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Kevin DeYoung Leg einfach los!


Kevin DeYoung

Ein befreiender Weg, Gottes Willen zu entdecken


Kevin DeYoung ist Hauptpastor an der University Reformed Church in East Lansing, Michigan, in Nachbarschaft zur Michigan State University. Er gehört auch zum Leitungskreis der Initiative The Gospel Coalition und schreibt im Web den Blog https://blogs.thegospelcoalition.org/kevindeyoung. Kevin ist Professor für Systematische und Historische Theologie am Reformed Theological Seminary. Weitere Bücher von ihm sind u. a. Crazy Busy, Gott beim Wort nehmen und The Biggest Story. Kevin und seine Frau Trisha haben sieben Kinder: Ian, Jacob, Elizabeth, Paul, Mary, Benjamin und Tabitha.

1. Auflage 2017 © der englischen Originalausgabe 2009 by Kevin DeYoung Originaltitel: Just Do Something Erschienen bei Moody Publishers, Chicago, Illinois © der deutschen Übersetzung: Betanien Verlag 2017 Imkerweg 38 · 32832 Augustdorf www.betanien.de · info@betanien.de Übersetzung: Larissa Eliasch Lektorat: Hans-Werner Deppe Cover: Sara Pieper Satz: Betanien Verlag Druck: Druckhaus Nord, Bremen ISBN 978-3-945716-25-0


Inhalt

Vorwort von Joshua Harris 7 1 Der lange Weg ins Nirgendwo 9 2 Der Wille Gottes auf »Christianesisch« 14 3 Die Herausforderung, sich zu entscheiden 24 4 Unser Wahrsagekugel-Gott 39 5 Ein besserer Weg? 51 6 Gewöhnliche Führung und außergewöhnliche Überraschungen 59 7 Das Handwerkszeug 70 8 Der Weg der Weisheit 81 9 Berufswahl, Ehe und der Wille Gottes 92 10 Zum Schluss: Eine Geschichte und ihre Moral 106 Studienleitfaden 113


Vorwort von Joshua Harris

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s ist Gottes Wille für dich, dieses Buch zu lesen. Ja, ich meine genau dich. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du »einfach so« dieses Buch nimmst, diese Seite aufschlägst und anfängst zu lesen? Offensichtlich ist das ein Zeichen. Von den Millionen von Büchern auf der Welt hast du gerade dieses gefunden. Wow. Ich bekomme Gänsehaut. Verpasse nicht diesen von Gott arrangierten Moment. Wenn du ihn versäumst, ist es sehr wahrscheinlich, dass du Gottes Willen für den Rest deines Lebens komplett verfehlen und deine Tage in Trauer und Bedauern verbringen wirst. Nachdem ich dir jetzt einen Schrecken eingejagt habe, muss ich gestehen, dass der gesamte vorherige Absatz komplett Unsinn ist. Es ist Quatsch. Überhaupt nicht wahr. In Wirklichkeit weiß ich gar nicht, ob es Gottes Wille für dich ist, dieses Buch zu lesen. Aber ich denke, das könnte eine echt gute Idee sein. Wenn du dazu neigst, so von Gottes Willen zu denken, wie ich ihn auf so bedrohliche Art und Weise beschrieben habe, wird dieses Buch dir helfen, deine Sichtweise zu korrigieren. Kevin DeYoung ist ein begabter Pastor und ein theologisch scharfsinniger und Klartext redender Autor. Er vermittelt wichtige Inhalte auf leicht lesbare und verständliche Weise. In Leg einfach los zeigt Kevin, was uns daran hindert, vorwärtszugehen und Entscheidungen zu treffen. Er verdeutlicht, wie Gott zu uns redet und was es bedeutet, von Weisheit geleitet zu werden. In einer einfühlsamen und liebevollen Weise fordert er dich heraus. Es ist gut möglich, dass du bei diesem Thema einigen fehlerhaften Denkweisen erlegen bist. Ich schätze Kevins nüchterne 7


Leg einfach los! · Vorwort von Joshua Harris

Art und Weise sehr, mit der er uns wieder zurück zur Wahrheit bringt: »Gott ist keine magische Wahrsagekugel, die wir nur gut genug durchschütteln und in die wir dann hineinstarren müssen, wann immer wir eine Entscheidung zu treffen haben. Er ist ein guter Gott, der uns einen Verstand gibt, uns den Weg des Gehorsams aufzeigt und uns dazu einlädt, Risiken für ihn einzugehen.« (Seite 23) Ich bin ein Pastor. Und das höchste Lob, das ich als Pastor diesem Buch aussprechen kann, lautet: Es ist mein neues Nonplus-ultra-Buch zum Thema »Gottes Willen finden« und Entscheidungen treffen. Wenn du in meiner Gemeinde wärst, auf mich zukommen und mir sagen würdest: »Ich muss eine wichtige Entscheidung treffen (Ehe, Arbeit, Hauskauf etc.) und ich muss wissen, was Gott von mir möchte«, würde ich dir dieses Buch an die Hand geben. Es ist befreiend und ermutigend – und sogar, wenn es dir vor den Kopf stößt (was es hin und wieder tut), wird es dir gut bekommen. Du wirst klarer und biblischer denken. Also lies dieses Buch. Du wirst dadurch weiser werden. Joshua Harris Hauptpastor der Covenant Life Church und Autor u.a. von »Mehr als ein Sonntagsflirt. Gib der Gemeinde dein Jawort«

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Der lange Weg ins Nirgendwo

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ch bin mit Tinkertoy-Spielzeug aufgewachsen. Wie die meisten amerikanischen Haushalte der letzten hundert Jahre hatte auch unsere Familie diesen klassischen länglichen Eimer voller Stäbe, Holzräder und bunten Verbindungsteilen. Seit Erscheinen auf dem Markt im Jahre 1913 verkaufte Tinkertoy jährlich über 2,5 Millionen Konstruktionssets. Erfinder der Tinkertoy-Sets, die anfänglich für 60 Cent verkauft wurden und den wenig attraktiven Namen »Thousand Wonder Builders« trugen, waren Charles Pajeau und Robert Petit. Die Idee für ein solches Spielzeug hatten sie, als sie Kindern beim Basteln mit Bleistiften, Stöckchen und leeren Fadenspulen zusahen. Auch ein Jahrhundert später findet man an den Tinkertoy-Sets nichts Ausgefallenes, insbesondere in einem digitalen Zeitalter, in dem Kinder ohne ihre elektronischen Gadgets nicht das Haus verlassen. Trotzdem mögen Kinder immer noch Tinkertoy, weil Kinder gerne basteln. Und offensichtlich tun das auch Erwachsene gern. Der Soziologe und Autor Robert Wuthnow bezeichnet die Generation der 20- bis 45-Jährigen als »Tinkerer«, also »Bastler«1 (tinker heißt »basteln«). Unsere Großeltern waren die Aufbau-Generation; sie bauten. Unsere Eltern waren die so genannten Baby-Boomer, sie »boomten«. Und meine Generation? Wir basteln. Selbstverständlich ist Basteln an sich nichts Schlechtes, wie auch Wuthnow herausstellt. Wer gerne bastelt, kann improvisieren, sich spezialisieren, Dinge auseinandernehmen und Leute aus tau 1 Robert Wuthnow: After the Baby Boomers: How Twenty- and Thirty-Somethings Are Shaping the Future of American Religion. Princeton Univ. Press 2007.

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Leg einfach los! · Kapitel 1

send verschiedenen Orten der Welt zusammenbringen. Jedoch bedeutet Basteln auch Unentschlossenheit, Unvereinbarkeit und Instabilität. Wir sehen eine Generation von jungen Leuten (irgendwie) heranwachsen, die mit Lehren basteln, mit Gemeinden basteln, mit Partnerbeziehungen basteln oder Hauptfächer zusammenwürfeln, die mal im Keller bei den Eltern wohnen und dann wieder von zu Hause ausziehen, die mit den verschiedensten spirituellen Praktiken hantieren, unabhängig davon, wie unvereinbar oder widersprüchlich sie sind. Wir sind unbeständig und instabil. Wir halten an nichts fest. Wir sind nie sicher, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Meistens sind wir nicht einmal in der Lage, überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Und wir ziehen unsere Entscheidungen nicht durch. All das bedeutet, dass wir als junge Christen weniger Frucht bringen und weniger treu sind, als wir sein sollten. Zugegeben, jung sein bedeutet zumeist auch, jugendlich zu sein, und die Jugendlichkeit bringt Unentschlossenheit und Instabilität mit sich. Junge Menschen, die gerne basteln, gibt es nicht nur in einer einzigen Generation. Auch die Baby-Boomer und wahrscheinlich sogar die »Builders«, die Aufbau-Nachkriegsgeneration (die während der Weltwirtschaftskrise aufwuchs und im Zweiten Weltkrieg kämpfte), bastelten als junge Erwachsene mit Gott und dem Leben. Der Unterschied bei meiner Generation ist jedoch, dass die Phase des »jungen Erwachsenen« immer länger anhält. Früher galt man mit dreißig als alt und alles andere als jugendlich, doch heute klingt es nicht ungewöhnlich, mit vierzig »allmählich erwachsen zu werden«. Eine interessante Statistik belegt: Im Jahr 1960 hatten unter den Dreißigjährigen 77 % der Frauen und 65 % der Männer die wichtigsten Stufen des Erwachsenwerdens hinter sich. Diese Stufen beinhalten den Auszug aus dem Elternhaus, den Schulabschluss, finanzielle Unabhängigkeit, Heirat und die Geburt eines Kindes. Im Jahr 2000 hatten unter den Dreißigjährigen lediglich 46 % der Frauen und 31 % der Männer diese Stufen abgeschlossen.2 2 Ebd., S. 11.

