Skip to main content

189778

Page 1

Eckart zur Nieden

Sein letzter Zug

zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 1

07.07.15 10:59


zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 2

07.07.15 10:59


Eckart zur Nieden

Sein letzter Zug Roman

zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 3

07.07.15 10:59


Da es in dieser Erzählung um die Generationenfolge geht, widme ich sie meinen vier Enkeln: Marilena, Samuel, Anastasia und Nathanael.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-86506-778-4 © 2015 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers Titelfotos: fotolia: Thomas Otto, Bertold Werkmann, steven, vik_y shutterstock: Donna Beeler Satz: Brendow Web & Print, Moers Druck und Verarbeitung: CPI – Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany www.brendow-verlag.de

zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 4

07.07.15 10:59


D E R L E B E N S M U T verließ Jens Kaltenbacher am zwölften Mai gegen elf Uhr dreißig. Das Datum ist bemerkenswert, weil ein solches Ereignis, wenn es sich überhaupt auf Tag und Stunde festlegen lässt, eher an einem grauen Novembertag eintritt, und nicht im sonnigen Frühling. Wenn rundum die Natur zum Leben erwacht, erscheinen Gedanken an den Tod eher unpassend. Der Anlass war bei Jens Kaltenbacher auch fast banal, verglichen mit all den anderen Schicksalsschlägen, die er bisher schon hatte hinnehmen müssen: Der Vermieter hatte ihm gekündigt. Der Brief war mit der Post gekommen. Der Verlust der Wohnung war ja nicht schlimmer als der Verlust seiner Ehefrau, die ihn vor Jahren samt seinem Kind verlassen hatte, und der Verlust seiner Arbeit. Und der Verlust seines Selbstwertgefühls. Die Kündigung war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ach nein, diese Redewendung malt ein falsches Bild. Besser sollte man sagen: Es war der letzte Tropfen, der aus dem Fass sickerte. Nun war Jens Kaltenbacher leer. Stundenlang hockte er in dem alten Korbsessel und brütete vor sich hin. Ach nein, auch das Wort »brüten« zeigt ein falsches Bild. Beim Brüten helfen die Vögel ja bei der Entstehung neuen Lebens, indem sie etwas von ihrer Körperwärme abgeben. Aber Jens ging es weder um neues Leben noch war Wärme in ihm. Im Gegenteil – je länger er da saß und seinen Gedanken und Gefühlen nachhing, desto kälter wurde es in ihm. Als er schon seit Stunden da saß – es war inzwischen dunkel 5

zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 5

07.07.15 10:59


geworden – durchzuckte ihn auf einmal ein Gedanke: Warum sitze ich schon wieder nur tatenlos da, kämpfe mit meiner Trauer und mit der Erinnerung an alle Niederlagen, statt endlich damit Schluss zu machen? Er stand auf mit einer Entschlossenheit, die er schon seit langem nicht mehr gezeigt hatte. Er fasste den Entschluss, im Industriegebiet von der Brücke auf die Eisenbahngleise zu springen. Das war ein Plan mit doppelter Sicherheit: Sollte er den Sturz überleben, würde ihn der nächste Zug überfahren. Nun wurde er seltsam ruhig. Jahrelang hatte er gekämpft – um seine Ehe, um seine Ehre, um seinen Wert in der Gesellschaft und in den eigenen Augen. Nun ja, auch das Wort »kämpfen« mochte nicht ganz passend sein. Eher hatte er etwas ersehnt, aber seine Mühe darum war halbherzig geblieben, weil ernsthafter Streit seine Sache nicht war. Jetzt war er müde und konnte nicht mehr. Jahrelang hatte er festhalten wollen, was nicht zu halten war, weil es ihm wie Sand durch die Finger rann. Jetzt ließ er los, und das empfand er als Erleichterung. Jens verließ die Wohnung, die ihm nun sowieso kein Zuhause mehr sein konnte. Er schloss ab und legte den Schlüssel unter die Fußmatte. Dafür gab es freilich keinen einleuchtenden Grund, aber er konnte sich in dieser besonderen Situation unmöglich über jeden kleinen Schritt Rechenschaft abgeben. Einen Abschiedsbrief schrieb er nicht. Davon hielt er nichts. Was bezweckt denn ein Selbstmörder mit einem Abschiedsbrief? Sollen den Hinterbliebenen Schuldgefühle bereitet werden? Nach dem Motto: Seht nur, wie schlecht es mir ging, und niemand hat mich verstanden und sich um mich gekümmert! Oder: Nun seht ihr, dass es mir ernst war! Oder soll ein Abschiedsbrief eine Erklärung sein, wo der Schreiber geblieben ist – wenigstens solange, bis man seinen Leichnam gefunden hat? 6

zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 6

07.07.15 10:59


All das konnte für Jens Kaltenbacher kein Grund sein. Es gab niemanden, der nach ihm fragen oder sich seinetwegen Sorgen machen würde. Und sollte doch jemand von den neugierigen Nachbarn fragen, wo denn dieser verschlossene Mann geblieben ist, mittelgroß, mittelalt, und seiner nachlässigen Kleidung nach zu urteilen wohl auch mittellos, dann interessierte ihn das nicht. Er fand keinerlei Befriedigung darin, sich auszumalen, wie er von fremden Menschen im Nachhinein bedauert würde. Die einzige Befriedigung für ihn war, dass er jetzt mit dem Kämpfen aufhören konnte. Einfach nichts mehr tun, nicht festhalten wollen, was nicht zu halten war, nichts erhoffen müssen, was doch nie kam. Er schlurfte zur Treppe. Beim Hinuntersteigen wäre er fast gefallen, weil er mit seinen Gedanken ganz woanders war, und konnte sich gerade noch am Geländer festhalten. Nein, das durfte jetzt nicht passieren! Verletzung, Poltern, jemand riefe den Krankenwagen, Ärzte, Untersuchungen … Und wieder müsste er sich dem Lebenskampf stellen, statt endlich das alles zu beenden. Niemand war auf der Straße. Wie auch? Es musste so gegen Mitternacht sein, vielleicht auch erst elf. Da schliefen hier im Wohngebiet die Leute. Gut so! Er trottete die Straße hinunter. Es ging leicht bergab. So wie es in seinem Leben immer bergab gegangen war, Schritt für Schritt. Es ging ihm durch den Kopf: Aber irgendwann ist man unten. Das hat dann den Vorteil, dass es nicht mehr weiter hinuntergeht. Bald bin ich auch ganz unten. Gut, wenn ich nach meinem Sturz von der Brücke nicht weiter abstürzen kann! Dann ist vielleicht mancher zufrieden, dass ich aus dem Weg bin. Weggeräumt. Sogar von mir selbst. Mancher wird sogar klammheimliche Freude empfinden. Egal! Was andere fühlen könnten, ist mir egal! Es war ihnen ja auch egal, was ich empfun7

zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 7

07.07.15 10:59


den habe. Niemand wird um mich trauern, und ich trauere um niemanden. Nein, das stimmt nicht ganz. Mit Arno verbindet mich vielleicht doch noch etwas. Immerhin ist er mein Sohn. Er ist jetzt … Moment … elf Jahre alt. Ob er trauert, wenn er es erfährt? Vielleicht ein wenig, eine begrenzte Zeit. Ehrlich gesagt – wenn er nicht länger trauert, liegt es wohl auch an mir. Ich hätte mehr um ihn kämpfen sollen, statt um meine Selbstbehauptung zu kämpfen. Was grübele ich denn da!, ermahnte Jens Kaltenbacher sich selbst. Eben war es mir noch gleichgültig, was andere über mich denken. Warum soll mir mein Sohn nicht auch gleichgültig sein? Es ist doch Unsinn, wenn manche Leute sagen, sie lebten in den Kindern weiter. Nein, die Kinder sind eigene Persönlichkeiten mit ihrem eigenen Leben. Wenn ich nicht mehr lebe, ist nichts mehr von mir da. Auch nicht im Leben meines Kindes. Wahrscheinlich noch nicht einmal in seiner Erinnerung. Ich wäre vielleicht lebendiger in seiner Erinnerung geblieben, wenn mir das wichtig gewesen wäre. Wenn er, Arno, mir wichtig gewesen wäre. Wichtiger vielleicht sogar als ich mir selbst. Wenn ich zum Beispiel an seinem Geburtstag … oh, der war ja vorgestern! Habe ich in meinen Sorgen auch vergessen. Jens wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als er irgendwo gegen rannte. Ein Schmerz am Kopf durchzuckte ihn. Da sah er es im schwachen Licht der Straßenlaternen: Vor dem großen Gebäude rechts war ein Gerüst aufgebaut. Anscheinend sollte die Fassade gestrichen oder neu verputzt werden. Dass die Leute keine Warnung … ach, da hing ja eine Laterne! Er hatte sie nicht bemerkt, weil sein Blick nach innen gerichtet gewesen war. Kaltenbacher sah an dem Gerüst hoch. Ein Gedanke kam ihm: Ich könnte auch da herunterspringen! Von ganz oben, fünfter Stock, hinunter auf die Straße. Da erspare ich mir den Weg zur Brücke. Man würde mich auch schneller finden. 8

zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 8

07.07.15 10:59


Verrückt, dass mir jetzt der Gedanke unangenehm ist, dass ich im Industrieviertel unter Umständen tagelang unentdeckt liegen könnte. Ist doch eigentlich egal, was mit den Resten von mir passiert. Trotzdem sah er sich um, ob es eine Möglichkeit gab, auf das Gerüst zu kommen. Weiter oben gab es Leitern von einer Arbeitsebene zur nächsten. Hier unten aber nicht. Natürlich – Unbefugte sollten nicht hinaufsteigen können, weder Selbstmörder noch Einbrecher noch spielende, abenteuerlustige Kinder. Da hing ein großes Schild, das er in dem schwachen Licht nur mit Mühe lesen konnte: »Betreten der Baustelle verboten. Eltern haften für ihre Kinder.« Also, sollte mein Junge da raufklettern, müsste ich haften. Umgekehrt aber muss er nicht haften, wenn ich klettere. Für mich haftet niemand. Ich bin ganz allein für meine Handlungen verantwortlich. Kaltenbacher war zweiundvierzig und nicht unsportlich. Dass er anderen so erschien, lag wohl mehr an seelischen als an körperlichen Mängeln. Also umfasste er einen der Ständer und zog sich hoch, sein Fuß fand Halt auf einem schrägen Holm, und dann konnte er sich auf eine schmutzige Bohle wälzen, etwa zweieinhalb Meter über dem Bürgersteig. Dass seine Hose dabei einen Riss bekam, war kein Verlust. Es würden bald noch mehr Risse und Blutflecke dazukommen. Nun kletterte er auf den Leitern weiter nach oben, immer höher, bis es nicht mehr weiterging. Jens setzte sich auf die Bohle, um zu Atem zu kommen. Nun, eigentlich brauchte er keinen Atem, um zu springen. Aber … aber … was aber? Es gab kein Aber. Trotzdem saß er eine Weile da. Wenn ich da unten angekommen bin – was dann? Ich habe dem Leben ein Schnippchen geschlagen, diesem Leben, das eigentlich keines mehr war. Und all den Kämpfen und Enttäuschungen und Niederlagen. Und all den Menschen, die mich 9

zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 9

07.07.15 10:59


hassen oder verachten oder denen ich gleichgültig bin. Dann kann mir keiner mehr was! Keiner kann mich beleidigen und verletzen, keiner mehr Ansprüche an mich stellen. Kaltenbacher stand langsam auf. »He! Du!« Ein Schreck durchzuckte ihn. Was war das? Wer redete da? War er denn nicht allein hier oben? Konnten die Leute ihn denn nicht mal hier in Ruhe lassen, nicht mal in den letzten Augenblicken seines Lebens? Knarrende Geräusche, dann spürte er das Vibrieren des Brettes unter seinen Füßen. Er sah sich nach rechts und links um. Nach vorn war ja wohl nicht nötig, und hinter ihm war die Wand, darüber begann die Dachschräge. Von links kam eine Gestalt auf ihn zu. Etwa fünf Schritte entfernt blieb sie stehen. Ein Mann offenbar. »Was machst du hier?« Einige Augenblicke hing die Frage in der Luft. Dann murmelte Jens: »Das könnte ich auch fragen.« »Ich rate mal«, sagte der andere. »Entweder hast du mich beobachtet, wie ich hier rauf geklettert bin, und bist dadurch auf die Idee gekommen, auch einzubrechen. Oder du hast selbst von unten das schräg gestellte Fenster gesehen.« »Was für ein Fenster?« »Frag nicht so doof! Dieses Fenster hier. Ein schneller Griff, und es ist offen. Und ich bin im Nu drin. Der Chef hätte seinen Angestellten in diesem Bürohaus sagen sollen, dass man kein Fenster über Nacht schräg gestellt lässt, wenn ein Gerüst vor dem Haus steht.« »Sie wollen wohl einbrechen?« Das war natürlich erst recht eine dumme Frage, aber Kaltenbacher wusste nichts Sinnvolleres zu sagen. »Oh – wir sind per Sie! Wie vornehm! Würde der Herr so 10

zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 10

07.07.15 10:59


freundlich sein und mir den Zweck seines Besuches hier in luftiger Höhe verraten? Hatte der Herr etwa nicht die Absicht, dieses Haus durch ein Fenster zu betreten?« »Nein.« »Nein? Und welche Absicht hatte der Herr sonst? Die schöne Aussicht kann wohl kaum der Grund gewesen sein bei dieser Dunkelheit. Was … oder…« Der Mann vergaß alle Ironie. Jens hörte es an der Stimme. »Oder wolltest du etwa …?« Er deutete nur mit der linken Hand zur Straße hinunter. »Das geht dich nichts an!«, murmelte Kaltenbacher. »Stimmt. Geht mich nichts an. Abgesehen davon, dass es sein könnte, dass ich ein schlechtes Gewissen kriege. Hinterher, wenn ich keinen Versuch gemacht habe, dich davon abzuhalten.« »Im Gegenteil. Du kannst ein ruhiges Gewissen haben, wenn du mir nichts in den Weg legst. Ich will ja da runter. Ich sehne mich danach.« Eine Weile schwieg der andere. Dann murmelte er: »Scheiße!« »Verschwinde! Meinetwegen da in das Fenster, aber verschwinde!« »So einfach geht das nicht! Meinst du, ich kann dir einfach gelassen den Rücken zukehren, wenn ich weiß, dass du im nächsten Moment da runterspringst?« »Warum nicht?« »Mann, ich habe keine Erfahrung mit so was! Was sagt man da?« »Halt einfach die Klappe und sag nichts! Alles, was du sagen könntest, habe ich mir schon selbst gesagt.« »Und? Hörst du nicht darauf?« »Sehr witzig! Aber mir ist nicht nach Witzen zumute. Auch nicht nach psychologischen Ratschlägen, falls dir noch einer einfallen sollte. Und nicht nach vernünftigen Überlegungen und nicht nach warmen Worten. Ich will nur Schluss machen.« 11

zur Nieden - Sein letzter Zug.indd 11

07.07.15 10:59


Der letzte Zug entscheidet Jens kaltenbacher hat sein Leben satt: Familie weg, Job weg, Wohnung weg. als er sich von einem Baugerüst stürzen will, kommt er dem Einbrecher karl aumann in die Quere. Eine Partie Schach soll über Leben und tod entscheiden. Gelingt es karl, den lebensmüden Jens zu retten? Was beide nicht ahnen: Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Wege ihrer Familien kreuzen … Eine spannende reise zu den großen Ereignissen vergangener Epochen beginnt – von den Pestseuchen im 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein. Bewegende Geschichten über Glaube, Schuld, Vergebung und den Mut, immer wieder einen Neuanfang zu wagen. Eckart zur Nieden (Jahrgang 1939) war 35 Jahre als redakteur und Vorsitzender bei ErF-Medien tätig. Nebenbei ist er autor von etwa 50 Büchern für Erwachsene und kinder. Seit 2004 ist er im ruhestand.

Ë|xHSNIQFy067 84z

ISBN 978-3-86506-778-4

www.brendow-verlag.de


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook