LESEPROBE
Nancy Beach
Nancy Beach: Die Kunst, als Frau zu leiten Mit einem Vorwort von John Ortberg 224 Seiten, gebunden € 16,99 (D) / SFr *25,50 / € 17,50 (A) ISBN 978-3-7655-1520-0, Bestell-Nr. 191520 © Brunnen Verlag GmbH, Gießen *) unverbindliche Preisempfehlung
Gott hat sich nicht vertan Es war einer dieser typischen, feuchtheißen Sommertage in Chicago, und ich stand in roten Shorts und Flipflops auf der schmalen Straße, die an die Rückseite unseres Hauses grenzte, und starrte in den Garten. Von hier aus hatte ich einen guten Blick auf die Nachbargrundstücke. Links an der Ecke lag das hellgelbe Haus der Johnsons, rechts wohnte meine beste Freundin Janet. In ihrem Garten – auf dem stets perfekt gemähten Rasen – hatten wir einmal unsere Zirkusmanege aufgebaut, hatten „Fischer, Fischer, welche Fahne weht heute“ und „Mutter, Mutter, wie weit darf ich reisen“ Copyright gespielt. Hier hatte meine laute Stimme (die manche als Brunnen Verlag Gießen 2013 „rechthaberisch“ bezeichneten) die anderen Kinder zusammengerufen, um alle möglichen Abenteuer und Vorführungen zu planen. Aber an diesem Tag Anfang der 1960er war ich alleine, und für eine Zehnjährige, die gerne und viel redet, ungewöhnlich ruhig und nachdenklich. Mir war, als könnte ich mich einen Moment lang von außen betrachten und einen Blick in die Zukunft werfen. Meine Zukunft. Ich möchte anders leben als meine Mutter und all die anderen Mütter hier in der Nachbarschaft. Sie putzen, kümmern sich um ihre Kinder und warten darauf, dass ihr Mann abends vom Büro nach Hause kommt. Ist es falsch, dass ich mir so ein Leben nicht wünsche, obwohl 46
ich doch ein Mädchen bin? Ich liebe meine Mutter, aber ich spüre, dass es für mich etwas ganz anderes geben könnte, und ich will unbedingt herausfinden, was das ist. Ich bin schlau, die anderen Kinder scheinen auf mich zu hören, und ich habe viele Ideen. Ich werde in dieser Welt etwas bewegen. Hundertprozentig! Dieser Augenblick der Entschlossenheit wurde jäh von Janet unterbrochen, die mich zum Spielen in ihren Garten winkte. Unsere „Planungen“ liefen eigentlich immer gleich ab. Eine fragte: „Was willst du als Nächstes machen?“ Die unvermeidliche Antwort: „Keine Ahnung. Was willst du denn machen?“ Diese unverplante Zeit, in der der nächste Ausbruch von Kreativität immer unmittelbar bevorzustehen schien, war das reinste Glück! Und so nahm ich wieder Copyright diesen Rhythmus von Spiel und Spaß auf, der für die Brunnen Verlag Gießen 2013 heißen und feuchten Sommer meiner Kindheit so typisch war. Aber die Fragen, die in diesem kurzen Moment in mir aufgebrochen waren, bewahrte ich in meinem Herzen. Heute – Jahrzehnte später – ist mir klar, dass meine Mutter einer Generation angehörte, in der die Rolle der Frau in sehr engen Grenzen festgelegt war, und die nicht ansatzweise die Möglichkeiten hatte, die mir letztendlich offenstehen würden. Meine Mutter war wie alle Frauen in der Nachbarschaft. Sie war zwar keine exzellente Köchin, konnte nicht gut nähen, und unser Haus war nicht immer blitzblank, aber sie schuf für ihre Familie ein liebevolles Heim. Jeden Tag wartete auf meine Geschwis47
ter und mich ein leichtes Mittagessen. Gegen den ersten Hunger gab es Tomatensuppe und überbackenen Toast. Während des Essens las meine Mutter uns vor, und oft waren die Geschichten so spannend, dass wir um ein zusätzliches Kapitel bettelten, bevor wir uns dann auf den Weg zum Nachmittagsunterricht machten. Meine Mutter war immer da, und erst im Rückblick sehe ich, welchen Ankerpunkt ihre wohltuende Gegenwart in meinem Leben bedeutete. Sie wuchs während der Weltwirtschaftskrise auf und hat nie eine höhere Schule besucht. 