Skip to main content

191133

Page 1

Tracie Peterson

Mein Herz sucht seinen Weg

Copyright Brunnen Verlag GieĂ&#x;en 2011


Brunnen Verlag Gießen

Tracie Peterson

Mein Herz sucht seinen Weg 304 Seiten, Gebunden, 14 x 21cm Erscheinungsdatum: 27.05.2011 ISBN: 978-3-7655-1133-2, Bestell-Nr.: 191133 EUR 14,99 (D) / SFr *22,40 / 15,40 (A) Titel der amerikanischen Originalausgabe: Morning’s Refrain Copyright © 2010 Tracie Peterson Originalausgabe: Bethany House Publishers. 11400 Hampshire Avenue South, Bloomington, Minnesota 55438 Alle Rechte vorbehalten.

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Dr. Friedemann Lux © 2011 Brunnen Verlag Gießen, www.brunnen-verlag.de Umschlagfoto: Mike Habermann Umschlaggestaltung: Jennifer Parker Satz: Die Feder GmbH, Wetzlar Herstellung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Kapitel 1

Juni 1889

W

er wissen wollte, was es in Sitka Neues gab, egal, ob wahr oder Klatsch, der ging in den Gemischtwarenladen. Aber die Geschichte, die heute aus Mrs Putshukoffs Mund sprudelte, schockierte Daniel Lindquist. Was redete die Frau da über seine Familie? Wenn er ganz ehrlich war, hatte ja sein ganzes Leben lang ein Schleier des Geheimnisses über seiner Vergangenheit gelegen, was vor allem daran lag, dass niemand über diese Vergangenheit reden wollte. Irgendetwas war bei seiner Geburt oder kurz danach passiert, so viel hatte Daniel mitbekommen. Seine Fragen waren seiner Mutter sichtlich unangenehm, und sein Vater sagte ihm immer: „Warte, bis du älter bist.“ Einmal hatte sein Vater erwähnt, dass jemand versucht hatte, Daniel zu entführen, als er noch ganz klein war, und dass seine Mutter dabei verletzt worden war, aber mehr wollte er nicht sagen. Es sei Sache seiner Mutter, ihm mehr zu erzählen. „Dann ist es Zeit, dass sie’s mir endlich sagt“, murmelte er, als er mit großen Schritten die Straße hinabging. „Ich muss die Wahrheit erfahren, das ist ja wohl das Mindeste.“ Es waren gut zwei Meilen bis nach Hause, aber das störte Daniel nicht. Er nutzte die Zeit, um seinen Kopf klarer zu bekommen und darüber nachzudenken, was Mrs Putshukoff da zu Arnie, dem Ladenbesitzer, gesagt hatte. Ganz aufgeregt war sie in den Laden gekommen. In der Siedlung der Tlingit schien es zu Mord und Totschlag gekommen zu sein; es hatte Streit gegeben, und am Ende waren zwei Männer tot und eine Frau schwer verletzt gewesen. So etwas Schockierendes, erklärte Mrs 5

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Putshukoff, hatte es nicht mehr gegeben seit dem Jahr, in dem Lydia Gray auf die Insel gekommen war. Daniel hatte weiter hinten im Laden gestanden und ein paar Farbeimer inspiziert, als das Gespräch begann. Er hatte versucht, sich unauffällig näher heranzuschieben, doch Arnie, der wusste, dass er da war, hatte sich beeilt, Mrs Putshukoff zu beruhigen und das Thema zu wechseln. In dieser Stadt des Klatsches und Tratsches wurden die Leute abrupt still, wenn es um Daniels Kindheit ging. Vielleicht um seine Mutter zu schonen? Sie war ja sehr beliebt und eine Säule der Stadt. Obwohl andererseits viele der Menschen, die in dem Jahr, in dem Daniel geboren wurde, in Sitka gewohnt hatten, längst nicht mehr da waren. Obwohl es halb sechs war, stand die Sonne noch hoch am Himmel. Die Sommertage waren lang in Sitka, es würde noch gut vier oder fünf Stunden hell bleiben. Und heute war es besonders hell, denn es regnete nicht. Die Leute würden bis in die Nacht draußen sein und feiern und sich unterhalten. Daniels Vater sagte immer, dies sei seine Lieblingsjahreszeit, und Daniel ging es ähnlich. Es war ärgerlich, dass er sich ausgerechnet an so einem perfekten Tag wieder an diese Geheimnistuerei erinnern musste. Der Fußmarsch nach Hause machte ihn nicht ruhiger, im Gegenteil, er merkte, wie er immer ungeduldiger wurde. Er wollte endlich wissen, was da bei seiner Geburt geschehen war und wer sein wirklicher Vater war. Bisher wusste er nur, dass seine Mutter als Witwe nach Sitka gekommen war, weil ihre Tante dort wohnte. Zerelda Rockford war etliche Jahre vor Daniels Mutter auf die abgelegene Insel vor der Küste Alaskas gezogen, und als ihre schwangere Nichte kam, hatte sie sie mit offenen Armen empfangen. Dann hatte sich Kjell Lindquist in Lydia verliebt, und kurz vor Daniels Geburt hatten sie geheiratet. Ein Jahr später war seine ältere Halbschwester Evie aus Kansas City zu ihnen gestoßen. Als er als Kind wissen wollte, wer denn Evies Mann war und warum sie nicht bei ihm wohnte, son6

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


dern hier in Alaska, hatte man ihm gesagt, dass er das nicht zu wissen brauchte und dass es Evie wehtat, über das Thema zu sprechen. Erst vor ein paar Jahren hatte er erfahren, dass Evie ihren Mann verlassen hatte, weil er sie nicht liebte und eigentlich gar keine Frau wollte. Aber es gab Dinge aus ihrem Leben in Kansas City, über die sie partout nicht reden wollte, und wieder fühlte Daniel sich außen vor. „Daniel!“ Seine zehnjährige Schwester, Kjerstin, kam den Hang zur Straße heruntergesprungen. „Schau mal, was ich gemacht hab!“ Sie hielt ein Tuch hoch. „Das ist eine Serviette, und ich hab ein Z draufgestickt. Die ist für Tante Zerelda. Mama sagt, jetzt muss ich noch ein R draufsticken.“ Daniel schob seine Grübelei beiseite und betrachtete das Tuch. „Das sieht nicht schlecht aus. Du kannst ja richtig gut sticken!“ „Mama sagt, ich bin ein Naturtalent.“ Sie nahm Daniel die Serviette wieder ab und tanzte um ihn herum, dass ihre braunen Zöpfe flogen. „Britta ist kein Naturtalent, sie bekommt immer Knoten in den Faden.“ „Britta ist ja auch erst sieben, warten wir’s mal ab“, konterte Daniel. „Und sei nicht so stolz. Wenn jemand sagt, dass du etwas gut kannst, solltest du Danke sagen.“ Kjerstin blieb stehen und schaute mit gekonnt betrübter Miene zu ihm hoch. „Entschuldige. Danke.“ Daniel lachte. „Traurig sein brauchst du nun auch nicht gerade.“ Er strich ihr über das Haar. Er war begeistert gewesen, als seine Mutter verkündet hatte, dass sie ein Baby erwartete. Er hatte eigentlich einen Bruder gewollt, aber Kjerstin hatte sich als höchst interessante Alternative entpuppt. „Wo ist Mutter?“ „Im Garten. Soll ich sie eben holen?“ Daniel schüttelte den Kopf. „Nein, ich geh selber zu ihr. Näh du nur weiter.“ „Ich kann gerne mitgehen.“ „Nein. Ich möchte allein mit ihr reden.“ 7

