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Samantha Koch (Hrsg.)

Ich bin am besten wie ich bin!

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Ich bin am

besten wie ich bin

Ein erneuter Angriff auf den weiblichen Optimierungswahn

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-86506-459-2 © 2013 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers Titelgrafik: shuttterstock Satz: Brendow PrintMedien, Moers Druck und Bindung: Nørhaven, Viborg Printed in Denmark www.brendow-verlag.de

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Inhalt 7 Jutta Wilbertz Kaffee bei Karin 26 Antje Balters Entscheiden oder Leiden. Vom Glück, immer eine Wahl zu haben 38 Hannelore Schnapp Die Königin der Düfte 44 Annekatrin Warnke Ratschlag einer biblischen Heldin 54 Tamara Hinz Wenn Frosch einfach kein Prinz werden will 66 Mimi Messner Die Engel der Eisenbahnstraße 71 Nicole Vogel Zwischen Hollywood und Halloween 78 Marlis Büsching Das halbe Leben in einer Handtasche … 86 Antje Balters Rabenmutter

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92 Julia Warkentin Befragen Sie die allwissende Müllhalde! – oder warum ich manchmal im Hier und Jetzt lebe 101

Jutta Wilbertz Paradise lost

114 Julia Pfläging Der Fisch geht heut zu Fuß 121 Ines Emptmeyer Ein Rettungsring voller Marzipankartoffeln 129

Karin Ackermann-Stoletzky „Hilfe, ich bin alt!“

135 Nicole Vogel Über den Wunsch, eine ruhige Kugel zu schieben 143

Marlis Büsching Sich räkeln, radeln und vibrieren – oder ich hopse und schnalze, so viel ich will

152 Karin Ackermann-Stoletzky Konsequenz ist alles!

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Kaffee bei Karin Jutta Wilbertz Nein! Mit einem Ruck fahre ich hoch. Das gibt’s doch nicht! Ich wollte mich nur kurz ausruhen nach dem Mittagessen und bin dabei wohl einfach auf der Couch eingeschlafen! Schon fast halb vier, ach du lieber Gott, jetzt muss ich wirklich fliegen! Ich stürze ins Bad, dann suche ich meine Schuhe, die natürlich nicht im Schuhschrank stehen, auch nicht im Schlafzimmer, herrjeh, wo sind sie bloß? „Alles klar, Mama?“ Paula steht in ihrer Zimmertür. Hinter ihr sehe ich Kleiderberge auf dem Boden, das Bett ist nicht gemacht, die Schultasche liegt halb offen mitten im Zimmer, ein paar Hefte sind herausgefallen und sehen reichlich ramponiert aus. „Nein!“, fauche ich, „meine blöden Schuhe sind weg und ich bin zu spät und du räumst bitte dein Zimmer auf, das sage ich dir schon seit Tagen! Basti kommt gegen vier, pass auf, dass er nicht wieder so lange vorm PC hängt. Er soll mit dem Hund raus!“ „Jaja, jetzt chill mal! Kriegen wir schon hin.“ Sie guckt mich mitleidig an. „Dieser Besuch geht dir ganz schön an die Nieren, was?“ Da hat sie recht, aber ich habe keine Zeit, groß darauf einzugehen, geb ihr schnell einen Kuss, dann finde ich die Schuhe auf dem Balkon (stimmt, ich hatte sie zum Putzen bereitgestellt, geht jetzt auch

