Skip to main content

192167

Page 1

.


Originally published in English under the title: By the Sweet Gum Copyright © 2022 by Ane Mulligan. Published by IRON STREAM, USA. All rights reserved. German translation edition © 2024 by BRUNNEN VERLAG GIESSEN, Germany. All rights reserved. This German edition published in arrangement with IRON STREAM through Riggings Rights Management. Ursprünglich auf Englisch veröffentlicht unter dem Titel: By the Sweet Gum Copyright © 2022 von Ane Mulligan. Veröffentlicht von IRON STREAM, USA. Alle Rechte vorbehalten. Deutsche Übersetzung © 2024 bei BRUNNEN VERLAG GIESSEN, Deutschland. Alle Rechte vorbehalten. Diese deutsche Ausgabe wurde in Absprache mit IRON STREAM durch Riggings Rights Management veröffentlicht.

Deutsch von Tabitha Krägeloh

© 2024 Brunnen Verlag GmbH Gießen Redaktion: Alexandra Eryiğit-Klos Umschlagfotos: Arcangel / Joanna Czogala; AdobeStock. Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger Satz: Brunnen Verlag GmbH Gießen Druck: Finidr s.r.o., Tschechien ISBN Buch 978-3-7655-2167-6 ISBN E-Book 978-3-7655-7842-7 www.brunnen-verlag.de


Dieses Buch ist meiner Schwester Pam Squires gewidmet. Du bist meine Heldin!


Third Row Second Row Häuser der Arbeiter

First Row Häuser der Aufseher

First Row Häuser der Aufseher

Church Street

Gefängnis

Bar

Post

Gemischtwarenladen

Kino

Reihenhäuser der Spinnerei Reihenhäuser der Spinnerei Grenables Drogerie

Pfarrhaus Katholische Kirche

Tierarzt

Musikschule

Nortons Five & Dime

Evans Diner

Zeitung Spencer Street

Adams Tierfuttergeschäft

Sweetgum Hotel

Pfarrhaus Methodistenkirche Spencer Mill Avenue Baptistenkirche

Gemüsegarten Bürgerhaus von Sweetgum

Eishaus Räucherkammer

Schweine& Gänsepferche

Wasserkraftwerk

Spinnerei von Sweetgum

Spencer-Krankenhaus

Mietshäuser

Spencer Road

Main Street

Spinnereibesitzer

Mietshäuser

Etowah River

Third Row Second Row Häuser der Arbeiter

Herrenfriseur

Schoolhouse Road

Schule

Sweetgum


Sweetgum Hotel

Lobby

Wohnzimmer der Familie

Annies und Janessas Schlafzimmer

Flur

Aufenthaltsraum

Empfangstheke

Flur

Lillians Schlafzimmer Elternschlafzimmer

Treppenhaus Speisesaal

Wäschekammer Geschirrkammer

Badezimmer der Familie Sarahs Schlafzimmer

Küche


„Jede Generation hat die Verantwortung, die Welt zu einem besseren Ort für die nächste zu machen. Wer das nicht tut, verfehlt den Zweck, zu dem er auf dieser Erde lebt.“ – Frank Taylor, Sweetgum Baptist Church, Februar 1928

1

Frühling 1930 Das markerschütternde Läuten einer riesigen Messingglocke zerreißt die morgendliche Stille. Meine Schwester Annie kreischt. Sarah, unsere Köchin, schreit ebenfalls erschrocken auf, während mir die Schüssel mit kalten Ofenkartoffeln aus der Hand rutscht und krachend auf den Boden fällt. Meine Mutter ruft: „Lieber Gott, nein! Bitte lass es nicht wieder ein Kind sein!“ Ich bin starr vor Schreck und zittere am ganzen Körper. Es gab wieder einen Unfall in der Baumwollspinnerei. Innerlich schreie ich: Nicht Tommy! Bitte, Herr! Das Entsetzen, das ich empfinde, spiegelt sich auf Mamas Gesicht wider. „Geh, Janessa.“ Sie scheucht mich weg. „Finde heraus, wer es ist.“ 9


