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Die Bibelzitate wurden entnommen: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984, Durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1984 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Lektorat: Friedhelm von der Mark Umschlag- und Innenillustrationen: Heike Schweinberger Umschlaggestaltung und Satz: dtp-medien.de, Andre Dietermann, Haiger Druck und Verarbeitung: AALEXX Buchproduktion GmbH, Großburgwedel Paperback: ISBN 978-3-942258-16-6 Art.-Nr. 176.816 eBook (ePub): ISBN 978-3-942258-66-1 Art.-Nr. 176.866 Copyright © 2013 BOAS-Verlag, Inh. Friedhelm von der Mark, Burbach Alle Rechte vorbehalten www.boas-verlag.de


Inhaltsverzeichnis 1. Paolo 2. Missgeschicke und Ärger 3. Vor den Ferien 4. Alle sind eingeladen 5. Kindergottesdienst 6. Schatz und Schabernack 7. Bezahlt 8. Holzkätzchen, Banane und Senfbecher 9. Der Stein 10. Peter und Paul aus Stolpen 11. Schreck am Nachmittag 12. Das Versteck 13. Belauscht 14. Das Verhör 15. Allein 16. Verprügelt 17. Das Land der glücklichen Menschen 18. Geschenkt 19. Alle gegen einen 20. Entdeckt 21. Ein neuer Plan 22. Trostpflaster 23. Neuer Ärger 24. Die drei Gerechten 25. Erwischt 26. Alptraum 27. Kopfschmerzen 28. Aufgewacht 29. Durchblick 30. Geständnis 31. Der beste Freund

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1. Paolo Wie eine Schlange schob sich Paolo in den großen, undurchdringlich erscheinenden Busch. Wieder einmal hatte er es geschafft, unbemerkt hier hereinzukommen. Er war der Räuberhauptmann und in diesem Versteck hatten sie ihn beim Räuber-und-Gendarm-Spielen noch nie entdeckt. Nur sein bester Freund Tim kannte diesen geheimen Schlupfwinkel. Plötzlich raschelte es hinter ihm. Paolo fuhr herum. „Ach du bist es, Tim“, flüsterte er und atmete auf. „Deine Oma hat gerufen“, raunte Tim. „Sie hat für alle Waffeln gebacken.“ „Zu dumm“, seufzte Paolo. „Hab es mir hier doch gerade erst bequem gemacht. Die hätten mich nie gefunden. Aber was macht man nicht alles für die Waffeln meiner Oma ...“ Rasch kroch er aus dem Busch heraus. Er entfernte sich ein Stück von seinem Versteck, um es nicht zu verraten. Dann zog er die Trillerpfeife aus der Tasche und blies hinein. Sofort kamen alle Räuber aus ihren Schlupfwinkeln und trafen sich mit den Gendarmen auf der Terrasse. Paolos Oma hatte dort den Tisch gedeckt. Getränke und ein großer Berg Waffeln standen bereit. Die sechs Räuber und fünf Gendarmen nahmen ihre Plätze ein und griffen zu. Max schwärmte mit vollem Mund: „Hm, die Waffeln schmecken himmlisch!“ „Genau, die sind superlecker!“, lobte Tim und rückte an seiner Brille. „Deine Oma ist ’ne tolle Frau! Einfach 7


mal so für so ’ne Menge Kinder Waffeln backen, das macht sonst niemand!“ „Meine Oma sagt, das ist so üblich auf dem Dorf“, antwortete Paolo stolz. Tim schüttelte den Kopf. „Nee, das glaub‘ ich nicht. Ich kenne ’ne Menge Leute hier in Polenz, die so etwas nie machen würden.“ Paolo genoss die Anerkennung seiner Freunde, griff nach der nächsten Waffel und ... fuhr erschrocken hoch ...

