Jonathan Leeman Gemeindezucht
GESUNDER GEMEINDEN
GEMEINDEZUCHT WIE DIE GEMEINDE DEN NAMEN JESU EHRT UND BE WAHRT
JONATHAN LEEMAN
Jonathan Leeman (MDiv, Southern Baptist Theological Seminary) ist Mitglied der Capitol Hill Baptist Church in Washington, D.C., wo Mark Dever als Hauptpastor dient und dessen Dienst »9 Marks of a Healthy Church« beheimatet ist. Leeman ist außerdem Autor des Buches The Church and the Surprising Offense of God’s Love. Darüber hinaus dient er als leitender Redakteur von 9Marks Ministries und ist Herausgeber dessen eJournals.
1. Auflage 2017 © der englischen Originalausgabe 2012 by Jonathan Leeman Originaltitel: Church Discipline Erschienen bei Crossway Books, Wheaton, Illinois © der deutschen Übersetzung: Betanien Verlag 2017 Imkerweg 38 · 32832 Augustdorf www.betanien.de · info@betanien.de Übersetzung: Jutta Schierholz Lektorat: Larissa Eliasch Cover: 9Marks.org und Sara Pieper Satz: Betanien Verlag Druck: Druckhaus Nord, Bremen ISBN 978-3-945716-37-3
Inhalt
Vorwort zur 9Marks-Buchreihe 7 Vorwort: Das Evangelium – eine kurze und eine lange Version 9 Einleitung: Ein Rahmen für Gemeindezucht 15 Teil 1: Der große Rahmen 23 1 Die biblischen Grundlagen der Gemeindezucht 25 2 Ein vom Evangelium bestimmter Rahmen für Gemeindezucht 33 3 Wann ist Gemeindezucht notwendig? 43 4 Wie wird Gemeindezucht praktiziert? 61 5 Wie geschieht Wiederherstellung? 73 Teil 2: Der theologische Rahmen in der Praxis: Fallbeispiele 81 6 Der Ehebrecher 83 7 Die Süchtige 87 8 Der schlagzeilenträchtige Kriminelle 93 9 Das geknickte Rohr 95 10 Das »Passivmitglied« 99 11 Das treu mitarbeitende, aber spaltende Nichtmitglied 103 12 Dem Gemeindeausschluss durch Austritt zuvorkommen 109 13 Die neuerdings Ungläubige 113 14 Das Familienmitglied 115
Teil 3: Erste Schritte in die Praxis 117 15 Erst lehren, dann Zucht aus端ben 119 16 Erst organsisieren, dann Zucht aus端ben 127 Schluss: Alles startklar? Checkliste f端r Gemeindeleiter 131 Anhang 1: Typische Fehler bei Gemeindezucht 133 Anhang 2: Bibelstellenverzeichnis 137 Informationen 端ber 9Marks und Evangelium 21 139
Vorwort zur 9Marks-Buchreihe Glauben Sie, dass es Ihre Verantwortung ist, beim Bau einer gesunden Gemeinde mitzuhelfen? Wenn Sie Christ sind, glauben wir, dass das der Fall ist. Jesus hat uns aufgetragen, Jünger zu machen (Mt 28,18-20). Im Judasbrief lesen wir, dass wir uns im Glauben erbauen sollen (Jud 20-21). Petrus ruft uns auf, unsere Gaben zum Dienst für andere einzusetzen (1Petr 4,10). Paulus sagt, dass wir die Wahrheit in Liebe reden sollen, damit die Gemeinde wächst und reift (Eph 4,13.15). Sehen Sie, worauf all das hinausläuft? Ob Sie nun einfaches Gemeindemitglied oder Verantwortungsträger sind – diese Buchreihe will Ihnen helfen, diese biblischen Gebote und Aufträge zu erfüllen und somit Ihrer persönlichen Aufgabe beim gemeinsamen Bauen einer gesunden Gemeinde nachzukommen. Anders ausgedrückt: Wir hoffen, diese Bücher helfen Ihnen, Ihre Liebe zu Ihrer Gemeinde hin zu der vollkommenen Liebe wachsen zu lassen, mit der Jesus die Gemeinde liebt. 9Marks möchte zu allen neun Merkmalen gesunder Gemeinden (die unserem Dienst seinen Namen geben, mehr dazu siehe Seite 139) jeweils ein kurzes, leicht lesbares Buch herausgeben, sowie ein weiteres über gesunde Lehre. Beachten Sie also auch unsere Bücher über Auslegungspredigt, biblische Theologie, das Evangelium, Wachstum durch Jüngerschaft, Gemeindeleitung, Gemeindemitgliedschaft und Bekehrung.1 Örtliche Gemeinden existieren, um Gottes Herrlichkeit in der Welt zu zeigen. Das tun wir, indem wir unsere Augen auf das 1 Auf Deutsch sind diese Bücher derzeit – Stand Februar 2017 – in Planung bzw. Vorbereitung, abgesehen von »Auslegungspredigt«: Dieser Band von David Helm ist bereits beim 3L-Verlag erschienen (Anm. Betanien Verlag).
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Vorwort zur 9Marks-Buchreihe
Evangelium Jesu Christi richten, ihm zu unserem Heil vertrauen und dann einander mit Gottes eigener Liebe, Heiligkeit und Einheit lieben. Unser Gebet ist es, dass das vorliegende Buch Ihnen dabei helfen mรถge. Hoffungsvoll, Mark Dever und Jonathan Leeman Herausgeber der Reihe
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Vorwort
Das Evangelium: eine kurze und eine lange Version An welche Version des Evangeliums glauben Sie? Ihre Antwort auf diese Frage hat direkte Auswirkungen darauf, wie Sie über Gemeindezucht denken. Deshalb lohnt es sich, vor allen weiteren Überlegungen zuerst darüber nachzudenken, ob wir überhaupt über dasselbe Evangelium sprechen. Hier sind zwei leicht unterschiedliche Versionen des Evangeliums. Die erste lässt vermutlich jede Diskussion über Gemeindezucht von vorneherein verstummen. Die zweite bringt die Diskussion erst in Gang. Version 1: Gott ist heilig. Wir alle haben gesündigt und sind dadurch von Gott getrennt. Doch Gott hat seinen Sohn gesandt, der am Kreuz starb und wieder auferstand, damit wir Vergebung haben können. Jeder, der an Jesus glaubt, darf ewiges Leben haben. Wir werden nicht durch Werke gerechtfertigt, sondern allein aus Glauben. Deshalb ruft das Evangelium alle Menschen dazu auf, »einfach nur« zu glauben. Ein bedingungslos liebender Gott wird Sie so annehmen, wie Sie sind. Version 2: Gott ist heilig. Wir alle haben gesündigt und sind dadurch von Gott getrennt. Doch Gott hat seinen Sohn gesandt, der am Kreuz starb und wieder auferstand, damit wir Vergebung haben und beginnen können, Jesus als König und Herrn nachzufolgen. Jeder, der umkehrt und an ihn glaubt, 9
Vorwort
darf ewiges Leben haben: ein Leben, das heute beginnt und bis in alle Ewigkeit andauert. Wir werden nicht durch Werke gerechtfertigt, sondern allein aus Glauben, doch echter Glaube bleibt nie allein ohne Werke. Deshalb ruft das Evangelium alle Menschen zur Umkehr und zum Glauben. Ein trotz unerfüllter Bedingungen liebender Gott wird Sie entgegen dessen, was Sie verdient haben, annehmen und befähigen, durch die Kraft des Heiligen Geistes heilig und gehorsam wie sein Sohn zu werden. Indem er Sie mit sich selbst versöhnt, versöhnt Gott Sie auch mit seiner Familie, der Gemeinde, und befähigt Sie, gemeinsam als sein Volk seinen eigenen heiligen Charakter und seine dreieinige Herrlichkeit zu repräsentieren. Also, was denken Sie? Welche dieser beiden Versionen entspricht Ihrer Meinung nach besser der biblischen Lehre? Die erste Version betont Christus als Erlöser. Die zweite Version betont Christus als Erlöser und Herr. Die erste Version weist auf die Vergebung durch Christus im Neuen Bund hin. Die zweite Version umfasst zusätzlich die Wiedergeburt und Erneuerung durch den Heiligen Geist im Neuen Bund. Die erste Version weist auf den neuen Status hin, den Christen als Kinder Gottes haben. Die zweite Version umfasst zusätzlich zum neuen Status das neue Arbeitsfeld, das den Christen als Bürger des Reiches Gottes zugewiesen wurde. Die erste Version weist auf die Versöhnung des Christen mit Christus hin, die zweite auf die Versöhnung des Christen mit Christus und seinem Volk. Wenn Ihre Auffassung vom Evangelium bei der ersten Version endet, werden Sie weder aus dem Thema der Gemeindezucht noch aus diesem Buch großen Nutzen ziehen können. Wenn Sie aber die zweite Version vertreten, beginnt hier eine längere Diskussion. Davon abgesehen, dass Gemeindezucht ausdrücklich biblisch geboten ist, ist sie eine Konsequenz der zweiten Version. Alle Aussagen der ersten Version sind durchaus richtig, aber noch nicht vollständig. Für sich allein genommen verleitet diese 10
Das Evangelium: eine kurze und eine lange Version
Version zu einem Glauben an billige Gnade. Ich halte die zweite Version für eine gehaltvollere Darstellung des biblischen Evangeliums, die eher zu einem Verständnis von der Gnade führt, die Christen dazu beruft, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und Jesus in heiligem Auftrag nachzufolgen. Zwei Reaktionen auf Gemeindezucht
Ich vermute, dass in den letzten hundert Jahren viele Gemeindeleiter die zusätzlichen Elemente der zweiten Version des Evangeliums durchaus bejaht hätten – zumindest wenn es darum ginge, Kreuzchen in einem Fragebogen zu setzen. Aber es war nicht das, was sie predigten. Es war nicht das, was sie Herrn und Frau Müller erzählten, wenn diese ihren sechsjährigen Max ins Gemeindebüro brachten und den Gemeindeleiter baten, ihn zu taufen. Gemeindeleiter wollen gerne Außenstehende erreichen. Dieser gute Wunsch jedoch führt oft in die schlimme Versuchung, das Evangelium zu verschlanken. Es ist vergleichsweise einfach, über Gottes Gnade, bedingungslose Liebe und Glauben zu sprechen. Das Reden über Gottes Heiligkeit, die Herrschaft Christi, eine vom Heiligen Geist gewirkte Buße und die Realität des Neuen Bundes für die Gemeinde fällt dagegen deutlich schwerer. Denn all das stellt Ansprüche an einen Menschen. Es fordert Verbindlichkeit. Wenn Sie eine Gemeinde auf ein Evangelium aufbauen, das geringe Ansprüche stellt und wenig Verbindlichkeit fordert, dann macht Gemeindezucht überhaupt keinen Sinn. Stellen Sie sich eine Gemeinde vor, die mit der geistlichen Milch »Einfach nur glauben« und »Bedingungslose Liebe« genährt wurde. Stellen Sie sich vor, wie Sie dieser Gemeinde von Ihren Erwägungen erzählen, den kleinen Max aus der Gemeinde auszuschließen, weil Max inzwischen nicht mehr sechs, sondern zwanzig ist und seit dem Schulabschluss vor zwei Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen hat. Sie werden in dieser Gemeinde nicht nur Verwirrung stiften, sondern frontal in deren 11
Vorwort
