
Collin Hansen & Jonathan Leeman Gemeinde wiederentdecken
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Collin Hansen & Jonathan Leeman Gemeinde wiederentdecken


Warum die Ortsgemeinde so wichtig ist


Collin Hansen & Jonathan Leeman
Collin Hansen & Jonathan Leeman
Jonathan Leeman (geb. 1973, MDiv, Southern Baptist Theological Seminary) dient als Ältester in der Cheverly Baptist Church in einem Vorort von Washington, D.C., und ist leitender Redakteur von 9Marks Ministries sowie Herausgeber dessen eJournals. Er hat mehrere Bücher geschrieben, u.a. für die Reihe 9 Merkmale gesunder Gemeinden (siehe letzte Seite dieses Buches).
Collin Hansen (geb. 1981, MDiv, Trinity Evangelical Divinity School) ist leitender Redakteur von The Gospel Coalition, moderiert den Podcast Gospelbound und hat zahlreiche auflagenstarke Bücher verfasst.
1. Auflage 2021
© des engl. Originals 2021 by Collin Hansen and Jonathan Leeman
Originaltitel: Rediscover Church
Erschienen bei Crossway Books, Wheaton, Illinois
© der deutschen Übersetzung: Betanien Verlag 2021
Imkerweg 38 · 32832 Augustdorf www.cbuch.de · info@betanien.de
Übersetzung: Isabel Hess
Lektorat: Florian Gostner
Cover: 9Marks.org und Sara Pieper
Satz: Betanien Verlag
Druck: Druckhaus Nord, Neustadt a. d. Aisch
ISBN 978-3-945716-63-2
Es mag viele Gründe geben, warum du nicht in die Gemeinde gehst. Vor allem während der Corona-Pandemie haben viele Menschen aufgehört, eine Gemeinde zu besuchen – einigen Schätzungen zufolge etwa ein Drittel der Gottesdienstbesucher. Vielleicht bist du einer von ihnen. Dieses Buch soll dir dabei helfen, die Gemeinde wiederzuentdecken. Oder es soll dir helfen, zum ersten Mal zu entdecken, warum Gott möchte, dass du Teil einer Gemeinde bist und dort aktiv mitgestaltest.
Wir denken: Ein Christ ohne Gemeinde ist ein Christ in Schwierigkeiten. Doch die Zeiten, in denen man davon ausgehen konnte, dass jeder überzeugte Christ verstand, warum er Teil einer Gemeinde sein sollte, liegen weit hinter uns. Die Zahl derer, die sich als Christen bezeichnen, ist deutlich höher als die Zahl derer, die wöchentlich einen Gottesdienst besuchen. Die Aufgaben in unseren Gemeinden lasten nach wie vor auf denselben wenigen Schultern. Es ist nicht so, als wäre Covid -19 der Grund, warum viele Christen denken, sie seien nicht mehr auf die Gemeinde angewiesen. Millionen von Christen haben diese Entscheidung bereits getroffen, bevor man sich online anmelden, Abstandsregelungen einhalten und Masken tragen musste, um an Gemeindeveranstaltungen teilzunehmen.
Doch Covid -19 beschleunigte diesen schon lange anhaltenden Trend, den persönlichen Glauben von der Gemeinde und der Kirche als Institution loszulösen. Die plötzlichen Lockdowns und die Unsicherheit, wie lange die Situation anhalten würde, haben uns alle kalt erwischt. Es ist schwer, sich nach so langer Zeit wieder aufzurappeln und den Gemeindebesuch erneut zur Gewohnheit zu machen. Dieses Problem betrifft nicht nur die
Gemeinde wiederentdecken · Einleitung
Gemeinde. Versuch doch mal nach mehreren Monaten der Untätigkeit wieder ins Fitnessstudio zurückzukehren …
Wieder zur Gemeinde zu gehen, wäre schon schwer genug, wenn unser einziges Problem darin bestünde, dass eine gefährliche Krankheit uns viel länger voneinander getrennt hat, als die meisten das anfangs für möglich gehalten hätten. Aber die Angst, sich das Virus einzufangen, ist der wohl geringste Grund, warum viele Christen nicht mehr zur Gemeinde gehen. Debatten um Masken, Impfungen und andere umstrittene Themen spalteten die Gemeinden, deren Mitglieder zu Hause eingesperrt waren und sich ihre Zeit mit düsteren Warnungen und Verschwörungstheorien auf Facebook vertrieben. Bevor die sozialen Medien Einzug gehalten haben, konnten sich Christen untereinander deutlich besser leiden. Nimmt man jetzt noch die gemeinsame wöchentliche Anbetung aus der Gleichung, reißt das Band der Liebe ganz ab.
Doch das ist nicht alles. Wenn es um Politik geht, scheiden sich die Geister noch mehr. Wie kann man als Christ mit Menschen gemeinsam Gottesdienst feiern, die so unterschiedliche Ansichten haben? Christen mögen sich in der eigenen Gemeinde einig sein, wenn es um Themen wie die Dreieinigkeit und sogar das Taufverständnis geht. Aber was nützt das, wenn wir uns mit ihnen weniger verbunden fühlen als mit politisch Gleichgesinnten, selbst wenn diese keine Christen sind?
Von Gemeindeleitern möchten wir gar nicht erst anfangen. Sie haben unsere Beschwerden doch gehört. Warum haben sie während des Lockdowns nicht einmal den Hörer in die Hand genommen und gefragt, wie es uns geht? Was haben sie überhaupt während der Pandemie gemacht? Die Online-Gottesdienste waren lieblos umgesetzt, wenn sich überhaupt jemand die Mühe machte, einzuschalten, während er von aufgedrehten Kindern abgelenkt war. Abgesehen davon kann man unsere Gemeindeleiter vor Ort sowieso nicht mit den mutigen Leitern vergleichen, die in Fernsehinterviews und Artikeln gekonnt auf provokante Fragen eingehen. Zudem machte die Pandemie es noch nie so einfach, ohne schlechtes Gewissen den eigenen Gottesdienst sausen zu
Gemeinde wiederentdecken · Einleitung
lassen und sich die Online-Predigten aus anderen Gemeinden anzuschauen. Wir wussten doch, dass es niemand merkte, da wir uns ohnehin nicht persönlich sahen.
Ja, wir alle haben lauter Gründe, nicht wieder in die Gemeinde zu gehen. Manche Gemeinden erwarten nicht mal, dass wir jemals wieder erscheinen. Sie führen virtuelle Gemeinden mit virtuellen Gemeindeleitern ein. Es gibt keinen Grund mehr, sonntagmorgens noch früh aufzustehen, eine Hose anzuziehen und einen Parkplatz zu suchen. Es gibt keinen Grund mehr, das weinende Baby der Sitznachbarin auszublenden. Keinen Grund für Small Talk mit dem Bruder, dessen politische Ansichten mir gegen den Strich gehen. Kein Grund, während einer langen Predigt ein Gähnen zu unterdrücken. Kein Grund, das Brot und den Wein zu schmecken.
Eine Zukunft für die Gemeinde
Gibt es dann überhaupt noch eine Zukunft für die Gemeinde? Ist die Gemeinde der Zukunft virtuell? Ja und Nein. Deswegen möchten wir dich mit diesem Buch dazu anregen, Gemeinde wiederzuentdecken. Das tun wir nicht aus Naivität – als würden wir nicht begreifen, warum sich jemand mit seiner Gemeinde vor Ort schwertun könnte. Die Wahrheit ist, dass jeder, der die Gemeinde liebt, auch lernen muss, zu vergeben und im Umgang mit anderen Christen nachsichtig zu sein. Gott lädt uns nicht in die Gemeinde ein, weil sie ein wohliger Ort ist, an dem man geistlich ein wenig erbaut wird. Nein, er lädt uns in eine geistliche Familie aus Außenseitern und Ausgestoßenen ein. Er heißt uns in einem Zuhause willkommen, das zwar nicht das ist, was wir wollen, aber genau das, was wir brauchen. Versuch dich an die Gemeinde vor der Pandemie zu erinnern, als du die Geschwister um dich herum angesehen hast, die sich versammelten, um zu singen, zu beten und Gottes Wort zu hören. Du magst gedacht haben, dass jeder von ihnen froh war, dort zu sein. Vielleicht haben sie still der Predigt gelauscht oder
ein bestätigendes »Amen« von sich gegeben. Womöglich haben sie ihre Hände gehoben, als der Chor sang, oder während eines ergreifenden Liedes ihr Gesicht in ihren Händen vergraben. Vielleicht haben sie herzliche Handschläge verteilt, freundlich »Hallo« gesagt oder einander eine gesegnete Woche gewünscht, bevor sie weitergingen.
Aber es ist nicht alles, wie es scheint – auch nicht in einem gefüllten Versammlungssaal voller lächelnder Gesichter. Die Pandemie hat unsere Beziehungen strapaziert und einen Teil des Schmerzes und der Angst, die hinter den glücklichen Gesichtern verborgen waren, zum Vorschein gebracht. Hinter jedem Lächeln in der Gemeinde kannst du eine Geschichte finden. Eine Familie, die während der ganzen Fahrt zum Gottesdienst gestritten hat. Eine Witwe, die über einen Verlust trauert, den alle um sie herum schon vergessen haben. Du wirst eine einsame Seele finden, die inmitten eines Lebens voller Schmerz und Leid mit dem Zweifel an Gottes Güte ringt. Vielleicht sogar einen Gemeindeleiter, der sich fragt, wie er die Gemeinde dazu anleiten soll, Jesus nachzufolgen, nachdem er in der vergangenen Woche selbst so oft daran gescheitert ist.