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Kjerstin stemmte die Hände in die Hüften. „Warum kann ich nicht mit?“ Er wollte sie nicht beunruhigen, aber lügen wollte er auch nicht. „Ich muss sie halt was Persönliches fragen, was nichts für deinen hübschen Kopf ist.“ „Willst du sie fragen, wie man ein Mädchen küsst?“ Daniel sah seine Schwester verdutzt an. „Wie kommst du auf so was?“ „Ich hab halt gehört, wie Mama und Papa sich drüber unterhalten haben, dass es jetzt nicht mehr lange dauert, bis du nach den Mädchen guckst und eins heiratest.“ Daniel packte sie lachend und schwenkte sie im Kreis herum, dann setzte er sie wieder ab. „Ich hab schon nach den Mädchen geguckt“, sagte er geheimnistuerisch, „und ich glaub, das mit dem Küssen krieg ich schon selber hin.“ Er gab ihr einen freundschaftlichen Klaps. „Und jetzt geh.“ Sie flitzte kichernd die Veranda hoch und ins Haus. „Wenn du heiratest“, rief sie über die Schulter, „will ich bei der Hochzeit dabei sein und ein schööö-nes Kleid tragen!“ „Das sollst du kriegen, aber erst mal brauche ich eine Braut.“ Er ging um das Haus herum nach hinten in den Garten, wo seine Mutter über einem Beet gebückt stand. Wie kamen seine Eltern nur dazu, sich darüber zu unterhalten, dass es für ihn Zeit zum Heiraten war? Seit er die Schule beendet hatte, hatte es für Daniel nur ein Thema gegeben: wie man Boote baute. Seit er dreizehn war, hatte ihn der Bootsbau interessiert und nun ging er bei Mr Belikov, dem Vater seines besten Freundes, Yuri, in die Lehre. Boote bauen war das, was er für den Rest seines Lebens tun wollte. Er liebte diese Arbeit in allen ihren Phasen und natürlich auch das fertige Werk. Konnte es etwas Schöneres im Leben geben, als Bootsbauer zu sein? Jetzt sah seine Mutter ihn und richtete sich auf. Daniel schob das Geplapper seiner Schwester und den Bootsbau aus seinen 8

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Gedanken fort. Warum hatte er noch seine Mutter sprechen wollen? Ja, richtig … Er runzelte die Stirn. „Du siehst ja richtig ernst aus“, sagte seine Mutter. „Das bin ich auch“, sagte er. „Könnten wir uns mal irgendwo hinsetzen und unterhalten?“ Lydia Lindquists Gesicht wurde eine Spur blasser. „Ist etwas passiert?“ „Nein, ich brauche nur ein paar Antworten.“ Er führte seine Mutter zu den Holzstühlen, die sein Vater zum Sitzen im Garten gefertigt hatte. „Ich muss endlich die Wahrheit über meinen Vater wissen – über meine Geburt. Ich bin jetzt achtzehn, ich glaub, ich bin alt genug, um zu wissen, was die anderen, scheint’s, schon lange wissen.“ Seine Mutter setzte sich und nickte. „Ja – ich nehme an, es steht dir wohl zu, es zu erfahren.“ Er verbiss sich die Bemerkung, dass ihm noch etliche andere Antworten zustünden, zog einen weiteren Stuhl heran und setzte sich, direkt ihr gegenüber. „Ich weiß, dass da irgendwas Schlimmes gewesen ist. Das kann ich mir selber zusammenreimen, ohne dass du mir was sagst. Wenn du Angst hast, mir wehzutun, dann sag halt nichts.“ Sie lächelte matt. „Ich fürchte, dass ich so lange geschwiegen hab, geschah mehr aus Sorge um mich selbst als um dich. Das Erinnern tut so weh. Ich hab immer gehofft, ich würde diese Sache nie mehr erwähnen müssen.“ „Ich möchte dir ja nicht wehtun, Mutter, aber es scheint, als ob alle anderen mehr über meine Vergangenheit wissen als ich selbst. Heute hab ich im Laden gehört, wie jemand bemerkte, dass es bei den Tlingit Mord und Totschlag gegeben hat und dass so was Schlimmes nicht mehr hier vorgekommen sei, seit du auf die Insel gekommen bist – in dem Jahr, als ich geboren bin. Ich will endlich wissen, was da war, und ich will das nicht von Fremden hören.“ Seine Mutter holte tief Luft. „Also … es ist zwei Monate nach 9

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


deiner Geburt passiert. Ich werd versuchen, es dir zu erklären, aber es wird dir vielleicht leidtun, dass du gefragt hast. Wo soll ich anfangen?“ „Wer war mein Vater?“, fragte Daniel. „Floyd Gray. Ich war sehr jung, als ich mit ihm verheiratet wurde. Er war schon einmal verheiratet gewesen, und seine Frau war kurz zuvor gestorben. Er und mein Vater machten ein Geschäft miteinander, und zu diesem Geschäft gehörte ich.“ „Dann hast du ihn heiraten müssen?“ „Ja. Es tut mir leid, aber ich habe ihn nie geliebt. Er war ein grausamer Mensch, und er hat mir kein bisschen Zuneigung gezeigt.“ „Aber als er starb, hast du doch mich erwartet – wie hängt das zusammen?“ „Das verstehst du vielleicht nicht sofort …“ Sie schaute auf ihren Schoß hinunter. „Du bist … leider nicht in Liebe gezeugt worden. Du warst nicht das erste Kind, das ich erwartet habe, aber du warst das einzige, das ich zur Welt bringen konnte. Die anderen habe ich verloren, als dein Vater seine Wut bekam und an mir ausließ.“ Daniel erstarrte. Wie konnte ein Mann seine Mutter schlagen? „Und wie ist er gestorben?“ „Bei einem Kutschenunfall, an dem auch mein Vater beteiligt war. Mein Vater ist zwei Tage nach ihm gestorben, und das führte zu einigen Verwicklungen, bei denen es um das Vermögen der beiden ging und um Floyds andere Kinder.“ „Du meinst Evie?“ Seine Mutter blickte auf. Er konnte Angst in ihren braunen Augen lesen. „Nein, ich meine die anderen. Deine Brüder und eine andere Schwester.“ „Was?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe Brüder? Und noch eine Schwester? Wovon redest du da?“ „Das ist eine lange Geschichte. Floyd und seine erste Frau hatten Zwillingssöhne, die viel älter sind als du, und noch eine 10