Auffassung von Christentum hineinkrachen wie ein Auto in den Gegenverkehr. »Du bist richtend!« »Warum sollte ein bedingungslos liebender Gott jemanden züchtigen wollen?« »Das klingt nach Gesetzlichkeit. Wir sind aber aus Glauben gerechtfertigt und nicht aus Werken!« »Das Heil ist unverlierbar!« Mit anderen Worten: Sie werden glatt überfahren. Stellen Sie sich nun eine andere Gemeinde vor. Eine, deren Prediger und Hirten den gesamten Ratschluss Gottes verkündigen. Deren Mitglieder aufgefordert wurden, erst die Kosten der Nachfolge Christi zu überschlagen, bevor sie ein Glaubensbekenntnis ablegen. Sie haben gehört, das Reich Gottes gehöre den Armen im Geiste, denen, die reinen Herzen sind, und den Friedensstiftern (Mt 5,4-9). Sie haben gehört, dass der himmlische Vater jede Rebe an Christi Weinstock abschneiden wird, die keine Frucht trägt, weil das echte Evangelium Menschen konkret verändert (Joh 15,2). Sie kennen den Unterschied zwischen weltlicher und göttlicher Traurigkeit: Weltliche Traurigkeit bemitleidet sich selbst, göttliche beinhaltet sehnendes Streben, Entrüstung, Furcht, Verlangen und Eifer (2Kor 7,10-11). Die zweite Gemeinde wird eher verstehen, dass Gott, der Sohn, Menschen mit sich selbst und seiner Familie wirklich versöhnt, um Leben und Wachstum zu bewirken. Sie wird begreifen, dass Gott, der Heilige Geist, tatsächlich in Menschen ein ganz neues Wesen schafft – dass echte Christen sich verändern. Erzählen Sie diesen Gemeindemitgliedern, dass sich der zwanzigjährige Max seit zwei Jahren nicht mehr hat blicken lassen. Sie werden nicht schulterzuckend seufzen: »Das Heil kann er ja eh nicht wieder verlieren« und weiter ihre Lobpreislieder singen. Sie werden stattdessen zum Telefon greifen, versuchen, Max zu erreichen, ihn zum Essen einladen, fragen, wie es ihm geht. Sie werden ihn für seine Behauptung, Christ zu sein, zur Rechenschaft ziehen. Sie könnten ihn sogar als allerletzte Hilfsmaßnahme aus der Gemeinde ausschließen. Sie lieben ihn zu sehr, als dass sie es 12
Das Evangelium: eine kurze und eine lange Version
nicht tun würden. Sie lieben seine nichtchristlichen Freunde und Kollegen zu sehr, als dass sie es nicht tun würden. Salz und Licht
Es ist Gottes Wort, das den geistlich Toten neues Leben einhaucht, doch Gott möchte, dass sein Wort vor einem Hintergrund erstrahlt, der aus veränderten Menschenleben besteht. Veränderte Leben lassen das Zeugnis einer Gemeinde lebendig und herausfordernd erscheinen. Die Welt braucht keinen christlich angehauchten Abklatsch von Weltmenschen, die sich Christen nennen, sondern etwas, das voller Licht und Geschmack der Herrlichkeit Gottes ist – das sich von ihnen unterscheidet. Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz fade wird, womit soll es wieder salzig gemacht werden? Es taugt zu nichts mehr, als dass es hinausgeworfen und von den Leuten zertreten wird. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann eine Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; so leuchtet es allen, die im Haus sind. So soll euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt 5,13-16) Salz ist nützlich, weil es anders ist. Licht wirkt auf diejenigen, die im Dunkeln stehen, anziehend, weil es … nicht dunkel ist.
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Einleitung
Ein Rahmen für Gemeindezucht Dieses Buch ist nicht in erster Linie dazu gedacht, Sie von der Notwendigkeit der Gemeindezucht zu überzeugen. Vielmehr soll es denjenigen helfen, die davon bereits überzeugt sind, um zu entscheiden, wie und wann Gemeindezucht ausgeübt werden soll. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu sehen, wie uns das Evangelium von Jesus Christus einen theologischen Rahmen für den Umgang mit Gemeindezucht gibt. Gemeindezucht ist in ihrer sowohl formenden als auch korrektiven Funktion eine Konsequenz des Evangeliums. Wir werden ihre Praxis besser verstehen, wenn wir mittels des Evangeliums an das Thema herangehen. Das bedeutet, dass meine Herangehensweise zum Thema Gemeindezucht eine etwas andere ist als die vieler anderer Autoren. Wenn in den vergangenen Jahrhunderten über Gemeindezucht geschrieben wurde, wurden dabei manchmal Sündenregister aufgeführt, die laut Bibel Gemeindezucht rechtfertigen würden. Der Gedanke dahinter war, den Gemeindeleitern einen grundlegenden Leitfaden an die Hand zu geben, anhand dessen sie ihre pastoralen Problemfälle beurteilen könnten. Heute enthalten Schriften über Gemeindezucht gewöhnlich einen Überblick über die Schritte, wie Jesus sie in Matthäus 18,15‑20 darlegt. Die Literatur erklärt, wie man zuerst unter vier Augen, dann zu zweit oder zu dritt und schließlich mit der ganzen Gemeinde auf den Sünder zugeht. Dabei geht es weniger um die unterschiedlichen Formen von Sünde. Die immer weiter werdenden Kreise von Matthäus 18 gelten dabei als Patentrezept. Beide Ansätze – die von damals und heute – haben viele Vorzüge, doch meine Methode ist eine etwas andere. Ich möchte einen theologischen Rahmen spannen, der sich aus der Vielzahl der unterschiedlichen Ansätze ergibt, die die biblischen Verfas15
Einleitung
ser selbst haben. Paulus hat zum Beispiel in 1. Korinther 5 einen anderen Ansatz als Jesus in Matthäus 18. Paulus fordert die Gemeinde auf, den Sünder ganz ohne vorherige Warnung auszuschließen. Warum? Manche Ausleger meinen, der Grund sei, dass die Sünde »öffentlich Anstoß erregt« hat. Doch das erweckt den Eindruck, die Entscheidung der Gemeinde, wer zum Reich Gottes gehört, hinge von den veränderlichen moralischen Normen der umgebenden Gesellschaft ab. Das kommt mir persönlich sehr seltsam vor. Gibt es nicht eine theologische Verbindung zwischen Matthäus 18 und 1. Korinther 5? Meiner Meinung nach ja, und wir finden diese Verbindung, wenn wir das Thema Gemeindezucht im Licht des Evangeliums betrachten. Dieser auf einem theologischen Rahmen basierende Ansatz hilft Gemeindeleitern auch, mit der endlosen Vielfalt an Umständen und Sünden umzugehen, für die es in der Bibel keine passenden Beispiele gibt – Sünden, die auf keiner Liste auftauchen. Wenn Sie seit einer Weile Pastor (oder ganz einfach Mensch) sind, dann wissen Sie, dass Sünder (also solche wie Sie und ich) unendlich kreativ sind. Menschen folgen nicht immer einem Rezept, wenn sie ihr persönliches Sündensüppchen kochen. Jeder Sündeneintopf ist hausgemacht und schmeckt ein wenig anders als die anderen. Deshalb möchte ich in Teil 1 einen theologischen Rahmen entwerfen, der Gemeindeleitern helfen soll, mit den vielen unterschiedlichen Situationen umzugehen, mit denen sie konfrontiert werden. Schwierige Fragen
Bei unserem Dienst 9Marks (siehe dazu S. 139) werden wir mit einer Menge Fragen von Pastoren zum Thema Gemeindezucht konfrontiert. Hier sind nur einige von denen, die ich in letzter Zeit in meinem E-Mail-Postfach vorfand: • Kann man an einem Nichtmitglied Gemeindezucht üben? • Was sollen wir tun, wenn eines unserer Mitglieder den Glau16
Ein Rahmen für Gemeindezucht
ben vollkommen aufgibt und sich nicht mehr als Christ bezeichnet? • Soll eine Gemeinde den Austritt einer Person akzeptieren, die in Sünde lebt und keine Bereitschaft zur Umkehr zeigt? • Was sollen wir tun, wenn ein Gemeindemitglied sich weigert, sich von einer Person fernzuhalten, die aus der Gemeinde ausgeschlossen wurde? • Sollen wir mit einem Familienmitglied, an dem Gemeindezucht geübt wurde, Weihnachten feiern? • Nimmt es der Gemeindezucht die Bedeutung, wenn wir einer ausgeschlossenen Person erlauben, weiter zum Gottesdienst zu kommen? • Wie sollen wir mit einem Nichtmitglied verfahren, das seit Langem zum Gottesdienst kommt, aber spaltend wirkt? • Wie sollen wir mit einem langjährigen Gemeindemitglied verfahren, das nie zum Gottesdienst kommt und spaltend agiert? • Ist die Heirat mit einem Nichtchristen ein Fall für Gemeindezucht? • Ist Völlerei ein Fall für Gemeindezucht? • Ist Magersucht oder Bulimie ein Fall für Gemeindezucht? • Ist der Glaube an die Neue Paulusperspektive ein Fall für Gemeindezucht? • Gibt es verschiedene »Ebenen« der Gemeindezucht? • Soll eine Gemeinde reuelosen Ehebruch gleich behandeln wie anhaltendes Fernbleiben von der Gemeinde? • Soll die Gemeinde an Minderjährigen, die eine schwerwiegende Sünde begehen, Gemeindezucht üben? • An welchem Punkt wird es notwendig, einen Pastor unter Gemeindezucht zu stellen? • Und wer soll diesen Prozess leiten? • Welche speziellen Richtlinien gelten für Gemeindeglieder im Umgang mit einer Person unter Gemeindezucht? • Ist es bei ernsthafteren und öffentlich sichtbaren Sünden angemessen, dass eine Person als Erweis ihrer Umkehr ihre Sünde öffentlich vor der gesamten Gemeinde bekennt? 17
Einleitung
• Wann sollen wir eine Person, die aus der Gemeinde ausgeschlossen wurde, wieder in die Gemeinschaft aufnehmen? Und wie? Ein solider theologischer Rahmen bietet eine gute Hilfe, diese und viele weitere Fragen zu beantworten. Zugegeben, diese Fragen sind sehr direkt und nur begrenzt übertragbar. Das echte Leben ist oft viel komplizierter, wenn man anfängt, die vielen Schichten aus Sünden und Lebensumständen abzutragen. Was ist zum Beispiel mit dem Finanzberater, der seine Klienten erfolgreich um ihr Geld bringt, ohne dabei gegen Gesetze zu verstoßen, der Konkurs macht, von diesen Klienten verklagt wird, sagt, dass es ihm leidtue, aber wenig Interesse daran zeigt, diese Klienten mühsam auszuzahlen, zumal das Geld weg ist und er nicht die nächsten zehn Jahre seines Lebens nur Opfer erbringen möchte? Was ist mit der alleinerziehenden Mutter, die drei Kinder von drei verschiedenen Männern hat, nun von einem weiteren Mann mit dem vierten Kind schwanger ist und im Gemeindebüro in Tränen ausbricht? Sagen ihre vielen Tränen etwas darüber aus, ob sie wirklich bußfertig ist? Was ist mit dem Alkoholiker, der einige gute, einige schlechte Monate hat und schließlich wegen öffentlichen Alkoholkonsums2 im Gefängnis landet? Um wieviel schlimmer wäre seine Sünde, wenn er einem Polizisten gegenüber handgreiflich wird? Was, wenn dieser neueste Vorfall davon ausgelöst wurde, dass er seinen Job verloren oder seine Frau ihn verlassen hat? Sollen wir hier nachsichtiger sein? Oder nehmen Sie die Situation, von der mir ein Gemeindeältester, dem ich nie begegnet bin, am Telefon erzählte: Die Frau eines Mannes hatte mit einer anderen Frau Ehebruch begangen. Er reichte die Scheidung ein, obwohl sie an der Ehe festhalten wollte. Anschließend hatte er selbst vor und nach der Scheidung 2 In vielen Staaten der USA ist Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit strafbar (Anm. Betanien Verlag).
