Die im Titel enthaltenen Bibeltexte sind zitiert aus BasisBibel, © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
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Dieser Titel ist in Zusammenarbeit mit der CVJM Hochschule (www.cvjm-hochschule.de) entstanden.
Impressum
© 1. Auflage 2025
Praxisverlag buch+musik bm gGmbH 2025
Haeberlinstraße 1–3, 70563 Stuttgart, kontakt@praxisverlag-bm.de
Printed in Germany. All rights reserved.
ISBN Buch 978-3-86687-405-3
ISBN E-Book 978-3-86687-406-0
Lektorat: buch+musik – Dorothea Zarbock, Gießen Umschlaggestaltung: buch+musik – Toby Wolf, Suttgart und Simone Struve, Grafik + Illustration, Renningen
Satz: buch+musik, Stuttgart – unter Verwendung von parsX, pagina GmbH, Tübingen Bildrechte Umschlag und Deckblätter: stock.adobe.com: Neeqolah, Kaspars Grinvalds, DALU11, Max Yamuna, SOLDATOOFF, Arthur Woods
Bildrechte Kapitel-Bilder: stock.adobe.com: jesadaphorn, Jeri
Bildrechte Autorenfotos: bei den Autorinnen / dem Autor Druck und Gesamtherstellung: Pustet, Regensburg www.praxisverlag-bm.de
Vorwort
Ein analoges Buch über ein digitales Thema? Zugegeben, das wirkt auf den ersten Blick fast nostalgisch. Doch genau darin liegt seine Stärke. Ein Buch ist mehr als ein flüchtiger Post, ein Newsletter oder eine Website. Es lädt zur Reflexion ein, ermöglicht eine tiefere Auseinandersetzung und bietet eine wohltuende Alternative zur schnellen, digitalen Kommunikation. Zudem spiegelt es den Prozess wider, aus dem dieses Buch entstanden ist. Seit über zwei Jahren beschäftigen wir uns an der CVJM-Hochschule intensiv mit der Frage, wie Jugendliche über digitale Wege mit dem christlichen Glauben in Berührung kommen können. Unser Fokus liegt dabei, ebenso wie in diesem Buch, auf inhaltlichen und theologischen Fragen. In diesem Prozess gab es Fachgespräche mit Expert*innen, die Entwicklung von Thesen, Studien, digitale Workshops, einen Videokurs und vieles mehr. Nun fassen wir die gewonnenen Erkenntnisse und Reflexionen in diesem Buch für die Praxis zusammen.
Unser Ziel ist es, Erfahrungen aus der Praxis und wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie für die Kinder- und Jugendarbeit konkret nutzbar sind. Denn genau darum geht es uns: Menschen zu unterstützen, die mit Leidenschaft und Hingabe christliche Kinder- und Jugendarbeit gestalten und sich fragen, wie sie Social Media und digitale Kommunikation sinnvoll in ihre Arbeit integrieren können. Dabei versteht sich dieses Buch nicht als technische oder methodische Anleitung für den perfekten Social-Media-Kanal. Vielmehr lädt es dazu ein, sich mit grundsätzlichen Fragen auseinanderzusetzen und eine Haltung sowie eine strategische Herangehensweise zu entwickeln, um Social Media und digitale Kommunikation als Teil der Jugendarbeit zu begreifen.
Dieses Buch ist Teil unseres Projekts „Zukunft der Jugendarbeit“, das sich ganz der Arbeit mit Jugendlichen widmet. Dennoch lassen sich viele der hier vorgestellten Erkenntnisse und Methoden auch auf andere Zielgruppen und Bereiche der Gemeindearbeit übertragen. Ein großer Dank gilt allen, die an diesem Prozess beteiligt waren: Den vielen Influencer*innen und Praktiker*innen aus der Jugendarbeit, die ihre Expertise an unterschiedlichen Stellen eingebracht haben – auch in diesem Buch, unseren Kolleg*innen aus der Wissenschaft, den Expert*innen und Kooperationspartner*innen, die mit uns den Videokurs gestaltet haben, unsere Interviewpartner*innen für das Buch und all jenen aus der Praxis, die uns mit ihren Rückmeldungen geholfen haben. Ihr alle habt dieses Buch mitgestaltet. Eine große Hilfe war auch die Unterstützung der WERTESTARTER-Stiftung, die über zwei Jahre ein Forschungs- und Praxisentwicklungsprojekt zum Thema unterstützt hat. Unser Dank gilt auch dem Verlag buch+musik, insbesondere Claudia Siebert, für die tolle Zusammenarbeit, und Dorothea Zarbock, die uns im Lektorat begleitet hat. Lasst uns gemeinsam die Zukunft der Jugendarbeit gestalten – analog und digital.
