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Weitere Informationen zum Projekt „Jugend zählt 2“ und die kostenfreie pdf-Datei des Buchs finden sich unter www.jugend-zaehlt.de. Dort werden wir auch eventuelle Korrekturen bereitstellen, falls nach der Drucklegung Fehler auffallen sollten.

Der Verweis auf „Jugend zählt 1“ bezieht sich auf die Statistik 2012/13 (Ilg / Heinzmann / Cares 2014).

Für in diesem Titel enthaltene Links auf Websites/Webangebote Dritter übernehmen wir keine Haftung, da wir uns deren Inhalt nicht zu eigen machen, sondern sie lediglich Verweise auf den Inhalt darstellen. Die Verweise beziehen sich auf den Inhalt zum Zeitpunkt des letzten Zugriffs: 07.09.2023.

Diese Veröffentlichung wurde gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – Projektnummer 537384826.

Impressum

© 1. Auflage 2024

Praxisverlag buch+musik bm gGmbh, Stuttgart 2024 Printed in Germany. All rights reserved.

ISBN Buch 978-3-86687-374-2

ISBN PDF 978-3-86687-375-9

Lektorat: Carolin Gähler, Forschungsgruppe Jugendarbeit, Ludwigsburg Umschlaggestaltung: buch+musik – Toby Wolf, Stuttgart Gestaltung und Satz: Benedikt von Uslar-Gleichen, Ludwigsburg Bildrechte Umschlag: vectorfusionart/stock.adobe.com, Lumos sp/stock.adobe.com, EJW Sportcamp (3), Diakonie Stetten e. V., Julius Hannes Rexer, EGJ Baden Bildrechte Grafiken: Benedikt von Uslar-Gleichen, Ludwigsburg

Für die Bereitstellung von Daten danken wir insbesondere dem Statistischen Landesamt sowie den Statistik-Experten der Evangelischen Oberkirchenräte Karlsruhe und Stuttgart.

Druck und Gesamtherstellung: Gutenberg Beuys Feindruckerei GmbH, Langenhagen www.praxisverlag-bm.de

Inhaltsverzeichnis

aus der Wissenschaft (Jens Pothmann)

Teil A: Überblick

1 Zusammenfassung

Wolfgang Ilg / Cornelius Kuttler / Kerstin Sommer

2 Notwendige Verständnis-Grundlagen zur Darstellung

Wolfgang Ilg / Luca Sigle / Anika Hintzenstern

3 Die Methodik der Erhebung

Wolfgang Ilg / Martin Grauer / Alexander Strobel

Teil B: Grundlagen

4 Statistische Erhebungen zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen –eine Kontextualisierung

Wolfgang Ilg

5 Demografische Grundlagen

Fabian Peters / David Gutmann

6 Überblick über die Strukturen der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Landeskirchen

Cornelius Kuttler / Kerstin Sommer

7 Kirche und Diakonie als Schutzraum: Zur Prävention sexualisierter Gewalt . 78

Miriam Günderoth / Alma Ulmer / Kerstin Sommer

Teil C: Ergebnisse in der Gesamtperspektive

8 Ergebnisse im Überblick

Wolfgang Ilg

8.1 Überblick über Aktivitäten und Teilnehmende der kirchlichen Arbeit

8.2 Verbreitung der Angebote

8.3 Gesamtzahlen der Aktivitäten

8.4 Gesamtzahlen der Teilnehmenden

8.5 Gesamtzahlen der Mitarbeitenden

8.6 Überblick zur diakonischen Arbeit und zu den Freiwilligendiensten

9 Gruppenstrukturen in der kirchlichen Arbeit

Wolfgang Ilg

9.1 Gruppengrößen und Betreuungsschlüssel; Gruppendauer und Angebotshäufigkeit 97

9.2 Alterszusammensetzung

9.3 Koedukation

9.4 Frequenz der Gruppentreffen

9.5 Hauptamtliche und Ehrenamtliche

9.6 Themenschwerpunkte

9.7 Öffentliche Förderung

10 Reichweite der regelmäßigen Gruppenarbeit

11 Jugendverbände und Kooperationen

Wolfgang Ilg

12 Verbreitung inklusiver Angebote

Zehnle / Antje Tuscher / Susanne Bohlien

Luca Sigle / Alexander Strobel / Matthias Rumm 15 Trends und Entwicklungen – Vergleich mit den Daten aus „Jugend zählt 1“ .

Wolfgang Ilg

Teil D: Kommentierte Daten zu den „kirchlichen Arbeitsfeldern“

16 Kinder- und Jugendarbeit

Anika Hintzenstern / Wolfgang Ilg

16.1 Einführung und Überblick

16.2 Arbeit mit Kindern

16.3 Jugendgruppen

16.4 Pfadfinder*innen

16.5 Offene Angebote

16.6 Gruppen für Junge Erwachsene

16.7 Sportaktivitäten

16.8 Mitarbeitendenbildung

16.9 Freizeiten und Waldheime

16.10 Jugendgottesdienste

16.11 Tagesveranstaltungen

16.12 Fundraising-Veranstaltungen

16.13 Weitere Gruppen und Angebote

16.14 Schulbezogene Kinder- und Jugendarbeit

16.15 Ausblick: Recht auf Ganztagsförderung ab 2026

17 Musikalische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Wolfgang Ilg / Luca Sigle

17.1 Corona-Auswirkungen – Musik besonders betroffen

17.2 Überblick

17.3 Posaunenchöre

17.4 Vokalchöre

17.5 Singteams und Bands

17.6 Weitere musikalische Aktivitäten

17.7 Bewertung aus Sicht der Kirchenmusik

Matthias Hanke / Kord Michaelis

18 Kindergottesdienst

Anika Hintzenstern / Markus Grapke / Lutz Wöhrle

18.1 Einführung und Überblick

18.2 Mitarbeitende und Teilnehmende

18.3 Durchführungshäufigkeit und Zeitpunkt

18.4 Formen und Leitung des Kindergottesdienstes

18.5 Kooperationen

19 Konfi-Arbeit

Manuela Hees / Matthias Rumm / Martin Trugenberger / Ekkehard Stier

19.1 Konfi-Arbeit im Jugendalter (Konfi 7/8)

19.2 Konfi-Arbeit im Kindesalter (Konfi 3)

Teil E: Kommentierte Daten zur diakonischen Arbeit und zu den Freiwilligendiensten

20 Diakonische Arbeit mit jungen Menschen in Baden und Württemberg

Luca Sigle / Susanne Bohlien / Kathrin Mack / Matthias Reuting / Sonja Schmid / Jochen Ziegler

20.1 Kinder- und Jugendhilfe

20.2 Behindertenhilfe

20.3 Perspektiven

21 Freiwilligendienste

Luca Sigle / Matthias Bund / Maike Schweizer / Georg Rühle / Ursel Braun / Johanna Mugabi

Teil F: Kurzdarstellungen der Jugendverbände

22 Stimmen aus den eigenständigen Jugendverbänden

22.1 CVJM – Christlicher Verein Junger Menschen

Johannes Büchle / Matthias Kerschbaum

22.2 SWD-EC-Verband – Südwestdeutscher Jugendverband „Entschieden für Christus“ (EC)

Armin Hassler / Markus Deuschle / Michael Breidenmoser

22.3 SV-EC – Süddeutscher Jugendverband „Entschieden für Christus”

Daniel Finkbohner

22.4 Die Api-Jugend – Die Kinder- und Jugendarbeit von Aktion Hoffnungsland, Schönblick und den Apis

Raphael Schmauder

22.5 AB-Jugend des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes AB (Augsburgischen Bekenntnisses) .

Michael Hornauf

22.6 VCP – Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder

Harald Kraus / Eberhard Reinmuth

22.7 CPD – Die Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands

Jan Schiller / Jochen Ostertag

22.8 Johanniter-Jugend in Baden-Württemberg

Julian Weber

22.9 Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Ferien- und Waldheime in Württemberg

Anja Stark

22.10 Kirche Unterwegs der Bahnauer Bruderschaft

Friedemann Heinritz

22.11 ejl – Evangelische Jugend auf dem Lande in Baden und Württemberg

Micha Schradi / Heike Siepmann

22.12 EGJ – Evangelische Gemeindejugend Baden

Stefanie Kern / Antje Tuscher

TEIL G: ERGÄNZENDE EINBLICKE UND REFLEXIONEN

23 Familienarbeit als Bezugspunkt evangelischer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Johanna Possinger

24 Demokratiebildung – (k)eine neue Anforderung an die Jugendarbeit? . . . . . 344

Stefan Hoffmann / Rolf Ahlrichs

25 Internationale Jugendarbeit – globale Herausforderungen für THE LÄND . 349

Stefan Hoffmann / Barbara Matt / Kerstin Sommer

26 Perspektiven aus der amtlichen Statistik zur Kinder- und Jugendarbeit . . . . 354

Thomas Mühlmann

Teil H: Deutungen und Ausblick

27 Keine Angst vor Statistik! Perspektiven für den Umgang mit Statistik in der kirchlichen Arbeit

David Gutmann / Fabian Peters

28 Kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in herausfordernden Zeiten –Perspektiven nach der Corona-Zeit

Jens Adam / Matthias Rumm

29 Kooperation von kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit und Diakonie –Grundlagen, Herausforderungen und Chancen

Stefanie Hügin / Cornelius Kuttler / Matthias Reuting / Kerstin Sommer

30 Potenziale für Kirche und Gesellschaft aus „Jugend zählt 2“

Siegfried Jahn / Thomas Schalla

Abbildungsverzeichnis

Die Autorinnen und Autoren

Vorwort

„Nicht alles, was zählt, ist zählbar, und nicht alles, was zählbar ist, zählt“ (Albert Einstein)

Was wirklich zählt im Leben, lässt sich nicht mit Zahlen erfassen: Wenn junge Menschen am Lagerfeuer ein Abendgebet sprechen, wenn unbegleitete minderjährige Jugendliche in der diakonischen Jugendhilfe Zukunftsperspektiven entdecken, wenn eine 18-Jährige sich ein Jahr lang im Freiwilligendienst für andere engagiert – dann wird der Wesenskern von Kirche und Diakonie sichtbar: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Zahlen aus Kirche und Diakonie