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Der lange Weg ins Nirgendwo

Mich erstaunt, dass weniger als ein Drittel der Männer in meinem Alter die Schule beendet haben, ausgezogen sind, geheiratet und Kinder bekommen haben und einer Arbeit nachgehen, von der sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. »Adultoleszenz«3 ist das neue Normal. Auf der anderen Seite weiß ich natürlich, dass es viele gute Gründe dafür geben mag, wenn jemand mit dreißig Jahren immer noch zur Schule geht. Schließlich brauchen mehrfache Master ihre Zeit. Ich erkenne auch an, dass es legitime Gründe gibt, warum ein Dreißigjähriger vielleicht bei seinen Eltern leben muss (z. B. Krankheit, plötzliche Arbeitslosigkeit oder Scheidung). Was die Heirat angeht, hast du vielleicht die Gabe der Ehelosigkeit. Und bezogen auf die Familie habt ihr vielleicht versucht, Kinder zu bekommen, aber es hat bisher nicht geklappt. Es gibt eine Menge von Gründen, warum es mit dem Erwachsenwerden dauert. Ich verstehe das. Nur weil du ein Viertel bis ein Drittel deines Lebens auf diesem Planeten bereits hinter dir und »den Übergang« ins Erwachsenendasein immer noch nicht vollendet hast, bedeutet das nicht, dass du automatisch ein Schmarotzer, ein fauler Sack oder ein hoffnungsloser Vagabund bist. Aber es könnte das bedeuten. Es ist möglich, dass deine »ganz neue Freiheit zum Vagabundieren und Experimentieren, zum Lernen oder auch Nichtlernen, Weitermachen und nochmal Probieren«4 dich nicht weiser, kultivierter oder reifer gemacht hat. Vielleicht braucht dein freier Geist etwas weniger Freiheit und mehr Treue. Vielleicht sollte dein ständiges Erwachsenwerden … tja, endlich erwachsen werden. Aber um nicht missverstanden zu werden: Dieses Buch richtet sich nicht ausschließlich an junge Leute. Ich werde mich nicht an einer Generationsanalyse meiner 30- bis 40-jährigen Altersge 3 Eine im Englischen mittlerweile etablierte Wortschöpfung (adultolescence) aus adult (erwachsen), und adolescence (Adoleszenz, Heranwachsen), also das im Erwachsenenalter fortgesetzte Erwachsenwerden (Anm. Betanien Verlag). 4 Christian Smith: »Get a Life: The Challenge of Emerging Adulthood«. Books & Culture. November/December 2007, S. 10.

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Leg einfach los! · Kapitel 1

nossen versuchen. Ich werde kein neues Manifest der »Generation X«5 aufstellen. Dieses Buch ist sehr viel einfacher als all das. Es handelt von Gottes Willen – Gottes Willen für desorientierte Teenager, ausgebrannte Eltern, pensionierte Großeltern und, ja, die bastelnde »Generation Y«, die Millennials oder wie auch immer wir die derzeit Mitte Zwanzigjährigen nennen möchten. Ich bringe diese ganze Sache mit dem verspäteten Erwachsenwerden deshalb auf, weil es mit dem geistlichen Thema »Gottes Willen erkennen« zusammenhängt. Du wirst in diesem Buch einige der typischen Fragen nach dem Willen Gottes behandelt finden – also wie man weise Entscheidungen trifft, eine Arbeitsstelle wählt, wen man heiraten soll und so weiter. Die Beantwortung dieser Fragen ist jedoch nicht Zweck dieses Buches. Mein Ziel ist es weniger, dir zu offenbaren, wie du Gottes Stimme hören kannst, um eine Entscheidung zu treffen, sondern vielmehr, dir zu helfen, Gottes Offenbarung zu hören: Er sagt dir, den langen Weg ins Nirgendwo zu verlassen und endlich eine Entscheidung zu treffen, einen Job zu bekommen und – vielleicht – zu heiraten. Die Unschlüssigkeit, die viele von uns (insbesondere die Jüngeren) spüren, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, sich festzulegen und dafür sorgfältig nach Gottes Willen zu suchen, hat mindestens zwei Ursachen: Erstens genießt die neue Generation – oder zumindest glaubt sie es, zu genießen – eine »ganz neue Freiheit«. Nach der Schule oder dem College gibt es keine vorgegebenen Pfade mehr. Die Zukunft steht einem weit offen und bietet unendliche Möglichkeiten – doch damit einher gehen auch Desorientierung, Sorge und Unschlüssigkeit. »Bei all den Dingen, die ich tun könnte, und all den Orten, an die ich gehen könnte – woher soll ich da wissen, was davon das Richtige ist?« Das führt zu dem starken Bedürfnis, »Gottes Willen für mein Leben« zu entdecken. Das ist der Hauptgrund, warum es 5 Die »Generation X« wird im engl. auch Baby Busters genannt und ist die Generation nach den Baby Boomers, also der von Mitte der 1960er bis Anfang der 1980er Jahre Geborenen. Kevin DeYoung (geb. 1977) schrieb dieses Buch 2009 im Alter von 31/32 Jahren (Anm. Betanien Verlag).

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Der lange Weg ins Nirgendwo

immer einen Markt für Bücher über Gottes Willen gibt. Zweitens ist unsere Suche nach dem Willen Gottes ein Komplize darin geworden, das Erwachsenwerden aufzuschieben. Diese ständige Suche ist ein bequemer Ausweg für junge (oder ältere) Christen, um sich ohne Sinn und Ziel durchs Leben treiben zu lassen. Zu viele von uns verkaufen ihre Instabilität, Unbeständigkeit und die endlose Selbsterkundung als angebliches »Suchen nach Gottes Willen«, als wären das Vermeiden von klaren Entscheidungen und ein stetes Herumwinden Kennzeichen eines besonderen geistlichen Feinsinns. Als Resultat sind wir geprägt von Passivität und mangelndem Durchhaltevermögen. Wir basteln herum an allem und mit jedem, anstatt dass wir im Hinblick auf unsere Zukunft Verantwortung übernehmen, Entscheidungen fällen und einfach loslegen.

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Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

enn Gott einen so »wundervollen Plan für mein Leben« hat, wie es in vielen evangelistischen Traktaten heißt, warum sagt er mir dann nicht, was genau dieser Wille für mich ist? Stattdessen gleicht unser Leben hier unten einem Wirrwarr von voreiligen Aktionen und Abbrüchen, Sackgassen und offenen Türen, Möglichkeiten und konkurrierenden Ideallösungen. So viele Entscheidungen sind zu treffen und keine Antwort scheint klar und deutlich zu sein. Was soll ich in diesen Sommerferien tun? Welches Studienfach soll ich wählen? In welche Richtung soll mein Berufsweg gehen? Will ich Karriere machen? Soll ich heiraten? Wen soll ich heiraten? Will ich Kinder haben und wenn ja, wie viele? Soll ich Sport machen oder in einem Chor singen? Wohin soll ich aufs College gehen? Soll ich überhaupt aufs College gehen? Soll ich einen Masterabschluss machen? Welchen Beruf soll ich nehmen? Soll ich in meinem jetzigen Beruf bleiben? Soll ich Missionar werden? Oder Pastor? Soll ich irgendwo ehrenamtlich mitarbeiten? Soll ich von Zuhause ausziehen und mal etwas anderes kennenlernen? Ist es jetzt an der Zeit, ein Haus zu kaufen? Für andere stellen sich wichtige Fragen über Geld, Beziehungen oder gar den Ruhestand: Wie soll ich mit meinem Geld umgehen? Wofür soll ich es ausgeben? In welche Gemeinde soll ich gehen? Wie soll ich meiner Gemeinde dienen? Was soll ich den Rest meines Lebens tun und wo und mit wem will ich mein Leben verbringen? Wann soll ich in Rente gehen? Und was soll ich in meinem Ruhestand machen? Bei derart vielen Fragen, mit denen man sich in den nächsten Jahren – oder womöglich Wochen – auseinandersetzen muss, ist 14


Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

es kein Wunder, dass so viele von uns verzweifelt nach Antworten suchen, was Gottes Wille für ihr Leben ist. Das bringt mich zurück zur Ausgangsfrage dieses Kapitels, die anders ausgedrückt lautet: Wenn Gott einen wundervollen Vielleicht hat Plan für mein Leben hat, wie kann ich herausfinden, Gott gar nicht wie dieser Plan aussieht? die Absicht, Viele Bücher wurden geschrieben, um diese uns einen grundlegende Frage zu beantworten, und meine Antgenauen Plan wort darauf ist womöglich nicht die, die du von eimitzuteilen. nem Wie-erfahre-ich-Gottes-Willen-Buch erwarten würdest. Meine Antwort habe ich mir nicht selbst ausgedacht, aber sie ist ziemlich einfach und wie ich hoffe auch ziemlich biblisch. Wagen wir doch einmal zu überlegen: Vielleicht haben wir deshalb Schwierigkeiten damit, Gottes wundervollen Plan für unser Leben herauszufinden, weil er in Wirklichkeit gar nicht die Absicht hat, uns tatsächlich einen genauen Plan mitzuteilen. Und vielleicht liegen wir falsch darin, dennoch genau das von ihm zu erwarten. Bist du schon durcheinander?

»Der Wille Gottes« ist einer der am meisten Verwirrung stiftenden Begriffe im christlichen Vokabular. Manchmal sprechen wir davon, dass alle Dinge nach Gottes Willen geschehen. Andere Male sprechen wir davon, gehorsam zu sein und Gottes Willen zu tun. Und wieder andere Male sprechen wir davon, Gottes Willen zu suchen. Die Verwirrung ist der Tatsache geschuldet, dass wir den Begriff »Gottes Wille« mit mindestens drei verschiedenen Bedeutungen benutzen, die in den drei oben genannten Sätzen zum Ausdruck kommen: Gottes souveräner Wille, Gottes moralischer Wille und Gottes individueller Wille. Zwei dieser Bedeutungen werden klar in der Bibel gelehrt; mit der dritten ist es ein wenig komplizierter. Also fangen wir mit den ersten beiden an. 15


Leg einfach los! · Kapitel 2

Gottes souveräner Wille – geschieht immer

Wenn wir die Bibel durchforschen, sehen wir, dass Gottes Wille zwei Aspekte hat. Erstens haben wir Gottes souveränen Willen. Damit ist das gemeint, was Gott verordnet hat. Alles, was geschieht, geschieht gemäß Gottes souveräner Verordnung (seinem Ratschluss). Und alles, was er verordnet, wird letztendlich eintreten. Gottes souveräner Wille kann nicht vereitelt werden. Er ist unveränderlich und steht absolut fest. Gott steht souverän über allen Dingen – über Natur und Nationen, Tiere und Engel, Geister und Satan, wundervolle und niederträchtige Menschen, sogar über Krankheit und Tod. Augustinus sagte: »Der Wille Gottes ist die Notwendigkeit aller Dinge.« In anderen Worten: Was Gott will, wird auch geschehen, und was geschieht, entspricht Gottes Willen. Das ist es, was ich mit Gottes souveränem Willen meine. Gottes souveräner Wille wird in zahlreichen Bibelstellen gelehrt: … in ihm, in welchem wir auch ein Erbteil erlangt haben, die wir vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens. (Eph 1,11) Gott wirkt alles – das große Gesamtbild, die kleinen Details und alles dazwischen – gemäß seinen eigenen guten und souveränen Zielen. Verkauft man nicht zwei Sperlinge um einen Groschen? Und doch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind selbst die Haare des Hauptes alle gezählt. (Mt 10,29-30) Gott leitet unser Leben bis ins letzte Detail. Er plant nicht nur ein paar der großen Dinge unseres Lebens. Preis den Herrn, dass er den kleinsten Sperling und jedes einzelne graue Haar von uns kennt. Und keines davon fällt zu Boden, es sei denn, unser himmlischer Vater möchte es so. 16


Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

Wahrhaftig, sie haben sich versammelt in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels, zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt haben, dass es geschehen sollte. (Apg 4,27-28) Bei allen menschlichen Klagen und Leiden müssen wir auf das Kreuz blicken. Denn dort sehen wir das Problem des Bösen »beantwortet« – nicht in einem theoretischen Sinn, sondern indem wir auf den allmächtigen Gott hingewiesen werden, der alle Dinge zum Guten wirkt. So erschreckend das auch klingen mag: Die abscheulichste Übeltat und Ungerechtigkeit, der jemals auf Erden verübt wurde – die Ermordung des Sohnes Gottes – geschah gemäß Gottes gnädigen und vorherbestimmten Willen. Deine Augen sahen mich schon als ungeformten Keim, und in dein Buch waren geschrieben alle Tage, die noch werden sollten, als noch keiner von ihnen war. (Ps 139,16) Unser Leben beginnt, endet und entfaltet sich gemäß Gottes Vorhersehung. So drückten es auch die Verfasser des Heidelberger Katechismus aus dem 16. Jahrhundert sehr gut aus: »Was verstehst du unter der Vorsehung Gottes? Die allmächtige und gegenwärtige Kraft Gottes, durch die er Himmel und Erde mit allen Geschöpfen wie durch seine Hand noch erhält und so regiert, dass Laub und Gras, Regen und Dürre, fruchtbare und unfruchtbare Jahre, Essen und Trinken, Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut und alles andere uns nicht durch Zufall, sondern aus seiner väterlichen Hand zukommt.«6 Gedenkt an das Frühere von der Urzeit her, dass ich Gott bin und keiner sonst; ein Gott, dem keiner zu vergleichen ist. Ich verkündige von Anfang an das Ende, und von der Vorzeit her, 6 Heidelberger Katechismus. Revidierte Ausgabe 1997. Frage und Antwort 27, S. 22, https://www.ekd.de/download/heidelberger_katechismus.pdf.

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Leg einfach los! · Kapitel 2

was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Mein Ratschluss soll zustande kommen, und alles, was mir gefällt, werde ich vollbringen. (Jes 46,9-10) Gott weiß und fügt souverän alle Dinge. Gottes souveräner Wille ist absolut und bestand schon vor Grundlegung der Welt. Er ist Gottes höchste Verfügung über alle Dinge und kann nicht aufgehoben werden. Gottes moralischer Wille – geschieht nicht immer

Die andere Seite der Medaille ist Gottes moralischer Wille. Damit ist das gemeint, was Gott befohlen hat – was er von seinen Geschöpfen möchte, dass sie es tun. Während der souveräne Wille beschreibt, wie die Dinge sind, zeigt der moralische Wille, wie die Dinge sein sollten. Mir ist klar, dass ich mich hier nicht mit der schwierigen Frage auseinandersetzen kann, wie Gott einerseits alles vorherbestimmt und uns andererseits gleichzeitig zur Rechenschaft für unsere Taten zieht. Das ist die alte Frage nach der göttlichen Souveränität und menschlichen Verantwortung. Die Bibel lehrt ganz klar beides. Beispielsweise sandte Gott die Babylonier, um Juda zu bestrafen, doch richtete er die Babylonier dennoch für ihre bösen Taten, die sie Juda antaten (Jer 25). Gleichermaßen plante Gott den Tod seines Sohnes und doch werden diejenigen, die Christus getötet haben, »Gesetzlose« genannt (Apg 2,23). Ich denke, es gibt theologische Lösungen, die uns helfen, göttliche Souveränität und menschliche Verantwortung in Einklang zu bringen, aber ein Vertiefen in dieses Thema würde den Rahmen dieses kurzen Buches sprengen. Ich möchte lediglich anmerken: Gott ist souverän, aber nicht der Urheber der Sünde. Wir stehen unter seiner Souveränität, sind aber nicht frei von der Verantwortung für unsere Taten. Beide Seiten von Gottes Willen finden wir in der Heiligen Schrift. Gottes souveräner Wille – was er vor ewiger Vergangen18


Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

heit vorherbestimmt hat – kann nicht durchkreuzt werden. Gottes moralischer Wille – seine Gebote, nach denen wir leben sollen – kann missachtet werden. Ich möchte einige Bibelstellen anführen, die von Gottes moralischem Willen sprechen: Liebt nicht die Welt noch was in der Welt ist! Wenn jemand die Welt liebt, ist die Liebe des Vaters nicht in ihm; denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches und die Begierde der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht vom Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Begierde; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit. (1Jo 2,15-17) Mit dem Willen Gottes in diesem Abschnitt ist nicht Gottes souveräne Anordnung aller Dinge gemeint, sondern seine Anweisungen, wie wir leben sollen. Ein Leben nach dem Willens Gottes ist das Gegenteil von Weltlichkeit, so sagt es der Apostel Johannes hier. Den Willen Gottes zu tun, bedeutet, »nein« zu den Begierden des Fleisches, den Begierden der Augen und dem Hochmut des Lebens zu sagen. Der Gott des Friedens aber, der unseren Herrn Jesus aus den Toten heraufgeführt hat, den großen Hirten der Schafe durch das Blut eines ewigen Bundes, er rüste euch völlig aus zu jedem guten Werk, damit ihr seinen Willen tut, indem er in euch das wirkt, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesus Christus. Ihm sei die Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (Hebr 13,20-21) Der Wille Gottes im moralischen Sinne bedeutet, dass wir tun, was ihm gefällt. Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. (Mt 7,21) 19


Leg einfach los! · Kapitel 2

Auch hier sehen wir, dass mit dem kurzen Begriff »Willen Gottes« etwas Umfassendes gemeint ist: den Anweisungen Gottes gehorsam zu sein und in seinen Wegen zu gehen – an dieser Stelle von Christus selbst so formuliert. Was verborgen ist, das steht bei dem Herrn, unserem Gott; was aber geoffenbart ist, das ist ewiglich für uns und unsere Kinder bestimmt, damit wir alle Worte dieses Gesetzes tun. (5Mo 29,29) An dieser Stelle stehen Gottes souveräner Wille und sein moralischer Wille ganz nah nebeneinander im selben Vers. Bei Gott gibt es verborgene Dinge, von denen nur er weiß (seine unergründlichen Ratschlüsse), er hat aber auch Dinge offenbart, die wir wissen und denen wir gehorsam sein sollen (seine Gebote und sein Wort). Gottes individueller Wille – gibt es den?

Es gibt noch eine dritte Weise, wie wir den Begriff »Wille Gottes« verwenden. Meistens suchen wir Gottes individuellen Willen. Wir hören das in den Fragen, die wir zu Beginn dieses Kapitels gestellt haben: Was soll ich nach Gottes Willen mit meinem Leben anfangen? Welchen Beruf soll ich nehmen? Wo soll ich leben? Das sind die Fragen, die wir stellen, wenn wir nach Gottes individuellem Willen suchen. Wir wollen seinen persönlichen, konkreten Plan für das Wer, Was, Wo, Wann und Wie in unserem Leben kennen. Wir wollen seine Führung sehen. Hier also der Kern der Sache: Hat Gott einen geheimen individuellen Willen und erwartet er von uns, dass wir ihn herausfinden, bevor wir irgendetwas tun? Und die Antwort lautet: Nein. Es stimmt zwar, dass Gott einen speziellen Plan für unser Leben hat. Und ja, wir können gewiss sein, dass Gott in Jesus Christus alle Dinge zu unserem Besten wirkt. Und ja, im Rückblick werden wir oft erkennen können, dass es Gottes Hand war, die uns 20


Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

dahin geführt hat, wo wir sind. Doch während wir einerseits frei sind, seine Weisheit zu erbitten, belastet er uns andererseits nicht mit der Aufgabe, seinen individuellen Willen für unser Leben orakelhaft im Voraus zu deuten. Der zweite Teil des letzten Satzes ist entscheidend. Gott hat einen bestimmten Plan für unser Leben, aber er erwartet nicht, dass wir ihn herausfinden, bevor wir eine Entscheidung treffen. Ich sage nicht, dass Gott dir nicht hilft, Gott hat einen Entscheidungen zu fällen (das nennt sich Weisheit bestimmten und darauf werden wir in Kapitel 8 eingehen). Ich Plan für unser sage nicht, dass Gott sich nicht für deine Zukunft inLeben, aber teressiert. Ich sage auch nicht, dass Gott nicht deinen er erwartet Weg führt und im Chaos deines Lebens nicht alles nicht, dass wir unter Kontrolle hat. Ich glaube von ganzem Herzen ihn herausfinan Gottes Vorsehung. Ich sage aber definitiv: Wir den, bevor wir sollen damit aufhören, uns Gottes Willen als eine eine EntscheiArt Maislabyrinth, Drahtseilakt, Zielscheibenwerfen dung treffen. 7 oder »1000 Gefahren«-Abenteuer-Kinderbuch vorzustellen. Als ich ein Kind war, liebte ich es, die Abenteuerbücher dieser 1000-Gefahren-Serie zu lesen. Du kommst an einen kritischen Punkt in der Geschichte, und wenn du dann aus dem Land fliehen möchtest, blätterst du weiter auf Seite 23; wenn du dich lieber in einer Höhle verstecken willst, blätterst du zu Seite 36. Und, hoppla, die Höhle entpuppt sich als Teil eines Vulkans und du bist tot. Du hast die falsche Wahl getroffen. Das sind lustige Bücher für kleine Jungs, aber der Spaß hört auf, wenn es sich mit Gottes Willen ebenso verhält. Viele von uns sorgen sich, dass sie die falsche Arbeitsstelle annehmen oder das falsche Haus kaufen, den falschen Studiengang wählen oder die falsche Person heiraten könnten. Sie fürchten, dann würde ihr Leben plötzlich platzen. Dann würden wir außerhalb von Gottes Willen stehen 7 Eine beliebte Kinderbuchreihe, im engl. Original Choose Your Own Adventure (»Wähle dein eigenes Abenteuer«), bei dem das Kind selbst aus mehreren Optionen entscheiden kann, wie die Geschichte weitergeht.