Du kannst dir Woche um Woche nie wirklich sicher sein, wie es allen geht und was sie denken – egal welchen Anschein es nach außen hin macht. Du kannst dir noch nicht mal sicher sein, warum sie alle kommen. Deswegen weißt du auch nicht, wer von ihnen wiederkommen wird. Der eine hat sich vielleicht ganz genau mit den Lehren mehrerer Gemeinden beschäftigt, bevor er sich für jene entschieden hat, die mit seinen eigenen Ansichten am meisten übereinstimmt. Der andere war einfach auf der Suche nach neuen Freunden, nachdem er hergezogen ist. Wieder ein anderer hüpfte von einer Gemeinde zur nächsten und fand nie die passende. Und der nächste kann sich nicht im Traum vorstellen, die Gemeinde zu verlassen, in der er aufgewachsen ist und jeden Meilenstein – jede Geburt, jede Hochzeit, jeden Todesfall – miterlebt hat. Nur anhand von Äußerlichkeiten erkennst du niemals die ganze Geschichte, nicht einmal in deiner eigenen Gemeinde. Gemeinde wiederentdecken · Einleitung
Warum solltest du also die Gemeinde wiederentdecken? Was könnte dich dazu bringen, am Sonntagmorgen aus dem Bett zu steigen oder am Mittwochabend nach der Arbeit wieder von der Couch aufzustehen? Warum solltest du unter mehreren Möglichkeiten ausgerechnet zu dieser einen Gemeinde zurückkehren? Warum solltest du dich überhaupt noch mit dem Christentum beschäftigen? Die Welt hat der Gemeinde während der Pandemie kaum hinterhergetrauert. Und überhaupt – was ist Gemeinde schon? Eine Selbsthilfegruppe für die mental und emotional Schwachen? Ein Zusammenschluss von Leuten mit denselben engstirnigen politischen Ansichten? Ein gemeinnütziger Verein für Menschen mit einer Vorliebe für altmodische Lieder?
Schon bevor das Risiko einer Ansteckung bestand, gab die Gemeinde ein zunehmend skurriles Bild ab in einer Zeit, in der sich Menschen nur selten für tiefe, persönliche Gespräche, schweigsames Lernen und überschwängliches Singen trafen. Dann kommt noch hinzu, dass die zentralen Inhalte aus einem uralten Buch über befremdliche Praktiken wie Tieropfer stammen – einem Buch, das für Christen absolute Autorität hat.
Was genau passiert eigentlich, wenn du in die Gemeinde gehst? Damit meinen wir nicht so etwas wie die Predigt, den Gesang oder den Gottesdienst (auch wenn wir all diese Dinge in diesem kurzen Buch behandeln werden). Wir meinen das, was hinter den lächelnden Gesichtern vor sich geht, hinter den Liedern, hinter dem Bibellesen. Wir meinen die Absichten und Pläne Gottes – denn deine Gemeinde ist weit mehr als das, was du mit deinen Augen siehst. Um genau zu sein, ist sie Gottes Augapfel, der Leib, für den Jesus Christus seinen eigenen Leib opferte. Sie ist essenziell.
Deswegen verwendet Gott die intimste aller menschlichen Beziehungen, die Ehe, um zu beschreiben, was in der Gemeinde vorgeht. Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde in Ephesus über die Ehe:
Ihr Männer, liebt eure Frauen, gleichwie auch der Christus die Gemeinde geliebt hat und sich selbst für sie hingegeben
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hat, damit er sie heilige, nachdem er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort, damit er sie sich selbst darstelle als eine Gemeinde, die herrlich sei, sodass sie weder Flecken noch Runzeln noch etwas Ähnliches habe, sondern dass sie heilig und tadellos sei. (Eph 5,25-27)
In diesem Abschnitt hilft uns Paulus, etwas von einer Beziehung abzuleiten, die wir kennen – der Ehe –, um etwas über die Gemeinde zu verstehen, das wir nicht sehen können: Ehemänner lieben ihre Frauen, indem sie ihr Leben für sie hingeben. Genauso gab auch Jesus Christus – Gottes eingeborener Sohn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, auf römischen Befehl hin gekreuzigt, am dritten Tag auferstanden von den Toten – sich selbst für die Gemeinde hin. Durch sein Opfer am Kreuz vergibt er all denen, die von ihren Sünden umkehren und ihm vertrauen. Du kannst heilig sein, weil Jesus seinen Leib hingab. Genauso wie du deinen Körper nährst und pflegst, nährt und pflegt Christus seine Gemeinde (Eph 5,29).
Denk an dieses tiefe Geheimnis von Jesus und der Gemeinde, wenn die ältere Frau neben dir zu viel Parfüm trägt, wenn der Typ, der vor dir sitzt, nicht im Takt mitklatscht oder wenn dein Freund auf der anderen Seite des Ganges vergisst, dir zum Geburtstag zu gratulieren. Noch schwerer ist es, sich dieses Geheimnis vor Augen zu führen, wenn du allein zu Hause sitzt, denn sogar die seltsamen Mitglieder der Gemeinde – oder gerade sie – erinnern uns daran, dass wir einzig und allein aus Gnade vor Gott treten können. Niemand kann sich einen Platz an seinem Tisch erkaufen. Man kann nur eingeladen werden.
Ob du es glaubst oder nicht – es wird noch spannender! Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth: »Ihr aber seid der Leib des Christus, und jeder ist ein Glied daran nach seinem Teil« (1Kor 12,27). Ganz genau – die Gemeinde ist der Körper Jesu. Das gilt für den Banker im Gemeindevorstand und auch für den Alkoholiker, der auf dem Weg der Besserung ist, aber seinen Körpergeruch noch nicht unter Kontrolle hat. Das gilt für die junge Frau, die dich am Eingang mit einem Lächeln begrüßt,
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und für die Kindergärtnerin, die noch immer Single ist. Wenn ihr von eurer Sünde umgekehrt seid und der guten Nachricht von Jesu Tod und Auferstehung glaubt, dann gehört ihr alle zu Christus – und zueinander. Paulus sagt den Römern: »Denn gleichwie wir an einem Leib viele Glieder besitzen, nicht alle Glieder aber dieselbe Tätigkeit haben, so sind auch wir, die vielen, ein Leib in Christus, und als einzelne untereinander Glieder« (Röm 12,4-5).
In Christus ist deine Gemeinde vollkommen – ohne Flecken und Falten. Das gilt sogar in Zeiten von Pandemien und politischen Unruhen. In der Praxis – das weißt du (oder du wirst es noch merken) – besteht deine Gemeinde zwar aus Menschen, die noch immer gegen Gott und einander sündigen, doch zur gleichen Zeit heiligt der Geist sie. Sie treten dir auf die Füße. Sie vergessen, dass sie eigentlich für die Kinderstunde eingetragen waren. Sie sagen verletzende Dinge. Sie sind voreingenommen. Und die Liste ließe sich fortsetzen.
Doch während wir dir im Laufe dieses Buchs helfen, die Gemeinde wiederzuentdecken, musst du dir stets das ins Gedächtnis rufen, was du nicht sehen kannst. Du kommst zur Gemeinde zurück, weil du zu Gott gehörst und weil Jesus seinen Leib dafür gab. Deshalb schafft Jesus sich einen Leib aus Gläubigen von jedem Stamm, jeder Sprache, jedem Volk und jeder Nation (Offb 5,9). In diesem Leib ist keiner wichtiger als der andere, denn alle gehören allein aus Gnade und allein durch Glauben dazu. Gott ergreift nicht Partei für die Reichen oder bevorzugt die Mächtigen (Jak 2,1-7). Weil wir Christus alles verdanken, nehmen wir Anteil aneinander: »Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit« (1Kor 12,26).
Ihr gehört zu Gott und zueinander. Ein Leib, viele Glieder –einschließlich dir! Vielleicht findest du viele Gründe dafür, warum du Gemeinde nicht wiederentdecken willst – aber es gibt auch einen Grund dafür, warum du es musst : weil Gott dir durch diese Menschen, die du vielleicht nicht einmal besonders gerne magst, seine Liebe zu dir zeigen will. Es ist die einzige Art von Liebe, die uns aus uns selbst heraus und in eine Gemeinschaft
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hineinziehen kann, die über alle Kräfte hinausgeht, die unsere kranke Welt auseinanderreißen. Es ist der einzige, unumgängliche Weg, wie wir gemeinsam Heilung erfahren können.
Zusätzlich zu alledem ist die Gemeinde der Ort, von dem Jesus sagt, dass er dort in besonderer Weise gegenwärtig ist. Wir wagen sogar zu behaupten, dass deine (und unsere) Gemeinde der Ort ist, wo der Himmel die Erde berührt und wo unsere Gebete allmählich erhört werden: »Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden.«
Jonathan Leeman
Vielleicht haben deine Eltern dich als Kind in den Gottesdienst mitgenommen. Bei mir war es so. Manches dabei mochte ich, anderes nicht. Jedenfalls liebte ich es, mit meinen Freunden im Gemeindegebäude Verstecken zu spielen. Es war ein großes, verwinkeltes Gebäude mit Fluren, Durchgängen und Treppen, wo man sie nicht erwartete – perfekt zum Versteckspiel. Wenn du mich damals gefragt hättest, was eine Gemeinde ist, hätte ich wahrscheinlich auf das Gebäude gezeigt.
