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Terri

Blackstock

GEFÄHRLICHE

ZUFLUCHT Cape Refuge-Reihe Band 1


Aus dem Englischen von Rebekka Wetter

Die Bibelzitate sind der überarbeiteten Elberfelder-Übersetzung (Edition CSV-Hückeswagen) entnommen. Originally published in the U.S.A. under the title: Cape Refuge Copyright © 2002 by Terri Blackstock Translation Copyright © 2011 by Terri Blackstock Translated by Rebekka Wetter Published by permission of Zondervan, Grand Rapids, Michigan www.zondervan.com Titelfotos: © Project Photos (Veranda), © olly / Fotolia.com (junge Frau) Foto Umschlagrückseite: Robert Neumann Umschlaggestaltung und Satz: DTP-MEDIEN.DE, Andre Dietermann, Haiger Gesamtherstellung: CPI - Ebner & Spiegel, Ulm ISBN 978-3-942258-01-2 Art.-Nr. 176.801 © 2011 BOAS-Verlag, Inh. Friedhelm von der Mark, Burbach Alle Rechte vorbehalten www.boas-verlag.de

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KAPITEL

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Die Klimaanlage des Rathauses war defekt und warme, salzige Luft wehte durch die offenen Fenster vom Strand auf der anderen Straßenseite herein. Morgan Cleary fächelte sich Luft zu und wünschte, sie hätte sich nicht so schick angezogen. Sie hätte sich denken können, dass sie die Einzige sein würde. Der Bürgermeister war in Shorts und ein T-Shirt gekleidet, das für sein Lieblingsbier warb. Einer der Stadträte trug einen Panamahut und Flip-Flops. Sarah Williford, das neuste Mitglied des Stadtrates von Cape Refuge, sah aus als sei sie gerade vom Surfen gekommen und habe sich nicht einmal die Mühe gemacht, vorher zu duschen. Sie trug ein hautenges, elastisches Top, das wie ein Badeanzug aussah, und abgeschnittene Jeans. Ihr langes Haar hätte eine Bürste vertragen können. Die Mitglieder des Stadtrats saßen arrogant in ihren viel zu teuren Chefsesseln und wippten entspannt vor und zurück. Ihre Kritiker - zu denen fast jeder in der Stadt gehörte - meinten, das Geld hätte besser für die Reparatur der Schlaglöcher in den Straßen der Insel ausgegeben werden sollen. Aber Morgan war froh, dass der Rat es bequem hatte. Sie wollte nicht, dass sie angespannt waren, wenn ihre Eltern sprachen. Der Bürgermeister leitete in seiner eintönigen Sprechweise zum nächsten Punkt der Tagesordnung über. „Ich wollte Quallen-Warnschilder für einige der beliebtesten Stellen am Strand vorschlagen, aber Doktor Spencer sagte mir, er habe letzte Woche nicht so viele Patienten mit Quallenbissen gehabt.“ „Moment mal, Fred“, unterbrach Sarah ohne Mikrofon. „Nur weil sie eine Woche nicht gebissen haben, heißt das nicht, dass sie auch in der nächsten Woche nicht beißen. Mein Laden würde der Stadt einen guten Preis für den Entwurf eines Schildes machen, das die Leute an allen Stränden vor möglichen Quallenangriffen warnt.“ „Quallen greifen nicht an“, sagte der Bürgermeister und seine mikrofonverstärkte Stimme ließ alle hochfahren.