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nicht mehr), schnappe die Autoschlüssel und bin aus der Tür! Ja, ich bin nervös. Ich habe Karin seit vielen Jahren nicht gesehen und nun haben wir uns vor zwei Wochen bei einem überregionalen Frauentag wiedergetroffen. Sie war eine der Rednerinnen, hielt einen blendenden Vortrag über Zeitmanagement und sah natürlich aus wie aus dem Ei gepellt. Karin eben, eigentlich sogar eine Super-Karin. Ich hatte mir das Programm vorher nicht durchgelesen, leider, so hatte ich keine Ahnung, dass sie da sein würde. Eine Vorwarnung wäre schon nicht schlecht gewesen. „Du musst mich unbedingt besuchen kommen!“, hatte sie gesagt, „keine Widerrede, liebe Doris, wir haben uns bestimmt viel zu erzählen!“ Und natürlich habe ich nicht nein sagen können. Karin war immer schon sehr überzeugend, und mir fiel kein vernünftiger Grund ein, wie ich dieser Einladung hätte entgehen können, zumal sie nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt von uns lebt. Gut, ich hätte sie auch zu uns bitten können, aber da hätte ich doch gerne vorher die Wohnung gründlich durchgeputzt und aufgeräumt, unsere Wohn-Provisorien (immer noch keine Arbeitsplatte in der Küche, dabei sind wir vor zwei Jahren eingezogen) elegant gelöst und am besten noch den Sperrmüll bestellt. Für all das habe ich aber gerade keine Zeit, und eigentlich fühlen wir uns wohl in unseren vier Wänden, auch unsere Freunde finden es gemütlich bei uns. Aber Karin würde es sicherlich nicht gemütlich, sondern „kreativ“ nennen und mich mit diesem freundlich-nachsichti-

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Kaffee bei Karin

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gen Gesichtsausdruck betrachten, den ich nur zu gut kenne. Damals in der Jugendgruppe hat sie mich auch immer so angesehen, wenn sie nach einem perfekten Referat auch noch den Tee einschenkte und ich aus Versehen die Tasse umstieß. Karin wohnt in einer gepflegten Vorortsiedlung, kleine, adrette Reihenhäuser mit kleinen, adretten Gärten, an ihrer Tür hängt ganz saisongemäß ein herbstlicher Kranz in Orangetönen, auf der Fußmatte steht „Willkommen“. Ich schelle, es klingt wie ein sanfter Gong und dann wird mir auch schon die Tür geöffnet. Vor mir steht ein junges Mädchen, das ist also Thea. Thea ist zwei Monate älter als Paula, ihr Bruder Tim drei Jahre jünger, also fast der gleiche Abstand wie zwischen Paula und Sebastian. Karin hat kurz über die Erfolge ihrer Kinder berichtet, und als sie den Vorschlag machte, ich solle meine doch mitbringen, damit die vier sich anfreunden könnten, habe ich schnell ein paar Schultermine vorgeschoben, zumindest das konnte ich für meine Lieben tun – es reicht, wenn sich eine von uns dieser geballten Perfektion stellen muss. Und Thea ist perfekt, das muss ich ehrlicherweise zugeben. Groß ist sie, schlank, hat sanfte Augen, wunderschöne dunkelbraune Haare, eine samtene Pfirsichhaut und lange Finger. Sie lächelt freundlich und unbefangen, zeigt aber gleichzeitig einen gewissen Respekt vor mir als Erwachsenen, nimmt mir formvollendet den Mantel ab, führt mich ins Wohnzimmer. Dort werde ich von Karin herzlich begrüßt.

