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Eckart zur Nieden

Das Uhrwerk des Meisters Korntal – eine Geschichte von Aufbruch, Abenteuer und Hoffnung

Historischer Roman


BRUNNEN VERLAG Gießen

Eckart zur Nieden

Das Uhrwerk des Meisters Korntal – eine Geschichte von Aufbruch, Abenteuer und Hoffnung Historischer Roman 272 Seiten, gebunden, 14 x 21 cm Erscheinungsdatum: 6.8.2012 ISBN 978-3-7655-1198-1, Bestell-Nr. 191198 EUR: 14,99 (D) /SFr *22,50 / 15,50 (A)Eckart zur Nieden, nach technischer und theologischer Ausbildung 35 Jahre als Redakteur im Evangeliums-Rundfunk (ERF Medien) tätig, ist Autor von über fünfzig Büchern für Kinder und Erwachsene.

© 2012 Brunnen Verlag Gießen Lektorat: Petra Hahn-Lütjen Bildrechte: www.diakonie-korntal.de Umschlagmotiv: Shutterstock.com Umschlaggestaltung: Ralf Simon Satz: DTP Brunnen Herstellung: GGP Media GmbH, Pößneck 2011 im Brunnen Verlag von Eckart zur Nieden erschienen: Zwischen Tau und Tag. Gute Gedanken am Morgen


F端r meine geliebte Edeltraud

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2 Nicht weit entfernt, etwa drei Stunden später, kam ein anderer Bauer, er hieß Karl Stiller, vom Pflügen nach Hause. Ehe er um die Waldecke bog, die seinen Hof noch vor seinen Blicken verbarg, kam ihm sein jüngster Sohn auf nackten Füßen entgegengelaufen. „Vater, komm schnell! Ruben ist da!“, rief er mit seiner hellen Stimme. Der Bauer schnalzte mit der Zunge und redete seinem einen Pferd gut zu. Aber auch dies ließ sich kaum aus der Ruhe bringen. „Was sagst du, Benjamin?“, fragte er, als der etwa siebenjährige Junge herangekommen war. „Ruben ist da?“ „Ja, er will sich verabschieden.“ „Verabschieden? Erst muss er uns mal begrüßen, ehe er sich verabschieden …“ „Nein, er muss weit fort, sagt er, und wird uns lange nicht sehen. Darum ist er nur kurz gekommen … ach, er kann es dir ja selbst erklären.“ Als sie zusammen auf den Hof kamen, sagte Benjamin: „Soll ich das Pferd in den Stall bringen? Dann kannst du schon reingehen.“ Sein Vater nickte und stieg die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Ehe er sie öffnen konnte, kam schon sein älterer Sohn heraus und umarmte ihn. Er trug die bunte Uniform der Soldaten des württembergischen Königs. Stattlich sah er darin aus, stellte sein Vater mit ein wenig Stolz fest. „Endlich sehe ich dich mal wieder, mein Junge!“ „Nicht lange, Vater“, antwortete der. „Ich habe nur kurz frei bekommen. Morgen müssen wir abrücken.“ 14


„Wohin?“ „Nun, zunächst zu einem Sammelplatz. Ich weiß nicht, wo. Vielleicht Ludwigsburg.“ „Und dann?“ Ruben zuckte die Achseln. Da traten seine Mutter und seine Schwester näher heran, die der Begrüßung aus dem Flur zugesehen hatten. „Nach Russland wahrscheinlich“, seufzte Frau Stiller. „Russland?“ Der Vater sah seinen Sohn erschrocken an. „Das möge Gott verhüten!“ „Niemand weiß es genau“, erklärte Ruben, „aber alle reden davon. Es heißt, Napoleon wolle Russland angreifen, obwohl ein Vertrag zwischen beiden Ländern besteht, der das verhindern sollte. Nun braucht er alles, was er mobilisieren kann. Es soll das größte Heer werden, das es je gegeben hat. Erzählt man sich.“ „Kriegt der denn nie genug? Er ist machtgierig! Er kennt keine Grenzen! Mehr noch, er ist der Antichrist!“ „Nicht so laut, Karl!“, unterbrach ihn seine Frau. „Wenn das zufällig jemand hört …!“ „Wer soll uns denn hier hören, auf unserem Hof? Außerdem ist es die Wahrheit. Die Brüder in der Bibelstunde sehen es genauso. Bruder Straub soll gesagt haben, ihm sei ein eiskalter Schauer über den Rücken gelaufen, als er den Kaiser bei einer Parade in Ludwigsburg sah. Und er sei in dem Moment sicher gewesen, dass Napoleon der Antichrist ist. Und einer hat noch auf den Gleichklang seines Namens mit Apollyon hingewiesen, der in der Offenbarung in Kapitel 9, Vers 11 genannt wird.“ „Das mag ja alles sein, aber lass uns wenigstens ins Haus gehen und Tür und Fenster schließen, wenn wir über so etwas reden. Und ihr Kinder – hört ihr, Magdalena und Benjamin? – ihr erzählt niemandem, was ihr von Vater zu dem Thema hört! Ist das klar?“ 15