Als ich zur Tür hinauseile, hat meine Mutter bereits angefangen, die Kartoffeln aufzusammeln. Dabei flüstert sie ein Gebet. Die Spinnerei liegt weniger als 150 Meter vom Hoteleingang entfernt. So schnell meine Beine mich tragen, renne ich die Straße entlang. Dann reiße ich die Tür zur Fabrik auf und folge den Schreien, die durch das Treppenhaus gellen. Hastig steige ich die Stufen hinauf. Normalerweise übertönt der Maschinenlärm jedes andere Geräusch, aber wenn die Messingglocke während der Arbeitszeit läutet, werden die meisten Maschinen angehalten. Als ich den ersten Stock erreiche, bleibe ich abrupt vor der Spinnstube stehen, stütze die Hände auf die Knie und versuche, wieder zu Atem zu kommen. Will ich wirklich sehen, was auf der anderen Seite dieser Tür ist? „Aus dem Weg!“ Schnell springe ich zur Seite, um zwei Sanitäter mit einer Trage vorbeizulassen. Dann schlüpfe ich hinter ihnen durch die Tür und lehne mich mit dem Rücken an die Wand. In der Luft schweben unzählige feine Baumwollfasern, die es fast unmöglich machen, tief durchzuatmen. Wie kann man in dieser staubigen Luft nur arbeiten? Die Menschenmenge, die sich um eine der Maschinen gesammelt hat, teilt sich für die Sanitäter. Ein kleines Mädchen liegt in einer Blutlache am Boden. O nein, Herr! Es ist Ruthie Ralston. Sie ist gerade mal 6 Jahre alt. Ein Gürtel ist um ihren Oberarm gebunden. Der Unterarm ist nicht mehr da. Ich drehe mich um und renne die Treppe hinab. Nachdem ich die Eingangstür aufgestoßen habe, sauge ich begierig die frische Luft ein. Irgendwie gelingt es mir, mein Frühstück bei mir zu behalten. Mit der geballten Faust wische ich mir die Tränen vom Gesicht und mache mich benommen auf den Heimweg. Es gibt nichts, was ich noch tun könnte. In diesem Moment kommt mein Vater mit fliegenden Rockzipfeln 10


angerannt – anscheinend ist er auch auf dem Weg zur Spinnerei. Als er mich entdeckt, bleibt er jedoch kurz stehen und umarmt mich. Dann eilt er weiter. Jemand muss ihn gerufen haben, weil er der Pastor der Ralstons ist. Die arme Mrs Ralston hat wahrscheinlich gesehen, wie der Unfall passiert ist. Ruthie arbeitet schließlich immer direkt an ihrer Seite. Meine nächsten Schritte gehe ich rückwärts, um zur Spinnerei zurückzublicken. Das zweistöckige Gebäude nimmt einen ganzen Häuserblock ein und hat die Farbe von verwittertem Beton. Wie ist es möglich, dass ein Ort Hoffnung spendet und sie zur gleichen Zeit zunichtemacht? Ich drehe mich wieder um und richte den Blick auf mein Zuhause – das Sweetgum Hotel. Seine weiße Veranda scheint mir einladend zuzuwinken. Das rote Backsteinhaus hat drei Etagen – vier, wenn man den Dachboden mitzählt. Meine Schwestern und ich haben als Kinder viele Stunden dort oben verbracht und mit Puppen gespielt. Arme Ruthie. Wird sie je wieder mit Puppen spielen? Als ich das Hotel erreiche, wartet meine Mutter schon an der Tür auf mich. Ich schüttele nur den Kopf und laufe in ihre Arme. Sie drückt mich fest an sich und streichelt mir den Rücken. Das Kreisen ihrer Hände beruhigt mich. „Wer und wie schlimm ist es?“ „Ruthie Ralston hat ihren Arm verloren.“ Mama zieht scharf die Luft ein und nickt. Dann legt sie die Hände auf meine Schultern und sieht mich eindringlich an. „Geht es dir gut?“ Tut es das? Nachdenklich zwirbele ich eine Strähne meines Haars, das so goldbraun ist wie das meiner Mutter. Alle sagen, dass ich ihr Ebenbild bin. „Ja, Mama. Es hat mich erst ziemlich mitgenommen. Andererseits habe ich schon so viele –“ „Lass nicht zu, dass du abstumpfst, Janessa. Nicht, wenn du auch weiterhin anderen helfen willst. Bewahre dir dein weiches, groß­ 11