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„Wie schön, dass du da bist! Und nur zehn Minuten später als angekündigt.“ Ich murmele etwas vom Verkehr, aber Karin hat schon wieder dieses nachsichtige Lächeln im Gesicht und ruft mit angenehmer Stimme Richtung Küche: „Thea, Liebes, machst du uns jetzt den Kaffee?“, und mit einem Blick auf mich: „Ich dachte, wir brühen ihn lieber ganz frisch auf, ich wusste ja nicht, wann du genau eintriffst.“ Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll, und sehe mich daher lieber demonstrativ im Wohnzimmer um. „Schön habt ihr‘s hier“, sage ich, und das meine ich auch. Das Zimmer ist sehr groß, mit einer Fensterfront zur Terrasse und zum Garten hin, einer gemütlichen Couchgarnitur, die Teppiche sind geschmackvoll und waren sicherlich teuer. Links steht ein schwarzes Klavier, rechts ein schöner langer Esstisch, und es gibt tatsächlich auch einen offenen Kamin, in dem ein kleines Feuer flackert. Gerade jetzt öffnet sich die Terrassentür und ein Junge, gefolgt von einem schwarzweißem Bordercollie, kommt herein, streift sich die Schuhe ab. Er trägt einen Eimer mit Holzscheiten, stellt ihn aber sofort vorsichtig hin und kommt auf mich zu. Der Hund hat sich brav direkt auf die Fußmatte gesetzt und guckt seinem Herrchen hingebungsvoll hinterher. „Hallo, ich bin Tim“, sagt der Junge und strahlt mich an. Schöne Zähne hat er, überhaupt ein sehr hübscher Bengel, dieser Tim, und so höflich. Basti kriegt ja kaum den Kiefer auseinander, wenn wir Besuch haben.

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Kaffee bei Karin

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„Ich gebe Ihnen nicht die Hand, ich bin etwas schmutzig“, und an Karin gewandt: „Ich habe noch etwas Holz gehackt, Mama, dann habt ihr es schön warm.“ „Danke, mein Schatz. Du kannst dir gleich etwas Kuchen in der Küche holen.“ „Mach ich, aber erst muss ich mit Rolli Apportieren üben.“ Und schon ist er wieder aus der Tür, der Hund saust fröhlich hinterher. „Ein richtiger Junge eben“, sagt Karin zufrieden und schmunzelt. „Und er kümmert sich wundervoll um den Hund. Wir haben Rolli vom Tierschutz, ,Bordercollies in Not‘, es gibt ja so viele verantwortungslose Menschen, die sich einen Modehund holen und dann gar nicht mit ihm klarkommen. Bordercollies müssen etwas zu tun haben, da ist Tim genau der Richtige. Sie machen Agility-Training zusammen, dem Hund macht es Spaß und der Junge ist an der frischen Luft. Sie haben schon etliche Wettbewerbe gewonnen.“ Frische Luft, die würde Basti auch mal guttun. Was haben die Kinder gebettelt, dass wir einen Hund bekommen, und nun bin ich meistens diejenige, die die Runden mit Tinka dreht. Tinka ist allerdings nicht besonders schlau, sie würde niemals einen Stock apportieren. Obwohl, vielleicht spricht ja gerade das für ihre Klugheit. „Hat er denn dafür Zeit?“, frage ich und werfe einen Blick auf die vielen Pokale, die auf dem Kaminsims stehen. „Du sagtest doch, er sei so aktiv im Tennis.“ „Sicher, das ist gar kein Problem.“

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„Und die Schule?“ „Die geht natürlich vor, aber da müssen wir uns Gott sei Dank keine Sorgen machen. Bei beiden nicht, Thea hat jetzt sogar ein Vollstipendium gewonnen und wird nächsten Winter ein Auslandsjahr in den USA beginnen. Wie möchtest du deinen Kaffee?“ Wir haben uns hingesetzt, Karin gibt mir ein Stück Sachertorte auf den Teller („Ich habe das Rezept noch etwas verfeinert“) und gießt mir den Kaffee ein. Ich überlege, dass wir endlich einmal unser altes, ramponiertes Kaffeeservice ausrangieren und uns ein neues anschaffen sollten. „Wie geht es Gerd?“, frage ich. Ich habe Theas Mann vor einigen Jahren flüchtig kennengelernt. „Ach, er ist gerade wieder befördert worden. Er trägt eine ziemlich große Verantwortung und arbeitet natürlich zu viel. Dadurch kann er nur noch selten in der Gemeinde predigen.“ Sie lächelt bedauernd. „Aber ich will mich nicht beklagen, er ist ein wunderbarer Ehemann und Vater. Er ruft täglich an und sagt mir immer genau Bescheid, wann er zu Hause eintrifft, damit ich das Essen vorbereiten und mich hübsch machen kann.“ Nun wirkt sie fast etwas kokett. „Bist du denn abends nicht oft unterwegs?“ In dem Programmheft zum Frauentag hatte ich nachgelesen, dass Karin eine gefragte Rednerin sei. „Ach, das ist kein Problem. Natürlich, seit mein Buch über Zeitmanagement erschienen ist und ich auch noch im Fernstudium meinen Bachelor in BWL gemacht habe, bin ich als Referentin viel unterwegs.

