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Terri

Blackstock

Cape Refuge-Reihe Band 2


Aus dem Englischen von Johanna Utsch

Die Bibelzitate sind der überarbeiteten Elberfelder-Übersetzung (Edition CSV-Hückeswagen) entnommen. Originally published in the U.S.A. under the title: Southern Storm Copyright © 2003 by Terri Blackstock Translation Copyright © 2013 by Terri Blackstock Translated by Johanna Utsch Published by permission of Zondervan, Grand Rapids, Michigan www.zondervan.com Titelfotos: © Icefields | Dreamstime.com (Hintergrundbild) © John Roman Images | www.shutterstock.com (Polizist) Foto Umschlagrückseite: Robert Neumann Umschlaggestaltung und Satz: dtp-medien.de, Andre Dietermann, Haiger Druck und Verarbeitung: AALEXX Buchproduktion GmbH, Großburgwedel Paperback: ISBN 978-3-942258-02-9 Art.-Nr. 176.802 eBook (ePub): ISBN 978-3-942258-52-4 Art.-Nr. 176.852 Copyright © 2013 BOAS-Verlag, Inh. Friedhelm von der Mark, Burbach Alle Rechte vorbehalten www.boas-verlag.de


Kapitel

1

Der Wetterdienst von Georgia hatte einen Sturm der Windstärke 9 vorhergesagt. Diese Vorhersage hatte sich zu Cades Verdruss nicht nur bewahrheitet, sondern war sogar noch übertroffen worden. Als Chef der kleinen Polizeieinheit von Cape Refuge konnte er gegen die Verwüstung, die der über die Insel hinweg in Richtung Savannah tobende Sturm anrichtete, wenig ausrichten. Aber die Sicherheit der Inselbewohner lag ihm immer am Herzen. Auch wenn es erst zwei Uhr nachmittags war, war der Himmel nachtschwarz. Blitze zuckten wie weißglühende Strahlen über den Himmel, schlugen auf der Insel ein oder entluden sich über dem tosenden Atlantik. Donner grollten ununterbrochen. Der Regen prasselte so stark hernieder, dass Regenschirme gänzlich nutzlos waren und Straßen überflutet wurden. Cade musste sich anstrengen, um durch die verregnete Windschutzscheibe seines Streifenwagens etwas sehen zu können. Der Regen, der auf das Dach trommelte, und die Scheibenwischer, die quietschend seine Frontscheibe freiwischten, machten es ihm schwer, die von Knistern überlagerten Meldungen aus dem Funkgerät am Armaturenbrett zu verstehen. Er drehte die Lautstärke hoch. Man hatte ihn über drei Unfälle mit Blechschaden in Cape Refuge und eine vom Gewitter zerstörte Starkstromleitung in der Nähe der Eigentumswohnungen am nördlichen Strand informiert. Wenn die Leute drinnen bleiben würden, könnten vielleicht weitere Probleme vermieden werden. Aber dieser Wunsch würde niemals in Erfüllung gehen. An Tagen wie diesen fuhren die Inselbewohner trotz des Unwetters genauso schnell wie an trockenen, sonnigen Tagen. Wirbelsturmjäger standen auf ihren Veranden und suchten den Himmel nach Trichterwolken ab. Und die waghalsigsten unter den Einheimischen ignorierten die Gefahr durch die Blitze und stürzten sich mit ihren Surfbrettern in die Wellen, um bei diesem Gewitter einen unbeschreiblichen Nervenkitzel zu erleben. Man überließ es Cade und seiner Polizeitruppe, das Chaos zu beseitigen und neue Katastrophen abzuwenden.

