Anselm GrĂźn Clemens Bittlinger
In dir die Mitte finden
.
Dr. Anselm Grün ist Benediktinerpater, war lange Jahre Verwaltungsleiter (Cellerar) der Abtei Münsterschwarzach und ist Autor zahlreicher geistlicher Bestseller. Clemens Bittlinger ist Liedermacher, evangelischer Pfarrer für „Musik, Kultur, Verkündigung“ und erfolgreicher Buchautor. Die Texte dieses Buches sind zum Teil bisher unveröffentlicht, zum Teil als Impulse des Fastenkalenders „7 Wochen ganz bei mir“ erschienen. Die zitierten Bibelworte sind der Lutherbibel und der Einheitsübersetzung entnommen: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 1980 Katholische Bibelanstalt Stuttgart Lutherbibel, revidierter Text, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart
© 2015 Brunnen Verlag Gießen www.brunnen-verlag.de Konzept und Redaktion: Petra Hahn-Lütjen Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger Umschlagmotiv: Shutterstock Satz: DTP Brunnen Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-7655-0910-0
Inhalt
Eingeladen! Gott will uns begegnen: „Sei ganz bei mir“ Innehalten AG
9 11
„Ich bin das Brot“ Gestärkt werden CB Lebensbrot AG Nahrung der Liebe: das gebrochene Brot AG Was uns satt macht, was uns nährt AG Empfangen – aufbrechen – weiterschenken AG Essen – ein heiliger Moment CB Die Liebe Gottes ist Lebensnahrung CB
14 16 18 20 22 24 26
„Ich bin das Licht“ Wo Schatten ist, da ist auch Licht CB Jesus, das Licht AG Ohne Licht wäre nichts CB Das Licht-ins-Dunkel-Wunder AG Ins rechte Licht gerückt CB
30 32 34 36 38
5
Das Licht weitertragen AG Licht sein AG Jesus sorgt für Licht – ohne Worte CB „Ich bin die Tür“ Zugang suchen – Zugang finden AG Zugang finden durch Jesus AG Zugang zu Gott selbst AG Durch welche Türen will ich gehen? CB Mut zur Offenheit CB Ein „Virenscanner“ fürs Leben CB Wach für die Lichtspuren Gottes CB Komm herein und fühl dich wie zu Hause CB „Ich bin der Hirte“ Der gute Hirte setzt sich voll ein AG Streicheleinheiten inklusive CB Vertrauen dem, der Vertrauen verdient CB Schauen lernen – vertrauen lernen CB Der Mensch sehnt sich – Gott antwortet AG Verloren, müde, verirrt AG Jemand sorgt sich um mich – ich bin nicht allein CB
6
40 42 44
48 50 52 54 56 58 60 62
66 68 70 72 74 76 78
Ruhe und Stärkung, Liebe und Vergebung finden AG
80
„Ich bin das Leben“ Das Leben AG Weg und Leben AG Wahrheit und Leben AG Auferstehung und Leben CB Hilf meinem Unglauben CB Bevor das Wunder geschieht CB Am Abend der Welt CB
84 86 88 90 92 94 96
„Ich bin der Weinstock“ Wachsen und reifen CB Jesus und der Weinstock AG Der wahre Weinstock AG „Und wenn am Schluss nur Kümmerbeeren herauskommen …“ CB Antwort an die Gedanken einer Rebe CB Mehr als Wein AG Kein Kamillentee AG
7
98 100 102 104 106 108 110
„Wasser des Lebens“ Wer zur Quelle gehen kann, der gehe nicht zum Wassertopf AG Wasser des Lebens AG Reinigung und Klärung AG Bitte um Reinigung AG Jesus lädt ein zum Abendmahl, nicht die Kirche(n) CB