Benjamin, der gerade herangekommen war, nickte. Magdalena, nicht erst seitdem sie vierzehn wurde zum Widerspruch bereit, meinte: „Wenn es aber doch stimmt!“ „Du sprichst mit niemandem darüber!“, sagte die Mutter streng. „Außerdem weiß niemand, ob das stimmt.“ „Vater weiß es.“ „Genug davon! Kommt rein!“ Magdalena schwieg, machte aber ein trotziges Gesicht. Alle gingen hinein. Die Stube war dunkel, weil durch die zwei kleinen Fenster nur wenig Licht hereinfiel und zudem Möbel und Deckenbalken aus dunklem Holz Licht schluckten. Der Raum war so niedrig, dass Karl Stiller nur gebückt durch die Tür gehen konnte und auch drinnen aus reiner Gewohnheit den Kopf einzog, um sich nicht an den Deckenbalken zu stoßen. Ruben und seine Eltern setzten sich auf die grob gezimmerten Stühle, die um den Tisch herum standen, Magdalena und Benjamin rutschten auf die Eckbank. „Was ist das, Antichrist?“, fragte Benjamin. „Das erkläre ich dir ein anderes Mal“, sagte sein Vater. „ Jetzt wollen wir mit Ruben reden, wenn er nur so kurz da ist. Wann musst du weg, Ruben?“ „Eigentlich jetzt“, antwortete der mit einem Blick auf die große Standuhr mit dem Pendel. „Aber wenn ich mich nachher beeile – ein paar Minuten noch.“ „Dann wollen wir die Zeit nutzen und beten. Vorher will ich dir aber noch ein Wort mit auf den Weg geben. Im Psalm 91 steht: ‚Wenn tausend fallen an deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.‘“ „Wenn man das nur so fest glauben könnte!“, hauchte die Bäuerin leise. Ihr Mann blickte sie mit großen Augen an. „Glaubst du es etwa nicht, Marie?“ 16


Die zuckte nur die Achseln und blickte vor sich auf die Tischplatte. „Wie denn?“, fragte Magdalena. „Kann einem gar nichts passieren, wenn man an Gott glaubt?“ Einige Augenblicke sagte niemand etwas. Dann meinte Ruben: „Das stimmt sicher nicht. Es ist schon mancher Gläubige von einer Kugel getroffen worden. Oder früher von einem Pfeil oder einem Schwert.“ Magdalena fragte: „Aber was hat der Psalmvers denn für einen Sinn, wenn …“ „Schluss jetzt!“, sagte Bauer Stiller, aber nicht sehr streng. „Wir wollen vertrauen, dass Gott unseren Ruben beschützt.“ „Und“, ergänzte seine Frau, „dass er nicht in die Lage kommt, einen Menschen erschießen zu müssen.“ „Ja, das ist wahr, dafür wollen wir beten.“ Benjamin meinte: „Aber dafür ist er doch Soldat! Wenn er keinen erschießen soll, zieht er ja ganz umsonst nach Russland. Da kann er doch gleich hierbleiben.“ Seine Mutter, die neben Benjamin saß, legte ihm den Arm um die Schulter. „Das wäre sicher das Beste. Aber der König will es nun mal so. Und der Obrigkeit muss man gehorchen, steht in der Heiligen Schrift.“ „Wie sich das anhört: König!“, brummte der Vater. „Unser dicker Friedrich! Vor wenigen Jahren war er noch Herzog. Da hat dieser Emporkömmling aus Korsika sich selbst zum Kaiser erklärt, und den Herzog von Württemberg zum König. Was für eine Ehre! Und der fühlt sich nun geschmeichelt und dient dem Korsen als treuer Vasall.“ Ruben meinte: „Was bleibt ihm anderes übrig? Außerdem hat Napoleon ihm sein Reich auf Kosten anderer Fürsten ganz schön vergrößert, damit es als Königreich nicht allzu lächerlich wirkt. Fast verdoppelt! Aber jetzt …“ Er deutete auf die Uhr. „Du hast recht“, sagte sein Vater. „Wir beten.“ 17