9


Die Stimme des Polizeidisponenten klang knisternd aus dem Funkgerät und Cade griff nach dem Mikrofon. „Was gibt’s, Sal?“ „Chief, in der Nähe der Docks liegt noch eine vom Gewitter zerstörte Starkstromleitung auf der Straße. Sie müssen den Verkehr umleiten, sonst wird sich noch jemand verletzen.“ Cade seufzte. „In Ordnung, ich bin schon unterwegs.“ Er steckte das Mikrofon zurück in die Halterung und schaltete das Blaulicht ein. Er wendete, fuhr zurück, um die Südspitze der Insel herum und dann in nördlicher Richtung zu den Docks. Er musste verhindern, dass die Leute über die stromführende Leitung fuhren. Er hoffte, dass man beim Elektrizitätswerk schnell reagieren und die Servicefahrzeuge herschicken würde. Die Scheibenwischer strichen unentwegt über die Windschutzscheibe, aber es regnete so stark, dass seine Sicht trotzdem eingeschränkt war. Er musste sich anstrengen, um überhaupt etwas erkennen zu können. Die meisten Autos fuhren zur Seite, um ihn vorbeizulassen. Er schaltete die Sirene ein, um auch die Übrigen auf sich aufmerksam zu machen, aber drei oder vier Wagen fuhren weiter auf der Spur vor ihm her. „Aus dem Weg!“, schrie er und fuhr so dicht auf das nächste Auto auf, dass er damit rechnen musste, beim nächsten Bremsen auf dessen Fahrersitz zu landen. Glücklicherweise wich der Mann zur Seite aus. Doch die anderen Wagen vor ihm hatten ihn bisher weder gehört noch gesehen. Also fuhr er, die Sirene immer noch eingeschaltet, hinter das nächste Auto. Einen Häuserblock weiter sah Cade einen Mann auf der anderen Straßenseite stehen, der den Regen gar nicht wahrzunehmen schien. Die vorbeifahrenden Autos bespritzten ihn mit Wasserfontänen, aber er stand nur da und starrte auf den vorbeifahrenden Verkehr. Der Wagen vor Cade fuhr immer noch nicht zur Seite, und so hämmerte er auf die Hupe. Die Gegenfahrbahn in Richtung Süden hatte sich geleert, da die Autofahrer auf den Seitenstreifen des Ocean Boulevard auswichen. Er setzte zum Überholen an, fuhr auf die Gegenfahrbahn und beschleunigte leicht. Der Mann stand immer noch am Straßenrand, völlig durchnässt und geistesabwesend. Cade wusste, dass er ihn beim 10


Vorbeifahren nassspritzen würde. Warum ging der Mann nicht weg? Er ließ die Sirene eingeschaltet und drückte wieder auf die Hupe, während er auf der Gegenfahrbahn weiterfuhr. Jetzt war er auf gleicher Höhe mit dem Auto, das ihm nicht auswich. Er schaute zum Fahrer hinüber und dieser schaute ihn ebenfalls an. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Es war ein Jugendlicher, wahrscheinlich ein Fahranfänger, der nicht wusste, wie er reagieren sollte. Der Teenager machte eine Vollbremsung. Cade trat aufs Gaspedal und schaute wieder nach vorne – gerade in dem Augenblick, in dem der Fußgänger vor sein Auto lief. Cade schrie auf und trat voll auf die Bremse. Sein Wagen rutschte genau auf den Mann zu ... Ein Gewitterdonner krachte im selben Moment wie der Knall des Aufpralls. Der Mann flog über die Motorhaube, knallte in Cades Windschutzscheibe und zerschmetterte sie ... dann wurde er vor das Auto geschleudert und blieb regungslos mitten auf der Straße liegen. Cade war für einige Sekunden wie gelähmt, dann tastete er nach dem Türgriff und stieg aus. Der Regen prasselte auf ihn nieder und der Wind stieß ihn beinahe wieder in sein Auto zurück. Er rannte zu dem Mann. Oh Gott, was habe ich nur getan? Er hörte Leute rufen und Türen schlagen, als andere Autofahrer ausstiegen und platschend zu dem Mann hinliefen. Cade erreichte ihn als Erster und kniete sich ins handbreit hoch auf der Straße stehende Wasser. Der Verletzte schlug langsam die Augen auf und seine Lippen bewegten sich lautlos. Cade griff nach dem Funkgerät an seiner Schulter. „Sal, ich brauche einen Rettungswagen. Wir befinden uns nur eine halbe Meile vom Hafen entfernt.“ Er schrie die Worte heraus, um sicherzustellen, dass er auch verstanden wurde. „Es ist dringend! Ich habe gerade einen Fußgänger angefahren!“ „Ist schon unterwegs, Chief!“, antwortete der Polizeidisponent. Cade berührte den Kopf des Mannes, vorsichtig, um ihn ja nicht zu bewegen. Warmes Blut lief über seine Hand, aber der Platzregen spülte es schnell wieder weg. „Können Sie mich hören?“