114 116 118 120 122
Liebe Keine größere Liebe AG
126
Leid Das Leid tragen CB
130
Auferstehung Der Tod hat nicht das letzte Wort AG Wirklich eine gute Nachricht CB
134 136
8
Eingeladen! Gott will uns begegnen: „Sei ganz bei mir!“ Liebe Leserin, lieber Leser! Wie kann ich Fremdheit überwinden? Nähe erleben – ganz bei mir selbst sein? Ganz bei Gott sein? Seine Nähe erfahren, vielleicht zum ersten Mal? Treten wir näher. Und hören wir die sieben „Ichbin-Worte“ aus dem Mund von Jesus. Sieben Worte, in denen er das Geheimnis seiner Person und das Geheimnis seiner Beziehung zu uns ausdrückt. Er möchte uns in diesen Worten ganz zu sich selbst, in seine Nähe führen, damit wir mit ihm und in ihm unsere Tage leben. Jesus hat uns gezeigt, dass er uns in allem begegnet, was uns Tag für Tag ins Auge springt: im Wasser, im Brot, im Weinstock, in der Tür, im Hirten, in 9
der Lebendigkeit, die wir in uns und in anderen Menschen entdecken. So möchte uns Jesus die Augen öffnen, dass er mit uns durch unsere Zeit geht, um uns immer tiefer in das Geheimnis unserer Erlösung, in das Geheimnis unserer inneren Freiheit und in das Geheimnis seiner Liebe einzuführen, die uns in allem berührt, was uns umgibt. In diesem Sinne verstehen wir auch den Titel „In dir die Mitte finden“. Wir wünschen Ihnen eine gesegnete Lese- und Lebenszeit, eine Zeit, in der Ihnen Jesus die Augen für den Reichtum Ihres Lebens öffnet. Anselm Grün & Clemens Bittlinger
10
In dir die Mitte finden
Lebensbrot Brot steht für alles, wonach wir Hunger haben, was uns nährt, wovon und woraus wir leben. Im Vaterunser beten wir um das tägliche Brot, das wir brauchen, um leben zu können. Die Israeliten schrien in der Wüste, als sie zu verhungern drohten, nach dem Brot. Sie murrten gegen Mose und gegen Gott: „Wären wir doch in Ägypten durch die Hand des Herrn gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten.“ (Exodus/2. Buch Mose 16,3) Gott antwortete den Israeliten durch den Mund des Mose: „Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln.“ (Ex 16,4) Die Israeliten brauchen Brot, um zu überleben. Und Gott lässt dieses Brot vom Himmel regnen. Er lässt am Morgen eine Schicht Tau auf den Wüstenboden fallen. „Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde.“ (Ex 16,14) 16
„Ich bin das Brot“
Es ist das Brot vom Himmel, das Gott den Israeliten schenkt, damit sie ihren Zug durch die Wüste bewältigen können. Auf diese Geschichte bezieht sich Jesus, wenn er im Johannesevangelium sagt: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern.“ (Joh 6,35) Er hat den Mut, sich selbst mit dem Brot zu identifizieren, das Gott den Israeliten auf ihrem Weg durch die Wüste vom Himmel her geschenkt hat. Wenn wir auf ihn schauen, erfahren wir Stärkung auf unserem Weg durch die Wüste. AG
Jesus: Brot des Lebens.
