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Horst Schoch

Das Geheimnis des Himmels Historischer Roman


1 Jäh durchbrach das Zerbersten der Scheibe die unberührte Stille der Nacht. Magister Leonhard Bernhardi zuckte erschrocken zusammen. Aber seine Erstarrung währte nur kurz, schnell raffte er die vor ihm auf einem Schreibpult liegenden Papiere zusammen und suchte Deckung hinter einer breiten steinernen Säule. Hatte das ihm gegolten? Im Schreibsaal der Universität war es wieder still geworden, nur das Flackern des Kerzenlichtes erzeugte bewegte Schatten an den Wänden und am Boden. Von draußen drangen nun durch die zerborstene Scheibe die Unbilden des Wetters in den langen Saal. Die frische Luft brachte die Flamme der Kerze nach kurzen unruhigen Zuckungen zum Erlöschen. Nur noch der heulende Wind vermischt mit prasselndem Regen war zu hören. Bernhardi beruhigte sich langsam und war bald schon wieder in der Lage, klare Gedanken zu fassen. Seine rechte Hand ruhte auf dem Knauf des Langdolches, den er, wie es beim Lehrpersonal üblich war, immer bei sich trug. Er wartete. Als er außer dem windgepeitschten Regen nichts vernahm, versuchte er vorsichtig, von seinem Versteck aus den Saal zu überblicken. Seine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt. Allein der Vollmond warf etwas Licht in den Raum. Nichts geschah. Trotzdem hielt Bernhardi es für ratsam, den Schreibsaal schnellstmöglich zu verlassen. Er schätzte den Weg bis zur Tür 5


ab, den er ohne weitere Deckung durchqueren musste. Dann schlich er so vorsichtig und leise, wie er nur konnte, zur schweren Eichentür und drückte den mächtigen Riegel herunter. Mit leisem Knarren gab die Tür den Weg frei, aber Bernhardi glaubte, sich die Ohren zuhalten zu müssen. Unbehelligt trat er in den Vorraum. Gerade hatte er sich etwas beruhigt, da begann sein Herz erneut wie wild zu pochen. Denn nun hörte er in der Ferne leise Schritte, die sich auf ihn zu bewegten. Bernhardi fühlte sich mit seinen fünfzig Jahren eigentlich zu alt für derartige Abenteuer, aber es blieb ihm keine andere Wahl. Er überlegte nur kurz, dann zog er seinen Langdolch und suchte hinter einem mächtigen Regal Schutz. Für einen Einbrecher verhält sich unser Gast aber sehr ungeschickt, dachte Bernhardi noch, als die Schritte plötzlich laut wurden und die Tür auf der anderen Seite des Vorraumes polternd aufgestoßen wurde. Erleichtert nahm er zur Kenntnis, dass sein Diener, Johannes Treber – von allen Hannes genannt – mit einer Fackel in der Hand den Raum betreten hatte. Bernhardi verstaute seinen Dolch wieder, trat hinter dem Regal hervor und ging Hannes entgegen. Dieser schien über den komischen Aufzug seines Herrn nicht einmal verwundert. Der Magister konnte sogar wieder schmunzeln. Gewöhnlich bedeutete das Auftauchen seines Dieners, dass seine Herrin, wie Bernhardi liebevoll seine Gattin Elisabeth nannte, eine klare Auskunft über sein Verbleiben erwartete. Und so kam es auch. „Einen gesegneten Abend, Meister!“ Hannes trat auf Bernhardi zu. „Guten Abend, Hannes. Na, mit welchen Befehlen hat die Meisterin dich zu mir gesandt?“ Hannes war zwar geistig nicht der Regsamste, dafür aber treu 6