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Aber Männer sind ja auch nicht mehr so hilflos wie früher, Gerd ist im Notfall durchaus in der Lage, sich selbst zu versorgen. Meistens habe ich aber etwas vorbereitet oder Thea kocht für die Männer, das macht ihr große Freude. Es geht ja auch eher ums Prinzip, der arme Mann soll abends nicht Tiefkühlpizza essen müssen, das ist ungesund.“ Sie lacht. Tiefkühlpizza, nein, so etwas Absurdes! Die gibt es bei uns oft. Geht halt schnell. Noch leben wir. „Doris?“ Thea steht lächelnd in der Tür. „Würden Sie gerne etwas Musik im Hintergrund hören?“ Kompliment, die Sache mit der persönlichen Anrede hat sie geschickt gemeistert – das ist ja bei Teenagern immer problematisch, als Kinder wurden andere Mütter einfach geduzt, als Teenager dagegen ist ein Du zu persönlich und ein „Frau Lütke“ zu distanziert. Ich denke daran, wie Paulas Freundinnen bei uns herumdrucksen, im Sinne von „Könnte man mir die Butter geben?“, ich bin selbst unsicher, wie ich das Dilemma lösen soll. Dieses amerikanische „Du“, die Kombination aus Vornamen und „Sie“ wirkt ja recht elegant – aber irgendwie kann ich mir solche Umgangsformen bei uns zu Hause nicht vorstellen. „Danke, gern.“ Ich liebe Musik, allerdings habe ich nicht damit gerechnet, dass Thea zum Klavier geht, den Deckel aufklappt und zu spielen beginnt. Sehr zurückhaltend, sehr angenehm, sehr schön. Natürlich schweige ich während des Vortrages, auch wenn sie von Hintergrundmusik gesprochen hat. Ich weiß, was sich gehört.

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„Wir können uns ruhig unterhalten“, lächelt Karin, „sie ist daran gewöhnt. Sie spielt regelmäßig Sonntagmittags, nachdem sie den Lobpreis im Gottesdienst geleitet hat, in einem sehr edlen Restaurant und verdient sich so etwas Taschengeld. Das ist übrigens gerade ihre eigene Komposition.“ Nun lauschen wir beide, es ist wirklich schön! Ach ja, wenn Paula mal mehr üben würde. Eigentlich ist sie auch sehr musikalisch. „Thea ist überaus begabt, hat schon erfolgreich bei ,Jugend musiziert‘ mitgemacht. Ich hätte nichts dagegen, wenn sie Konzertpianistin würde, aber sie möchte lieber Medizin studieren und als Chirurgin bei ,Ärzte ohne Grenzen‘ in Krisengebieten arbeiten. Sie hat schon einige Praktika im Krankenhaus mitgemacht und durfte sogar als einzige Praktikantin mit in den OP. Was möchte Paula denn einmal werden?“ Paula ist vierzehn, und eigentlich finden wir, dass sie noch zu jung ist, um sich festzulegen, vorgezogenes Abi hin oder her. Ärztin wird sie jedenfalls nicht, sie findet Blut ausgesprochen ekelig und bricht bei Dokumentarfilmen regelmäßig in schrille Teenagerschreie aus, wenn dort etwa die Großaufnahme eines Organs zu sehen ist. Thea durfte bestimmt als einzige Praktikantin das Skalpell ansetzen, wahrscheinlich hat sie sogar schon den einen oder anderen Blinddarm entfernt. Irgendetwas platzt in mir. Mir reicht es jetzt! „Paula wird Juristin“, sage ich aufs Geratewohl. Du sollst nicht lügen, ich weiß, aber es geht um die Ehre meiner Kinder. „Sie will sich auf Umweltschutz spezia-