1946 heiratete sie meinen Vater, der im Zweiten Weltkrieg als Pilot gedient hatte. Ihr Weg war von Anfang an festgelegt, und sie tat alles, um den an sie gestellten Erwartungen gerecht zu werden. Mit ihrem gewinnenden Wesen, ihrem unglaublichen Sinn für Humor und ihrer schnellen AufCopyright fassungsgabe hätten sich meiner Mutter – wäre sie zu Brunnen Verlag Gießen 2013 einer anderen Zeit geboren worden – ganz andere Möglichkeiten geboten. Als wir Kinder etwas größer waren, nahm sie eine Stelle im Sekretariat unserer Schule an, bei der sich ihre natürliche Gabe für Verwaltungsarbeit voll entfalten konnte und auch sehr geschätzt wurde. Noch heute besucht sie „ältere“ Menschen, obwohl sie schon selbst über achtzig ist! Auf jeder Party ist sie der absolute Mittelpunkt, und zahllose Menschen bezeichnen sie als ihre Freundin. An diesem Sommertag vor vielen Jahren allerdings hatte ich bei meiner Mutter noch keine dieser Gaben entdeckt. Meine Sicht von ihr war sehr eingeschränkt, und ich habe mich tatsächlich manchmal gefragt, ob irgendetwas mit 48
mir nicht stimmt, weil ich so gerne andere leitete (obwohl ich dieses Wort dafür nicht benutzte), und weil ich lieber mit meinem Vater ein Footballspiel ansah, anstatt mich bei der Hausarbeit oder beim Sticken zu engagieren. War ich nicht eher ein Junge, und hatte Gott mit dem „Mädchen Nancy“ nicht einen Fehler gemacht? Das waren Fragen, die in meiner ansonsten sehr glücklichen Kindheit ständig unter der Oberfläche lauerten. In der sechsten Klasse wurde ich zur Schulsprecherin gewählt, und war damit das erste Mädchen überhaupt auf diesem Posten. Und wieder fragte ich mich, ob das wirklich okay war – ob ich normal war oder nicht doch irgendwie eine Fehlentwicklung. Während meiner Schulzeit zeigte ich in vielen Bereichen gute bis sehr gute Leistungen, spielte Theater, war Captain der Cheerleader und leitende Mitarbeiterin der JugendgrupCopyright pe meiner Gemeinde. Egal in welchem Umfeld, mir fiel Brunnen Verlag Gießen 2013 in jedem Team die Rolle der Leiterin zu. Meine Klassenkameraden wählten mich in den Kategorien Beste Persönlichkeit und Beste Zukunftsaussichten an die Spitze, was mich gleichzeitig überraschte und freute, denn insgeheim hoffte ich natürlich, dass es möglich war, erfolgreich und gleichzeitig beliebt zu sein. Als ich fünfzehn war, stellte unsere kleine evangelische Gemeinde gleich zwei neue Pastoren ein. Dave Holmbo war ein begnadeter Musiker und unglaublich kreativ. Sein Freund Bill Hybels wurde für uns in geistlicher und auch sonstiger Hinsicht zum großen Vorbild. An guten Abenden waren wir in den Gruppenstunden bis dahin ungefähr fünfzig Jugendliche gewesen. Durch 49
Bills Lehre, Daves schier unerschöpfliche Kreativität und das klare Wirken des Heiligen Geistes kam in dieser kleinen Gruppe etwas in Bewegung – etwas, was den meisten nicht sofort auffiel. Plötzlich war es uns unglaublich wichtig, unsere Freunde mit der verändernden Liebe Jesu bekannt zu machen. Wir beteten, fasteten und fingen an, biblische Wahrheiten in „neuem Gewand“ zu vermitteln, relevant, kreativ und ansprechend. Zwei Jahre später, in meinem letzten Jahr an der Highschool, quetschten sich jede Woche über Tausend Jugendliche in die weißen Kirchenbänke. Hunderte bekehrten sich. Wir hatten das Gefühl, Teil eines modernen Wunders zu sein. Mein ganz persönlicher Teil dieses Wunders war, dass ich lernte, mich anders zu sehen, weil Bill und Dave mich anders sahen. Sie erkannten meine Fähigkeiten Copyright und gaben mir die Möglichkeit, sie auszuprobieren. Sie Brunnen Verlag Gießen 2013 beschrieben mich als Leiterin, als kreative Kraft, als jemanden, der Einfluss auf andere ausüben kann. Meine Gaben wurden nicht nur erkannt, sondern auch konkret benannt, und so wuchsen Selbstverständnis und Selbstvertrauen. Durch Dave konnte ich meine kreative Begabung ausleben, und als Bereich, der zu mir und meinen Gaben ganz besonders passte, kristallisierte sich das Theater heraus. Ich baute ein Team von Schauspielern und Autoren auf und war bald in die Programmplanung für unsere wöchentlichen Treffen mit eingebunden. Bill sprach ganz klar von meinen Leitungsgaben und sah mich als eines der wichtigsten Verbindungsglieder zwischen den Pastoren und der Gruppe. 50