und loyal. Nach so vielen Dienstjahren bei den Bernhardis verstand er die eingeschliffenen Sprachspiele der gebildeten Familie und deren unterschwellige Neckereien. Manchmal gelang es ihm sogar, ein wenig auf dieser Ebene mitzuspielen, nicht ohne gehörigen Respekt vor seinem Herrn. „Die Meisterin lässt anfragen, ob mit Eurem Erscheinen zu Hause noch zu rechnen ist, denn es ist schon recht spät. Sie lässt ausrichten, dass sie Euch in einer wichtigen politischen Angelegenheit zu sprechen wünscht. Sollte eine schleunigste Rückkehr ausgeschlossen sein, würde sie die Audienz auf morgen verlegen … Allerdings hättet Ihr Euch dann ihrer knappen Zeit zu fügen!“ Meister Bernhardi schmunzelte wieder. Das war Elisabeth, seine kluge Frau. Sie wusste genau, wie sie ihn ansprechen musste, damit er wieder ganz von ihr eingenommen wurde. Mit einer gewählten Sprache hatte sie ohnehin keine Probleme, da sie eine intensive Ausbildung in einer bedeutenden Klosterschule absolviert hatte. Wenn sie es arg trieb, konnte sie ihm sogar eine Botschaft in Latein zukommen lassen. „Danke, Hannes, für deinen Botendienst. Sag deiner Herrin, dass ich nur noch meine Papiere ordne und in kürzester Zeit zu Diensten sein werde!“ Auf dem Gesicht von Hannes leuchtete es kurz auf. Er würde den Spaß mitmachen und diese Botschaft des Meisters gleich mit den richtigen Worten überbringen. Und so wollte er gerade schnellen Schrittes den Rückzug antreten, als Bernhardi ihn zurückhielt. „Einen Moment noch, Hannes.“ „Ja, Meister?“ „Sag, ist dir auf dem Weg hierhin nichts aufgefallen? Irgendwelche Personen, die sich hier herumtreiben oder andere ungewöhnliche Dinge?“ „Nein, Meister, warum fragt Ihr?“ 7


„Ach, nichts weiter, ich meinte, heute Nacht hier noch jemanden zu vermuten. Aber das waren wohl der Wind und meine Einbildung.“ „So wird es sein, Meister.“ Damit trat Hannes endgültig den Rückweg an.

2 Als Hannes gegangen war, fragte sich Bernhardi, ob der Steinwurf ins Fenster etwas mit dem seltsamen Manuskript zu tun haben könnte, dessen Entzifferung er sich für diese Nacht vorgenommen hatte. Seine Gedanken wanderten zurück. Zum wiederholten Mal vergegenwärtigte er sich, wie er an das seltsame und unverständliche Manuskript gelangt war … Die Anzahl der Studenten hatte sich in den letzten Jahren mehr als verzehnfacht und das hatte zu dem Entschluss geführt, die Räume der alten Universität endlich zu erweitern. Ein völliger Neubau wurde vom Herzog wegen notorischen Geldmangels zwar abgelehnt, aber schließlich wurde doch ein Anbau an die bestehenden Räumlichkeiten genehmigt. Bei den Vorbereitungen für Mauerdurchbrüche stellte sich jedoch heraus, dass die Wände der alten Gebäude durch Nässe stark in Mitleidenschaft gezogen waren. Baumeister Wilhelm weigerte sich daraufhin, seine Arbeiter der Gefahr auszusetzen, von herabstürzenden Bauteilen erschlagen zu werden. So wurde erst einmal der alte Bestand erforscht und zum Teil abgetragen, damit die Fundamente verstärkt werden konnten. 8