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


andere Tochter neben Evie. Sie wohnten alle in Kansas City, und mich hassten sie – alle, außer Evie. Für sie war ich der Eindringling in die Familie, als ich ihren Vater heiratete. Evie war damals noch ein kleines Mädchen, und wahrscheinlich hat sie mich deshalb nicht gehasst; jedes Mal wenn sie ein bisschen nett zu mir war, waren die anderen hässlich zu ihr.“ „Das ist ja nicht zu glauben! Warum hast du mir das nie gesagt?“ Daniel merkte, wie Zorn in ihm aufstieg. „Bist du nie auf die Idee gekommen, dass ich vielleicht meine anderen Geschwister kennenlernen möchte?“ „Gerade deswegen hab ich dir nichts gesagt“, bemerkte Lydia. „Ich habe gehofft, dass du sie nie kennenlernen müsstest. Daniel, das sind keine guten Menschen.“ „Wäre es nicht meine Sache gewesen, zu entscheiden, ob sie gut oder böse sind?“ Er kam sich plötzlich wie verraten vor. „Du hattest kein Recht, mir das zu verheimlichen. Was hast du mir noch alles verheimlicht?“ Er erinnerte sich wieder an das Gespräch in dem Laden. „Was ist in dem Jahr, als ich geboren wurde, passiert? Wer ist da umgebracht worden?“ Ihr Gesicht zog sich zusammen. „Was hast du schon gehört?“ „Nicht genug, um alles zu verstehen“, erwiderte er. „Ich will die Wahrheit wissen!“ Ihre Augen wurden feucht. Die Tränen überraschten ihn. „Die wollte ich dir ja immer sagen, aber …“ Ihre Stimme brach, sie vergrub das Gesicht in den Händen. Er war bestürzt, dass seine Fragen sie so aufgewühlt hatten, aber jetzt musste er erst recht wissen, was der Grund war. „Bitte, Mutter, du musst mir das sagen.“ Seine Mutter musste sichtlich darum kämpfen, sich zu fassen, und einen Augenblick schwieg er. Als sie endlich sprach, gingen ihm die Worte unter die Haut. „Du … du musst mir etwas Zeit geben. Das ist so schwer für mich, auch heute noch … Es ist so viel passiert in der Nacht, wo 11

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


sie dich geholt haben, und an manches kann ich mich immer noch nicht erinnern.“ „Geholt? Wer hat mich geholt? Von was redest du da?“ Ihr Blick schien durch ihn hindurchzugehen, als ob sie in diesem Augenblick die Vergangenheit wiedererlebte. „Es waren zwei. Zwei Männer, die etwas gegen deinen Vater hatten.“ „Meinen echten Vater?“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Nein. Gegen Kjell. Aber sie haben dich nicht deswegen entführt. Sie waren nur bezahlte Handlanger.“ „Bezahlte Handlanger?“ „Sie sind an dem Abend gekommen, und Zerelda hat versucht, sie aufzuhalten. Sie haben sie auf den Kopf geschlagen, dass sie bewusstlos wurde.“ Daniels Mutter erhob sich, sie schien wie in einer Trance zu sein. „Ich war nach oben gegangen, um nach dir zu sehen, als ich den Lärm unten hörte. Zerelda feuerte einen Schuss aus ihrem Gewehr ab, und einer der Männer sagte: ,Geh rauf und hol das Kind!‘“ Daniel stand ebenfalls auf. Er packte seine Mutter an den Schultern. „Mutter, bist du okay?“ Sie sah ihn an und schien ihn doch nicht zu sehen. „Als er heraufkam, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Kjell war noch auf der Arbeit, es war niemand da, der mir helfen konnte.“ Sie schauderte. „Ich hab versucht, dich zu schützen.“ „Wer war der Mann, Mutter?“ „Anatoli Sidorov.“ Sie flüsterte es fast. Sie holte tief Luft, erst jetzt schien sie Daniel wieder zu sehen. „Anatoli und sein Bruder.“ „Wer ist das? Die Namen hab ich noch nie gehört.“ Tränen begannen über das Gesicht seiner Mutter zu strömen. „Es waren die Männer, die dich entführt haben. Ich hab versucht, dich zu beschützen, aber er hat nicht auf mich gehört, er … er …“ „Was hat er gemacht? Sag’s mir. Bitte!“ 12

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


„Lydia!“ Es war Evie, die den Gartenweg entlang zu ihnen kam. „Kjell sucht dich, er braucht dich gerade im Haus.“ „Mutter, bitte erzähl das fertig.“ Lydia wischte sich mit dem Zipfel ihrer Schürze über die Augen. „Er hat mich niedergeschossen.“ Die Worte klangen so trocken, dass Daniel sie nicht sofort begriff. „Er hat was?“ „Ich schaff das nicht.“ Seine Mutter schüttelte den Kopf. Evie hatte sie fast erreicht. Lydia drehte sich zu ihr. „Erzähl du es ihm. Was passiert ist, nachdem Anatoli mich fast erschossen hat. Sag ihm, wer sein Auftraggeber war.“ Evies Augen wurden weit. Daniel schaute seiner Mutter schweigend nach, wie sie ging. Er fühlte sich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sie nicht gehen zu lassen, und dem schlechten Gewissen, dass er ihr so wehgetan hatte. Es war überdeutlich, dass sie bis ins Mark erschüttert war. Er sah Evie an. „Ich will wissen, was da gewesen ist. Die Leute, die lange genug in dieser Stadt gewohnt haben, scheinen mehr über mein Leben zu wissen als ich selbst. Das ist nicht recht, und ich will endlich die Wahrheit wissen!“ „Egal, was deine Mutter das kostet? Hast du das nicht gerade gemerkt?“ „Es ist mein Recht!“ Er schlug mit der Faust auf den Gartenstuhl. „Ich hab die ganzen Lügen und diese Geheimnistuerei satt! Ich will die Wahrheit!“ „Wenn du die Wahrheit hören willst, solltest du dich erst mal beruhigen. Du bist erwachsen geworden, Daniel. Benimm dich also auch so und nicht wie ein Kind, das seine Wut kriegt.“ „Evie, ich hab mein ganzes Leben unter diesem … diesem Schatten gelebt. Ich habe also Brüder und eine zweite Schwester, und kein Mensch hat mir das gesagt. Warum hast du mir nie was gesagt?“ Sie zuckte die Achseln. „Weil deine Mutter das nicht wollte.“ 13

