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Kapitel 1

Der Wind weht über Frankfurt „Wir wären nie selbst darauf gekommen, Menschen aus anderen Kulturen in die Gemeinde zu holen.“ Ein Christ in Deutschland (Januar 2016)

Februar 1957 Ein Ausländer in Deutschland – nicht gerade die beste Lebensper­ spek­tive angesichts der deutschen Geschichte im Umgang mit Fremden, aber das war mein Schicksal. Ich war 18 Monate alt, als meine amerikanischen Eltern mit mir und meinen drei Geschwistern nach Heidelberg zogen. So wuchs ich im Nachkriegsdeutschland auf und fühlte mich eigentlich als Deutscher unter Deutschen. Aber ich war kein Deutscher und wurde auch nicht als solcher behandelt. Als Kind verstand ich die Feindseligkeit nicht, die ich von manchen zu spüren bekam: dieser starre Blick, der mich durchbohrte, wenn sie herausfanden, dass ich in New York geboren war, oder das damals beliebte Schimpfwort, das vielen knurrend über die Lippen kam: „Ami, go home!“. Die Situation wurde nicht besser, als wir als Familie nach Wien umzogen. Ein paar Oberschullehrer gaben mir regelmäßig eine Ohrfeige oder riefen mich im Klassenraum nach vorne, einfach nur, um mich 15


lächerlich zu machen. Erst viel später erfuhr ich, dass meine zwei Hauptkontrahenten im Gymnasium während des Zweiten Weltkriegs in der SS gewesen waren. Mit siebzehn Jahren kehrte ich in mein Geburtsland zurück. War ich nun Amerikaner, Deutscher oder Österreicher? Mit achtzehn traf ich Susan, meine Traumfrau, die ich mit zwanzig Jahren heiratete. Wir bekamen vier Kinder. Theologie – das Studium über Gott und die Bibel – wurde meine Leidenschaft und ich studierte bis zum Doktortitel. Ich mochte die intellektuelle Herausforderung des Theologiestudiums, aber am meisten Freude hatte ich daran, Jesus zu dienen, indem ich Gemeinden gründete und diesen dann als Pastor diente. Susan und ich gründeten unsere erste Gemeinde in einer Stadt mit 12 000 Einwohnern, dann die zweite in der Millionenstadt Toronto (Kanada). Dort nahmen wir die kanadische Staatsbürgerschaft an, damit die Deutschen nie mehr sagen könnten: „Ami, go home!“ Eigentlich wollte ich nicht mehr nach Deutschland zurück. In mir lebten einfach zu viele schlechte Erinnerungen an kritische Menschen ohne jeglichen Sinn für Humor, die mich für Dinge verantwortlich machten, für die ich nichts konnte, oder mich in der Schule schikanierten, weil ihnen mein Bestes nicht gut genug war. Der Spruch „Ami, go home!“ hatte sich offensichtlich tief in meine Seele eingegraben. Sie können sich vorstellen, wie aufgewühlt ich war, als ich 2002 eine E-Mail aus Deutschland erhielt, die letztlich besagte: „Ami, komm herüber und hilf uns!“ Es war eine Einladung der Freien Theologischen Hochschule (FTH, damals noch FTA) in Gießen als Dozent für Praktische Theologie. Man lud mich ein zu lehren, was ich über den Dienst für Jesus in und durch Gemeinde gelernt hatte, einschließlich eines Kurses über Gemeindegründung. Der Kampf zwischen meinen inneren Narben und der Berufung Gottes entfachte einen drei Jahre langen Sturm in meiner Seele und meiner Familie. Im September 2005 trafen Susan und ich die Entscheidung, nach Deutschland zu ziehen. Der Ami kam nach Hause!