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Leg einfach los! · Kapitel 2

und dazu verdammt sein, geistlich, sozial und körperlich zu versagen. Oder, um es in »Christianesisch« auszudrücken: Wir würden uns außerhalb des »Zentrums von Gottes Willen« befinden. Wir würden das Beste, was Gott uns bereithält, verfehlen, und müssten uns mit einem alternativen Ausgang unseres Lebens abfinden. Vor einigen Jahren las ich das Buch »Du lässt mich Freiheit atmen. Wie Gottes Wille uns zu guten Entscheidungen führt« von Gerald Sittser. Dieses Buch half mir, klarer zu verstehen, was genau ich an dem verbreiteten Verständnis von Gottes Willen als falsch empfand. Sittser beschreibt die althergebrachte und falsche Vorstellung von der Suche nach Gottes Willen so: Dieser Ansatz versteht den Willen Gottes als einen speziellen Weg für unsere Zukunft, den wir einschlagen sollen. Gott kennt diesen Weg und hat ihn für uns vorbereitet. Wir sind dafür verantwortlich, diesen Weg zu entdecken – den Plan Gottes für unser Leben. Wir haben die Aufgabe, unter den vielen möglichen Wegen den von Gott vorgezeichneten herauszufinden. Wenn wir die richtige Wahl treffen, ernten wir dafür Gottes Wohlwollen; wir leben gemäß unserer Berufung und unser Leben gelingt … Wenn wir die richtige Wahl treffen, werden wir Gottes Segen erfahren und Erfolg und Glück erleben. Wenn wir uns falsch entscheiden, leben wir am Willen Gottes vorbei und bleiben für immer in einem undurchdringlichen Labyrinth gefangen.8 Dieses verbreitete Verständnis ist eine falsche Vorstellung von Gottes Willen. Tatsächlich wird die Erwartung, dass Gott uns irgendeinen verborgenen individuellen Willen offenbart, zu einer Einladung für Enttäuschung und Unentschlossenheit. Gottes souveränem Willen zu vertrauen ist gut. Seinem moralischen Willen zu folgen ist Gehorsam. Auf Gottes individuellen Willen 8 Gerald Sittser: Du lässt mich Freiheit atmen. Wie Gottes Wille uns zu guten Entscheidungen führt. Gießen: Brunnen 2002, S. 14-15.

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Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

zu warten ist das reinste Chaos. Es ist schlecht für dein Leben, schadet deiner Heiligung und erlaubt zu vielen Christen, passive Bastler zu sein, die sich seltsamerweise für umso geistlicher halten, je weniger sie tatsächlich tun. Kennt ihr diese Spielzeug-Wahrsagekugel namens Magic-8Ball, die wie eine schwarze Billardkugel aussieht? Wenn man sie schüttelt, zeigt sie eine Antwort auf Ja-oder-Nein-Fragen an, die in einem Fenster in ihrer Inneres sichtbar wird. Gott ist keine solche magische Wahrsagekugel, die wir nur gut genug schütteln und in die wir dann hineinstarren müssen, wann immer wir eine Entscheidung zu treffen haben. Er ist ein guter Gott, der uns einen Verstand gibt, uns den Weg des Gehorsams aufzeigt und uns dazu einlädt, Risiken für ihn einzugehen. Wir wissen, dass Gott einen Plan für unser Leben hat. Das ist wundervoll. Das Problem liegt allerdings darin, dass wir denken, er wird uns diesen wundervollen Plan mitteilen, bevor er sich entfaltet. Wir meinen, dass wir bei jedem Schritt auf unserem Lebensweg wissen können – und wissen müssen –, was Gott genau will. Aber derart von der Suche nach Gottes Willen in Beschlag genommen zu sein – so gut dieses Anliegen auch sein mag –, ist mehr Torheit als Freiheit. Der bessere Weg ist der biblische Weg: »Trachte« (suche!) zuerst nach dem Reich Gottes und vertraue dann darauf, dass Gott für deine Bedürfnisse sorgen wird, sogar bevor du weißt, welche Bedürfnisse das sind und wohin deine Reise führt.

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Die Herausforderung, sich zu entscheiden

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arum suchen so viele Christen verzweifelt nach Gottes Plan für ihr Leben? Warum sind Verleger immer noch bereit, massenhaft Bücher zum Thema »Gottes Willen erkennen« herauszugeben (so wie dieses!), obwohl es bereits unzählige auf dem Markt gibt? Warum investieren Millionen von Christen schier endlos viel Zeit und Energie in das Warten, dass Gottes Wille sich offenbart? Und warum sorgen wir uns über den Willen Gottes, als sei er wie eine Atomsprengkopfrakete, die auf unser zukünftiges Glück abzielt? Ich möchte fünf Gründe nennen. Wir wollen Gott gefallen

Über die Jahre habe ich mit vielen aufrichtigen Christen gesprochen, die ernsthaft wissen wollen: »Bin ich da, wo ich sein sollte? Tue ich das, was ich tun sollte?« Diese Männer und Frauen lieben den Herrn. Sie versuchen nicht, kompliziert zu sein. Sie glauben, dass Gott sich einen Weg für sie ausgesucht hat und sie möchten diesen Weg nicht verfehlen und Gott nicht enttäuschen. Wenn der Herr meint, wir sollten nach Nashville ziehen, wollen wir nicht in Chicago enden. Wenn er meint, wir sollen Chemie studieren, wollen wir nicht Russische Literaturwissenschaften als Hauptfach wählen. Wenn wir für die Mission bestimmt sind, wollen wir nicht in einem heimischen Vorort landen. Das ist der erste Grund, warum wir Gottes individuellen Willen, seine persönliche Führung, für uns entdecken wollen: Wir möchten Gott gefallen. Wir möchten das tun, was Gott möchte. Das ist gut, aber wie ich bereits erklärt habe und in den kom24


Die Herausforderung, sich zu entscheiden

menden Kapiteln konkretisieren werde, ist das nicht die Art und Weise, wie Gottes Wille »funktioniert«. Auch wenn wir die besten Absichten dabei haben mögen, wenn wir Gottes Willen herausfinden wollen, sollten wir doch endlich damit aufhören, uns ständig damit herumzuplagen, jede Entscheidung übermäßig zu vergeistlichen. Unsere fehlgeleitete Frömmigkeit führt dazu, dass die Nachfolge Jesu ganz falsch mystifiziert wird. Einige von uns sind zaghaft

Der zweite Grund, warum manche Christen Gottes individuellen Willen suchen, besteht darin, dass wir von Natur aus ziemlich zaghaft und zögerlich sind. Energische, draufgängerische Typen tendieren weniger dazu, sich über Gottes Willen zu sorgen, als bedächtige, vorsichtige Typen. Manche voreiligen Christen müssen ermutigt werden, erst zu überlegen, bevor sie handeln. Andere hingegen müssen ermutigt werden, auch tatsächlich zu handeln, nachdem sie überlegt haben. Ich persönlich habe einige impulsive Christen kennen gelernt, aber noch viel mehr zaghafte Christen, die durch Unschlüssigkeit und Passivität wie gelähmt waren. Sie weigern sich, eine Entscheidung zu treffen, ohne vorher alle Fakten abzuwägen und eine geradezu vollständige Sicherheit zu erlangen, dass am Ende alles gut werden wird. Als Kinder verlassen sie ihre Football-Mannschaft, weil sie vielleicht nicht die Besten sind. In der Schule rutschen sie ab und werden schlechter, weil sie es gar nicht erst versuchen, anstatt es zu versuchen und vielleicht den Erwartungen nicht ganz zu entsprechen. Solche Menschen meinte Paulus wohl, als er den Thessalonichern sagte: »Verwarnt die Unordentlichen, tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig gegen alle!« (1Thes 5,14).9 9 Ich danke meinem Freund Doug Phillips, einem Pastor der Baptisten in Lansing, Michigan, dass er mich auf diesen Vers und dessen Anwendung aufmerksam machte.

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Leg einfach los! · Kapitel 3

Manche Christen haben die besten Absichten, wenn sie Gottes Willen herausfinden wollen. Sie sind einfach nur zu vorsichtig und etwas zaghaft. Solche Christen brauchen Ermahnung, aber sie verdienen auch unsere Geduld und Hilfe. Wir wollen perfekte persönliche Erfüllung

Der dritte Grund, warum wir nach Gottes individuellem Willen suchen, ist, dass wir die perfekte Erfüllung in unserem Leben erstreben. Viele von uns haben es so gut, dass wir beginnen, den Himmel auf Erden zu suchen. Wir haben jegliche Pilgergesinnung – die Einstellung, dass wir als Christen nur Fremde und Pilger auf Erden sind – verloren. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Falls du denkst, Gott habe dir versprochen, dass diese Welt ein Fünf-Sterne-Hotel sein wird, wird es dir in den normalen Kämpfen des Alltags schlecht ergehen. Aber wenn du an Gottes Verheißung denkst, dass wir Pilger sein werden und diese Welt sich eher wie eine Wüste oder gar ein Gefängnis anfühlen wird, wirst du dein Leben überraschend glücklich finden. Der Glaube an Jesus garantiert nicht, dass alles so läuft, wie wir es gerne hätten. Schau dir Hebräer 11 an, dieses Kapitel, das manchmal auch die »Hall of Fame (oder Heldengalerie) der Glaubenshelden« genannt wird. Beachte allein nur die drei ersten Glaubenshelden in diesem Kapitel. Der Bibelkommentator Bruce Waltke zeigt auf: Abel glaubte und starb, Henoch glaubte, starb aber nicht, Noah glaubte und alle anderen starben!10 Der Glaube garantiert dir nicht, dass dein Leben – oder das Leben deiner Mitmenschen – ein Ponyhof oder Zuckerschlecken sein wird. Das Leben ist nicht immer nur Spaß und wir sollten das auch nicht erwarten. Zum Teil ist das eine Generationensache. Immerhin zählen meine Altersgenossen und ich zu den ersten, die eine Inflation 10 Bruce Waltke: Finding the Will of God: A Pagan Notion? Grand Rapids: Eerdmans 1995, S. 15.