Irgendwann musste die explosionsartig wachsende Jugendgruppe umstrukturiert werden. Sie sollte in kleinere Gruppen aufgeteilt werden, und Bill und Dave entschieden, dass jede dieser Gruppen einen „Captain“ als Leiter haben würde. Bei einer Besprechung sagten sie zu mir: „Nancy, du bist eine starke Leiterin und könntest sicherlich einer dieser Captains sein. Wir glauben aber, dass dies fürs Erste nur Männer sein sollten. Die Mädchen haben wir für eine Leitungsrolle als ‚Sekretärin‘ vorgesehen (welche Ironie!), und du sollst als Sekretärin einen der schwächeren männlichen Captains unterstützen.“ So wurde ich „Sekretärin“ von Mark, einem Jungen, der gerade erst Christ geworden war und von Leitung so wenig Ahnung hatte, dass er mich bat, für jegliche Art von Ansprache als Ghostwriterin zu fungieren. Hinter Mark war ich die Schattenleiterin der Gruppe. Copyright Aber er machte Fortschritte, sein Glaube festigte sich, Brunnen Verlag Gießen 2013 und er spielt auch heute noch in unserer Gemeinde eine wichtige Rolle. Ich bin in einer Gemeinde aufgewachsen, in der Frauen nicht öffentlich in Erscheinung traten, außer in Kinder- bzw. Frauengruppen. Die Männer waren Diakone, die Frauen sollten ihre diakonischen Gaben, die als ganz selbstverständlich vorausgesetzt wurden, im häuslichen Umfeld ausleben. Damit war Gastfreundschaft gemeint, Begleitung von Trauernden und Engagement in anderen sozialdiakonischen Bereichen. Frauen waren nicht im Leitungsgremium der Gemeinde vertreten und sprachen – mit Ausnahme von organisatorischen Ankündigungen – auch nicht von der Kanzel. Als junge Frau mit 51
einer Leitungsgabe wurde mir damit klar und deutlich vermittelt: Du passt hier nicht hin. Aber ich nahm die Herausforderung an und war wild entschlossen, die beste Sekretärin zu werden, die die Jugendgruppe je gesehen hatte. Schließlich startete ich mit einem Theaterteam für unsere Gruppe, und das passte nahtlos zu meiner Liebe für kreative und darstellende Kunst. Ich machte Pläne fürs College, bereitete mich auf eine Stelle in der freien Wirtschaft und dann auf meinen Universitätsabschluss vor und lernte immer besser das Spannungsfeld kennen, das sich für eine Frau mit Leitungsgaben auftut. Beim Studium und auch bei meiner Arbeitsstelle gab es offenbar nur wenig, was ich nicht hätte erreichen können. Hier spielte das Geschlecht eine zunehmend untergeordnete Rolle. Meine Zukunft plante ich im Film- und Fernsehgeschäft Copyright in der Überzeugung, dass ich durch meinen christlichen Brunnen Verlag Gießen 2013 Lebensstil in Hollywood etwas für Gott würde bewegen können. Aber während meines Studiums und auch am Anfang meiner Karriere als Produzentin flüsterte eine leise Stimme in mir immer wieder, ob meine Gaben nicht besser in der Gemeinde eingesetzt werden sollten. Als Künstlerin und Leiterin war das in meinem Denken damals nicht einmal ansatzweise eine Option. Für mich war das hauptamtliche Engagement als Künstler in einer Ortsgemeinde nur etwas für diejenigen, die am Broadway oder in Hollywood gescheitert waren. Dazu kam noch das winzige Detail, dass ich eine Frau mit einer offenkundigen Leitungsgabe war. Der Gedanke war einfach lächerlich! In welcher Gemeinde hatte so etwas 52