Bei diesen Arbeiten erwies es sich, dass Mauerreste eines älteren Fundamentes sichtbar wurden. Erst nachdem eifrig in den spärlichen Notizen der Universitäts- und Stadtchronik geforscht worden war, ergaben sich Hinweise darauf, dass an der Stelle, an der sich die Universität befand, zuvor ein altes Franziskanerkloster gestanden haben musste. Dieses war offenbar aufgegeben worden, da die Mönche in ein größeres und repräsentativeres Gebäude umgezogen waren. Dieses Ereignis hätte fast zu einem neuen Armutsstreit innerhalb des Ordens geführt, denn die nach außen offen zur Schau gestellte Größe des neuen Konventes fand nicht die Zustimmung aller Insassen. Sie argumentierten mit einem gewissen Recht, dass ihr Ordensgründer, der heilige Franziskus, eigentlich das genaue Gegenteil angestrebt und gelebt hätte. Magister Bernhardi konnte sich den Gedanken nicht verkneifen, dass man Ähnliches auch von der Prachtentfaltung des päpstlichen Hofes sagen konnte – verglichen mit der Besitzlosigkeit unseres Erlösers. Nachdem das alte Franziskanerkloster längere Zeit unbenutzt dem Verfall preisgegeben war und sich keine neue Nutzung fand, überließ der Konvent das Gelände der Stadt. Diese wiederum köderte mit dem Grundstück den damaligen Herzog Arnulf, der nun sein Prestigeobjekt – eine Universitätsneugründung – mit erheblich weniger Mitteln in Angriff nehmen konnte. Kurzum, das alte Kloster wurde abgetragen. Teile der Fundamente waren für den Universitätsneubau verwendet worden, andere Reste, wie die Klosterkirche, hatte man in den Neubau integriert, da eine vollständige Beseitigung viel zu kostspielig gewesen wäre. Bei diesen Arbeiten zum Erweiterungsbau, die nun schon seit Monaten abgeschlossen waren, hatte man mehrere Reste der alten Einrichtung gefunden. Nicht nur Mauerreste der Fundamente, sondern auch Einrichtungsgegenstände, zum Teil in 9


einem sehr verkommenen Zustand, wurden ans Tageslicht befördert. Der amtierende Prior der Franziskaner, Johannes von Cleve, wurde eingeladen, sich diese Überreste abzuholen. Aber da er ein Aufflammen der unseligen Diskussion über die Armut unbedingt vermeiden wollte, beauftragte er Bruder Remigius, seinen Stellvertreter, die Sachen zu begutachten und zu entscheiden, was damit geschehen solle. Bei der Besichtigung war schnell klar geworden, dass sich die Mühe nicht lohnte: altes, zum größten Teil zerbrochenes Geschirr, einige Stoffreste, alles in erbarmungswürdigem Zustand. Nicht einmal der Inhalt einer Truhe weckte sein Interesse. Man fand vergilbte Papiere, ruinierte Fetzen von Pergamenten und einen verschlissenen Rosenkranz. Bruder Remigius, der einen Blick für Wertgegenstände hatte, erkannte schnell, dass hier keine Schätze zu finden waren. Ein kleiner Stapel beschriebener Blätter befand sich zwar ungewöhnlicherweise in einem Leinensäckchen, aber die ersten Seiten enthielten, wie Bruder Remigius nur mühsam entziffern konnte, Aufzeichnungen über die Bestände der Klosterküche. Geringschätzig hatte er den kleinen Stoffbeutel zu den Dingen geworfen, die er für den Unrat bestimmt hatte. Die Papier- und Pergamentreste flogen in hohem Bogen hinterher. Magister Bernhardi war seinerzeit bei dieser Visitation dabei gewesen. Der Rektor der Universität hatte ihn beauftragt, Bruder Remigius genau auf die Finger zu schauen, denn er traute diesen Klosterbrüdern nicht über den Weg, zumindest dann nicht, wenn es um materielle Dinge ging. Als Remigius seine Begutachtung beendet hatte und den kleinen Haufen zur Beseitigung freigab – nicht ohne vorher umständlich die Aktion zu Protokoll zu bringen –, folgte eine förmliche Verabschiedung des Visitators durch Magister Bernhardi. Lange noch, nachdem Bruder Remigius gegangen war, 10