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guter Schulnoten erlebten: Wir bekamen eine Eins dafür, in Integralrechnung unsere Gefühle ausgegraben und »unser Bestes« gegeben zu haben. Wir waren die Ersten, die auf Selbstwertgefühl programmiert wurden, als wir gelernt hatten, dass wir allein schon deswegen wunderbar und besonders sind, weil wir einen Pulsschlag haben. Seit wir denken können, Wir wollen wurden wir dazu ausersehen, Superstars zu werden. alles. Und Einige von uns wurden zu Eliteschülern präpariert, Gott soll uns noch bevor wir aufs Töpfchen gehen konnten, und den Weg dawir waren mit der Fußballmannschaft unterwegs, hin zeigen. noch bevor wir verstanden hatten, den Ball nicht mit den Händen spielen zu dürfen. Wir wurden für Mittelmäßigkeit mit Lob überschüttet und unsere Schwächen wurden durch wortgewandte Bildungssprache und Küchenpsychologie wegdiagnostiziert. Es ist kein Wunder, dass wir von anderen Leuten erwarten, dass sie uns stets bestätigen, niemals kritisieren und uns für alles bezahlen, was wir tun möchten. Wir rechnen damit, direkt nach dem Studium einen großartigen Job in einer tollen Umgebung finden zu können, der uns dieselben Lebensstandards bietet, wie ihn unsere Eltern jetzt haben, und uns so engagiert an der Weltverbesserung teilhaben lässt, dass es sogar Bono stolz machen würde. Wir wollen alles. Und Gott soll uns den Weg dahin zeigen. Die Generation meiner Großeltern erwartete im Großen und Ganzen weit weniger von ihrem Familienleben, ihrer Karriere, ihrer Freizeit und ihrer Ehe. Zugegeben – manchmal wurden sie dadurch unreflektiert und hatten womöglich leise vor sich hin krankende Ehen. Meine Generation jedoch befindet sich im anderen Extrem. Wenn wir heiraten, erwarten wir großartigen Sex, ein hervorragendes Familienleben, Freizeitabenteuer, vielfältige kulturelle Erfahrungen und persönliche Erfüllung bei der Arbeit. Es wäre eine gute Übung, unsere Großeltern einmal zu fragen, ob ihre Karriere sie persönlich erfüllt hat. Wahrscheinlich werden sie dich anschauen, als würdest du eine andere Sprache sprechen – und tust das ja auch. Erfüllung war nicht ihr Ziel. Es27


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sen war das Ziel, und Treue. Die meisten älteren Leute würden wahrscheinlich so etwas sagen wie: »Ich habe nie an Erfüllung gedacht. Ich hatte Arbeit. Ich aß. Ich lebte. Ich gründete eine Familie. Ich ging zur Kirche. Ich war dankbar.« Neulich sprach ich mit meinem Großvater, der sein Leben lang Christ war und nun in seinen Achtzigern ist. Ich fragte ihn, ob er jemals daran dachte, was Gottes Wille für sein Leben war. »Ich glaube nicht«, war seine kurze Antwort, »Gottes Wille war nie eine Frage, die sich mir stellte oder über die ich überhaupt nachdachte. Ich meinte immer, dass meine Errettung … davon abhängt, dass ich im Glauben die Dinge annehme, an die wir bekennen. Darüber hinaus hatte ich nie das Problem zu überlegen: ›Ist dieses oder jenes das Richtige für mich?‹« Je mehr ich mich mit meinem Großvater unterhielt, desto klarer wurde mir: Den Willen Gottes zu suchen über das hinaus, was Gott moralisch geboten hat, war für ihn ein fremdes Konzept. Seine Grundeinstellung war anscheinend: »Du … tust einfach Dinge«, und während du sie tust und mit dem Herrn wandelst, verbringst du nicht Unmengen von Zeit damit, herauszufinden, ob du das, was du tust, auch magst. Ich schätze, wenn du beschäftigt bleibst und dein ganzes Leben lang arbeitest, hast du keine Zeit, dir darüber Sorgen zu machen, ob du persönlich erfüllt bist. Ich versuche wirklich nicht, all deine Hoffnungen und Träume zum Platzen zu bringen. Ich bin ganz für große, risikobereite Träume (wie du bald lesen wirst). Ich habe nichts dagegen, wenn Leute ihre freudlosen Jobs verlassen, um auszuprobieren, was ihnen wirklich gefällt. Aber als ein Gegengewicht zu all den Lass-deine-Träume-wahr-werden-Phrasendreschereinen bei Schulentlassungsreden müssen wir kräftig daran erinnert werden, dass wir oft zu viel vom Leben erwarten. Wir erwarten, dass wir den Himmel auf Erden erleben werden, und sind bitter enttäuscht, wenn die Erde sich als so unhimmlisch entpuppt. Wir sehnen uns nur wenig nach dem Lohn im künftigen Leben, weil wir lohnende Erfahrungen schon in diesem Leben erwarten. Und wenn jede Erfahrung und jede Situation lohnend sein und uns 28


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der totalen Erfüllung näher bringen müssen, dann werden plötzlich die Entscheidungen, wo wir leben, welches Haus wir kaufen, in welchem Studentenwohnheim wir unterkommen und ob wir Fliesen oder Laminat wählen, von schwerwiegender Bedeutung sein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir erfüllter wären, wenn wir nicht so sehr auf die Erfüllung fixiert wären. Wir haben zu viel Auswahl

Von unseren fünf Gründen für unsere Obsession, Gottes Willen zu finden, ist dieser womöglich der entscheidendste: Wir haben zu viele Wahlmöglichkeiten. Ich bin überzeugt davon, dass vorherige Generationen nicht so stark wie wir damit gerungen haben, Gottes Willen zu entdecken, weil sie nicht so viele Optionen hatten wie wir. In vielerlei Hinsicht ist unsere ständige Sorge über den Willen Gottes ein westliches Phänomen der Mittelschicht der letzten fünfzig Jahre. Wer in anderen Teilen der Welt von einem Dollar pro Tag leben muss, hat einfach nicht viele Optionen. Ebenso wenig Optionen hatten die meisten unserer Großeltern, geschweige denn deren Großeltern. Vor einem Jahrhundert lebtest du meistens dort, wo du geboren wurdest. Du tatest, was deine Mutter oder dein Vater taten; wahrscheinlich arbeitetest du in der Landwirtschaft, wenn du ein Mann warst, und zogst Kinder auf (und arbeitetest nebenher in der Landwirtschaft), wenn du eine Frau warst. Viele der älteren Leute, mit denen ich gesprochen habe, begannen bereits mit 14 oder 15 zu arbeiten, und sie nahmen jede Arbeit an, die sie finden konnten. Sie arbeiteten für ihren Onkel oder ihren Vater oder fingen an, bei der Ernte zu helfen oder was auch immer an Arbeit in der Stadt zu bekommen war. Ironischerweise haben sie mehr geschafft als wir heute, weil es nicht so viele Optionen für sie gab. Ich kann mir vorstellen, dass auch in anderen Bereichen die Entscheidung sehr viel einfacher war. Als potenzielle Ehepartner hätte es vor einem Jahrhundert vielleicht ein Dutzend in Frage kommende junge Leute in der Heimatstadt gegeben. Sogar 29


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wohlhabendere Leute waren in ihrer Wahlmöglichkeit erheblich eingeschränkt: Sie waren ortsgebunden (aufgrund des schwierigen Reisens) und an die Tradition gebunden (aufgrund kultureller und familieller Werte). Es war üblich, dass junge Leute ein größeres Pflichtbewusstsein gegenüber Familie, Staat und Kirche besaßen. Heute können es sich dagegen nur wenige vorstellen, für etwas so Altmodisches wie Pflichtbewusstsein freiwillig die eigene Unabhängigkeit zu begrenzen und die Optionen einzuschränken. Das Ergebnis ist eine schier endlose Fülle an Wahlmöglichkeiten. Heute können wir überall zur Schule gehen, Hunderte von Studienfächern belegen, nahezu überall wohnen, Tausende von Singles persönlich kennen lernen und Millionen weitere im Internet. Wir haben haufenweise Geschäfte, aus denen wir auswählen können, Dutzende Restaurants, Hunderte von Karriere­ optionen und Millionen von Wahlmöglichkeiten. In seinem Buch »Anleitung zur Unzufriedenheit« erzählt Barry Schwartz von seinem Ausflug zum örtlichen mittelgroßen Supermarkt. Er fand 285 verschiedene Sorten Kekse, 13 IsoDrinks, 65 Sorten Trinkpäckchen, 85 Kindersäfte, 75 Eistees, 95 Sorten Chips und Knabbersnacks, 15 Sorten Mineralwasser, 80 verschiedene Schmerzmittel, 40 Varianten von Zahnpasta, 150 Lippenstifte, 360 Shampoosorten, 90 verschiedene Erkältungs- und Hustenmittel, 230 Arten von Suppen, 75 diverse Fertigsaucen, 275 Variationen von Frühstückszerealien, 64 verschiedene Grillsaucen und 22 Variationen von Tiefkühlwaffeln.11 Wer schon einmal Lebensmittel in Nordamerika eingekauft hat, weiß, dass diese Liste nur eine kleine Auswahl dessen ist, was man in den Regalen alles finden kann. Das ist der Grund, warum wir bei einer bestimmten gewohnten Sorte von Müsli, Marmelade oder Mahlzeit bleiben, weil wir schlichtweg nicht die Zeit und Energie aufbringen können, jedes Mal eine neue Wahl zu treffen, wenn wir zum Supermarkt gehen. Aus diesem Grund gibt mir meine 11 Vgl. Barry Schwartz: Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht. Ullstein 42014, S. 17-18.

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Frau auch jedes Mal eine minutiös detaillierte Einkaufsliste mit, wenn ich die unglückselige Aufgabe habe, den Wocheneinkauf zu erledigen. Wenn sie mir ohne weitere Details lediglich sagen würde, ich soll Babynahrung mitbringen, könnte ich mit allem zurückkommen – von Erbsenbrei bis hin zu löslichen Getreidekeksen mit Kirschgeschmack. Ich brauche Details, weil es sonst einfach zu viele Möglichkeiten gibt, etwas zu vermasseln. In einigen Ländern leiden die Menschen unter zu wenig Wahlmöglichkeiten. In der westlichen Welt haben wir zu viele. Ich erinnere mich an einen Missionar aus der Türkei, der scherzhaft meinte: Das Schwierigste daran, wieder zurück in den Vereinigten Staaten zu sein, seien all die Salatdressings. »Gib mir einfach irgendein Dressing«, sagte er, als wir gemeinsam Essen gingen. »Ich will nicht aus sieben verschiedenen Sorten von Joghurtdressings wählen müssen.« Ich vermute, unsere übermäßige Beschäftigung damit, den Willen Gottes herausfinden zu wollen, liegt größtenteils daran, dass wir mit Wahlmöglichkeiten überschüttet sind. Wir glauben, es mache uns glücklich, Auswahl zu haben, aber es kommt der Punkt (und die meisten von uns haben ihn längst überschritten), an dem wir mit weniger Optionen besser dran wären. Barry Schwartz hat seine Studenten beobachtet, die er als Professor unterrichtet, und seine Beobachtungen sind sehr aufschlussreich und meiner Erfahrung nach auch absolut richtig. Er beschreibt, dass seine Studenten viele verschiedene Interessen und Fähigkeiten besitzen. Sie verfügen über haufenweise Talent und Möglichkeiten. Die Welt steht ihnen offen. Aber anstatt diese Freiheit zu genießen, quälen sich die meisten mit ihr herum. Sie sind dazu gezwungen, zwischen konkurrierenden Interessen zu navigieren: Geld verdienen und die Welt verändern, ihren Geist herausfordern und ihrer Kreativität freien Lauf lassen, auf eine Karriere hinarbeiten und Zeit für die Familie haben, sich niederlassen und ins Ausland gehen, eine Karriere starten und ein anderes Praktikum ausprobieren, in einer pulsierenden Stadt leben und auf dem Land zur Ruhe kommen, mit dem Arbeiten beginnen und sich weiterbilden und qualifizieren. 31