jemals funktioniert? Ich hatte keine erlebt. Beste Zukunftsaussichten? Wohl kaum. Aber das Flüstern verstummte nicht. Ich machte Examen und heiratete. Kurz nach meiner Hochzeit focht ich auf unserer Terrasse einen langen Kampf mit Gott aus. Ich betete, hielt alle möglichen (und unmöglichen) Optionen in meinem Tagebuch fest und stritt mich mit Gott herum. Und am Ende akzeptierte ich den Gedanken, der für mich so lange ganz unten auf meiner Liste gestanden hatte. Ich nahm eine Vollzeitstelle in der Gemeinde an, die aus der so rasend schnell gewachsenen Jugendgruppe meiner Heimatgemeinde entstanden war: der Willow Creek Community Church. Mein Titel lautete Programmdirektorin und beschrieb eine völlig neue Position. Ich war verantwortliche Leiterin all jener Dienstbereiche, die mit Kunst zu tun hatten, Copyright und damit lag das komplette Programm für die SonnBrunnen Verlag Gießen 2013 tagsgottesdienste – außer der Predigt – in meiner Hand. Bill Hybels, inzwischen Hauptpastor der Gemeinde, war mein direkter Vorgesetzter, außerdem gehörte ich dem ersten Leitungsteam von Willow Creek an. Damit hatte meine Reise als weibliche Leiterin in der Gemeinde offiziell begonnen. Seit jenem Sommertag, als das kleine Mädchen einen Blick in ihre Zukunft tat, ist viel Zeit vergangen. Manchmal wünschte ich, ich könnte zurückreisen zu jenem Tag. Ich würde mich neben das Mädchen setzen, das ich damals war, würde ihr in die blauen Augen schauen, in denen sich Hoffnung und Ungewissheit die Waage halten, und würde sagen: 53
Nancy Lee, Gott hat keinen Fehler gemacht, als er dich schuf. Als im Himmel die Gaben verteilt wurden, haben die Engel nicht gesagt: „Stopp!!! Das ist ja ein Mädchen – der können wir unmöglich die Gabe der Leitung geben!“ In 1. Korinther 12 steht, dass der Heilige Geist die Gaben so verteilt, wie er es möchte. Jeder deiner Gaben, Nancy, ist das Geschenk eines liebenden Vaters, der dich schon im Mutterleib gebildet und ausgestattet hat. Er findet gut, wie du geworden bist. Du bist kein Produkt des Zufalls oder weniger weiblich, nur weil du gerne leitest, klug bist und viele Träume und Ziele hast. All diese Träume hat dein Schöpfer in dich hineingelegt, ebenso deine natürliche Gabe zu leiten und deinen leidenschaftlichen Wunsch, in dieser Welt etwas zu bewegen. In deiner Gemeinde siehst du keine Frauen in leitenCopyright den Positionen. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass Brunnen Verlag Gießen 2013 Gott das nicht will. Und eines muss dir ganz klar sein: Eines Tages wird man dich fragen, was du mit den dir anvertrauten Gaben getan und wie du sie in deinem Leben eingesetzt hast. Da wird die Entschuldigung „Ich bin ja nur eine Frau“ nicht gelten. Du hast die Gabe der Leitung. Gib also nicht auf. Vor dir liegt ein Abenteuer, das du dir heute noch nicht einmal ansatzweise vorstellen kannst. Das wird kein leichter Weg. Manchmal wirst du Angst haben und dich sehr einsam fühlen. Du wirst dich fragen, ob sich die Mühe wirklich lohnt. Aber Gott wird dich niemals verlassen. Er hat einen Plan für deine Zukunft – und eine Hoffnung. Verlass dich ganz auf ihn 54
und ignoriere nie die leise Stimme, durch die er in deinem Inneren zu dir spricht. Und vor allem – genieß es! Sollten Sie eine Frau in einer Leitungsposition sein, lesen Sie bitte diese drei Abschnitte noch einmal, aber ersetzen Sie meinen Namen durch Ihren. Ich glaube nämlich, dass unser Schöpfer für Sie genau dieselbe Botschaft hat. Sie sind kein Fehler. Ich bete dafür, dass Sie sich ganz einlassen können auf das gefährliche und atemberaubende Abenteuer, an leitender Position einen Beitrag für das Reich Gottes zu leisten. Und ich hoffe, dass Sie, so wie ich, die Freude dabei nicht aus den Augen verlieren.