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


„Aber das ergibt doch alles keinen Sinn! Mein wirklicher Vater – unser Vater – war also ein schwieriger Mensch? Na, und? Warum hat sie mir nie was über ihn gesagt und über meine Geschwister? Und jetzt erzählt sie was von irgendwelchen Leuten, die mich entführen wollten und die sie niedergeschossen haben. Was soll das alles heißen?“ „Unser Bruder Marston hatte zwei Männern den Auftrag gegeben, dich zu entführen. Leider sind unsere Brüder gerade so korrupt und verkommen wie unser Vater war, und unsere Schwester Jeannette ist ein ebenso herzloser Egoist.“ „Jeannette? Ist das die, die dir schreibt? Ist das unsere Schwester?“ Evie nickte. „Ja. Wir schreiben uns gelegentlich, aber unsere Beziehung ist nicht sehr eng. Jeannette ist keine sehr gute Schwester, zu niemandem, und manchmal vergess ich sie komplett. Aber der Schlimmste von allen ist Marston gewesen.“ „Das versteh ich alles nicht – warum wollte er mich meiner Mutter wegnehmen?“ „Geldgier“, sagte Evie. „Deine Mutter hatte das Vermögen unseres Vaters geerbt. Unsere Geschwister waren fuchsteufelswild und wollten das Geld wiederhaben. Deine Mutter hat ihnen großzügigerweise einen Teil gegeben, aber da du auch ein Gray-Sprössling bist, fand sie, dass du auch Anrecht auf dein Erbteil hattest.“ „Erbteil? Ich weiß nichts von einem Erbteil.“ Evie legte ihre Hand an ihre Schläfe. Überlegte sie, wie viel sie Daniel sagen konnte und wie viel geheim bleiben musste? Dann sprach sie weiter, leise und sehr entschieden. „Vielleicht … wirst du das irgendwann verstehen. Jetzt musst du erst einmal wissen, dass unser Bruder dafür verantwortlich war, dass deine Mutter fast ums Leben kam. Er hatte diesen Männern den Auftrag gegeben, sie zu töten, damit er dein nächster Verwandter werden würde. Dadurch wäre das ganze Geld deiner Mutter zurück in die Familie gekommen.“ 14

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Daniel setzte sich abrupt. Er fühlte sich, als ob jemand ihn in den Magen geschlagen hatte. „Und was geschah, nachdem der Mann Mutter niedergeschossen hatte?“ Evie setzte sich auf den Stuhl, auf dem Lydia gesessen hatte. Ihre Stimme wurde weicher. „Die beiden Kidnapper brachten dich zu Marston. Darauf tötete Marston Anatoli, aber sein Bruder Ioann konnte flüchten. Marston hat dich mitgenommen nach Kansas City. Hier dachten alle, du wärest tot, was genau das war, was Marston wollte. Kjell hat wie ein Löwe um das Leben deiner Mutter gekämpft. Er hat sie und Zerelda so schnell wie möglich ins Krankenhaus gebracht. Lydia war sehr lange bewusstlos; die Ärzte dachten nicht, dass sie es schaffen würde. „Und wie ging es mit Marston weiter?“ „Als er ein paar Wochen später nach Kansas City zurückkam, hat er dich zu mir in Pflege gegeben und mir erzählt, deine Mutter sei bei der Geburt gestorben. Ich war in meiner Ehe todunglücklich und brauchte dringend etwas, das mich auf andere Gedanken brachte. Du warst die Antwort. Ich habe mich nur zu gern um dich gekümmert; ich fand, das war das Mindeste, was ich deiner Mutter zuliebe tun konnte. Aber dann kam die Wahrheit heraus: Deine Mutter war gar nicht tot. Viel hätte zwar nicht gefehlt, und als sie wieder gesund war, war ihr Gedächtnis lange weg. Sie erkannte Kjell und Zerelda nicht wieder und wusste nicht, dass sie einen kleinen Sohn gehabt hatte.“ „Warum war ihr Gedächtnis weg?“, fragte Daniel. Evie schüttelte den Kopf. „Sie hatte ziemlich viel Blut verloren und einen starken Schock bekommen, und der Arzt sagte, dass das ihr Gedächtnis eine Zeit lang ausgeschaltet hatte.“ „Und wie hast du erfahren, dass sie noch lebte?“ „Eines Nachmittags habe ich ein Gespräch zwischen unseren Brüdern und meinem Mann mitbekommen. Damals habe ich erkannt, dass Marston versucht hatte, Lydia umzubringen, um dich und das Erbe in seine Hände zu bekommen. Ich war ent15

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


setzt und kam mir so dumm vor, dass ich nicht eher darauf gekommen war.“ „Und was geschah dann?“ „Ich überlegte mir, wie ich dich zurück zu Lydia bringen konnte. Ich sagte meinem Mann, ich wolle eine Englandreise machen und dich dort bei Freunden herumreichen. Meinen Brüdern kam das sehr gelegen; sie hatten Angst, dass Lydia ihnen die Polizei auf den Hals schicken würde, um dich zurückzuholen.“ „Dann hast du also so getan, als ob du nach England wolltest, und bist dann stattdessen hierher gekommen?“ „Ja. Erst als ich mit dir hier ankam, hat Lydia ihr Gedächtnis richtig wiederbekommen. Im Laufe ihrer Genesung war schon das eine und andere Erinnerungsstück zurückgekehrt, aber noch längst nicht alles. Als ich mit dir vor der Tür stand, ist sie von dem Schock ohnmächtig geworden. Offenbar hat sie mit einem Mal wieder alles gewusst, und das war in dem Augenblick zu viel für sie.“ Daniel rieb sich die Augen. Er konnte schier nicht glauben, was Evie ihm da sagte. „Weiter. Was geschah dann?“ „Mit mir und Ioann Sidorov als Zeugen haben wir Marston wegen Kindesentführung vor Gericht gebracht. Er wurde nicht wegen Mordes oder auch nur versuchten Mordes angeklagt. Er leugnete strikt, etwas mit Anatolis Tod zu tun gehabt zu haben, und gab Ioann die Schuld. Er gab zu, deine Entführung arrangiert zu haben, aber behauptete, er habe nicht gewollt, dass dabei jemand zu Schaden kam. Er log dem Richter vor, er habe Angst um dich gehabt, dort oben in der Wildnis von Alaska. Er behauptete, dass deine Mutter nie richtig für dich hätte sorgen können und dass sie seelisch schon immer labil gewesen war. Der Richter, der sie nicht kannte, glaubte ihm – oder jedenfalls dem Geld, das Marston ihm heimlich zusteckte. Marston wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber nie hinter Gitter, sondern bekam 16