zügiges Herz.“ Sie zieht ihre Schürze aus und reicht sie mir. „Geh zu Sarah und frag sie, wie du behilflich sein kannst. Ich werde mich mit deinem Vater um Mrs Ralston kümmern.“ Meine Mutter setzt ihren Hut auf und eilt dann in Richtung Spinnerei davon. In der Küche steht immer noch die Schüssel mit den Kartoffeln, die gepellt werden müssen. Ich nehme ein Messer und mache mich an die Arbeit. Die Arbeiter der Spinnerei, die hier im Hotel wohnen, erwarten pünktlich um 12:00 Uhr ihr Mittagessen. Was auch passiert, das Leben in Sweetgum geht weiter. Früher haben wir jedem Arbeiter, der bei uns wohnt, einen eigenen Korb gebracht. Aber da die Zahl der Mieter deutlich zugenommen hat und auch ein paar Kurzzeitgäste da sind, haben wir nicht mehr genug Angestellte, um die Körbe zu tragen. Jetzt packen wir jedes Essen in Servietten und legen diese in die Körbe. So kann jede von uns ein halbes Dutzend Mittagessen in einem einzigen Korb transportieren. Da Sarah mich im Auge behält, lächele ich – oder versuche es zumindest. Solange ich denken kann, arbeitet die verwitwete Irin schon als Köchin für uns. Und sie ist mir immer eine weise Vertraute gewesen. Sie lebt mit uns in unserer Privatwohnung im Hotel und kennt uns alle durch und durch. „Ich glaube, dein Daddy wird diese Woche nach Rome reisen, um mit den Abgeordneten zu sprechen, oder?“ Mein Messer bohrt sich in eine Kartoffel, um ein Auge zu entfernen, und ich schüttele verzweifelt den Kopf. „Wie viele Kinder wurden dieses Jahr schon verstümmelt oder getötet? Dabei haben wir erst Mai. Ruthie müsste sich jetzt eigentlich auf die Schulferien freuen, die Ende des Monats beginnen. Stattdessen steht ihr ein Leben mit nur einem Arm bevor – falls sie überlebt.“ Da ich noch ein paar wertvolle freie Minuten habe, bevor wir die Essenspakete zur Spinnerei bringen, gehe ich nach draußen, um die 12


Zeitung von der Veranda zu holen. Als ich mich umdrehe, fällt mein Blick auf den Namensvetter unserer Stadt: der Sweetgum Tree – auch Amerikanischer Amberbaum genannt. Ein Blick auf diesen prachtvollen Baum reicht und mir geht es sofort besser. Tommy und ich haben uns unter diesem 150 Jahre alten Baum verliebt. Er steht genau in der Mitte des Stadtrondells. Ja, ich weiß. Die meisten Städte haben einen Stadtplatz. In New Orleans gibt es den Jackson Square. In Savannah den Johnson Square – und einige andere Plätze. Aber nicht hier. In Sweetgum, Georgia, haben wir ein Stadtrondell. Tommy und ich treffen uns fast jeden Abend dort. Wir sprechen über unsere Zukunft und kuscheln ein bisschen, wenn niemand in der Nähe ist. „Schnapp ihn dir!“, kreischt plötzlich Annie, unsere angehende Schauspielerin, von drinnen. Wir wissen nie, ob ihre Dramen echt oder nur gespielt sind. „Ich komme nicht dran. Er ist unters Bett gekrochen“, höre ich jetzt die Stimme meiner großen Schwester Lillian durchs Fenster. Von wem sprechen sie bloß? Ich seufze und eile ins Haus. Als ich die Fliegengittertür hinter mir zuknalle, ist das Chaos komplett. Yep. Das Leben geht weiter. „Da läuft er!“ Annie stürmt quer durch die Hotellobby und rennt mich dabei fast um. Mit ihren 17 Jahren ist sie die sportlichste von uns dreien. Ihr welliges dunkles Haar reicht ihr bis zum Kinn und rahmt ihr elfenhaftes Gesicht ein. Lillian folgt ihr auf den Fersen. Einige Strähnen ihres langen Haars haben sich aus ihrer Haartolle gelöst. Meine große Schwester ist doch sonst immer so gefasst. Was ist bloß der Grund für diese Aufregung? Über ihre Schulter ruft Lillian mir zu: „Wir müssen ihn aufhalten, bevor er irgendwen erschreckt!“ Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb. Könnte er ein Landstreicher sein? In letzter Zeit treiben sich viele Vagabunden unten am Fluss herum. Es ist gut möglich, dass sich einer von ihnen auf der 13


