TENZIN LAHKPA mit Eugene Bach
AUF DER SUCHE nach Erleuchtung fand ich
das Licht
Cover einbauen
Mein Weg von Buddha zu Jesus
Aus dem Englischen von Philipp Scholtzen
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© 2019 Brunnen Verlag GmbH, Gießen Umschlaggestaltung: Jonathan Maul ISBN Buch 978-3-7655-0710-6 ISBN E-Book 978-3-7655-7541-9 www.brunnen-verlag.de
Jeder Mensch ist willkommen! Die Hoffnung kommt aus Bethlehem – genauer gesagt: aus Beit Jala. Dort arbeitet LIFEGATE – und schreibt eine einzigartige Erfolgsgeschichte: Engagierte Menschen um Burghard Schunkert, CVJM-Sekretär aus Deutschland, haben eine Leuchtturm-Einrichtung im Nahen Osten geschaffen: kompetente Hilfe für Tausende Kinder und Jugendliche mit Behinderung und deren Familien. Es ist eine echte Abenteuergeschichte, die Christoph Zehendner in packenden Kurz-Reportagen festhält – bewegende Versöhnungsgeschichten inklusive. Immer geht es um Würde. Um „Hilfe ohne Ansehen der Person“. Immer geht es um Hoffnung in diesen wahren Geschichten aus dem HEILIGEN LAND. Sie zeigen: Es gibt keine „hoffnungslosen Fälle! „Dieses Buch berührt, macht Mut und öffnet das Herz.“ Marianne Lüddeckens, Sternstunden e.V./ Bayerischer Rundfunk „Lassen Sie sich anstecken von der Begeisterung, die in mir entfacht wurde!“ Samuel Koch, Schauspieler und Autor „Sie werden dieses Buch toll finden und sich in die Arbeit von Lifegate geradezu verlieben!“ Joni Eareckson Tada, Joni & Friends 3
Zwischen den Stühlen
Als Deutscher in Israel leben (Jerusalem 1987) „Woher genau aus Holland kommen Sie eigentlich, junger Mann?“ Burghard Schunkert zuckt zusammen. Fast fällt ihm der Schraubenzieher aus der Hand, mit dessen Hilfe er gerade einen Kleiderschrank abbaut. Dabei lächelt ihn die ältere Dame, die die Frage gestellt hat, freundlich und ehrlich interessiert an. „Wieso Holland?“, fragt Burghard erstaunt zurück. „Ich bin Deutscher. “ Die Dame erbleicht. Macht einen Schritt zurück. Muss sich ein paar Sekunden lang sammeln. Und murmelt dann: „Mein Mann wird gleich nach Hause kommen. Der darf das auf gar keinen Fall erfahren.“ Burghard jobbt gerade bei einem Schreiner. Einem echten Fachmann, von dem er eine Menge lernen kann. Gemeinsam ziehen die beiden über Baustellen oder sind in Privathäusern aktiv – wie eben gerade jetzt. In einem sehr gut ausgestatteten Haus betuchter Israelis sollen Burghard und sein Chef einen alten Schrank aus- und einen neuen einbauen. Als Burghard die Wohnung betritt, fallen ihm die edlen 4
Möbel und die ausgesuchte Einrichtung auf. Und eine Reihe schwarzer Kacheln, die im Wohnzimmer und im Bad zu sehen sind. Auffällig. Ungewöhnlich. Merkwürdig. Doch er fragt nicht nach, fängt an zu arbeiten. Ein Routineauftrag. Wenn da nur nicht die in Israel nie hundertprozentig rechtwinklig geraden Wände und Ecken wären. Und wenn da jetzt nicht diese Frage wäre, deren Antwort mit einem Schlag die freundliche Stimmung kippen lässt. Burghard wendet sich wieder seiner Arbeit zu und grübelt. Wieso Holland? Wahrscheinlich hat sein Chef diese falsche Auskunft gegeben. Und der wird wohl seine Gründe dafür gehabt haben … Wenig später sitzen Burghard, sein Chef und die ältere Dame beim Mittagessen zusammen. Als ihr (ebenfalls älterer) Ehemann von der Arbeit nach Haus kommt, nimmt auch er am Tisch Platz. Ein lebhaftes Gespräch entwickelt sich. Burghard erfährt, dass die beiden eine Kleiderfabrik in Jerusalem besitzen. Doch dann ist da wieder diese Frage, diesmal gestellt vom Herrn des Hauses: „Wo genau aus Holland kommen Sie eigentlich her?“ Burghard erbleicht. Sitzt da wie versteinert. Traut sich kaum zu atmen. Belügen aber will und kann er diese freundlichen Menschen nicht. „Ich komme aus Deutschland“, seufzt er kleinlaut. Wie vom Blitz getroffen springt der Hausherr auf. Wirft sein Besteck auf den Teller. Stürmt aus dem Esszimmer. Seine Frau ringt die Hände, wendet sich an Burghard und 5