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Ein Rahmen für Gemeindezucht
mehrere Affären. Dies alles kam nun zwei Jahre später ans Licht, als dieser Mann gerade im Begriff war, die Tochter des Hauptpastors zu heiraten. Was hätten Sie ihm geraten? Meine beste Antwort lautet oft: »Ich habe keine Ahnung, aber ich werde für Sie beten.« Zur Beurteilung einer Situation verwende ich einen theologischen Rahmen. In Teil 1 dieses Buches möchte ich diesen Rahmen erläutern, mit dessen Hilfe Sie auf all die unterschiedlichen Situationen reagieren können, die in Ihrer Gemeinde auftreten. Fundamentalismus oder Weisheit des Evangeliums?
Im Leben wäre es oftmals schön, ein Regelwerk zu haben, das alles in Schwarz und Weiß einteilt: »Wenn dieses passiert, musst du jenes tun.« Wenn Sie Kinder haben oder Pastor sind, dann wissen Sie genau, was ich meine. Dasselbe gilt für die Frage, wann und wie wir auf die Sünde von Mitchristen reagieren sollen: »Kann mir irgendjemand eindeutig sagen, ob ich Bob bald zur Rede stellen oder lieber weiter den Mund halten soll?« Fundamentalismus (im aggressiv-religiösen Sinne) scheint von diesem Wunsch nach Eindeutigkeit motiviert zu sein. Er möchte Schwarz-Weiß-Lösungen an Stellen, wo die Bibel schweigt. Er wünscht sich Sicherheit, wo es keine gibt. Warum sollte Gott Dinge im Unklaren lassen? Ich vermute unter anderem, dass Gott möchte, dass wir uns nach seiner Weisheit ausstrecken. Denn dieses Ausstrecken nach Weisheit verlangt, dass von Natur aus selbstgenügsame Menschen, wie wir es sind, sich auf ihn verlassen. All diese Grauzonen im Leben dienen als Übungsfelder für unser Vertrauen. Abgesehen davon gibt uns Gottes Wort durchaus allgemeine Leitlinien oder einen groben Rahmen. Unsere Aufgabe ist es, diesen Rahmen zu verstehen und ihn dann mit Feingefühl von einer Situation auf eine andere zu übertragen, immer im Vertrauen auf 19
Einleitung
Gott und immer mit der Bitte um Weisheit. Darum wird es in Teil 2 dieses Buches gehen. Dies ist kein fundamentalistisches Handbuch: »Wenn dieses passiert, musst du jenes tun.« Vielmehr ist es mein Versuch zu zeigen, wie der grundlegende Rahmen differenziert auf unterschiedliche Szenarien anzuwenden ist, damit Sie eine bessere Vorstellung davon bekommen, wie dieser Prozess verläuft. Die getroffenen Entscheidungen innerhalb dieser Szenarien sind nicht in Stein gemeißelt, sondern repräsentieren meine Bemühungen oder die anderer Pastoren, nach bestem Gewissen die Weisheit des Evangeliums anzuwenden. Diese Beispielfälle von Teil 2 erlauben mir auch mehr situationsabhängige Nuancen, als die festen Prinzipien in Teil 1 es tun. Wie auch einige der oben genannten Beispiele habe ich diese Fallbeispiele unter Verwendung von realen Situationen konstruiert, mit denen ich persönlich zu tun hatte oder von denen ich aus zweiter Hand erfahren habe. Bei allen Beispielen habe ich Einzelheiten verändert. Teil 3 bildet den Abschluss des Buches. Hier geht es darum, wie Sie Ihre Gemeinde auf dem Weg begleiten können, formell Gemeindezucht zu üben und hier wird gezeigt, was Sie in Ihrer Gemeinde lehren und welche Strukturen Sie einführen müssen. Sollen wir Gemeindezucht üben?
Soll Ihre Gemeinde Gemeindezucht üben? Ja. Denn Gemeindezucht ist in erster Linie Liebe. Hierin zeigt sich: • Liebe zum einzelnen Menschen, der gewarnt und zur Umkehr geführt werden muss, • Liebe zur Gemeinde, damit die schwächeren Schafe geschützt werden, • Liebe zur Welt, die uns beobachtet – damit sie Christi lebensverändernde Kraft erkennen kann, • Liebe zu Christus, damit die Gemeinden seinen heiligen Namen ehren und ihm gehorchen. 20
Ein Rahmen für Gemeindezucht
Wenn wir andererseits auf Gemeindezucht verzichten, behaupten wir damit, dass unsere Liebe besser ist als die von Gott. Denn »wen der Herr liebt, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt« (Hebr 12,6). Gott weiß, dass Züchtigung Leben, Wachstum und Gesundheit bringt: Er züchtigt uns »zu unserem Besten, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden« (Hebr 12,10). Das ist durchaus schmerzhaft, aber es lohnt sich: »Alle Züchtigung aber scheint uns für den Augenblick nicht zur Freude, sondern zur Traurigkeit zu dienen; danach aber gibt sie eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die durch sie geübt sind« (Hebr 12,11). Sehen Sie die blühenden Felder der Gerechtigkeit und des Friedens vor sich? Das ist Gottes Verheißung für uns. Jede Gemeindezucht soll also durch Liebe motiviert sein. Lieben Sie? Dann üben Sie Gemeindezucht. Gemeindezucht ist kein Begriff, den unsere Kultur leicht versteht, und der Zusammenhang zwischen Liebe und Gemeindezucht wird in unserer Kultur noch weniger verstanden. Doch es ist das, was die Bibel lehrt. Glauben Sie, dass das wahr ist? Konkret sollen Gemeinden Gemeindezucht üben, weil sie • biblisch ist, • eine Konsequenz des Evangeliums ist, • die Gesundheit der Gemeinde fördert, • das Zeugnis der Gemeinde vor den Nichtchristen klarer und leuchtender hervortreten lässt, • Sünder vor dem noch größeren kommenden Gericht warnt, • (als das Wichtigste überhaupt) den Namen und das Ansehen Jesu Christi auf der Erde wahrt. Jesus hat der Gemeinde seinen Namen gegeben. Er hat sein eigenes Ansehen an uns gebunden. Seltsam, oder? Doch es ist nicht etwa so, dass nun die ganze Last auf unseren Schultern ruht. In der Geschichte Israels im Alten Testament hat Gott bewiesen, dass er tun wird, was auch immer nötig ist, um seinen Namen zu 21
Einleitung
bewahren. Trotzdem gibt er auch unseren Gemeinden eine Aufgabe, nämlich seinen Namen und sein Ansehen vor den Nichtchristen zu wahren. Ob es uns gefällt oder nicht: Die Welt wird anhand dessen, was sie bei uns sieht, ihre Schlüsse über Gott ziehen. Bei Gemeindezucht geht es ganz grundsätzlich darum, dass Jesu irdische Repräsentanten tatsächlich Jesus repräsentieren und nicht irgendjemand anderen.3 Ich hoffe, dass der Gesamtrahmen der folgenden Kapitel überzeugend ist. Er soll ein Bild davon vermitteln, wie die Menschen, die zu Jesus gehören, lernen, wie Jesus auszusehen, damit die uns umgebende Welt ins Staunen kommt.
3 Wenn Sie weitere Argumente benötigen, um in Ihrer Gemeinde Gemeindezucht zu praktizieren, empfehle ich das Kapitel 7 aus Mark Devers Buch 9 Merkmale einer gesunden Gemeinde (3L Verlag, 2009). Einige andere gute Bücher zum Thema sind: The Transforming Community von Mark Lauterbach, Walking Together von Wyman Richardson, Love That Rescues von Eric Bargerhuff und Jay Adams Klassiker Handbook of Church Discipline. Eine Reihe kürzerer Artikel findet sich auch auf der Webseite www.9Marks.org.
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Teil 1
Der groSSe R ahmen
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Die biblischen Grundlagen der Gemeindezucht Was ist Gemeindezucht? Ganz allgemein ist Gemeindezucht ein Teil des Lebens in der Jüngerschaft: Hier wird Sünde korrigiert und der Jünger auf einen besseren Weg geführt. Jüngerschaft heißt eigentlich Schülerschaft, und dazu gehören die pädagogischen Praktiken von Erziehung, Zucht und Züchtigung. Ein Christ wird durch Lehre und Korrektur erzogen wie im Mathematikunterricht, in dem der Lehrer eine Lektion erteilt und anschließend die Fehler der Schüler korrigiert. Aus diesem Grund gibt es die jahrhundertealte Praxis der formenden und korrektiven Zucht (oder »Erziehungsmaßnahmen«). Formende Zucht dient dazu, den Jünger durch Lehre zu formen. Korrektive Zucht (das, was landläufig unter »Gemeindezucht« verstanden wird) dient dazu, den Jünger durch die Korrektur von Sünde wieder auf den rechten Weg zu bringen. In diesem Buch geht es vorrangig um die korrektive Gemeindezucht, doch Lehre und Korrektur gehören immer zusammen. Das ist das Wesen des Lebens in der Jüngerschaft. Im spezielleren, formaleren Sinn bedeutet Gemeindezucht der Ausschluss einer einzelnen Person von der Gemeindemitgliedschaft und der Teilnahme am Abendmahl. Es ist kein Ausschluss von der Teilnahme an den öffentlichen Versammlungen einer Gemeinde, sondern die öffentliche Stellungnahme einer Gemeinde, dass sie das Bekenntnis einer Person zum christlichen Glauben nicht länger bejahen kann. Es ist die Weigerung, dieser Person das Abendmahl zu reichen. Es bedeutet, die Person zu exkommunizieren, sie zu »ex-kommunion-izieren« – sprich: sie von der Gemeinschaft (lat. communio) auszuschließen. 25
Teil 1: Der große Rahmen
Aus diesem Grund werde ich diese Begriffe ausdrücklich synonym gebrauchen: Exkommunizierung ist der Ausschluss aus der Gemeinschaft, was den Ausschluss vom Abendmahl bedeutet, also die formale Gemeindezucht. Anders als manche Theologen, die diese Dinge als unterschiedliche Phasen betrachten, sehe ich sie als eine Einheit. Was sagt Jesus über Gemeindezucht?