Als Jugendlicher interessierte ich mich in Bezug auf die Gemeinde hauptsächlich für den Freitagabend, an dem wir uns mit den Teens zu coolen Liedern, lustigen Spielen und kurzen Andachten trafen. Wenn du mich darauf angesprochen hättest, ob ich jemals darüber nachdachte, offiziell der Gemeinde beizutreten, hätte ich sicher nicht gewusst, was ich antworten soll. Wahrscheinlich wäre ich der Frage ausgewichen, weil ich sie als belanglos angesehen hätte.
Später auf der Universität hörte ich auf, eine Gemeinde zu besuchen. Ich glaubte noch immer an die Wahrheiten des Christentums – zumindest in meinem Kopf. Doch ich liebte die Welt mehr als Jesus. Also ging ich der Welt nach – und zwar mit Begeisterung. Soweit ich das heute beurteilen kann, war ich damals ein Namenschrist. Mein Christsein war oberflächlich. Für mich war Jesus mein Retter, aber sicher nicht mein Herr. Von Jesu Befehl: »Tut Buße und glaubt« (Mk 1,15) hatte ich den ersten Teil außer Acht gelassen. Ich glaubte, aber ich hatte nicht Buße getan. Hättest du mich gefragt: »Was ist eine Gemeinde?«, hätte ich
wahrscheinlich geantwortet: »Ein Haufen Leute, die Jesus nachfolgen wollen. Und deswegen will ich nicht dorthin.« Ironischerweise verstand ich immer mehr, was die Gemeinde wirklich ist, je mehr ich mich von ihr entfernte.
Was ist mit dir? Hast du dich jemals gefragt, was eine Gemeinde ist?
Im August 1996 schloss ich mein Studium ab und zog nach Washington, D. C., um dort eine Arbeitsstelle zu suchen. Ein gläubiger Freund hatte mir von einer Gemeinde in der Stadt erzählt. Mit einem Anflug von Schuldgefühlen aufgrund meines damaligen Lebensstils, aber gleichzeitig auch mit dem Wunsch nach etwas Tieferem, Sinnvollerem im Leben, entschloss ich mich hinzugehen. Ich erinnere mich nicht mehr an die Predigt an diesem Sonntagmorgen. Aber ich erinnere mich daran, dass ich am selben Tag noch den Abendgottesdienst besuchte. Und am darauffolgenden Mittwoch die Bibelstunde. Auch in der nachfolgenden Woche besuchte ich alle drei Veranstaltungen: Sonntagmorgen, Sonntagabend, Mittwochabend. Plötzlich war ich von jemandem, der nie in den Gottesdienst ging, zu jemandem geworden, der dreimal in der Woche die Gemeinde besuchte. Niemand zwang mich dazu. Etwas zog mich dorthin. Oder besser gesagt, jemand zog mich dorthin, nämlich der Heilige Geist. Und er gebrauchte dazu zwei Dinge.
Zum einen gebrauchte er die Predigten von Pastor Mark. Ich hatte nie etwas Derartiges gehört. Mark predigte die Bibel Vers für Vers, Kapitel für Kapitel, ohne dabei in Verlegenheit zu kommen. Eines Sonntags predigte Mark zum Beispiel über eines der eher schwer zu verdauenden Kapitel aus dem Buch Josua im Alten Testament. Gott hatte Josua befohlen, in eine kanaanitische Stadt zu gehen und dort jeden zu töten – Mann und Frau, Jung und Alt, Rinder, Schafe und Esel. Mark las den Text laut vor, hob seinen Blick in den Zuschauerraum und hielt inne.
Was ist eine Gemeinde?
»Was wird er jetzt sagen?«, fragte ich mich. »Dieser Text ist einfach ungeheuerlich!«
Schließlich redete Pastor Mark weiter: »Wenn du ein Christ bist, dann solltest du wissen, warum so ein Text in der Bibel steht.«
»Moment, wie bitte?« Zuerst war ich über seine provokanten Worte verärgert: »Ich soll wissen, wieso das in der Bibel steht? Warum sagst du es mir nicht, Herr Prediger?!«
Doch nach einer Weile fingen seine Worte an, für mich Sinn zu ergeben. Verse wie der, den Mark vorgelesen hatte, erinnern uns daran, dass Gott uns keine Erklärungen schuldig ist. Nein, wir schulden ihm Erklärungen. Gott steht nicht vor Gericht. Wir stehen vor Gericht. Er ist der Schöpfer und der Richter. Nur er kann Leben geben und nehmen.
Ich erinnere mich nicht mehr daran, was Pastor Mark als Nächstes sagte. Aber ich will darauf hinaus, dass meine Welt angefangen hatte, sich zu verändern. Die Realität wurde neu geordnet. Ich fing an, die Welt ein wenig mit anderen Augen zu sehen. Etwa so, wie wenn man mit dem Alter neue Perspektiven einnimmt – nur eben in einem Augenblick. Eine Überzeugung hatte Einzug in mein Denken gehalten: »Gott ist Gott. Ich bin es nicht.«
Gute Predigten vollbringen dieses Werk Woche für Woche. Sie eröffnen dir treu die Bibel und verändern so die Augen deines Herzens. Sie helfen dir, die Welt aus Gottes Blickwinkel zu sehen, nicht aus deinem eigenen. Wir werden uns in Kapitel 4 näher mit dem Thema Predigt auseinandersetzen.
Doch Predigten waren nicht das Einzige, das der Heilige Geist benutzte, um mich in die Gemeinde zu ziehen. Er gebrauchte auch Menschen. Ein Mann namens Daniel lud mich ein, jeden Samstagmorgen mit seiner Familie zu frühstücken und den Propheten Jesaja durchzuarbeiten. Helena und Henry, ein Rentnerehepaar, luden mich zum Abendessen ein. Paul und Elisabeth taten es ihnen gleich. Die Gemeinde hieß mich herzlich willkommen. In der Stadt wohnten auch einige meiner ungläubigen Studienfreunde. Doch nach und nach wuchs in mir das Verlangen, mehr Zeit
mit meinen neuen Freunden zu verbringen und auch meine alten Freunde einzuladen, sich uns anzuschließen.
Diese Gemeinde lebte mir mit ihrer Liebe und Hingabe einen völlig anderen Lebensstil vor. Ich hatte für mich selbst gelebt. Sie lebten für Gott und für ihre Mitmenschen. Ich hatte meine Worte gebraucht, um zu prahlen und zu kritisieren. Sie verwendeten ihre Worte, um zu erbauen und zu ermutigen. Ich hatte über Gott geredet, als sei er nichts als Philosophie. Sie redeten über Gott, als würden sie ihn persönlich kennen. Ich suchte mein Vergnügen in Partys. Sie suchten ihr Vergnügen in Christus.
Die Gemeinde vermittelte mir auch ein Verständnis für eine neue Art von Stadt. Washington war damals völlig aufgewühlt durch Diskussionen über die anstehenden Wahlen im November 1996. Auch bei Mitgliedern der Gemeinde waren die Wahlen ein beliebtes Gesprächsthema. Manche von ihnen kehrten sogar für einige Wochen in ihre Heimatregionen zurück, um dort Wahlkampf zu betreiben, damit ihre Chefs in den Senat oder in den Kongress einziehen könnten. Doch trotzdem redeten diese Menschen über Politik als sei sie nur wichtig, während die Gesellschaft wollte, dass sie Politik als das Wichtigste betrachteten.
Gemeindemitglieder waren politisch interessiert. Doch die Gesellschaft wollte, dass sie die Politik als Götzen verehrten.
Die politische Kultur innerhalb der Gemeinde fühlte sich ruhiger, weniger erhitzt, geradezu respektvoll an. Dadurch, dass wir in den allerwichtigsten Dingen übereinstimmten, wie z. B. der Quelle ewiger Gerechtigkeit, konnten wir uns in den wichtigen Dingen, wie der besten Strategie für politische Gerechtigkeit im Hier und Jetzt, in Liebe begegnen, selbst wenn wir anderer Meinung waren.
Auch die üblichen gesellschaftlichen Konflikte waren innerhalb der Gemeinde weniger ausgeprägt. Ich war ein alleinstehender Mann Anfang zwanzig. Mit der Zeit verbrachte ich mehr und mehr Abende mit verheirateten Paaren, die über 70 waren, und mit einer Witwe, die sogar über 80 war. Meine ersten tiefen Freundschaften mit Geschwistern, die zu ethnischen Minderheiten gehörten, entstanden in dieser Gemeinde.
Was ist eine Gemeinde?
Kurz gesagt: Ich lernte, dass die Stadt Gottes zu einem anderen Takt marschiert, auch wenn sie an einigen der gesellschaftlichen und kulturellen Märsche in den Städten dieser Welt teilnimmt. Wenn du mich zu dieser Zeit gefragt hättest: »Was ist eine Gemeinde?«, hätte ich dir keine wohlformulierte Antwort liefern können. Aber diese beiden Dinge – eine biblische Lehre und eine biblische Gemeinschaft – gewannen in meinem Denken immer mehr an Bedeutung. Eine Gemeinde – so viel wusste ich – hatte etwas damit zu tun, dass sich Menschen treffen, die sich von Gottes Wort verändern lassen. Daher leben sie immer mehr wie eine neue Art von Volk – eines, das in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt ist.
Der Himmel auf Erden
Lass mich dich noch einmal fragen: Was verstehst du unter Gemeinde?
Wenn wir nicht sorgfältig über diese Frage nachdenken, bringen wir uns selbst vielleicht um all das Gute, das Gott uns durch seine Familie geben will. Schließlich wird dein Verständnis von Gemeinde dein Leben und deinen Lebensstil prägen.