Copyright Brunnen Verlag Gießen 2013
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2 Willkommen im Männerklub Vier Augenpaare starren mich an. Rory, Tom, Judson und Joel. Ich bin Willow Creeks „Programmdirektorin“ (der Titel ist eine Idee meines Pastors), und diese vier sind mein erstes Team von hauptamtlichen Mitarbeitern. Ich soll mit diesem Team und vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern das Programm für die Gottesdienste planen und auch umsetzen. Eine weibliche Vorgesetzte ist für die vier eine absolute Neuheit. Wir haben alle bereits jahrelang ehrenamtlich mitgearbeitet, aber jetzt bin ich ihre Chefin, und das ist etwas völlig anderes. Die erste Teambesprechung steht an, und mir ist klar, dass Copyright ein guter Start mehr als wichtig ist. Brunnen Verlag Gießen 2013 Ich hole tief Luft und entschließe mich zu einem eher zwanglosen Gesprächsbeginn mit einfachen Fragen wie: „Wie war euer Wochenende?“ „Habt ihr etwas Schönes unternommen?“ „Wie geht es euren Familien?“ Als sie merken, dass ich nicht sofort mit dem ersten Punkt auf der Tagesordnung starte, entspannen sie sich und lassen sich auf das Gespräch ein. Und auch ich erzähle von meinem Wochenende, wie mein Mann Warren und ich vergeblich versucht haben, den defekten Duschkopf auszutauschen bzw. das kaputte Dach zu reparieren. Damit ist das Eis gebrochen, denn die meisten Künstler hören gerne von anderen Männern, die auch nicht gerade geborene Handwerker sind – ja, die oft noch nicht einmal 56
einen eigenen Werkzeugkasten besitzen. Und so begann unser gemeinsamer Weg. Während wir lernten, unsere Aufgaben in Angriff zu nehmen und abzuarbeiten, wurden wir Freunde. Das Team wuchs. Irgendwann gehörten acht Männer dazu, die sich – in Anspielung auf meinen Nachnamen – die „Beach Boys“ nannten. Zu dem Zeitpunkt war ich siebenundzwanzig und im Hinblick auf eine offizielle Leitungsposition noch relativ unerfahren. Aber so viel wusste ich: Ein guter Start ist entscheidend, und man muss Beziehungen aufbauen, die von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägt sind. Da mir schnell klar war, wie viel ich noch zu lernen hatte, stellte ich immer viele Fragen und zapfte damit sozusagen das Fachwissen meines Teams an. Von Rory und Tom lernte ich viel über Musik; mit Judson verCopyright suchte ich, eine „Theaterphilosophie“ für Gemeinden zu Brunnen Verlag Gießen 2013 entwickeln; Joel unterstützte mich bei meinem größten Schwachpunkt – der Technik. Ich war noch nicht lange Programmdirektorin, als ich auch Mitglied des Leitungsteams wurde. Die Gruppe bestand aus den vier Leitern der verschiedenen Dienstbereiche in der Gemeinde und unterstand direkt Bill Hybels. Ich war die einzige Frau. Mit diesen Kollegen musste ich nun Strategien entwerfen, zusammenarbeiten und faires Streiten lernen. Keiner hatte jemals vorher so eng mit einer weiblichen Leiterin zusammengearbeitet. Jeden Dienstag quetschten wir uns in Bills Auto und fuhren zum Mittagessen in ein nahe gelegenes Restaurant. Dort saßen wir in einer ruhigen Ecke und besprachen 57