versucht zu erklären: „Sie müssen wissen – mein Mann und ich waren beide in Ausschwitz.“ Hilflos murmelt Burghard Entschuldigungen. Steht auf. Kündigt an, sich wohl besser aus dem Staub zu machen. Es täte ihm ja so leid … Um zur Haustür zu gelangen, muss er durchs Wohnzimmer. Dort aber sitzt der Hausherr. Burghard stößt eine kurze Bitte um Entschuldigung hervor, will auf Zehenspitzen den Raum durchqueren. Doch erstaunlicherweise bittet der alte Herr ihn, Platz zu nehmen. „Es ist nichts gegen Sie persönlich“, fängt er an. Und dann erzählt er Burghard von Auschwitz. Von den Demütigungen. Von der Willkür. Von der Brutalität. Von der Menschenverachtung. Von all dem Schrecklichen, was Deutsche und ihre Helfershelfer damals dort Männern, Frauen, Kindern angetan haben. „Wir haben uns danach geschworen, nie wieder etwas mit Deutschland oder mit Deutschen zu tun zu haben“, erklärt der Mann, der den Holocaust überlebt hat. „Nach all dem Grauen, was wir mitmachen mussten, haben wir uns vorgenommen: Nie mehr! Kein deutsches Auto mehr fahren. Nicht mehr deutsch sprechen. Keinen Kontakt mehr haben zu Deutschen. Und jetzt – junger Mann – sind Sie in meinem Haus!“ Noch einmal bittet Burghard um Entschuldigung; beteuert, wie leid es ihm täte, hier zu stören. Beginnt stammelnd, ein paar Sätze zu sich zu sagen. Erzählt davon, wie er nach Israel gekommen ist. Warum er jetzt in diesem Job 6
arbeitet. Arbeiten muss. Dass er bald umziehen und ein Heim mit behinderten Menschen leiten wird. Dann verabschiedet er sich und verlässt das Haus. Wenige Wochen später fällt Burghard aus allen Wolken. Sein Telefon klingelt. Es meldet sich der Kleiderfabrikant aus Jerusalem. Burghard traut seinen Ohren nicht: „Junger Mann, Sie haben doch erzählt, dass Sie gerade umgezogen sind. Der alte Kleiderschrank, den Sie bei uns ausgebaut haben, den brauchen wir nicht mehr. Wollen Sie sich den nicht für sich abholen?“ Burghard lässt sich das nicht zweimal sagen. Er rückt mit einem Transporter an. In der Wohnung wartet die nächste Überraschung: Nicht nur der Schrank steht für ihn bereit. Sondern auch das Ehepaar selbst wartet auf ihn – mit einer Reihe von großen Säcken. Säcken gefüllt mit nagelneuer Kleidung aus ihrer Fabrik. „Sie können die Sachen doch bestimmt für Ihre behinderten Palästinenser brauchen“, bemerkt der Hausherr, als wäre das die größte Selbstverständlichkeit der Welt. Burghard nickt. Und erhält von nun an regelmäßig Kleiderspenden in bester Qualität. Von israelischen Holocaust-Überlebenden für palästinensische Kinder, Jugendliche, Erwachsene mit Behinderungen. Bis an ihr Lebensende unterstützen die beiden großzügigen Spender ihn und seine Arbeit im Westjordanland. Doch es bleibt nicht bei diesen Kleiderspenden. Burghard wird regelmäßig angerufen. Wie es ihm denn gehe, wollen die älteren Herrschaften wissen, und 7
wie seinen palästinensischen Kindern. Kein Anruf, in dem ihm das Ehepaar nicht viel Erfolg wünschen würde. Ihm, dem Deutschen. „Da habe ich zum ersten Mal bewusst erlebt, dass Gott etwas in Menschenherzen heilen kann“, berichtet Burghard Schunkert. Und dann bleibt ihm erst einmal für eine Weile die Stimme weg.