Denk zum Beispiel daran, wie man heute davon redet, einer Gemeinde »beizutreten«, als sei es ein Verein. Oder wie Menschen sagen: »Ich fahre zur Gemeinde«, als sei es ein Gebäude. Oder: »Es hat mir in der Gemeinde gefallen«, als sei es eine Show. Welche Vorstellungen stehen hinter solchen Aussagen über die Gemeinde? Und wie beeinflussen diese Vorstellungen unseren Umgang mit der Gemeinde? Meiner Meinung nach verleiten sie uns dazu, dass wir etwa 70 Minuten pro Woche über unsere Gemeinde nachdenken und sie dann den Rest der Woche außer Acht lassen.
»Aber, Moment!«, hören wir aus der Bibel, »Eine Gemeinde ist in Wahrheit der Leib Christi, der Tempel des Heiligen Geistes und die Familie Gottes, die sich trifft, um Gemeinschaft zu haben.« Wenn wir also unsere Gemeinden gedankenlos als nicht viel mehr als Vereine, Gebäude oder Shows ansehen, verpassen
wir das ganze Ausmaß an Unterstützung und Segen, das Gott uns schenken will.
Mit diesem Buch wollen wir dir helfen, die Gemeinde wiederzuentdecken, damit du einerseits verstehst, was eine Gemeinde ist, und andererseits den Segen erlebst, als ein Bruder oder eine Schwester in der Familie Gottes zu leben; die Freude, als ein Teil von Jesu Leib zu leben, der mit den anderen Teilen des Körpers verbunden ist; und die Kraft, als Stein des heiligen Tempels zu leben, in dem Gott schon auf der Erde wohnt. Wir wollen, dass du all diese Vorzüge und Segnungen erlebst, sowohl dir selbst zuliebe als auch deinen ungläubigen Freunden und Nachbarn zuliebe.
Mehr als alles andere brauchen die Menschen in deinem Umfeld nicht nur die Worte des Evangeliums, sondern auch eine Evangeliums-Gemeinschaft, die die Wahrheit dieser Evangeliums-Worte bezeugt. Sie sollen das Gemeindeleben sehen und sagen: »Gott verändert Menschen wirklich. Und er baut wirklich eine gerechte Stadt – hier in dieser Gemeinde!« (vgl. 1Kor 14,25; Hebr 11,10).
Amerikanische Politiker haben die USA mit den Worten aus Matthäus 5,14 schon lange als »Stadt auf einem Berg« bezeichnet.
Doch zum Wiederentdecken der Gemeinde gehört auch, dass wir wiederentdecken, dass unsere Gemeinden diese Städte auf einem Berg sein sollen – ganz egal, wo auf dieser Welt wir leben. Genau das benötigen wir – sowohl Christen als auch Ungläubige – in politisch und kulturell stürmischen Zeiten am meisten.
Der Himmel wird heute nicht durch eine Nation auf die Erde herabkommen. Das ist nicht mehr geschehen, seit Gott mit seiner Gegenwart den Tempel Israels erfüllte.
Und doch ist deine Gemeinde, die du mithilfe dieses Buchs hoffentlich wiederentdecken wirst, auf erstaunliche, wundervolle Art und Weise der Ort, von dem die Bibel sagt, dass der Himmel schon jetzt anfängt, auf diese Erde zu kommen:
• Das Himmelreich ist hier nahegekommen (Mt 4,17).
• Gottes Wille geschieht hier auf der Erde wie im Himmel (Mt 6).
Was ist eine Gemeinde?
• Hier sammeln wir Schätze für den Himmel (Mt 6).
• Hier binden und lösen wir, was im Himmel gebunden und gelöst sein wird (Mt 16 und 18).
• Wir sind der himmlische Tempel (1Kor 3; 1Petr 2).
Der Himmel kommt durch unsere versammelten Gemeinden auf die Erde herab. Und wenn das passiert, bietest du den Bürgern deines Landes die Hoffnung auf ein besseres Land und den Anwohnern deiner Stadt, die Hoffnung auf eine bessere, anhaltende Stadt.
Egal mit welchen Herausforderungen du als Bürger dieser Erde konfrontiert bist, ob du zu einer ethnischen Minderheit gehörst oder nicht, ob du arm bist oder reich: Deine Hoffnung auf eine gerechte und friedvolle Gesellschaft solltest du nicht auf die Königreiche dieser Welt setzen. Sie sollte auf dem einzig wahren König ruhen, der sein himmlisches Reich baut – hier in seinen »Außenstellen«: in unseren Ortsgemeinden.
Was ist eine Gemeinde?
Was ist eine Gemeinde? Die Bibel verwendet die unterschiedlichsten Metaphern, um diese Frage zu beantworten: die Familie Gottes, der Leib Christi, der Tempel des Heiligen Geistes, die Säule und das Fundament der Wahrheit, die Braut Christi, die Herde Jesu usw. Jede dieser Metaphern verrät uns etwas Wunderbares über deine und meine Gemeinde. Wir brauchen jede einzelne dieser Metaphern, um das Konzept von Gemeinde wirklich zu verstehen, denn es gibt keine andere Organisation, keinen anderen Leib und kein anderes Volk wie die Gemeinde. Wir haben in der Einleitung ein paar dieser Metaphern besprochen und werden sie immer wieder erwähnen.
Doch hier wollen wir eine theologische Definition von Gemeinde voranstellen, die wir im weiteren Verlauf dieses Buchs beleuchten werden:
Gemeinde wiederentdecken · Kapitel 1
Eine Gemeinde ist eine Gruppe von Christen (Kapitel 2),
die als irdische Botschaft (Vertretung) des himmlischen Königreichs Christi zusammenkommt (Kapitel 3),
um die gute Nachricht und die Gebote des Königs Jesus zu verkünden (Kapitel 4);
um einander durch Taufe und Abendmahl als dessen Bürger zu bestätigen (Kapitel 5);
und um Gottes Heiligkeit und Liebe darzustellen (Kapitel 6)
durch ein vereintes und vielfältiges Volk (Kapitel 7)
auf der ganzen Welt (Kapitel 8),
indem sie der Lehre und dem Vorbild ihrer Ältesten folgen (Kapitel 9).
Was ist eine Gemeinde?
Einige Monate nachdem ich nach Washington gezogen war, lud mich einer meiner neuen Freunde dazu ein, der Gemeinde beizutreten. Genauer gesagt lud er mich ein, in das Männerhaus der Gemeinde einzuziehen, in das jedoch nur Gemeindemitglieder einziehen durften. Es war ein schönes Reihenhaus auf dem Capitol Hill – eine begehrte Gegend – und die Miete war noch dazu günstig. »Klar trete ich der Gemeinde bei! Wo kann ich unterschreiben?«, lautete meine Reaktion.
Wo ich einen finanziellen Vorteil im Sinn hatte, hatte Gott Gutes mit mir im Sinn.
Um der Gemeinde beizutreten, sollte ich zunächst an einem Kurs teilnehmen und ein Gespräch mit Pastor Mark führen. Da ich in einer Gemeinde groß geworden war, kannte ich die richtigen Antworten. Im November 1996 stimmte die Gemeinde schließlich ab, mich offiziell als Mitglied aufzunehmen.
Wenn du mich zu diesem Zeitpunkt gefragt hättest, was eine Gemeinde ist, wäre meine Antwort wahrscheinlich sehr oberflächlich und vage ausgefallen. Ich erinnere mich noch, wie ich Pastor Mark einmal auf dem Rückweg vom Mittagessen das Leben schwer machte, indem ich mit ihm darüber diskutierte, warum man in unserer Gemeinde darauf bestand, dass wir »Baptisten« waren. Das war die Art Wortgefechte, in die sich mein 23-jähriges Ich mit Vorliebe stürzte.
Um ehrlich zu sein, stand ich im ersten Jahr mit einem Fuß in der Gemeinde und mit einem Fuß draußen. Samstagsabends feierte ich Partys mit meinen ungläubigen Freunden und am Sonntagmorgen ging ich wieder in die Gemeinde. Ich versuchte, auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Und das geht bekanntlich nicht lange gut.
Aber der Herr war geduldig. Nach und nach veränderte er mein Herz und meine Wünsche. Ich tat Buße und begann, in Jesus sowohl meinen Retter als auch meinen Herrn zu sehen. Die Bibel wurde nun interessant. Gläubige Freunde wurden wertvoll. Sünde erschien mir immer dümmer, fast abstoßend. Buße um-
fasste auch, dass ich die Sünden meiner Jugend hinter mir ließ –die Art von Sünden, vor denen Jugendleiter ihre Jugendlichen immer warnen.
Doch biblische Buße hat auch eine gemeinschaftliche Dimension. In meinem Fall bedeutete dies, mein Leben als ungebundener, autonomer Mensch aufzugeben, Teil einer Familie zu werden und für diese Familie Verantwortung zu übernehmen. Es bedeutete, andere Christen in mein Leben einzuladen und peinliche Gespräche zu führen, in denen ich meine Sünden bekannte und über meine Schwächen sprach. Es bedeutete auch, dass ich mir ältere Männer suchte, die mir halfen, Jesus nachzufolgen, und dass ich jüngere Männer dabei unterstütze, ebenso Jesus nachzufolgen. Es brachte mich dazu, dass ich an Menschen Gastfreundschaft erwies, die neu in die Gemeinde kamen oder bedürftig waren. Es zeigte mir, wie ich mit den Trauernden trauern und mit den Fröhlichen fröhlich sein konnte.
Mit anderen Worten: Buße beinhaltet immer auch Liebe. Jesus sagte: »Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt« (Joh 13,34-35).