Suche nach Essen ins Haus geschlichen hat. Ich werfe die Zeitung auf die Empfangstheke und eile dann in den Speisesaal. Lillian späht gerade unter einen Tisch, auf dem noch die Überreste des Frühstücks liegen, während Annie die Schwingtür zur Küche aufstößt. Ich schnappe nach Luft. „Nach wem suchen wir überhaupt? Und wann räumt ihr endlich die Tische ab?“ Annie stampft zurück in den Speisesaal. „In der Küche ist er nicht. Wie kann er mit seinem verletzten Bein nur so schnell sein?“ Das kann nur eins bedeuten: Annie hat den Käfig offen gelassen und das Frettchen ist aus unseren Privatzimmern entwischt. Ich stemme die Fäuste in die Hüften. „Das liegt daran, dass er noch drei andere Beine hat.“ Plötzlich huscht ein Fellknäuel wie der Blitz durch den offenen Durchgang des Speisesaals. „Haltet ihn auf!“, ruft Annie, während sie herumwirbelt. Zu dritt rennen wir hinter dem verletzten Tierchen her, das ich vor Kurzem aus einer Falle gerettet habe. Nachdem wir die Lobby durchquert haben, bleiben wir vor dem Aufenthaltsraum stehen. Das Frettchen ist durch den Türspalt geschlüpft. Lillian beugt sich vor, um an der Tür zu lauschen. Dann dreht sie sich mit entsetzt aufgerissenen Augen zu uns um. Annie kichert über die dramatische Wendung, während ich verärgert die Stirn runzele. „Wer ist denn da drin?“ Ein gellender Schrei ertönt. Ich zucke zusammen. Annies Gekicher entwickelt sich zu einem Lachanfall. „Die alte Lady Grundy. Bis später, Schwestern!“ Sie wendet sich zum Gehen, aber ich halte sie am Kragen fest. „O nein, vergiss es. Es ist deine Schuld, dass er entkommen ist. Du gehst mit rein.“ Ich packe Annie am Handgelenk, stoße die Tür auf und zerre sie ins Wohnzimmer. Bevor das Frettchen entkommen kann, schließe ich schnell die Außentür. Mrs Grundy, eine Mieterin des Hotels, steht 14


