsere Art zu denken, zu handeln und zu glauben verändert. Die Veränderung spiegelt sich in den nackten Zahlen wider: In Deutschland liegt der Anteil der Evangelischen und Katholischen erstmals seit Jahrhunderten unter 50 Prozent. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist konfessionslos. In den 1960er-Jahren waren 95 Prozent der Schweizer Bevölkerung Glieder der römisch-katholischen oder der evangelisch-reformierten Kirche. Lediglich 1 Prozent gehörte keiner Religionsgemeinschaft an. 2020 hatten die Religionslosen mit 30 Prozent die Evangelischen mit 20 Prozent überholt. Nur noch 50 Prozent der Bevölkerung haben eine zumindest nominelle Zugehörigkeit zu einer der Landeskirchen oder den Freikirchen.3 15