Warum dann ein Buch mit einer Fülle von Zahlen und nüchternen Analysen? Nicht, weil die großen Zahlen bedeutsamer wären als der einzelne Mensch. Sondern weil Erfahrungen wie die eingangs geschilderten in einer Fülle geschehen, die mehr Sichtbarkeit verdient hat. Die vorliegenden statistischen Zahlen geben davon Rechenschaft und helfen zugleich, die Rahmenbedingungen genauer in den Blick zu nehmen, die all das ermöglichen. Die kirchliche Arbeit mit jungen Menschen (also Kinder- und Jugendarbeit, musikalische Arbeit, Kindergottesdienst, Konfi-Arbeit), das diakonische Engagement in Jugend- und Behindertenhilfe und nicht zuletzt die Freiwilligendienste: All diese Felder ereignen sich nicht zufällig, sondern basieren auf einer hohen Fachlichkeit, die von haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden eingebracht wird. Zur Fachlichkeit gehört ein ungeschminkter Blick in die Realität all dieser Arbeitsfelder. Die hier vorgelegten Zahlen können orientieren, verwundern, herausfordern – in jedem Fall aber dazu verhelfen, mit einem geschärften Blick den Ist-Stand wahrzunehmen und Perspektiven für die Zukunft zu gewinnen. Neun Jahre nach der ersten „Jugend zählt“-Erhebung von 2012/13 (Ilg / Heinzmann / Cares 2014), die wir in diesem Buch als „Jugend zählt 1“ bezeichnen, wurde 2021/22 mit „Jugend zählt 2“ wieder eine statistische Erhebung durchgeführt, wie sie deutschlandweit in diesem Arbeitsfeld kaum in vergleichbarer Weise existiert.

Neu gegenüber „Jugend zählt 1“ ist die Aufnahme der Freiwilligendienste und der diakonischen Arbeit mit jungen Menschen in die Erfassung. Damit sind zwei bedeutsame weitere Felder zusätzlich im Blick. Dennoch werden auch durch „Jugend zählt 2“ längst nicht alle Bereiche abgedeckt, in denen evangelische Kirche und Diakonie in Baden-Württemberg sich für junge Menschen engagieren. Für manche Bereiche existieren eigene Statistiken –so sind in Baden-Württemberg beispielsweise etwa 80.000 Kinder in über 1.600 evangelischen Kindertagesstätten gemeldet. Auch der Religionsunterricht erreicht hunderttausende Kinder und Jugendliche, hinzu kommen die evangelischen Schulen. Zu nennen wären auch die evangelischen Studierenden-Gemeinden, die Familienbildungsstätten und weitere Arbeitsfelder. Sie konnten in „Jugend zählt 2“ aus Kapazitätsgründen nicht mit erhoben werden, zeigen aber die enorme Vielfalt kirchlicher und diakonischer Arbeit im formalen und non-formalen Bildungsbereich. Auch innerhalb der hier erfassten Arbeitsfelder ließen sich bestimmte Daten nicht mit vertretbarem Aufwand erheben, dies gilt beispielsweise für die Themen Finanzierung, Räume und hauptamtliches Personal. Dennoch: Die Zahlen, die „Jugend zählt 2“ vereint, zeigen einen bedeutsamen Ausschnitt der sozialen Infrastruktur für junge Menschen im Südwesten Deutschlands.

Lesehinweise

Die Kapitel dieses Buchs sind so geschrieben, dass sie jeweils einzeln verständlich sind, durch den parallelen Aufbau von Tabellen und Abbildungen sind dennoch Vergleiche zwischen den Arbeitsfeldern leicht möglich. Der Korpus der kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wird dabei immer wieder mit den Daten aus „Jugend zählt 1“ verglichen und bildet daher eine Einheit für sich. Die diakonischen Arbeitsfelder und die Freiwilligendienste sind aufgrund ihrer eigenen Erhebungssystematik in Überblicksdarstellungen nur teilweise mit dargestellt. Wer einen Gesamt-Überblick erhalten will, findet in der Zusammenfassung sowie den weiteren Kapiteln aus Teil A eine erste Orientierung. Teil B vertieft wichtige Hintergrundinformationen und ordnet die Erhebung in demografische, strukturelle und inhaltliche Kontexte ein. Teil C bietet (parallel zu „Jugend zählt 1“) eine Gesamtperspektive, in der über die Arbeitsfelder der kirchlichen Arbeit hinweg Summenzahlen, Gruppenstrukturen und Kennzahlen für die Reichweite berichtet werden. Auch die Auswertung nach Jugendverbänden und die Ergebnisse zur Inklusionsfrage sind hier dargestellt. Da die Corona-Situation die Arbeitsfelder im Bezugszeitraum erheblich betraf, findet sich hier auch ein Kapitel zu Corona-Auswirkungen und zur Digitalisierung. Teil D und E stellen die Ergebnisse nach den einzelnen Arbeitsbereichen detailliert dar und bieten als „Nachschlagewerk“ vielfältige Informationen zu differenzierten Einzelthemen. Die Teile F bis H versammeln vertiefte Analysen sowie Kommentare aus unterschiedlichen Perspektiven, insbesondere von den beteiligten Jugendverbänden, aber auch von Fachleuten aus Wissenschaft und Kirche.

Durchweg bemüht sich das Buch um eine differenzierte und detailreiche Darstellung, die dennoch verständlich bleibt. Dazu gehört auch unser Bemühen, eine gendergerechte und zugleich lesbare Sprache zu wählen. Wir hoffen, dass uns dies gelungen ist und bitten um Verständnis, dass wir an manchen Stellen sprachliche Kompromisse eingegangen sind.

Auch Beirat und Steuerungsgruppe tagten zumeist hybrid. Foto der Sitzung vom Juni 2023 (auch mit Gästen). Folgende Personen waren Mitglied in Beirat und Steuerungsgruppe: Jens Adam, Susanne Bohlien, Markus Deuschle, David Dehn, Markus Grapke, Martin Grauer, Matthias Hanke, Armin Hassler, Ulrich Heckel, Anika Hintzenstern, Wolfgang Ilg, Siegfried Jahn, Yvonne Kienz, Kornelius Knapp, Cornelius Kuttler, Kord Michaelis, Thomas Mühlmann, Fabian Peters, Michael Pohlers, Jens Pothmann, Matthias Reuting, Carmen Rivuzumwami, Matthias Rumm, Mirjam Rutkowski, Johannes Seule, Sonja Schmid, Wolfgang Schmidt, Luca Sigle, Kerstin Sommer, Amrei Steinfort, Ekkehard Stier, Alexander Strobel, Martin Trugenberger, Lutz Wöhrle.

Dank

Eine Zahl unter den vielen Daten dieses Buchs beeindruckt uns besonders: 63. So viele Personen tauchen im Autorenverzeichnis ab S. 400 auf. Das Buch „Jugend zählt 2“ hat durch die Mitwirkung vieler Expertinnen und Experten nicht nur ein hohes Maß an fachlicher Qualität gewonnen. Das gelungene Miteinander in diesem Projekt zeigt den Willen der Beteiligten, sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und vielgestaltigen Arbeitsfeldern in einem gemeinsamen Anliegen zu treffen.

Das Erstellen einer Statistik mit über 1700 auskunftgebenden Institutionen, mehreren Zeitplan-Anpassungen aufgrund der Corona-Entwicklungen und einer Vielzahl von Ansprechpartner*innen auf allen Ebenen erwies sich als durchaus anstrengende Unternehmung. Wir sind beeindruckt von der guten Zusammenarbeit mit allen Verantwortlichen aus den ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern, die „Jugend zählt 2“ von Anfang an begleitet haben. Sie haben nicht nur bei der Erstellung der Erhebungsbögen beraten, sondern auch dafür gesorgt, dass die Erhebung vor Ort gut aufgenommen und ausgefüllt wurde. Bei der Interpretation der Daten und schließlich beim Abfassen der Artikel haben die Expertinnen und Experten ihr fachliches Wissen eingebracht. Viele weitere haben in Steuerungsgruppe, Beirat, Forschungsgruppe Jugendarbeit der EH Ludwigsburg, in der Geschäftsstelle von „Jugend zählt 2“ im EJW und an vielen anderen Stellen dazu geholfen, dass dieses Gemeinschaftsprojekt ans Ziel kommen konnte. Über die im Autorenverzeichnis sowie unter dem Foto links benannten Personen hinaus danken wir ausdrücklich folgenden Menschen, die in unterschiedlicher Weise das Projekt begleitet, unterstützt oder fachlich beraten haben: Friedemann Berner, Ulrich Enderle, Matthias Hantke, Carolin Helmschmidt, Marlene Kühner, Antje Metzger, Andrea Mohn, Michael Peters, Oliver Pum, Sabine Schmalzhaf, Michael Schofer, Cyrill Schwarz, Friedrich Schweitzer, Henrik Struve, Daniela Unmüßig, Micha Weisbach, Max Wejwer, Steffen Zimmerer. Seitens des Verlags buch+musik unterstützten Martina Mühleisen und Claudia Siebert das Entstehen des Buchs, die umfangreichen Arbeiten im Bereich Grafik und Layout übernahm Benedikt von Uslar-Gleichen.

Am Ende dieser Auf-“Zählung“ gilt unsere Hochachtung denjenigen, deren Namen hier nicht auftauchen, die aber hinter all den Zahlen stehen: Engagierte Mitarbeitende, oftmals selbst noch junge Menschen, die mit Leidenschaft und Sachverstand die Arbeit von Kirche und Diakonie tragen, und denen Kinder und Jugendliche abspüren, was zählt: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Wolfgang Ilg
Cornelius KuttlerKerstin Sommer

Geleitwort aus der Politik

Mit dem Projekt „Jugend zählt 2“ legen die Evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg bereits zum zweiten Mal eine Vollerhebung ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen vor. Die Kirchen erfassen dabei ihre Angebote der Kinder- und Jugendarbeit, ihre musikalischen Angebote sowie ihre Kindergottesdienst- und Konfirmandenarbeit in den Jahren 2021 und 2022 – und erstmals auch die Jugend- und Behindertenhilfe unter dem Dach der Diakonie sowie die Freiwilligendienste. Die breite statistische Basis der Erhebung bietet einen wertvollen Überblick über die vielfältige Angebotslandschaft einiger der größten Träger der Kinder- und Jugendhilfe im Land. Deren Gruppenangebote erreichen immerhin rund fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren in Baden-Württemberg. Durch den Vergleich der Studie „Jugend zählt 2“ und der Vorgängererhebung „Jugend zählt 1“ lassen sich darüber hinaus Trends bei den Angeboten ablesen, die mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen in demselben Zeitraum in Wechselwirkung stehen.

