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Abby Sunderland/Lynn Vincent

Wild Eyes – mit dem Wind um die Welt Mit 16 allein auf dem Meer


Abby Sunderland / Lynn Vincent

WILD Eyes mit dem Wind um die Welt Mi t 16 allein auf dem Meer 232 Seiten, gebunden, 14 x 21 cm Erscheinungsdatum: 08.02.2012 ISBN 978-3-7655-1184-4, Bestell-Nr. 191184 EUR 14,99 (D) / SFr * 22,50 / EUR 15,50 (A)

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel „Unsinkable – A young woman’s courageous battle on the high seas“ bei Thomas Nelson, Tennessee/USA. Thomas Nelson is a registered trademark of Thomas Nelson, Inc. All Rights Reserved. © 2011 by Abigail Sunderland a/k/a Abby Sunderland Lizenzausgabe mit Einverständnis des Verlags Thomas Nelson, Inc. Deutsch von Evelyn Reuter

Bibelzitat S. 5 aus: Lutherbibel, revidierte Ausgabe, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

© der deutschen Ausgabe Brunnen Verlag Gießen 2012 www.brunnen-verlag.de Umschlagfoto: © 2011 GizaraArts.com (Abby); © 2010 Trevor Wilkins (Wild Eyes) Umschlaggestaltung: Sabine Schweda Innenfotos: soweit nicht anders angegeben: © Familie Sunderland Satz: DTP Brunnen Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm


Inhalt

Der Indische Ozean

7

1 Guadalupe

13

2 Abbys Traum

27

3 Das richtige Boot

31

4 Wild Eyes

43

5 Ein neues Outfit für die Wild Eyes

49

6 Harte Kritik

54

7 „Komm nicht zu spät zum Essen!“

66

8 Delfine und Sonnenuntergänge

75

9 Zweiter Start

86

10 Äquatortaufe

95

11 Kap Hoorn

107

12 Angst im Südatlantik

127

13 Landgang

139

14 Das Wunder am Mast

149

15 Albtraum auf See

169

16 Heimkehr

205

Die Wild Eyes: Abbys Open 40-Jacht (Zeichnung)

214

Verzeichnis einiger Begriffe aus der Seefahrt

216

Dank

221

Anmerkungen

223

5


Für Mama, für alles, was du hinter den Kulissen für mich getan hast. Ich verdanke dir unendlich viel. Für Papa, für all deine Unterstützung und dass du immer an mich geglaubt hast. Nur so konnte mein Traum wahr werden. Danke für eure Liebe und dass ihr mir immer den Rücken gestärkt habt.

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Psalm 139,9-10


Abby Sunderlands Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt: von Abby selbst und von der Journalistin Lynn Vincent. Man erkennt sie an den beiden unterschiedlichen Symbolen. Eine Karte von Abbys Route befindet sich hinten auf den letzten beiden Seiten im Buch, eine Abbildung von Abbys Boot Wild Eyes auf Seite 214.

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Der Indische Ozean Auf Seekarten gibt es Orte, vor denen selbst wettergegerbte, alte Seeleute einen riesen Respekt haben. Denn sie wissen: Hier darf nichts schiefgehen. Wer hier durchkommen will, darf nichts dem Zufall überlassen. Orte wie die windumtoste Passage südlich von Kap Hoorn in Südamerika. Oder die Mitte des Indischen Ozeans. Hier war ich! Flächenmäßig ist der Indische Ozean zwar kleiner als der Pazifik und der Atlantik, doch immerhin bedecken seine Wassermassen rund 14 Prozent der Erdoberfläche – 74,9 Millionen Quadratkilometer. Im Norden begrenzt durch die zerklüfteten Küsten Indiens und Südostasiens, erstreckt er sich im Westen bis Afrika. Im Osten rollen seine Wogen an die Strände Australiens und Indochinas. Im Süden trotzt die Antarktis seiner Wucht. Auf seiner unendlichen Wasserfläche schimmern wie kostbare Juwelen unzählige Inseln und exotische Inselstaaten wie Madagaskar, Piratenstützpunkt des 18. Jahrhunderts, oder die Malediven, deren türkisblaue Gewässer die Heimat von sechsundzwanzig verschiedenen Haiarten sind. Der Indische Ozean ist schön und gleichzeitig schrecklich. Segler kennen seine friedliche Seite, mit stetigen Winden und klarem Himmel. Sie wissen aber auch, dass er sich in ein brüllendes Ungeheuer verwandeln kann, das mit schweren Gewitterwolken, Blitzen und turmhohen Wellen zum Kampf herausfordert – der Mensch gegen das Meer. Noch vor weniger als hundert Jahren bedeutete ein manövrierunfähiges Schiff in den rollenden Brechern des Indischen Ozeans das Todesurteil. Für den Kapitän blieb nur 9