Beachte, dass Jesus hier nicht sagt, dass Ungläubige uns an unserer Liebe ihnen gegenüber erkennen wird (obwohl auch das stimmt), sondern an unserer Liebe untereinander. Interessant, oder nicht? Wie kann das sein?
Dazu lohnt es sich, noch einmal genau zu lesen, welche Art von Liebe Jesus meinte: »wie ich euch geliebt habe«. Wie hat Jesus uns denn geliebt? Er liebte uns mit einer Liebe, die Sünde erträgt, sich selbst aufopfert und dem anderen mit Gnade begegnet: »Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren« (Röm 5,8).
Was ist eine Gemeinde? Es ist eine Gruppe von Menschen, die wissen, dass sie von Christus geliebt sind, und anfangen, einander auch so zu lieben. So liebten Pastor Mark, Daniel, Helena und Henry, Paul und Elisabeth allesamt den 23-jährigen, auf zwei Hochzeiten tanzenden Jonathan.
Was ist eine Gemeinde?
Und so lieben die Geschwister in unserer Gemeinde mich und Collin auch heute noch – mit einer vergebenden, ertragenden und geduldigen Liebe. Und diese Liebe versuchen auch wir ihnen zurückzugeben. Von dieser Liebe sollten die Menschen außerhalb unserer Gemeinden uns nicht nur reden hören. Sie sollten sie auch in unserem Zusammenleben beobachten können, sodass sie sagen: »Wir wollen auch etwas davon! Können wir dazukommen?«
»Mein Freund«, sagen wir, »lass mich dir zuerst verraten, wo diese Liebe herkommt.«
• Ray Ortlund, Das Evangelium: Wie die Gemeinde die Schönheit Christi darstellt, 128 S., Augustdorf: Betanien Verlag, 2018.
• Mark Dever, Neun Merkmale einer gesunden Gemeinde, 280 S., Waldems: 3L Verlag, 2009.
Eine Gemeinde ist eine Gruppe von Christen,
die als irdische Botschaft des himmlischen Königreichs Christi zusammenkommt,
um die gute Nachricht und die Gebote des Königs Jesus zu verkünden;
um einander durch Taufe und Abendmahl als dessen Bürger zu bestätigen;
und um Gottes Heiligkeit und Liebe darzustellen
durch ein vereintes und vielfältiges Volk
auf der ganzen Welt,
indem sie der Lehre und dem Vorbild ihrer Ältesten folgen.
Collin Hansen
Als ich ein Kind war, besuchte meine Familie den Gottesdienst oft, aber nicht jede Woche. Es war kein besonders wichtigerer Teil unseres Lebens. Ich nahm an, dass andere uns jedes Mal, wenn wir dort auftauchten, verurteilten und sich wunderten, warum wir die letzten Wochen wieder nicht da gewesen waren. Vielleicht taten sie das auch, aber wahrscheinlich nicht. Die meisten von ihnen kamen schließlich auch nicht regelmäßig. Als ich mit meiner Familie in einer der letzten Reihen saß, hatte ich viele Fragen rund um die Evolution und Dinosaurier. Ich kam zu dem Schluss, dass wir, wenn meine Generation eines Tages das Ruder übernehmen würde, die Kirche als blödsinnigen Wahn der älteren Generationen hinter uns lassen würden.
Du kannst dir also meine Verwunderung vorstellen, als ich irgendwann mitbekam, dass es Teenager gab, die von Jesus und der Gemeinde ganz begeistert waren. Ich hielt es zuerst nicht für möglich. Ich fand, dass man schon ein seltsamer Vogel sein musste, um gerne in die Gemeinde zu gehen. Doch diese Teenager schienen glücklich zu sein – und das war ich nicht. Im Gegensatz zu mir schienen sie Hoffnung und einen Lebenssinn zu haben. Irgendwann entschloss ich mich, mit ihnen auf eine Gemeindefreizeit zu fahren. Trotzdem fiel es mir noch schwer, zu verstehen, wie Teenager so voller Freude sein konnten.
An einem Tag der Freizeit war mir der Grund plötzlich klar. Ohne den Glauben an Jesus sind wir in unserer Sünde gefangen – verurteilt und entfremdet von Gott. Doch durch Jesu Opfertod am Kreuz können wir Vergebung erfahren, indem wir unsere Sünden bekennen und von ihnen ablassen. Weil Jesus von den
Toten auferweckt wurde, können wir für immer in Frieden und Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott leben, dem Vater, Sohn und Heiligen Geist.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Nachricht jemals zuvor im Gottesdienst gehört hatte. Falls doch, hatte es mich jedenfalls nicht so mitgenommen wie auf dieser Freizeit. Ich war für immer verändert. Ich wurde wiedergeboren. Meine Familie und Freunde erkannten sofort, dass etwas anders war. Ich hatte Freude, Freiheit und Hoffnung. Und nachdem ich diese Dinge erfahren habe, kamen auch einige von ihnen zum Glauben.
Später ließ ich mich taufen und trat einer Gemeinde bei. Ich verstand schließlich, warum ich vorher ein so negatives Bild von der Gemeinde hatte. Es lag daran, dass ich noch nicht bekehrt gewesen war. Meine Familie hatte von mir pflichtbewusste Anwesenheit statt leidenschaftlicher Teilnahme erwartet. Ich musste Gemeinde zuerst neu für mich entdecken und eine Antwort auf die Fragen finden, wer überhaupt zu einer Gemeinde dazugehören kann.
Wer kann also Teil einer Gemeinde werden? Getaufte Christen. Menschen, die von Neuem geboren sind und ihren Glauben durch die Taufe bezeugen. Zugegeben, wer die Kindertaufe praktiziert, würde sagen, dass auch die Kinder von Gläubigen nach ihrer Taufe zur Gemeinde gehören (als Gemeindemitglieder, die nicht am Abendmahl teilnehmen). Es sind sich jedoch so gut wie alle darüber einig, dass ein Erwachsener nur zur Gemeinde gehören kann, wenn er wiedergeboren und getauft ist. Auf die Taufe werden wir in Kapitel 5 noch genauer eingehen. Nun wollen wir uns zunächst Gedanken über die Bekehrung machen und darüber, warum sie wichtig ist, um die Gemeinde neu zu entdecken.
Wer schon längere Zeit Teil derselben Gemeinde ist, weiß gar nicht, wie merkwürdig sich der erste Gottesdienstbesuch für einen Außenstehenden anfühlen kann. Wenn du rein gar nichts
Wer kann dazugehören?
über Gemeinde weißt, erfordert es schon eine ganze Menge Mut, nur das Gebäude zu betreten. Wo setze ich mich hin? Was soll ich sagen? Bin ich erwünscht und willkommen? Was soll ich anziehen? Und als wäre all das noch nicht genug, kommen durch Covid -19 auch noch die Fragen hinzu, ob der Gottesdienst online oder vor Ort stattfindet, drinnen oder draußen, mit oder ohne Maske – ganz zu schweigen von Test- oder Impfvorgaben.
Für jemanden, der neu in der Gemeinde ist, klingt auch die Terminologie befremdlich. Wo hast du außerhalb der Gemeinde schon jemanden die Wörter »Sünde«, »Buße« oder »Sühne« sagen hören? Auch die Musik ist ungewohnt. Gemeinsames Singen findet man heute nur noch im Gottesdienst oder im Fußballstadion. Singen wir in der Gemeinde Lieder, die dreißig Jahre alt sind, gilt das schon als »modern«. Im Radio nennt man Lieder aus dieser Zeit »Oldies«. Manchmal riecht es sogar ungewohnt. Wenn man diesen Geruch von staubigen Teppichen, schlechtem Kaffee, billigem Parfüm und gerade erloschenen Teelichtern einfangen könnte, könnte man ihn fast schon als nostalgisch verkaufen.
Wenn du meinst, Antworten auf die vielen Fragen über Gemeinde gefunden zu haben, dann herzlichen Glückwunsch!
Dann wirst du als Nächstes merken, dass die Antworten je nach Gemeinde variieren. Was ist der Unterschied zwischen Baptisten, Pfingstlern, Lutheranern und Katholiken? Und selbst wenn man das weiß, wird eine Baptistengemeinde in den USA anders aussehen, riechen oder sich anfühlen als eine Baptistengemeinde in Europa oder Uganda.
Ich habe einmal in einer Pfingstgemeinde in Italien gepredigt. Da zwischendurch noch gedolmetscht werden musste, hatte ich eine Predigt vorbereitet, die nur halb so lang war, wie meine üblichen 30 Minuten. Als ich fertig war, rührte sich niemand von der Stelle. Allmählich dämmerte mir, dass ich gar nicht gefragt hatte, wie lange die Predigten bei ihnen normalerweise dauerten. Erst danach erfuhr ich, dass man erwartet hatte, dass ich eine ganze Stunde predigen würde. Sie müssen gedacht haben, dass ich sie an der Nase herumführen wollte. Solche Dinge sind ganz unterschiedlich je nach Gemeinde, Tradition und Land.
Der Besuch einer Gemeinde kann sich darum anfühlen, als platzt man mitten in das Familienfest einer fremden Familie hinein. Stell dir vor, du klopfst an Heiligabend an eine Haustür. Alle Anwesenden kennen und lieben einander – zumindest scheint es an Weihnachten so. Doch du kennst niemanden. Stell dir vor, die Familie lädt dich tatsächlich ein, einzutreten und zusammen mit ihnen zu feiern. Dank deines kulturellen Hintergrunds magst du eine grobe Vorstellung von dem haben, was dich erwartet. Es wird Essen und Geschenke geben. Aber welches Essen sie servieren, kommt ganz auf ihre Familientradition an, die über Generationen hinweg niemals infrage gestellt wurde. Auch wen man wie beschenkt, folgt einem bestimmten Muster, das vehement durchgesetzt wird. Wenn du etwas Falsches sagst oder tust, könntest du die Familienfeier für alle Anwesenden ruinieren.