Er kniete sich auf den Bretterboden, mit den Ellenbogen auf seinen Stuhl gestützt. Die anderen taten es ihm gleich, schlossen die Augen und warteten auf die Worte des Familienvaters. Nur Magdalena blinzelte umher. Sie sah, dass aus den geschlossenen Lidern ihrer Mutter Tränen hervorquollen.

3 „Da sind sie wieder!“, rief Philipp. Er hörte das Trappeln der Hufe auf dem Hof und sah durchs Fenster die französischen Uniformen. Sein Vater hatte sie auch schon bemerkt und kam aus dem Schweinestall, die Mistgabel noch in der Hand. Es waren wieder die gleichen vier Franzosen, nur ohne die zusätzlichen Pferde. Stattdessen hatten sie einen weiteren Mann mitgebracht, einen Zivilisten. Er trug einen langen braunen Rock, der, obwohl er unzählige glänzende Knöpfe hatte, vorn offen stand und ein blütenweißes Hemd mit Rüschen sehen ließ. Der Mann stieg ab und fragte: „Sind Sie der Bauer Uhl?“ „Wer will das wissen?“, entgegnete Philipps Vater. Der Gefragte ging auf den Bauern zu und zeigte ihm ein Dokument, so kurz allerdings, dass der es auch nicht hätte lesen können, wenn er diese Kunst beherrscht hätte. „Ich bin von seiner Majestät, König Friedrich von Württemberg, beauftragt, dafür zu sorgen, dass die Armee des Kaisers in allen Belangen vom Volk der Württemberger unterstützt wird. Mir wurde berichtet, Sie hätten sich geweigert, ein Pferd abzugeben, das dieser Offizier requirieren wollte. Sie sollen so ge18


tan haben, als hätten Sie nicht verstanden, worum es ging. Ich bin zwar überzeugt, dass Sie es sehr wohl verstanden haben. Aber um alle Missverständnisse auszuschließen, bin ich mitgekommen, um Sie über die Rechtmäßigkeit dieser Aktion zu belehren.“ „Rechtmäßigkeit? Es soll Recht sein, wenn man mir meine Pferde wegnimmt?“ Bauer Uhl konnte sich nur mühsam beherrschen, was an seinem rot gewordenen Kopf zu erkennen war. „Nur ein Pferd, Herr Uhl. So lautet der Erlass. Jeder, der zwei Pferde hat, muss eins abgeben. Das andere darf er behalten, damit er seine Landwirtschaft weiter betreiben kann.“ „Wie großzügig!“ „Richtig!“, bestätigte der Mann, als hätte er die Ironie in Uhls Worten gar nicht bemerkt. „Meine Pferde sind schwer und langsam, zum Reiten völlig ungeeignet.“ „Napoleon braucht auch Pferde, die seine Versorgungswagen und die Kanonen ziehen.“ „Soll er doch seine Kanonen selber ziehen!“ „Sie sollten sehr aufpassen, was Sie sagen, Bauer Uhl! Sonst könnten Sie wegen Majestätsbeleidigung angeklagt werden.“ Dann wandte er sich an die Soldaten und sagte etwas auf Französisch. Die stiegen ab und gingen zu den Pferden, die auf einer Weide hinter der Scheune grasten. Uhl eilte hinterher, immer noch mit der Mistgabel in der Hand. Auch der Fremde folgte, und als Letzter Philipp. Der Bauer überholte die Soldaten, stellte sich vor seine Pferde und streckte den Franzosen seine Mistgabel entgegen. „Das lasse ich nicht zu!“, schrie er. „Vater!“, rief Philipp. „Sie sind stärker!“ Der Beamte versuchte, die Wogen zu glätten, indem er mit möglichst ruhiger Stimme sagte: „Nehmen Sie doch Vernunft an, Uhl! Treiben Sie es nicht auf die Spitze!“ 19