„Swipe to Salvation?!“ – können Jugendliche wirklich Erlösung in christlichen Angeboten auf Social Media finden? Der Titel dieses Buches kommt mit einem Ausrufezeichen und mit einem Fragezeichen daher. Social Media hat für junge Menschen definitiv das Potenzial, dem christlichen Glauben zu begegnen und ihn vielleicht auch für sich zu entdecken –oft sogar nur dort, weil Glaube sonst in ihrem Alltag keine Rolle spielt. Aber Social Media an
sich bringt sicher nicht die (Er-)Lösung für die Herausforderungen der Jugendarbeit und die Lebensthemen junger Menschen.
Vielmehr ist es ein Raum der Möglichkeiten – ein Ort, an dem Jugendliche inspiriert, angesprochen und begleitet werden können, aber auch ein Raum, in dem Oberflächlichkeit, Schnelllebigkeit und Fragmentierung eine Herausforderung darstellen. Deshalb kann digitale Mission nicht bedeuten, einfach nur Inhalte zu posten, sondern sie muss echte Begegnungen und Austausch ermöglichen. Der christliche Glaube bleibt nicht in Hashtags stecken, sondern entfaltet seine Kraft in Beziehungen, in Fragen, im gemeinsamen Suchen nach Antworten. „Swipe to Salvation?!“ kann ein erster Impuls sein, eine Einladung zum Weiterdenken – doch echte Transformation geschieht, wenn Jugendliche erfahren, dass Glaube nicht nur ein Inhalt in ihrem Feed ist, sondern eine Kraft, die ihr Leben prägen kann. Die Frage bleibt also nicht nur, wie wir Social Media für die Mission nutzen können, sondern wie wir den Glauben so erfahrbar machen, dass er über den Swipe hinaus Bestand hat.
Carina Daum, Anna-Lena Moselewski & Florian Karcher
www.zukunft-jugendarbeit.de
Inhaltsverzeichnis
Swipe zur Einleitung
Swipe zu den Grundlagen
Vom
Swipe zu 6 Fragen – 6 Antworten
#Glaubeentdecken: Wie kann die Botschaft des Evangeliums heutzutage attraktiv ĂĽber digitale Wege kommuniziert werden?
Bekehrung, Ruf zum Kreuz oder worauf zielt
Hands on: Jugendliche in den sozialen Medien zum Glauben einladen
Der Puls sozialer Medien und wie er Jugendevangelisation verändert
Neues Terrain oder alter Trott: Erreicht digitale Evangelisation wirklich neue Zielgruppen?
Wer ist die Zielgruppe der digitalen Evangelisation?
The medium ist the message – neue Zugänge
Nice! Inklusion als Chance der digitalen Evangelisation
Herausforderung – erreichen wir wirklich „neue“ Zielgruppen?
„Neue Zielgruppen erreichen“ – Wie kann das praktisch aussehen?
Hands on: Methoden und Links
Wenn Leidenschaft für Gaming und Glaube aufeinandertreffen: Interview mit Daniel Schönke von MainQuest Ministries e. V.
Mein Jesus ist anders: Wie kann mit Pluralität in der digitalen Welt umgegangen werden?
Begriff Pluralität: Was bedeutet das überhaupt?
Einheit vs. Vielfalt – oder kann ich beides zusammen haben?
Das Evangelium so weit wie unsere Serverlandschaft
Pluralität – Wie kann es praktisch aussehen?