Der Junge auf dem Rollbrett
Faheds Weg ins Leben, Szene 1 (1989) Bin ich im falschen Film? Burkhard Schunkert kann nicht glauben, was sich vor seinen Augen abspielt. In seiner neuen Aufgabe als Heimleiter hat er schon so einige merkwürdige Überraschungen erlebt. Manch seltsame Gebräuche dieser Gegend hat er kennengelernt. Manch seltsamen Zeitgenossen. Aber was, bitte schön, soll das hier werden? Ein sichtlich gereizter Mann platzt – ohne anzuklopfen – in sein Büro hinein, schiebt etwas vor sich her. Einen Moment lang verharrt er ohne Bewegung im Türrahmen. Unrasiert. In abgetragenen Klamotten. Muffigen Schweiß8
geruch verbreitend. Burghard hat diesen Menschen noch nie zuvor gesehen. Wo er herkommt, weiß Burghard nicht. Und zunächst auch nicht, was der Fremde hier will. Jedenfalls hat er Burghards kleines Heim für Männer mit Behinderungen entdeckt. Sich bis zum Büro des Chefs durchgefragt. Seine Last bis hierher ins Büro geschafft. Jetzt aber steht er unschlüssig vor Burghard, zittert, weiß offensichtlich nicht recht, wie er sein Anliegen vorbringen könnte. Dann gibt der Fremde sich einen Ruck. Mit abfälliger Geste deutet er auf das, was er vor sich hierher geschoben hat: ein Brett, unter das er Rollen geschraubt hat. Jetzt erst bemerkt Burghard Schunkert: Auf diesem Brett kauert … ein Kind. Burghard ist entsetzt. Das magere Kerlchen dort auf dem Brett sieht erbärmlich aus. Höchstens dreizehn, vierzehn Jahre mag es alt sein. Oder täuscht der erste Eindruck? Ist er vielleicht schon achtzehn, neunzehn? Jedenfalls hat der Junge auffallend kurze Beine. Sein ganzer Körper wirkt zwergenhaft klein, steckt in alten, viel zu großen Kleidern. „Ein Häufchen Elend auf einem Stück Holz“, schießt es Burghard durch den Kopf. Da räuspert sich der Mann. Gibt dem Brett einen Schubs. Setzt es so in Bewegung, dass es genau vor dem Schreibtisch von Burghard Schunkert landet. Und zischt Worte, die Burghard nie mehr vergessen wird: „Das ist mein Sohn Fahed. Du kannst ihn haben. Und behalten.“ Dann wendet er sich zur Tür. 9
Angekommen Faheds Weg ins Leben, Stand heute Heute also werde ich Fahed persönlich kennenlernen. Den Mann, von dem ich so viel gehört habe. Den Jungen auf dem Rollbrett. Den Schuster. Den Geschäftsmann. Die Stimmungskanone. Den Mann, von dem alle immer nur mit einem Lächeln erzählen können. Den Fahed. „Gepard“, bedeutet sein Name auf Deutsch. „Ich heiße so wie das schnellste aller Tiere“, gibt Fahed gerne lachend an, habe ich mir erzählen lassen. Ich bin gespannt auf den Kerl. Hier und heute treffe ich ihn also, in Beit Aua, seinem Heimatdorf, wo er seit einigen Jahren lebt und arbeitet. Das muss er sein, denke ich, als unser Auto in eine schräg abfallende Gasse hineinrollt: der Mann im Rollstuhl dort drüben in der offenen Tür des Ladens. Ein kugelrunder, fast kahler Schädel. Ein wohlgepflegter, fast grauer Bart. „Salam Aleikum“, begrüßt Fahed Abu Darreya uns. Höflich, fast ein bisschen gestelzt, wie sich das so gehört im Orient. Aber der steife Teil der Zeremonie ist rasch erledigt. Fahed freut sich wie ein großer Junge über unseren Besuch. Er lacht oft und laut und herzlich. Leicht aufgekratzt kurvt er mit seinem Elektrorolli herum, von der Rampe vor seinem Laden durch die Tür, mal hinter den Verkaufs10