die Hoffnung, dass ihm sein Rumvorrat nicht ausging, bevor er starb. Selbst heute, im Zeitalter der Technik, bleibt der Indische Ozean ein gefährliches Gewässer. Sein Zentrum liegt zweitausend Seemeilen von der nächsten Such- und Rettungsstation entfernt. So weit, dass einem Rettungsflugzeug, das tief genug fliegen kann, um ein sinkendes Segelboot zu orten, der Kraftstoff ausgeht, bevor es das Boot erreicht.

Seewetterbericht des Seewetterdienstes Commander’s Weather Vorhersage für den 9. Juni 2010 12:30 UTC (= koordinierte Weltzeit): Am Mittwoch auffrischender Wind aus NW bis N um 15:00 UTC, dann vorwiegend zwischen 21:00 UTC und 6:00 bis 9:00 UTC raue See aufgrund eines herannahenden Sturmsystems … Am Rande des Tiefdruckgebiets kommt es heute ab 21:00 UTC zu vereinzelten Böen und zunehmender Windgeschwindigkeit bis zu 50-60 Knoten. Danach auffrischender Wind aus NW, zwischen 6:00 und 9:00 UTC gefolgt von einer Kaltfront. Wind aus NW mit einer Geschwindigkeit von 35 bis 50 Knoten, mit einzelnen Böen bis zu 60 Knoten. Voraussichtlich 9 bis 12 Std. schwerste Wetterbedingungen.

Am tollsten waren die Stürme. Die Wild Eyes war ein schnelles Boot, eine 12-m-Jacht der Open 40-Klasse. Sie war für hohe Geschwindigkeiten gebaut und es machte Spaß, mit ihr über die bis zu neun Meter hohen Wellenkämme zu fliegen. Wellen, von denen jeder Segler nur träumen kann: riesige heranrollende Wasserberge, die aussahen wie in dunkle, graue Seide gehüllt. Tagsüber hingen große, schwarze Wolken über dem Meer, nur hin und wieder kam ein Sonnenstrahl durch. In der Nacht klarte es meistens auf. Dann 10


stand ich an Deck, mit eingehakter Sicherungsleine, und mein Boot und ich jagten über die hohe Dünung, während die Sterne über mir so groß und hell leuchteten wie Monde. In der zweiten Juniwoche verschlechterte sich das Wetter. Schwere Stürme zerfetzten die Segel der Wild Eyes und schlugen alles kurz und klein. Das Schlimme war, dass mir zwischendurch, wenn der Sturm mal Pause machte, keine Zeit blieb, um die Schäden zu reparieren. Das Segelflicken gehörte zu meinen wichtigsten Aufgaben, denn ohne Segel war die Wild Eyes hilflos. Meistens war ich, wenn mir der Sturm mal eine Pause gönnte, nur damit beschäftigt – alle anderen Reparaturarbeiten blieben liegen. Daher segelte ich auch schon die längste Zeit mit meinem Ersatzautopiloten, und selbst der funktionierte nicht richtig. Kaum hatte ich ein Leck unter dem Drosselventil repariert, drang schon wieder Seewasser in die Kabine ein. Die Heizung war schon lange kaputt, meine Kleidung trocknete nicht mehr und ich fror Tag und Nacht erbärmlich. Und während ich fieberhaft versuchte, die Schäden zu reparieren, frischte der Wind erneut auf und schon bald wurde ich wieder von Sturmböen in meiner winzigen Kabine hin und her geworfen wie ein Tischtennisball. Da half nur, mir selbst Mut zu machen. Du schaffst es, Abby! Lass dich nicht hängen! Du kannst nicht alles gleichzeitig machen – immer schön eins nach dem anderen. Der offene Ozean führt Segler an ihre körperlichen Grenzen und darüber hinaus. Das Segeln wird dann zu einem Akt reiner Willenskraft. Nie durfte ich zulassen, dass die Angst die Oberhand gewann. Denn wenn man anfängt, sich auszumalen, was alles passieren könnte, lähmt die Angst das Denken und man kann nichts mehr machen. Auf See hängt das Überleben von klaren Gedanken und schnellem, entschlossenem Handeln ab. Entscheidungen müssen sofort getroffen werden. Man darf keine kostbare Zeit verschwenden. Aber ich musste lernen, dass es Situationen gibt, in denen alle Willenskraft nicht ausreicht, egal, wie stark ich mich fühlte. 11