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Wenn du Student bist, hast du tatsächlich schwindelerregend viele Wahlmöglichkeiten. Und weil Freunde und Familie oft über das ganze Land oder sogar die ganze Welt verstreut leben, hast du weniger Verpflichtungen und enge Beziehungen, die deine Freiheit einschränken, und nichts, was dich an berufliche Traditionen oder Orte bindet. Füge dem noch hinzu, dass du überall einfach hinreisen und in vielen Jobs von jedem beliebigen Ort aus am Computer arbeiten kannst, und das Ergebnis ist eine völlige Entwurzelung und eine Explosion der Optionen. Alles ist zu haben. Schwartz fasst es treffend zusammen: Man lernt rasch, dass die Frage »Was wollen Sie nach dem Examen machen?« von den meisten Studenten nicht gern gehört wird, ganz zu schweigen von der Beantwortung. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Studenten besser dran wären, wenn sie ein bisschen weniger begabt wären oder ein bisschen mehr Pflichtgefühl gegenüber der Familie hätten, um in der Heimat zu bleiben, oder sogar, wenn sie unter wirtschaftlicher Rezessionsangst stünden: »Nimm den sicheren Job – denn wer weiß, was kommt.« Mit weniger Optionen und mehr Einschränkungen blieben ihnen viele Abwägungen erspart. Sie hätten weniger Selbstzweifel, weniger Mühe, ihre Entscheidungen zu rechtfertigen, mehr Zufriedenheit und weniger Anlass, ihre Entscheidungen hinterher zu bedauern.12 Schwartz’ Beurteilung trifft vollkommen zu. Ich bin mir sicher, dass manche Christen Gott dadurch dienen können, dass sie sechs Monate lang in der Welt herumtingeln. Und ich denke auch, dass manche jungen Leute etwas für Christus bewegen können, wenn sie sich von einer Arbeitsstelle zur nächsten und von Ort zu Ort treiben lassen. Aber ich bin mir genauso sicher, dass einige dieser Personen damit selbstzentrierte Entschei 12 Ebd., S. 158-159.

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dungen treffen, unter dem Vorwand von Erfahrung, kultureller Horizonterweiterung und manchmal auch – ich sage es äußerst ungern – unter dem Deckmantel von Kurzzeit-Missionseinsätzen. Als Pastor einer Universitätsgemeinde habe ich Verständnis dafür, dass viele verschiedene Leute zu unseren Gottesdiensten kommen und gehen. Das gehört zum Leben mit Studenten und Doktoranden. Ich finde es spannend, wenn jedes Jahr neue Leute kommen. Wenn sich aber niemand niederlassen und eine Zeit lang – geschweige denn ein Leben lang – bleiben würde, könnten wir all den Studenten überhaupt nicht dienen. Die Gemeinde braucht »Lebenslängliche« und solche, auf die sie sich langfristig verlassen kann. Meine Sorge ist, dass angesichts all der Optionen, die wir heute haben, diese Möglichkeit selten erwogen wird: »Wie kann ich meiner lokalen Gemeinde am effektivsten dienen und dort am meisten Frucht bringen?« Ich frage mich: Führt die heutige Fülle von Möglichkeiten weniger dazu, dass reife Nachfolger Christi herangebildet werden, als vielmehr dazu, dass Christen langfristige Verantwortung vermeiden und seltener positiv prägende Auswirkungen hinterlassen? Mit derart vielen Wahlmöglichkeiten verwundert es nicht, dass wir ständig daran denken müssen, dass das Gras auf der anderen Seite des Zaunes immer grüner ist, wie es im Sprichwort heißt. Wir grübeln pausenlos darüber nach, was besser oder was schöner an einer neuen Sache oder Person sein könnte. Das Wort »entscheiden« kommt sprachgeschichtlich von »das Schwert aus der Scheide ziehen«, nämlich zum Zweck des Trennens und Abhauens.13 Das erklärt, warum Entscheidungen heute so schwerfallen. Wir ertragen diesen Gedanken nicht, irgendeine unserer Optionen »abzuhauen«. Wenn wir A wählen, fühlen wir den Schwerthieb, den es uns versetzt, nicht B und C und D haben 13 Beim englischen decide ist es ganz ähnlich: Das Wort kommt vom lateinischen decidere, was ebenfalls »abhauen«, »abschneiden« bedeutet. Die deutsche Übersetzung haben wir hier passenderweise übertragen (Anmerkung Betanien Verlag).

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zu können. Daraus resultiert, dass jede Wahl sich schlimmer anfühlt, als gar nicht erst eine Wahl zu haben. Und wenn wir eine Wahl treffen, stellt sich gleich die Käuferreue ein und wir zweifeln und hadern, ob wir vielleicht nur das Zweitbeste gewählt haben. Oder schlimmer, wir leben weiterhin auf unbestimmte Zeit im Keller unserer Eltern, während wir versuchen, uns Lasst uns selbst zu finden und Gottes Stimme zu hören. In unnicht ständig serer Freiheit, alles tun und überall hingehen zu könunsere Entnen, fühlen wir uns vielmehr gebunden als frei, weil scheidungsEntscheidungen treffen zu müssen sich mehr nach unfähigkeit Qual als nach Vergnügen anfühlt. vergeistlichen, Zu viele jungen Menschen von heute haben keiindem wir sie ne Stabilität und Sicherheit, wenig Entscheidungsals diffuses freude und viele Selbstzweifel. Es dauert immer länSuchen nach ger, bis sie sich entscheiden, sich dauerhaft niederzudem Willen lassen. Und manche treffen diese Entscheidung nie. Gottes Ich vertrete nicht die Ansicht, dass jeder zurück in ausgeben. seine Heimatstadt ziehen und irgendeine x-beliebige Arbeitsstelle annehmen soll (wenngleich das für manche zumindest ein Schritt in überhaupt irgendeine Richtung wäre). Einige von euch sollten wirklich ins Ausland gehen und andere werden mal hier und mal dorthin ziehen müssen. Aber ich plädiere dafür, weniger umherzustolpern, früher damit zu beginnen, Gott tatsächlich zu dienen, und vor allem nicht ständig die eigene Entscheidungsunfähigkeit zu vergeistlichen, indem man sie als diffuses Suchen nach dem Willen Gottes ausgibt. Ich behaupte, dass unser Eifer nach dem Willen Gottes wahrscheinlich weniger auf ein Herz hindeutet, das unbedingt Gott gehorsam sein möchte, als vielmehr auf einen Kopf, der stetig um all die Optionen kreist, aus denen es zu wählen gilt. Wir sind Feiglinge

Der fünfte und letzte Grund, warum wir Gottes Willen herausfinden wollen, ist, weil wir feige sind. Das stimmt. Manchmal, 34


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wenn wir dafür beten, Gottes Willen zu erkennen, beten wir das Gebet eines Feiglings: »Herr, zeige mir, was ich tun soll, damit mir nichts Schlimmes zustößt und ich nicht in Gefahr oder ungewohnte Situationen komme.« Wir möchten sicher sein, dass für uns und unsere geliebten Freunde und Familienangehörigen alles gutgehen wird. Aber schauen wir uns einmal das biblische Beispiel von Esther an: Gott sprach nicht auf diese Weise zu ihr. Als jüdische Frau, die einen ungewöhnlichen Schönheitswettbewerb gewonnen hatte, um Königin an der Seite von Ahasveros zu werden (Est 2,2-17), musste Esther lernen, dass Gottes Pläne Risiken mit sich bringen können – aber auch die Gelegenheit, Courage zu zeigen. Haman, die rechte Hand des Königs, war ein Feind der Juden und bewirkte einen Erlass, dass alle Juden umgebracht werden sollten. Der persische König Ahasveros unterzeichnete diesen Erlass, ohne die Hintergründe zu kennen. Als Mordechai, Esthers älterer Cousin und Pflegevater, von diesem Plan erfuhr, erzählte er es Esther in dem Wissen, dass sie die einzige war, die in der Position war, ihr eigenes jüdisches Volk zu retten. Sie aber weigerte sich und sagte: Wenn sie ohne einberufen zu sein vor König Ahasveros treten würde, würde sie gemäß dem persischen Gesetz getötet werden – es sei denn, der König strecke ihr sein goldenes Zepter entgegen, damit sie am Leben bliebe. Den Thronsaal auf eigene Initiative zu betreten, war sehr riskant. Deshalb ließ sie Mordechai ausrichten, dass sie es nicht tun würde. Die Bibel berichtet uns von Mordechais Antwort auf die Worte von Esthers Boten: Da ließ Mordechai der Esther antworten: »Denke nicht in deinem Herzen, dass du vor allen Juden entkommen würdest, weil du im Haus des Königs bist! Denn wenn du jetzt schweigst, so wird von einer anderen Seite her Befreiung und Rettung für die Juden kommen, du aber und das Haus deines Vaters werden untergehen. Und wer weiß, ob du nicht gerade wegen einer Zeit wie dieser zum Königtum gekommen bist?« (Est 4,13-14) 35


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Was würdest du an Esthers Stelle tun? Um ein Zeichen vom Himmel beten? Darauf warten, dass Gottes Wille sich offenbart? Fragen, warum Gott dich in solch eine schwieriges Situation gebracht hat? Gar nichts und einfach davon ausgehen, dass alles, was Leid und vielleicht sogar Tod einschließt, nicht Gottes Plan für dein Leben sein kann? Schau, was Esther tat: Da ließ Esther dem Mordechai antworten: »So geh hin, versammle alle Juden, die in Susa anwesend sind, und fastet für mich, drei Tage lang bei Tag und Nacht, esst und trinkt nicht. Auch ich will mit meinen Mägden so fasten, und dann will ich zum König hineingehen, obgleich es nicht nach dem Gesetz ist. Komme ich um, so komme ich um!« (4,15-16) Beachte, was wir in dieser Geschichte nicht lesen: Wir lesen nicht, dass Esther nach irgendeinem offenbarten Wort vom Herrn suchte (wobei ein kluger Leser Gottes Wirken in Mordechais Rat an sie erkennen könnte). Sie hatte keine Verheißung, wie ihre persönliche Zukunft aussehen würde. Alles, was sie wusste, war: Es ist eine gute Sache, ihr Volk zu retten. Gott sagte ihr nicht, was passieren würde, wenn sie gehorchen würde, und er hat ihr auch nicht verraten, was sie exakt tun müsste, um Erfolg zu garantieren. Sie musste ein Risiko für Gott eingehen. »Komme ich um, so komme ich um«, lautete ihr mutiges Motto. Esther verbrachte keine Wochen oder Monate damit, Gottes Willen für ihr Leben zu erkennen, bevor sie handelte. Sie tat einfach, was richtig war und was vor ihr lag, ohne ein spezielles Wort von Gott. Wenn der König ihr sein goldenes Zepter entgegenstreckte – preis den Herrn! Wenn nicht, würde sie sterben. Esther war mannhafter als die meisten Männer, die ich kenne – mich eingeschlossen. Viele von uns, Männer wie Frauen, sind extrem passiv und feige. Wir gehen keine Risiken für Gott ein, weil wir wie besessen sind von Sicherheit, Geborgenheit und vor allem der Zukunft. Deshalb fallen die meisten unserer Gebete unter zwei Kategorien: Entweder beten wir dafür, dass alles gutgehen wird, oder wir beten dafür, zu wissen, dass alles gut 36