zitternd auf einem Polsterhocker. Für eine Frau in den Fünfzigern ist sie ungewöhnlich agil. Warum ist sie überhaupt hier und nicht auf der Arbeit? Das kleine Frettchen, das in einer Ecke unter einem Beistelltisch kauert, sieht mindestens genauso verängstigt aus wie Mrs Grundy. „Es tut mir so leid, Mrs Grundy. Aber er tut Ihnen nichts.“ Auf Händen und Knien krabbele ich unter den Tisch und nehme meinen pelzigen Patienten vorsichtig auf den Arm. Er beginnt sofort zu zittern und kuschelt sich an meine Brust. „Er ist noch ein Baby.“ Mrs Grundy klettert mit finsterem Blick vom Hocker. „Pah! Letzten Monat war es ein Waschbär.“ Schnaubend fährt sie fort: „Und Sie haben immer noch nicht meinen Ehering gefunden, den dieses Viech gestohlen hat. Der Ring ist alles, was ich noch von meinem William habe.“ Sie hält sich ein Taschentuch unter die Nase, bevor sie mich böse anfunkelt. „Sie sollten den Ring besser finden. Und zwar bald.“ Annie, die hinter Mrs Grundy steht, verdreht die Augen. Ich muss ihr zustimmen. Die alte Lady ist genauso dramatisch wie meine kleine Schwester. „Es wird nicht wieder vorkommen“, versichere ich, während ich die Schuldige mit einer gehobenen Augenbraue ansehe. „Annie hat versprochen, keine Käfige mehr zu öffnen, wenn ich nicht dabei bin.“ Mrs Grundy brummt missbilligend. „Das haben Sie letztes Mal auch gesagt.“ Nun wirft sie Annie einen bösen Blick zu. „Ich sollte Sie bei Mr Spencer melden.“ Nein! Mein Magen zieht sich zusammen und meine Hände werden feucht. „Bitte, Mrs Grundy, tun Sie das nicht.“ Mr Spencer gehört nicht nur die Spinnerei, sondern auch ein beträchtlicher Teil der Stadt – einschließlich dieses Hotels. Wir verwalten es nur. Und leben hier. Wenn sich Mrs Grundy über uns beschwert, setzt Mr Spencer uns vielleicht vor die Tür. Dann haben wir kein Zuhause und keine Arbeit mehr. Daddys Gehalt von der Kirche reicht nicht, um uns zu ernähren. Und wenn Mr Spencer uns aus dem 15


Hotel wirft, entlässt er meinen Vater auch aus dem Gemischtwarenladen, den er ebenfalls leitet. Mrs Grundy sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an. Dann hebt sie mahnend den Zeigefinger und sagt: „Halten Sie dieses Biest draußen in der Scheune. Tiere haben nichts im Hotel verloren.“ Erleichtert schließe ich einen Moment die Augen. „Ja, Ma’am. Das Frettchen wird Sie nicht mehr belästigen.“ Annie, das Frettchen und ich ziehen uns schnell zurück. Nachdem ich das jetzt schlafende Tierbaby in seinen Käfig zurückgebracht habe, mache ich mich auf die Suche nach meinen Schwestern. Annie steht am Empfangstresen und sortiert die Post. Gerade stopft sie einen Umschlag in den Briefschlitz von Zimmer 203. „Wo ist Lillian?“ Ich habe ein Hühnchen mit ihr zu rupfen. Annie deutet mit dem Daumen über die Schulter. „Im Five & Dime.“ „Nun, sie hätte dich aufhalten sollen.“ Mit ihren fast 24 Jahren ist Lillian die Älteste von uns. Sie hätte es besser wissen müssen. „Bitte öffne nicht mehr ohne mich den Käfig.“ Annie lässt den Kopf hängen. „Es tut mir leid. Aber er hat so traurig ausgesehen. Ich wollte ihn doch nur streicheln.“ Natürlich werde ich weich bei diesen Worten. Man kann Annie einfach nicht lange böse sein. „Ich weiß, dass du es gut gemeint hast, Schwesterchen. Aber wir werden großen Ärger bekommen, wenn Mr Spencer davon erfährt.“ Mein Blick fällt auf die Tische im Speisesaal, die immer noch nicht abgeräumt sind. Na ja, da kann man nichts machen. Auch wenn uns der Unfall heute Morgen aufgewühlt hat, geht der Alltag weiter. Da Lillian in Nortons Billigladen, dem Five & Dime, arbeitet, kommt sie oft nicht dazu, die Tische abzuräumen. Also müssen Annie und ich das übernehmen. Dafür macht Lillian dann meine Wäsche. Das ist kein schlechter Tausch. Und vor allem bessert Lillians Arbeitsstelle unsere Haushaltskasse ein wenig auf. Ich seufze. „Komm, lass uns die Tische abräumen.“ 16