Seit der ersten Studie „Jugend zählt 1“ von 2012/13 haben die Herausforderungen für die freien und öffentlichen Träger in der Kinder- und Jugendhilfe im Land zugenommen. Auch unter den Geflüchteten, die seit 2015 zu uns nach Baden-Württemberg gekommen sind, sind viele Kinder und Jugendliche. Zuletzt kamen zehntausende Minderjährige aus der Ukraine. All das erfordert zusätzliche Betreuungskapazitäten, um diese jungen Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren.

In der Covid-19-Pandemie, deren Höhepunkt unmittelbar im Erhebungszeitraum der Studie liegt, litten die meisten Kinder und Jugendlichen unter erheblichen Einschränkungen: Sie konnten ihre Freundinnen und Freunde nicht treffen und wurden in ihrer Freizeitgestaltung eingeschränkt. Das Wegbrechen solcher wichtigen sozialen Kontakte hat Auswirkungen auf die sozialen Entwicklungschancen der jungen Menschen.

Auch die Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe war durch die Pandemie erheblich beeinträchtigt. Zahlreiche Träger mussten die Kapazitäten und die organisatorische Gestaltung ihrer Angebote an die notwendigen Infektionsschutzmaßnahmen anpassen. Viele Angebote wie Jugendfreizeiten oder Maßnahmen der außerschulischen Jugendbildung waren dadurch zeitweilig nicht mehr möglich. Dies zeigt sich in der Erhebung „Jugend zählt 2“ vor allem in einem starken Rückgang der Beteiligung an kirchlichen Musikgruppen.

Die Kinder- und Jugendhilfe ist ein essenzieller Bestandteil der sozialen Infrastruktur in Baden-Württemberg. Ihre Träger sind unverzichtbare Partner für Schutz, Förderung und Beteiligung von jungen Menschen im Land. Die vielfältigen Angebote der Kinder- und Jugendhilfe stellen dabei nicht nur Schutz und Fürsorge in familiären Notsituationen bereit, sondern bieten auch – im Kontext der Kinder- und Jugendarbeit sowie der außerschulischen Jugendbildung – Freiräume für die Erfahrung von Gemeinschaft in der Freizeitgestaltung zusammen mit Gleichaltrigen und beim außerschulischen Lernen.

Die Evangelischen Landeskirchen und ihre untergeordneten Trägerorganisationen bieten hierfür ein leuchtendes Beispiel. Es spricht für sich, dass in ihrer Verantwortung jährlich mehr als 56.000 Teilnahmen an Jugendfreizeiten mit Übernachtung und 34.000 Teilnahmen an Freizeiten ohne Übernachtung stattfinden. Wöchentlich besuchen mehr als 33.000 Kinder Jungschar- und Kindergruppen der Evangelischen Landeskirchen, die von mehr als 10.000 zumeist ehrenamtlich Mitarbeitenden begleitet werden. Diese regelmäßigen und verlässlichen Angebote bieten den jungen Menschen Spaß und Geselligkeit. Es sind solche Angebote der Kinder- und Jugendarbeit, die einen unschätzbaren Beitrag für ein Heranwachsen von jungen Menschen zu selbstbestimmten und sozial verantwortlichen Bürgerinnen und Bürgern leisten.

Die Landesregierung Baden-Württemberg bekennt sich zu ihrer Verantwortung gegenüber den Kindern und Jugendlichen im Land. Die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen in ihrem Heranwachsen – insbesondere im Hinblick auf die bestehenden gesellschaftlichen Krisen – kann nur mithilfe einer starken Kinder- und Jugendhilfe gelingen, die wir nach Kräften fördern. Daher sind im Doppelhaushalt 2023/24 nach dem Landesjugendplan allein beim Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration mehr als 165 Millionen Euro für die Jugend- und Familienpolitik vorgesehen. Beispielhaft sind hiervon elf Millionen Euro für den Masterplan Jugend vorgesehen, mit dem das Land innovative Projekte zur Weiterentwicklung der Jugendarbeit, Jugendbildung und Jugendsozialarbeit fördert. Für die Förderung von Jugendbildungsmaßnahmen, insbesondere zur Aus- und Fortbildung von ehrenamtlichen Jugendleiterinnen und Jugendleitern, von themenorientierten Bildungsmaßnahmen und von Projekten mit Bildungscharakter, stehen nochmals rund sieben Millionen Euro in den Jahren 2023 und 2024 zur Verfügung. Die Erhebung „Jugend zählt 2“ der Evangelischen Landeskirchen zeigt: Mehr als die Hälfte der erfassten Aktivitäten im Bereich der Bildungsmaßnahmen, Freizeiten (mit und ohne Übernachtung) und schulbezogenen Aktionen erhält eine öffentliche Förderung. Das finanzielle Engagement des Landes kommt bei den Trägern an und zahlt sich für die jungen Menschen aus.

Es ist mir persönlich ein großes Anliegen, dass diese vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und freien Trägern in der Kinder- und Jugendhilfe zugunsten der jungen Menschen im Land fortgesetzt und weiter vertieft wird. Den Evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg, den eigenständigen evangelischen Jugendverbänden sowie der Diakonie kommt dabei eine herausragende Stellung als Träger zu, die jedes Jahr zehntausenden Kindern und Jugendlichen im Land Fürsorge und Hilfe bieten sowie Gemeinschaft und Freizeitgestaltung mit Gleichaltrigen ermöglichen. Ihren Anstrengungen, die in der vorliegenden Erhebung dokumentiert sind, gilt mein tief empfundener Dank und meine besondere Hochachtung!

Herzlichst Ihr

Geleitwort aus der Wissenschaft

Herzlichen Glückwunsch an alle Beteiligten von „Jugend zählt 2“ für das bis hierher Geschaffte. Die Ergebnisse der Statistik zur Arbeit mit jungen Menschen in den Evangelischen Landeskirchen und ihrer Diakonie in Baden und Württemberg sowie der eigenständigen evangelischen Jugendverbände für das Jahr 2022 liegen vor und der Umfang des Datenkorpus sowie die Qualität der bereits geleisteten Auswertungen, aber auch die noch vorhandenen Analysepotenziale sind allesamt beeindruckend.

Dies ist bei einem so anspruchsvollen Statistik-Vorhaben wie „Jugend zählt 2“ alles andere als selbstverständlich. Die Durchführung solcher Datenerhebungen umfasst komplexe Aufgaben. Das fängt bei der Formulierung von leitenden Fragestellungen für das Gesamtvorhaben an und setzt sich mit der Entwicklung eines validen und praktikablen Erhebungsinstrumentes weiter fort. Dazu gehört eine nutzerfreundliche und gleichzeitig für alle Beteiligten ressourcenschonende Organisation der Erhebung sowie ein effizientes Datenmanagement. Schließlich müssen forschungsethische Aspekte und Datenschutzbestimmungen berücksichtigt werden. Bei der Bewältigung dieser Herausforderungen konnte sicherlich an vielen Stellen auf die Erfahrungen und die Erkenntnisse aus „Jugend zählt 1“ zurückgegriffen werden, aber es mussten für „Jugend zählt 2“ auch neue Herausforderungen bewältigt werden, denkt man an die Ausweitungen der Erhebung auf weitere Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Behindertenhilfe oder auch die erstmalige Berücksichtigung der Freiwilligendienste. Zu nennen sind aber auch Anpassungen bei der Erfassung der Kinder- und Jugendarbeit, um u. a. die Kohärenz zu anderen Datengrundlagen – wie der amtlichen Statistik – zu erhöhen oder auch die bei der Konzeption und dem Start des Vorhabens noch nicht absehbaren coronabedingten Erschwernisse für die Erhebungsphase.

Die nunmehr vorliegenden Ergebnisse von „Jugend zählt 2“ liefern differenzierte Erkenntnisse zu verschiedenen Dimensionen der Arbeit mit jungen Menschen. Dazu gehören Ergebnisse zur Reichweite der Angebote und Hilfen, zu ihrer Qualität oder auch ihrer Finanzierung. Die Befunde verdeutlichen die Unverzichtbarkeit des Ehrenamts und des freiwilligen Engagements, aber auch die zugleich zentrale Bedeutung der Hauptamtlichen. Außerdem werden die zahlreichen Bezüge zwischen Kirchengemeinden und jugendverbandlichen Strukturen bei der Arbeit mit den jungen Menschen ersichtlich. Diese und viele weitere Ergebnisse werden in dem hier vorgelegten Band nicht nur differenziert beschrieben, sondern auch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen eingeordnet, etwa mit Blick auf die demografischen Entwicklungen oder auf das Nachlassen kirchlicher Bindungen. Und natürlich werden die Ergebnisse auch vor dem Hintergrund der coronabedingten Kontaktbeschränkungen Anfang der 2020er-Jahre gelesen. Diese und andere der vorliegenden Analysen verdeutlichen, dass die Landeskirchen und ihre Diakonie dazu in der Lage sind, ihre Angebote für junge Menschen den sich verändernden Rahmenbedingungen so anzupassen, dass die Angebote und Hilfen nicht nur trotz, sondern gerade wegen gesellschaftlicher Veränderungen inklusive damit einhergehender Krisenerscheinungen benötigt werden. Die Angebote und Hilfen unterstützen bei der Krisenbewältigung und es werden Räume und Gelegenheiten für die Entwicklung von Perspektiven geboten.