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Der Mann versuchte zu sprechen, aber Cade konnte ihn nicht verstehen. Wieder donnerte es. Er tastete nach dem Hals des Mannes, der Puls war schwach und unregelmäßig. „Halten Sie durch! Sie werden wieder gesund! Bitte halten Sie nur durch!“ Um die Blutung zu stoppen, drückte er auf die Wunde am Hinterkopf des Mannes. Aber er verlor so viel Blut ... zu viel ... Der Mann versuchte sich aufzurichten und diesmal konnte Cade seine Reibeisenstimme hören. ,,Sie müssen ... bitte ... außer Kontrolle ...“ „Nicht bewegen!“ Was musste man noch mal bei einer offenen Kopfwunde tun? Er hörte Sirenen und rufende Stimmen. Jemand spannte einen Regenschirm über ihnen auf, ein schwacher Versuch, das Opfer vor dem Unwetter zu schützen, aber der Sturm ließ ihn umschlagen. Ein anderer legte einen Regenmantel über den Mann ... Blitze zuckten, Donner grollten ... „Cade“, sagte jemand, ,,er ist dir direkt vors Auto gelaufen.“ Das Blut strömte nur so aus der Wunde. Der Puls des Mannes wurde immer schwächer. Wo blieb nur der Krankenwagen? „Ich habe ihn gesehen. Er war wie in Trance oder so was.“ „Ist er tot, Cade?“ Das Sirenengeheul kam näher und er betete, dass die Leute von der Straße wegblieben und den Krankenwagen durchließen. Dieser hielt dicht neben ihm an, und Cade hörte Leute auf sich zulaufen. Sanitäter knieten neben dem Verletzten nieder und Cade machte ihnen Platz. „Er hat eine Kopfverletzung“, rief er laut, um den Sturm zu übertönen. „Er ist gegen meine Windschutzscheibe geprallt.“ Während die Sanitäter sich um den Mann kümmerten, trat Cade weiter zurück. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ich habe einen Mann angefahren ... einen unschuldigen Mann ... Er flüsterte Stoßgebete vor sich hin, in denen er um ein Wunder bat. Der Mann durfte einfach nicht sterben. Das war sein Hauptanliegen. Polizisten hatten die Aufgabe, Menschen vor Gefahren zu beschützen und nicht, sie zu töten. „Ruf einen Rettungshubschrauber, Cade!“, rief einer der Sanitäter. „Und mach uns den Weg frei. Dem Mann bleibt nicht mehr viel Zeit.“ 12