„Paolo Matuschek! Wenn du schlafen willst, leg dich ins Krankenzimmer!“, donnerte Herr Sommer, der Deutschlehrer. „Wir holen den Stoff dann gemeinsam nach dem Unterricht nach!“ „Hab nicht geschlafen“, log Paolo und machte ein trotziges Gesicht. „Dann lies dort weiter, wo Richard aufgehört hat!“ Natürlich wusste Paolo nicht, wo Richard aufgehört hatte. Er schielte zu seinem Nachbarn, versuchte die Seite zu erkennen und blätterte im Buch. „Das dauert mir zu lange“, schimpfte der Lehrer. „Du kommst nach dem Unterricht zu mir! – Tim, lies bitte weiter!“ Als nach der letzten Stunde die Schulglocke läutete, warf Paolo seine Sachen in die Tasche und wollte verschwinden. Doch Herr Sommer trat ihm in den Weg. „Ich hatte gesagt, du kommst nachher zu mir!“ Trotzig die Hände in die Hosentaschen schiebend, blieb Paolo am Lehrerpult stehen. 8


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Endlich, nachdem alle anderen den Klassenraum verlassen hatten, fragte der Lehrer: „Was ist nur los mit dir? Deine Leistungen werden immer schlechter. Du schläfst mitten im Unterricht ein. Und dein Verhalten deinen Klassenkameraden gegenüber lässt auch zu wünschen übrig.“ Paolo biss die Zähne zusammen und schaute zum Fenster hinaus. „Sieh mich an, Paolo!“ Widerstrebend wandte sich Paolo dem Lehrer zu. Er zog die Brauen zusammen und machte einen Schmollmund. „Was ist los, Junge? Sprich mit mir!“ „Nichts ist los.“ „Irgendetwas stimmt doch da nicht“, seufzte der Lehrer. „Es muss doch einen Grund geben, warum deine Leistungen so abgesackt sind. Hausaufgaben machst du auch nicht mehr und ...“ „Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe, Mann!“ Paolo drehte sich weg und versuchte zu entkommen. „Hiergeblieben!“ Herr Sommer hielt ihn am Arm fest. „Richte deiner Mutter aus, dass ich mit ihr sprechen möchte! So geht das nicht weiter!“ „Meine Mutter hat keine Zeit.“ „Die Zeit wird sie sich aber nehmen müssen. Gib mir dein Hausaufgabenheft!“ Paolo kramte im Ranzen und schüttelte dann den Kopf. „Hab ich nicht mit.“ Der Lehrer seufzte erneut, legte Paolo die Hand auf die Schulter und schaute ihn an. „Du kannst jederzeit mit mir reden, wenn du Probleme hast. Ich möchte dir doch nur helfen, Junge!“ 10


„Wenn Sie mir helfen wollen, dann lassen Sie meine Mutter in Ruhe“, murmelte Paolo, schluckte und schaute zu Boden. „Das geht leider nicht“, antwortete Herr Sommer. „Und wenn ich mich bessere?“, bettelte Paolo. „Wenn ich mir Mühe gebe? – Bitte! Ich verspreche es.“ Der Lehrer überlegte eine Weile. Dann nickte er und sagte: „Gut. Wir versuchen es noch einmal. Mach deine Aufgaben, gib dir Mühe, lass deine Mitschüler in Ruhe.“ „Danke“, sagte Paolo und ging mit gesenktem Kopf zur Tür hinaus. Vor der Schule schwang er sich auf sein Fahrrad und raste zur Stadt hinaus, Richtung Polenz. Eigentlich war das Rad längst zu klein für ihn. Er hatte es zum Schulanfang bekommen. Papa hatte es damals ausgesucht. Jetzt ging Paolo in die 6. Klasse und fuhr immer noch damit. Die anderen Jungen aus seiner Klasse hatten längst neue Räder. Paolo ließ sich vor ihnen natürlich nicht anmerken, dass er auch gerne ein neues hätte. Denn nie würde er ihnen verraten, dass Mama so wenig verdiente und deshalb an allen Ecken und Enden sparen musste. Im Fernsehen wurden manchmal BMX-Stunts gezeigt. So ein BMX-Rad fand er besonders toll, aber er wusste, dass er nie eins bekommen würde. „Wenn schon ein neues Fahrrad, dann ein richtiges“, sagte Mama. Aber vorerst war überhaupt nicht daran zu denken. Er musste noch eine Weile mit dem alten zurechtkommen. Wenn seine Klassenkameraden wieder einmal auf sein altes Rad zu sprechen kamen, spielte er den Überlegenen. 11