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gehen wird. Wir beten für Gesundheit, Reisen, die Arbeit – und das sollen wir auch. Aber die meisten unserer Gebete laufen darauf hinaus: »Herr, lass niemandem irgendetwas Unangenehmes widerfahren. Mach alles für alle Menschen auf der ganzen Welt schön.« Und wenn wir nicht diese Art von Gebeten sprechen, beten wir dafür, dass Gott uns sagt, dass alles gut ausgehen wird. Das ist oft genau das, worum wir bitten, wenn wir dafür beten, Gottes Willen zu erkennen. Wir bitten nicht um Heiligkeit, Gerechtigkeit oder Sündenerkenntnis. Wir möchten, dass Gott uns sagt, was zu tun ist, damit alles angenehm für uns ausgeht. »Sag mir, wen ich heiraten soll, wo ich leben soll, auf welche Schule ich gehen soll, welche Arbeitsstelle ich nehmen soll. Zeig mir die Zukunft, damit ich keinerlei Risiken eingehen muss.« Das klingt nicht sehr nach Esthers Haltung. Von Zukunftssorgen in Beschlag genommen zu sein, ist nicht Gottes Wille für unser Leben, denn es ist nicht Gottes Weg, uns die Zukunft zu zeigen. Sein Weg ist es, durch die Bibel zu uns zu reden und uns durch die Erneuerung unserer Gesinnung zu verändern. Sein Weg ist keine Kristallkugel. Gottes Weg Sein Weg ist Weisheit. Wir sollten damit aufhören, ist keine von Gott zu erwarten, dass er uns die Zukunft ofKristallkugel. fenlegt und alle Risiken aus unserem Leben nimmt. Sein Weg ist Wir sollten auf Gott schauen – auf seinen Charakter Weisheit. und seine Verheißungen – und dabei das Vertrauen haben, um seines Namens Willen auch Risiken einzugehen. Gott ist allwissend und allmächtig. Er hat jedes Detail unseres Lebens durchgeplant und ausgearbeitet – die fröhlichen wie auch die schwierigen Tage – alles zu unserem Besten (Pred 7,14). Weil wir Gottes souveränem Willen vertrauen, können wir uns völlig seinem moralischen Willen widmen, ohne uns über seinen individuellen Willen sorgen zu müssen. Mit anderen Worten: Gott geht keine Risiken ein, also können wir es. Für einige bedeutet das, Gott genug zu vertrauen, um nicht am Geld zu hängen. Für andere bedeutet es, in schwierigen Um37


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ständen oder unangenehmen Situationen an Gottes Wort festzuhalten. Für wieder andere bedeutet es kulturübergreifende Mission oder mehr Evangelisation oder eine neue Vision oder ein Sündenbekenntnis oder die Auseinandersetzung mit einer Sünde oder eine neue Verletzlichkeit in einer Beziehung. Und für noch andere bedeutet es, den Hintern hochzubekommen und einen Job anzunehmen oder die Angst vor Ablehnung zu überwinden und sich eine liebenswerte christliche Frau zu suchen. Für uns alle bedeutet es, unser unstillbares Verlangen abzulegen, jeden Aspekt oder zumindest die allerwichtigen Aspekte unseres Lebens vor unseren Augen festzunageln, bevor es überhaupt so weit ist. Gott hat einen wundervollen Plan für dein Leben – einen Plan, der dich durch Prüfungen und Erfolge bringen wird, während du in das Bild seines Sohnes verwandelt wirst (Röm 8,2829). Darin können wir absolut zuversichtlich sein. Aber Gottes übliches Vorgehen ist es nicht, uns diesen Plan im Voraus zu zeigen – rückblickend vielleicht, aber selten vorab. Fühlst du dich dadurch herausgefordert, dich zu entscheiden? Verzweifle nicht. Gott verheißt dir, deine Sonne und dein Schild zu sein, dich zu tragen und mit seinem starken Arm zu beschützen. So können wir damit aufhören, darum zu betteln, dass Gott uns die Zukunft aufzeigt, und damit beginnen, zu leben und gehorsam zu sein, weil wir überzeugt sind, dass Gott die Zukunft in seinen Händen hat.

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nser übliches Denken über den Willen Gottes ist wenig hilfreich – wenn wir uns Gottes Willen wie ein Maislabyrinth vorstellen, das nur einen einzigen Ausgang und vielen Sackgassen hat, oder aber wie eine Zielscheibe, in der Gottes Wille das Schwarze ist und alle anderen Kreise sind nur das Zweitbeste, oder wie einen Magic-8-Ball, diese Wahrsagekugel, die man schütteln muss, bis irgendeine zufällige Antwort in ihrem Guckfenster angezeigt wird. Dieses Denken ist nicht gut für unsere Entscheidungsfindung. Es ist nicht gut für unsere Heiligung. Und manchmal verunehrt es offen gesagt Christus. In Kapitel 3 habe ich einige Gründe erwähnt, warum wir so erpicht darauf sind, Gottes individuellen Willen herauszufinden. In diesem Kapitel möchte ich etwas näher darauf eingehen, warum dieses übliche Denken über den Willen Gottes falsch ist, bevor wir uns anschließend in Kapitel 5 die aufschlussreiche Bibelstelle Matthäus 6,25-34 näher ansehen und einen besseren Weg kennenlernen. Doch zuvor möchte ich fünf Probleme mit dem üblichen Denken über den Willen Gottes aufzeigen.14

14 Die ersten drei Probleme werden auch von Gerald Sittser behandelt (Gerald Sittser: Du lässt mich Freiheit atmen. Wie Gottes Wille uns zu guten Entscheidungen führt. Gießen: Brunnen 2002, S. 16-25). Offensichtlich habe ich mich seiner Weisheit bedient und nicht umgekehrt.

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Wir konzentrieren uns zu sehr auf nicht-moralische Entscheidungen

Erstens richtet sich im üblichen Denken über das Entdecken von Gottes Willen nahezu unsere gesamte Aufmerksamkeit auf Entscheidungen ohne moralischen Stellenwert. Die Bibel sagt nichts darüber, ob wir lieber in Minnesota oder in Maine leben sollen. Sie verrät uns nicht, ob wir zur Universität nach Michigan oder auf das Wheaton College gehen sollen. Sie sagt uns auch nicht, ob wir ein Haus kaufen oder doch eher eine Wohnung mieten sollen. Sie spricht nicht davon, ob wir einen wundervollen Christen namens Tim oder irgendeinen anderen wundervollen Christen heiraten sollen. In der Bibel steht nicht, was wir diesen Sommer unternehmen oder welche Arbeitsstelle wir annehmen oder auf welche Universität wir gehen sollen. Als ich einmal über dieses Thema predigte, betonte ich sehr stark die Aussage: »Gott kümmert es nicht, auf welche Schule du gehst oder wo du lebst oder welchen Job du annimmst.« Eine nachdenkliche junge Frau sprach Wir lassen uns mich anschließend an und war enttäuscht darüber, von Dingen in dass Gott sich um die wichtigsten Entscheidungen Beschlag nehihres Lebens nicht kümmere. Ich erklärte ihr, dass ich men, die Gott mich wahrscheinlich nicht klar genug ausgedrückt nicht erwähnt hatte. Gott sind solche Entscheidungen nicht egal in hat, während der Hinsicht, dass er für uns und für jedes Detail unwir uns wenig seres Lebens sorgt. Aber in anderer Hinsicht – und all den Dindas war der Punkt, auf den es mir ankam – sind das gen widmen, nicht die wichtigsten Belange im Buch Gottes. Die die er in der wichtigsten Dinge sind für Gott moralische Reinheit, Bibel offentheologische Richtigkeit, Barmherzigkeit, Freude, bart hat. unser christliches Zeugnis, Treue, Gastfreundschaft, Liebe, Anbetung und Glaube. Das sind seine großen Anliegen. Das Problem ist, dass wir dazu tendieren, unsere Aufmerksamkeit meistens auf alles andere zu richten. Wir lassen uns von Dingen in Beschlag nehmen, die Gott nicht erwähnt hat und wohl auch nie erwähnen wird, während wir uns vergleichs40


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weise wenig all den anderen Dingen widmen, die Gott bereits in der Bibel offenbart hat. Mit anderen Worten: Wir verbringen die meiste Zeit damit, nicht-ethische Entscheidungen zu finden. Wenn ich nicht-ethisch oder nicht-moralisch sage, meine ich damit Entscheidungen zwischen zwei oder mehr Optionen, von denen keine in der Bibel verboten wird. Zwischen einer Karriere in Biologie und einer in der Wirtschaft zu wählen, ist eine nicht-ethische Entscheidung, vorausgesetzt – und das ist eine sehr wichtige Voraussetzung –, dass deine Motive und dein Handeln biblisch richtig sind. Wenn also deine Laufbahn als Mediziner bedeuten würde, dass du als Arzt Abtreibungen vornehmen müsstest, wäre das nicht richtig. Gleiches gilt, wenn du Politiker wirst und als solcher Rufmord und Betrug betreiben müsstest, um dir einen Weg an die Spitze zu bahnen. Wenn du aber von guten Motiven geleitet wirst und recht handeln willst, wird die Wahl deiner beruflichen Laufbahn keine moralische Entscheidung sein. Die Bibel thematisiert schlichtweg nicht jede einzelne Entscheidung, die wir zu treffen haben. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass wir uns nicht sorgfältig Gedanken darüber machen sollen, welchen Berufsweg wir wählen sollen. Und es bedeutet auch nicht, dass wir missachten sollen, welche Veranlagungen Gott uns gegeben hat oder dass wir alles zu seiner Ehre tun sollen (1Kor 10,31). Mein Punkt ist, dass wir mehr Zeit damit verbringen sollten, herauszufinden, wie wir als Arzt oder als Anwalt »gerecht handeln, Liebe üben und demütig mit Gott wandeln« können (wie uns Micha 6,8 lehrt), und weniger Zeit damit, ob wir Arzt oder Anwalt werden sollen. Haben wir einen heimtückischen Gott?