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Bewährung. Nach diesem Urteil hatte er seinen Platz in der gehobenen Gesellschaft verloren, aber in der Halbwelt des Verbrechens scheint er noch mächtiger geworden zu sein. Nach dem, was ich über unsere Schwester gehört habe, hat er schon wieder ein hübsches Sümmchen zusammengebracht und hat viele gefährliche Freunde.“ „Für den Mord an Anatoli und den versuchten Mord an meiner Mutter ist er also nie bestraft worden.“ „Auch nicht für den Überfall auf Tante Zee. Es sind noch andere Dinge passiert, in die Marston verwickelt gewesen ist, aber er ist so clever, dass er sich immer herausreden oder herausbestechen kann. Siehst du jetzt, warum deine Mutter das vor dir geheim halten wollte?“ Evie nahm seine Hand in die ihre. „Daniel, du darfst ihr nicht böse sein deswegen. Die Wahrheit war so schrecklich, dass sie es nicht ertragen konnte, sie dir zu sagen. Sie wollte dich schützen.“ Er schüttelte den Kopf. „Schützen? Wovor?“ Evie richtete sich auf. „Vor Marston natürlich. Er wird die Sache nicht für immer ruhen lassen. Wir haben Angst, dass er dich eines Tages findet und dann versucht, dich auf seine Seite zu ziehen – damit du endlich Papas Sohn wirst.“

17

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Kapitel 2

D

aniel versuchte, zu verdauen, was seine Schwester ihm da gerade eröffnet hatte. Sie saßen lange schweigend da und ließen den Blick zu dem satten Grün der Wälder und den Schneemützen der Berge schweifen. Seine Mutter hatte ihm einmal gesagt, dass es eine Musik der Landschaft gab, die aus dem Herzen Alaskas selbst zu kommen schien; alles, was er im Augenblick hören konnte, war das Trommeln seines Herzens. Die Vorwürfe und wütenden Verteidigungen schossen hin und her durch seinen Kopf. Sie haben mich belogen. Sie haben nicht gelogen, sie haben nur die Wahrheit verschwiegen. Aber die Wahrheit war doch so wichtig; es war die Wahrheit über mein Leben, die Wahrheit über mich. Sie haben dich schützen wollen. Der Mann, den deine Schwester da beschrieben hat, hätte dich umgebracht, wenn du ihm über den Weg gelaufen wärst. Deine Mutter hat dich nicht verraten, sie hat versucht, dich zu beschützen. Sie hätte mir das sagen sollen. „Sie hätte mir das sagen sollen“, murmelte Daniel. „Wie, bitte?“ Er sah Evie an. „Mutter hätte mir die Wahrheit sagen sollen. Das wäre mein gutes Recht gewesen.“ „Egal, was sie das gekostet hätte? Jetzt sei doch nicht so ein Egoist!“ Evie stand abrupt auf und sah zu ihm hinunter. „Ich dachte, du wärst alt genug, um mit all dem jetzt vernünftig umzugehen, aber vielleicht hab ich mich geirrt. Du benimmst dich ja wie ein verwöhntes Kind, das erfährt, dass die letzte Portion Nachtisch jemand anderes gekriegt hat.“ Daniel sprang auf. „Das ist nicht fair! Ich hab erst jetzt ver18

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


langt, dass sie’s mir sagt. Wenn das dein Leben wäre, du würdest das genauso wissen wollen.“ „Sicher, das würde ich wohl. Aber was bringt es denn, wenn du jetzt einen Schuldigen suchst? Ist es denn so wichtig, wer dir alles was hätte sagen sollen? Deine Eltern haben halt das Beste für dich im Sinn gehabt und fertig. Warum regst du dich so auf?“ Er dachte nach, die Stirn in Falten. „Mein ganzes Leben schon hab ich diesen Eindruck, dass – dass irgendwie ein wichtiges Stück von mir fehlt. Ich glaub, ich hab geahnt, dass es in meinem Leben etwas gab, über das keiner laut reden wollte.“ Daniel sah seine Schwester an. „Ich will endlich wissen, wer ich bin!“ Sie zuckte die Achseln. „Du bist Daniel Gray Lindquist, und ansonsten bist du das, was du selbst aus dir machst.“ „Aber du hast da von einem Vater geredet, den ich nie gekannt hab. Mutter hat gesagt, er sei grausam, und du sagst mir, dass er ein schlechter Mensch war – aber selber weiß ich das doch gar nicht.“ „Danke Gott dafür!“ Ihr Gesicht verzog sich, sie schüttelte sich fast. „Du ahnst ja nicht, wovor Gott dich da bewahrt hat.“ „Aber er war unser Vater.“ Evie schüttelte ihren Kopf. „Entschuldige, wenn ich so deutlich werde, aber er war nur der Mann, der unsere Mütter geschwängert hat. Dieser Mann hat nur sich selber gekannt, Daniel, Kinder waren für ihn nur Schachfiguren. Dem war sein Geld wichtiger als seine ganze Familie zusammen.“ „Aber das macht ihn doch noch nicht böse.“ „Er hat meine Mutter ermordet!“, platzte Evie heraus. Sie legte instinktiv die Hand auf den Mund, als wollte sie die Worte zurückholen, dann zog sie sie genauso schnell wieder weg. „Ich hab’s selbst gesehen.“ „Entschuldige, Evie, das … das wusste ich nicht.“ Ein leichter Windstoß kam. Evie bibberte plötzlich. Daniel wusste nicht, ob es von der Kühle der Luft war oder von ihrer 19

