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Brunnen Verlag Gießen

Christoph Zehendner

Mutter, hol den Tannenduft Weihnachtsgeschichten zum Staunen, Lachen und Feiern 112 Seiten, Gebunden, 10,5 x 17 cm Erscheinungsdatum: 09.08.2011 ISBN: 978-3-7655-1135-6 Bestell-Nr.: 191135 EUR 7,99 (D) / SFr *13,50 / 8,30 (A)

© 2011 Brunnen Verlag Gießen www.brunnen-verlag.de Lektorat: Eva-Maria Busch Umschlagmotiv: shutterstock Umschlaggestaltung: Ralf Simon Satz: DTP Brunnen Herstellung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm


Inhalt Immer noch kein Platz

7

Weihnachten ohne Weihnachten

13

Lebens-Licht

24

Er und ich

28

Das Fest des Baumes

41

AchterbahngefĂźhle

54

Die TĂźr

61

Driving home for Christmas

68

Kaufrausch

76

Unruhige Weihnachten

85

Der Spiegel

91

Die geklaute Weihnachtsfreude

5

100


Immer noch kein Platz „Ruhe, bitte Ruhe!“ Sichtlich entnervt wischt sich der Aufnahmeleiter den Schweiß von der Stirn, lässt sich in einen Klappstuhl fallen, fächelt nervös mit seinem Drehbuch. „Also noch mal ganz langsam von vorne: Ihr kippt dem Esel eine Flasche Evian in seinen Bottich und lasst die Flasche demonstrativ stehen, damit die Tierschützer nicht wieder Sturm laufen. Dem Ochsen hängt ihr das Schild ,Glückliches Rindvieh von glücklichem Bauernhof‘ um, so wie es die Landwirtschaftsministerin gefordert hat. Und dann zahlt ihr die drei Kerle aus, die wir engagiert hatten. Wir brauchen sie nicht mehr als Könige, ihr wisst ja: Die Frauenliga hat protestiert, der Verein für die Förderung junger Nachwuchsgenies und dann auch noch unser Programmdirektor, dessen Großneffe gerade die Schauspielschule besucht. Also ändern wir die Szene ab: Statt der mickrigen drei Weisen nehmen wir eine ganze Schar von jungen und alten Weisen und Weisinnen! Die kommen hier alle von links vorne durch, werfen kurz einen Blick auf die Krippe, legen im Vorbeigehen ihre Geschenke dort auf 7


den Boden und verlassen dann so schnell wie möglich den Raum durch diese Tür hier rechts. Alles klar?“ Maria nickt, Josef brummt, das Baby lächelt im Schlaf. Maria flüstert ihrem Josef ins Ohr: „Ist doch ganz egal, wie viele Weisen vorbeikommen, steht doch sowieso nicht so genau in der Weihnachtsgeschichte …“ „Klappe ‚Fröhliche Weihnachten‘ die 83.“, ruft der Aufnahmeleiter. Und gibt sich dabei alle erdenkliche Mühe, in diesen kurzen Satz seine ganze professionelle Motivierungskunst hineinzulegen, um seine Schauspieler anzustacheln, sein Team zu Höchstleistungen zu treiben. Doch seine Mühe ist vergeblich. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, schnauzt er seinen Assistenten an, der mitten in die Szene hineinplatzt. „Die Hirten …“, stammelt der Assistent, „ich meine, die Hirten und Hirtinnen … Sie wollen die lässigen Dolce-Gabana-Dreiviertelhosen aus Sackleinen nicht anziehen, die wir ihnen nach dem Einspruch der Modebranche verpasst haben. Sie sagen, das Zeug wäre unpraktisch in einem Stall, das wäre eher was für feine Pinkel. Sie sagen …“ „Gar nichts sagen die mehr!“, brüllt der Auf8


nahmeleiter, dem offensichtlich gerade der Kragen geplatzt ist. „Jetzt ist Schluss. Wir haben Rücksicht auf die buddhistische Internationale genommen und einen Typen mit asiatischen Gesichtszügen ins Team geholt. Wir haben den Engeln züchtige Kleidchen ohne tiefen Ausschnitt angezogen, um den Emanzenclub nicht zu verärgern. Auf Wunsch des Einzelhandelsverbands lassen wir statt Gold, Weihrauch und Myrrhe IBM-Laptops, Nikon-Digitalkameras, Puma-Fußbälle und Aldi-Heizdecken als Geschenke vor die Krippe werfen. Sämtliche Proteste, Einwände, Vorschläge von sämtlichen Minderheitenvertretern und Großlobbyisten haben wir berücksichtigt – drei Dutzend Engel und fast noch einmal so viele Hirten stehen auf unserer Gehaltliste …“ „Hirten und Hirtinnen!“, korrigiert der Assistent kleinlaut. „Und dann noch die beiden, bei denen sich das Geschlecht nicht so eindeutig erkennen lässt, auf Wunsch der Lobby …“ „Von mir aus können es Männer oder Frauen sein … oder beides oder gar nichts … schwarz oder weiß oder grau oder braun oder grün, spielt alles keine Rolle. Wichtig ist nur: Die sollen sich jetzt auf der Stelle den Fummel anziehen und gefälligst hierherkommen, sonst …“ 9