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31. Januar 2011 Unser erstes Treffen. 24 Studenten der FTH Gießen1 hatten sich für ein Experiment in Frankfurt bereit erklärt. Wir nannten es Kirche für alle Nationen. Für mich war es die „Kirche für andere“ – zumindest meine Umsetzung dessen, was Dietrich Bonhoeffer so genannt hatte, als er 1944 gegen die bestehende Kirche argumentierte und sich für eine „Kirche für andere“ aussprach.2 Ich betonte in meinen Vorlesungen immer wieder, dass eine mono­ kul­tu­relle Kirche, die sich nur um ein kulturelles Milieu kümmert, sich von der wachsenden Vielfalt der Gesellschaft verabschiedet hat. Gemeinde, die Bonhoeffers biblisches Konzept der „Kirche für andere“ umsetzt, muss auf die Einwanderungswellen seit Ende des Zweiten Weltkrieges reagieren. Im Unterricht führte ich die Studenten durch die Bibel und zeigte ihnen die zentrale Bedeutung des Fremden im Rettungsplan Gottes (vgl. Kap. 5). Die gehorsame Kirche Jesu schottet sich nicht vor Fremden ab, sondern öffnet ihnen die Türen. Wenn Migranten aus aller Welt jetzt die Metropolregionen Deutschlands zunehmend in globale Dörfer verwandeln, ist die einzige jesusgemäße Antwort darauf, sich ihnen zuzuwenden. Die Kirche kann in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft nicht mehr länger monokulturell bleiben. Streng genommen war unsere „Kirche für alle Nationen“ nicht als normale multikulturelle Gemeinde geplant, denn sie sollte sich nicht nur für alle Nationalitäten öffnen, die in Deutschland lebten (Türken, Griechen, Serben, Juden, Koreaner …), sondern auch ein starkes deutsches Element beinhalten: Die Deutschen sollten mit ihrer Kultur eine bestimmende Rolle spielen und die anderen Kulturen in ihrer Mitte willkommen heißen. Weil ich damals noch nicht so recht wusste, wie ich diesen Ansatz nennen sollte, nannte ich ihn das „50/50-Modell“. Wir träumten also von einer Kirche aus Einheimischen und den Nationalitäten, die im Laufe der drei großen Einwanderungswellen seit dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland gekommen waren, und 17


studierten die Migrationsbewegungen im Frankfurter Raum3. Interkulturelle Versöhnung durch die Kraft des Evangeliums sollte einer unserer wichtigsten Kernwerte als Gemeinde sein. Unsere DNAFaktoren, aus denen wir unsere konkreten Kernwerte4 und Strategien ableiten wollten, bestimmten wir als „multikulturell“, „multisprachig“, „multilokal“, multivernetzt“ und „multiplikatorisch“5 – wir sprachen scherzhaft von der „Multi-alles“-Gemeinde. Unsere Gemeindegründung sollte ein Übungsfeld für die Studenten sein, auf dem sie praktisch erlebten, was sie in meinem Unterricht lernten, und dies dann im Rhein-Main-Gebiet weitergaben. Wir hatten die Vision, bis zum Jahr 2025 zehn Gemeinden zu gründen: vier in Frankfurt, eine in Gießen, eine im Süden von Gießen und je eine in Wiesbaden, Offenbach, Mainz und Darmstadt (vgl. Karte). Außerdem trafen wir eine Entscheidung, die manche Außenstehenden für ziemlich seltsam hielten: Jede unserer Gemeinden sollte nicht nur frei über ihren Namen entscheiden können, sondern auch, welcher Denomination sie sich anschließen wollte. Als Netzwerk würden uns die gemeinsamen DNA-Faktoren unserer „Multi-DNA“ zusammenhalten, die wir später „Mosaik-DNA“ nannten. Wir wollten den Denominationen in Deutschland dienen, indem wir mit jeder neuen Gemeindegründung sagten: „Diese Gemeindegründung kann jeder Bund adoptieren, der dem Gemeindegründer den Freiraum lässt, seine gelernten Prinzipien von Gemeindegründung umzusetzen und die biblische Theologie zu leben, von der er überzeugt ist, und der mindestens ein Drittel seines Gehalts übernimmt.“ Wir beteten viel zusammen, hatten große Träume und wurden von vielen für leicht verrückt erklärt. Wir dachten groß, denn wir glaubten, dass es an der Zeit sei für ein neues Paradigma für die „normale Gemeinde“. Mit großer Begeisterung gingen wir an unser erstes Treffen in Frankfurt am 31. Januar 2011 heran. Viele Deutsche und auch Menschen anderer Nationalitäten hatten ihr Kommen angekündigt. Aber sie kamen nicht. Außer uns von der FTH und einigen Stu­ dien­freun­den von der Universität tauchten bloß sechs Leute aus 18