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„Hm, ich sehe, dass Sie noch nie von einer gebissen worden sind.“ „Wie wollen Sie ein Bild von ihnen zeichnen, wenn man sie kaum sehen kann?“ Alle lachten und Sarah gab einen Kommentar zurück, den man aber wegen des Lärms nicht hören konnte. Morgan lehnte sich über Jonathan, ihren Ehemann, und stupste ihre Schwester an. „Blair, was sollen wir machen?“, flüsterte sie. „Wir sind gleich dran. Wo sind Mama und Papa?“ Blair, die amüsiert die Szene vorne im Raum beobachtete, wandte den Blick von dort weg und sah auf ihre Uhr. „Jemand muss nach ihnen schauen“, flüsterte sie. „Sieh dir diese Leute an. Ich bin so stolz, sie als meine gewählten Vertreter zu haben.“ „Das hier ist reine Zeitverschwendung“, sagte Jonathan. Er war den ganzen Tag ärgerlich gewesen, vor allem auf Morgans Eltern, aber auch auf sie selbst. Sein wettergegerbtes Gesicht war vom Fischen sonnenverbrannt, aber er hatte sich gewaschen und frisch rasiert. Letzte Nacht hatte er nicht viel geschlafen und man konnte ihm die Müdigkeit am Gesicht ansehen. „Warte ab“, sagte sie und streichelte seinen Arm. „Wenn Mama und Papa kommen, wird es sich lohnen.“ Er legte seine Hand über ihre - eine stille Versicherung, dass er den Ärger dieses Morgens vergessen wollte - und stand auf. „Ich werde sie suchen.“ „Gute Idee“, sagte Morgan. „Sag ihnen, dass sie sich beeilen sollen.“ „Sie brauchen sich nicht zu beeilen“, flüsterte Blair. „Wir haben noch jede Menge Krempel abzuhandeln, bevor sie über die Schließung unserer Frühstückspension reden. Stell dir vor, da ist dieses Stoppschild unten bei Pine & Mimosa. Und auf dem Parkplatz von Goodfellows Lebensmittelladen ist eine Glühbirne kaputt.“ „Bevor wir fortfahren“, sagte Bürgermeister Fred Hutchins und studierte seine Notizen, als würde er ein Thema von äußerster Wichtigkeit ansprechen, „möchte ich euch mitteilen, dass mir Chief Cade von der Polizeistation Cape Refuge berichtet hat, er habe mehrere Hinweise auf die Person oder die Personen, die den Haufen Schotter auf meinen Parkplatz gekippt haben.“

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Ein Kichern ging durch den Raum, und der Bürgermeister blickte finster um sich. „Der Täter wird bestraft werden.“ Blair konnte ihr Lachen nicht länger unterdrücken und Morgan schlug ihr auf den Arm. „Psst.“ Morgan versuchte sich zu beherrschen und nicht zu grinsen. „Du machst ihn wütend.“ „Ich stelle mir gerade eine landesweite Fahndung nach dem Flüchtigen im Kipplaster vor“, sagte Blair, „der auf einer SchotterAbkipp-Tour durch ganz Georgia ist.“ Morgan bemerkte, dass der Bürgermeister sie ansah und versetzte ihrer Schwester erneut einen Schlag. Blair atmete schnell ein und versuchte, sich zusammenzureißen. „Die Owens sind immer noch nicht da?“, fragte er. Während Morgan nach hinten zur Tür sah, sprang Blair auf. „Nein, Fred, sie sind nicht hier. Warum nehmen Sie den Punkt nicht von der Tagesordnung und verschieben ihn auf nächste Woche? Ich bin sicher, dass etwas dazwischen gekommen ist.“ „Vielleicht haben sie gar nicht vor zu kommen“, sagte der Bürgermeister. „Machen Sie sich keine Hoffnungen“, schoss Blair zurück. „Sie wollen sie zwingen, ihren Betrieb zu schließen. Sie werden ganz sicher kommen.“ „Nun, wir haben lange genug gewartet“, sagte Hutchins ins Mikrofon und eine Rückkopplung quietschte durch den Raum. Alle hielten sich die Ohren zu, bis Jason Manford sich hinkniete und am Regler drehte. „Wir haben das Thema heute Abend schon zweimal zurückgestellt“, fuhr er fort. „Wenn wir heute noch mal hier rauskommen wollen, sollten wir jetzt mit der Diskussion beginnen.“ Morgan stand auf. „Herr Bürgermeister, irgendetwas stimmt da nicht. Jonathan ist gegangen, um sie zu suchen. Bitte, geben Sie uns noch ein paar Minuten.“ „Wir werden nicht länger warten. Wenn jemand von Ihrer Partei etwas zu sagen hat ...“ „Was haben Sie vor, Bürgermeister?“ Blair krempelte die Ärmel hoch und schob sich an den Knien und Füßen in ihrer Reihe vorbei. „Wollen Sie uns ohne Anhörung fertigmachen? Das ist nicht mal rechtlich zulässig. Sie könnten ganz schnell ein Verfahren am