Annie rümpft die Nase. „Ich schwöre, Lillie drückt sich immer vor ihrer Arbeit.“ „Erstens schwört eine Dame nicht. Zweitens: Lass Lillian bloß nicht hören, dass du sie Lillie nennst.“ Sie hasst den Spitznamen, weil sie ihn nicht würdevoll genug findet. Unserer Lillian ist es eben sehr wichtig, den Schein zu wahren – kein einfaches Unterfangen in einer kleinen Spinnereistadt, wo jeder jeden kennt. „Und drittens: Vergiss nicht, dass Lillian ihren Gehaltsscheck mit uns allen teilt.“ Annie und ich gehen in den Speisesaal, räumen das schmutzige Geschirr ab und bringen es auf Tabletts in die Küche. Dort stellen wir es neben der Spüle ab, damit die Küchenmädchen es abwaschen können. Mama, Sarah und die vier jungen Küchenmädchen – Grace, Glory, Belulah und Delilah – haben mit unseren vielen Mietern und Gästen alle Hände voll zu tun. Ich wette, das Hotel ist nur so gut besucht, weil Sarah und Mama so lecker kochen. Meine Mutter steht gerade an der marmornen Küchentheke und knetet Teig. Im Grunde ist immer jemand damit beschäftigt, eine neue Ladung Brot zu backen. Das Sonnenlicht fällt durchs Küchenfenster auf Mamas lockiges, goldbraunes Haar. Obwohl sie 45 Jahre alt ist, hat sie noch keine grauen Strähnen. Anders als Sarah. Sie ist so füllig, wie eine gute Köchin sein sollte. Und ihr Haar, das sie stets zu einem praktischen Dutt bindet, ist mausbraun mit silbernen Strähnen. Ein paar kürzere krause Haare entwischen jedoch immer den Haarnadeln und tanzen um Sarahs Gesicht herum. Ich kehre mit einem Eimer warmem Wasser und zwei Lappen in den Speisesaal zurück. Annie schnappt sich einen Lappen. Sie taucht ihn ins Wasser, wringt ihn aus und nimmt dann den ersten Tisch in Angriff. „Wenn ich abhauen würde, ohne meine Hausarbeiten zu erledigen, würde Mama mir die Rute geben.“ Meine jüngere Schwester bringt mich immer zum Lachen mit ihren albernen Vorstellungen. „Du wurdest noch nie mit der Rute ge17


schlagen, Annie.“ Sie ist eine verwöhnte kleine Madame. Na ja, klein ist relativ. Mit ihren 17 Jahren ist sie mittlerweile eine hübsche junge Frau. Als Annie verärgert die Stirn runzelt, höre ich auf zu lachen. Ich wünschte bloß, sie würde nicht immerzu nur ans Kino denken. Tagein, tagaus redet sie von nichts anderem als von Filmstars. Ihr größter Wunsch ist, selbst einmal in einem Film mitzuspielen. Als Annie zum nächsten Tisch weitergeht, grinst sie frech. „Ich würde gerne sehen, wie Lillian die Rute bekommt.“ „Nicht wirklich. Du würdest heulen.“ Ich wasche meinen Lappen im Eimer aus und schrubbe dann den nächsten Tisch. „Dein Herz ist viel weicher, als du vorgibst.“ Eine Viertelstunde später glänzen die sauberen Tische in der Vormittagssonne. „Hier.“ Ich strecke Annie einen Stapel Servietten hin. „Leg die auf die Tische. Dann kannst du in der Küche helfen gehen. Ich decke die Tische allein ein.“ Annie wirft mir eine Kusshand zu. „Danke!“ Achtlos schleudert sie einen Stapel mit vier Servietten auf jeden Tisch und verschwindet dann in die Küche. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich seufze. Annie hasst es, die Tische einzudecken. Mir macht es nichts aus, aber es nimmt nun mal viel Zeit in Anspruch. Resigniert trage ich den Besteckkasten zum ersten Tisch. Wir haben momentan neunundzwanzig Mieter. Noch sind wir nicht voll belegt, aber fast. Der Kasten wird nach jedem Tisch leichter, bis er schließlich ganz leer ist. Sorgfältig lege ich die letzte Garnitur hin. Dann bringen die vierzehnjährige Grace und ihre Schwester Glory einen Behälter mit frisch gespültem Besteck herein. Ich stelle ihn unter das Büfett. Als ich wieder in die Küche komme, steht Sarah an einem der beiden großen Herde und rührt in einem Topf. Meine Mutter breitet unterdessen ein Geschirrtuch über eine weitere Teigkugel. Dann stellt sie den Teig zum Gehen ins Warmhaltefach über dem zweiten Herd. Aus diesem Teig werden wir die Brötchen fürs Abendessen und die 18