Der französische Offizier winkte seinen Männern. Während der eine vor den Spitzen der Gabel herumtänzelte, dann einen Schritt zurücktrat, und einen Säbel herauszog, kam der andere von der Seite und packte den Bauern an den Armen, um ihm seine primitive Waffe zu entreißen. Der dritte löste inzwischen eins der Pferde von seinem Pflock. Uhl riss sich los, trat einen Schritt zurück und stach nach dem Soldaten. Er traf ihn in den Bauch. Der Mann schrie auf und krümmte sich, dann fiel er zusammen. Sein Kamerad stach mit dem Säbel zu, ohne einen Befehl abzuwarten. Die Klinge fuhr Philipps Vater in die Brust. Der sackte ohne einen Laut zusammen. Alle drei Franzosen, die unverletzt waren, schrien wütend und fluchten in ihrer Sprache. Der Offizier schien auch dem deutschen Beamten Vorwürfe zu machen, die andern beiden kümmerten sich um ihren verletzten Kameraden. Dessen Verwundung schien nicht so schlimm zu sein, wie es zunächst den Anschein hatte. Mit Hilfe der anderen konnte er aufstehen. Um Bauer Uhl kümmerte sich niemand. Nur Philipp ging, bleich vor Schreck, langsam zu ihm hin und fiel neben ihm auf die Knie. Der Beamte trat neben ihn und redete mit ihm. Aber Philipp hörte es überhaupt nicht. Er neigte sein tränenüberströmtes Gesicht zu seinem toten Vater hinunter und legte seine Stirn auf dessen Gesicht. Die Franzosen gingen laut fluchend zum Hof zurück, wo ihre Pferde standen. Während der Offizier und einer seiner Männer den laut stöhnenden Verletzten auf sein Pferd hoben, verschwand der vierte kurz in der Scheune und im Stall. Danach kam er zurück zur Weide und nahm beide Pferde des Bauern, ohne auf den Toten und seinen Sohn zu achten. Der Beamte folgte ihnen und bestieg ebenfalls sein Pferd. Als sie alle fünf fortgeritten waren, wurde es still. 20


Erst nach einigen Minuten wurde Philipp aus seiner Trauer aufgeschreckt. Was war das für ein Geräusch? Es klang wie Knistern und Fauchen von Feuer. Er sprang auf. Das Erste, was er sah, waren die Schwalben, die aufgeregt aus dem Scheunentor flogen, wieder hinein, als hätten sie Angst um ihre Brut, und wieder heraus. Dann sah er Rauch aus dem Dach quellen. Noch ehe er beim Hof angekommen war, schlugen Flammen aus der Scheune! Und da – im Stall daneben brannte es auch! Starr vor Schreck stand er einfach nur da und sah zu. Gelähmt vor Entsetzen konnte er sich nicht entscheiden, ob er beim Hof bleiben oder zu seinem toten Vater zurückgehen sollte. Dabei kam er gar nicht auf den Gedanken, wenn er das Feuer schon nicht bekämpfen konnte, wenigstens die Tiere aus dem Stall zu befreien. Erst als es fast zu spät war, schreckte ihn das Muhen der Kühe und das Quieken der Schweine auf. Er rannte in die Ställe und öffnete die Verschläge. Das Vieh stürzte heraus, eine Kuh hätte ihn dabei fast umgerannt. Es dauerte nicht lange, da standen Scheune und Stall vollständig in Flammen. Und dann auch das Wohnhaus, das mit dem Stall zusammengebaut war. War noch etwas zu retten? Er rannte um das Haus herum und suchte nach einer Tür oder einem Fenster ohne Feuerschein dahinter. Aber es brannte überall, er konnte nicht mehr hinein. Philipp wusste nicht, was er tat. Mit angesengten Haaren und Kleidern trottete er zu seinem Vater zurück, hockte bei ihm nieder und schluchzte: „Komm doch wieder, Vater! Komm doch wieder! Ich hab doch nur dich. Warum lässt du mich allein, Vater?“ Sein Schluchzen ging in lautes Weinen über.

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