hatte Bernhardi auf diesen kleinen Haufen entbehrlicher Gegenstände gestarrt. Gedankenverloren hatte er seine Hand nach dem kleinen Stapel Papier ausgestreckt, der von der Feuchtigkeit zusammengeklumpt war, und dann das winzige Bündel an sich genommen. Er wusste selbst nicht genau, warum er so gehandelt hatte. Einerseits wäre es ihm als Magister ohnehin schwergefallen, an beschriebenem Papier vorbeizugehen, andererseits stieg in seinem Innersten eine noch ungeformte Ahnung auf, hier gäbe es vielleicht noch etwas an Erkenntnis zu gewinnen. Eine neue Aufgabe vielleicht, die ein bisschen von dem Alltag des Studienbetriebes ablenken könnte. Seinen kleinen Fund hatte er in einer winzigen Truhe in seiner Bibliothek aufbewahrt. Auch seiner Frau Elisabeth und seinen fünf Töchtern hatte er zunächst nichts erzählt. Die wenigen Stunden, die er täglich mit seiner Familie zu Hause verbrachte, waren mit häuslichen Pflichten gefüllt. Daneben verbrachte er oft noch freie Zeit mit Studenten, denen er gegen eine kleine Gebühr zusätzlichen Unterricht anbot. Und so hatte er für viele Monate seinen Fund regelrecht vergessen. Erst als er eines Tages zur Vorbereitung auf ein entlegenes philosophisches Thema seine Bibliothek durchstöberte, fand er das kleine Leinensäckchen wieder, das er hinter zwei dicken, schweinsledernen Folianten versteckt hatte. Also hatte er sich eines Tages entschlossen, den Fund in seine Studierstube in der Universität zu bringen und sich dort die Freiheit zu nehmen, den Dingen, die vor ihm lagen, auf den Grund zu gehen. Auf die Frage, was er denn so Besonderes an der Universität erlebt habe, hatte er nach längerer Zeit auch Elisabeth von seiner kleinen Entdeckung berichtet. Diese wiederum quittierte seine ewige Suche nach Geheimnissen mit einem Lächeln. Männlicher Spieltrieb. 11


Und deswegen verbringe ich meine kostbare freie Zeit hier in der Universität, während zu Hause Frau und Kinder auf mich warten, seufzte Bernhardi leise in seinen dünnen Bart. Nach einigen Minuten folgte er seinem Diener nach Hause. Der Regen durchnässte seinen Mantel und der Wind peitschte ihm unangenehm ins Gesicht. Die Gassen waren leer und der Magister drückte sich an den Hauswänden entlang, um wenigstens etwas Schutz vor dem Regen zu haben. Dabei bemerkte er nicht, dass in einem Torbogen eine dunkel gekleidete Gestalt kauerte. Der Mann sprang ihn von der Seite regelrecht an. Normalerweise hätte Bernhardi die Situation als Überfall verstanden. So etwas passierte in den letzten Jahren immer häufiger, weil die Obrigkeit nicht in der Lage war, die Sicherheit im Inneren der Stadtmauern zu gewährleisten. Aber ihm fiel auf, dass die Gestalt schwer atmete und sich ungelenk bewegte. Also nichts, was auf einen ernst zu nehmenden Überfall hindeutete. Das Gesicht des Unbekannten war von einer Kapuze verhüllt. „Verzeiht meinen Überfall!“, keuchte die Gestalt. „Was wollt Ihr von mir?“, entgegnete Bernhardi kühl. „Wieso schleicht Ihr Euch wie ein Dieb in der Nacht an mich heran?“ Der Fremde konnte aus Atemnot nicht sofort antworten. Er hatte den Mantel des Magisters, an den er sich zunächst geklammert hatte, als wollte er seine Beute nicht mehr hergeben, inzwischen wieder losgelassen. „Verzeiht, ich sah keine andere Möglichkeit, Euch zu treffen.“ „Ihr kennt mich?“ „Ja, und es spielt jetzt keine Rolle, woher und warum. Ich muss Euch etwas mitteilen!“ „Für eine Mitteilung habt Ihr Euch aber eine ungewöhnliche Stunde und einen noch ungewöhnlicheren Ort ausgesucht. Sei’s drum: Wenn Ihr mir etwas zu sagen habt, so beeilt Euch, 12