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Erinnerung. Er legte seinen Arm um ihre Schulter. Sie sah zu ihm hoch. „Daniel, ich war vier Jahre alt, als ich gesehen hab, wie mein Vater meine Mutter von unserem Dachbalkon runtergeworfen hat. Er wusste nicht, dass ich in der Nähe war. Jahrelang hatte ich höllische Angst, dass er es herausfinden würde, und hab meinen Mund gehalten. Er ist jemand, den man am besten vergisst. Aber tröste dich, du bist ganz anders als er.“ Aber er tröstete sich nicht. Er wusste jetzt also, dass sein Vater und seine Brüder Mörder waren, Männer, die sich skrupellos nahmen, was sie wollten. Das war sein Erbe, und was, um alles in der Welt, sollte daran trostreich sein? „Ich hab einfach dieses Gefühl, dass die ganze Zeit was gefehlt hat in meinem Leben … und das hat überhaupt nichts damit zu tun, ob Kjell ein guter Vater war oder nicht. Er war ein guter Vater und ist es immer noch, aber da ist … dieser Schatten über meinem Leben.“ Daniel schüttelte seinen Kopf. „Und was du mir jetzt erzählst – das ist etwas viel auf einmal. Das ist … Ich weiß nicht, das ist so, als ob Geister aus meiner Vergangenheit darum kämpfen, ihren Platz in meinem Leben zu finden.“ „Dann kann ich dir und uns nur wünschen, dass du diese Geister töten kannst, bevor du von ihnen besessen wirst“, erwiderte Evie. Daniel schwieg einen Moment, bevor er ihr antwortete. So radikal drückte Evie sich sonst nie aus. „Ich kann doch nicht mit etwas Schluss machen, das ich noch gar nicht richtig kenne.“ Evie sah ihn fest an. „Die Bibel sagt, dass wir das Böse fliehen sollen, Daniel. Unser Vater … Marston … Mitchell … sogar Jeannette … sie haben immer nach der Melodie des Teufels getanzt. Ich habe keinen Grund, anzunehmen, dass sie heute auch nur ein bisschen anders sind als damals, als du geboren wurdest. Vergiss sie!“ „Ich weiß nicht, ob ich das kann. Sie gehören doch zu meiner 20

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Geschichte. Was du da sagst, das ist ja gerade so, als ob ich meine Hand abhauen soll!“ „Wenn deine Hand dir so viel Böses tun würde wie Marston es getan hat und vielleicht noch einmal tun wird“, konterte Evie, „würde ich sie selber abhauen … um dich zu retten.“

Joshua Broadstreet schaute zu der Tür hin, durch die gerade Kjell Lindquist kam, die Regentropfen von seiner Jacke wischend. Das Sägewerk hatte früher Kjell gehört, aber vor Jahren schon hatte er Josh erst zu seinem Partner gemacht und ihm dann seinen eigenen Anteil verkauft, um mehr Zeit zu haben, Häuser und Geschäfte in der Umgegend zu bauen. Kjell lächelte. „Ich wusste doch, dass der Sonnenschein gestern nicht von Dauer sein würde.“ „Ich hab Kaffee aufgesetzt. Willst du ’ne Tasse?“ „Klingt gut.“ Er folgte Joshua in das Kontor. „Kannst du mir dieses Bauholz, das ich bestellt hab, bis zum Ersten liefern?“ Josh goss den Kaffee ein und brachte ihn Kjell. „Müsste klappen. Seit meine Tlingit nicht mehr da sind, ist die Produktion zwar etwas runtergegangen, aber es kommt ständig Holznachschub, und der größte Teil für deine Bestellung ist schon gesägt oder fast. Meine anderen Jungs hier sind jetzt öfter nüchtern, seit sie keinen Lohn mehr kriegen, wenn sie betrunken oder mit ’nem Kater aufkreuzen. Die Kreole-Jungen, die ich eingestellt hab, liefern nicht ganz die Qualität, die ich gern hätte, aber man muss halt mit dem vorliebnehmen, was man hat. Wenn sie mit dem Saufen aufhören, müsste es eigentlich gehen. Obwohl die Tlingit weg sind, scheinen die Kreolen immer noch diesen Eingeborenenschnaps in die Hände zu kriegen. Das Zeug ist so stark, dass man’s zum Entrosten nehmen könnte.“ „Tja, für einen Distrikt, der keinen Alkohol einführen darf, sind wir ziemlich hochprozentig. Schätze, die Einfuhrgesetze 21

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


gelten nicht für den Stoff, der hier hergestellt wird.“ Kjell nahm einen Schluck von dem Kaffee und setzte sich. „Auf deine Kaffeekanne ist echt Verlass.“ Joshua setzte sich zu ihm. „Sie leistet mir gute Dienste.“ „Du hast was gemacht aus dem Sägewerk. Es freut mich, dass das so gelaufen ist. Was ich jetzt tue, befriedigt mich viel mehr. Bin gerade mit ein paar größeren Reparaturen am Gouverneurshaus fertig.“ Josh nickte. „Ich hab gehört, der neue Gouverneur wird jeden Tag erwartet. Bin mal gespannt, was er anders machen wird.“ Kjell lächelte. „Er hat bestimmt seine Vorstellungen. Aber die Politiker, die neu zu uns kommen, scheinen nie zu wissen, was sie erwartet. Es ist jedes Mal wieder amüsant.“ „Ja, vor allem, wenn sie aus einer dieser Großstädte in den Oststaaten kommen, wo sie nur mit den Fingern zu schnippen brauchen und alles steht stramm. Wenn so einer nach Sitka kommt, das ist der Schock seines Lebens.“ Kjell nahm den nächsten Schluck. „Ja, das Leben hier schmeckt nicht jedem. Ich weiß noch, wie schwer sich viele Armeesoldaten getan haben. Sind hier einfach nicht warm geworden, ständig ist wieder einer desertiert und hat versucht, als blinder Passagier auf irgend ’nem Schiff hier wegzukommen. Als die Armee dann weg ist, hab ich erst Bedenken gehabt, aber die Marine scheint ihre neue Aufgabe, für Sicherheit und Ordnung in der Region zu sorgen, gut zu erfüllen. Und jetzt, wo Sitka ein richtiger Distrikt wird und wir Richter und Gouverneure kriegen, dürfte es noch besser werden. Ich bin gespannt, was die nächsten Veränderungen sind. Lydia und Evie haben Angst, dass Sitka zu schnell wächst und zu groß wird. Sie mögen dieses Flair des Kleinen, Gemütlichen hier.“ Als er Evie erwähnte, wandte Josh sich zur Seite und versuchte, nicht an die schöne blonde Frau zu denken. Wohl hundert Mal am Tag rief er sich in Erinnerung, dass sie verheiratet war. 22