Viele Texte im Neuen Testament handeln von der Praxis der Gemeindezucht. Der vermutlich bekannteste steht im Matthäus evangelium. Hier sagt Jesus: Wenn aber dein Bruder an dir gesündigt hat, so geh hin und weise ihn zurecht unter vier Augen. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er aber nicht, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit jede Sache auf der Aussage von zwei oder drei Zeugen beruht. Hört er aber auf diese nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und ein Zöllner. (Mt 18,15-17) Oberflächlich betrachtet scheint es Jesus um zwei Dinge zu gehen: Erstens soll der Sünder umkehren, zweitens soll die Anzahl der an diesem Prozess Beteiligten möglichst gering gehalten werden. Diesen zwei Anliegen liegt die tiefe Überzeugung zugrunde, dass die Gemeinde anders aussehen soll als die Welt – Christen sollen schließlich nicht wie Heiden und Zöllner leben. Matthäus’ jüdische Leser verstanden unter »Heiden« diejenigen, die nicht zur Bundesgemeinschaft gehörten, und unter »Zöllner« diejenigen, die die Bundesgemeinschaft verraten hatten (und folglich ebenso außerhalb der Gemeinschaft standen). Die Mitglieder einer Gemeinde sollen anders leben als die Welt. Und wenn sie das auch nach einer Reihe ernsthafter Warnungen nicht tun, soll eine Gemeinde sie von der Gemeinschaft ausschließen. 26
1. Die biblischen Grundlagen der Gemeindezucht
Die Sünde, die hier beschrieben wird, ist eine zwischenmenschliche: »an dir gesündigt« (V. 15). Doch meiner Meinung nach messen wir diesem Detail oft zu viel Gewicht bei. In diesem Text geht es eher darum, ob die Person bußfertig ist und als Bruder oder Schwester in Christus behandelt werden soll. Die übergeordnete Aussage in diesen Versen lautet, dass eine örtliche Gemeinde die Autorität besitzt, ein Glaubensbekenntnis zu beurteilen und entsprechend zu handeln: »Wenn zwei von euch auf Erden übereinkommen über irgendeine Sache …« (Mt 18,19). Mit anderen Worten: Gemeinden können den in den Versen 15 bis 17 beschriebenen Prozess der Gemeindezucht breiter anwenden. Kurz gesagt möchte Jesus, dass Gemeinden eine Richterfunktion ausüben. Die Wendung »zwei oder drei Zeugen« entnimmt er aus 5. Mose 19, wo Mose die Verfahrensregeln für Verbrechensprozesse erläutert. Im Umgang mit Menschen, die das Lippenbekenntnis ablegen, dass sie Jesus nachfolgen, deren Leben aber das Gegenteil bezeugt, müssen Gemeinden mit aller Sorgfalt die Indizien abwägen und ein Urteil verkünden. »Ist dieses Bekenntnis gültig? Bekennt diese Person das Evangelium in Wahrheit? Was sagen die Indizien?« Was sagen die Apostel über Gemeindezucht?
Auch der Apostel Paulus erwähnt in einer Reihe von Bibelstellen die Gemeindezucht: • »Brüder, wenn auch ein Mensch von einer Übertretung übereilt würde, so helft ihr, die ihr geistlich seid, einem solchen im Geist der Sanftmut wieder zurecht.« (Gal 6,1) • »… und habt keine Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, deckt sie vielmehr auf.« (Eph 5,11) • »Einen sektiererischen Menschen weise nach ein- und zweimaliger Zurechtweisung ab.« (Tit 3,10) • »Wenn aber jemand unserem brieflichen Wort nicht gehorcht, den kennzeichnet und habt keinen Umgang mit ihm, damit 27
Teil 1: Der große Rahmen
er sich schämen muss; doch haltet ihn nicht für einen Feind, sondern weist ihn zurecht als einen Bruder.« (2Thes 3,14-15) Johannes fordert zu einer Art »präventiver Gemeindezucht« auf, indem er bestimmten Personen die Teilnahme am Gemeindeleben erst gar nicht gestattet: Jeder, der abweicht und nicht in der Lehre des Christus bleibt, der hat Gott nicht; wer in der Lehre des Christus bleibt, der hat den Vater und den Sohn. Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, den nehmt nicht auf ins Haus und grüßt ihn nicht. (2Joh 9-10) Auch Petrus liefert uns in Apostelgeschichte 8,17-24 ein deutliches Beispiel für präventive Gemeindezucht. Gemeindezucht in Korinth
Ein letzter berühmter Bibeltext über Gemeindezucht steht in 1. Korinther 5. Paulus beschreibt die betreffende Sünde und seine Reaktion darauf in den ersten Versen des Kapitels: Überhaupt hört man, dass Unzucht unter euch ist, und zwar eine solche Unzucht, die selbst unter den Nationen nicht stattfindet: dass einer seines Vaters Frau hat. Und ihr seid aufgeblasen und habt nicht etwa Leid getragen, damit der, der diese Tat begangen hat, aus eurer Mitte entfernt würde! Denn ich, zwar dem Leibe nach abwesend, aber im Geist anwesend, habe schon als Anwesender das Urteil gefällt über den, der dieses so verübt hat. (1Kor 5,1-3) Das Auffallende an Paulus’ Rat ist die Art und Weise, wie dieser einerseits Jesu Rat in Matthäus 18 ähnelt, sich andererseits aber davon unterscheidet. Wie Jesus fordert auch Paulus die Gemeinde dazu auf, eine Richterfunktion auszuüben. Er gebraucht sogar 28
1. Die biblischen Grundlagen der Gemeindezucht
mehrere Male die Begriffe »Urteil« (1Kor 5,3) und »richten« (1Kor 5,12-13). Wie Jesus spricht auch Paulus hier von einer Situation, in der jemand, der sich zum Namen Jesu bekennt, aus der Gemeinschaft der Gemeindemitglieder ausgeschlossen werden soll. Doch anders als Jesus fordert Paulus die Gemeinde nicht dazu auf, die Person zu warnen und zur Umkehr zu rufen, wie es Jesus in Matthäus 18 tut. Sondern er fordert die Gemeinde direkt und ohne weitere Diskussion dazu auf, die Person zu entfernen. Mit der Begründung dafür befassen wir uns in Kapitel 3. In den darauffolgenden Versen beschreibt Paulus genauer, wie ein solcher Gemeindeausschluss ablaufen soll: Wenn ihr in dem Namen unseres Herrn Jesus versammelt seid und mein Geist samt der Kraft unseres Herrn Jesus bei euch ist, soll dieser Mensch dem Satan übergeben werden zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde am Tage des Herrn. (1Kor 5,4-5) Den Menschen dem Satan zu übergeben heißt laut Jesus, ihn wie einen Heiden oder Zöllner zu behandeln, also wie jemanden, der nicht mehr zur Bundesgemeinschaft gehört. Denn die Gemeinde ist schließlich ein Vorposten des Reiches Gottes. Folglich gehört jeder, der nicht zum Reich Gottes gehört, zum Reich des Satans. Der Satan ist der Fürst dieser Welt und die Reiche dieser Welt sind vorübergehend in seinem Besitz (Joh 12,31; 14,30; Mt 4,8-9). Anschließend sagt Paulus, dass die gesamte Gemeinde gefährdet wäre, wenn sie den Mann nicht aus der Gemeinde ausschließen würde: Euer Rühmen ist nicht gut! Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Darum fegt den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seid, da ihr ja ungesäuert seid! Denn unser Passahlamm ist ja für uns geschlachtet worden: Christus. So wollen wir denn nicht mit altem Sauerteig Fest feiern, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit ungesäuerten Broten der Lauter29
Teil 1: Der große Rahmen
keit und Wahrheit. Ich habe euch in dem Brief geschrieben, dass ihr keinen Umgang mit Unzüchtigen haben sollt; und zwar nicht mit den Unzüchtigen dieser Welt überhaupt, oder den Habsüchtigen oder Räubern oder Götzendienern; sonst müsstet ihr ja aus der Welt hinausgehen. Jetzt aber habe ich euch geschrieben, dass ihr keinen Umgang haben sollt mit jemand, der sich Bruder nennen lässt und dabei ein Unzüchtiger oder Habsüchtiger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trunkenbold oder Räuber ist; mit einem solchen sollt ihr nicht einmal essen. (1Kor 5,6-11) In den letzten Versen des Kapitels wiederholt Paulus seine Aussage über die Richterrolle der Gemeinde im Leben dieses Menschen: »Denn was gehen mich auch die an, die außerhalb [der Gemeinde] sind, dass ich sie richten sollte? Habt ihr nicht die zu richten, welche drinnen sind? Die aber außerhalb sind, richtet Gott. So tut den Bösen aus eurer Mitte hinweg!« (1Kor 5,12-13). Der Zweck der Gemeindezucht
1. Korinther 5 ist ein besonders hilfreiches Kapitel in der Frage, welche Ziele Gemeindezucht haben soll. Wir können hier mindestens fünf erkennen. Erstens soll Gemeindezucht Sünde aufdecken. Wie ein Krebsgeschwür versteckt sich die Sünde gerne. Gemeindezucht deckt den Krebs auf, damit er rasch entfernt werden kann (vgl. 1Kor 5,2). Zweitens soll Gemeindezucht warnen. Eine Gemeinde übt durch ihre Gemeindezucht nicht Gottes Vergeltung aus, sondern inszeniert ein kleines Schauspiel, in dem das kommende Endgericht darstellt wird (V. 5). Gemeindezucht ist eine barmherzige Warnung. Drittens soll Gemeindezucht retten. Eine Gemeinde übt dann Gemeindezucht, wenn sie miterlebt, wie eines ihrer Mitglieder den Weg zum Tode einschlägt und kein Flehen und Zurückwin30
1. Die biblischen Grundlagen der Gemeindezucht
ken diese Person zur Umkehr bewegen kann. Gemeindezucht ist das allerletzte Mittel, um eine Person zur Umkehr zu bewegen (V. 5). Viertens soll Gemeindezucht schützen. So, wie sich Krebs von einer Zelle zur nächsten ausbreitet, breitet sich auch Sünde rasch von einer Person auf die nächste aus (V. 6). Fünftens soll Gemeindezucht ein gutes Zeugnis für Jesus abgeben. So seltsam es auch klingen mag: Gemeindezucht ist gut für die Nichtchristen, weil sie hilft, das attraktive Anderssein von Gottes Volk zu wahren (vgl. V. 1). Gemeinden sollen schließlich Salz und Licht sein. »Wenn aber das Salz fade wird«, sagte Jesus, »taugt es zu nichts mehr, als dass es hinausgeworfen und von den Leuten zertreten wird« (Mt 5,13). Das Evangelium muss den Rahmen bilden
Dieser letzte Punkt weist uns auf die Notwendigkeit eines größeren theologischen Rahmens hin, innerhalb dessen wir Gemeindezucht handhaben können. Das Thema Gemeindezucht bringt uns in eine Zwickmühle: Wie gesagt geht es bei Gemeindezucht darum, Sünde zu korrigieren. Doch wir sind uns wohl alle einig, dass es im Evangelium um die Vergebung von Sünde geht. Wenn Gott Sünde vergibt, weshalb sollten wir uns dann darüber Gedanken machen, Sünde zu korrigieren? Auch Christen sind dazu berufen, anderen zu vergeben. Welchen Sinn könnte es dann haben, die Sünde eines anderen Menschen zu korrigieren? Ein ausgedünntes Evangelium, das nur von Vergebung und bedingungsloser Liebe spricht, enthält nicht die nötige Substanz, um dieser oberflächlichen Spannung standzuhalten. Als Folge davon wird Sünde toleriert und beginnen Gemeinden, die Welt zu verdüstern. Doch ein gehaltvolleres Evangelium stellt sich nicht nur der Schuldproblematik der Sünde, sondern auch der Problematik der menschlichen Verdorbenheit mit der Verheißung einer neuen 31
Teil 1: Der große Rahmen
Schöpfung. Es platziert das Evangelium inmitten der Heilsgeschichte von Gottes Zielen für die Menschheit, die ihn repräsentieren soll. Gott gab Adam die Aufgabe, durch die Herrschaft über die Schöpfung sein Abbild zu sein, doch Adam versagte. Ebenso versagte das Volk Israel und auch der König Israels, David. Doch dann kam einer, der das vollkommene Abbild Gottes war. Die gute Nachricht des Evangeliums lautet, dass Gott uns einen Weg gebahnt hat, um mit Gott und seiner ursprünglichen Absicht für unser Leben – nämlich, gemeinsam mit Jesus über die ganze Schöpfung zu herrschen – versöhnt und wiederhergestellt zu werden. Er verheißt die Vergebung von Schuld durch das Wirken seines Sohnes ebenso wie ein neues, gehorsames Wesen durch das Wirken seines Geistes. Nur in diesem Rahmen macht Gemeindezucht einen Sinn, wie wir im Folgenden sehen werden.