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Hals haben. Dann hätten Sie keine Zeit mehr, sich über Quallen und Schotter Gedanken zu machen. Und was würde die Stadt dann nur ohne Sie machen?“ Trotzig marschierte sie an den Zuschauern auf den Stehplätzen an der Wand vorbei nach vorne zum Mikrofon. Morgan hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Blair war nicht gerade die Diplomatischste in ihrer Familie. Sie war eine ungeduldige Intellektuelle, die ihre größte Erfüllung in den Büchern der Bibliothek fand, die sie führte. Sie empfand andere Menschen als eine Art Belästigung und fand deren Engherzigkeit unverzeihlich. Blair stemmte die Hände in die Hüften. „Ich wollte Ihnen schon lange mal meine Meinung sagen, Fred.“ Die Leute begannen laut miteinander zu reden und der Bürgermeister schlug mit seinem Hammer auf den Tisch, um sie zum Schweigen zu bringen. „Wie Sie wissen, junge Dame, sind die Mitglieder des Stadtrats und ich uns einig, dass die Bekanntheit, die das Hanover House durch die Reportage im TV-Nachrichtenmagazin vor ein paar Monaten erlangt hat, eine ganz neue Situation für diese Stadt bedeutet. In dem Beitrag wurde deutlich, dass Ihre Familie jeden hergelaufenen Kerl mit zweifelhafter Vergangenheit aufnimmt, und es wurden sogar bestimmte Dinge über einen Ihrer derzeitigen Bewohner veröffentlicht, die die Bevölkerung dieser Stadt in Unruhe und Schrecken versetzt haben. Wir wollen keine Zuflucht für Ex-Sträflinge mit Bewährungshelfer sein, sondern eine familienfreundliche Touristenstadt. Daher glauben wir, dass das Hanover House eine Bedrohung für diese Stadt ist und im besten Interesse der Stadt gemäß Bauordnungsbestimmung Nr. 503 geschlossen werden sollte.“ Mit verschränkten Armen wartete Blair geduldig die Rede des Bürgermeisters ab. „Bevor wir uns mit der Absurdität Ihrer armseligen Versuche befassen, das Hanover House zu schließen, nur weil meine Eltern ihren Wahlkampf nicht unterstützt haben ...“ Beifallsrufe wurde laut und Blair legte sofort nach. „Vielleicht sollte ich Sie daran erinnern, dass Cape Refuge seinen Namen der Arbeit der Hanovers verdankt, die die Pension vor meinen Eltern führten. Es war eine Zuflucht für Menschen, die am Ende waren, die sonst keinen Ort mehr hatten, wo sie hingehen konnten. Ich glaube, wir

