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Petra Hahn-LĂźtjen (Hrsg.)

Geschichten zur Weihnachtszeit


Fabian Vogt

Nur ein Lachen Sein Wunschzettel war dieses Jahr kurz. Sehr kurz sogar. Nichts von den üblichen Wünschen der vergangenen Jahre: Carrerabahn, Star-Wars-Figuren oder neues Fahrrad. Solche Sachen würden ihm seine Eltern ohnehin schenken. Da brauchte er das Christkind nicht zu bemühen. Felix schrieb in seiner krakeligen Kinderschrift, Buchstabe für Buchstabe, nur einen Satz: „Bitte mach, dass Else wieder lacht.“ Else. Seine Ersatzoma. Die wohnte im Nachbarhaus, schon immer. Und sie lachte so laut, dass der Klang aus ihrem offenen Küchenfenster regelmäßig bis in sein Kinderzimmer hüpfte. Ja, manchmal lachte Else so dermaßen laut, dass er es sogar durch die Wand hören konnte. Und sie lachte viel. Eigentlich den ganzen Tag. So oft, dass Felix etwas fehlte, wenn das Prusten eine Zeit lang nicht erklang. Doch vor drei Wochen hatte Else aufgehört zu lachen. Denn da war ihr Mann gestorben. Ihr Hannes, den sie die letzten Jahre hatte pflegen müssen und mit dem sie bis zuletzt so gerne fröhlich gewesen war. „Mir ist das Lachen vergangen“, verkündete Else und zog sich zurück. „Wir müssen ihr Zeit lassen“, sagte der Vater von Felix. Aber der fand, sie hätte ihr Lachen nun wahrlich lang genug eingesperrt. „Bitte mach, dass Else wieder lacht.“ Er malte ein großes Ausrufezeichen hinter seinen Wunsch, verschloss den Umschlag, klebte einen der Aufkleber aus der Drogerie „An das Christkind“ außen drauf … und wusste auf einmal nicht mehr, wohin mit seinem Wunsch. Schließlich öffnete er vorsichtig 62


das Fenster und legte den Brief nach draußen auf das Fensterbrett. Das Christkind würde ihn sich schon holen. Kurz vor Weihnachten. Felix wartete. Und tatsächlich: Als er einige Tage später auf das Fensterbrett schaute, war der Briefumschlag verschwunden. Das Christkind hatte seine Nachricht bekommen. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern. Dann würde er das Lachen wieder hören. In den kommenden Tagen vergaß Felix seinen Wunsch allerdings, denn in der Schule gab es eine große Theateraufführung. Ein verrücktes Stück, in dem er einen tapsigen Engel spielte, der alle Wunschzettel durcheinanderbringt. Natürlich sorgt das für ein heilloses Chaos. Auf einmal bekommt das Mädchen in der Geschichte ein Laserschwert, der Vater ein Rosenparfüm, die Mutter einen Langhaar-Rasierer und der Sohn ein Barbie-Pferd. Die Zuschauer amüsierten sich sehr. Doch als Felix seine Verbeugung machte, schoss es ihm durch den Kopf: „Was ist, wenn mein Wunschzettel auch von so einem Engel bearbeitet wurde? Dann lacht vielleicht irgendeine andere Else. O nein!“ Während der Heilige Abend näher rückte, machte sich Felix Sorgen. Was, wenn er den Nachnamen hätte dazuschreiben müssen? Oder die Adresse? Mein Gott, das Christkind hatte ja wahrlich genug zu tun. Abermillionen von Wünschen. Wie konnte es die alle koordinieren und betreuen? Felix schlief in dieser Nacht nicht gut. Alles schien so kompliziert. Doch im Morgengrauen wurde er geweckt … von einem Lachen. Es klang noch nicht ganz so fröhlich wie früher. Aber es war unverkennbar Oma Else. Das Lachen war wieder da. „Danke, liebes Christkind“, murmelte der Junge und drehte sich noch einmal um, denn er musste erst zur dritten Stunde in die Schule. 63