„Der Helikopter kann bei dem Wetter nicht fliegen. Ihr müsst ihn ins Krankenhaus fahren.“ Er half den Sanitätern, den Mann in den Krankenwagen zu tragen, und stoppte dann den Verkehr, damit sie abfahren konnten. Er schüttelte den Kopf und versuchte, sich zusammenzureißen. Einer musste hier die Leitung übernehmen. Aber was tat ein Polizeichef, wenn er selbst beinahe einen Menschen getötet hätte? Er drehte sich um und sah einige seiner Polizeibeamten auf sich zukommen. „J.J., leiten Sie den Verkehr um“, rief er. „Halten Sie die Autos von diesem Häuserblock fern, bis wir hier fertig sind. Jim, fahren Sie zu den beschädigten Stromleitungen in der Nähe der Docks und regeln Sie den Verkehr dort. Alex, nehmen Sie den Unfall auf und machen Sie Fotos davon.“ „Aber Cade, sind Sie sicher, dass Sie den Unfall nicht selbst aufnehmen wollen?“ „Ich muss ins Krankenhaus fahren und mich erkundigen, ob er durchkommt.“ Seine Stimme brach. „Schreiben Sie einfach den Bericht und behandeln Sie mich wie jeden anderen Autofahrer, der einen Fußgänger angefahren hat. Rufen Sie mich auf dem Handy an, wenn Sie Fragen haben. Wenn ich in Savannah ankomme, sollte ich wieder Empfang haben.“ Er ging zu seinem Wagen zurück und stieg ein. Durch die zerbrochene Windschutzscheibe sah er, dass Alex ihm nachschaute, als ob er nicht wüsste, was er tun solle. Dann drehte er sich um und begann, einen Zeugen zu befragen. Cade schloss die Augen und ließ seinen Kopf aufs Lenkrad sinken. Es könnte passieren, dass der Mann stirbt. Warum nur war er auf die Straße gelaufen? Er hätte Cade doch sehen müssen. Blaulicht und Sirene waren eingeschaltet. Selbst Autofahrer, die ihre Radios eingeschaltet hatten und deren Klimaanlagen brummten, hatten ihn gehört und waren ausgewichen. Wie konnte der Mann dann direkt vor einen vorbeirasenden Polizeiwagen laufen? Er fühlte sich, als hätte ihm jemand die Faust in den Magen gerammt. Das Atmen fiel ihm schwer und seine Schläfen begannen zu pochen. Er griff nach den Schlüsseln, die noch im Zündschloss hin

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gen. Aber dann wurde ihm bewusst, dass er erst fortfahren konnte, wenn der Unfallort geräumt war. Außerdem konnte er nicht mit einer zersplitterten Windschutzscheibe fahren. Er stieg wieder aus und schritt durch den Regen davon. „Wohin gehen Sie, Chief?“, fragte Alex. „Ich suche jemand, der mich zur Polizeistation zurückbringt, damit ich dort meinen eigenen Wagen holen kann.“ „Ich fahre dich hin, Cade!“, sagte Melba Jefferson, eine kleine rundliche Frau, die in die gleiche Gemeinde ging wie er und es sich zur Aufgabe gemacht hatte, andere in Zeiten der Not zu trösten. Sie stand ganz in der Nähe und kämpfte verzweifelt mit ihrem Regenschirm, der immer wieder umschlug. „Okay, Melba“, antwortete er. „Dann lass uns fahren.“ Sie führte ihn zu ihrem Auto, dass sie am Straßenrand geparkt hatte. Er stieg auf der Beifahrerseite ein, während sie mit ihrer rundlichen Figur auf den Fahrersitz glitt. „Geht es dir gut, mein Lieber?“, fragte sie. Er schüttelte den Kopf. „Es geht nicht um mich, Melba. Da liegt gerade ein Mann im Sterben.“ Sie griff nach hinten und holte ein Päckchen Papiertaschentücher vom Rücksitz. „Schau, deine Hände sind ganz blutig.“ Cade sah auf seine Hände hinab. Das Blut des Mannes klebte an ihnen, obwohl der Regen es schon ein wenig abgewaschen hatte. Er nahm sich mehrere Taschentücher und wischte die Blutreste ab. Als Melba losfuhr, machte Alex ihr den Weg frei, sodass sie wenden und zur Polizeistation zurückfahren konnte. Während der Fahrt schwieg sie, was Cade zu schätzen wusste. Sie wusste genau, wann Worte angebracht waren und wann nicht. Sie fuhr ihn zur Polizeistation und bog dort in eine Parklücke ein. „Ich werde ein paar Leute benachrichtigen, dass sie für euch beten“, sagte sie. Er nickte. „Mach das! Danke fürs Herbringen, Melba.“ Cade lief über den geschotterten Parkplatz zu seinem Wagen, sprang hinein und fuhr davon, bevor Melba ihren Wagen gewendet hatte.

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