„Pah, ein neues kaufen kann jeder! Mein Bike ist einmalig, das hat Charakter! So eins hat keiner!“ Eine Fernsehsendung hatte ihn auf die Idee gebracht, sein Bike aufzumotzen. Vom Sperrmüll hatte er sich nach und nach eine andere Gabel, einen Lenker und eine Stange zur Erhöhung des Sattels zusammen gesucht. Und sein letztes Taschengeld hatte er für breitere Reifen ausgegeben. Einmal war er sogar heimlich auf den Schrottplatz gegangen und hatte dort zwei kurze Rohre aus Aluminium gefunden. Die montierte er als Verlängerung der Achse außen an sein Hinterrad. Das nannte man Stunt Pegs. Manchmal standen auch Sprühdosen mit Farbresten beim Sperrmüll. Damit lackierte er den Rahmen von Zeit zu Zeit um. Jetzt musste er sich mit seinem Bike nicht mehr verstecken. Nun war es wirklich einmalig. Paolo trat kräftig in die Pedale und radelte den Mittelweg entlang. Vor einem Haus stand ein kleines Mädchen und biss in ein Stück Kuchen. Paolos Magen krampfte sich zusammen, er hatte seit gestern Abend nichts Richtiges mehr gegessen. Zu Hause stellte er sein Rad ab, klingelte und schloss die Augen. Gleich würde Oma die Tür öffnen und ihn ganz fest an sich drücken. „Willkommen daheim, mein Junge“, würde sie sagen. „Das Essen steht schon bereit! Rate mal, was es heute gibt!“ Doch nichts geschah. Paolo drückte erneut auf den Klingelknopf, immer noch rührte sich nichts. Seine Oma öffnete nicht. Nie mehr würde sie ihm die Tür öffnen, nie mehr. Es war nur ein Traum, ein schöner Traum. Seufzend kramte er in der Tasche, holte den Schlüssel heraus und schloss auf. 12


Im Haus war alles still. Langsam ging er in die Küche. Dort stapelte sich das schmutzige Geschirr. Paolo tappte über den klebrigen Fußboden zum Kühlschrank, öffnete ihn und nahm das letzte Stück Käse heraus. Brot gab es auch nicht mehr, nur eine aufgerissene Packung Knäckebrot. Heißhungrig stopfte er es zusammen mit dem Käse in den Mund, während er den Zettel las, der auf dem Küchentisch lag: Komme heute später. Bitte wasch ab, räum auf und hole Jannik und Robin ab. Essen bringe ich mit. Danke, mein Großer! Mama Paolo knüllte den Brief zusammen, warf ihn auf den Boden und trampelte wütend darauf herum. „Ich will nicht, ich will nicht, ich will das nicht mehr!“, schrie er. „Ich bin kein Großer, ich will leben, wie alle anderen Kinder auch!“ Dann rannte er aus dem Haus, in den Wald hinein. Er lief bis zum großen Felsen und blickte sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Schnell kroch er in sein Versteck. Vor langer Zeit, als er mit seinen Freunden Räuber und Gendarm gespielt hatte, war er hinter einen dichten Busch gekrochen und hatte den Eingang einer kleinen Höhle entdeckt. Niemand hatte ihn jemals dort gefunden, keiner kannte seinen Zufluchtsort. Diese Felshöhle war gerade groß genug, dass er darin sitzen oder ausgestreckt liegen konnte. Den Boden hatte er mit Stroh und Moos gepolstert. Er ließ sich darauf fallen und heulte und heulte. Warum nur war alles so ungerecht? Warum ging es gerade ihm so schlecht, warum hatte er so viele Probleme? Warum musste seine liebe Oma sterben? Ausgerechnet sie, 13