tresen, mal wieder davor. Seine drei Töchter schwirren um ihn herum, zwei davon im Kindergartenalter, eine schon in Schuluniform. Im Hintergrund taucht auch Faheds Frau Fatma kurz auf. Sie trägt einen Niqab, das heißt, ihr gesamtes Gesicht ist schwarz verschleiert, nur für die Augen ist ein kleiner Schlitz frei. Befremdlich für mich. Aber normal hier in dem Provinz-Kaff, in dem Fahed mit seiner Familie lebt. Etliche von Faheds Nachbarn verstehen den Islam sehr radikal, ja fundamentalistisch. Ob seine Frau sich deshalb so verschleiern muss? Nach ausführlichen Begrüßungen und einigem Smalltalk im Stehen lädt Fahed uns ein, Platz zu nehmen. Hinter dem Verkaufstresen ist Platz für seinen Rolli. Wir setzen uns um ihn herum auf Plastikhocker. Seine Töchter wuseln mal hierhin, mal dahin, starren die fremden Gäste an und finden unsere Anwesenheit offensichtlich ziemlich aufregend. Auch die Nachbarschaft hat spitzgekriegt, dass in Faheds Laden heute ungewöhnlicher Besuch eingetroffen ist. Entsprechend neugierig die Blicke. Immer mal wieder linst ein Kind oder ein Erwachsener durch die offene Tür zu uns herein. Faheds Frau serviert Tee, reicht Süßigkeiten. Nach anfänglicher Zurückhaltung nimmt sie an unserem Gespräch teil. Wir spüren, dass auch sie sich über das Interesse und den Besuch freut. Faheds Aufregung legt sich. Er beginnt, es zu genießen, im Mittelpunkt zu stehen und seine Geschichte zu erzählen. Er ist sichtlich stolz darauf, mir das hier alles zeigen 11
zu können: seinen Laden. Seine gesunde Frau, mit der er schon dreizehn Jahre lang verheiratet ist. Seine drei Töchter, die alle gehen, springen, hopsen und tanzen können. Der ganze Stolz ihres heute achtundvierzig Jahre alten Vaters. Fahed erzählt und Fahed strahlt und Fahed lacht. Ein herzhaftes Lachen aus der Tiefe seines Körpers. Herzlich. Mitreißend. Breit. So breit, dass dabei die große Lücke zu sehen ist, die in seiner oberen Zahnreihe klafft. Geld genug für einen Zahnarzt jedenfalls scheint er nicht gehabt zu haben, als es nötig gewesen wäre, überlege ich. Überhaupt fällt mir schnell auf, dass Fahed nicht auf großem Fuß lebt, wenn diese Redewendung auf einen Rollstuhlfahrer angewandt werden darf: Die Töchter sind sauber, aber recht einfach gekleidet. Die Familienwohnung gleich unter dem Laden besteht aus einem einzigen Raum, etwa so groß wie zwei Garagen. Und auch das Angebot in Faheds Tante-Emma-Laden ist doch eher überschaubar – Gewürze, Reis, Nudeln, verschiedene Konserven, Süßigkeiten, Getränke. Kein Supermarkt für den Großeinkauf. Eher ein größerer Kiosk, in dem die Nachbarschaft sich schnell noch das holen kann, was ausgegangen ist. Fahed erzählt und erzählt – und ich verstehe kein Wort. Übersetzer Nael stoppt ihn sanft. Versucht klarzumachen, dass wir seine Geschichte Schritt für Schritt hören und verstehen wollen. Fahed beginnt von Neuem. Und bestätigt mir aus seiner Sicht all die Stationen seines Lebens, die ich zuvor schon durch Burghard, Hendrik und andere Beteiligte kennengelernt habe: die verpfuschte Kindheit 12
samt Abschiebungsversuch durch den Vater. Das Gefühl, nirgendwo mithalten zu können. Das Willkommen bei Lifegate. Der Neuanfang bei null. Die Schusterlehre. Die Selbstständigkeit in Beit Jala. Der erste Wahltag. Bei diesem Stichwort fängt Fahed an, an seiner Brusttasche zu nesteln. Er zerrt einige Papiere und Plastikkarten heraus, sucht – und präsentiert dann voller Stolz seine offizielle Wählerkarte. Sollte sich die palästinensische Führung wieder einmal auf demokratische Wahlen besinnen, wird er, Fahed, selbstverständlich seine Stimme abgeben! Ich spüre, dass mein Respekt vor diesem Mann wächst. Schwer krank, doch voller Humor. Gewaltig gehandicapt, doch verantwortlicher Programmdirektor seines Lebens. Unfassbar schlechte Startchancen und dann doch so ein beindruckender Lebensweg. Wie entwickelte der sich eigentlich weiter nach der Lifegate-Zeit? „Mein kleiner Schuster-Stand auf dem Markt von Beit Jala lief super“, schwärmt Fahed. „Aber mich zog’s nach ein paar Jahren wieder nach Hause, hierher nach Beit Aua.