Stärkung auf dem Weg durch die Wüste. 17
In dir die Mitte finden
Nahrung der Liebe: das gebrochene Brot Im Johannesevangelium gipfelt die Brotrede Jesu in dem Wort: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt.“ (Johannes 6,51) Die ersten drei Evangelien erzählen uns, dass Jesus beim letzten Abendmahl vor seinem Tod Brot genommen hat und sich selbst in Gestalt des gebrochenen Brotes den Jüngern gibt: „Er nahm das Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lukas 22,19) Die Eucharistie, das Abendmahl ist der Ort, an dem das Wort Jesu „Ich bin das Brot des Lebens“ für uns täglich Wirklichkeit wird. Da gibt er sich selbst uns zu essen. Aber es ist das gebrochene Brot, mit dem sich Jesus identifiziert. Das gebrochene Brot steht für seinen Tod am Kreuz. Da wird er für uns gebrochen, damit wir 18
„Ich bin das Brot“
nicht zerbrechen an unserem Leben, sondern aufgebrochen werden für Gott, aufgebrochen auch für unser wahres Selbst und aufgebrochen für unsre Brüder und Schwestern. Indem sich Jesus am Kreuz für uns hingibt, wird er für uns zur Nahrung der Liebe. Indem wir das Brot, das er uns reicht, essen, haben wir teil an seiner Liebe, durchdringt seine Liebe uns immer mehr, damit auch wir fähig werden, uns füreinander zu geben, uns füreinander aufzubrechen und zu öffnen. AG
Jesus: für uns gebrochen, damit wir nicht zerbrechen an unserem Leben, sondern aufgebrochen werden. 19
In dir die Mitte finden
Was uns satt macht, was uns nährt Jesus – so erzählen es uns die drei ersten Evangelien – hat vierzig Tage in der Wüste gefastet. Er hat auf das Brot verzichtet, weil er überzeugt war, dass Gott selbst ihn nährt. Doch nachdem er vierzig Tage gefastet hatte, bekam er Hunger: „Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird.“ (Matthäus 4,3) Jesus soll seine göttliche Kraft dazu benutzen, sich genügend Nahrung zu verschaffen, sogar die Steine zu Brot werden zu lassen, um seinen Hunger zu stillen. Doch Jesus verweist den Teufel auf ein Schriftwort aus dem Buch Deuteronomium (5. Buch Mose): „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ (Mt 4,4 = Dtn 8,3) Wir leben nicht nur von dem, was wir essen können. Es gibt eine geistige und geistliche Nahrung. Jesu Worte sind Brot für unseren Geist. Mit ihnen nährt er uns. 20
„Ich bin das Brot“
Und es ist eine Nahrung, die uns nicht sterben lässt. Jesus verweist die Juden auf das Brot, das ihre Väter in der Wüste gegessen haben und doch gestorben sind. Doch: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“ (Johannes 6,51) Wir sollen seine Worte wie Brot kauen. Die frühen Mönche sprachen vom „Wiederkäuen“ des göttlichen Wortes. Davon wird der ganze Leib von Freude erfüllt. Das Wort nährt den Leib und erfüllt ihn mit Freude. Und Freude ist eine Nahrung, die haltbarer ist als das äußere Brot, mit dem man eine unzufriedene Seele zuzustopfen versucht. AG
Jesus – seine Worte wie Brot „kauen“. 21
In dir die Mitte finden
Die Liebe Gottes ist Lebensnahrung Im Neuen Testament wird berichtet, wie Jesus einmal von der Menge derart bedrängt wurde, dass er noch nicht einmal dazu kam, „Feierabend zu machen“. Deshalb fuhr er mit dem Boot an eine andere Stelle des Sees Genezareth, doch auch dort versammelten sich rund fünftausend Menschen. Jesus hatte Mitleid mit ihnen und nahm sich noch einmal viel Zeit. Doch damit fühlten sich seine Jünger wohl überfordert. Sie warteten auf den Moment, in dem auch Jesus endlich einsehen würde, dass es Zeit war, endlich zu entspannen: „Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät. Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.“ Endlich hatten die Jünger einen richtig guten Grund, Jesus zu unterbrechen: Wenn er schon auf dem „Feierabendohr“ taub war, so war doch die Tatsache, dass auch die Leute müde waren und 26