die allerbeste Oma der Welt! – Oma war tot und sie fehlte ihm jeden Tag. Früher waren sie eine glückliche Familie. Wenn Paolo aus der Schule kam, empfing Oma ihn mit einem fröhlichen Lächeln. Sie hatte ein leckeres Mittagessen gekocht und schaute nach ihm, wenn er seine Hausaufgaben erledigte. Nebenbei kümmerte sie sich um seine jüngeren Brüder. Es gab immer genug zu essen, nie musste Paolo mit knurrendem Magen ins Bett gehen. Und morgens weckte sie ihn wieder. Während er frühstückte, schmierte sie für ihn Pausenbrote und schnitt ihm Obst oder Gemüse zurecht. Jederzeit durfte er seine Freunde mitbringen. Sie hatte ein großes Herz für alle Kinder und verwöhnte sie mit ihren Leckereien. So, wie er es heute geträumt hatte, als er in der Schule eingeschlafen war. Als Oma noch lebte, war er nie so müde. Mama kam rechtzeitig am Nachmittag von der Arbeit und Papa am Abend. Zu Hause war es sauber und ordentlich. Manchmal fuhren sie am Wochenende gemeinsam weg. Sehnsüchtig erinnerte sich Paolo an ihre Wanderungen mit Picknick, an gemeinsame Radtouren, lange Nachmittage in Schwimmbädern und das Judotraining, zu dem ihn Papa oft begleitet hatte. Doch dann überstürzten sich die Ereignisse. Oma starb, und Mama schaffte die Hausarbeit nicht mehr, weil sie jetzt alles allein machen musste. Die Eltern fingen an zu streiten. Papa kam oft spät nach Hause. Und eines Tages zog er aus. Seitdem musste sich Paolo selbst um sein Essen kümmern, wenn er aus der Schule kam. Zu Hause war es un14


ordentlich und ungemütlich. Die Geschwister zankten sich und Paolo traute sich nicht mehr, seine Freunde einzuladen. Um seiner Wut Luft zu machen, ärgerte er die anderen und verlor einen Freund nach dem anderen. Am schlimmsten war es, als seine Freundschaft mit Tim zerbrach. Auch mit dem Judo-Training war es bald vorbei, weil Mama sparen musste. Dabei hätte er gern noch andere Kampfsportarten gelernt. Ein kostenloser Schnupperkurs für Kickboxen sollte der Einstieg sein. Aber auch damit war es nun endgültig vorbei. Eines Tages fand er beim Sperrmüll einen alten Kartoffelsack und nahm ihn mit. Es war zwar ein großes Loch darin, aber das machte nichts. Er band es einfach zu und stopfte den Sack mit Stroh aus. Dann hängte er ihn in die Mitte des Kellers, wo genügend Platz war. Dagegen hatte Mama nichts einzuwenden. Der Kartoffelsack kostete nichts und im Keller störte er niemanden. So konnte er allein weitertrainieren. Paolo probierte alles aus, was er beim Kickboxen gelernt hatte. Außerdem holte er sich aus der Bibliothek Bücher über Kampfsport und übte auch andere Techniken, die darin erklärt wurden. Bald hatten alle Kinder Angst vor ihm, denn durch sein Kampfsporttraining war er stark und gewandt. Niemand ahnte, wie einsam er sich fühlte. Paolo dachte an Herrn Sommer. Eigentlich mochte er den Lehrer. Aber Herr Sommer durfte auf keinen Fall die Wahrheit erfahren! Paolo hatte gehört, dass das Jugendamt Kinder ins Kinderheim steckte, wenn sie von den Eltern zu 15


Hause nicht richtig versorgt wurden. Das durfte ihm und seinen Brüdern nicht passieren! Deshalb bemühte er sich, Mama zu helfen, so gut er konnte. Er half auch, weil Mama ihm leid tat. Manchmal saß sie einfach nur da und weinte. Paolo war dann wütend auf Papa, der sie alle verlassen hatte. Und er war wütend auf den Tod, der ihm seine Oma genommen hatte. An manchen Tagen arbeitete er wie verrückt, schaffte es aber trotzdem nicht, alles richtig in Ordnung zu halten. Dann war er auch noch wütend auf sich selbst und hielt sich für einen Versager. Und wenn es ganz schlimm wurde, war er sogar wütend auf Mama. Dann schrie er sie an. Sie sollte endlich sein wie alle anderen Mütter auch. Er hatte keine Lust, ständig im Haushalt zu helfen. Er wünschte sich die Vergangenheit zurück und wusste doch, dass das nicht möglich war. Paolo schniefte und kramte nach einem Taschentuch. Als er sich die Nase putzte, fiel sein Blick auf die Uhr. Es war schon nach vier. Er erschrak. Es war höchste Zeit, Jannik und Robin aus dem Kindergarten abzuholen. Hastig kroch Paolo aus seinem Versteck, sprang auf und lief los.