“ Und so kehrt er ins Heimatdorf zurück, etwa eine Stunde südlich von Beit Jala. Lifegate unterstützt ihn mit ein paar einfachen Maschinen: Mit einer kleinen Schuhmacherwerkstatt macht er sich selbstständig. Doch hier in der Provinz gibt’s nicht genug zahlungskräftige Kundschaft für ihn. Die Leute tragen ihre Schuhe, bis sie auseinanderfallen. So verbreitert Fahed sein Angebotsspektrum. Näht und repariert auch Geldbörsen. Rucksäcke. Handtaschen. 13
Doch der findige Geschäftsmann bemerkt bald, dass er die Branche wechseln muss. Da sein gesamtes Heimatdorf als palästinensischer „Second-Hand-Markt“ gilt, steigt er in den Handel mit Gebrauchtem ein. Er sammelt und sortiert gebrauchte Klamotten. Ist dabei froh über etliche Kleiderspenden, die Lifegate für ihn in Jerusalem einsammelt. Einmal in der Woche lässt er sich mit seiner Ware auf den Markt in der Stadt Hebron bringen. Verdient dort gutes Geld. Ein paar Jahre lang. Bis Billigware aus China den Markt überschwemmt und die örtlichen Preise kaputt macht. Und jetzt also der Onkel-Fahed-Laden. Fahed gibt zu, dass der gerade nicht viel abwirft. Und auch gesundheitlich gehe es ihm zurzeit nicht gerade Gold: Er ist Diabetiker und braucht deswegen eine spezielle Diät. Und viel zu hohen Blutdruck hat er auch noch. Eigentlich hätte er Grund genug zu jammern und um Hilfe zu flehen. Fahed aber lacht laut. Und erklärt mir: „Ich möchte keine Almosen. Ich kann arbeiten, und ich will arbeiten. Ich hab ein Handicap. Aber das bedeutet nicht, dass ich immer von anderen abhängig sein muss. Ich will das Essen für meine Töchter mit meinen eigenen Händen verdienen.“ Mit glänzenden Augen wechselt er kurz das Thema: „Es ist schon ein paar Jahre her, da hat mir eine großzügige Familie aus Deutschland einen elektrischen Rollstuhl geschenkt. Das war eine komplett neue Erfahrung für mich. Ich hatte auf einmal gar nicht mehr das Gefühl, in einem Rolli zu sitzen. Mir kam es so vor, als könnte ich meine eigenen Beine benutzen.“ 14
Auf eigenen Beinen stehen, das hat Fahed sich seither vorgenommen. Und anderen Menschen seine Hilfe anbieten – so wie er oft Hilfe bekommen hat. Selbst die alten Eltern, die in der Nähe leben, unterstützt er, wo er kann: Imm Fahed, seine Mutter, die ihren starken Beitrag zu seinem Erfolg leistete. Und Abu Fahed, der Vater, der ihn vor Jahrzehnten abschieben wollte – heute aber stolz ist auf das, was der Sohn aus seinem Leben gemacht hat. Wie er sich die nächsten Jahre seines Lebens vorstellt, welche Ziele er denn noch so erreichen möchte, frage ich. Fahed lässt sich Zeit mit der Antwort und spannt dann einen weiten Bogen: „Als ich Single war, war mein Leben einfach. Heute habe ich viel Verantwortung zu tragen. Das Einzige, was ich mir deshalb für die Zukunft wünsche: dass meine drei Töchter glücklich sind!“ Sagt er und streicht der mittleren Tochter liebevoll über die schönen schwarzen Haare. „Komm bald wieder vorbei!“, ruft Fahed, als sich unser Abschied nähert. „Und grüß mir meinen Freund Hendrik in Deutschland“, wiederholt er mehrfach. Den Hendrik, der ihn damals bei der Weihnachtsfeier bejubelte. Und der ihn später zur Wahl begleitete. Als wir gerade ins Auto einsteigen, hat Fahed noch eine Idee. „Warte, ich geb’ dir ein Geschenk mit, für die Kinder von Hendrik.“ Eine von Faheds Töchtern packt in seinem Auftrag drei lustige kleine Spielzeugsäckchen in eine schwarze Tüte. Auf jedes der knallbunten Säckchen ist ein Smiley-Gesicht aufgedruckt. Das lacht. Und lacht. Und lacht. Fast so breit wie Fahed. 15