„Ich bin das Brot“
Hunger hatten, ein wirklich guter Grund, die Veranstaltung nun zu beenden, fanden sie. Und Jesus sagt: „Gebt ihr ihnen zu essen“ – kümmert euch darum, dass sich die Leute wohlfühlen, dass auch für ihr leibliches Wohl gesorgt wird. Genau das ist unser Auftrag als Christen: Lebensnahrung sollen wir liefern, die Liebe Gottes in so einer Weise an andere Menschen weitergeben, dass sie sich wohlfühlen und nicht in die Enge getrieben, dass sie ein gesund- und heilmachendes, ein sättigendes und ganzheitlich angelegtes Menschsein erfahren: von Gott. Durch uns. Diese Lebensnahrung gilt es neu zu entdecken: für uns alle! CB
Teilen wir das Lebensbrot, das Gott uns gibt – heute! 27
In dir die Mitte finden
Jesus, das Licht Das Bild des Lichtes spricht eine Ursehnsucht des Menschen an, die Sehnsucht nach Leben und Glück. Von einem liebenden Menschen sagt man, dass er ein Lichtblick ist für unser Leben. Oder wir sagen von einem Menschen: „Wenn du ins Zimmer kommst, wird es heller. Du bist ein Sonnenschein für die Menschen.“ Es tut uns gut, wenn jemand von uns sagt, dass wir als Licht leuchten. Doch es kann auch gefährlich sein: Wenn wir uns mit dem Bild des Sonnenscheins identifizieren, dann überfordern wir uns. Es gibt Situationen, in denen wir mit unserem inneren Licht an eine Grenze kommen. Da gibt es Konflikte, die wir nicht erhellen können. Jesus selbst jedoch sagt von sich: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12) Jesus bringt durch seine Person Licht in die Dunkelheit der Menschen. Wo Jesus ist, wird die Welt heller. 32
„Ich bin das Licht“
Wer es wagt, sich auf diesen Jesus einzulassen, der tappt nicht im Finstern herum, der ist nicht orientierungslos, dessen Leben wird heller und glücklicher. Wenn ich Jesus in mir Raum gebe, dann darf ich immer wieder mal Licht sein für andere. Ich muss nicht immer Sonnenschein sein. Aber ich darf dankbar annehmen, dass ich dann, wenn ich für Jesu Geist und Liebe durchlässig bin, Licht in meine Umgebung bringe. AG
Jesus in mir Raum geben heißt:
dem Licht Raum geben. 33
In dir die Mitte finden
Das Licht-ins-Dunkel-Wunder Johannes berichtet uns von einem Wunder, mit dem Jesus sein Wort Wirklichkeit werden lässt: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ (Johannes 9,5) Nach diesem Wort spuckt Jesus auf die Erde. „Dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach!“ (Joh 9,6f.) Der Blindgeborene ist ein Bild für unseren Zustand. Von Geburt an blicken wir nicht durch. Wir gehen blind durch das Leben. Wir wollen die eigene Wirklichkeit nicht anschauen. Wir lullen uns lieber in Illusionen ein, die wir uns vom Leben gemacht haben. Jesus streicht dem Blinden Lehm in die Augen, um ihm zu sagen: „Du bist von der Erde genommen. Und nur wenn du deine Erdhaftigkeit, deinen inneren Schmutz annimmst, kannst du sehen.“ Sehen heißt, die eigene Wahrheit sehen, gerade auch in ihrer unangenehmen Seite. 36
„Ich bin das Licht“
Erde heißt im Lateinischen humus. Davon kommt humilitas = Demut. Wer sich in seiner Hybris weigert, die eigene Wirklichkeit anzuschauen, wird blind. Nur wer den Mut besitzt, in seine eigene Menschlichkeit hinabzusteigen, kann die Augen öffnen und sich sehen, wie er in Wahrheit ist. Der Blinde soll sich im Teich Schiloach waschen. Schiloach heißt „der Gesandte“. (Joh 9,7) Im Teich Schiloach begegnet der Blinde Christus, dem von Gott Gesandten. Das ist für Johannes ein Bild für die Taufe. Die frühe Kirche hat die Taufe als Erleuchtung verstanden. Der Glaube bedeutet ein neues Sehen. Wer glaubt, sieht tiefer, er sieht das Eigentliche. Er blickt durch. Er sieht in die Tiefe. Er erblickt die Wirklichkeit, so wie sie ist. AG