Like = Bekehrt?! Wie kann Interaktion mit Follower*innen authentisch gelingen?
Swipe zum Anhang
Swipe to Salvation?! – eine Einleitung
Das „echte“ Leben Jugendlicher – drei Alltagssituationen
Paul (14) kommt vom Jugendkreis nach Hause, geht in sein Zimmer und startet seinen Rechner. Bevor er sein Lieblingscomputerspiel beginnt, kreisen ihm noch einige Gedanken im Kopf. „Botschafter der Versöhnung sein – das stand im Korintherbrief. Irgendwie interessant, auch wenn ich noch nicht ganz verstehe, was das mit mir zu tun hat.“ Doch bevor Paul diesen Gedanken weiterverfolgen kann, ist das Spiel geladen, und er versinkt für die nächsten Stunden in der virtuellen Welt. Er erfüllt Missionen und spricht währenddessen mit seinen Freund*innen über Discord. Als er fertig ist, klickt er sich noch ein paar Minuten durch Social Media, schaut Shorts und checkt Instagram. Es geht um Trends, lustige Videos, Pranks, Tipps für Computerspiele und das Leben seiner Lieblingsinfluencer*innen. Die Botschaft der Versöhnung, die Bibel oder der Glaube spielen dabei keine Rolle. So bleibt für Paul, was er im Jugendkreis zu durchdenken begann, unverbunden mit dem, was in seinem Alltag passiert. Die Frage nach der Versöhnung bleibt für ihn ein theoretisches Konzept, über das mal in der Gemeinde gesprochen wurde – ohne Anknüpfungspunkte in seinem Leben, geschweige denn in seiner digitalen Welt.
Lara (15) sitzt in der Straßenbahn, das Smartphone in der Hand, die Earpods in den Ohren. Sie scrollt durch TikTok und Instagram. Zwischen all den Videos und Werbeanzeigen bleibt sie an einem Clip hängen. Eine junge Frau spricht über Jesus und teilt dabei auch persönliche Einblicke aus ihrem Leben. Es wirkt spannend und authentisch. Lara klickt auf das Profil und schaut sich weitere Videos an. Neben Alltagseinblicken der jungen Frau geht es immer wieder um Jesus. Sie erzählt, wie großartig das Leben mit ihm ist und was er alles in ihrem Leben bewirkt hat. Lara gewinnt den Eindruck, dass diese Frau ein wirklich tolles Leben führt, und denkt insgeheim: „So etwas will ich auch.“ Sie ist fasziniert. Doch an ihrer Haltestelle schließt Lara die Tabs auf ihrem Smartphone, steigt aus und macht sich auf den Weg nach Hause. Dort herrscht Chaos – wie immer. Beim Einschlafen denkt sie noch einmal an die Videos. Gern würde sie sich mit der Influencerin unterhalten und fragen, ob das Leben mit Jesus wirklich so perfekt ist. Aber ihr ist klar, dass das nicht möglich ist.
Mika (16) verbringt die meiste Zeit allein in ihrem Zimmer. Sie geht nur ungern raus, und schon die Stunden am Vormittag in der Schule sind für sie ein täglicher Kampf. Dennoch hat sie viele Kontakte – online. Sie tauscht sich in Foren aus, kommentiert Videos, chattet und schreibt über Social-Media-Plattformen. Besonders interessiert sie sich für die japanische Kultur und recherchiert viel dazu. Neben Musik, Kleidungsstilen und Mangas stößt sie immer wieder auf religiöse Inhalte. In einem ihrer Computerspiele kam sie kürzlich an einem Shinto-Schrein vorbei und betete dort dafür, dass es ihrer Familie gut geht – besonders ihrem Bruder, der beim Vater lebt und noch größere Probleme in der Schule hat als sie. Seitdem begegnen ihr auf Social Media immer häufiger Inhalte über den Shintoismus. Besonders faszinieren sie Videos, in denen Jugendliche ihre Wünsche auf sogenannte Ema-Tafeln schreiben und an Schreinen niederlegen. So eine Tafel möchte Mika sich auch besorgen.