So ähnlich kann sich der erste Gottesdienst für einen Gast anfühlen, auch wenn die Gemeinde sich über Besucher und neue Leute freut. Wir haben schon festgehalten, dass eine Gemeinde eine geistliche Familie ist. Aber was heißt das? Teil einer Familie wird man entweder durch Geburt oder durch Adoption. Und die Bibel verwendet beide Konzepte als Umschreibung für die Bekehrung. So wirst du Teil dieser geistlichen Familie. Genauso, wie man nicht selbst entscheidet, ob man geboren oder adoptiert wird, entscheidest du nicht selbst, dass du dich bekehrst. Lass uns also erforschen, was die Bibel über die geistliche Wiedergeburt oder Adoption lehrt, die die Voraussetzung dafür sind, dass man Teil einer Gemeinde wird.
Man muss wiedergeboren sein
Wenn du die Vorstellung einer geistlichen Wiedergeburt verwirrend findest, bist du nicht der Erste. Sie verblüffte auch einen der ersten Nachfolger Jesu und führte zu einem der bekanntesten Dialoge im Neuen Testament. Der Name dieses Mannes war Nikodemus. Seine Geschichte steht in Johannes 3. Er gehörte zu den Pharisäern, einer Gruppe besonders religiöser Juden, die des
Wer kann dazugehören?
Öfteren mit Jesus über die Auslegung des Gesetzes stritten. Nikodemus traute sich nicht, Jesus bei Tageslicht zu treffen, weil er Angst hatte, mit dem Feind gesehen zu werden. Doch er konnte nicht leugnen, was er gesehen hatte. Ihm war klar, dass Jesus keine Wunder wie die Verwandlung von Wasser in Wein vollbringen könnte, wenn er nicht von Gott gekommen wäre. Doch Nikodemus kam noch nicht mal dazu, eine Frage zu stellen, da ließ Jesus schon die Bombe platzen: »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen!« (Joh 3,3).
Ähm, wie bitte? Nikodemus möchte mehr darüber erfahren: Wie kann das sein? Wenn man einmal den Mutterleib verlassen hat, kann man doch schlecht wieder hineinschlüpfen. Jesu Antwort half Nikodemus vermutlich nicht besonders: »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen!« (Joh 3,5).
Das ist der Schlüssel für die Frage, die wir uns in diesem Kapitel stellen. Wer darf den Gemeindesaal für einen Gottesdienst betreten? Die Antwort ist klar: jeder! Doch wer kann Teil der geistlichen Familie, d. h. der Gemeinde, werden? Nur wer in das Reich Gottes eingegangen ist. Nur wer aus Wasser und Geist geboren ist, laut Jesus. Also nur wer wiedergeboren und getauft ist. Und wie passiert das? Jesus antwortete dem verwunderten Nikodemus: »Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat« (Joh 3,16).
Nikodemus hatte erwartet, dass man allein durch das Halten von Gottes Geboten und allen damit zusammenhängenden Bestimmungen über Arbeits- und Ruhetage, reinem und unreinem Essen und den verschiedenen Tieropfern ins Reich Gottes eintreten kann. Aber Jesus fasste die Sache auf revolutionäre und doch ganz simple Art und Weise zusammen: Glaube an mich und ich werde mein Leben für dich geben (vgl. Joh 3,16).
Jesus fuhr fort, indem er erklärte, dass sein bevorstehender Tod am Kreuz, der zunächst wie eine Niederlage aussah, in
Wirklichkeit Gottes Plan war, um für Gerechtigkeit zu sorgen und Sünden zu vergeben. Und das bewies Jesus dann auch durch seine Auferstehung von den Toten. Alle, die ihr Vertrauen auf Jesus setzen, werden ihm nach dem Tod in den Himmel folgen. Wenn diese Welt zu Ende geht, werden ihre Körper auferstehen und sie werden die Ewigkeit in Gottes Reich genießen, in dem Jesus regiert. Alle, die an Jesus glauben, werden vor Gottes Gericht über die Sünde errettet. Doch alle, die ihn ablehnen, werden die ewige Strafe für ihren Ungehorsam erleiden (Joh 3,36).
Später formulierte es der Apostel Paulus so: »Denn wenn du mit deinem Mund Jesus als den Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet« (Röm 10,9).
Als wir das erste Mal geboren wurden, erbten wir von unseren Eltern die Sünde, die bis zur Rebellion von Adam und Eva zurückreichte (1Mo 3). Deswegen müssen wir erneut geboren werden, damit wir nicht ohne Hoffnung sterben. Wir müssen von den Folgen der Sünde gerettet werden, nämlich dem ewigen Tod und der ewigen Trennung von Gott, unserem Schöpfer. Doch genauso, wie es bei unserer ersten Geburt nicht wir waren, die darum baten, geboren zu werden, sondern Gott, so kann auch dieses Mal nur der Schöpfer dafür sorgen, dass wir wiedergeboren werden. »Gelobt sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns aufgrund seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi aus den Toten« (1Petr 1,3).
Der Glaube an Jesus ist demnach ein Geschenk Gottes (Eph 2,8). Und dieses Geschenk gibt er liebend gerne jedem, der ihn darum bittet. Es wird jedem gegeben, der Buße tut, sich von seinem sündigen Leben abwendet und sein Vertrauen auf nichts und niemanden als Jesus Christus setzt. Als die Apostel sahen, dass dieses Geschenk der Umkehr nicht nur den Juden gegeben wurde, sondern auch den Nationen, lobten sie Gott (Apg 11,18). Gott zu folgen, bedeutet, alles andere zu verlassen. Wenn wir wiedergeboren sind, gehören wir ganz ihm. Die Gemeinde wiederzuentdecken, bedeutet auch, dass wir uns bewusst machen,
Wer kann dazugehören?
warum wir überhaupt zusammenkommen. Wir treffen uns, um Gott – Vater, Sohn und Heiligen Geist – anzubeten, der uns von Sünde und Tod errettet hat. Darüber singen wir, das predigen wir und das bezeugen wir in der Taufe und dem Abendmahl.
Ohne Bekehrung, also ohne Wiedergeburt, gibt es keine Gemeinde, die wiederentdeckt werden kann. Wenn Jesus nicht für unsere Sünden gestorben und am dritten Tag auferstanden ist, gibt es in der Gemeinde nicht mehr Hoffnung als außerhalb der Gemeinde. Als Söhne und Töchter aufgenommen
Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mit Freunden über Gemeinde. Sie wussten, dass ich als ich 15-Jähriger eine starke Bekehrungserfahrung gemacht hatte. Als ich wiedergeboren war, änderte sich alles. Ich lernte Gott in der Bibel und im Gebet besser kennen. Ich liebte es, für ihn und über ihn zu singen. Ich wollte, dass alle meine Freunde wussten, wie sie wiedergeboren werden können. Doch einige dieser Personen verstanden es nicht, obwohl sie es versuchten. Sie wollten sich mit mir identifizieren. Also erzählten sie mir davon, wann immer sie einen Gottesdienst besuchten. Ich wusste, dass ihnen die Gemeinde nichts bedeutete und sie es einfach nur taten, um mir eine Freude zu machen. Also sagte ich ihnen, sie sollen aufhören, zur Gemeinde zu gehen. Diesen Einfall begrüßten sie sehr und fanden andere Möglichkeiten den Sonntagmorgen zu verbringen. Ich wollte einfach, dass sie verstanden, dass der Gottesdienstbesuch an sich keinen Wert hat, wenn man nicht an das glaubt, was man dort sang, hörte und sagte. Ich würde den Vorschlag, nicht mehr in die Gemeinde zu gehen, nicht unbedingt als evangelistische Strategie empfehlen. In diesem Fall war es notwendig, weil sie eine Gemeinde besuchten, die nicht klar und deutlich über Bekehrung lehrte. Irgendwann lernten sie einen anderen Pastor kennen, der sie einlud, an Jesus
zu glauben und wiedergeboren zu werden. Sie fingen an, seine Gemeinde zu besuchen, wo sie schließlich auch getauft wurden. Zu dieser Glaubensfamilie gehören sie nun schon fast zwanzig Jahre.
Die Bekehrung kann innerhalb und außerhalb der Gemeinde stattfinden. Du kannst sie ganz allein erleben oder mit Freunden zusammen. Doch die Bekehrung sollte immer dazu führen, dass man sich einer Gemeinde anschließt. An der biblischen Beschreibung der Bekehrung als Adoption, können wir diese gemeinschaftliche Dimension gut erkennen. In Galater 4,4-5 lesen wir: »Als dann aber die richtige Zeit herangekommen war, sandte Gott seinen Sohn. Er wurde von einer Frau geboren und unter das Gesetz gestellt. Er sollte die loskaufen, die unter der Herrschaft des Gesetzes standen, damit wir das Sohnesrecht bekämen« (NeÜ). Gott hat uns als Söhne adoptiert, die in der damaligen Welt die privilegierte Stellung von Erben innehatten. Dieses Versprechen richtet sich an alle Männer und Frauen, die an Jesus glauben. Wenn Gott dich aufnimmt, indem er dir das Geschenk des Glaubens an seinen Sohn gibt, dann adoptiert er dich in eine geistliche Familie, in der du viele Brüder und Schwestern hast: in die Gemeinde.