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Sicher, sie hatte ihren Mann seit achtzehn Jahren nicht mehr gesehen, und für Josh war es Liebe auf den ersten Blick gewesen – aber was nützte das − sie war verheiratet. Kjell redete weiter. „Für zwei Frauen, die in einer Großstadt mit allem Komfort aufgewachsen sind, haben sie sich ganz gut geschlagen. Lydia sagt mir immer, dass sie das ruhige Leben hier lieber hat. In der Stadt war es ständig so laut, sagt sie.“ „Davon kann ich selber auch ein Lied singen. Vergiss nicht, dass auch ich kein Einheimischer bin“, sagte Josh. Er versuchte, seine unglückliche Liebe beiseitezuschieben. „Obwohl – nach all den Jahren komm ich mir bald wie einer vor. Weiß schon bald nicht mehr, wie das Leben war, bevor ich hierher kam.“ Bevor Evie hierher kam. Warum kann ich nicht aufhören, an sie zu denken? Er wusste, seine Liebe war aussichtslos. Er war schon vierundvierzig, und die Möglichkeit, eine Familie zu gründen, schien endgültig vorbei zu sein. Aber er wollte keine andere Frau als nur diese. Evie hatte sein Herz gefangen genommen. All die Jahre hatte er sie geliebt, ohne ein Wort, und er würde sie weiter lieben. Niemals würde er sie in Verlegenheit bringen, indem er ihr einen Heiratsantrag machte, dazu liebte er sie zu sehr. Als ob seine Gedanken sie herbeigezogen hatten, erschien der Kopf von Evie Gadston in der Tür des Kontors. „Ich bring euch eben was vorbei“, verkündete sie. „Von Zee und Lydia.“ Sie stellte einen Teller Zimtbrötchen auf Joshuas Schreibtisch und warf ihm ein Lächeln zu. „Sie sind noch warm.“ Die Jahre hatten es gut gemeint mit Genevieve Gadston. Sie war sechsunddreißig, sah aber gut und gerne aus wie sechsundzwanzig. Ihre Erscheinung war so anmutig-elegant, als ob sie immer noch zur feinen Gesellschaft gehörte. Der Duft der Brötchen zog Joshs Aufmerksamkeit für einen Augenblick von ihrem Gesicht ab. „Die passen wie gerufen zu unserem Kaffee“, sagte er. Er sah ihr in die tiefblauen Augen. Oh, Evie … 23

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


„Was macht ihr beiden heute?“, fragte sie. „Zu Hause fing es an zu tröpfeln, und als ich die Stadt erreicht habe, hat’s geschüttet. Ich hab schon damit gerechnet, dass du heimfährst und mir unterwegs begegnest, Kjell. Hat Lydia nicht etwas von einem Dach gesagt, das du heute bauen sollst? Dafür ist es in diesem Regen doch sicher viel zu rutschig.“ „Ich hab gemerkt, dass sich heute nicht viel tun wird, und da bin ich hierher zu Josh“, erwiderte Kjell. „Aber warum bist du in diesem Wetter unterwegs? Doch sicher nicht nur, um Josh etwas Essbares zu liefern.“ Sie lachte. „Ich lebe jetzt lange genug hier, um zu wissen, dass jemand, der bei Regen zu Hause bleibt, zu nichts kommt. Außerdem hat Lydia mich gebeten, bei Arnie ein paar Sachen einzukaufen.“ „Es ist schön, dass Sie vorbeigekommen sind.“ Josh versuchte, nicht zu begeistert zu klingen. „Es geht doch nichts über eine schöne Pause. Mit Ihnen und Kjell als Gesellschafter hab ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich hier rumsitze.“ Er schob den Rest des Brötchens in den Mund und nahm sich das nächste. „Und? Habt ihr beiden alle Probleme der Welt gelöst?“, fragte Evie. „Wir sind nicht viel weiter gekommen als bis zum neuen Gouverneur. Er scheint die Leute ziemlich zu beschäftigen. Es heißt, dass er Frau und Kinder mitbringt oder jedenfalls drei von den Kindern; das vierte soll gerade woanders rumgondeln.“ Evie schob eine störrische Haarsträhne zurück. „Ich hoffe nur, seine Frau ist nicht zu etepetete, sonst kriegt sie hier den Schock ihres Lebens. Die Fremden, die hierherkommen, staunen immer, dass es so was wie Sitka tatsächlich gibt.“ „Über das Thema haben wir gerade gesprochen“, sagte Kjell. „Ich hab Josh gesagt, wie schnell du und Lydia euch hier eingelebt habt. Hab mein Quantum an Soldatenfrauen erlebt, die vor ihren Männern wieder zurück in die Staaten sind. Die meisten 24

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


sind zu Verwandten gezogen. Sie hielten das lange Warten zwischen den Briefen von zu Hause einfach nicht mehr aus.“ „Ich weiß“, erwiderte Evie. „Ich bin auf vielen Einladungen gewesen, wo solche Dinge das einzige Thema waren. Ehrlich gesagt: Ich bin froh, dass ich nur ein Mal im Monat Post bekomme; so kann ich, wenn Jeannette mir mehr als ein Klagelied geschrieben hat, alles auf einen Satz durchlesen.“ Kjell lachte. „Sie genießt das Jammern geradezu, stimmt’s?“ Evie nickte. „Mehr als die meisten. Man sollte meinen, dass sie auch mal was Positives im Leben findet, aber da ist Fehlanzeige. Sie hat das Haus, in dem wir aufgewachsen sind, weil sie, wie sie Mitchell und Marston sagte, nirgendwo anders glücklich sein kann. Ihre Kinder sind mehr oder weniger alle erwachsen und aus dem Haus, und ihr Mann lässt sie machen, was sie will – solange sie mit ihrem Taschengeld auskommt. Aber ich schätze, gerade das ist ihr größtes Problem.“ Die beiden Männer tauschten ein wissendes Lächeln aus. Die meisten Frauen in Sitka klagten darüber, dass ihnen das Geld kaum reichte. Hier oben war vieles viel teurer. Viele Frauen ließen sich von Verwandten in den Staaten Vorräte schicken, zu horrenden Frachtkosten, aber immer noch billiger, als wenn sie alles in Sitka gekauft hätten. Nicht, dass Arnie und die anderen Ladenbesitzer gierige Ausbeuter gewesen wären, aber in Sitka waren selbst einfache Waren kostbar und nicht leicht zu bekommen. „Und soll es für den Gouverneur ein Willkommensfest geben?“, fragte Joshua. „Lydia sagt, es gibt einen großen Empfang für ihn und seine Familie, wenn sie ankommen. Und irgendwann im nächsten Monat soll es einen Ball geben. Lydia übt schon mit ihren Musikern.“ „Unser kleines Sinfonieorchester“, grinste Josh. „Lydia kann wirklich Geige spielen, was Schöneres hab ich noch nie gehört.“ „Ja, sie hat Talent“, pflichtete Evie ihm bei. „Da komme ich nicht mit.“ 25

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


„Du kannst singen wie eine Lerche“, konterte Kjell. „Dein Instrument ist deine Stimme.“ „Das finde ich auch“, sagte Josh, ihren Blick erwidernd. In dem Augenblick, wo ihre Augen sich trafen, machte sein Herz einen Satz. Warum konnte sie nicht frei sein? Er wollte doch ihr und Gott keine Unehre machen, indem er egoistischen Gedanken nachhing. Er holte tief Luft und schaute zur Seite. Gott, vergib mir, dass ich sie liebe … „Aber jetzt muss ich wieder an die Arbeit. Muss noch eine Lieferung Bretter fertig sägen.“ „Brauchst du Hilfe?“, fragte Kjell. Josh legte sein ungegessenes Brötchen beiseite. „Nein, danke. Die Jungs kommen ja bald zurück.“ Kjell stand auf und hielt Evie seinen Arm hin. „In diesem Fall – kann ich dich irgendwohin begleiten?“ „Ich muss noch mal zu Arnie. Du kannst mir gern einen Weg durch den Matsch bahnen.“ „Es ist mir eine Ehre. Vielleicht finden wir sogar Mrs Murphys Regentonne. Die arme Frau scheint zu glauben, dass der Sturm sie von ihrer Veranda geweht hat und dass sie dann ins Meer gerollt ist, aber ich glaub eher, sie ist irgendwo im Schlamm stecken geblieben.“ Evie lachte. „Ich glaube, wenn wir in der Lincoln Street nachgraben würden, wir würden ganze Regimenter Soldaten samt vollständiger Ausrüstung im Schlamm finden. Letzte Woche hab ich gesehen, wie ein Mann bis zu den Oberschenkeln eingesunken ist. Unsere Straßen sind nichts für Zartbesaitete.“ Die Männer lachten. Kjell zwinkerte Josh zu. „Vielleicht sollte einer von uns mal Schlammschuhe erfinden. So was Ähnliches wie Schneeschuhe, nur für die Straßen von Sitka.“

„Mutter, kann ich mal mit dir reden?“ Daniel klang zögerlich. „Ich möchte dich nicht wieder aufregen.“ 26

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Lydia schaute lächelnd auf. „Ich bin nicht aufgeregt. Setz dich neben mich.“ Sie klopfte auf das Sofakissen. „Ich … möchte mich entschuldigen, dass ich so grob war gestern.“ Er setzte sich und rieb nervös über seine Hose. „Ich bin ein bisschen durcheinander.“ Sie legte ihre Hand auf die seine. „Das tut mir leid. Ich wollte dir das Herz nicht noch schwerer machen.“ Er sah die Trauer in ihren Augen. „Das wollte ich gerade auch sagen. Ich … ich muss das halt unter die Füße kriegen. Ich muss wissen, was Sache ist. Zu entdecken, dass ein ganzer Teil von meinem Leben ein Geheimnis ist, das ist so schwer.“ „Ich weiß, wie sich das anfühlt“, sagte seine Mutter. „Als ich nach dem Überfall mein Gedächtnis verlor, war ich so frustriert. Ich wusste, dass es so vieles gab, das ich eigentlich hätte wissen müssen. Am schlimmsten war es, dass die Menschen um mich herum mir wie Fremde waren. Und jetzt hast du das Gefühl, dass wir Fremde für dich sind – dass wir dich verraten haben.“ Er nickte. „Ich weiß, ihr habt das nicht so gemeint, aber so fühl ich mich. Evie sagt, es ist das Beste, wenn ich meinen Vater und meine Geschwister einfach vergesse. Sie sagt, ich soll sie meiden, als ob sie das Böse in Person wären. Aber das kann ich nicht. Ich weiß, dass alle das Beste für mich wollen, dass ihr das immer gewollt habt.“ „Das stimmt. Ich wollte dich nur schützen“, sagte sie leise. „Ich weiß nicht, wozu Marston und Mitchell alles fähig wären, auch heute noch. Wenn sie glauben, dass du ihnen nützen kannst, werden sie vor nichts haltmachen.“ „Aber, Mutter, ich bin jetzt erwachsen! Ich kann selbst auf mich aufpassen.“ Sie lächelte traurig. „Ich weiß, Daniel. Aber für mich bist du immer noch ein kleiner Junge. Du wirst immer mein Junge sein.“ Er umarmte sie. „Ich hab so viele Fragen. Evie hat gesagt, dass ich sie alles fragen kann, aber ein paar Fragen kannst nur du beantworten.“ 27

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


„Gestern war deine Frage doch ein kleiner Schock für mich, aber jetzt bin ich vorbereitet. Ich wusste ja, dass der Tag kommen würde, wo wir über die Vergangenheit reden müssen. Ich habe nie gewollt, dass du für immer im Dunkeln bleibst.“ „Danke.“ Er ließ sie los und sah sie wieder an. Sie strich ihm sachte über das Kinn. „Du bist so schnell groß geworden. Wenn ich daran denke, dass ich dich fast verloren hätte … Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das Leben ohne dich wäre. Ich habe mich so nach Kindern gesehnt. Ich hatte Angst, dass du ein Einzelkind bleiben würdest, und dann hat Gott mir die Mädchen geschenkt. Aber ich hab solche Angst …“ Sie ließ ihn los und verstummt. „Vor was hast du Angst, Mutter?“ Sie schaute zum Kaminfeuer hinunter. „Wahrscheinlich davor, dich wieder zu verlieren.“ „Wie solltest du mich denn verlieren?“ „Deine Brüder wissen, wie man jemanden ködert. Das Leben in den Staaten ist so ganz anders als hier. Ich habe Angst, dass du, wenn du einmal dort bist, nicht wieder zurückwillst.“ „Wer hat gesagt, dass ich dahin will?“ Sie sah zu ihm hoch, wissend lächelnd. „Du wirst gehen. Vielleicht nicht morgen oder übermorgen, aber du wirst es tun, um besser zu verstehen, was mich hierher gebracht hat. Du wirst deine Geschwister persönlich besuchen und deine Brüder fragen, warum sie taten, was sie damals getan haben.“ Sie schaute wieder ins Feuer. „Du wirst gehen. Aber ich werde darum beten, dass du zurückkehrst. Das ist meine einzige Hoffnung.“

28

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
191133 by Fontis-Shop - Issuu