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haben viel mehr von einem Ex-Sträfling zu befürchten, der mit ein bisschen Kleingeld in der Tasche, aber ohne Aussicht auf einen Job oder ein Zuhause entlassen wird, als von denen, die Jobs und eine Unterkunft und die Unterstützung von Menschen haben, die sich für sie interessieren.“ Morgan konnte kaum glauben, dass sie diese Worte aus dem Mund ihrer Schwester hörte. Blair hatte nie Verständnis für die Berufung ihrer Eltern gehabt, den Bedürftigen zu helfen, und sie arbeitete auch nicht in der Pension mit. Wenn man sie so reden hörte, konnte man meinen, sie würde im Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit, den ihre Eltern führten, an vorderster Front mitkämpfen. „Das Hanover House ist eines der ältesten Häuser auf der Insel und Teil unserer Tradition“, fuhr Blair fort. „Und ich finde es sehr aufschlussreich, dass Sie sich alle über das aufregen, was dort öffentlich getan wird, während das Treiben in Betty Jeans geheimem Etablissement für Männer immer noch ungestört weitergeht.“ Wieder ging ein Raunen durch den Saal. Entsetzt stand Morgan von ihrem Platz auf. Schnell versuchte sie, aus ihrer Sitzreihe zu schlüpfen und flüsterte dabei ihren Sitznachbarn zu: „Es tut mir leid, es tut mir so leid. Ich wusste nicht, dass sie so etwas sagen würde. Sie meint es nicht so, sie sagt einfach, was ihr gerade in den Sinn kommt.“ „Übrigens, Fred“, fügte Blair überlaut hinzu, „mir ist aufgefallen, dass Sie keine Schwierigkeiten haben, bei ihr einen Parkplatz zu finden.“ Der Bürgermeister sprang aus seinem Sessel auf, den Mund fassungslos vor Empörung geöffnet. Morgan trat bei dem Versuch, zu ihrer Schwester zu gelangen, wenigstens drei Leuten auf die Füße. Sie war überzeugt davon, dass Blair aus dem Saal geworfen und das Hanover House noch vor Einbruch der Nacht dem Erdboden gleichgemacht würde. „Sie meint das nicht so“, rief Morgan über die Menschenmenge hinweg, während sie sich weiter nach vorn kämpfte. „Ich bin sicher, dass sie Ihr Auto nie bei Betty Jean gesehen hat, nicht wahr, Blair? Bitte Herr Bürgermeister, wenn ich ein paar Worte sagen dürfte ...“ Als sie endlich vorne ankam, warf sie Blair einen tadelnden Blick zu.

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Aber Blair gab das Mikrofon nicht ab. „Und ich möchte hinzufügen, Herr Bürgermeister, dass Ihre eigenen Eltern wegen Joe und Miranda Hanover und dieser Pension auf diese Insel kamen. Wenn ich mich richtig erinnere, tötete Ihr Vater versehentlich einen Mann und kam hierher, um auf seinen Prozess zu warten.“ Die Adern an Freds Hals traten hervor und sein Gesicht war so rot, dass Morgan befürchtete, sein Kopf würde platzen. „Mein Vater wurde nie verurteilt“, rief er. „Und wenn Sie andeuten wollen, dass er vom gleichen Schlag war wie die Kriminellen, die das Hanover House bevölkern, liegen Sie völlig falsch.“ Morgan griff erneut nach dem Mikrofon, während sie sich in Gedanken bereits eine Rede zur Schadensbegrenzung zurechtlegte, aber ihre Schwester hielt das Mikrofon fest umklammert. „Als meine Eltern die Pension von den Hanovers übernahmen“, fuhr Blair unbeeindruckt fort, „übernahmen sie auch deren Regel, niemals jemand illegal zu beherbergen. Sie wissen, dass mein Vater bereits mit diesen Menschen arbeitet, während sie noch inhaftiert sind, und er nimmt nur diejenigen auf, denen er vertraut und die einen Neuanfang machen wollen. Das Hanover House ermöglicht es solchen Menschen, wertvolle Mitglieder der Gesellschaft zu werden ... im Gegensatz zu manchen Mitgliedern unseres Stadtrats.“ Wieder wurde Beifall und Gelächter laut. Morgan packte Blairs Arm und bedeckte das Mikrofon mit ihrer Hand. „Du ziehst die Sache ins Lächerliche“, flüsterte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Mama und Papa werden sich schämen. Damit ist uns nicht geholfen.“ „Ich mache das schon“, sagte Blair und riss das Mikrofon wieder an sich. Morgan drängte sich dazwischen. „Herr Vorsitzender ... ähm ... Herr Bürgermeister ... meine Damen und Herren, ich entschuldige mich für das Verhalten meiner Schwester. Ich wusste wirklich nicht, dass sie so etwas sagen würde.“ Blair trat neben sie und starrte sie an wie einen Verräter. „Aber ich glaube, wir sind etwas vom Thema abgekommen. Tatsache ist, dass im Hanover House nicht nur Menschen untergebracht sind, die aus dem Gefängnis entlassen wurden. Es wohnen auch andere dort, die sonst kein Zuhause haben.“