Sieh es einmal so: Durch die Adoption bekommt ein Kind neue Eltern. Darüber hinaus bekommt es jedoch auch neue Geschwister. Wenn ein Junge ein Sohn wird, dann wird er gleichzeitig auch Bruder. Er tritt in zwei neue, aber unterschiedliche Beziehungen ein. Wenn du ein Kind Gottes wirst, dann ist dir im Familienfoto ein Platz neben deinen Geschwistern sicher. Und genau das passiert bei der Bekehrung. Dein Vater fügt dich in sein Familienbild ein zu deiner neuen Verwandtschaft.
Schauen wir uns dieses Familienfoto genauer an. Gott ist der Vater, der uns »vorherbestimmt [hat] zur Sohnschaft« (Eph 1,5). Schon vor Anbeginn der Zeit hat er sich diese Familie aus allen Zeiten und Orten zusammengestellt. Gott ist der Sohn, unser älterer Bruder, den der Vater geschickt hat, um uns aus der Sklaverei der Sünde und des Todes zu erlösen, damit wir Teil seiner Familie werden (Röm 8,15; Gal 4,4-5). Gott ist auch der Geist, der
Wer kann dazugehören?
selbst; »Zeugnis [gibt] zusammen mit unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind« (Röm 8,16). Das Familienfoto der Adoption ist also ein »Action-Shot«. Drei Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist – arbeiten in perfekter Harmonie zu unseren Gunsten zusammen.
Und wo sind wir in dem Bild? Als Söhne und Töchter, sind wir Jesu Miterben (Röm 8,17; Gal 4,7), d. h. wir haben Anteil an seinem Erbe (Eph 1,11.14). Was bedeutet das? Der Apostel Paulus sagt uns in Kolosser 1,16, dass alles »durch ihn und für ihn geschaffen« ist. Deine Großtante mag großzügig gewesen sein, aber nichts ist mit diesem Erbe vergleichbar.
Familien sind sich nicht immer einig. Doch durch die Familienbande werden sie auch in Konflikten zusammengehalten. In ihnen fließt weiterhin dasselbe Blut. So ist es auch bei der Gemeinde. Weil wir durch Umkehr und Glauben mit Gott versöhnt wurden, wurden wir auch miteinander versöhnt. Das Blut Jesu überwand schon in der ersten Gemeinde die Trennung zwischen Juden und Heiden. Im Vergleich zu dieser Kluft sind die Probleme in unseren Gemeinden kaum der Rede wert. Führe dir das Wunder vor Augen, das durch die Bekehrung geschieht, wenn sowohl Juden als auch Heiden gemeinsam an das Evangelium glauben:
So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge ohne Bürgerrecht und Gäste, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, auferbaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, während Jesus Christus selbst der Eckstein ist, in dem der ganze Bau, zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, in dem auch ihr miterbaut werdet zu einer Wohnung Gottes im Geist. (Eph 2,19-22)
Wenn eine Gemeinde die Freude der Bekehrung miteinander teilt, gewinnen die Gläubigen eine angemessene Perspektive auf das, was sie noch trennt. Der heilige Tempel Gottes wird nicht so leicht niedergerissen.
Gemeinde wiederentdecken · Kapitel 2
Zu meinen Lieblingsaufgaben als Ältester in meiner Gemeinde zählen die Gespräche mit angehenden Gemeindemitgliedern. Im Laufe der letzten fünf Jahre haben die anderen Ältesten und ich mehr als tausend neue Mitglieder willkommen geheißen. Ich habe also eine Menge persönlicher Bekehrungsgeschichten gehört. Ich treffe mich mit jemandem, der an der Mitgliedschaft in der Gemeinde interessiert ist, nicht um ihn zu verhören. Vielmehr möchte ich sicherstellen, dass er die Bekehrung, die wir in diesem Kapitel besprochen haben, erlebt hat und sie jemandem erklären kann, der Christ werden möchte.
Die Geschichte jedes Einzelnen ist einzigartig: Manchmal benutzt Gott die eigene Familie – bei jemand anderem eine Gemeinde oder Jugendgruppe. Manche waren in besonders gravierende Sünden verwickelt. Die meisten nicht. Ich treffe selten Menschen, die im Laufe ihres Lebens nicht irgendwann einmal von der Gemeinde abgedriftet sind. Bei den meisten sieht der Glaube auch nicht genauso aus, wie bei ihrer Familie. Ich liebe es, die Geschichten über Gottes Werk der Adoption zu hören –darüber, wie Menschen wiedergeboren wurden. Das wird nie langweilig.
Gelegentlich kommen auch Leute zu uns, die sich unserer Gemeinde anschließen wollen, obwohl sie eindeutig nicht wiedergeboren sind. Manchmal bitte ich diese Personen, mir die gute Nachricht von Jesus zu erklären. Ihre Reaktion ist dieselbe, als wenn ich meinen sechsjährigen Sohn bitten würde, mir Einsteins Relativitätstheorie zu erklären: Ich werde ausdruckslos angestarrt. Oft höre ich eine Geschichte über Gemeinde, Moral und die Herausforderungen des Lebens, aber nichts über Sünde und die errettenden Gnade Jesu. Kein Übergang vom Tod zum Leben – von der Verurteilung zum Freispruch. Wo ich lebe, ist es nicht ungewöhnlich, dass Gemeinden Menschen als Mitglieder aufnehmen, die nicht bekehrt sind. Leider verstehen nur wenige, warum das problematisch ist. Die Bibel stellt die Bekehrung als Verwandlung dar, die das Volk Gottes aussondert und vom Rest
Wer kann dazugehören?
der Welt unterscheidet. Sie hat Auswirkungen auf die Ewigkeit. Darum geht es, wenn es im Alten Testament um den »neuen Bund« geht. Der Prophet Jeremia versprach Israel im Auftrag Gottes: »Ich will mein Gesetz in ihr Innerstes hineinlegen und es auf ihre Herzen schreiben, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein« (Jer 31,33). Ein wenig später schrieb der Prophet Hesekiel ebenso im Auftrag Gottes und in Erwartung dessen, was Jesus Nikodemus sagen würde:
»Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; ja, ich will meinen Geist in euer Inneres legen und werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechtsbestimmungen befolgt und tut.« (Hes 36,26-27)
Verse wie diese stellen uns die Gemeinde nicht als Ort vor, an dem Menschen versuchen, irgendwie gut zu sein und anderen ein wenig zu helfen – zumindest dann, wenn es bequem ist. Nein, der neue Bund dringt bis in unser Herz hinein. Er sorgt für eine radikale Veränderung. Er bringt uns dazu, uns von unserem vorherigen Leben abzuwenden und uns Christus zuzuwenden. Er gibt uns die Kraft des Geistes, um das Gesetz einhalten zu können, das auf unsere Herzen geschrieben steht.
Wir können nicht in die Herzen der Gemeindemitglieder sehen und ihren wahren geistlichen Zustand erkennen. Doch das ändert nichts am biblischen Bauplan für unsere Gemeinden, an Gottes Ziel mit ihnen und daran, dass wir diesen Plan umsetzen sollen. Wenn du wiedergeboren bist – d. h., wenn du Jesus deine Sünden bekannt hast und an ihn glaubst –, kannst du zur Gemeinde gehören. Du musst dich nicht mit einer Pflicht abfinden, ohne ihren Sinn und Zweck zu verstehen – wie mein jüngeres Ich, das von einer Zukunft ohne Gemeinde träumte. Wenn du bekehrt bist, dann kannst du nicht anders, als Gott ehren. Du freust dich darauf, mit anderen Gläubigen zusammenzukommen und Jesus anzubeten.
Wo wir gerade von Zusammenkünften sprechen …
• Michael Lawrence, Bekehrung: Wie Gott sich ein Volk schafft, 126 S., Augustdorf: Betanien Verlag, 2020.
• Timothy Keller, Der verschwenderische Gott: Von zwei verlorenen Söhnen und einem liebenden Vater, 144 S., Basel: Brunnen Verlag, 2010.
Eine Gemeinde ist eine Gruppe von Christen,
die als irdische Botschaft des himmlischen Königreichs Christi zusammenkommt,
um die gute Nachricht und die Gebote des Königs Jesus zu verkünden;
um einander durch Taufe und Abendmahl als dessen Bürger zu bestätigen;
und um Gottes Heiligkeit und Liebe darzustellen
durch ein vereintes und vielfältiges Volk
auf der ganzen Welt,
indem sie der Lehre und dem Vorbild ihrer Ältesten folgen.
Müssen wir wirklich zusammenkommen?
Jonathan Leeman
Wir hören von immer mehr Protesten auf der ganzen Welt. Wenn tausende Bürger zusammenkommen und für politische Veränderung protestieren, sieht das die Öffentlichkeit. Reporter kommen dazu. Videokameras werden eingeschaltet. Politiker geben Interviews. Die Menschen zu Hause starren auf ihre Handys und klicken sich von Link zu Link. Nach einigen Wochen werden dann vielleicht neue Gesetze verabschiedet. Eine Regierungsbehörde setzt womöglich neue Richtlinien auf. Das Bewusstsein einer ganzen Nation mag sich verändern – wenn auch nur geringfügig.