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Ein vom Evangelium bestimmter Rahmen für Gemeindezucht Angenommen, ein American-Football-Spieler trifft sich mit ein paar Freunden zum herkömmlichen Fußballspielen europäischer Art. Mitten im Spiel schnappt er sich den Ball mit den Händen und läuft damit los. Ohne Zweifel wird der Schiedsrichter abpfeifen. Der Footballspieler schaut den Schiedsrichter ungläubig an. Warum hat er gepfiffen? Warum ist das ein Vergehen? Er hat doch nur das getan, was er immer tut: den Ball schnappen und losrennen. Man könnte nun dem Footballspieler erklären, dass beim herkömmlichen Fußball außer dem Torwart niemand den Ball in die Hände nehmen darf und dass er jetzt einfach weiterspielen und nicht nochmal denselben Fehler machen soll. Oder man könnte etwas ausführlicher erläutern, wie Fußballspielen funktioniert. Fußball ist per Definition eine Sportart, die nicht mit den Händen, sondern mit den Füßen gespielt wird. Das Faszinierende am Fußball ist ja gerade die Art und Weise, wie die Spieler geschickt den Ball beherrschen, ohne die Hände zu gebrauchen. Nicht ohne Grund heißt das Spiel überall auf der Welt außer in Amerika »Fußball« (dort heißt es »Soccer«). Der American-Football-Spieler hat nicht einfach nur gegen eine Regel verstoßen, sondern genau die Regel gebrochen, die das Spiel an sich ausmacht. Ähnlich lässt sich auch Gemeindezucht auf zwei Arten beschreiben. Man kann Gemeindezucht als reine Handlung betrachten, um Sünde zu korrigieren – sozusagen als Schiedsrichterpfiff gegen ein Foul im christlichen Leben. Man kann aber auch versuchen, diesen Schiedsrichterpfiff innerhalb des größe33
Teil 1: Der große Rahmen
ren Rahmens des Evangeliums, der Gemeinde und der Ziele des christlichen Lebens zu begreifen. Die Einordnung der Gemeindezucht in diesen größeren theologischen Rahmen – den ich als »Rahmen des Evangeliums« bezeichne – wird uns helfen, mit dem nötigen Urteilsvermögen zu handeln, das in den vielerlei Spielarten von Sünde in einer Gemeinde unverzichtbar ist. Eine Lüge ist zum Beispiel ein »Foul«. Heißt das, die ganze Gemeinde muss jedes Mal hinzugezogen werden, wenn eines ihrer Mitglieder lügt? Natürlich nicht. Vieles hängt von den Umständen der Lüge ab: Wie folgenreich ist diese Lüge? Lügt die Person weiterhin beharrlich? Ist das ein festes Verhaltensmuster? Irgendwo liegt die Grenze zwischen einer Lüge, die im privaten Rahmen geklärt werden kann, und einer Lüge, die öffentlich angesprochen werden muss. Woher wissen wir, wann diese Grenze überschritten ist? Das ist die praktische Herausforderung von Gemeindezucht. Und genau hier ist so viel Weisheit nötig. Ich behaupte, dass Pastoren besser erkennen und entscheiden können, wo diese Grenze liegt, wenn sie ihr korrigierendes Handeln innerhalb des größeren Rahmens des Evangeliums begreifen. Das Evangelium hilft uns abzuschätzen, wann wir sprechen und wann wir schweigen, handeln oder nicht handeln sollten. Was ist das Evangelium?
Für die Entwicklung eines Rahmens für Gemeindezucht brauchen wir ein Verständnis von vier Dingen: was das Evangelium ist, was ein Christ ist, was eine Ortsgemeinde ist und was Gemeindemitgliedschaft bedeutet. Was ist das Evangelium? Im Vorwort habe ich es schon kurz angedeutet. Hier möchte ich nun gerne etwas weiter ausholen. Das Evangelium ist die gute Nachricht am Ende einer langen Geschichte von Menschen, die sich gegen Gott aufgelehnt und sich selbst zu Herrschern über seine Welt gesetzt haben. Gott hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen, damit der Mensch Gottes Herrschaft über die Schöpfung und Gottes Wesen reprä34
2. Ein vom Evangelium bestimmter Rahmen für Gemeindezucht
sentiert. Er hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen, damit dieser ihn abbilden kann. Er hat den Menschen dazu berufen, gehorsam zu herrschen, damit er herrschen kann, wie Gott herrscht: mit Güte, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Liebe. Doch der Mensch hat entschieden, weiser als Gott zu sein, und beschlossen, selbst zu herrschen. Der Mensch hat sein eigenes Wesen verdorben und sich damit die Todesstrafe verdient. Die Geschichte Israels ist die Geschichte von Schöpfung und Sündenfall wie sie im Buche steht: Eine Gruppe von Menschen wurde mit allen Vorzügen von Gottes Gesetz und Gegenwart ausgestattet, um ihn dadurch zu repräsentieren, ging aber seine eigenen Wege. Daraufhin schickte Gott das Volk aus seinem Land fort. Die gute Nachricht am Ende dieser traurigen Geschichte ist die, dass einer von Adams und Israels Söhnen kam und das tat, was weder Adam noch Israel tun konnten: gehorsam zu herrschen und für Gott ein Volk zu gewinnen. Derjenige, der das vollkommene Ebenbild Gottes war, kam als Mensch auf die Erde und richtete ein Königreich auf, indem er Gott dem Vater bis zum Äußersten gehorsam war. Doch er gründete nicht nur ein Königreich, sondern gewann auch ein Volk für dieses Reich, indem er sein Leben als Lösegeld für die Schuld der Sünde gab, anschließend von den Toten auferstand und eine völlig neue Schöpfung einführte. Kurz gesagt lautet die gute Nachricht, dass Jesus Christus für alle, die auf ihn vertrauen und ihm als Herrn folgen, seine Erlösung und Herrschaft gewonnen hat. Zur Erlösung gehören die Vergebung der Sünden, die Versöhnung mit Gott in Christus, die Versöhnung mit dem Volk Christi und ein neues, vom Heiligen Geist erfülltes Herz, das nun gehorsam herrschen möchte, um Jesus auf der Erde zu repräsentieren. Was ist ein Christ?
Was ist ein Christ? Es gibt mehrere Möglichkeiten, das zu beschreiben. Zunächst ist ein Christ jemand, der durch den neuen 35
Teil 1: Der große Rahmen
Bund durch das Blut Christi Vergebung und die Gemeinschaft mit Gott empfangen hat, und jemand, der durch den Heiligen Geist eine neue Natur empfangen hat (vgl. 5Mo 30,6-8; Jer 31; Hes 36,24-27). Doch einen Christen kennzeichnet noch mehr als ein neuer Stand und eine neue Natur. Ein Christ hat auch eine neue Familie. Er ist nun per Definition Mitglied eines Volkes. Versöhnung mit Christus bedeutet per Definition Versöhnung mit dem Volk Christi (Eph 3,6). Paulus verbindet diese beiden Aussagen im ersten und zweiten Teil von Epheser 2. Zuerst spricht er davon, dass wir aus Gnade gerettet sind (Eph 2,1-10). Dann sagt er, dass die Scheidewand zwischen Juden und Heiden abgebrochen ist, wodurch beide zu einem neuen Menschen vereint wurden (V. 11-22). Wenn wir von einer Mutter und einem Vater adoptiert werden, bekommen wir damit ganz neue Geschwister. So ist es auch, wenn wir Christen werden. Ob es uns bewusst ist oder nicht: Unsere Adoption in Christus ist eine Adoption in eine Familie. Ein Christ hat also einen neuen Stand, einen neuen Geist, eine neue Familie und nicht zuletzt auch eine neue Aufgabe. Ein Christ ist jemand, der nun Jesus, also Gott, repräsentiert. Genau das ist die Aussage der Taufe und des Abendmahls. Wenn wir getauft werden, identifizieren wir uns damit mit dem Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und ebenso mit dem Tod und der Auferstehung Christi (Mt 28,19; Röm 6,4-5). Wenn wir das Abendmahl empfangen, verkündigen wir damit seinen Tod und unsere Mitgliedschaft in seinem Leib (1Kor 11,26-29; vgl. Mt 26,26-29). Gott möchte, dass seine Leute deutlich erkennbar sind. Er möchte, dass es zwischen seinem Volk und der Welt eine klare Grenze gibt. Er möchte, dass wir heilig sind, weil er heilig ist. Christen repräsentieren ihn jetzt – heute! Anders gesagt ist ein Christ also jemand, der auf dieser Erde den Namen Gottes trägt, der sein Evangelium verkündigt und der ein Teil seines Volkes ist. Ein Christ ist ganz grundlegend ein Botschafter: jemand, dessen Identität und Handeln eine Einheit bilden. Alles, was ein Botschafter ist, sagt oder tut, repräsentiert seinen König. Im selben Verhältnis stehen Christen zu Christus. 36
2. Ein vom Evangelium bestimmter Rahmen für Gemeindezucht
Was ist eine Ortsgemeinde?