Die Resultate aus „Jugend zählt 2“ können eine Hilfestellung sein, um Aufgaben- und Themenstellungen für die Zukunftsgestaltung der Arbeit mit jungen Menschen seitens der Evangelischen Landeskirchen und ihrer Diakonie sowie der eigenständigen evangelischen Jugendverbände zu fokussieren. Sie stellen dabei eine Grundlage für das jugend(hilfe) politische Agieren dar und leisten wichtige Beiträge für Planungsprozesse oder auch verschiedene Formate der Qualitätsentwicklung. Die Arbeit mit der hier vorgelegten Statistik schafft Gelegenheiten für eine gemeinsame Kenntnisnahme der Arbeit mit jungen Menschen. Das ermöglicht aber nicht nur eine Bestandsaufnahme und ein damit einhergehendes Sichtbarmachen und Sensibilisieren für Aufgaben- und Themenstellungen. Darüber hinaus wird die Herstellung eines gemeinsamen Referenzrahmens für die Konkretisierung und Kommunizierbarkeit von gemeinsamen Aufgaben- und Themenstellungen für Praxisund Qualitätsentwicklung inklusive Zielformulierungen ermöglicht, sodass für politisches Handeln empirisch fundierte Standpunkte herausgearbeitet werden können.

Eine solche Verwendung ist allerdings an Voraussetzungen geknüpft. Mit dem hier vorgelegten Band wäre eine wichtige erfüllt. Weitere bestehen darin, für die vielfältigen Fragestellungen an das Datenmaterial die relevanten und zentralen Indikatoren aus dem umfassenden Zahlenkorpus herauszuarbeiten. Auf diese Weise können „Datenfriedhöfe“ vermieden werden. Darüber hinaus sind Orte notwendig, an denen die empirischen Befunde nicht nur zur Kenntnis genommen werden, sondern die herausgearbeiteten Ergebnisse und deren Lesarten in politische Debatten sowie Prozesse der Praxis- und Qualitätsentwicklung nicht nur sporadisch, sondern am besten systematisch einfließen können. Fehlen hingegen diese Orte einer differenzierten und reflexiven Auseinandersetzung mit der Statistik, werden nicht nur Potenziale der Statistik nicht ausgeschöpft, sondern die aufbereiteten Daten sind dem Risiko ausgesetzt, bestenfalls nur illustrativ genutzt oder auch ausschließlich politisch instrumentalisiert zu werden. Es ist also mit dem Vorlegen der empirischen Ergebnisse im Rahmen dieses Bandes schon viel erreicht worden, aber es gilt nun, weiter mit den hier veröffentlichten Ergebnissen sowie den zusätzlichen über „Jugend zählt 2“ vorliegenden Auswertungen zu arbeiten. Hierfür wünsche ich den Akteur*innen in den Landeskirchen und der Diakonie in Baden und Württemberg sowie der wissenschaftlichen Begleitung gutes Gelingen.

Geleitwort aus den Kirchenleitungen

Die Jugend zählt!

Als Evangelische Landeskirchen in Baden und Württemberg sind wir sehr dankbar für das hohe Engagement von Ehren- und Hauptamtlichen in der Jugendarbeit! Wir freuen uns über die Vielfalt an Angeboten und Formaten, die für und mit Kindern, Jugendlichen, Jungen Erwachsenen und Familien gestaltet werden. Wir freuen uns, dass junge Menschen in der Kirche ein ganzheitlich ausgerichtetes Angebotsportfolio entdecken können: Von Sport, über Musik bis hin zu Freizeiten und vielem mehr! Die vorliegende Statistik zeigt dies in eindrücklichen Zahlen.

„Jugend zählt 2“ ist etwas Besonderes!

Zum einen wurde gegenüber der ersten statistischen Erhebung „Jugend zählt 1“ von 2012/13 die Perspektive geweitet: Neben der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg mit ihren Jugendverbänden sind nun auch Angebote der Diakonie und die Freiwilligendienste im Blick. Dadurch ergibt sich ein breites und repräsentatives Bild evangelischer Arbeit mit jungen Menschen in Baden und Württemberg.

Zum anderen stellt „Jugend zählt 2“ Kinder, Jugendliche und Junge Erwachsene in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Damit wird deutlich, was für Kirche und ihre Diakonie von grundlegender Bedeutung ist: dass die Jugend zählt.

Junge Menschen zählen in der Kirche. Dies macht der statistische Blick von „Jugend zählt 2“ auf die evangelische Jugendarbeit eindrücklich deutlich. Damit wird ein Bild von Kirche gezeichnet, das die Handreichung „Kirche und Jugend“ des Rates der EKD prägnant auf den Punkt bringt: „Kirche sind nicht nur Erwachsene, Kirche zeigt sich nicht nur in der Präsenz kirchlicher Strukturen und dem Handeln kirchlicher Akteure mit Jugendlichen, sondern es sind die Jugendlichen selbst, die durch ihre Beteiligung Kirche gestalten“ (EKD 2010, 22).

Kinder und Jugendliche sind nicht nur die Zukunft der Kirche, sie sind deren Gegenwart!

Junge Menschen sind die Gegenwart von Kirche, weil sie schon jetzt in den unterschiedlichen Formen christlicher Gemeinschaft mitleben, mitglauben, mitgestalten, und Kirche mitbewegen. Damit Jugend wirklich in der Kirche zählt, sind entsprechende Rahmenbedingungen notwendig, die Partizipation und Teilhabe ermöglichen und stärken. Kirche und ihre Diakonie müssen jungen Menschen darum Lebensräume bieten, in denen sie sich wohlfühlen und sich einbringen können. Kinder und Jugendliche brauchen Ehren- und Hauptamtliche, die Zeit und ein offenes Herz für sie haben, die sie begleiten und Glaube und Leben mit ihnen entdecken.

Zugleich muss evangelische Jugendarbeit ein sicherer Ort sein für junge Menschen. Kirche und ihre Diakonie betreiben aktiv und engagiert Präventionsprogramme zum Schutz vor (sexualisierter) Gewalt. Kinder und Jugendliche finden in der evangelischen Jugendarbeit Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, die ihnen zur Seite stehen, ihnen zuhören und für sie einstehen.

„Jugend zählt 2“ gibt einen sehr guten Überblick über die aktuelle Situation in der evangelischen Jugendarbeit. Und gewiss – es sind Rückgänge wahrnehmbar. Gleichzeitig zeigt der Vergleich mit Zahlen der allgemeinen Entwicklung der Kirchen: Kinder- und Jugendarbeit erweist sich als lebendig und aktiv.

„Jugend zählt 2“ kann den Blick schärfen für die Situation von jungen Menschen. Diese Studie gibt erhellende Einblicke in die Vielgestaltigkeit evangelischer Jugendarbeit. Und sie öffnet die Perspektive dafür, was die evangelische Kirche und ihre Diakonie in ihrem Handeln leitet: dass jeder einzelne Mensch zählt!

Carmen Rivuzumwami Evangelische Landeskirche in Württemberg

Wolfgang Schmidt Evangelische Landeskirche in Baden

Teil A: Überblick

1Zusammenfassung

Rahmenbedingungen der Erhebung

Anliegen

Vergleichskapitel aus 2012/13: Jugend zählt 1, 17-26

Nach der Erhebung „Jugend zählt 1“ im Zeitraum 2012/13 (Ilg / Heinzmann / Cares 2014) erfolgte für den Bezugszeitraum 2021/22 eine zweite, weitgehend identische Erhebung statistischer Daten zur kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg, ergänzt um Daten aus der Diakonie und den evangelischen Freiwilligendiensten.

Das Buch „Jugend zählt 2“ stellt die Ergebnisse detailliert vor und versucht Einordnungen und Interpretationen. Es soll (wie auch „Jugend zählt 1“) als aktuelles Nachschlagewerk für die entsprechenden Arbeitsfelder dienen und eine Gesamtdarstellung bieten, mit der ein detaillierter Einblick in einzelne Felder ermöglicht sowie die Vernetzung der verschiedenen Arbeitsbereiche gestärkt wird.

Methodik

Die in diesem Buch vorgelegten Ergebnisse der „kirchlichen Arbeitsfelder“ enthalten Daten aus einer Vollerhebung der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen für die Evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg und ihrer Diakonie. Erfasst wurden bei dieser Erhebung die Kinder- und Jugendarbeit, die musikalischen Angebote, der Kindergottesdienst und die Konfi-Arbeit. Einbezogen waren neben den landeskirchlichen Strukturen (Kirchengemeinden, Bezirksjugendwerke usw.) auch die eigenständigen evangelischen Jugendverbände. Erstmals sind auch die Arbeitsfelder der Diakonie (Jugendhilfe und Behindertenhilfe) sowie die Freiwilligendienste mit im Blick. In den Summendarstellungen, die einen Vergleich mit „Jugend zählt 1“ ermöglichen, sind diese Daten nicht mit einbezogen, sondern werden separat dargestellt.

Das Projekt „Jugend zählt 2“ wurde von den beiden Evangelischen Landeskirchen und ihrer Diakonie getragen, die wissenschaftliche Verantwortung lag bei der Forschungsgruppe Jugendarbeit der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Eine Steuerungsgruppe und ein Beirat begleiteten das Projekt. Die Erhebung erfolgte über das Online-Tool oaseBW (OnlineAntrag und Statistik-Erhebung Baden-Württemberg). Für die kirchlichen Arbeitsfelder trugen 1.599 Kirchengemeinden und Jugendverbände ihre Daten ein. Der Rücklauf betrug 72%, was eine sehr gute Ausgangsbasis für die Hochrechnung darstellte. Die Zahlen für Aktivitäten der Jugendverbände, die nicht mit der Arbeit der Kirchengemeinden verbunden waren, konnten mangels Informationen über die Grundgesamtheit nicht hochgerechnet werden. Der Anspruch von „Jugend zählt 2“ ist, dass die präsentierten Daten (mit wenigen Ausnahmen) maximal 10% von den „wahren Werten“ entfernt liegen. Angesichts des allgemeinen Mangels an statistischen Daten im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit

und der Schwierigkeiten, die sich auch bei anderen Erhebungen in der Corona-Phase ergeben (bspw. bei der amtlichen Statistik), ist die Aussagekraft trotz einer bleibenden Unsicherheitsschwankung erfreulich hoch.