Am 10. Juni 2010 kam ich mitten im Indischen Ozean in das schwerste Unwetter meiner gesamten Tour. Wind und Wellen prügelten auf mein Boot ein und brachten es insgesamt vier Mal zum Kentern, sodass der Mast waagrecht aufs Wasser gedrückt wurde. Unter Deck musste ich mich festbinden, damit ich nicht dauernd gegen die Kabinenwände geschleudert wurde. Jedes Mal, wenn eine Sturzsee die Wild Eyes unter sich begrub, stieg der Autopilot aus und schaltete in den Stand-by-Modus. Und jedes Mal, wenn das Boot sich wieder aufrichtete, musste ich nach oben hechten, ins Cockpit springen und die Ruderpinne herumreißen, um von Hand zurück auf Kurs zu steuern. Ich öffnete die Luke zum Niedergang und sah, wie die Wild Eyes in der schweren See rollte und krängte. Von draußen drang das Brüllen des Windes an meine Ohren. Wellen schlugen über meinem Boot zusammen, Salzwasser klatschte mir ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich musste mein Trapez am Geländer einhaken, bevor ich den Niedergang hochklettern konnte. Das Deck war nicht mehr waagrecht, sondern ragte rechts wie eine hohe Wand vor mir auf. Ich machte einen Schritt nach draußen und suchte mit den Füßen Halt auf der schmalen Innenwand des Cockpits, die knapp unter der Wasserlinie lag. Die Wild Eyes rollte heftig in den Wellenbergen und tauchte immer wieder ein. Gischt peitschte mir ins Gesicht und hüllte das senkrechte Deck in weißen Nebel. Immer noch auf der Cockpitwand balancierend, tastete ich mich langsam voran. Dabei versuchte ich krampfhaft, nicht daran zu denken, dass der einzige feste Boden, den ich unter den Füßen hatte, der Meeresboden unter mir und das nächste erreichbare Land das 700 Meilen entfernte Kerguelen-Archipel war. Ich spürte, wie die Angst in mir hochstieg, obwohl ich verzweifelt dagegen ankämpfte. Mit aller Kraft konzentrierte ich mich darauf, was zu tun war. Weiter, Abby. Geh weiter, bis zum Cockpit. Nimm die Ruderpinne. Steuere das Boot. Als ich wieder in der Kabine war, wurde die Wild Eyes zum vier12


ten Mal von einer Sturzsee überrollt, schlimmer als vorher. Noch bevor ich die Luke öffnete, wusste ich, dass der Mast komplett unter Wasser gedrückt worden war – und das war nicht gut. Mit klopfendem Herzen wartete ich. Ich hörte nur das Brüllen des Windes und das Geräusch der Stage und Beschläge, die gegen den Mast schlugen. Ich hielt den Atem an. Wird sich das Boot wieder aufrichten? Oder wird es diesmal durchkentern? Ich spürte, wie die Wild Eyes tapfer gegen die Wellen ankämpfte – und dann langsam und allmählich wieder hochkam. Erleichtert atmete ich auf. Ich liebe dieses Boot!

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