„Die Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main“, © Initiativkreis Europäische Metropolregionen in Deutschland, www.deutsche-metropolregionen.org/ mitglieder/frankfurtrheinmain

Frankfurt auf. Jede Gemeindegründung muss mit möglichem Versagen rechnen. Risiko ist integraler Bestandteil von Gemeindegründung, so wie das Aussäen vieler Samenkörner in die Erde nicht garantiert, dass sich jedes Samenkorn in eine Blume verwandelt. Doch dieses Treffen in Frankfurt an einem kalten Winternachmittag führte mir das Versagensrisiko deutlicher vor Augen, als ich es erwartet hatte. Meine Sorge wuchs während der kommenden Treffen, die wir in Räumen der Evangelischen Landeskirche durchführten. Unsere Gruppe wurde nicht größer – im Gegenteil. Unsere Situation 19


verschärfte sich noch, als dem landeskirchlichen Pfarrer, der uns die Nutzung des bekanntesten Kirchengebäudes von Frankfurt zugesagt hatte, unsere evangelikale Theologie bewusst wurde. Mit sofortiger Wirkung strich er uns die Räume und brach jeglichen Kontakt mit unserer Gruppe ab. So saßen wir als obdachlose Gemeindegründung auf der Straße. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, warum wir noch weitermachten. War es die Angst, weil einfach nicht schiefgehen durfte, was ich meinen Studenten in der Vorlesung beigebracht hatte? War es der Glaube und die Zuversicht, den Ruf Gottes nicht missverstanden zu haben, diese besondere Art von Gemeinde zu gründen? Waren es die Studenten und ihr ungebrochener Enthusiasmus, etwas Neues zu beginnen? Oder von allem ein bisschen? Ich weiß nur, dass wir uns etwa eineinhalb Jahre lang von Woche zu Woche hangelten und nach den Treffen häufig tief enttäuscht nach Hause fuhren. Im Rückblick sehen wir jetzt, dass Gott uns bremste, weil er etwas noch Verrückteres im Sinn hatte als unsere damaligen Träume.

31. Oktober 2012 Reformationstag. Niemand in der Kirche für alle Nationen konnte ahnen, dass dieser Sonntag 2012 unsere kleine Gemeindegründung in eine vollkommen neue Richtung führen würde. An diesem 495. Geburtstag der Reformation geschahen drei Dinge gleichzeitig, die für unsere Zukunft wesentlich wurden. Erstens: Nach ausgiebigen Diskussionen und gegen jegliche menschliche Weisheit entschloss ich mich, zwei Gemeindegruppen unter ­unser „Gemeindegründungsdach“ zu holen; eine im Nordosten von Frankfurt, die ich selbst einmal gegründet hatte,6 und eine in Oberursel (einem Vorort im Norden von Frankfurt). Beide waren sehr klein und hatten sich schon die Überlebensfrage gestellt. An diesem Reformationssonntag feierten wir den Zusammenschluss dieser drei Gruppen. Außerdem nannten wir uns von nun an „Mosaikkirche“. 20