Drei realistische Szenen aus dem Alltag junger Menschen. Allen gemeinsam ist, dass die digitale Dimension einen prägenden Anteil an ihrem Leben hat. Sie nutzen nicht das Internet –sie leben darin. Die Trennung zwischen analog und digital existiert für sie nicht oder spielt keine Rolle. Beide Welten greifen ineinander. Und alle drei beschäftigen sich – wie der größte Teil der Menschheit – mit spirituellen Fragen: nach dem Woher und Wohin, nach Glück und Segen, nach Leid und Trauer und manchmal auch nach philosophischen Antworten.
Das Internet bietet viele Antworten auf solche Fragen – auch der christliche Glaube hat sie. In Gemeinden und der christlichen Jugendarbeit sehen wir es als unsere Aufgabe, junge Menschen auf ihrer Lebensreise zu begleiten und ihnen die Antworten des christlichen Glaubens nahezubringen. Wir laden sie ein, diese Antworten kennenzulernen und vielleicht sogar für sich zu entdecken. Doch in den geschilderten Situationen gelingt uns das nicht.
Für Paul gibt es keine Verbindung zwischen dem, was er im Jugendkreis über den Glauben hört, und dem, was ihn in seiner Online-Welt beschäftigt. Die Themen existieren nebeneinander, ohne Berührungspunkte. Wahrscheinlich sind die Freund*innen, mit denen er im Jugendkreis über den Glauben spricht, andere als diejenigen, mit denen er zockt. Selbst wenn es dieselben Freund*innen wären, sind es andere Themen. Der Algorithmus seiner Filterblase liefert ihm Inhalte, die für ihn relevant und wichtig erscheinen – aber der Glaube spielt darin keine Rolle. So bleibt, was in der Jugendarbeit geschieht, isoliert und droht in den Hintergrund zu rücken.
Bei Lara ist der Algorithmus anders: Er hat christlichen Content in ihre Timeline gespült, und sie hat darauf reagiert. Die Videos sprechen sie an, lösen etwas in ihr aus – vielleicht sogar ein tiefes Bedürfnis. Doch ohne Austausch bleibt das Interesse oberflächlich. Es fehlt die Möglichkeit, mehr über diesen Glauben zu erfahren, Fragen zu stellen und sich intensiver damit zu beschäftigen. Selbst wenn der Algorithmus ihr weiterhin ähnliche Inhalte zeigt, bleibt alles theoretisch. Es gibt keinen Ort, an dem sie diese Themen vertiefen kann.
Mika hingegen findet online ein Fenster zur Außenwelt. Wie viele andere Jugendliche vernetzt sie sich digital leichter als analog. Sie erfährt online vielleicht mehr Anerkennung, und die Kommunikation fällt ihr dort leichter. Doch die spirituellen Inhalte, mit denen sie in Berührung kommt, stammen aus anderen religiösen Kontexten. Der christliche Glaube kommt in ihrer Welt – egal, ob analog oder digital – nicht vor. Vielleicht könnten christliche Antworten ihr helfen, vielleicht nicht. Aber sie hat keinen Zugang dazu.
Die Beispiele zeigen, dass wir Jugendliche mit dem christlichen Glauben nur erreichen können, wenn wir auch digitale Wege gehen. Alles andere würde an ihrer Realität vorbeigehen. Besonders dann, wenn wir sie aktiv zum Glauben einladen wollen. In der Jugendarbeit sprechen wir schon lange von einer „Geh-Struktur“: Wir dürfen nicht mehr darauf warten, dass junge Menschen von allein in unsere Gemeinden und Vereine kommen. Wir müssen uns auf den Weg machen – dorthin, wo sie sind, in ihre Lebenswelt. Und diese ist heute vor allem digital.
Dieses Buch widmet sich genau dieser Frage: Wie können Jugendliche heute so mit dem Glauben erreicht werden, dass er für sie relevant wird? Wie kann die christliche Botschaft in den digitalen Medien, besonders in Social Media, Raum finden? Und wie kann sie für junge Menschen gewinnbringend sein? Es geht um digitale Mission – darum, das Anliegen der christlichen Jugendarbeit auch in die digitale Welt zu bringen, auf gute Weise, die den Jugendlichen hilft. Es geht aber auch um die Mission, die das Christentum seit über 2000 Jahren hat und auf die Jesus uns selbst gesandt hat.