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lisieren und setzt sich bereits jetzt sehr für die Rettung des Regenwaldes ein.“ Zumindest Letzteres ist wahr, beruhige ich mein Gewissen, beim Umweltprojekt in der Schule war sie wirklich sehr engagiert. „Außerdem studiert sie nebenbei Chinesisch. China ist ja leider in puncto Umweltschutz nicht sehr offen. Sie will später vor Ort gegen die Luftverschmutzung und die damit verbundene globale Klimaerwärmung kämpfen.“ Das ist komplett gelogen, aber Karin wirkt zumindest ein wenig beeindruckt. Ich mache weiter: „Und Sebastian trainiert täglich im Hallenbad. Sein Coach sagt, wenn er so weitermacht, ist er in ein paar Jahren reif für Olympia. Kraul und Schmetterling.“ So! Mein Sohn ist wasserscheu, hat damals mit Ach und Krach das Seepferdchen geschafft, aber das ist mir jetzt egal. „Wie schön!“ Ihr Lächeln scheint absolut ehrlich, ihre Stimme ist warm, ihre Augen leuchten ermutigend. Sie glaubt mir aufs Wort, und ich schäme mich. „Ich finde es so wichtig, dass sich Jungen sportlich betätigen! Es gibt zu viele dicke Kinder, die nur vor dem Computer hängen. Sicher, eine gewisse Medienkompetenz ist heutzutage durchaus wichtig. Tim kennt sich gut aus, er hat einige Lernprogramme entwickelt, die sie nun in der Oberstufe anwenden.“ Ich gebe auf. „Wo ist das Bad?“, frage ich. „Gleich links neben dem Eingang. Macht es dir etwas aus, wenn ich währenddessen kurz mit Gerd tele-

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foniere? Wir sprechen immer um diese Zeit miteinander, um den Abend abzustimmen.“ „Nein, nein, kein Problem.“ Thea ist inzwischen zur Mondscheinsonate gewechselt und spielt mit geschlossenen Augen und voller Gefühl. Draußen im Garten sehe ich Tim, der Rolli ein Kommando zuruft, der Hund läuft eine saubere Acht, wirft sich in der Luft herum, läuft exakt und millimeter­ genau die gleiche Acht zurück. Ich bin überzeugt, Rolli wird bald eine Fernsehrolle ergattern, als schlaues Ermittler-Tier im „Tatort“, oder sogar eine eigene Serie bekommen, Lassie war ja auch ein Collie. Obwohl, nein, ich denke, der Hund wird sich lieber humanitär einsetzen und Landminen ausgraben. Sicher bekommt er das Bundesverdienstkreuz. Ich gehe in den Flur, links ist die Tür zur Gästetoilette, aber eigentlich wollte ich nur etwas Atem schöpfen und – ich gebe es zu – einen heimlichen Blick auf den Rest des Hauses riskieren. Es kann doch nicht sein, dass alles überall perfekt ist. Hier leben schließlich Menschen! Auch Karin muss irgendeine unaufgeräumte Abstellkammer haben, einen Krös-Schrank, bei dem einem, wenn man ihn öffnet, der Staubsauger und der Wäscheständer entgegenfällt – wie bei uns. Ich brauche das jetzt für meine seelische Gesundheit. Ich möchte nicht völlig frustriert nach Hause fahren und in den nächsten Wochen an Mann, Kindern und sogar dem Hund rumnörgeln. Eigentlich finde ich, dass wir eine tolle Familie sind, auch wenn es oft chaotisch ist und mein liebster Gatte zwar abends für uns alle Tiefkühlpommes und Tintenfischringe in den Ofen

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