Jesus begegnen – in seinem Licht die eigene Wahrheit sehen. 37
In dir die Mitte finden
Zugang zu Gott selbst Die Tür ist Sinnbild des Übergangs von einem Bereich in den anderen, vom Diesseits ins Jenseits, vom profanen in den heiligen Bereich. Bei den Völkern gibt es die Himmelstür, die den Übergang in den göttlichen Bereich anzeigt. Jesus ist die Tür, durch die wir nicht nur zu uns selbst eingehen, sondern durch die wir in das Haus Gottes eintreten, durch die wir zu Gott kommen. Im Mittelalter hat man an den romanischen Kirchenportalen Christus als den Herrscher dargestellt. Er entscheidet über den Zugang zum Himmel und zur Hölle. Durch ihn treten wir in die Kirche, in den heiligen Bereich. Er ist der eigentliche Zugang zum Leben. Wer durch Christus als die Tür geht, der betritt den Bereich des Lebens, des göttlichen Lebens, der ist jetzt schon im Himmel. Jesus ist nicht nur die Tür, sondern auch der Schlüssel, der uns die Tür zum Haus Gottes aufschließt. Der Besitz des Schlüssels bedeutet in den 52
„Ich bin die Tür“
Mythen und Märchen oft: eingeweiht sein ins Geheimnis, Zugang zum Geheimnis ermöglichen. Jesus ist der Schlüssel, der uns einweiht in das Geheimnis Gottes. Er schließt uns die Tür auf, damit wir in den Bereich Gottes eintreten und in Gott daheim sein können. Und Jesus ist der Schlüssel, der uns den Zugang erschließt zu uns selbst, zum Geheimnis unserer Menschwerdung. Manchmal erahne ich die Wirklichkeit dieser Bildworte von Tür und Schlüssel. Da geht mir in der Begegnung mit Jesus etwas auf. Da öffnet sich mir eine Tür und ich trete in den Bereich des Eigentlichen, der Wahrheit, in den Bereich Gottes, in dem ich erst ganz zu mir selbst finde. AG
In Jesus kann ich zu Gott kommen – und zu mir kommen. 53
In dir die Mitte finden
Mut zur Offenheit Eine geöffnete Tür springt zunächst einmal ins Auge, sie ist eine optische Einladung: Komm herein und entdecke den nächsten Raum! Da muss gar nicht viel gesagt werden: Eine weit geöffnete Tür spricht gewissermaßen im Bild zu mir, und dieses Bild regt meine Fantasie an, fordert mich heraus, mich zu entscheiden, ob ich den nächsten Raum betreten möchte oder nicht. Deshalb spielt die Tür auch in unseren Träumen eine wichtige Rolle, sie steht für Übergänge und Veränderungen in unserem Leben. Man kann Türen auch hören. Türen übermitteln uns akustische Botschaften. Wenn eines der Kinder wutentbrannt die Treppe hochstapft und anschließend kräftig die Tür zuknallt, dann hören wir eine ganz bestimmte Botschaft: Jemand ist sauer und lässt Dampf ab, indem er die Tür zuknallt. Das ist eindeutig: Lasst mich in Ruhe, ich will nichts mit euch zu tun haben (zumindest im Augenblick). 56
„Ich bin die Tür“
Wenn dagegen zwei Menschen zusammen in einem Raum schlafen und der eine geht später zu Bett und öffnet und schließt leise und behutsam die Tür, so lautet die akustische Botschaft: Ich will dich nicht stören. Welche Türen höre und sehe ich in meinem Leben? Welche Türen sind verschlossen und welche stehen mir offen? Welche Türen höre ich im Gespräch mit anderen? Höre ich es überhaupt, wenn sich mir jemand öffnet, oder bin ich selbst verschlossen? Welche optischen und akustischen Signale sende ich nach draußen? Gott macht mir Mut zur Offenheit – mir selbst, ihm und anderen gegenüber! CB
Gott macht mir Mut zur Offenheit – mir selbst, ihm und anderen gegenüber! 57
In dir die Mitte finden