Neun Jahre später – Felix kam gerade von einem Auslandssemester in Mailand zurück – zog ihn seine Mutter in die Küche. Sie sprach leise: „Weißt du … Else liegt im Sterben. Und ich glaube, sie würde sich sehr freuen, dich noch mal zu sehen. Du ahnst gar nicht, wie oft sie nach dir gefragt hat. Wie deine Prüfungen gelaufen sind. Ob du dir schon das Abendmahl von Leonardo angeguckt hast und, und, und … Meinst du, du könntest mal zu ihr rübergehen? Sie hat eine Pflegerin, die macht dir auf.“ Ganz wohl war dem jungen Mann nicht, doch es kamen so viele Erinnerungen an die freundliche Nachbarin in ihm hoch, dass er sich zusammenriss und klingelte. Erstaunt stellte Felix fest, dass die Wohnung von Else noch genau so eingerichtet war wie in seiner Kindheit. Abgesehen von einem Flachbildschirm, der auf einer Nussbaumanrichte stand. Und dem Krankenbett im Wohnzimmer. Else sah nicht gut aus. Doch als sie ihn sah, fing sie an zu lachen. Laut, frech, hell. Und dieses Lachen wischte alle Distanz weg. Sie war wieder Oma Else – und er der kleine Junge. Die alte Frau winkte ihn zu sich. „Ich habe mich nie bei dir bedankt.“ „Wofür?“ „Für deinen Wunsch.“ Sie grinste. Müde. Schmerzverzerrt. Aber fröhlich. „Er hat mir klar gemacht, wie wichtig mein Lachen ist. Für mich. Und für Frechdachse wie dich. Da habe ich mir vorgenommen, mich nicht von der Trauer kleinkriegen zu lassen. Ich weiß nicht, ob meine Seele heiterer wurde, weil ich gelacht habe, oder ob ich gelacht habe, weil meine Seele heiterer wurde … ist auch egal. Du bist dafür verantwortlich. Durch dich hatte ich noch neun gute Jahre. Danke.“ „Woher weißt du von dem Wunsch?“ Felix beugte sich vor. Else hatte jetzt die Augen geschlossen. „Der Wind hat den Wunschzettel auf meine Terrasse geweht. Und ich war ja immer neugierig … der Wind hat ihn zu mir geweht … oder das Christkind …“ 64


Fabian Vogt

Papas Parfüm Es duftet so nach … Papa. Wie bitte! Das kann doch gar nicht sein. Erstaunt starrte Paula den Nikolaus an. Moment mal. Der alte Mann mit dem schlohweißen Rauschebart, der rauen Stimme und dem roten Kapuzenmantel, der roch genauso wie Papa. Ja, Paula war sich ganz sicher. Das war doch dieses neue Parfüm, das Mama ihm zum ersten Advent geschenkt hatte. „Hero“ hieß es. Papa hatte beim Auspacken neckisch die Augenbrauen hochgezogen – „So so, ‚Hero‘“ – und Mama hatte sehr lustig geguckt. Ein bisschen so, als sei sie frisch verliebt: „Na, das passt doch, mein … Hero, mein Held.“ Also so was. Das war doch … Da kam dieser … dieser komische Nikolaus einfach durch den Kamin, ging ins Bad und bediente sich heimlich an Papas neuem Parfüm. Was für eine Dreistigkeit! Und eines war klar: Er hatte bestimmt nicht gefragt. Konnte er ja gar nicht. Denn Papa war noch im Büro. Mama hatte vorhin ganz traurig geklungen, als sie sich am Telefon verabschiedete. Sie hatte den Hörer aufgelegt und dann gesagt: „Och, wie schade. Du, Paula, Papa muss noch arbeiten, er kann leider nicht dabei sein, wenn der Nikolaus kommt. Wie blöd!“ Tja, und dann so was. Da nutzte dieser rote Heini die Gelegenheit, dass Papa nicht zu Hause war, und benutzte verbotenerweise sein Parfüm. Obwohl das doch so teuer gewesen war. Ja, als Papa seine kleine Paula am ersten Advent aufgefordert hatte, den neuen Duft doch selbst mal auszuprobieren, hatte diese gleich fröhlich losgesprüht – Parfüm 101


aufs Handgelenk, auf den Hals, auf die Füße, auf die Barbie, auf Ken – woraufhin Mama mahnend gerufen hatte: „Paula, nicht so viel. Es reicht. Da kostet jeder Tropfen ein kleines Vermögen. Das ist nur für Papa. Ab jetzt darf da keiner mehr ran. Verstanden?“ Ja, Paula hatte verstanden. Aber der hier nicht, der Nikolaus. Dieser … dieser freche Kerl. Dieser Duft-Dieb. Der stand da ganz scheinheilig vor dem Kamin, holte Apfel und Nuss und Mandelkern aus seinem Jutesack und tat so, als wäre nichts. Dabei war sein Frevel, sein Vergehen im ganzen Zimmer zu riechen. So was … kleine Süßigkeiten verschenken und selbst Parfüm klauen. Paula musste schlucken. Vielleicht tat sie dem Nikolaus ja Unrecht. Vielleicht hatte der einfach genau das gleiche Parfüm von seiner Frau geschenkt bekommen. Nee. Der Nikolaus hatte doch keine Frau. Oder doch? Nicola? Nikolausine? Nein, ganz bestimmt nicht. Und wenn er sich das Parfüm selbst gekauft hatte? Auch nicht. Auf gar keinen Fall. Der Nikolaus hielt doch nicht einfach mit seinem Rentierschlitten bei der Parfümerie „Douglas“ und ließ sich neueste Duftkreationen vorführen. Und wenn, dann hätten das die Zeitungen garantiert berichtet: „Nikolaus kauft ‚Hero‘-Parfüm.“ Es musste eine andere Erklärung geben. Bestimmt hatte der Nikolaus, als er bei ihnen angekommen war, nur mal schnell aufs Klo gemusst. Klar, nach der vielen Rumfliegerei in der Kälte. Dem ewigen Sitzen in Bärenfellen. Nach all den endlosen Ho-ho-hos und der Kaminkletterei … da hatte er in ihrem Bad das Parfüm gesehen und sich gedacht: „Ich möchte auch mal wie ein Held riechen. Nur einmal im Leben.“ Ja, so war das passiert. Auf einmal tat Paula der Nikolaus leid. Unendlich leid. Dieser arme Mann. Immer unterwegs. Den ganzen Tag Ge102