Maria nickt, Josef brummt, das Baby lächelt im Schlaf. Und wieder flüstert Maria ihrem Josef etwas ins Ohr: „Sie haben doch etwas gelernt in den 2000 Jahren. Bei uns sind alle Menschen willkommen, ohne Ausnahme. Endlich haben sie’s kapiert …“ „Also, jetzt aber: Klappe ,Fröhliche Weihnachten‘ die 84.“, ruft der Aufnahmeleiter und die Zuversicht in seiner Stimme klingt diesmal ausgesprochen bemüht. „Meine Damen, meine Herren, verehrte Sonstige – können wir jetzt bitte endlich …“ „Eine Mail, wir haben eine dringende Mail von unserem Sponsor bekommen!“ Irgendein Wichtigtuer schwenkt ein Stück Papier, hält es dem Aufnahmeleiter unter die Nase. Stockend liest er vor: „Im Hintergrund der Krippe muss der Weihnachtsmann stehen. Roter Mantel, weißer Bart, in der Hand eine große Cola-Flasche, die er Maria anbietet …“ „Stopp, sofort aufhören!“ Ein seriöser Herr mit Nadelstreifenanzug und Aktenkoffer verschafft sich in scharfem Ton Gehör. „Ich vertrete die Herren Caspar, Melchior und Balthasar. In deren Vertrag steht eindeutig, dass sie hier als die drei Weisen aus dem Morgenland eine Hauptrolle zu spielen haben. Sie können 10


die doch nicht einfach mit ein paar Euro abspeisen! Ich habe hier eine Eilentscheidung des Amtsgerichts …“ „Chef, hier sind zwei wichtige Vertreter der islamisch-christlich-hinduistischen Verbrüderungsunion“, unterbricht der Assistent des Aufnahmeleiters. „Sie lassen sich nicht abwimmeln. Die Krippe sei eindeutig ein christliches Symbol, so wie das Kreuz oder die Kirchenglocken auch, ein Zeichen von Intoleranz und Abgrenzung, behaupten sie. Wenn dieses Symbol nicht sofort verschwindet, schalten sie den Rat für Internationale Menschenrechte ein und …“ „Ruhe, bitte geben Sie jetzt endlich Ruhe. Alle!“ Der Aufnahmeleiter kann nur noch flüstern. Er ist aufgesprungen, sein starrer Blick macht allen am Set klar: Jetzt wird es ernst. Er räuspert sich kurz, dann versucht er ein Machtwort: „Hier passiert nur noch das, was ich sage“, beginnt er und betont dabei jede einzelne Silbe. „Der Weihnachtsmann mit der Flasche stellt sich dorthin, direkt neben Maria. Die zusätzlichen drei Könige kommen mit den anderen hier durch und werfen ihre Geschenke zwischen die Säcke mit den Lego-Steinen und den Stapel mit den Computerspielen. Und die Krippe …“ 11


Die Stirn des Aufnahmeleiters legt sich in Falten, seine Finger trommeln auf die Lehne des Stuhls. „Die Krippe …“ Nach endlos langen Sekunden huscht ein Leuchten über sein Gesicht, mutig spricht er die rettende Idee aus: „Und die Krippe stellen wir einfach raus, hinter den Stall. Hier drin ist’s ohnehin schon zu eng, das Baby könnte Platzangst kriegen oder zu wenig Luft. Also raus damit. Und weil ja jetzt wohl wirklich alle Unklarheiten restlos beseitigt sind, fangen wir endlich an. Klappe ‚Fröhliche Weihnachten‘ die 85. Und Action!“ Maria nickt, Josef brummt, das Baby lächelt im Schlaf weiter, irgendwo draußen, außerhalb des Stalls, von niemandem zu sehen. Die Schauspieler tun angestrengt genau das, was der Aufnahmeleiter ihnen aufgetragen hat. Heerscharen von Hirten und Weisen und Engeln jeglichen Geschlechts kommen und gehen. Mit der fröhlichen Melodie von „Rudolph the red nose raindeer“ auf den Lippen türmen sie Geschenke in Haufen auf und verschwinden dann wieder hinter den Kulissen. „Ergreifend! Wunderbar!“, seufzt der Aufnahmeleiter, schnäuzt sich gerührt die Nase und badet in Weihnachtsstimmung. In seinem 12


linken Auge glänzt eine winzige Träne der Rührung. Da wendet sich der sonst so schweigsame Josef mit unbewegtem Gesicht zu seiner Maria. Diesmal flüstert er: „Und sie haben doch nichts gelernt. Alles ist wie damals: Sie haben einfach keinen Platz für ihn …“

Weihnachten ohne Weihnachten Zum ersten Mal weg von all dem Rummel! Er atmet auf. Die Sonne geht schon unter, als er mit seinem Audi TT die Stadt verlässt, einbiegt auf die Autobahn Richtung Süden. Die Scheibenwischer tanzen in langsamem Takt vor seinen Augen. Die körperlos-unpersönliche Stimme des Navigationssystems gibt noch ein: „Folgen Sie sehr lange dieser Straße“ von sich und verstummt dann. Stumm ist auch sein Autoradio. Normalerweise hat er das immer laufen, egal, ob er zu Kundenterminen unterwegs ist oder zum Sport fährt. Wie ein trockener Schwamm saugt er die Informationen auf über Verkehrslage und 13


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