Reichweite und kirchliche Demografie

Die absoluten Zahlen der hier erfassten Arbeitsbereiche sind – trotz allgemeiner Rückgänge – beeindruckend: Allein in Jungschar- und Kindergruppen werden wöchentlich über 33.000 Kinder von über 10.000 zumeist ehrenamtlich Mitarbeitenden begleitet. Jährlich mehr als 56.000 Teilnahmen bei Freizeiten mit Übernachtung und 34.000 Teilnahmen bei Freizeiten ohne Übernachtung zeigen exemplarisch das Potenzial der Einzelangebote auf. Die vielfältigen Einzeldaten werden, aufgegliedert nach Arbeitsbereichen, im vorliegenden Buch detailliert dargestellt.

Für die Einordnung solcher Daten hilft vor allem folgende Frage: Welchen Anteil der Kinder und Jugendlichen erreichen die vielfältigen Angebote der außerschulischen Jugendbildung? Abbildung 1 stellt die Reichweite der regelmäßigen Gruppenarbeit mit Blick auf die evangelischen Kinder und Jugendlichen dar. Insgesamt 19,1% aller evangelischen 6- bis 17-Jährigen in Baden-Württemberg nehmen regelmäßig an einem Angebot der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit teil, 3,2% an Musikgruppen. Bei Kindern im Alter zwischen 6 und 9 Jahren werden durch regelmäßige Gruppen der Kinder- und Jugendarbeit mehr als ein Viertel, durch musikalische Angebote ein Zwanzigstel und durch Kindergottesdienste etwa ein Zehntel der jungen Kirchenmitglieder erreicht. Hinzu kommen Teilnahmen in weiteren Arbeitsfeldern wie Freizeiten, Jugendgottesdiensten usw., bei denen eine präzise Reichweitenberechnung aus methodischen Gründen nicht möglich ist. Die prozentual erreichten Anteile evangelischer Kinder und Jugendlicher sind 2021/22 insgesamt auf einem etwas geringeren Niveau als 2012/13 – ein massiver Einbruch ist hier, zumindest im Feld der Kinder- und Jugendarbeit, nicht zu konstatieren. Sehr deutlich zeigen sich die Veränderungen aber bei der Reichweite bezogen auf alle Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg.

Da die genannten Angebote grundsätzlich allen jungen Menschen offenstehen, kann die Reichweite auch im Vergleich zur Gesamtbevölkerung dargestellt werden. Wie viel Prozent eines Altersjahrgangs, also beispielsweise einer Grundschulklasse, nehmen durchschnittlich an den hier erfragten regelmäßigen Angeboten der evangelischen Kirche teil? Abbildung 2 beantwortet diese Fragestellung. Hier ist ein Rückgang in der gesellschaftlichen Reichweite der Kinder- und Jugendarbeit von ca. 7% auf 4,9% aller 6- bis 17-Jährigen in Baden-Württemberg zu konstatieren, die Quoten der musikalischen Arbeit und im Kindergottesdienst finden sich ebenfalls in Abbildung 2.

In diesen deutlichen Rückgängen spiegeln sich die demografischen Entwicklungen mit sichtlich kleiner werdenden Anteilen evangelischer Menschen an der Gesamtbevölkerung wider. Wie stark der Rückgang der Altersjahrgänge war, zeigt Abbildung 3. Für die 6- bis 26-Jährigen beträgt der Rückgang bei den Evangelischen insgesamt minus 24%, während die Gesamtzahl aller jungen Einwohner*innen in Baden-Württemberg in diesem Zeitraum fast konstant geblieben ist.

Abbildung 1: Reichweite der regelmäßigen Gruppenarbeit, bezogen auf die evangelischen Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg

Lesebeispiel: 19,1% aller 6- bis 17-jährigen Evangelischen besuchen eine regelmäßige Gruppe der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit.

Abbildung 2: Reichweite der regelmäßigen Gruppenarbeit, bezogen auf alle Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg, unabhängig von ihrer Konfession

Lesebeispiel: 4,9% aller 6- bis 17-Jährigen in Baden-Württemberg besuchen eine regelmäßige Gruppe der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit.

Abbildung 3: Veränderung der Jahrgangsstärken zwischen 2013 und 2022

Lesebeispiel: Der erste dunkelblaue Balken beantwortet die Frage: Um wie viel Prozent geringer war die Anzahl der evangelischen 6-Jährigen im Jahr 2022 gegenüber den 6-Jährigen im Jahr 2013? Dargestellt ist also nicht die Entwicklung eines Geburtsjahrgangs, sondern in diesem Fall die Entwicklung der evangelischen Erstklässler im Vergleich zwischen 2013 und 2022. Der hellblaue Balken bezieht sich auf die Katholischen, der graue auf alle dieser Alterskohorte in Baden-Württemberg.

Quellenangabe: Vgl. Abbildung 9 auf Seite 59.

Die Situation in und nach der Corona-Krise

Ab dem Frühjahr 2020 bestimmte für einen Zeitraum von etwa drei Jahren die CoronaPandemie mit den daraus resultierenden Kontaktbeschränkungen das öffentliche Leben in Deutschland. Dies betraf in massiver Weise auch alle hier dargestellten Arbeitsbereiche. Eine genaue Abschätzung, wie stark sich die Corona-Situation auf Aktivitäten der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auswirkte, ist nicht möglich. Allerdings zeigen verschiedene Studien auf Bundes- und Landesebene, dass es im Feld der Jugendarbeit zu teilweise massiven Einbrüchen kam, sodass die Zahlen zwischen 2019 und 2021 je nach Arbeitsfeld um etwa 10% bis 50% zurückgingen.

Unter den befragten Verantwortlichen der kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in „Jugend zählt 2“ berichten 58%, dass die Corona-Situation zu einem (nicht näher bezifferten) Rückgang der Teilnehmenden-Zahl führte. Auch wenn im Erhebungszeitraum 2021/22 wieder etliche Angebote möglich waren, wirkten die schwierigen Bedingungen der Vorjahre nach. Eine Vielzahl von rasch wechselnden Bestimmungen hatte dazu geführt, dass Veranstaltungen kaum planbar waren und die Verantwortlichen mit großen organisatorischen Herausforderungen konfrontiert waren. Für musikalische Aktivitäten waren die Rahmenbedingungen besonders einschneidend. Der Abbruch teilweise langjähriger ehrenamtlicher Tätigkeiten, die Corona-Erkrankungen von Mitarbeitenden und Teilnehmenden, aber auch die psychische Belastung junger Menschen wurden in der offenen Frage zu den Corona-Folgen berichtet. Angesichts dieser massiven Herausforderungen kann die vorliegende Statistik auch als ein Vitalitätszeichen der kirchlichen Arbeit mit

jungen Menschen gedeutet werden: Die Kirchengemeinden, Jugendverbände und diakonischen Träger zeigten ein erhebliches Maß an Kreativität, Engagement und institutioneller Resilienz, um für Kinder und Jugendliche auch in ungewohnten (beispielsweise digitalen oder hybriden) Formaten da zu sein.

Aufgrund der Corona-Pandemie wurde auch nach den Anteilen digitaler Durchführung gefragt. Wie Abbildung 4 verdeutlicht, gehören digitale Angebote zwar mittlerweile an vielen Stellen dazu, der Schwerpunkt der Aktivitäten liegt jedoch in der analogen Präsenz. Die Kinder- und Jugendarbeit hat sich während der Pandemie vielerorts digitale Möglichkeiten geschaffen, ihr beziehungsorientiertes Selbstverständnis entspricht aber zumeist eher einer präsentischen Durchführung. Die in Corona-Zeiten rasch entwickelten Formate haben auch neue Fragestellungen hinsichtlich des Datenschutzes und der notwendigen Abklärung von Rechten ausgelöst. War die Zeit der Pandemie eher von pragmatischen Entscheidungen im digitalen Bereich geprägt, bedarf es nun einer Verstetigung und Klarstellung für die digitalen Arbeitsfelder.

Abbildung 4: Digitale Durchführung von Gruppen- und Einzelangeboten

Lesebeispiel: 10% der Einzelangebote wurden im Bezugszeitraum teilweise digital durchgeführt.

Zentrale Erkenntnisse

Mitarbeitende

Insgesamt wurden 57.714 Personen gezählt, die sich in (mindestens) einem der Arbeitsfelder der kirchlichen Arbeit für junge Menschen engagieren. Bei 93% davon handelt es sich um Ehrenamtliche. Umgerechnet auf die Kirchengemeinden entspricht das durchschnittlich 26 Personen pro Gemeinde in Baden bzw. 38 in Württemberg. Vielfach sind die Teams gemischt aus Haupt- und Ehrenamtlichen zusammengesetzt. In den komplexer werdenden Arbeitsfeldern bilden qualifizierte Hauptamtliche eine wichtige Grundstruktur zur Ermöglichung und Verstärkung ehrenamtlichen Engagements.

Von besonderem Interesse im Hinblick auf die pädagogischen Möglichkeiten in den jeweiligen Gruppenangeboten ist der Betreuungsschlüssel. Dieser Wert gibt die Zahl von Teilnehmenden an, die rechnerisch auf eine*n Mitarbeitende*n kommen. Auch wenn der Begriff „Betreuung“ das Anliegen der Jugendarbeit nicht angemessen beschreibt (es geht ja viel mehr um Bildung als lediglich um das „Aufpassen“ auf die Teilnehmenden), spiegelt dieser Indikator etwas von der Besonderheit der non-formalen Jugendbildung wider. Dieser Betreuungsschlüssel lag schon in der Erhebung „Jugend zählt 1“ auf einem sehr dichten Betreuungsniveau und hat sich in den meisten Bereichen nun nochmals intensiviert. In den meisten Feldern liegt der Betreuungsschlüssel im Bereich von 1 zu 3 oder 1 zu 4. Damit wird ein hohes Maß an Begegnung und Beziehung möglich. Mitarbeitende kennen „ihre“ Teilnehmenden und können sich für diese Zeit nehmen. So entstehen Beziehungsräume, in denen nicht der Leistungsanspruch, sondern junge Menschen als Person mit ihren Begabungen, Begrenzungen und Lebensfragen im Vordergrund stehen.