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2. Missgeschicke und Ärger „Na, junger Mann, hast wohl die Zeit verpasst?“, empfing ihn die Erzieherin mit aufgebrachter Stimme. „Deine Brüder warten schon seit einer Stunde auf dich!“ Paolo wusste, dass das stark übertrieben war. Jannik und Robin bauten noch an ihrer Ritterburg und machten gar nicht den Eindruck, als hätten sie es eilig, nach Hause zu kommen. Er verkniff sich eine patzige Antwort, schnappte sich seine Brüder und machte sich mit ihnen auf den Heimweg. Sie mussten eine größere Strecke laufen. Jannik, der erst zwei Jahre alt war, jammerte schon bald, weil ihm die Beine wehtaten. Der fünfjährige Robin dagegen flitzte voraus, warf Steine in die Polenz und freute sich, wenn es ordentlich platschte. Paolo nahm Jannik bei der Hand. „Komm schnell zu Robin! Dann darfst du auch Steine ins Wasser schmeißen“, versprach er, um ihn anzuspornen. Doch bevor sie dort ankamen, rutschte Robin aus und landete im Fluss. Paolo ließ Jannik los und rannte allein weiter, um seinem Bruder zu helfen. Jannik lief ihm nach, fiel hin und blieb plärrend liegen. „Steh auf und komm her!“, rief Paolo, während er gleichzeitig den ebenfalls schreienden Robin aus dem Wasser zerrte. In diesem Moment kam auch noch ein Auto. Glücklicherweise fuhr es langsam und hielt schließlich sogar an. Eine Frau stieg aus, half Jannik auf die Beine und redete auf ihn ein. Paolo sah, wie der Kleine mit dem Finger in seine Richtung deutete. 17


Die Frau nahm Jannik auf den Arm, kam auf Paolo zu und schimpfte: „Kannst du nicht auf deinen Bruder aufpassen? Um ein Haar hätte ich ihn überfahren. Was macht ihr überhaupt hier am Fluss? Eure Eltern sollten euch mal ordentlich die Ohren lang ziehen!“ Damit stellte sie Jannik wieder hin, ging zu ihrem Auto zurück und fuhr weiter. Robin weinte noch immer und Jannik wollte Steine ins Wasser werfen. „Nein!“, knurrte Paolo total genervt. „Wir müssen schnell nach Hause rennen, sonst wird Robin krank.“ Noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte, fing Jannik wieder an zu heulen. Paolo verpasste beiden eine Ohrfeige und schrie: „Seid endlich still! Sonst kommt die Polizei und bringt euch ins Kinderheim.“ Tatsächlich verstummten sie auf der Stelle. Paolo atmete auf, nahm Jannik auf den Arm und lief mit Robin im Schlepptau los. Als sie zu Hause ankamen, zitterte Robin wie verrückt und klapperte mit den Zähnen. Paolo ließ warmes Wasser in die Badewanne und half ihm beim Ausziehen. Die ganze Zeit quengelte Jannik, weil er Hunger hatte. Paolo gab ihm das restliche Knäckebrot.