Gemeindeangelegenheiten. Noch heute weiß ich genau, was jeder Einzelne bestellt hat – es war jeden Dienstag dasselbe. Nach einigen Jahren kam eine weitere Frau dazu, im Laufe der Zeit dann noch einige andere. Jahrzehnte später ging ich in einen imposanten Konferenzsaal. Kernstück des Raumes war ein großer Holztisch, um den etwa zwanzig bequeme „Chefsessel“ gruppiert waren. Man hatte mich gebeten, in das Leitungsteam der Willow Creek Association einzusteigen. Als ich mit meinem Stuhl an den Tisch rückte, musste ich denken: „Nun geht es also wieder von vorne los.“ Ich bin das erste weibliche Mitglied in einem Gremium, das seit fünfzehn Jahren besteht. In dem Moment trifft es mich wie ein Blitz: In jedem Leitungsteam, dem ich bisher angehört habe, fühlte ich mich immer wie das Experiment, die Ausnahme, die einCopyright zige, die hin und wieder einen Rock trug, und die eigentBrunnen Verlag Gießen 2013 lich nicht in den Männerklub gehörte. So oder ähnlich muss sich jeder fühlen, der in einem Kreis von Leitern einer Minderheit angehört, sei es nun wegen der Rasse, des Alters oder des Geschlechts. Ich vermute, dass viele Frauen diese Erfahrung mit mir teilen. Fühlen Sie sich manchmal auch alleine, wenn Sie für Ihre Gemeinde oder Ihr Unternehmen neue Wege einschlagen – als erste Frau in ihrer Position? Überrascht es Sie, dass Sie zu manchen Sitzungen gar nicht erst eingeladen werden oder man Ihnen aufgrund Ihres Geschlechts manches von vornherein nicht zutraut? Ich habe genug Telefongespräche und Unterhaltungen geführt, habe genug E-Mails bekommen von Frauen, die in 58
Gemeinden Leitungsverantwortung tragen, um zu wissen, dass ich mit meinen Erfahrungen nicht alleine stehe.
íˇž Charakter gefragt Im RĂźckblick erkenne ich, wie unglaublich gnädig Gott in diesen prägenden Jahren im Leitungsdienst gewesen ist. Obwohl ich mich allein gelassen fĂźhlte und andere Frauen als Mentorinnen mir nicht zur VerfĂźgung standen, hat mein SchĂśpfer mich mit gewissen Instinkten ausgestattet, und so wurde ich vor so mancher Falle bewahrt, in die ich auf meinem Weg in den „Männerklub“ leicht hätte tappen kĂśnnen. Der wichtigste war ein intuitives GespĂźr dafĂźr, dass bei allem BemĂźhen, meine AufCopyright gaben und den Umgang mit Mitarbeitern professionell Brunnen Verlag GieĂ&#x;en 2013 zu gestalten, letzten Endes mein Charakter entscheidend sein wĂźrde. Bei allem BemĂźhen, meine Aufgaben und den Umgang mit Mitarbeitern professionell zu gestalten, ist letzten Endes mein Charakter entscheidend. Normalerweise verbinden wir mit dem Begriff Charakter Eigenschaften wie Ehrlichkeit, VertrauenswĂźrdigkeit und Ethik. Ich verbinde damit allerdings noch sehr viel mehr, so wie Henry Cloud es in seinem Buch Charakter gefragt aufzeigt. Er betont: „Ob mit Intelligenz, Talent, Kompetenz, Energie, BemĂźhen, DurchsetzungsvermĂśgen und MĂśglichkeiten Erfolge erzielt werden, hängt letztendlich davon ab, wer und wie die Person ist, die all dies einsetzt.“ Bei Charakter geht es um die Schattenseite des 59
Leitungsdienstes: Wer wir sind, wenn uns niemand sieht und wie wir mit anderen umgehen.
íˇž In den letzten Jahren ist viel geschrieben worden zum Thema emotionale und Beziehungsintelligenz am Arbeitsplatz. Studien belegen, dass entsprechende Fähigkeiten fĂźr langfristige Erfolge viel entscheidender sind als alle anderen Charaktereigenschaften zusammen. Auch wenn wir uns das anders wĂźnschen wĂźrden, lautet die dahinterstehende Wahrheit doch: Leiter werden eher unterstĂźtzt und ernst genommen, wenn sie auch sympathisch sind. Wenn sie vertrauenswĂźrdig sind, warm und eine freundliche Atmosphäre schaffen. Das gilt fĂźr Frauen wie fĂźr Männer. Copyright Bei der Frage des Charakters mĂśchte ich Ihnen vier Brunnen Verlag GieĂ&#x;en 2013 entscheidende Eigenschaften ans Herz legen: Demut, Selbstvertrauen, Humor und Integrität.
