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Jens Böttcher
Interview mit dem Teufel Ein Theaterstück in zwei Akten
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Ein überraschendes Geständnis Auftaktszene, Bühnenbild. Das Konferenzzimmer eines Hotels. Hinter den Fenstern mit üppigen Vorhängen ein trübes Herbstszenario. Nachmittagslicht. Eine beinahe leere Bühne: nur ein Rednerpult mit Mikrofon, davor platziert ein Dutzend Stühle. Getragene, etwas schräge Kammermusik erklingt. Reporter Richard Kolbach betritt das Podium. Er geht zum vorderen Bühnenrand und wendet sich direkt an das Publikum. Die Musik endet. KOLBACH
Guten Abend, meine Damen und Herren. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Kolbach, Richard Kolbach, ich bin Journalist. Zugegeben, nicht gerade einer von Weltruf. Also, ich meine, keiner von denen, die in nächster Zeit für den Pulitzerpreis nominiert werden. Oder für irgendeinen anderen Preis. Ich schreibe für den Mühlhofener Merkur. Das ist eine sehr kleine Zeitung. Aber Mühlhofen ist ja auch ein kleiner Ort. Normalerweise ist nicht viel los hier. Es ist beschaulich und ruhig, eine fromme Gegend mit einfachen Menschen. Aber ich lebe gerne hier. Und ich mag meinen Job. Oder besser: Ich hab ihn gern gemocht, bis vor Kurzem. Alles hat sich verändert. An jenem Tag. Genau deshalb möchte ich Ihnen 11
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von dieser eigentlich ganz unglaublichen Begebenheit erzählen. Er geht unruhig auf der Bühne umher und wirkt sehr konzentriert. Alles begann, als eines Morgens eine dpa-Meldung in unserer Redaktion eintraf. Da hieß es schlicht, dass eine berühmte Persönlichkeit im Hotel Mühlhof zu einer Pressekonferenz einlädt. Jetzt denken Sie bestimmt: Eine berühmte Persönlichkeit in Mühlhofen? Wen könnte es wohl ausgerechnet hierher verschlagen haben? Brad Pitt und Angelina Jolie werden es kaum sein, wir sind ja nicht Berlin oder Hamburg. Dann also vielleicht irgendeiner von diesen C-Promis, der gerade mal zwischen vierzehn Kochshows im Fernsehen Zeit gefunden hat, uns zu beglücken? Genau das dachte ich auch zunächst. Aber: Nein, von denen war es auch keiner. Es war, und verzeihen Sie, wenn ich zögere, es auszusprechen – es hat mich damals sehr erschreckt, wenn auch aus einem anderen Grund als heute. Es war, also, es handelte sich bei dieser berühmten Persönlichkeit um, ja, um: den Teufel. Pause und Schweigen. Ja, meine Damen und Herren, genau dieses Schweigen überkam auch mich, als ich die dpa-Meldung betrachtete. 13. Oktober, 16 Uhr. Pressekonferenz mit dem Teufel. Weitere Informationen waren nicht zu bekommen. Ich wollte die Mitteilung gerade zerknüllen und einfach wegwerfen, als mein Chefredakteur, Herr Westphal, lachend in mein Büro kam und sagte (ahmt ihn burschikos und 12
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autoritär nach): »Da gehen Sie hin, Kolbach! Ist doch herrlich, dass hier mal wieder was los ist in unserem Kaff! Irgend so’n Spinner, der einen wirklich witzigen Weg gefunden hat, auf sich aufmerksam zu machen. Das ist doch mal was anderes, als immer diese spießigen Pipifax-Christenveranstaltungen!« Mein Chef kriegte sich kaum wieder ein. Ich entgegnete ihm nur trocken, dass es sich um eine christliche Veranstaltung handeln könnte. Ich hielt das für möglich, sogar für wahrscheinlich. Die Christen in der Gegend kamen manchmal auf sonderbare Gedanken.Vielleicht war es also nur der Gag einer modernen Jugendgruppe.Wie auch immer: Ich ging hin. Und werde Ihnen jetzt berichten, was an jenem unglaublichen Tag geschah, bei diesem (er zögert kurz) Interview mit dem Teufel. Die schräge Kammermusik setzt wieder ein, während die Bühne sich mit weiteren Protagonisten füllt. Drei Reporter, zwei Männer, eine junge Frau, nehmen auf den Stühlen vor dem Rednerpult Platz; die Mehrzahl der Stühle bleibt frei. Ein Zwei-MannKamerateam, bestehend aus dem Kameramann und seinem Assistenten (mit Ton-Equipment: Mikro mit Puschel, Stativangel etc.), kommt dazu und platziert sich am hinteren Ende des Raums. Auch Kolbach setzt sich. (jetzt zum Publikum gewandt) Wir waren nur eine Handvoll Lokalreporter. Mein Chef mochte recht gehabt haben, dass es eigentlich eine clevere Marketing-Idee gewesen war, die Pressekonferenz derart unverschämt anzukündigen, aber es hatte trotzdem nicht funktioniert. Offensichtlich interessierte sich kaum jemand für das Event.Wir waren nur zu (er schaut sich um) … KOLBACH