Ein „Virenscanner“ fürs Leben Als Bill Gates sein äußerst benutzerfreundliches Computerprogramm einführte, nannte er es „Windows“ („Fenster“). Er hätte es auch „Doors“ („Türen“) nennen können, denn hier geht es, wie bei allen Computerprogrammen, um die Entscheidung: auf oder zu, ja oder nein; 0 oder 1: Öffne ich ein Fenster oder eine Tür und eröffne damit einen neuen Raum, oder lasse ich eine Tür oder ein Fenster geschlossen und halte mich somit auch fern von einem Raum? Es gibt ja den Satz: „Wer nach allen Seiten hin offen ist, der kann nicht ganz dicht sein!“ Diese „Weisheit“ bekommt im Zeitalter von Computer und Internet noch einmal eine besondere Bedeutung. So kann es auch ziemlich teuer werden, wenn man sich ohne einen entsprechend aktualisierten Virenscanner einfach so durchs Internet bewegt, weil es Programme gibt, die sich selbst Türen und Fenster öffnen und den Computer verseuchen und zerstören können. 58
„Ich bin die Tür“
Was für den Computer gilt, kann auch als Sinnbild für unser Leben verstanden werden. Gibt es denn auch einen „Virenscanner“ fürs Leben? Wie finde ich das richtige Maß, einen Maßstab, der mir hilft zu entscheiden: Mache ich auf oder mache ich zu? Sage ich Ja oder sage ich Nein? Die Bibel, das Wort Gottes, das hörende Gebet und das Gespräch mit vertrauten Menschen können mir helfen, eine Art Virenscanner für mein Leben zu entwickeln: Wo öffne ich mich und wo mache ich besser dicht? CB
Mit Gottes Wort, Gebet und Gesprächen gut entscheiden und gut leben lernen. 59
In dir die Mitte finden
Das Leben „Ich bin das Leben.“ Nach Leben sehnen wir uns alle. Doch jeder versteht etwas anderes unter Leben. Für den einen heißt Leben: möglichst viel erleben, möglichst viel reisen und Menschen sehen. Für andere besteht Leben in der Lebendigkeit, in einer neuen Qualität von Leben. Für wieder andere heißt Leben: ganz im Augenblick sein, sich selbst und alles um einen herum intensiv spüren und erleben. Jesus nennt sich selbst das Leben. Er nimmt für sich in Anspruch, dass er unsere Sehnsucht nach Leben und Lebendigkeit erfüllt. Was Leben ist, das – so sagt er – erfahren wir erst in ihm. Im Johannesprolog heißt es: „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Johannes 1,4) Und im 1. Johannesbrief sagt der Autor von Jesus: „Das Leben ist erschienen.“ (1. Johannes 1,2) Jesus fasst seine Botschaft in dem Wort zusam84
„Ich bin das Leben“
men: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10) Welche Erfahrung steckt hinter solchen Worten? Die Jünger haben Jesus offensichtlich als einen Menschen erfahren, von dem Leben ausging. Er war kein langweiliger Prediger. In seiner Nähe blühte Leben auf. Wenn er sprach, bewegte sich etwas, da wurde etwas in einem lebendig. Und wenn man sich auf seine Worte einlässt, weiß man auf einmal, was Leben wirklich heißt. AG
Wage ich es, mich einzulassen auf Worte von Jesus? Wage ich es, mich einzulassen auf das Leben? 85
In dir die Mitte finden
Wahrheit und Leben „Ich bin die Wahrheit.“ Wenn Jesus sich die Wahrheit nennt, dann müssen wir uns den griechischen Begriff der Wahrheit vor Augen halten. Wahrheit als „aletheia“ meint, dass der Schleier, der über der Wirklichkeit liegt, weggezogen wird und dass wir unverhüllt die Wirklichkeit schauen, wie sie ist. Die Griechen litten darunter, dass ihnen die Wirklichkeit verhüllt schien. Wir sehen alles nur wie unter einem Schleier. Doch das Eigentliche erkennen wir nicht. Jesus nimmt für sich in Anspruch, dass er uns die Hülle wegzieht, die das Eigentliche verdeckt. Wer Jesus versteht, der blickt durch. Er sieht auf den Grund. Er erkennt die Wirklichkeit so, wie sie von Gott her ist. Er kommt in Berührung mit dem Urgrund allen Seins. Jesus führt mich aber auch zu meiner eigenen Wahrheit. Ich kann mich auf Jesus nicht einlassen, um nur etwas Neues zu erfahren. Es geht immer auch um mich und um meine Wahrheit. Wenn 88