Jugendverbände

Eine Besonderheit der evangelischen Jugendarbeitslandschaft in Baden-Württemberg liegt in der Zusammenarbeit von Kirchengemeinden mit den eigenständigen Jugendverbänden. Die Analysen zeigen, welche hohe Bedeutung die Verbände haben: In Bereichen wie der Pfadfinder*innenarbeit, den Sportgruppen oder den Gruppen für Junge Erwachsene sind die Jugendverbände in mehr als der Hälfte der Angebote verantwortlich oder mitbeteiligt. In etlichen Aktivitätsformen (Jungschargruppen, Jugendgruppen, Freizeiten, Mitarbeitendengruppen usw.) findet sich bei mehr als einem Drittel aller Angebote die (Mit-)Verantwortung von Jugendverbänden. Dabei werden die Anteile der Jugendverbände sogar etwas unterschätzt, weil hier keine Hochrechnung möglich war. Zumeist arbeiten Jugendverband und Kirchengemeinde vor Ort zusammen. Allerdings beruht diese Kooperation in der Mehrzahl der Fälle auf mündlichen Absprachen (56%). Lediglich 34% verweisen auf schriftliche Kooperationsvereinbarungen – und 11% der örtlichen Verbände geben an, dass es keine Kooperation gebe, sondern man unabhängig von den Kirchengemeinden arbeite. Mit Blick auf die im kirchlichen Raum anstehenden Strukturveränderungsprozesse dürfte den Kooperationen die Zukunft gehören – und es erscheint ratsam, solche Kooperationen noch deutlich häufiger als bislang mit schriftlichen Vereinbarungen abzusichern.

Gruppenstrukturen

Verglichen mit den Daten aus „Jugend zählt 1“ wird deutlich, dass die Gruppengrößen weitgehend gleichgeblieben sind. Gruppen wie Jungscharen oder Jugendkreise bestehen typischerweise aus ca. 13 bis 17 jungen Menschen, begleitet von durchschnittlich 3 bis 4 zumeist ehrenamtlich Mitarbeitenden. Die Abnahme der Gesamtzahlen von Teilnehmenden führt also nicht dazu, dass immer kleinere Gruppen entstehen. Vielmehr reduziert sich die Zahl der Gruppen, die Gruppengröße bleibt aber recht konstant. Darin bildet sich ab, was von den Verantwortlichen vor Ort in den letzten Jahren mit hohem konzeptionellem Aufwand gestaltet wurde: Gruppen wurden zusammengelegt, Kooperationen zwischen Kirchengemeinden und Verbänden oder auch auf überregionaler Ebene wurden aufgenommen. Das Ziel, lebensfähige Gruppen zu erhalten, scheint angesichts der Zahlen in guter Weise erreicht worden zu sein – ein Zeichen für die Anpassungsfähigkeit der örtlichen Strukturen an neue Gegebenheiten.

Geschlechtergetrennte Gruppen stellen mittlerweile nur noch einen kleinen Teil des Feldes dar. Die Jungschar-Arbeit (20% Mädchen-Jungscharen, 17% Jungen-Jungscharen, 63% gemischtgeschlechtliche Gruppen) ist noch am ehesten in dieser Weise formatiert, hat sich aber gegenüber der letzten Erhebung deutlich verändert, als noch die Hälfte ihrer Gruppen geschlechtergetrennt durchgeführt wurden. Ähnliche Effekte zeigen die Sportgruppen und die Pfadfinder*innen.

Aus Abbildung 5 kann entnommen werden, dass regelmäßige Gruppen nach wie vor zumeist wöchentlich durchgeführt werden. In manchen Bereichen haben sich aber andere Rhythmen deutlich etabliert, beispielsweise bei Kindergottesdiensten, die nur in zwei Fünftel der Gemeinden wöchentlich stattfinden.

Abbildung 5: Frequenz der Treffen für regelmäßige Gruppenangebote

Gefragt wurde auch nach der Verbreitung inklusiver Angebote. Bei der Mehrzahl der Arbeitsbereiche geben die Träger an, dass aktuell keine Menschen mit Behinderungen in den Gruppen dabei sind. Besonders inklusionsfreundlich sind Freizeiten und die KonfiArbeit. Geringe Quoten zeigen Sportgruppen, die musikalische Arbeit und schulbezogene Kooperationen. Im Bereich der Inklusion ist also schon manches gewachsen, aber noch viel „Luft nach oben“. Von politischer Seite wurde der Kinder- und Jugendarbeit die Zielstellung vorgegeben, die Zugänglichkeit und Nutzbarkeit der Angebote für junge Menschen mit Behinderung sicherzustellen. Verstärkte Kooperationen zwischen Jugendarbeit und Diakonie – wie sie nicht zuletzt durch das gemeinsame Projekt „Jugend zählt 2“ dokumentiert sind – bieten für einen inklusiven Ausbau wichtige Chancen. Die Bereitschaft vor Ort ist zumeist vorhanden, wie die Rückmeldungen der Befragten zeigen, allerdings benötigt Inklusion an manchen Stellen auch besondere finanzielle Förderung sowie fachliche Unterstützung.

Themenschwerpunkte: Religion und Spiel Erstmals wurden auch inhaltliche Themenschwerpunkte abgefragt. Mit Abstand am häufigsten genannt werden dabei Religion (in 74% aller Fälle) und Spiel (53% aller Fälle). Darüber

hinaus kommen noch Sport, Natur und Umwelt, Gesellschaft und Kultur sowie sonstige Themenschwerpunkte auf Werte über 10%. Wenn die evangelische Kinder- und Jugendarbeit in Baden-Württemberg im Bundesvergleich als relativ „fromm“ gilt, dann korreliert dies durchaus mit den empirischen Ergebnissen: Religiöse Themen spielen die Hauptrolle in fast allen Arbeitsbereichen – allerdings nicht alternativ zu Spiel, Geselligkeit oder anderen Themenstellungen, sondern kombiniert mit diesen. Wie Religion konkret erlebbar wird, ist dabei unterschiedlich, die Verbindung zum christlichen Glauben ist aber nicht lediglich ein historischer Entstehungshintergrund, sondern gelebte Praxis in Baden-Württemberg.

Musikalische Arbeit

Im musikalischen Bereich erfasst „Jugend zählt 2“ neben den Posaunenchören insbesondere Vokalchöre im Kinder- und Jugendbereich, Singteams und Bands sowie weitere Aktivitäten. Der Rückgang um 64% bei den Teilnehmenden von Kinder- und Jugendchören zeigt, wie stark diese Angebote von der Corona-Pandemie betroffen waren.

Bei der musikalischen Arbeit spielt die fachliche Kompetenz der Leitungspersonen eine besondere Rolle. Daher ist hier der Anteil haupt- und nebenamtlicher Kräfte höher als in den anderen Bereichen. Gut 60% der Vokalchöre, also Kinderchöre oder Jugendchöre, haben eine rein hauptamtliche Leitung. Bei den Posaunenchören gibt es in dieser Hinsicht deutliche Unterschiede zwischen den Landeskirchen: Während in Baden 79% der Posaunenchorleitungen bezahlt sind, liegt dieser Anteil in Württemberg bei lediglich 25%. In beiden Landeskirchen stellt die Leitung im Bläserbereich eine Männerdomäne da: Nur jeder vierte Posaunenchor wird von einer Frau geleitet.

Kindergottesdienst

Kindergottesdienste stellen weiterhin ein weit verbreitetes Angebot für Kinder dar. In 71% aller Kirchengemeinden wird Kindergottesdienst gefeiert. Insgesamt werden in BadenWürttemberg 1.525 Kindergottesdienste angeboten. Träger der Angebote sind in den meisten Fällen Kirchengemeinden, Kooperationen mit Jugendverbänden sind eher selten.

Die klassische Kinderkirche wandelt sich immer mehr zur „Kirche mit Kindern“, die sich vielfältiger als der klassische Kindergottesdienst zeigt. Neue Formen und Modelle bereichern die Gottesdienste mit Kindern. Neben den „klassischen“ Kindergottesdiensten (76%) werden in Baden-Württemberg 7% der Gottesdienste als Familienkirche, 7% als Kirche Kunterbunt und 6% als Promiseland/Abenteuerland durchgeführt. Die Chance dieses Wandels liegt darin, dass die Bedürfnisse der Zielgruppe noch präziser wahrgenommen und Angebote passgenauer weiterentwickelt werden. So gewinnt das sozialräumliche Denken immer mehr an Bedeutung. Niederschwellige Angebote ergänzen heute traditionelle Formen von Gottesdiensten mit Kindern. Auch was die Gottesdienst-Orte betrifft, wird die Kirche mit Kindern vielfältiger. Durch diese Diversifizierung werden verstärkt Kooperationen sowohl innerkirchlich als auch außerkirchlich eingegangen. Auch das ökumenische Miteinander wird gestärkt. Einen Großteil der Mitarbeitenden bei Kindergottesdiensten bilden Ehrenamtliche (88%), lediglich 8% sind hauptamtlich. Auf einen Kindergottesdienst kommen durchschnittlich 6,1 Mitarbeitende. Daraus resultiert ein Betreuungsschlüssel von 2,6 Teilnehmenden pro Mitarbeiter*in.

Konfi-Arbeit

Abbildung 6: Evangelische und gesellschaftsbezogene Konfirmationsquoten im Zeitverlauf von 2008 bis 2022

Lesebeispiel: Im Jahr 2019 wurden 87% aller württembergischen und 77% aller badischen evangelischen Kirchenmitglieder des entsprechenden Altersjahrgangs konfirmiert, dies entspricht 26% aller baden-württembergischen Jugendlichen. Methodische Hinweise, auch zur Vorläufigkeit der Zahlen für 2022, finden sich auf S. 118.