Ursprünglich hatten wir uns Multiplikation völlig anders vorgestellt, aber nun merkte ich, dass wir mit diesem Schritt eine wirkungsvolle Möglichkeit bekamen, die Studenten für weitere Multiplikation zu trainieren: Ich teilte die Studenten auf die drei Gruppen auf, die sich an drei verschiedenen Orten zu drei verschiedenen Zeiten zum Gottesdienst trafen. So konnten alle Studenten an der Entwicklung einer Gemeindegründung mitwirken und in der jeweiligen Gruppe ihre Gaben an Leitung, Predigt, Evangelisation und Seelsorge einbringen. Ich behielt als Mentor den Überblick über alle drei Gemeinden. Doch diese kreative Lösung barg auch einige Risiken: Wir waren nun gleich drei zerbrechliche Gemeindegründungen und ein Scheitern würde nicht mehr nur vierzig Menschen betreffen, sondern an die hundert. Unser zweiter Wachstumsfaktor war eine amerikanische Missionarin. 2012 erlaubte die politische Korrektheit in Deutschland kein „Ami, go home!“ mehr und wir waren so verzweifelt, dass niemand nur im Traum an diesen alten Spruch gedacht hätte. Karen Smith7 war auf eigene Kosten zu uns gekommen, um unseren drei Gruppen vollzeitlich zu dienen. Sie war ein besonderes Geschenk für uns; eine geistlich reife, warmherzige und liebevolle Frau, voller Leidenschaft, Menschen zum Glauben an Jesus zu führen und neue Gläubige zu Jüngern zu machen. Für die jungen Leute und die ersten bei uns ankommenden Flüchtlinge wurde sie zur „Mutter“. Die Entwicklungen mit den Flüchtlingen wurde zum dritten Beschleunigungsfaktor an diesem 31. Oktober 2012: An diesem Sonntag kam ein junger Afghane namens Raifa8 zu uns in Frankfurt-Nord in den Gottesdienst. Es juckte ihn überhaupt nicht, dass wir so ­wenige waren. Die spürbare Güte der Menschen, besonders von Karen Smith, faszinierte ihn sofort. Raifa hatte sich erst kürzlich aus dem Islam bekehrt und folgte nun Jesus nach. Er freute sich sehr über die Übersetzungsanlage, die zwar installiert, aber noch nicht eingesetzt worden war. Er wollte schnell Deutsch lernen und dann andere Afgha­nen aus der Flüchtlingsunterkunft in diese Gemeinde einladen und für sie auf 21


Farsi übersetzen, damit auch seine Landsleute das Evangelium von Jesus hörten. Schon am nächsten Sonntag brachte Raifa einen anderen Afghanen mit in den Gottesdienst. Jede Woche kamen weitere seiner Landsleute mit in unsere Gemeinde. Karen besorgte Bibeln auf Farsi und begann zusammen mit einer anderen Amerikanerin einen Deutschkurs für die Flüchtlinge. Das Projekt nannten sie Café Hope, angelehnt an die gleichnamige Arbeit der Freien Evangelischen Gemeinde in Gießen. Es sprach sich herum, dass ein Gottesdienst in Frankfurt Simultanübersetzung anbot. Iraner, die zwei Stunden entfernt wohnten, hörten davon, dass sie dort in ihrer Sprache erfahren konnten, wer ­Jesus ist. Jede Woche kamen sie mit dem Zug in unseren Gottesdienst. Damit sich ihre lange Reise lohnte, begann Karin nach dem Gottesdienst mit Bibelunterricht auf Farsi. Raifa lernte schnell Deutsch und diese Gruppe nach dem Gottesdienst wurde für ihn zu einem Jüngerschaftstraining: Er konnte sein Wissen über die Bibel erweitern und Muslime zum Glauben an Jesus führen. Die ersten Muslime g ­ aben ­Jesus ihr Leben und wurden getauft. Damit entstand eine enorme Dynamik in der Gemeinde. Auch Deutsche wurden von dieser geistlichen Dynamik erfasst und ließen sich in die Nachfolge Jesu taufen. Langsam dämmerte uns, dass wir unsere deutsche Gemeinde nicht nur für die Menschen aus den drei ersten Einwanderungswellen gründen sollten, sondern für diejenigen, die jetzt in dieser vierten Welle zu uns kamen, der sogenannten „Flüchtlingskrise“. Nach und nach wurde uns bewusst: Drei Gemeinden im Frankfurter Raum waren entstanden, die mit der gleichen Mosaik-DNA unterwegs waren. Gott hatte eine Welle in Gang gebracht, auf der wir reiten sollten!