schenke verteilen. Keine Frau zu Hause. Kein Parfüm. Keine eigenen Kinder. Kein Wunder, dass er, dieses Vorbild an Anstand und Ordnung, in ihrem Bad die Nerven verloren hatte. Er hatte vor lauter Verzweiflung, vor lauter Sehnsucht nach Wohlgeruch über die Stränge geschlagen. Aber bestimmt nicht aus Bösartigkeit, sondern nur wegen der Umstände. Und wahrscheinlich hatte er auch eine schwere Kindheit gehabt. Paula sprang auf, hörte ihre Mutter rufen: „Wo willst du denn hin?“, aber da war sie schon in der Küche. Schnell holte sie aus der Werkzeugkiste neben der Spülmaschine den Hammer und rannte die Treppe hoch in ihr Zimmer. Wo war es nur? Genau, da, auf dem Regal neben dem Playmobil-Schloss. Das Sparschwein. Mit einem Schlag zertrümmerte Paula die Porzellansau und klaubte die Münzen aus den Scherben. Das waren – eilig zählte sie – ungefähr 11 Euro 30. Bekam man dafür ein Parfüm? Einen Flakon „Hero“? Egal. Sie musste wieder runter, bevor der Nikolaus weiterfuhr. Im Flur tönte es schon laut: „Ho-ho, ho-ho. Hast du deine Blockflöte geholt, um mir etwas vorzuspielen, kleine Paula?“ Paula schüttelte den Kopf. Biss sich auf die Lippen. Leise sagte sie: „Ich weiß, was du gemacht hast, lieber Nikolaus. Aber das ist nicht schlimm. Du warst halt auch mal nicht artig. Das kann jedem passieren.“ Flüsternd fügte sie hinzu: „Mach dir keine Sorgen. Ich sag es keinem. Also, dass du heimlich das neue, teure Parfüm von meinem Papa benutzt hast. Und die Adventszeit ist doch eine Zeit, wo man vergeben soll. Weil Gott bald auf die Erde kommt.“ Sie drückte dem Nikolaus die Münzen in die Hand: „Hier. Nimm. Mit dem Geld kannst du einen Engel losschicken, der dir das Gleiche kauft. Es heißt ‚Hero‘ und duftet wirklich ganz toll.“ Sie grinste. „Aber das weißt du ja schon. Und verrat es bitte nicht meinem Papa. Der hat nämlich gesagt: Mein Erspartes darf ich nur für was ganz, ganz Wichtiges ausgeben. 103


Also nicht für Süßigkeiten oder Comic-Hefte oder so. Aber, es ist doch wichtig, dass der Nikolaus auch mal wie ein ‚Hero‘ riecht. Oder nicht? Nikolaus? Weinst du?“ Der Nikolaus nahm Paula in die Arme. Etwas zu fest, fand sie. Sie sollte sich doch nicht von fremden Männern in den Arm nehmen lassen. Obwohl: Das war ja der Nikolaus. Und er duftete so sehr nach Papa.

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Manfred Siebald

Was hat wohl der Esel gedacht? Was hat wohl der Esel gedacht in der Heiligen Nacht, als er plötzlich die Fremden sah im Stall? Vielleicht hat er Mitleid verspürt, hat das Bild ihn gerührt, und er rückte zur Seite, sehr sozial. Vielleicht packte ihn die Empörung. Welch eine nächtliche Ruhestörung! Kaum schlafe ich Esel mal ein, schon kommen hier Leute herein. Und dann lag da vor ihm das Kind, und er dachte: Jetzt sind es schon drei: Was ist das für eine Nacht! Da hält mir das Kind doch zuletzt meine Krippe besetzt. Und er polterte völlig aufgebracht: Ich lasse ja manches mit mir geschehen, doch wenn sie mir an mein Futter gehen, ist’s mit der Liebe vorbei. Und er dachte an Stallmeuterei.

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Er wusste ja nicht, wer es war, den die Frau dort gebar, hatte niemals gehĂśrt von Gottes Sohn. Doch wir wissen alle Bescheid und benehmen uns heut noch genau wie der Esel damals schon. Denn Jesus darf uns nicht vom Schlaf abhalten, nicht unsern liebsten Besitz verwalten. Doch wer ihm die TĂźren aufmacht, der hat jeden Tag Heilige Nacht.

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