In der Konfi-Arbeit stellte die Phase der Corona-Pandemie einen Einschnitt dar, weil im Jahr 2020 viele Konfirmationen nicht durchgeführt werden konnten. Abbildung 6 zeigt die dadurch entstandene „Delle” deutlich auf, wobei diese im Jahr 2021 (wohl auch durch verschobene Konfirmationen) kompensiert wurde. Unter den evangelischen 13- bzw. 14-Jährigen in Baden-Württemberg ist es nach wie vor fast durchweg selbstverständlich, sich konfirmieren zu lassen. Deutlich abnehmend ist jedoch – parallel zu den Entwicklungen der kirchlichen Demografie – die gesellschaftsbezogene Konfirmationsquote, also der Anteil von Konfirmierten an der Gesamtbevölkerung im Konfirmationsalter. Wurde vor zehn Jahren noch jede*r dritte 14-Jährige in Baden-Württemberg konfirmiert, ist es nun nicht einmal mehr jede*r Vierte.

Nach wie vor stellt die Konfi-Zeit das am meisten verbreitete non-formale Bildungsangebot im Bereich der evangelischen Kirche dar. Der Übergang vom Konfi-Unterricht zur Konfi-Arbeit, die sich an Arbeitsformen der Jugendarbeit anlehnt, ist fast überall vollzogen. Insgesamt liegt in der Konfi-Arbeit die Anzahl der beteiligten Pfarrer*innen (49%) so hoch wie die Zahl weiterer Engagierter, z. B. Diakon*innen (9%), Ehrenamtliche (39%) und sonstige Personen, sodass die Jugendlichen in der 7./8. Klasse eine große Bandbreite von Personen und Aktivitäten erleben. Das Angebot „Konfi 3“ in der 3. Klasse hat sich in einem Teil der Kirchengemeinden etabliert, scheint aber nicht mehr zu wachsen. In den zurückliegenden Jahren hat sich die Konfi-3-Idee zu einer Landschaft mit einer Vielzahl von Modellen weiter ausdifferenziert.

Diakonische Arbeit mit jungen Menschen

Erstmals wurde in „Jugend zählt 2“ auch die diakonische Arbeit mit jungen Menschen in Baden-Württemberg miterfasst. Dabei handelt es sich einerseits um die Kinder- und Jugendhilfe nach SGB VIII und andererseits um die Behindertenhilfe nach SGB IX.

In den diakonischen Hilfen wurden im Bezugszeitraum 85.621 junge Menschen zwischen 0 und 26 Jahren erreicht. Von diesen wurden 77.731 durch die diakonische Jugendhilfe und 7.890 durch die diakonische Behindertenhilfe erreicht. 47% der erreichten jungen Menschen sind männlich und 53% weiblich, allerdings ist die Geschlechterverteilung je nach Handlungsfeld sehr unterschiedlich. In den teilstationären Hilfen zur Erziehung sind beispielsweise 75% der erreichten jungen Menschen männlich, bei der mobilen Jugendarbeit sind es nur 32%. Insgesamt zeigen die Daten, dass die diakonische Kinder- und Jugendarbeit alle Altersgruppen zwischen 0 und 26 Jahren erreicht.

74% der erreichten jungen Menschen in der diakonischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Jungen Erwachsenen, wurden in der Jugendsozialarbeit mit ihren vielfältigen Arbeitsformen wie Schulsozialarbeit, mobiler Jugendarbeit usw. erreicht. Anders als zum Beispiel die Hilfen zur Erziehung sind die Jugendsozialarbeit und auch die Offene Jugendarbeit nicht auf Einzelfallhilfen ausgelegt und pauschal finanziert. Die Daten zeigen, dass der Zugang dadurch deutlich niederschwelliger und nicht nur durch Anträge, Bedarfsfeststellung usw. möglich ist.

Anders als die Jugendsozialarbeit, die Jugendliche zum Teil niederschwellig und in Gruppen anspricht, stellen die Hilfen zur Erziehung ein sehr intensives Arbeitsfeld dar. Innerhalb der diakonischen Jugendhilfe machen sie 68% der 581 erfassten Angebote aus. Den größten Anteil haben hierbei die stationären Hilfen zur Erziehung (39% der 581 Angebote). Diese zeichnen sich durch eine hohe Betreuungsintensität aus und beanspruchen deshalb auch 47% des Fachkräftebedarfs in der diakonischen Jugendhilfe für sich.

Bei der Behindertenhilfe sind junge Menschen im Blick, die aufgrund einer Behinderung oder psychischen Erkrankung auf Unterstützung angewiesen sind, um selbstbestimmt und gleichberechtigt am Leben in der Gesellschaft teilnehmen zu können. Ob in Offenen Hilfen und Ambulanten Diensten, Besonderen Wohnformen, der beruflichen Bildung und Rehabilitation oder diakonischen Fachkliniken: Überall stehen spezialisierte Dienste bereit, um junge Menschen zu unterstützen und eine Integration in das gesellschaftliche Leben zu ermöglichen. Dabei treffen sich die Anliegen der Behindertenhilfe mit den (noch ausbaubaren) Bemühungen der kirchlichen Arbeit, ihre Gruppen und Aktivitäten stärker inklusiv auszurichten.

Anders als die kirchliche und verbandliche Kinder- und Jugendarbeit sind die diakonischen Angebote hauptamtlich geprägt. In der Jugendhilfe sind 4.516 Mitarbeitende tätig und in der Behindertenhilfe 1.331 Fach- und Hilfskräfte, viele von ihnen haben Teilzeitaufträge, insgesamt summieren sich die Zahlen auf 3.919 Vollzeitäquivalente. Die Mitarbeitenden sind in der Jugendhilfe zu 71% und in der Behindertenhilfe zu 75% weiblich. Außerdem gibt es eine besonders stark vertretene Altersgruppe von Fachkräften in beiden Handlungsfeldern

zwischen 25 und 45 Jahren. Insbesondere in Arbeitsfeldern, in denen Schicht- und Wochenenddienste zu leisten sind (z. B. stationäre Hilfen zur Erziehung, Besondere Wohnformen, usw.), zeigt sich, dass die Mitarbeitenden vergleichsweise jung sind und es angesichts der Fluktuation eine Herausforderung darstellt, die Fachkräfte in den Arbeitsfeldern zu binden.

Mit der gemeinsamen statistischen Erhebung zu den Arbeitsfeldern der kirchlichen und diakonischen Arbeit im Rahmen von „Jugend zählt 2“ wurde ein wichtiges Zeichen dafür gesetzt, dass diese Arbeitsfelder zwei profilierte Seiten einer Medaille darstellen und zukünftig noch enger zusammenarbeiten sollten.

Freiwilligendienste

Im Jahr 2021 wurden zum Stichtag 31.12.2021 insgesamt 2.837 Freiwilligendienste bei den hier einbezogenen kirchlichen und diakonischen Trägern in Baden und Württemberg erfasst. Die mit Abstand größten Träger für Freiwilligendienste sind die diakonischen Werke in Baden und Württemberg. Des Weiteren wurden die Freiwilligendienste der Johanniter, des Evangelischen Kinder- und Jugendwerks Baden sowie des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg erfasst. 71% der Freiwilligen absolvierten ein Freiwilliges soziales Jahr und 25% einen Bundesfreiwilligendienst. Ein geringerer Teil der Freiwilligen hat ein Freiwilliges ökologisches Jahr oder einen Auslandsfreiwilligendienst absolviert, Letzteres war im Erhebungszeitraum aufgrund der Corona-Pandemie erschwert zugänglich.

Diese Freiwilligendienste werden von jungen Frauen stärker wahrgenommen als von jungen Männern, die nur ein Drittel der Freiwilligen ausmachen. Insgesamt sind 72% der Freiwilligen bereits über 18 Jahre alt. Einen Bundesfreiwilligendienst kann man auch noch im Alter von über 27 Jahren ausführen, diese sind aber hier nicht erfasst. Freiwilligendienste werden in verschiedensten Feldern erbracht. 26% der Freiwilligen sind in Kindertageseinrichtungen tätig und 19% bei der Behindertenhilfe. Freiwilligendienste bieten die Chance, auch kirchenferne junge Menschen in Kontakt mit der Kirche zu bringen.

Perspektiven

Jugendarbeit: Ein Beziehungsraum mit gesellschaftlichem Wert

Durch die Zahlen der Erhebung „Jugend zählt 2“ wird eine Strukturqualität deutlich, die für Akteure im Feld selbstverständlich erscheint, gesellschaftlich jedoch einen kaum zu überschätzenden Wert bietet. Allen erfassten Feldern ist gemeinsam, dass engagierte Menschen für andere da sind, Begegnungen und Beziehungen entstehen können und der einzelne junge Mensch gesehen wird. In den diakonischen Hilfen, die vertiefte Kenntnisse bei der Begleitung zuweilen sehr schwieriger Lebenssituationen erfordern, sind Hauptamtliche in hoher Zahl vorhanden – eine zentrale Herausforderung bleibt hier die Gewinnung der Fachkräfte. Die kirchliche und verbandliche Kinder- und Jugendarbeit dagegen wird im Wesentlichen ehrenamtlich getragen. Ob Jungschargruppe, Kindergottesdienst oder Jugendfreizeit: Zumeist kommen auf eine mitarbeitende Person rechnerisch nur drei oder vier Teilnehmende. Hier wird in nüchternen Zahlen deutlich, was in der konzeptionellen Literatur mit dem „Beziehungsraum“ Jugendarbeit beschrieben wird (Ilg 2021a): Die kirchliche

und diakonische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bietet Räume an, in denen junge Menschen sich als Personen wahrgenommen und begleitet wissen. Die Mitarbeitenden werden oftmals zu wichtigen Bezugspersonen, an denen man sich orientiert und zu denen Vertrauen entsteht.

Dass Nähe und Vertrauen bei der Begegnung mit jungen Menschen auch die Gefahr sexualisierter Gewalt mit sich bringen, wurde in den letzten Jahren immer wieder schmerzlich bewusst. Evangelische Kinder- und Jugendarbeit muss ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche sein. Wer verantwortungsvoll mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, wird daher der Prävention, Aufklärung und Unterbindung möglicher Grenzüberschreitungen höchste Priorität einräumen. In den Landeskirchen und ihrer Diakonie sind hierzu umfangreiche Maßnahmenpakete umgesetzt.