Endlich kam Mama nach Hause. Mit vollen Einkaufstüten stolperte sie in die Küche, schaute sich um und fing an zu schimpfen: „Hier sieht es ja immer noch schlampig aus, Paolo! Du solltest doch aufräumen, du Nichtsnutz!“ 18


„Aber ich konnte nicht ...“, versuchte sich Paolo zu verteidigen. Aber Mama ließ ihn nicht ausreden. „Was heißt du konntest nicht? Ich habe deine Ausreden satt! Ich muss mich auf dich verlassen können!“ „Robin ist ...“, versuchte es Paolo noch einmal. In diesem Moment rief Robin aus dem Badezimmer: „Ich muss aufs Klo!“ Mama fuhr herum. „Was macht er im Badezimmer?“ „Er badet“, erklärte Paolo. „Robin ist in die Polenz gefallen, er hat ...“ „In die Polenz gefallen?“, schrie sie. „Schaffst du es nicht mal mehr, deine Geschwister ganz normal vom Kindergarten abzuholen? Wie konnte ...“ Jannik fing an zu heulen und Robin brüllte noch lauter: „Ich muss aufs Klo!“ „Ich geh schon!“ Paolo sprang schnell zur Tür hinaus, um Mama zu entkommen. Im Badezimmer rubbelte er Robin wütend mit dem Handtuch ab und schimpfte: „Wegen dir ist Mama sauer auf mich! Ich habe das satt mit dir! Das nächste Mal darfst du nicht allein laufen. Dann bleibst du die ganze Zeit an meiner Hand, das sage ich dir!“ Er setzte ihn auf die Toilette, rannte dann in Robins Zimmer und holte trockene Kleidung. Als er wieder ins Badezimmer kam, hob Mama Robin gerade erneut in die Wanne und ließ noch etwas warmes Wasser nachlaufen. „Besser, du wärmst dich noch etwas länger auf, mein Kleiner!“ Auf einmal polterte es in der Küche und gleich darauf ertönte Janniks Geschrei. Mama rannte hinaus. 19


Paolo warf Robins Sachen hin und zischte: „Bleib ja ruhig sitzen und mach keinen Quatsch! Sonst knallt‘s!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, stürmte er hinaus und in den Keller. Wütend schlug und trat er auf den alten Kartoffelsack ein, bis er Mama rufen hörte. Er konnte sie zwar nicht verstehen, aber es war klar, was sie wollte. „Räum doch deine Küche alleine auf“, fauchte er und versetzte dem Sack einen harten Schlag. Plötzlich stand Robin im Bademantel neben ihm. „Essen kommen!“ Obwohl Paolo spürte, wie sich sein Magen vor Hunger zusammenzog, schüttelte er den Kopf. „Sag Mama, ich bin satt von ihrem Gemecker.“ „Aber Mama hat Pfannkuchen gebacken!“ „Verschwinde!“ Er drehte sich wieder zu seinem Kartoffelsack um und trat so kräftig dagegen, dass er bis zur Decke flog. Mit vor Schreck geweiteten Augen eilte Robin die Treppe hoch und Paolo war wieder allein. Er traktierte den Sack, bis er total erschöpft war. Dann verließ er den Keller, stieg die enge, steile Kellertreppe hinauf und blieb lauschend im Hausflur stehen. Alles war ruhig. Wahrscheinlich saßen sie noch in der Küche und ließen es sich schmecken. Paolo schlich sich nach oben und huschte in sein Zimmer. Dort warf er sich aufs Bett und heulte. Einige Zeit später hörte er, dass die Tür geöffnet wurde und Mama eintrat. Paolo drehte sich zur Wand und kniff die Augen zusammen. Mama setzte sich auf die Bettkante und seufzte. „Du musst doch Hunger haben. Dein Lieblingsessen wartet auf dich.“ 20


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Paolo schwieg. „Komm schon, mein Großer.“ Sie strich ihm durchs Haar. Paolo schob ihre Hand weg, fuhr herum und äffte ihre Stimme nach: „Mein Großer! – Ich pfeif darauf! Robin fliegt ins Wasser und ich krieg die Schuld!“ Mama seufzte erneut. „Naja, ich war eben sehr erschrocken. Bei dieser Kälte ... hoffentlich holt er sich keine Lungenentzündung.“ „Weißt du wie nervig es ist, dass ich immer die Kleinen abholen muss? Jannik ist zu faul zum Laufen und heult ständig. Und Robin rennt davon.“ Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. „Die anderen Jungs aus meiner Klasse haben es alle besser als ich. Die gehen Fußballspielen oder sitzen an ihrem Computer. Und sie haben die besten und neuesten Handys. Ich habe nicht mal irgendein altes Handy. Und einen Computer haben wir auch nicht. Wir leben hier wie im Mittelalter!“ „Aber du weißt doch, dass wir nicht genug Geld haben.“ Mamas Stimme klang flehend. Sie saß da, knetete ihre Hände und sah ziemlich traurig aus. „Dass ich vorhin so heftig geschimpft habe, ... das ... das tut mir leid. Es war sehr gut, den Kleinen sofort in die Badewanne zu stecken! Obwohl du erst zwölf Jahre alt bist, hast du genau das Richtige getan.“ Aus dem Nebenzimmer erscholl Janniks Gebrüll. Schon wieder! Seufzend stand Mama auf und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um. „Nun geh schon essen!“