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Art Russell griff nach dem Mikrofon des Bürgermeisters, was dazu führte, dass eine Rückkopplung durch den Raum hallte. „Ich glaube nicht, dass Cape Refuge mit einem Haufen heimatloser Leute gedient ist.“ „Nun, das haben Sie nicht zu entscheiden, nicht wahr, Art?“, fragte Blair so laut, dass ihre Stimme die Lautsprecher übertönte. „Bitte, meine Damen und Herren“, sagte Morgan und versuchte, ihrer sanften Stimme einen festen Klang zu geben, „die Frage ist doch, ob im Hanover House etwas Illegales passiert. Und so lange das nicht der Fall ist, haben Sie keinen Grund, unsere Pension zu schließen.“ Die Menge applaudierte wieder. Doch Sarah, die Stadträtin im Badeanzug, zerrte das Mikrofon über den Tisch. Das Kabel war nicht lang genug, daher beugte sie sich vor. „Wenn in der Pension keine gefährlichen Leute wohnen, warum wurde dann in dem Fernsehbericht gesagt, Gus Hampton sei wegen bewaffneten Raubes inhaftiert gewesen und habe seine Strafe nicht einmal voll abgesessen? Und wie kommt es, dass Ihr Mann erst heute Morgen am Hafen mit Ihren Eltern über Hampton gestritten hat? Ich habe es mit eigenen Ohren gehört. Jonathan möchte nicht, dass Sie in Hamptons Nähe sind. Das hat er laut und unmissverständlich gesagt.“ Blair durchbohrte Morgan mit ihrem Blick. „Warum hast du mir das nicht erzählt?“, flüsterte sie. „Es war nicht wichtig“, zischte Morgan zurück. „Ich dachte doch nicht, dass du für uns sprechen würdest.“ Die Ratsmitglieder horchten auf. Sie hörten auf zu schaukeln und warteten auf eine Antwort. „Wenn vom Hanover House keine Gefahr ausgeht, wie kommt es dann, dass Ihre eigene Familie darüber streitet?“ Blair versuchte sich zu sammeln. „Wenn Jonathan zurück ist, können Sie ihn fragen, Sarah. Aber in der Zwischenzeit haben wir eine einfache Frage zu klären. Haben Sie das Recht, das Hanover House zu schließen? Und wenn Sie es versuchen, haben Sie die nötigen finanziellen Mittel für den Rechtsstreit, der dann auf diese Stadt zukommen wird ... und vielleicht sogar auf jeden von Ihnen persönlich?“