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äh … sechst. Doch dann, in diese Atmosphäre aus irritierter, vielleicht sogar irgendwie belustigter innerer Anspannung – wir alle starrten gespannt auf das Rednerpult, versuchten einen Blick zu erhaschen, aus welcher Richtung nun der Missionar oder vermeintliche Witzbold oder Wasauch-immer-er-war auftauchen würde –, kam er. Dramatischer Moment in der Kammermusik, dann abruptes Musik-Ende. Der Teufel betritt die Bühne, geht gockelhaft eine Ehrenrunde am vorderen Bühnenrand, lächelt gewinnend und stellt sich am Rednerpult in Position. TEUFEL
Guten Tag, meine Damen … (er lächelt) … und Herren natürlich.Wobei ich den, äh, der Dame ein, sagen wir, klitzeklein bisschen einen noch besseren Tag wünsche. Er lacht leise. Sein Blick verharrt dabei auf der Journalistin Katie Meggle. Er kommt hinter dem Rednerpult hervor, geht zu ihr, streichelt ihr über die Wange. Sie reagiert unsicher, halb empört, halb eingeschüchtert. TEUFEL
Oh, was für ein schönes Kind. Vielleicht haben Sie anschließend noch etwas Zeit? Ich würde Sie gerne zu einem Abendessen einladen. Etwas schweren Rotwein, dazu Rinderfilet in Pfefferkruste … Katie Meggle wendet sich echauffiert ab. Der Teufel wendet sich ebenfalls ab, geht lächelnd zurück zum Pult und fährt mit überraschend garstigem Unterton fort.
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TEUFEL
Aber nun, wir sind ja nicht zum Vergnügen hier. Jedenfalls Sie nicht. Ich schon. Die amourösen Details können wir auch später noch klären. (Seine Stimme wird wieder zärtlich.) Und Sie, meine Liebe, überlegen sich doch vielleicht inzwischen, auf welche Sorte Wein Sie Lust verspüren. KOLBACH (steht auf) Guten Tag, Herr, äh … Würden Sie uns vorab verraten, wer Sie sind?
(überrascht) Aber, mein Bester, haben Sie das denn nicht in der Einladung gelesen?
TEUFEL
KOLBACH
Nun ja. Dort stand nur: Pressekonferenz mit … TEUFEL
Ja? KOLBACH
… mit dem Teufel. Das ist eine wirklich interessante Idee. Aber wer sind Sie wirklich, und was wollten Sie mit dieser ungewöhnlichen Einladung bezwecken? Die Reporter zücken ihre Blöcke und Laptops und warten gespannt auf die Antwort. (charmant) Haha, das ist … Nun, ich muss Ihnen gestehen, dass
TEUFEL
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ich damit gerechnet habe. Sonst hätte ich natürlich eine größere Lokalität für unsere Zusammenkunft ausgesucht. KOLBACH
Haben Sie eine Pressekonferenz dieser Art schon einmal abgehalten? In einer anderen Stadt? TEUFEL (amüsiert) Nein, niemals. KOLBACH
Na schön, dann verraten Sie uns doch jetzt bitte, wer Sie sind und was es damit auf sich hat. TEUFEL
Sie haben recht. Die Höflichkeit gebietet, dass man sich persönlich bekannt macht, besonders in so kleiner, illustrer Runde. Sagen Sie mir also bitte auch Ihren Namen. KOLBACH
Richard Kolbach, Mühlhofener Merkur. TEUFEL (lächelnd) Hm, tatsächlich. Das ist gut. Herr Kolbach, sehr angenehm. Meinen Namen haben Sie, wie gesagt, bereits auf der Einladung gelesen.
(der zweite Reporter) Sie wollen also ernsthaft behaupten, dass Sie der Teufel sind?
RÜTTGER
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TEUFEL
Selbstverständlich. (der dritte Reporter) Aber Sie erwarten nicht ernsthaft, dass wir das glauben, oder?
SCHMELZER
TEUFEL
Ganz ehrlich? Doch. KATIE MEGGLE (Reporterin) Ich möchte mich auch vorstellen, bitte. TEUFEL
Aha? (schnippisch) Ich heiße Lady Bärbel Shakira-Rübbach und bin die Kaiserin von Südamerika. KATIE MEGGLE
(lacht) Sehr witzig, Fräulein Meggle.