ich werde erwartet. Und wenn es noch lange dauert, kann ich gleich in der Elbe baden gehen, so nass bin ich bereits.“ „Ich weiß, dass Ihr das Manuskript habt!“ Seine Stimme zitterte, was nicht nur an dem anscheinend hohen Alter des Mannes lag. „Wovon redet Ihr? Wenn Ihr mich kennt, wie Ihr behauptet, dann müsstet Ihr wissen, dass ich mit vielerlei Manuskripten zu tun habe!“ „Ihr wisst schon, welches Manuskript ich meine.“ „Ihr sprecht in Rätseln, und ich habe jetzt keine Zeit, Rätsel zu lösen.“ „Doch, die habt Ihr. Und die müsst Ihr euch nehmen, ich beschwöre Euch!“ „Sprecht weiter!“ „Mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihr es gefunden und an Euch genommen habt.“ „Was? Gerüchte!“ „Es handelt sich doch um ein Leinensäckchen mit einem Bündel Papiere darin, nicht wahr?“ „Hmm.“ „Und eingeschlagen waren diese Papiere in … wartet, ja! In alten Küchenrezepten. Stimmt’s?“ „Woher wisst Ihr …“ „Ich habe sie nie gesehen. Und ich war mir nicht einmal sicher, ob diese Dinge auch wirklich existierten. Aber seitdem ich erfahren habe, an was für einem Fund Ihr da arbeitet, ist mir alles klar geworden.“ Magister Bernhardi schluckte. Wodurch war bekannt geworden, dass er diese Papiere nicht dem Unrat übergeben hatte? Und dass er nun an deren Entzifferung arbeitete, oder besser gesagt, herumrätselte? Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach der Fremde nun mit etwas ruhigerem Atem weiter. 13


„Ich kann Euch nicht mehr dazu sagen, bevor Ihr den Text entschlüsselt habt. Erst dann bin ich mir restlos sicher. Ihr werdet wieder von mir hören. Aber ich beschwöre Euch: Ihr müsst herausfinden, worum es sich dabei handelt. Und noch ein letztes: Seid auf der Hut! Wenn es sich um das Manuskript handelt, das ich meine, ist es gefährlich wie Gift.“ „Ich betreibe keine Giftmischerei!“ „Wenn Ihr Euch da nur nicht irrt!“ Magister Bernhardi hatte genug von dem Alten. „Habt Ihr mir noch etwas zu sagen?“, stieß er hervor. „Nein, außer dass Ihr Euch vorsehen sollt. Und dass ich sehr hoffe, ihr mögt das Rätsel bald lösen.“ Als Bernhardi bemerkte, dass der Alte sich schnell entfernen wollte, war er es diesmal, der ihn zurückhielt. „Jetzt müsst Ihr mir aber auch eine Frage beantworten!“ „Fragt!“ „Seid Ihr es gewesen, der mich vorhin mit einem Steinwurf verletzen wollte?“ „Nicht verletzen, sondern aufmerksam machen. Und erreichen, dass Ihr herauskommt.“ Damit verschwand der Alte endgültig. Die Nässe nicht bemerkend, starrte Bernhardi der Gestalt hinterher. Nur noch wenige Schritte, dann betrat der Magister sein Haus. Nicht Hannes, sondern Elisabeth höchstpersönlich empfing ihn. „Leonhard! Schön, dass du meinem Ruf folgen konntest!“ „Wenn schöne und kluge Frauen rufen, dann bedarf es schwerwiegender Gründe, nicht zu folgen. Und ich gestehe gerne, weit und breit keinen solchen Grund gefunden zu haben.“ „Alter Schmeichler, aber ich höre es gern. Wie du siehst, habe ich trotz meiner Vergangenheit noch nicht das Laster des Hochmuts abgelegt.“ 14