Fachkräfte: Hier werden sie gebraucht – und entdeckt

Eine zentrale Herausforderung sowohl für die kirchliche als auch für die diakonische Arbeit mit jungen Menschen liegt im zunehmenden Fachkräftemangel. Hauptamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit werden – auch aufgrund der großen Jahrgänge, die altershalber in ein anderes Berufsfeld oder in den Ruhestand wechseln – dringend gesucht. Und in den diakonischen Hilfen ist der Mangel an qualifiziertem Personal, der den gesamten Sozialund Pflegebereich kennzeichnet, an vielen Stellen eines der drängendsten Probleme. Diese Thematik wurde in „Jugend zählt 2“ nicht näher untersucht, muss aber für die Zukunft besonders berücksichtigt werden. Den Ausbildungsstätten und Hochschulen im kirchlichen Bereich kommt hier eine besondere Bedeutung für die Zukunftssicherung dieser Felder zu. Ein wichtiges Indiz für den Fachkräftenachwuchs wird im Kapitel zum Freiwilligendienst berichtet: Ungefähr ein Drittel der Freiwilligen entscheidet sich nach ihrem Freiwilligendienst für einen Beruf im sozialen, theologischen oder gemeindepädagogischen Bereich. Die erfassten 2.837 jungen Menschen im Freiwilligendienst innerhalb der Diakonie oder der evangelischen Jugendarbeit in Württemberg stellen also eine bedeutsame Gruppe für die Gewinnung zukünftiger Fachkräfte dar.

Familienarbeit – Perspektivenweitung und Kooperation

Von Kindern und Jugendlichen werden die Gruppen- und Einzelangebote oftmals als Oasen in einem Alltag wahrgenommen, der stark von Terminkalendern, Zeitknappheit und Leistungsdruck geprägt ist. Bereits der 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung (BMFSFJ 2017a) diagnostizierte unter dem Begriff der „Scholarisierung“ eine Situation, in der schulische Themen den Alltag und auch das Familienleben immer stärker bestimmen. Eine parallel zu „Jugend zählt 2“ durchgeführte Familienstudie an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg bestätigte auf der Grundlage qualitativer Interviews, wie „durchgetaktet“ Familien ihren Alltag beschreiben (Possinger u. a. 2023). Dies wirkt sich auch auf die hier untersuchten Arbeitsfelder aus. Einerseits nehmen Verantwortliche vor Ort wahr, dass sich bereits Kinder angesichts voller Wochenpläne entscheiden müssen, ob sie den letzten freien Nachmittag der Woche für die Jungschargruppe oder den Fußballverein reservieren. Andererseits bieten die Gruppenangebote gerade in kirchlicher Trägerschaft eine „zweite Heimat“, in der nicht Leistung oder Selbstdarstellung im Vordergrund stehen, sondern das Leben geteilt wird, Beziehungen gestaltet und Fragen besprochen werden können.

An verschiedenen Stellen sind in den letzten Jahren neue Ansätze entstanden, bei denen die Angebote für Kinder mit der kirchlichen Familienarbeit verknüpft wurden. Im Bereich der Kindergottesdienste haben sich mit der Familienkirche sowie dem Format „Kirche Kunterbunt“ zwei Angebotstypen etabliert, die neben den Kindern bewusst auch deren Eltern oder weitere Bezugspersonen mit einladen. Bereits jeder siebte Kindergottesdienst folgt einem dieser Formate. Allerdings zeigt sich hier noch weiteres Verknüpfungspotenzial zwischen Angeboten für Kinder und Erwachsene.

Ganztagsförderung – eher Motor als Bremse der Jugendarbeit

Mit Spannung blicken manche Verantwortliche der außerschulischen Kinder- und Jugendbildung auf das Jahr 2026: Ab dem Schuljahr 2026/27 hat der Gesetzgeber für Kinder im Grundschulalter einen Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung in einer Tageseinrichtung beschlossen. Der Rechtsanspruch umfasst ein Bildungs- und Betreuungsangebot von bis zu 8 Stunden an 5 Werktagen und gilt auch in den Ferien (mit Ausnahme einer Schließzeit von 4 Wochen). Anders als vielfach angenommen, ist dies kein Rechtsanspruch auf Ganztagsschule. Die Befürchtung, dass sich das Leben von Kindern ab dann fast nur noch in der Schule abspielt, ist in doppelter Weise irreführend: Der Rechtsanspruch bedeutet zum einen keine Verpflichtung und der Ganztag kann sich zum anderen auch außerhalb des Schulgeländes abspielen. Hier ergeben sich wichtige konzeptionelle Chancen für die kirchlichen Arbeitsfelder: Schulkooperationen können ausgebaut werden. Ferienangebote können helfen, die Betreuungslücke in den Ferien zu schließen, zum Beispiel mit Gutscheinen für (Kinder-)Freizeiten, festen Platzkontingenten für Kommunen bei Waldheimfreizeiten und anderen Ferienangeboten, erweiterten Betreuungszeiten bei Kinderbibelwochen und vielem mehr. Wenn die Jugendarbeit den Jugendhilfeträger durch hochwertige Bildungs- und Betreuungsangebote entlastet, hat sie einen Anspruch auf angemessene Finanzierung ihrer Leistungen. Insofern bedeutet der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung nicht in erster Linie ein Schreckgespenst für die kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, sondern eine Herausforderung und Chance für alle durch „Jugend zählt 2“ erfassten Arbeitsbereiche – insbesondere für solche, die sich an Kinder im Grundschulalter richten.

Das Feld der schulbezogenen Arbeit gerät sowohl in der kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als auch in den Arbeitsfeldern der Diakonie, insbesondere der diakonisch getragenen Schulsozialarbeit, zunehmend in den Fokus. Für beide bedeutet das Jahr 2026 eine wichtige Zielmarke. Evangelische Kinder- und Jugendarbeit und Diakonie sind mit Blick auf den Ganztag durch zwei Anliegen geeint, die sie – sich gegenseitig ergänzend und zum Teil gemeinsam – verfolgen: Zum einen geht es darum, geleitet von einer christlichen Grundhaltung den Lebensort Schule so mitzugestalten, dass junge Menschen sich dort wohlfühlen, Kompetenzen erwerben und Verantwortung übernehmen können. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf beziehungsorientierten Angeboten, die personale Beziehungen und Gemeinschaftserlebnisse fördern sowie darauf, Benachteiligungen abzubauen und Chancengerechtigkeit zu fördern. Zum anderen geht es kirchlicher Kinder- und Jugendarbeit und Diakonie darum, zu einer guten gegenseitigen Ergänzung von schulischen und außerschulischen Bildungsangeboten in der Förderung von Kindern und Jugendlichen beizutragen. Auch in gelingenden Ganztagskonzeptionen, in denen die Interessen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt stehen, können sich

evangelische Kinder- und Jugendarbeit und Diakonie mit ihren jeweiligen Kompetenzen und Stärken profiliert einbringen.

Öffentliche Förderung – Gruppenarbeit als blinder Fleck

Erstmals wurde in „Jugend zählt 2“ detailliert für jede Einzelaktivität abgefragt, ob und worüber sie finanziell gefördert wird. Dabei gibt es lediglich drei Bereiche, in denen mehr als die Hälfte der Angebote eine öffentliche Förderung erhält: Bildungsmaßnahmen, Freizeiten (sowohl mit als auch ohne Übernalsachtung) und schulbezogene Aktionen. Bei allen anderen Arbeitsbereichen finden mehr als zwei Drittel aller Maßnahmen ohne jede öffentliche Förderung statt. Dies gilt in besonderer Weise für die regelmäßigen Gruppen, wie am Beispiel der Jungschar-, Jugend- und Pfadfinder*innengruppen gezeigt werden kann: Von insgesamt 3.564 Gruppen aus diesen Feldern, die die Frage nach der öffentlichen Förderung beantworteten, gaben lediglich 498 an, eine öffentliche Förderung zu erhalten. Sechs von sieben Gruppen dieser Art erhalten also keine solche Förderung.

Insgesamt bleiben 85% aller hier erhobenen Gruppen der Kinder- und Jugendarbeit und 56% aller Einzelangebote ohne öffentliche Förderung. Die Vernachlässigung der regelmäßigen Gruppenarbeit in den Fördertöpfen von Kommunen und Land ist in Baden-Württemberg so fest etabliert, dass die Jugendverbände sich offensichtlich damit abgefunden haben. Allerdings kann dieser Zustand auch als problematisch gesehen werden. Die hier empirisch dokumentierten geringen Förderquoten für Gruppen könnten Anlass dafür bieten, dieses System zu überdenken. Angesichts der Bedeutsamkeit der regelmäßigen Gruppenarbeit sollte deren finanzielle Förderung als zusätzliche Säule neben den vielfältigen Projektförderungen etabliert werden, um diesen wichtigen Teil der Zivilgesellschaft vital zu halten.

Kirchliche und diakonische Arbeit mit jungen Menschen –Neue Vitalität nach der Corona-Krise

Die Erhebung von „Jugend zählt 2“ fiel ungeplant in die Phase der Corona-Pandemie. Wie stark der „Corona-Effekt“ bei den festgestellten Rückgängen seit „Jugend zählt 1“ ist, kann nicht klar festgestellt werden. Für Fachleute aus der allgemeinen Jugendarbeit, beispielsweise die Verantwortlichen der amtlichen Statistik, fielen die Rückgänge der Zahlen überraschend gering aus, verglichen mit zuweilen sehr deutlichen Abbrüchen bei anderen Trägern. Offensichtlich ist es in den meisten der hier untersuchten Arbeitsfelder gelungen, auch unter schwierigen Bedingungen in oftmals kreativer – auch digitaler – Weise für junge Menschen da zu sein. Nicht zuletzt durch das Engagement der lokalen Verantwortlichen bewiesen die vielfältigen Angebote eine erstaunliche Krisen-Resilienz. Die vorgelegten Zahlen bieten einen genauen Blick auf Chancen und Herausforderungen, Umbrüche und Strukturänderungen. In erster Linie sind sie aber ein Zeichen der Vitalität der kirchlichen und diakonischen Arbeit mit jungen Menschen, trotz und nach Corona.

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