Kann Jugendarbeit digital?
Digitalisierung ist für die Jugendarbeit natürlich kein neues Thema. Schon lange versuchen Mitarbeitende der Jugendarbeit, Jugendliche auch digital zu erreichen. Sie verschicken Einladungen zu Veranstaltungen per WhatsApp, erstellen bunte Flyer für Instagram-Stories oder betreiben kleine Social-Media-Kanäle, um auf Freizeiten, Aktionen und Inhalte aufmerksam zu machen. Manche streamen Gottesdienste oder posten motivierende Bibelverse, versehen mit Hashtags wie #faith oder #hope. Diese Aktivitäten zeigen, dass christliche Jugendarbeit das Digitale als Hilfsmittel, als Tool, versteht, das die bestehenden analogen Angebote unterstützen soll. So wird Social Media häufig genutzt, um auf reale Treffen hinzuweisen: Jugendgottesdienste, Sommerlager oder thematische Abende.
Das hat durchaus seinen Wert. Jugendliche brauchen echte, leibliche Begegnungen. Sie brauchen Räume, in denen sie Gemeinschaft erleben, Vertrauen aufbauen und in ihrer analogen Lebenswelt Alternativen zu digitalen Bildern und Vorstellungen finden können. Auch der christliche Glaube selbst ist auf körperliche Präsenz angewiesen – auf das Miteinander im Gebet, auf gemeinsame Rituale wie das Abendmahl oder das Teilen von Erfahrungen im Gespräch. Diese Dimension soll keinesfalls infrage gestellt werden.
Doch genau hier entsteht ein Problem: Viele Ansätze bleiben an der Oberfläche und nutzen die digitale Welt nur als „Verteiler“, ohne wirklich in die digitale Lebenswelt der Jugendlichen einzutauchen. Social Media wird als Bühne verstanden, auf der man Werbung für die analogen Angebote macht – nicht als eigenständiger Ort, an dem Begegnungen und Gespräche über den Glauben stattfinden könnten.
Dabei zeigt ein Blick in den Alltag Jugendlicher, dass das Digitale für sie weit mehr ist als ein ergänzendes Tool. Es ist ein zentraler Bestandteil ihrer Lebenswelt. Jugendliche verbringen viele Stunden täglich in digitalen Räumen: Sie kommunizieren über WhatsApp und Discord, erleben Gemeinschaft in Gaming-Umgebungen, scrollen durch Instagram oder TikTok, teilen Memes und Videos und lassen sich von Algorithmen durch Trends und Themen leiten. Die Grenzen zwischen analog und digital sind dabei fließend – ein Video, das abends auf TikTok gesehen wird, kann am nächsten Tag die Basis für Gespräche in der Schule sein.
Wenn christliche Jugendarbeit das Digitale jedoch nur als „zweiten Schritt“ oder „Zubringer“ zu analogen Angeboten versteht, übersieht sie die Realität: Für viele Jugendliche ist die digitale Welt genauso real und bedeutungsvoll wie die analoge. Und hier wird der Glaube
oft kaum sichtbar. Das führt dazu, dass die Jugendarbeit den Anschluss an diese Lebenswirklichkeit verliert. Jugendliche scrollen und klicken, sie kommunizieren und vernetzen sich – aber christliche Inhalte sind in diesen Räumen oft unsichtbar. Selbst wenn Jugendarbeit digital präsent ist, bleibt die Kommunikation oft einseitig, nicht interaktiv und zu wenig an den Lebensrealitäten der Jugendlichen orientiert. Die Folge: Jugendliche fühlen sich nicht angesprochen, scrollen weiter und verpassen die Chance, über den Glauben nachzudenken, ihn zu hinterfragen oder ihn vielleicht sogar für sich zu entdecken.