Was ist mit der Gemeinde? Was ist sie? Eine Ortsgemeinde ist schließlich mehr als eine bloße Ansammlung von Christen. Zehn Christen, die zusammen im Park sitzen, sind noch keine Gemeinde. Jesus hat den als Ortsgemeinde versammelten Christen eine Autorität verliehen, die einzelne Christen nicht besitzen. Insbesondere hat er den Ortsgemeinden die Autorität übertragen, über die Schlüssel zum Reich Gottes zu wachen, indem sie die Taufe und das Abendmahl spenden, diese aber auch vorenthalten können, wodurch sie das Volk Gottes sichtbar von der Welt unterscheiden. Das ist das Bild, das wir zuerst in Matthäus 16 und 18 und schließlich auch in Matthäus 28 erhalten. Das Bild, das in der Apostelgeschichte und den Briefen dann quasi zum Film wird. Jesus verleiht der Ortsgemeinde die Autorität, die Schlüssel zum Reich Gottes dazu zu benutzen, eine bekennende Person anzuhören, deren Bekenntnis ebenso wie deren Leben zu überdenken und im Auftrag Gottes ein öffentliches Urteil zu sprechen: Ist dies das richtige Bekenntnis? Ist es ein echtes Bekenntnis? Hierin folgt die Ortsgemeinde dem Beispiel Jesu, der das Bekenntnis des Petrus prüfte, als Petrus bekannte, dass Jesus der Christus ist (Mt 16,16-17). Die Gemeinde führt diese Aufgaben insbesondere durch die Verordnungen aus, die in Matthäus 26 und 28 eingesetzt werden: Abendmahl und Taufe.4 Mit anderen Worten: Die Ortsgemeinde besitzt die göttliche Autorität zu verkünden, wer ein Bürger des Reiches Gottes ist und somit Jesu Name auf der Erde repräsentiert. Jesus hat nicht einzelne Personen dazu autorisiert, plötzlich zu beschließen, dass 4 Nähere Erläuterungen meiner Auslegung dieser Bibeltexte und der hier gegebenen Definitionen finden sich in Kapitel 3 meines Buches Church Membership: How the World Knows Who Represents Jesus (Wheaton, Crossway 2012; als Band dieser 9Marks-Reihe auch auf Deutsch in Vorbereitung) und noch ausführlicher in Kapitel 4 meines Buches The Church and the Surprising Offense of God‘s Love: Reintroducing the Doctrines of Membership and Discipline (Wheaton, Crossway 2010).
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Teil 1: Der große Rahmen
sie Christen sind, und daraufhin vor allen Nichtchristen zu verkünden, dass sie Jesus repräsentieren. Zu Pfingsten fragten die Juden Petrus, was sie tun müssten, um gerettet zu werden. Er antwortete: »Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen« (Apg 2,38). Sie brauchten die offizielle Bestätigung durch die Jerusalemer Gemeinde. Wir sollten bedenken, dass die Vollmacht der Ortsgemeinde bestätigender Natur ist. Eine Gemeinde macht niemanden zum Bürger des Reiches Gottes. Doch sie trägt die Verantwortung dafür, zu bestätigen, wer zum Reich Christi gehört und wer nicht. Darin hat eine Gemeinde Ähnlichkeit mit der Botschaft eines Staates. Wenn Ihr Reisepass während einer Auslandsreise abläuft, melden Sie sich bei der Botschaft Ihres Landes, um den Pass verlängern zu lassen. Die Botschaft besitzt eine Autorität über Sie, die sie als einzelner Bürger nicht besitzen. Natürlich ist die Gemeinde noch mehr als eine Institution mit Autorität im Reich Gottes. Sie ist auch »Leib«, »Familie«, »Herde«, »Tempel«, »eine Säule und Festung der Wahrheit« und noch vieles mehr. Doch wir dürfen die Tatsache nicht übersehen, dass sie eben auch die irdische Institution (lat. für »Einsetzung«) ist, die von Jesus eingesetzt und mit der Autorität versehen wurde, zu verkünden, wer ihre Bürger und Botschafter sind. Um die Ortsgemeinde als Institution zu definieren, könnten wir sagen, sie ist eine Gruppe von Christen, die sich regelmäßig im Namen Christi versammelt, um durch die Predigt des Evangeliums und die Verordnungen von Taufe und Abendmahl offiziell die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder zu Jesus Christus und seinem Reich zu bestätigen und die Aufsicht darüber zu führen. In diesem Sinne treten Christen nicht einer Gemeinde bei, wie man einem Verein beitritt, sondern sie ordnen sich einer Gemeinde unter. Die Gemeinde ist ebenso wenig eine absolute Autorität, wie es Eltern für ein Kind sind. Doch Christus möchte, dass sich Christen durch die Bürgerschaft in seinem Reich unter die Aufsicht einer Ortsgemeinde begeben. Wird die Ortsgemeinde diese Schlüssel völlig fehlerlos handhaben? Nein. Sie wird Fehler machen, wie auch jede andere von 38
2. Ein vom Evangelium bestimmter Rahmen für Gemeindezucht
Jesus eingesetzte Autorität Fehler macht. Die Ortsgemeinde ist ein unvollkommenes Abbild der endzeitlichen Sammlung Christi. Doch die Tatsache, dass sie Fehler macht, ebenso wie Präsidenten und Eltern Fehler machen, heißt nicht, dass sie kein autoritatives Mandat hat. In alledem sollte klar sein, dass es zu den vorrangigen Aufgaben der Gemeinde gehört, den Namen Jesu zu wahren. Was ist Gemeindemitgliedschaft?
Was also ist demzufolge eine Gemeindemitgliedschaft? Die Mitgliedschaft in einer Gemeinde ist die Erklärung, Bürger im Reich Christi zu sein. Sie entspricht einem Personalausweis, einer offiziellen Verlautbarung aus dem Pressebüro des Reiches Christi. Sie ist die Erklärung, dass die bekennende Person ein offizieller, bestätigter, eingetragener, echter Repräsentant Jesu ist. Konkreter gesagt ist eine Gemeindemitgliedschaft eine formale Beziehung zwischen einer Ortsgemeinde und einem Christen, die gekennzeichnet ist durch die Bestätigung und Beaufsichtigung des Glaubenslebens eines Christen durch die Gemeinde und die Unterordnung des Christen unter die Gemeinde, indem er sein Glaubensleben unter dem Schirm der Gemeinde lebt. Beachten wir, welche Elemente hier vorhanden sind: • Eine Gemeindeinstanz bestätigt formal das Bekenntnis einer Person zum Glauben und zur Taufe als glaubwürdig; • sie verspricht, die Aufsicht über das Glaubensleben dieser Person zu führen; • die Person ordnet sich formal in ihrem Glaubensleben dem Dienst und der Autorität dieser Gemeinde und deren Leitern unter. Die Gemeinde als Gesamtheit sagt zu der betreffenden Person: »Wir erkennen dein Bekenntnis zum Glauben und zur Taufe und deine Nachfolge Christi als gültig an. Somit bestätigen und er39
Teil 1: Der große Rahmen
kennen wir dich öffentlich vor den Völkern als zu Christus gehörig an und nehmen dich unter die Aufsicht unserer Gemeinschaft.« Die Person wiederum sagt im Wesentlichen zur Gemeinde: »Insofern ich euch als treue, das Evangelium verkündigende Gemeinde anerkenne, ordne ich meine Anwesenheit und meine Nachfolge eurer Liebe und Aufsicht unter.« Die Maßstäbe für eine Gemeindemitgliedschaft sollten weder höher noch niedriger sein als die Kriterien für das individuelle Christsein – mit einer Ausnahme. Ein Christ ist jemand, der Buße getan hat und zum Glauben gekommen ist, und eine solche Person soll von einer Gemeinde auch als Mitglied bestätigt werden. Die einzige zusätzliche Notwendigkeit ist die Taufe. (Natürlich sollten die Gemeindemitglieder auch die Lehre und den Auftrag ihrer örtlichen Gemeinde bejahen, der sie beitreten.) Gemeindemitglieder müssen getauft sein; diese Regel zieht sich konsequent durch das ganze Neue Testament. Petrus sprach zu der Menge in Jerusalem: »Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen« (Apg 2,38). Und als Paulus an die Gemeinde in Rom schreibt, geht er stillschweigend davon aus, dass jedermann, der zur römischen Gemeinde gehört, getauft ist (Röm 6,1-3). Anders gesagt: Bei einer Gemeindemitgliedschaft geht es nicht um »zusätzliche Anforderungen«, sondern darum, dass eine Gemeinde eine besondere Verantwortung für einen Christen übernimmt und ein Christ umgekehrt für die Gemeinde. Es geht darum, unsere Mitgliedschaft am weltweiten Leib Christi »anzuziehen«, zu »verkörpern«, »auszuleben« und zu »konkretisieren«. In gewisser Hinsicht gleicht die Verbindung zwischen der Ortsgemeinde und deren Mitgliedern dem Ja-Wort in einer Trauung, weshalb eine Gemeindemitgliedschaft manchmal auch ein »Bund« genannt wird. Es ist richtig, dass ein Christ sich selbst eine Gemeinde suchen soll. Das macht die Gemeindesuche aber nicht zu einem freiwilligen Unterfangen. Wer sich für Christus entschieden hat, der hat keine andere Wahl, als sich auch für die Mitgliedschaft in einer Gemeinde zu entscheiden. 40
2. Ein vom Evangelium bestimmter Rahmen für Gemeindezucht
Ein umfassenderes Verständnis von Gemeindezucht
Die obigen Aussagen über das Evangelium, den Christen, die Gemeinde und die Gemeindemitgliedschaft liefern den Rahmen, innerhalb dessen Gemeindezucht zu verstehen ist. Diesen Aussagen möchte ich vier Elemente entnehmen, die wichtige Grundvoraussetzungen zum Thema Gemeindezucht darstellen: 1. Die Erwartung einer Veränderung. Im Neuen Bund ist uns verheißen, dass Menschen, die zu Christus gehören, durch die Kraft des Heiligen Geistes ein verändertes Leben führen werden. Selbst wenn sich diese Veränderung sehr langsam vollzieht, sollte eine Gemeinde doch irgendeine Veränderung erwarten – die sichtbare Frucht von Gottes Gnade und Geist. Gemeindezucht ist die richtige Reaktion auf einen Mangel an sichtbarer Frucht oder gar auf das Vorhandensein schlechter Frucht. 2. Repräsentatives Handeln. Christen sollen gewissermaßen kleine Christusse sein, die Jesus auf der Erde repräsentieren. Das Konzept der Repräsentation basiert auf dem Gedanken, dass Jesus Erlöser und Herr ist, und auf der Tatsache, dass Christen einen neuen Status und eine neue Aufgabe haben. Gemeindezucht ist die richtige Reaktion, wenn Christen darin versagen, Jesus zu repräsentieren, und auch keinen Wunsch danach erkennen lassen. 3. Die Autorität der Ortsgemeinde. Jesus hat der Ortsgemeinde die Autorität verliehen, die Bürger seines Reiches offiziell zu bestätigen und zu beaufsichtigen. Eine Gemeinde macht niemanden zu einem Christen; das kann nur der Heilige Geist tun. Doch Gemeinden besitzen die Autorität und Verantwortung, öffentlich vor der Welt zu bekunden, wer Christ ist und wer nicht. Ein Gemeindeausschluss bedeutet also nicht die physische, womöglich gewaltsame Entfernung einer Person aus der öffentlichen Versammlung einer Gemeinde, gleichsam als ob die Gemeinde die staatliche Macht hätte, Menschen physisch von einem Ort zu entfernen. Er besteht viel41