Brote für morgen früh zubereiten. Annie hilft Mama, das Mehl für den nächsten Brotteig abzuwiegen. Ich schnappe mir eine Schürze vom Haken und prüfe, ob die Küchenmädchen genug Servietten für die Essenspakete bereitgelegt haben. Neunundzwanzig Stück. Gut. Delilah legt einen Apfel auf jede Serviette, während Belulah Kekse in Wachspapier wickelt. Gott sei Dank ist das Frettchen nicht an die Kekse gegangen. Ach ja, ehe ich es vergesse, erzähle ich Mama lieber von der Sache mit Mrs Grundy. „Ich werde heute Nacht auf einem Klappbett im Stall schlafen.“ Das kleine Frettchen muss nachts noch gefüttert werden. Meine Mutter holt eine Schüssel aus dem Eisschrank und reicht sie mir. Darin ist der Teig, den ich für die Fleischpasteten ausrollen soll. „Warum in aller Welt willst du in der Scheune schlafen?“ Ich gehe zur Backtheke und nehme das Nudelholz in die Hand. „Das Frettchen ist ins Wohnzimmer entwischt, während Mrs Grundy dort war“, erkläre ich, während ich etwas Mehl auf der Marmorplatte verteile. Dann lasse ich den Teig darauf plumpsen. „Ach, Janessa. Du weißt doch, dass du deine Tiere im Käfig halten sollst.“ Sie neigt den Kopf zur Seite und mustert mich. Dann nickt sie verstehend. „Aha. Annie hat das Frettchen rausgelassen, stimmt’s?“ Ich habe keine Ahnung, woher meine Mutter das schon wieder weiß. Oder vielleicht doch: Annie gerät ständig in irgendwelche Schwierigkeiten. Ich nicke und rolle dann den Teig zu einem großen Rechteck aus. „Zu ihrer Verteidigung muss ich sagen, dass sie das Frettchen nicht rauslassen wollte. Sie wollte es nur streicheln.“ Mit der Außenseite ihres Handgelenks streicht Mama sich eine verirrte Locke aus dem Gesicht. „Das Wetter ist schön, also kannst du meinetwegen in der Scheune schlafen. Wie geht es dem kleinen Kerlchen denn? Wirst du ihn bald freilassen?“ „Sein Bein verheilt nicht so schnell, wie ich gehofft hatte. Es wurde in der Falle übel zugerichtet. Dr. Adams sagt, dass der Kleine immer lahmen wird. Ich kann ihn nicht freilassen. Er würde in der Wildnis 19