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Als er müde und satt im Bett lag, kam Mama noch einmal zu ihm. „Also ... um die Küche kümmere ich mich dann selbst. – Aber ... wir müssen noch etwas besprechen, weil bald Ostern ist. Weißt du, ... immer die vielen Süßigkeiten. Das ist doch Unsinn.“ Sie räusperte sich. „Wir brauchen unser Geld für das tägliche Brot. Eine Kleinigkeit wird es schon geben. Aber nicht mehr so viel wie früher. Du bist schon groß, du verstehst das doch, oder?“ Er nickte. Sie fuhr ihm durch das dunkle Strubbelhaar. „Schön, mein Großer! Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Wir beide, wir schaffen das schon!“ Mama lächelte, aber sie konnte Paolo nicht täuschen. Er hatte die Tränen in ihren Augen gesehen. Bestimmt erinnerte auch sie sich an früher. An Oma, die aufgeräumte Wohnung und das leckere Essen, das sie immer gekocht hatte. Und an Papas fröhliche Begrüßung, wenn er zur Tür hereinkam. Und an all das Schöne, das sie miteinander erlebt hatten. Das alles war vorbei. Und Mama musste sich nun ganz allein um ihn und seine Brüder kümmern. Sie tat ihm leid. Und er wollte alles tun, damit sie nicht noch trauriger wurde. Nachdem sie gegangen war, stand er leise auf und tappte zu seinem Schreibtisch. Er öffnete das unterste Schubfach und kramte sein Judobuch hervor, ein Geschenk von Papa. Als Paolo angefangen hatte, sich für diese Sportart zu interessieren, hatte Papa ihn zum Judotraining begleitet und die ersten Male zugesehen. Zu Hause probierten sie 23


miteinander die verschiedenen Griffe und hatten viel Spaß dabei. Bei den Wettkämpfen war Papa immer dabei und feuerte ihn an. Paolo blätterte in seinem Judobuch und fand irgendwo in der Mitte, was er suchte: Das Foto von Papa. Paolo nahm es mit ins Bett, schaute es an und flüsterte: „Du hast immer zu mir gesagt: Mein kleiner Schlawiner. Du bist mir am ähnlichsten. Die gleichen schwarzen Haare, die gleichen dunklen Augen. Schlank, sportlich und stark. – Ja, genau das hast du immer zu mir gesagt. Aber warum bist du weggegangen?“ Er schniefte. „Und außerdem hast du gesagt: Wir sind ein gutes Team. – Warum hast du uns verlassen, wenn wir ein gutes Team waren? Ein gutes Team verlässt man doch nicht. Oder bin ich schuld daran? Habe ich es verbockt? – Ach Papa, ich trau mich nicht, dich das zu fragen. Ich hab so viel verbockt, oft schimpft Mama über mich und nennt mich einen Nichtsnutz. Und wahrscheinlich hat sie recht. Ich bin ein Nichtsnutz. Ich habe nicht mal mehr einen Freund, nicht einen einzigen, Papa. Dabei hatte ich früher so viele Freunde. Aber das war früher, als Oma noch da war. Und als du noch bei uns warst.“ Paolo schluckte. Er versteckte das Foto wieder im Buch, stand auf und schob das Buch unter all den anderen Kram, den er in der untersten Schublade aufbewahrte. Auf keinen Fall sollte Mama das Foto finden. Dann huschte er zurück ins Bett, vergrub das Gesicht im Kopfkissen und weinte. Er weinte, bis er einschlief.

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