Teil 1: Der große Rahmen
mehr aus der öffentlichen Stellungnahme, dass die Gemeinde nicht länger für das himmlische Bürgerrecht einer Person garantieren kann. Ein Gemeindeausschluss ist die Erklärung einer Gemeinde, dass sie nicht länger bestätigen kann, dass eine bestimmte Person Christ ist. 4. Mitgliedschaft als Unterordnung. Als ein Akt des Gehorsams gegenüber Christus sind Christen dazu berufen, sich der Bestätigung und Aufsicht einer Ortsgemeinde unterzuordnen. Bei drohender Gemeindezucht kann ein Gemeindeglied somit nicht durch eigenen Austritt dem Handeln der Gemeinde zuvorkommen. Das wäre, wie wenn eine Person ihre Staatsangehörigkeit aufgeben würde, bevor sie für ein Verbrechen, dessen sie angeklagt ist, vor Gericht gestellt werden könnte. Durch dieses theologische Raster gewinnen wir ein umfassenderes Verständnis von Gemeindezucht. Es geht nicht einfach nur darum, Sünde zu korrigieren oder gelbe Karten für Fehlverhalten zu verteilen, sondern darum, Sünde zu korrigieren, damit die Gemeindemitglieder tatsächlich Jesus auf die rechte Weise repräsentieren. Sie sollen dazu aufgerufen werden, das zu sein, was sie zu sein behaupten. Deshalb dreht sich in der Gemeindezucht alles um die Frage, wer auf der Erde berechtigt oder autorisiert ist, den Himmel zu repräsentieren. Wer sich selbst Christ nennt, bekennt damit, dieses Recht zu haben. Wer Gemeindemitglied ist, hat die offizielle Bestätigung dafür. Die Ortsgemeinde, an die Jesus die Schlüsselgewalt dafür verliehen hat, garantiert für die Glaubwürdigkeit eines Bekenntnisses zu Christus durch Taufe und Abendmahl. Gemeindezucht kommt dann ins Spiel, wenn diese Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird. Dahinter steht eine einzige Frage: Glaubt die Gemeinde nach wie vor, dass ein strauchelndes Mitglied wirklich noch Christ ist, und zwar in der Weise, dass sie dies weiterhin öffentlich bejahen möchte? Kurz gesagt: Bei Gemeindezucht geht es um nichts anderes als um den Ruf Jesu auf der Erde. Die Messlatte hängt in der Tat hoch. 42
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Wann ist Gemeindezucht notwendig? Ein Jünger Jesu ist jemand, der Jesus Christus nachfolgt. In der Ortsgemeinde gehört zu dieser Jüngerschaft, dass die Gemeindemitglieder einander darin helfen, Jesus nachzufolgen. Dies geschieht durch Lehre und Korrektur. Sie lehren das Gute und korrigieren das Schlechte. Sie ermutigen sich gegenseitig, auf dem rechten Weg zu bleiben, und halten einander vom falschen Weg ab. In dieser Hinsicht sollte uns das Bedürfnis eines Christen nach Korrektur einleuchten. Zum Christsein gehört ganz grundlegend das Eingeständnis, dass wir begrenzt und gefallen sind. Es kann sein, dass wir Dinge nicht wahrnehmen oder uns selbst betrügen. Deshalb brauchen wir andere Christen, die uns zu erkennen helfen, wenn wir den Weg der Jüngerschaft verlassen haben. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Jamie, einem Ältesten meiner Gemeinde, über meine Einkommenssteuer. Jamie erwähnte irgendwann etwas über Steuern auf die Mieteinnahmen, die meine Frau und ich von unserem Untermieter in der Einliegerwohnung im Erdgeschoss erhielten. In dem Moment, in dem Jamie »Mieteinnahmen« sagte, durchzuckte mich der Gedanke: »Moment mal, Mieteinnahmen? Ich sollte die wohl versteuern, oder?« Ich hatte der US-Regierung praktisch Steuergelder hinterzogen und war mir dessen nicht bewusst. Ich war vom Weg der Nachfolge abgekommen und hatte darin versagt, Jesus zu repräsentieren, der sagt, dass wir dem Kaiser unsere Steuern zahlen sollen. Als Christ hatte ich also keine andere Wahl, als die Steuererklärung des vergangenen Jahres nochmal hervorzuholen und die zusätzlichen Steuern zu zahlen. 43
Teil 1: Der große Rahmen
Als Christen, die sich eingestehen, dass sie begrenzt und gefallen sind, können wir auch zugeben, dass es in unserem Leben viele Bereiche geben kann, in denen wir nicht mehr mit Jesus im Einklang sind. Die Lösung hierfür ist, unser Leben anderen Mitgliedern unserer Gemeinde zu öffnen. Diese können uns dabei helfen, Dinge in uns zu sehen, die wir auf Anhieb nicht in uns sehen könnten. Und genau darum geht es auch in der Gemeindezucht: uns gegenseitig zu helfen, in unserer Christusähnlichkeit zu wachsen, indem wir Sünde korrigieren. Ich weiß nicht, ob Jamie die Absicht hatte, mich einer Form der Gemeindezucht zu unterziehen, aber Gott sei Dank hat er genau das getan. Wann ist Gemeindezucht notwendig? Ganz allgemein immer dann, wenn ein Christ durch eigene Sünde vom Weg Christi abweicht. Sie ist dann notwendig, wenn sich zwischen dem Bekenntnis und dem Leben eines Christen eine Kluft auftut und der sogenannte Repräsentant Jesu darin versagt, Jesus zu repräsentieren. Meistens geschieht Gemeindezucht in einem informellen, privaten Rahmen. Ein Bruder oder eine Schwester in Christus sündigt und ein anderer Bruder oder eine andere Schwester spricht die Sache diskret und liebevoll an. Gelegentlich geschieht der Korrekturprozess auch formal und öffentlich. Das ist dann das, was wir im eigentlichen Sinne als »Gemeindezucht« oder in letzter Konsequenz als »Gemeindeausschluss« bezeichnen. Formale Gemeindezucht ist die angemessene Vorgehensweise, wenn das Versagen eines Gemeindemitglieds, Jesus zu repräsentieren, so charakteristisch und gewohnheitsmäßig wird, dass die Gemeinde nicht länger davon ausgehen kann, dass diese Person noch Christ ist. Dann muss die Gemeinde ihre Bestätigung des Glaubensbekenntnisses einer Person zurückziehen. Das ist der »Ansatz nach dem evangeliumsgemäßen Rahmen«, worüber wir im vorherigen Kapitel nachgedacht haben. Diesem Ansatz liegen keine Listen von Sünden zugrunde, die eine Gemeindezucht erfordern, sondern allein die Frage, ob eine Gemeinde das 44
3. Wann ist Gemeindezucht notwendig?
Bekenntnis einer bestimmten Person zum christlichen Glauben weiterhin öffentlich als glaubwürdig bestätigen kann. Können wir innerhalb dieses Rahmens noch konkretere Aussagen machen, wann Gemeindezucht notwendig ist? Absehbare und unabsehbare Sünden
Eben habe ich anklingen lassen, dass es eine Grenze zwischen solchen Sünden gibt, die im Privaten angesprochen werden können, und solchen, in die die ganze Gemeinde einbezogen werden sollte. Dazu nun eine ähnliche Beobachtung: Irgendwo gibt es eine Grenze zwischen Sünden, mit denen man bei einem Christen rechnet, und solchen, die uns vermuten lassen, dass jemand kein Christ ist. Informelle, private Zuchtmaßnahmen geschehen natürlich auf beiden Seiten der Grenze. Doch formelle Gemeindezucht oder ein Gemeindeausschluss ist ganz allgemein dann gerechtfertigt, wenn eine Person die Grenze von einem Bereich zum anderen überschreitet: wenn sie also nicht mehr nur Sünden begeht, mit denen wir bei einem Christen rechnen, sondern auch solche, mit denen wir nicht rechnen. Es gibt zum Beispiel einen Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Lüge, für die um Vergebung gebeten wird, und einer Lüge, auf die jemand sein Leben aufbaut und die er sich weigert aufzugeben. Vergleichen wir zum Beispiel die Lügen zweier bekennender Christen. Der erste prahlt mit einem Jobangebot einer renommierten Firma, das er nie bekommen hat. Später bekennt er die Lüge. Der andere baut seine ganze Karriere auf gefälschten Informationen auf. Als er später zur Rede gestellt wird, beharrt er auf seinen Erdichtungen. Die erste Lüge ist eine Art von Sünde, mit der wir – so sehr wir uns auch wünschen, dass es nicht so sei – gelegentlich auch bei Christen rechnen können. Hier taucht im Kopf eines Christen, um mit Paulus zu sprechen, wieder der »alte Mensch« auf und versucht, den »neuen Menschen« zu beherrschen, doch der neue Mensch wehrt sich. Die zweite Lüge ist nichts, was wir von einer Person erwarten, in der der Heilige 45
Teil 1: Der große Rahmen
Geist wohnt. Hier deutet nichts darauf hin, dass ein Kampf zwischen dem alten und dem neuen Menschen stattfindet. Hier ist nur der alte zu erkennen. Christen, in denen der Heilige Geist wohnt, können in der Regel nicht lange in bewusster Sünde verharren. Irgendwann wird es ihnen – dank des Heiligen Geistes – so ungemütlich, dass sie schließlich doch das Richtige tun. Formale Gemeindezucht oder ein Gemeindeausschluss sind angebracht, wenn eine Person ganz offensichtlich fröhlich in offener Sünde verharrt und wenn es keinen Hinweis darauf gibt, dass der Heilige Geist in dieser Person ein Unbehagen erzeugt – abgesehen von dem Unbehagen, erwischt zu werden. Stattdessen ist hier der Gehorsam gegenüber den sündigen Begierden zum Charakterzug geworden. Jede Sünde ist falsch. Jede Sünde verzerrt das Bild Christi. Doch manche Sünden oder sündige Gewohnheiten werden eine ganze Versammlung von Menschen dazu bewegen, das Vertrauen in das Glaubensbekenntnis eines bekennenden Christen zu verlieren. Ab einem gewissen Punkt verlieren die Worte einer Person ihre Glaubwürdigkeit. Das Gemeindemitglied mag zwar behaupten, dass es ihm »leidtue«, dass es ihm »gut gehe« oder dass sein Ungehorsam »gar nicht so schlimm sei«, doch aus irgendeinem Grund kann die Gemeinde diese Aussagen nicht mehr glauben. Der Lebenswandel dahinter steht im Widerspruch dazu. Deshalb widerruft die Gemeinde ihre öffentliche Bestätigung, indem sie dieses Gemeindemitglied vom Tisch des Herrn ausschließt. Sie zieht quasi »seinen Pass« ein und erklärt, dass sie das Bürgerrecht dieser Person im Reich Gottes nicht länger offiziell bestätigen kann. Pastorale und situationsabhängige Sensibilität
Gemeindezucht in einem solchen Rahmen des Evangeliums – einem Rahmen, der nicht aus einer Liste von Sünden besteht, sondern aus der Frage, ob die Gemeinde das christliche Bekenntnis 46