Januar 2015 Einige der ersten Studenten fanden es zu wenig, nur einmal in der Woche für eine Stunde zum Gottesdienst zu fahren. Um auch unter der Woche Gemeinschaft miteinander zu haben, entstand eine Klein22


gruppe („Hauskirche“) in Gießen. So konnten sie gemeinsam feiern, was Gott in der Gemeindegründung wirkte, und intensiv dafür beten. Zu Beginn trafen sich sechs Studenten jeden Mittwochabend. Ihr Leben und ihr Zeugnis waren so kraftvoll, dass diese Gruppe innerhalb von sechs Monaten auf dreißig Studenten anstieg. Es war an der Zeit, eine weitere Gemeinde zu gründen! Am 22. Januar 2015, beinahe vier Jahre nach Gründung der ersten Gemeinde, fand in einem gemieteten Kino der erste Gottesdienst der vierten Mosaikgemeinde statt: Mosaik-Gießen. Über hundert Leute kamen, auch Nichtchristen und Migranten. Einer von ihnen war Jahni. Kurz bevor er sein Land verlassen musste, hatte er das erste Mal von Jesus gehört. Jahni konnte kein Deutsch, aber Gott hatte vorgesorgt: Karen Smith und ein paar andere Mitarbeiter der Mosaikgemeinde von Frankfurt-Nord waren an dem Tag die sechzig Kilometer zur neuen Gemeinde gefahren, um diese Multiplikation von Mosaik zu feiern. Als der Anbetungsleiter kurz vor der Predigt fragte, ob jemand eine englische Übersetzung bräuchte, hob Jahni seine Hand. Er konnte Englisch. Karen ging sofort zu ihm und setzte sich neben den jungen Mann, um ihm die Predigt zu übersetzen. Niemand konnte ahnen, dass Gott Jahnis Leben mit diesem Eröffnungsgottesdienst für immer verändern würde. Die Behörden verlegten den Flüchtling kurze Zeit später in eine andere Stadt. Aber Jahni wollte unbedingt mehr über Gott erfahren. So suchte er im Internet nach der nächstliegenden Mosaikgemeinde und fuhr dann eine Stunde mit dem Zug zum Gottesdienst in den Frankfurter Norden. Dort machte er eine überraschende Entdeckung: Die Frau, die ihm vor einigen Monaten die Predigt ins Englische übersetzt hatte, stand direkt vor ihm! Als er wenig später in sein Heimatland abgeschoben wurde, ging er bereitwillig und voller Frieden, weil er nun wusste, warum er diese kurze Zeit in Deutschland gewesen war: Nun kannte er Jesus als den Sinn seines Lebens. Und in die Gießener Mosaikgemeinde kamen noch viele andere „Jahnis“.

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Mai 2015, „Little Istanbul“, Offenbach Um Offenbach machen viele gerne einen Bogen. Eine hohe Kriminalitätsrate, ein hoher Ausländeranteil und eine stark ausgeprägte Salafistenbewegung machen diese Stadt nicht gerade attraktiv für junge, gut ausgebildete deutsche Familien. Doch genau deshalb zogen Lio­ nel und Naemi Bendobal mit ihrem kleinen Jungen im Mai 2015 dorthin. Das Paar gehörte zu dem ursprünglichen Startteam, das den Traum einer „Kirche für alle Nationen“ geträumt hatte. Es konnte sich keinen besseren Ort als Offenbach vorstellen, um „anderen“ mit den geöffneten Armen Jesu entgegenzukommen. Klaus und Debora9 sind ein ganz normales deutsches Ehepaar, das in einer normalen Kleinstadt in einer normalen Gemeinde aufwuchs. Gegen Ende ihrer Bibelschulausbildung hörten sie von Lionel, dem jungen Kameruner, der nun in Offenbach eine Gemeindegründung plante, die sich ihrer Denomination anschließen würde. Sofort packte sie die geistliche Vision dieser Gemeindegründung, doch sie hatten großen Respekt vor der Arbeit der jungen Familie Bendobal und scheuten sich, in eine so schwierige Stadt zu ziehen. Während sie überlegten, ob sie sich dieser Gemeindegründung anschließen sollten, nahmen sie an einem Mosaik-„Familienfestival“ teil – dem ersten gemeinsamen Treffen der verschiedenen Gemeinden. Noch heute sprechen sie von der Begeisterung, die sie spürten. Doch Klaus erzählte später: Unsere Begeisterung schlug schnell in Irritation um. Als wir in diesen großen Raum kamen, merkten wir, wie anders die meisten dort waren. Da waren Menschen aus 26 unterschiedlichen Nationen versammelt und auf den ersten Blick konnten wir kaum Weiße sehen. Plötzlich tauchte eine Gruppe von dreißig Iranern auf, die keiner kannte und die sich einfach mitten im Raum breitmachten und auf das Essen warteten. Sogar ein Atheist aus Israel war dabei. Das 24