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„Sie können keine Klage einreichen“, sagte Fred, dessen Gesicht immer noch gerötet war. „Warten Sie’s ab“, schnappte Blair. „Und auch die Chancen für Ihre Wiederwahl wären ziemlich gering, denn die Menschen in dieser Stadt lieben meine Eltern. Fast jeder in dieser Stadt hat schon auf die eine oder andere Weise von ihrer Freundlichkeit profitiert.“ Wieder wurde applaudiert und Beifallsrufe bekräftigten Blairs Worte. Aber Morgan war sich im Klaren darüber, dass nicht das Geschrei der Leute über das Schicksal des Hanover Houses entscheiden würde. Es waren die verärgerten Mitglieder des Stadtrats, die in ablehnender Haltung dasaßen, weil Blair sie beleidigt hatte. „Manche nennen es Freundlichkeit, andere nennen es Naivität“, sagte der Bürgermeister. „Ihre Eltern würden alles glauben, was man ihnen erzählt. Nur weil irgendein Sträfling behauptet, er wolle sich ändern, heißt das nicht, dass er es auch tut.“ „Gott sei Dank, dass man Ihrem Vater geglaubt hat“, sagte Blair. „Sonst säßen Sie heute wahrscheinlich nicht in einem überteuerten Stuhl auf dieser Insel!“ Wieder ging ein amüsiertes Raunen durch die Menge. Morgan presste die Fingerspitzen gegen ihre Schläfen und fragte sich, wo ihre Eltern blieben. Wenn sie jetzt kommen und das Mikrofon übernehmen würden, könnten sie die Situation vielleicht gerade noch retten. Während der Bürgermeister bemüht war, die Menge wieder zu beruhigen, versuchte Morgan ihre Schwester mit einem flehentlichen Blick davon zu überzeugen, ihr das Mikrofon zu übergeben und nicht noch mehr Schaden anzurichten. Aber als Blair ihr mit einem vernichtenden Blick antwortete, wusste Morgan, dass sie die Sache bis zum Ende durchziehen würde. Die Brandnarbe auf der rechten Seite von Blairs Gesicht war so rot wie das Gesicht des Bürgermeisters. Blair sah immer so aus, wenn sie aufgebracht war, und das erinnerte Morgan an die eine verletzliche Stelle ihrer Schwester. Diese unvollkommene Hälfte ihres Gesichts war der Grund, warum sie noch unverheiratet und einsam war, und hatte viel mit ihrem leicht reizbaren Temperament zu tun, das gerade wieder zum Vorschein kam.

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„Ruhe bitte! Meine Damen und Herren, Ruhe!“, brüllte Hutchins und schlug mit seinem Hammer auf den Tisch, als wolle er einen Nagel einschlagen. Das Geräusch einer Sirene übertönte den Lärm, unterbrach die Worte des Bürgermeisters und brachte die Menge zum Schweigen. Diejenigen, die mit Morgan und Blair an der östlichen Seite des Gebäudes standen, reckten ihre Hälse, um aus dem offenen Fenster zu sehen und herauszufinden, wohin die Feuerwehrfahrzeuge und Polizeiwagen fuhren. Als immer mehr Fahrzeuge mit heulender Sirene und Blaulicht vorbeifuhren, wurde Morgan klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Die Insel war klein und man hörte nicht oft Sirenen. Dass jetzt gleich so viele auf einmal heulten, war beunruhigend. Als plötzlich die Eingangstür aufging, drehten sich alle erwartungsvoll um. Polizeichef Matthew Cade, den seine Freunde einfach „Cade“ nannten, stand da und sah suchend von einem zum nächsten. Sein bleiches Gesicht bildete einen starken Kontrast zu seinen dunklen, zerzausten Haaren. Sein Blick blieb an den Schwestern hängen, die noch immer vorne standen. „Blair, Morgan, ich muss sofort mit euch beiden reden.“ Schreckerfüllt sah Morgan ihre Schwester an. „Was ist passiert, Cade?“, fragte Blair. Er räusperte sich und schluckte mühsam. „Wir müssen uns beeilen“, sagte er. Dann stieß er die Tür noch weiter auf, blieb daneben stehen und sah sie auffordernd an. Was auch immer passiert war, Morgan merkte, dass er es nicht vor all diesen Menschen sagen konnte oder wollte. Etwas Schreckliches musste geschehen sein. Die engste Freundin ihrer Mutter, Melba Jefferson, berührte sanft Morgans Rücken. „Oh, Liebes.“ Morgan nahm Blairs Hand. Als sie hinausgingen, trat die Menge schweigend zurück. Cade führte sie nach draußen in das Licht der untergehenden Sonne und zu seinem Streifenwagen.

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