„Ich bin das Leben“
ich Jesu Worte meditiere, dann nehmen sie auch den Schleier weg, den ich über meine Wirklichkeit gezogen habe, weil sie mir unangenehm ist. Jesus führt mich in die Abgründe meiner Seele und deckt sie mir auf. Von der Wahrheit sagt Jesus, dass sie uns frei macht. „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien.“ (Johannes 8,31f.) Wer vor seiner Wahrheit davonläuft, der wird von der Angst verfolgt, dass die Wahrheit ihn doch einholt, dass die andern doch entdecken, was hinter seiner Fassade steckt. In der Begegnung mit Jesus kann ich mich nicht verstecken. Da wird meine Wahrheit aufgedeckt. Aber diese Wahrheit wird mich frei machen. Sie wird mich zum wahren Leben führen. AG
Wer Wahrheit wagt, wird frei. Frei zu leben. Frei zu lieben. 89
In dir die Mitte finden
Kein Kamillentee In der Eucharistie, im Abendmahl reicht uns Jesus im Kelch den Wein seiner Liebe. „Süßer als Wein ist deine Liebe“ heißt es im Hohelied. (Hohelied 4,10) Es ist eine Liebe, die das Herz erfreut, die uns einen neuen Geschmack am Leben schenkt. Jesus will für uns Wein sein, der uns berauscht, der uns mit Liebe und Freude erfüllt. Das ist ein anderes Selbstverständnis als das eines asketischen Menschen, der in uns nur ein schlechtes Gewissen hervorruft. Es gibt Menschen, in deren Nähe man sich kaum traut etwas zu essen, geschweige denn Wein zu trinken. Jesus hat eine andere Ausstrahlung. Er reicht sich und seine Liebe im Wein. Mein Mitbruder Pater Meinrad hat einmal in einer Predigt gefragt, was für einen anderen Jesusgeschmack wir wohl hätten, wenn Jesus gesagt hätte: „Ich bin ein magenschonender Kamillentee.“ Da würden wir mit Jesus etwas anderes verbinden: 110
„Ich bin der Weinstock“
Askese, Kreisen um uns und unsere Gesundheit, Wehleidigkeit, Vorsicht. Doch Jesus verbindet seine Person mit dem Weinstock und dem Wein. Er will für uns eine Quelle der Ekstase, der Süßigkeit und des Wohlgeschmacks sein. Jesus möchte uns vor allem den Geschmack der Liebe und der Freude vermitteln und nicht den faden Geschmack von Richtigkeit und Korrektheit. AG
„Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“ (Psalm 16,11) 111
In dir die Mitte finden
Wirklich eine gute Nachricht „Jesus ist auferstanden! Wahnsinn! Der Tod, das Leid und der Schmerz haben nicht das letzte Wort!“ Das war die Botschaft der ersten Christen, deshalb heißt das Neue Testament Evangelium (im Griechischen: Euangelion), und das bedeutet „Gute Nachricht“. Das ist ja auch wirklich eine gute Nachricht, wenn man dem von Anfang an dem Sterben geweihten Menschenkind auf einmal zurufen kann: „Der Tod hat nicht das letzte Wort! Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Wir Christen sind die einzigen Menschen auf dieser Erde, die aus der Wirklichkeit der Auferstehung leben. Früher wurden die Menschen, die Christen werden wollten, bei ihrer Taufe im Wasser immer ganz untergetaucht; auch heute wird das praktiziert, wenn auch nicht in allen Kirchen. Dabei symbolisiert das Untertauchen das Sterben mit Jesus – und das Auftauchen das Auferstehen mit Jesus. 136
Auferstehung
Jemand, der glaubt und getauft wird, stirbt und aufersteht in der Taufe mit Christus – und er lebt fortan in der Wirklichkeit der Auferstehung, er ist „in Christus“. Paulus beschreibt das in seinem Brief an die Korinther folgendermaßen: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17) Daran darf ich mich festhalten, mit diesem Bewusstsein darf ich beten und Gottesdienst feiern: Ich gehöre zu Jesus, und als der Auferstandene ist er mir ganz nah – nicht nur am Sonntag, sondern auch im Alltag, ja an jedem Tag meines Lebens! CB
137