Ein Grund dafür sind sicher die Herausforderungen rund um technische Fragen, Datenschutz und Medienproduktion, die es der Jugendarbeit schwermachen, mit den oft kommerziellen und professionellen Angeboten auf Social Media mitzuhalten. Doch ebenso entscheidend – und vielleicht manchmal sogar zuerst – sind die inhaltlichen Fragen, die Fragen der Haltung und der Theologie. Wollen wir mit unserer christlichen Jugendarbeit überhaupt digital präsent sein? Oder sehen wir es nur als notwendiges Übel, weil Jugendliche dort eben sind? Akzeptieren wir diese Lebenswirklichkeit, oder haben wir eigentlich einen alternativen, eher analog geprägten Lebensentwurf für sie im Kopf?
Und wie geht das überhaupt: Glauben auf Social Media zu kommunizieren? Während bei einer 5-minütigen Andacht alle im Raum bleiben (müssen), scrollen Jugendliche bei einer Social-Media-Andacht nach wenigen Sekunden weiter, wenn sie nicht spannend genug ist. Welche Formen braucht es, um christliche Jugendarbeit und die Einladung zum Glauben im Digitalen ansprechend zu gestalten? Was bedeutet das theologisch? Kann man sich online für den Glauben entscheiden? Wirkt der Heilige Geist auch im binären Code des Internets? Und wie steht es mit der Ethik: Sollten wir uns wirklich auf Plattformen bewegen, deren Verbreitungsstrategien fragwürdig sind und auf denen manche Inhalte problematisch oder sogar bedenklich sind?
Diesen und anderen inhaltlich-theologischen Fragen möchten wir in diesem Buch nachgehen. Tipps, Tricks und Tutorials, wie man Angebote und Inhalte auf Social Media platziert, gibt es anderswo. Wir glauben jedoch, dass es vor allem ein inhaltliches und theologisches Nachdenken braucht. Ein Nachdenken darüber, was es bedeutet, junge Menschen auf Social Media mit dem Glauben zu erreichen und zu begleiten. Es ist vor allem eine Frage der Haltung, eine Frage des Respekts vor der Lebenswelt junger Menschen. Und es ist eine Frage des Auftrags.
Mission digital weiterdenken
Die Empfänger*innen des Missionsauftrags am Ende des Matthäusevangeliums hätten sicher nicht gedacht, dass dieser umfassende Auftrag nicht nur über die geografischen Grenzen der damals bekannten Welt hinausgeht, sondern auch über die Grenzen des Analogen hinein ins Digitale. Doch sie machten sich auf den Weg, überwanden ihre Grenzen, verließen ihre Komfortzone, entwickelten die Mission kontinuierlich weiter, erprobten neue Strategien, ließen sich auf neue Kontexte ein und wurden dabei vom Geist Gottes geleitet.
Im 21. Jahrhundert geht es darum, diese Missionstradition weiterzuführen. Es geht darum, christliche Jugendarbeit in ihrer Mission weiterzuentwickeln, die Grenze des Analogen zu überwinden, das Digitale zu erkunden und sich dabei zu fragen, wie der Glaube in diesem Kontext und in dieser Lebenswelt – besonders der jungen Menschen – kommuniziert werden kann. Swipe to salvation – Glaube ins Digitale zu bringen ist nicht nur das Gebot der Stunde für christliche Jugendarbeit, sondern eine riesige Chance. Die Chance, die häufig bestehende Milieuverengung (also die Tatsache, dass christliche Grundarbeit oft nur weniger Milieus erreicht) zu überwinden und neue Zielgruppen anzusprechen. Das Potential, Jugendliche ganz anders in Jugendarbeit und Mission einzubinden und sich und ihre Kompetenzen aktiv einzubringen. Und die Hoffnung, neben allen Risiken, die das Internet birgt, positive und lebensförderliche Impulse zu setzen.1
1 Hinweis zur Verwendung von KI-Systemen: Bei der Erstellung dieses Buches sind auch KI-Systeme zum Einsatz gekommen. Dabei wurde darauf geachtet, dass alle Inhalte, Argumente, Daten und Fakten nicht von KI generiert wurden, sondern die KI lediglich genutzt wurde, um sprachliche Anpassungen und Transkriptionen vorzunehmen.