Chaos war perfekt. Es wurde Spanisch, Englisch, Arabisch, Farsi, Deutsch und noch andere Sprachen gesprochen, alles durcheinander. Als Stephen Beck aufstand, um zu reden, waren die Übersetzer hinten im Raum lauter als er vorne am Mikrofon. Wir fühlten uns förmlich überrollt. Am meisten verwirrte uns, dass die meisten dieses Durcheinander offensichtlich genossen. Es entsprach in keiner Weise unseren Erwartungen eines ruhigen und geordneten Treffens. Ihre Verwirrung wurde noch größer, als ich die Mosaikkirche mit Worten beschrieb wie: „Wir sind nicht monokulturell, auch nicht multikulturell, sondern mono/multikulturell“, und von der „Makro­ ebene“ und der „Mikroebene“ sprach. Sie fragten sich, wie viele Worte mit M ich noch hervorzaubern würde. Dann sprach ich auch noch von der Vision, dieses Chaos in andere europäische Länder zu verbreiten, bis nach Israel. Das Paar war äußerst beunruhigt: Wo­ rauf hatten sie sich da eingelassen? Passte diese Auffassung von geist­ lichem Dienst zu ihrer Denomination? Wollten sie zu so etwas ge­ hören, das so anders war als ihre eigenen Vorstellungen? Mit solchen Fragen gingen sie nach Hause. Die gleichen Fragen begleiteten sie in Offenbach in die ersten Begegnungen mit anderen Interessenten an dieser Gemeindegründung. Es gab viele Gespräche und Präsentationen von Lionel – und immer wieder diese komischen Worte mit M! Vier Monate später fragten Lionel und Naemi sie, wie sie sich in der neuen Stadt und im Gründungsteam fühlten. Das deutsche Ehepaar sprach offen über die Bedenken, mit denen sie damals das „Familienfestival“ verlassen hatten. Klaus: Heute sehen wir die Dinge anders als noch vor vier Monaten. Wir lieben unsere Denomination, aber wir haben erkannt, dass es bei Gemeindegründung nicht darum geht, eine Denominationsgemeinde zu gründen. Wir haben die 25


Mosaik-Mentalität von Kirche verstanden – ein Herz für die Nationalitäten und Nichtchristen. Damit nähern wir uns den unterschiedlichen Kulturen, Bildungsniveaus, Sprachen und Hautfarben mit einem freundlichen und offenen Herzen. Ich muss mir Zeit nehmen, sie kennenzulernen; dort hingehen, wo sie sind; Zeit mit ihnen verbringen und ihre Lebensweise verstehen; ja, sogar von ihnen lernen. Es geht darum, „Kirche für andere“ zu werden. Debora führte die Gedanken ihres Mannes weiter: Wir überlegen nicht mehr, wie andere in unsere Denomination hineinpassen, sondern genau andersherum – wie passt unsere Denomination in die Kultur der Menschen, die wir erreichen sollen? Die Menschen dienen nicht unserer Denomination, sondern unsere Denomination den Menschen. Bis hierher hatte sich Lionel zurückgehalten. Nun konnte er sich nicht länger beherrschen und stieß ein lautes, afrikanisches „Halleluja“ hervor. Das Gründungsteam in Offenbach arbeitete hart am Aufbau eines Kontaktnetzes. Sie führten Umfragen durch, besuchten Menschen zu Hause und lernten ihre Lebensweise und ihre Bedürfnisse kennen. ­Jedes Gründungsmitglied war dafür verantwortlich, sein persönliches Netz nichtchristlicher Freunde aufzubauen. Als es dann an der Zeit war für den ersten Test-Gottesdienst, kamen 62 Personen: 12 aus dem Gründungsteam und 50 Außenstehende. Die fünfte bewusste Gemeindegründung mit Mosaik-DNA gab sich den Namen Kirche am Start. Mit diesem Namen wollte sie sich die Vision immer wieder vor Augen halten: eine Gemeinde zu sein, in der Menschen einen neuen Start machen können, weil sie Gott durch Jesus persönlich begegnen.

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