íˇž Selbstvertrauen Demut gepaart mit Selbstvertrauen scheint fĂźr viele christliche Leiter ein Widerspruch zu sein. Ich glaube allerdings, dass auch das mit unserem falschen Bild von wahrer Demut zusammenhängt. Leiter sollen besonnen und mutig leiten, besonders wenn es darum geht, eine Vision zu vermitteln und 60
Menschen zu inspirieren. Biblische Frauengestalten wie Miriam, Esther, Debora und Priscilla, die alle eine leitende Rolle innehatten, konnten mit Gottes Hilfe Selbstvertrauen zeigen und damit GroĂ&#x;es bewegen. Niemand folgt gerne einem Leiter, der nur zĂśgerlich agiert und Entscheidungen oder Standpunkte permanent infrage stellt. Als Leiterin des Dienstbereiches Kunst musste ich täglich unzählige Entscheidungen treffen. Manchmal hätte ich sie lieber noch etwas aufgeschoben, hätte lieber noch mehr Informationen eingeholt oder die Verantwortung an jemand anderen abgegeben, anstatt Mut zu beweisen und zur richtigen Zeit den nĂśtigen Schritt zu gehen, auch wenn er sich im Nachhinein als falsch herausstellt. Viele Leiterinnen, die ihre Aufgaben mit viel SelbstverCopyright trauen erledigen, befĂźrchten zu ehrgeizig oder zu machtBrunnen Verlag GieĂ&#x;en 2013 bewusst zu werden. Ich habe mich selbst oft gefragt, ob der richtige „heilige Ehrgeiz“, also der Wunsch zu leiten und dadurch etwas zu bewegen, mich wohl arrogant machen wĂźrde. Kann es vielleicht sein, dass dieses Dilemma in christlichen Kreisen besonders ausgeprägt ist? Wie oft wird eine nach biblischen Grundsätzen lebende Frau beschrieben als freundlich, gehorsam, ruhig, liebevoll und zufrieden mit einem Dienst im Hintergrund. All das sind natĂźrlich wunderbare Charaktereigenschaften, aber einige Frauen haben eine starke PersĂśnlichkeit mitbekommen, andere sind alles andere als ruhig!
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Bei Männern gelten bestimmte Verhaltensweisen als Durchsetzungsvermögen. Zeigen Frauen dasselbe Verhalten, hält man sie für aggressiv – oder Schlimmeres. Meine Freundin Jayne versucht, in ihrem Männerklub sie selbst zu bleiben, und ich ermutige sie dazu, herumzuexperimentieren, Rückmeldungen von ihr wohlgesonnenen Kollegen einzuholen und der Versuchung zu widerstehen, ihre Persönlichkeit zu verändern, nur um einem von anderen übergestülpten Bild zu entsprechen. Sie weiß, dass sie auf ihre ganz eigene Art den Weg bereitet für Frauen, die nach ihr kommen werden. Viele Leiterinnen entschuldigen sich für ihre Leidenschaft und ihre Ziele und wirken dadurch bei Entscheidungen unsicher und zögerlich. Das gilt nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb von Gemeinden. Die Schauspielerin Amy Poehler, eine der wenigen Frauen Copyright im Kreativteam für die US-amerikanische ComedyBrunnen Verlag Gießen 2013 Show Saturday Night Live, sagte dazu: „Frauen, die sich für eine Karriere als Regisseurin, Produzentin oder Drehbuchautorin entscheiden, werden oft als dreist angesehen, und das wird ihnen auch deutlich vermittelt. Uns wird eingeredet, wir würden zu viel Raum einnehmen.“ Wir müssen aufhören, uns für unsere Talente und sich ergebende Möglichkeiten zu entschuldigen! Wir nehmen nicht zu viel Raum ein, wenn wir der Berufung Gottes folgen – einer Berufung, die vielleicht von uns fordert, dass wir über unseren Schatten springen, tief Luft holen und einfach anfangen zu leiten. Finde ich mich in einer Situation wieder, in der ich es 62