3. Wann ist Gemeindezucht notwendig?
einer Person weiter bestätigen kann – ruft nach größerer pastoraler und situationsabhängiger Sensibilität. In der Frage, was als Sünde zu bewerten ist, ist immer die Bibel unser Leitfaden, doch in der Entscheidung, welche Sünden Gemeindezucht erfordern – und wenn, in welchem Maß, ist große Sorgfalt durch den Hirtendienst der Gemeinde nötig. Es kann sein, dass zwei verschiedene Personen dieselbe Sünde begehen, doch eine Fülle verschiedener Umstände beeinflusst die Einschätzung des Pastors und der Gemeinde, was diese Sünde bedeutet. Ein Buchhalter, der Steuern hinterzieht, hat ein größeres Problem als andere Menschen, die dasselbe aus reiner Unwissenheit tun, weil ein Buchhalter genau weiß, was er tut, und weil er es mit voller Absicht tut. Ein unverheiratetes Paar, das zum fünften Mal in Unzucht fällt, verdient wahrscheinlich ein größeres Maß an Gemeindezucht als ein Paar, dem das zum ersten Mal passiert. Und neu bekehrte Christen werden ganz allgemein häufiger über größere Sünden stolpern als langjährige Christen. So subjektiv das auch klingen mag, unterschiedliche situative Faktoren werden einen Einfluss darauf nehmen, was wir von einem Christen erwarten. Und Erwartungen spielen insofern eine Rolle, als sich in unserem Leben das gegenwärtige Zeitalter mit dem kommenden überschneidet. In diesem Zeitalter sind wir, wie Martin Luther sagte, als Christen gleichzeitig Sünder und Gerechte. Wir erwarten, dass der neue Mensch mit dem alten ringt, und wir erkennen an, dass in jeder Situation bestimmte Umstände (z. B. wie lange jemand schon Christ ist und wieviel Lehre er erhalten hat) entweder dem neuen oder dem alten Menschen in die Hände spielen. Insofern geht es bei Gemeindezucht nie bloß um die Frage, welche Sünde geschehen ist, als ob wir anhand einer Präzisionswaage entscheiden, ob eine Sünde schwer genug wiegt, um eine Gemeindezucht zu rechtfertigen. Wir sollten uns hier eher eine Balkenwaage vorstellen, in der die Sünde in die eine Waagschale und die Indizien für Buße in die andere gelegt werden – und zwar nicht nur Buße von dieser einen Sünde, sondern eine allgemein bußfertige Haltung im Leben dieser 47
Teil 1: Der große Rahmen
Person. Wenn wir einen möglichen Fall für Gemeindezucht bewerten, geht es also immer darum, dass wir die Dynamik zwischen der allgemeinen Umkehrbereitschaft dieser Person und der Sünde, die gegen dieses Bekenntnis spricht, bewerten und damit hinterfragen. In dieser Hinsicht ist Jesu Bedingung aus Matthäus 18 sehr lehrreich: Eine Sache soll unter zwei oder drei Zeugen besprochen werden, bevor sie der ganzen Gemeinde vorgelegt wird (Mt 18,16). Der Text aus 5. Mose 19, den Jesus hier zitiert, zeigt, dass Gott von den Israeliten erwartete, sorgfältig darauf zu achten, dass das Verfahren gegen einen Übeltäter gewissenhaft und fair verläuft. Ebenso verlangt Jesus von den Gemeindeleitern und -mitgliedern, dass jeder Fall sorgfältig beurteilt wird. Sie sollen die Indizien, die verschiedenen Seiten des Falls und mildernde Umstände berücksichtigen. Es soll kein vorschnelles Urteil gefällt werden. Christen sollen langsam, bedächtig und gnädig handeln. Der Maßstab, an dem die zwei oder drei Zeugen (und schließlich die Gemeinde) die Sünde oder das sündige Verhaltensmuster messen sollen, ist ein einfacher: Weigert sich die Person wiederholt, Buße zu tun, sodass das Glaubensbekenntnis einer Person schließlich unglaubwürdig wird und nicht mehr bestätigt werden kann? Das heißt: Klammert sich diese Person so stark an diese Sünde, dass dies alle anderen Glaubensbeteuerungen überwiegt? Gleichzeitig sollte noch eine ganze Reihe weiterer situativer Gegebenheiten in die Überlegungen einer Gemeinde einbezogen werden: • Wie lange ist die Person schon Christ? • Welche Lehre hat sie erhalten? • Gibt die Person, die gesündigt hat, zu, dass ihr Handeln falsch war? • Wirkt sie aufrichtig betrübt über ihre Sünde oder klingt in ihrem Sündenbekenntnis ein missmutiger Ton mit? • Hat sie ihre Sünde bereitwillig bekannt oder mussten wir ihr die Informationen aus der Nase ziehen? 48
3. Wann ist Gemeindezucht notwendig?
• Hat sie alle ihre Sünden auf Anhieb genannt oder mussten wir sie scheibchenweise ans Licht holen? • Hält sie aller Wahrscheinlichkeit nach immer noch Informationen zurück? • Haben wir es hier mit einem festen Verhaltensmuster bzw. einer charakteristischen Handlung zu tun? • Bittet die Person um Korrektur? • Nimmt die Person gerne Rat an, um die Sünde zu bekämpfen, oder lehnt sie dies in der Überzeugung ab, dass sie selbst am besten weiß, wie sie damit umgehen soll? • Macht die Person den Eindruck, als ob sie in der Diskussion auf unserer Seite steht, oder versucht sie, sich zu verteidigen? Mit anderen Worten: Sagt sie: »Ja, da hast du vollkommen Recht. Das ist furchtbar. Was soll ich nur tun?«, oder sagt sie: »Ja, gut, okay. Mal sehen …«? • Gibt es in ihrem persönlichen oder familiären Hintergrund Faktoren, die die Sünde nicht minder schlimm, aber doch wahrscheinlicher machen? • Ist die Person von anderen Leuten, denen sie zu Recht vertraut hat, zu dieser Sünde verführt worden? Die Beantwortung dieser Fragen muss nicht, aber kann das Urteil einer Gemeinde oder deren Leitung in die eine oder andere Richtung lenken. Die Gesamtheit dieser Faktoren hat oft einen Einfluss darauf, ob wir eine Person trotz sündigen Verhaltens weiterhin als Christ anerkennen. Öffentlich sichtbar, schwerwiegend und unbußfertig
Jesu Anwendung von 5. Mose 19 und Paulus’ Anweisungen an die Korinther, zu »richten« und »Entscheidungen über die Angelegenheiten dieses Lebens zu treffen« (1Kor 5,12; 6,2-5) lehren uns mindestens zwei weitere Dinge. Erstens möchte Jesus, dass Gemeinden auf die eben beschriebene Weise richten, auch wenn er an anderer Stelle ein selbst49
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gerechtes, von persönlichen Rachegedanken geprägtes Richten verbietet (Mt 7,1-2). Zweitens sind die »Gerichtsverfahren« in einer Gemeinde ebenso wie in einem Gerichtssaal davon abhängig, was Menschen mit ihren Augen sehen oder mit ihren Ohren hören können. Gott hat den Christen keine Röntgenaugen gegeben, mit denen sie in die Herzen sehen könnten. Sondern er hat den Christen – wie allen anderen Menschen auch – Augen, Ohren und Verstand gegeben, mit deren Hilfe sie die Früchte im Leben einzelner Personen erkennen und beurteilen können (1Kor 5,12; vgl. Mt 3,8; 7,1620; 12,33; 21,43). Nichtchristen gebrauchen sicherlich ihre Augen, Ohren und ihren Verstand, um das Leben der Christen zu beobachten und zu beurteilen, und Christen sollten dasselbe tun. Das ist Bestandteil unserer Aufgabe, den Namen Jesu zu wahren, und gehört ebenso zu unserer Liebe gegenüber dem Sünder, unserem nichtchristlichen Beobachter und der Gemeinde. Jesus verleiht den Gemeinden die Autorität, auf der Grundlage der öffentlichen, äußeren Früchte im Leben eines Menschen öffentliche Erklärungen abzugeben. Mit anderen Worten: Außer dem besagten Kriterium »bei Grenzüberschreitung zwischen absehbaren und unabsehbaren Sünden« haben wir noch ein weiteres Kriterium, um zu beurteilen, welche Sünden Gemeindezucht nach sich ziehen sollten. Es ist hilfreich, eine Art Mindestnorm zu formulieren, auch wenn sie theologisch nicht komplett wasserdicht ist. Formale Gemeindezucht soll bei Sünden geschehen, die öffentlich sichtbar und schwerwiegend sind und wenn der Sünder unbußfertig ist. Erstens muss eine Sünde also öffentlich sichtbar sein. Gemeinden sollen nicht jedes Mal einem Mitglied, wenn sie in seinem Herzen Geldgier oder Stolz vermuten, mit dem Rauswurf aus der Gemeinde drohen. Gemeindezucht muss einen Grund haben, der mit Augen zu sehen oder mit Ohren zu hören ist. Zweitens muss eine Sünde schwerwiegend sein. Eine Gemeinde und deren Leiter sollen nicht jede Sünde bis ins Letzte verfolgen. In der Gemeinde muss auch ein gewisser Raum für die Liebe vorhanden sein, die »eine Menge von Sünden zudeckt« 50