TEUFEL
Katie Meggle und die anderen sind irritiert, dass der Fremde ihren Namen kennt. TEUFEL
Ich musste wohl damit rechnen, dass Sie mich zunächst für einen Schwindler halten. Sie werden aber gleich verstehen, dass mir wirklich daran liegt, die Wahrheit zu sagen. Ich habe heute ausnahmsweise überhaupt keinen Anlass, Sie anzulügen, was meine Identität angeht. 17
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(etwas spöttisch) Na ja, also das scheint mir doch ein Widerspruch in sich zu sein. KOLBACH
TEUFEL
Widerspruch? (Er lacht schallend.) Aber wieso, wie kommen Sie denn darauf? KOLBACH
Also wenn ich da, sagen wir mal, theologisch recht informiert bin, heißt es doch, der Teufel sei der »Vater der Lüge«. (lacht immer noch) Oh, Sie sind bibelfest? Na ja, wie auch immer, definieren Sie »Lüge«, mein Sohn. Ist es zum Beispiel eine Lüge, wenn der Lügner daran glaubt, dass er die Wahrheit sagt? Und was ist mit einer wegweisenden Lüge, die am Ende zu einer Wahrheit führt, die ohne die Lüge nie aufgedeckt worden wäre? TEUFEL
KOLBACH
Ich kann Ihnen nicht folgen. Die Wahrheit ist nicht relativ, oder? TEUFEL
Na gut, ich will nicht spitzfindig sein. Und ich weiß natürlich, was Sie meinen. Es stimmt. Normalerweise ist es nicht meine Art, aber ich bin tatsächlich heute hier, um die Wahrheit zu sagen.
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KOLBACH
Ein interessantes Spiel, das Sie hier treiben. Würden Sie uns jetzt dennoch bitte aufklären, wer Sie wirklich sind? Wir alle haben unsere Zeit nicht gestohlen. TEUFEL
Hach, wie erschütternd. Es stimmt wohl, was die Leute sagen: Man hat’s wirklich nicht leicht, wenn man mal ehrlich sein will. RÜTTGER
Sind Sie ein christlicher Missionar oder Aktionskünstler? TEUFEL
Ich ein christlicher …? (Er kann sich jetzt kaum noch halten vor Lachen.) Haha, der war gut! Um Gottes Willen. Schmelzer – der dritte Reporter – steht auf und will gehen. SCHMELZER
Also, ganz ehrlich, ich hab wichtigere Sachen zu tun, als hier mit so einem … TEUFEL
Oh? Was möchten Sie sagen, Herr Schmelzer? (setzt sich wieder) … so einem Verrückten … was? Woher wissen Sie denn meinen Namen?
SCHMELZER
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TEUFEL
Die Frage verstehe ich nicht. Sind wir nicht alle Freunde bei Facebook? SCHMELZER
Äh, was? Ich bin gar nicht bei Facebook … TEUFEL
Ich schon! Ich bin da sogar im Vorstand! (Er lacht etwas irre, kriegt sich aber schnell wieder ein.) Aber, na gut, Sie haben mich ertappt. Ich habe Ihre Namen in Wirklichkeit natürlich geraten! Und dabei wohl ein bisschen Glück gehabt. RÜTTGER
Glück gehabt? Sie haben schon zwei von unseren Namen gewusst. TEUFEL
Na ja, so schwer war das auch wieder nicht, denn es haben sich ja nur sechs von Ihnen auf die Anwesenheitsliste eingetragen. Und dass Sie nicht Herr Kolbach oder Frau Meggle sind, wusste ich schon. RÜTTGER
Ich dachte, Sie hätten geraten? TEUFEL
Entschuldigung, das war jetzt gelogen. Aber nur zum Spaß. Können Sie mir verzeihen?
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(irritiert) Und wieso überhaupt Anwesenheitsliste? Ich hab mich in keine Liste eingetragen … (Er schaut hilfesuchend zu den anderen.) Ihr etwa?
SCHMELZER
Ungläubiges Kopfschütteln. (steht wieder auf) Na ja, wie auch immer. Also, ich mach mich mal auf den Weg.
SCHMELZER
TEUFEL
Eine Sekunde, ich habe hier noch etwas für Sie. Er hält einen Briefumschlag hoch. Dann kommt er hinter dem Pult hervor, geht zu Schmelzer und überreicht ihm das Kuvert. TEUFEL
Schauen Sie kurz rein. Und wenn Ihnen gefällt, was Sie sehen, bereiten Sie mir doch bitte weiter das Vergnügen Ihrer Anwesenheit. Schmelzer öffnet den Umschlag und betrachtet ein Stück Papier, offensichtlich ein Scheck. (lächelnd) Na? Was sagen Sie?
TEUFEL
(verblüfft) Ich … Ist das Ihr Ernst? Soll das für mich sein?
SCHMELZER
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