Elisabeth spielte immer wieder gerne und nicht ohne eine gewisse Ironie auf ihre Vergangenheit an. Sie war als junges Mädchen nur knapp dem Schicksal entgangen, ihr Leben in einem Kloster verbringen zu müssen. In der kinderreichen Familie war es die einzige Möglichkeit gewesen, für sie eine lebenslange Versorgung zu erreichen. Im letzten Moment hatte sich ein Onkel für sie verwendet, der nicht ganz ohne Vermögen war und dem Pfaffenwesen äußerst kritisch gegenüberstand. Zunächst hatte ihr Vater nur sehr widerstrebend eingewilligt, als er jedoch bemerkte, dass sein Bruder mit allen Kräften für das kleine Mädchen sorgte und sogar das immens teure Schulgeld für den Unterricht in einer der besten Adeligenschulen des Landes bezahlte, war sein Widerstand gänzlich dahingeschmolzen. Elisabeth hatte sich als äußerst kluges und wissbegieriges Kind erwiesen. „Was ist geschehen?“, wandte Elisabeth sich verwundert an ihren Mann. „Du wirkst gehetzt. Hat Hannes dich aufgeschreckt? So eilig sollte er es doch nicht machen!“ „Aber nein, Liese, ich hatte vorhin nur eine seltsame Begegnung. Erst sah es nach einem Überfall aus, aber es war nur der Versuch eines alten, vermummten Mannes, der mich anscheinend warnen wollte. Und zwar im Zusammenhang mit meinem Fund. Ich solle unter allen Umständen den Inhalt der Papiere erforschen und mich gleichzeitig vor diesem Inhalt in Acht nehmen.“ „Hast du eine Ahnung, woher er davon weiß?“ „Nein, ich hatte ihn auch gefragt. Er fand es unerheblich. Ich allerdings nicht.“ „Dann ist damit zu rechnen, dass sich mindestens eine, wahrscheinlich sogar noch mehrere Personen für den Inhalt der Schriften interessieren!“ „Damit müssen wir rechnen. Und es macht den Umgang mit dem Fund nicht leichter.“ 15


„Leo, ich mache mir Sorgen! Versprich mir, dass du äußerste Vorsicht walten lässt!“ „Liebe Elisabeth“, Bernhardi benutzte immer ihren kompletten Vornamen, wenn er feierlich wirken wollte, „ich verspreche es dir, gestehe aber auch, dass so ein Vorfall mich neugierig macht. Aber jetzt gestatte mir bitte, mich meiner nassen Kleidung zu entledigen. Heute hat es nämlich so geschüttet, dass man langsam über den Bau einer neuen Arche nachdenken müsste … Hoffentlich will der Herr uns nicht wieder einmal ersäufen, Gründe gäbe es genug dafür!“ „Leonhard!“ „Wie geht es den Kindern?“, fragte Bernhardi, als er in trockenen Sachen wieder bei seiner Frau erschien. Eine Sorgenfalte stand auf seiner Stirn. „Bis auf Katharina, die ihren hartnäckigen Husten einfach nicht los wird, und Lenchen, um die ich mir große Sorgen mache, sind alle anderen wohlauf.“ Lenchen war das jüngste Kind und von Anfang an schwächlich und zart. Es war eine schwere Geburt gewesen, auch für die Mutter, die schon nicht mehr die Jüngste war. Bernhardi war damals, vor vier Jahren, so erschrocken gewesen über die Gefahr, nicht nur das Kind, sondern womöglich auch seine innig geliebte Elisabeth zu verlieren, dass er sich geschworen hatte, sie niemals wieder dieser Gefahr auszusetzen – mit allen Konsequenzen für ihr Eheleben. Aber Elisabeth sorgte trotzdem dafür, dass Leonhard nicht auf einmal wie ein Mönch leben musste. Insgeheim hatte er immer gehofft, Elisabeth könne ihm vielleicht eines glücklichen Tages doch noch einen Sohn schenken. Aber dass ein solcher Wunsch fast dazu geführt hätte, dass er seine geliebte Frau verloren und dazu noch alleine vier oder fünf kleine Töchter großzuziehen hätte, das hatte in ihm eine 16


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