Wenn Menschen sich versammeln, sind sie mächtig – nicht nur, weil sie dann etwas tun, sondern weil diese Gruppe durch das Zusammenkommen zu etwas wird . Als Gruppe können Menschen zu einer Bewegung, zu einer treibenden Kraft und zum Beginn einer Veränderung in der Welt werden – ob zum Positiven oder zum Negativen. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Es überrascht daher nicht, dass Wissenschaftler Bücher über Massenpsychologie schreiben. Menschen kommen mit ihren Wünschen oder Beschwerden zusammen. Ein überzeugender Redner bestätigt ihre Wünsche oder Beschwerden. Die Leute schauen sich um und sehen überall um sich nickende Köpfe. Sie hören andere zustimmend rufen und merken, dass sie nicht allein sind. Ihre Wünsche werden lauter. Vielleicht werden sie sogar zum Handeln animiert – zum Aufbauen oder zum Niederreißen.
Was macht Menschenansammlungen so kraftvoll? Die Tatsache, dass man körperlich anwesend ist. Man hat eine veränderte Wahrnehmung: Man sieht, hört und fühlt. Anders als wenn du von anderen weit entfernt bist und etwas auf einem Bildschirm betrachtest, umgibt dich eine Versammlung buchstäblich. Das Geschehen gewinnt für uns an Realität. Gott erschuf uns mit Seelen und Körpern. Auf rätselhafte und gleichzeitig fabelhafte Weise verwebte er sie miteinander, sodass das, was den Körper beeinflusst, auch die Seele beeinflusst. Wenn wir zusammenkommen, erleben wir, was andere Menschen lieben, hassen, fürchten und glauben und so kann sich unser Sinn für das, was normal und richtig ist, vergleichsweise schnell verändern. Die Liebe, der Hass, die Ängste und die Überzeugungen der Menge werden zu unseren eigenen. Das ist nicht überraschend, denn Gott erschuf uns als »abbildende« Wesen (vgl. 1Mo 1,26-28). Er hat uns geschaffen, um seine eigene Gerechtigkeit abzubilden, doch wir haben uns entschieden, andere Dinge abzubilden. So entstehen Kulturen. Wir bilden die Menschen um uns herum mit ihren guten und schlechten Zügen ab, ahmen sie nach und kopieren sie. Menschenansammlungen beschleunigen diesen Prozess lediglich.
Doch solche Zusammenkünfte haben nicht nur einen gewaltigen Einfluss auf die Menschen, die daran teilnehmen. Sie beeinflussen auch andere. Angenommen du gehst durch einen Park und siehst eine Menschentraube. Du verdrehst den Hals, um zu sehen, was dort los ist. Du gehst hin und versuchst, einen Blick durch die Menschenmengen auf das Geschehen zu erhaschen. Warum? Weil du dich fragst, ob hier etwas passiert, das du nicht verpassen willst. Es könnte doch etwas Wichtiges oder Aufregendes sein!
Oder du siehst auf deinem Smartphone eine Nachrichtenmeldung über eine Massenkundgebung. »Wow, das scheint eine große Sache zu sein«, denkst du vielleicht. Also klickst du auf den Link.
Zusammenkünfte verändern Leben, Kulturen und die Welt. Sie sind kraftvoll.
Müssen wir wirklich zusammenkommen?
Gemeinden kommen zusammen
Wie ein politischer Protest, so prägt auch die versammelte Gemeinde eine Nation. Sie prägt jeden Einzelnen, aber auch das Kollektiv. Menschen werden zu einer Kultur, einer Kraft, einer Bewegung. Unser Zusammenkommen formt uns als die Stadt Gottes. Und wie bei einem Protest entsteht ein sichtbares Zeugnis für die ganze Welt. Es zeigt der Welt, dass wir Bürger des Himmels sind. »Was ist denn hier los?«, fragen sich die Menschen.
Ein befreundeter Pastor bemerkte kürzlich, dass seine Gemeinde am Ende der Corona-Lockdowns neu entdeckte, wie tief »geistlich« Gemeindezusammenkünfte sind. Er benutzte das Wort »geistlich« und er hatte recht. Unsere Zusammenkünfte sind geistlich. Doch ironischerweise liegt das zu großen Teilen daran, dass sie körperlich sind und physisch stattfinden.
Gott wollte schon immer, dass sein Volk sich in Fleisch und Blut um ihn herum versammelt. Deshalb erschuf er Adam und Eva mit Körpern und ging mit ihnen durch den Garten Eden. Er verbannte sie erst aus seiner Gegenwart, als sie sündigten.
Dann führte Gott das Volk Israel in das verheißene Land und gebot ihnen, sich regelmäßig im Tempel zu versammeln, wo er wohnte (z. B. 5Mo 16,16; 31,10-12.30). Doch wieder sündigten sie, und wieder verbannte er sie aus dem Land.
Der wohl größte Beweis für Gottes Wunsch, mit seinem Volk zusammen zu sein, war seine Menschwerdung. Derjenige, der bei Gott war und der selbst Gott war (Joh 1,1-2), der Sohn Gottes, wurde Fleisch, um bei uns zu sein (Joh 1,14). Und er versprach, seine Gemeinde – die wörtlich mit als »Versammlung« übersetzt werden kann – zu bauen (Mt 16,18).
Vielleicht hast du dich noch nie gefragt, warum Jesus das Wort »Gemeinde« wählte. Die Juden zur Zeit Jesu versammelten sich in Synagogen, doch Jesus benutzte nicht das Wort »Synagoge«, sondern er sagte »Gemeinde«. Warum? Eine Erklärung dafür finden wir, wenn wir in der großen Geschichte der Bibel nach vorne und nach hinten schauen. Wenn wir die Vergangenheit betrachten, sehen wir, dass prophezeit war, dass Jesus sein zer-
Gemeinde wiederentdecken · Kapitel 3
streutes Volk aus dem Exil zurückholen und versammeln würde (siehe Joel 2,16). Wenn wir nach vorne schauen, merken wir, dass Jesus mit diesen Versammlungen – den Gemeinden – auf die letzte Versammlung hinweisen wollte, bei der Gott wieder unter seinem Volk wohnen wird: »Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen« (Offb 21,3; vgl. 7,9 ff.).
Unsere versammelten Ortsgemeinden verkörpern Gottes Nähe zu den Menschen – sie sind der Ort, an dem der Himmel die Erde berührt. »Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte« (Mt 18,20; laut Vers 17 geht es dabei um die Gemeinde). Das geschieht nicht im Internet oder in unseren Köpfen. Es geschieht, wenn wir »als Gemeinde zusammenkommen«, um es mit Paulus’ Worten zu sagen (1Kor 11,18). Diese Formulierung deutet an, dass eine Gemeinde in einem gewissen Sinn erst dadurch zur Gemeinde wird, dass sie zusammenkommt.
Manchmal hört man den Satz: »Eine Gemeinde ist ein Volk und kein Ort.« Noch zutreffender könnte man jedoch sagen, dass eine Gemeinde ein Volk ist, das sich an einem Ort versammelt. Eine Gemeinde ist eine Gemeinde, wenn sie regelmäßig zusammenkommt. Das bedeutet nicht, dass eine Gemeinde aufhört, Gemeinde zu sein, wenn ihre Mitglieder gerade nicht versammelt sind. Eine Fußballmannschaft hört schließlich auch nicht auf, eine Mannschaft zu sein, wenn sie gerade nicht spielt. Es geht darum, dass eine Gemeinde sich regelmäßig versammeln muss, damit sie eine Gemeinde ist, genauso wie eine Fußballmannschaft zu einem Spiel zusammenkommen muss, um als Mannschaft durchzugehen.
So organisierte Jesus die Christenheit. Er will Christen um regelmäßige Zusammenkünfte herum anordnen, bei denen wir uns sehen, voneinander lernen, einander ermutigen, korrigieren und lieben. Geistliche Dinge geschehen, wenn Christen Seite an Seite stehen, dieselbe Luft atmen, dieselben Lieder singen, dieselbe Predigt anhören und dasselbe Brot brechen (siehe 1Kor 10,17). Du siehst dich um und merkst: »Ich bin mit meinem Glauben nicht allein! Was könnten wir zusammen nicht alles erreichen?«
Müssen wir wirklich zusammenkommen?
Das war viel Theologie, doch dadurch verstehen wir, warum der Autor des Hebräerbriefs schreibt:
Lasst uns aufeinander achtgeben, damit wir uns gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unsere eigene Versammlung nicht verlassen, wie es einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr den Tag herannahen seht! Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt für die Sünden kein Opfer mehr übrig, sondern nur ein schreckliches Erwarten des Gerichts und ein Zorneseifer des Feuers, der die Widerspenstigen verzehren wird. (Hebr 10,24-27)
Wenn wir zusammenkommen, spornen wir uns gegenseitig zu Liebe und guten Taten an. Wir ermutigen einander. Und achte auf die Warnung des Autors: Wenn wir weiter sündigen, indem wir diese Dinge nicht tun, – unter anderem, wenn wir uns nicht treffen –sollten wir Gottes Gericht erwarten. Er nimmt das sehr ernst. Ich meine damit nicht, dass der Besuch der Gemeinde dich zum Christen macht. Vielmehr gehört der Besuch der Gemeinde einfach zu den Dingen, die Christen tun. Dadurch wird deutlich, dass der Geist Christi in uns ist. Aus diesem Grund wünschen wir uns, bei seinem Volk zu sein.
Einige Kapitel zuvor habe ich erzählt, dass ich nach meinem Umzug nach Washington, D.C von jemandem, der die Gemeinde nie besuchte, zu jemandem wurde, der dreimal die Woche zur Gemeinde ging. Davor hatte ich das Volk Gottes gemieden und mich sogar immer ein wenig geschämt, wenn ich mit ihnen gesehen wurde. Doch plötzlich wollte ich aus irgendeinem Grund unter ihnen sein. Jede Woche freute ich mich neu darauf, mit ihnen zusammenzukommen.