nicht überleben.“ Wenn ich daran denke, was dem kleinen Frettchen zustoßen könnte, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Als ich den Teig fertig ausgerollt habe, suche ich in der Schublade nach dem kreisförmigen Ausstecher. Er muss irgendwo in dem Chaos aus Küchenutensilien liegen. Ich sollte diese Schublade dringend mal aufräumen! Unterdessen wäscht sich Mama die Hände und trocknet sie ab. Sie durchdenkt immer alles sehr gründlich. Wenn ihre Entscheidung einmal feststeht, ändert sie ihre Meinung nicht mehr. „Du musst das Frettchen von den Gästen fernhalten. Nicht jeder ist so tierlieb wie du, mein Schatz. Aber ich glaube nicht, dass wir es in die Scheune verbannen müssen.“ „Ich könnte ein stabiles Schloss an die Käfigtür hängen und den Schlüssel an einer Halskette mit mir herumtragen.“ Während ich Kreise aus dem Teig aussteche, überlege ich, wie ich das kleine Frettchen nennen soll. Annie hat immer gute Vorschläge, ich werde sie später fragen. Sarah hebt den Kopf und kichert. „Ein Schloss wird unsere Miss Annie auch nicht aufhalten, wenn sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, mit dem kleinen Fellknäuel zu spielen.“ Sie reicht mir eine Schüssel mit der Füllung für die Teigtaschen. Ich verteile die Masse, die aus ein paar Schmorbratenresten und vielen Karotten, Erbsen und Kartoffeln besteht, auf dem Teig. Als die Schüssel leer ist, klappen Sarah und ich die Teigkreise zusammen, drücken die Ränder fest und bestreichen die Pasteten dann mit etwas verdünntem Eigelb. Schließlich schiebt Sarah die Bleche in die beiden Öfen. Als ich die Backtheke abwische, beugt Sarah sich zu mir herüber und flüstert: „Habe ich dir erzählt, dass Annie das Frettchen neulich in die Küche gebracht hat? Ich habe ihm ein bisschen Hackfleisch gegeben. Nachdem der Kleine es gegessen hatte, hat er meine Schürzentasche durchsucht. Dann hat er sich darin zusammengerollt und ist eingeschlafen.“ Sie blinzelt zu meiner Mutter hinüber, um sicher20


zugehen, dass sie nicht zuhört. „Er ist zuckersüß. Mein Bruder hatte auch mal ein Frettchen als Haustier, als wir klein waren. Er hat damit Hasen gejagt.“ Sarah zwinkert mir zu. „Eine gute Hasenpastete ist doch nicht zu verachten.“ Ich werfe ihr ein dankbares Grinsen zu. Vielleicht kann ich meinem Frettchen auch beibringen, Hasen zu jagen. Das würde Daddy gefallen. Als die Teigtaschen fertig sind, haben die Küchenmädchen je einen Apfel und einen eingepackten Keks auf die Servietten verteilt und die Körbe bereitgestellt. Unsere Mieter essen besser als die meisten Arbeiter in der Spinnerei. Die anderen haben oft Sandwiches mit Kartoffelbrei und Würstchen oder mit Erdnussbutter und Mayonnaise dabei. Ein kleiner Junge isst zweimal die Woche eine mit Erdnussbutter gefüllte Zwiebel. Unwillkürlich rümpfe ich die Nase, während ich einen Blick auf die Küchenuhr werfe. Noch zehn Minuten bis Mittag. „Los geht‘s, Mädchen.“ Sarah und Mama verteilen rasch die Teigtaschen auf die Servietten. Danach schnüren die Küchenmädchen die Bündel zusammen und packen sechs davon in jeden Korb. Anschließend nimmt jede von uns einen Korb und macht sich auf den Weg zur Spinnerei, die keine fünf Minuten entfernt ist. In dem Moment, als wir die Eingangstür zur Fabrik öffnen, erklingt der Pfeifton, der die Mittagspause ankündigt. „Genau rechtzeitig.“ Wir teilen uns auf und gehen zu den jeweiligen Orten, wo wir unseren Mietern ihr Mittagessen überreichen. Wenn sie ihr Essenspaket geleert haben, geben sie uns die Serviette zurück. Die Mädchen haben die strikte Anweisung, nicht ohne Serviette zu gehen. Wir können es uns nicht leisten, ständig neue zu kaufen. Während ich durch die Spinnerei laufe, um die Essenspakete zu verteilen, sehe ich mich in der riesigen Halle nach Tommy um, aber ich kann ihn nirgends sehen. Ich weiß nicht, womit ich das Glück verdient habe, dass Tommy sich in mich verliebt hat. Mein Herz klopft schneller. Nach diesem ereignisreichen Vormittag hätte ich zu gerne 21


einen Blick auf ihn erhascht, aber ich werde mich wohl zusammenreißen müssen, bis wir uns heute Abend am Amberbaum treffen. Ich bete, dass nichts dazwischenkommt.

22


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
192167 by Fontis-Shop - Issuu