Zweitens impliziert das übliche Denken über Gottes Willen, dass wir einen heimtückischen Gott haben. Im heute gängigen Verständnis von Gottes Willen weiß Gott, was wir tun sollten. Er hat den vollkommenen Plan für unser Leben und zieht uns zur 41


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Verantwortung, wenn wir seinen Willen nicht befolgen. Aber er zeigt uns nicht, wie dieser Wille aussieht. Das übliche Denken über Gottes Willen macht Gott zu einer listigen kleinen Gottheit, die Verstecken mit uns spielt. Nur, um deutlich zu sein: Gott verbirgt keine notwendigen Informationen vor den Gläubigen. Es gibt viele Szenarien, die wir nicht kennen und viele Geheimnisse, die wir nicht aufdecken können. Das ist Gottes souveräner Wille, der den Gläubigen üblicherweise nicht bekannt ist (5Mo 29,29). Jedoch versucht er nicht, uns zu verwirren oder wichtige Wahrheiten zu verbergen. In der üblichen Vorstellung von Gottes Willen haben wir allerdings den Eindruck, dass er nicht nur seinen Willen vor uns versteckt hält, sondern auch noch erwartet, dass wir ihn herausfinden. Wir sind derart davon in Beschlag genommen, Gottes individuellen Willen zu entdecken, dass wir schließlich frustriert sind, weil er uns nicht zeigt, was er möchte. Am Ende sind wir von uns selbst enttäuscht oder bitter gegen Gott, weil wir scheinbar nicht in der Lage sind, herauszufinden, wie wir Gottes Willen für unser Leben finden können. Ich muss die Zukunft kennen

Drittens führt das übliche Denken über Gottes Willen zu übermäßigen Zukunftssorgen. Viele Christen gehen mit Gottes Willen nicht anders um als mit einem Horoskop. Wir kommen zu Gott und wollen wissen: »Sieht es auf dem Arbeitsmarkt heute gut aus für Kevin? Werde ich meine wahre Liebe finden? Soll ich in einem Bundesstaat leben, der mit A beginnt?« Unsere Faszination an der Offenbarung von Gottes individuellem Willen verrät oft unser mangelndes Vertrauen in Gottes Verheißungen und Fürsorge. Wir wollen nicht einfach nur sein Wort, das uns zusagt, dass er bei uns ist; wir wollen, dass er uns schon zu Beginn das Ende zeigt und beweist, dass er vertrauenswürdig ist. Wir wollen wissen, was der morgige Tag bringen wird, anstatt uns mit simplem Gehorsam auf unserem Lebensweg zufrieden zu geben. 42


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So sind wir völlig von Zukunftssorgen in Beschlag genommen. Doch Sorge ist letztendlich einfach ein Leben in der Zukunft, bevor sie begonnen hat. Doch hören wir, was Jakobus sagt: Wohlan nun, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt reisen und dort ein Jahr zubringen, Handel treiben und Gewinn machen – und doch wisst ihr nicht, was morgen sein wird! Denn was ist euer Leben? Es ist doch nur ein Dunst, der eine kleine Zeit sichtbar ist; danach aber verschwindet er. Stattdessen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will und wir leben, wollen wir dieses oder Sorge ist jenes tun. (Jak 4,13-15) letztendlich einfach ein

Das ist einer der deutlichsten Stellen über die SouveLeben in der ränität Gottes. Wenn wir heute Nachmittag in einen Zukunft, beSupermarkt gehen werden, dann wollte es der Herr vor sie begonso – dieser Stelle aus Jakobus zufolge. Wenn wir hunnen hat. dert Jahre alt werden, wollte es der Herr so. Wenn wir nur fünfundvierzig werden, wollte Gotte es auch so. Wir brauchen nicht nach jedem Satz hinzufügen »so der Herr will«, doch es sollte in unseren Köpfen und Herzen sein. Wir sollten unser Leben in dem Glauben leben, dass all unsere Pläne und Strategien dem unveränderlichen Willen Gottes unterworfen sind. Deshalb sollten wir demütig auf die Zukunft blicken, denn nicht wir haben sie in der Hand, sondern Gott. Und wir sollten hoffnungsvoll auf die Zukunft blicken, denn Gott hat sie in der Hand und nicht wir. Damit kommen wir zurück auf die Sorge – auf unsere Neigung, in der Zukunft zu leben, bevor sie angefangen hat. Wir sollten unser sündiges Verlangen aufgeben, die Zukunft zu kennen und sie in der Hand haben zu wollen. Wir sind keine Götter. Wir leben im Glauben, nicht im Schauen. Wir riskieren etwas, weil Gott nichts riskiert. Wir gehen in Gott verehrender Zuversicht der Zukunft entgegen – nicht, weil wir sie kennen, sondern weil Gott sie kennt. Sich über die Zukunft zu sorgen, ist nicht bloß eine kleine Charakterschwäche – es ist die Sünde des Un43


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glaubens und ein Indiz dafür, dass unser Herz nicht in den Verheißungen Gottes ruht. Ich bin nicht verantwortlich dafür!

Viertens untergräbt das übliche Denken über Gottes Willen die eigene Verantwortung, Rechenschaft und Initiative. Ich will an einem Beispiel verdeutlichen, was ich damit meine: Als ich berufen wurde, Hauptpastor an der University Reformed Church in East Lansing (Michigan) zu werden, diente ich zu der Zeit gerade in aller Zufriedenheit als Mitpastor im Nordwesten Iowas. Es war eine schwere Entscheidung, in eine neue Gemeinde zu kommen und meine geliebte Gemeinde zu verlassen. Es gab Leute in Iowa, die verärgert über meine Entscheidung waren. Es wäre sehr einfach für mich gewesen, den Leuten zu sagen (weil ich Aussagen wie diese schon vorher gehört hatte): »Ich liebe es, in Iowa zu sein. Wenn es an mir liegen würde, würde ich bleiben. Menschlich gesehen macht es für mich wenig Sinn, zu gehen. Aber beim Beten wurde mir klar, dass die Stelle in Michigan das ist, was Gott von mir möchte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es überhaupt mag. Aber ich habe das starke Gefühl, dass es Gottes Wille für mich ist, nach Michigan zu gehen.« Damit würden die Leute zwar vielleicht Ruhe geben, aber es wäre nicht fair. Es war nicht Gottes Schuld, dass ich ging. Meine Frau und ich beteten viel zum Herrn wegen dieser Entscheidung, und ich denke, dass die Entscheidung dem Herrn gefiel. Ebenso würde es ihm aber auch gefallen, wenn wir geblieben wären. Es war meine Entscheidung. Ich war verantwortlich dafür, die Gemeinde verlassen zu haben. Ich wählte. Ich entschied. Natürlich, letztendlich hatte es Gott schon längst entschieden – das stimmt immer. Aber es wäre falsch gewesen, wenn ich Gottes Willen dafür instrumentalisiert hätte, meine eigene Verantwortung für die Entscheidung abzugeben. Dasselbe gilt auch für die persönliche Rechenschaft. Wir müssen aufpassen, Gott nicht als Trumpfkarte in all unseren 44


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Entscheidungen zu missbrauchen. Nur, weil du betest, heißt das nicht, dass deine Entscheidungen unangreifbar sind. Ich kenne Leute, die Gottes Wirken in ihrem Leben mit verschiedenen Phrasen beschreiben. Aber wenn wir sagen: »Gott hat mir gesagt, ich soll das tun«, oder »Gott hat mich so »Gott hat mir geführt«, macht das unsere Entscheidungen unantast­ gesagt …«, ist bar für jegliche Kritik und Einwände. Wir sollten uns ein Totschlaganders ausdrücken. »Ich habe dafür gebetet, und das argument für scheint am besten zu sein«, oder: »Es scheint, dass der jegliches HinHerr so führt«, wären hilfreiche Formulierungen, um terfragen. unsere Abhängigkeit von Gott auszudrücken. Sätze wie: »Gott hat es mir so gesagt«, oder: »Gott hat es mir aufs Herz gelegt«, oder: »Es ist Gottes Wille«, oder schlimmer noch: »Gott hat mir gesagt, dass er will, dass du dieses oder jenes tust«, sind Totschlagargumente für jegliches Hinterfragen und hebeln jede Rechenschaftsschuld bei der Entscheidungsfindung aus. Ich vergesse niemals meinen armen geplagten Mitbewohner, der mit mir sprach, nachdem er das Risiko eingegangen war und einer netten jungen Dame offenbart hatte, dass er sie mag. Sie hatten einen langen Spaziergang gemacht. Er war sich ziemlich sicher gewesen, dass sie seine Gefühle erwiderte. Doch dann stellte sich heraus, dass sie doch nicht wollte. Sie war ein süßes Mädchen, eine klasse Christin. Eigentlich stand sie lehrmäßig klar. Doch anstatt einfach zu sagen: »Ich habe kein Interesse«, oder: »Ich mag dich nicht«, oder: »Hör auf, mich zu bedrängen«, meinte sie, die Sache auf höchst geistliche Weise lösen zu müssen. »Ich habe viel deinetwegen gebetet«, wandte sie ein, »und der Heilige Geist sagte Nein.« »Nein?«, fragte mein perplexer Mitbewohner. »Nein … niemals«, war ihre Antwort. Armer Kerl – er wurde abgelehnt, und das nicht nur von diesem süßen Mädchen, sondern vom Heiligen Geist. Die dritte Person der Dreieinigkeit erweiterte seine Tätigkeit, auf Jesus zu verweisen, um diesem Mädchen zu sagen, sich nicht mit meinem Mitbewohner einzulassen. Ich wusste gar nicht, dass das zum Aufgabenbereich des Heiligen Geistes gehört. Aber ich wet45


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te, dass es an jeder christlichen Schule haufenweise Männer und Frauen gibt, die Gott die Schuld an ihren Trennungen geben. Ob es nun der Heilige Geist ist, der »Nein, niemals« sagt, oder »Jesus« scheinbar mit einer Unmenge von Mädchen auf jedem Campus »geht«15 – oft wird Gottes angeblicher Wille als Ausrede für schwierige Beziehungsentscheidungen vorgeschoben. Auf diese Methode, mit gewissen Phrasen der eigenen Rechenschaft aus dem Weg zu gehen, wollen wir verzichten. Wenn du kein Interesse hast, dich zu verabreden und eine Partnerschaft und Ehe anzubahnen, sag einfach »Nein, danke« oder »Nicht jetzt«, aber bitte mach nicht Gott zum Übeltäter, der für deinen Beziehungsstatus verantwortlich ist. Das verbreitete Denken über Gottes Willen untergräbt außerdem die persönliche Initiative. Haddon Robinson erklärt: Wenn wir fragen: »Wie kann ich den Willen Gottes erkennen?«, stellen wir womöglich die falsche Frage. Zu den meisten Lebensentscheidungen gibt es in der Bibel kein Gebot, dass wir dazu den Willen Gottes herausfinden sollen. Es gibt auch keine Bibelstelle, die uns erklärt, wie der Wille Gottes herausgefunden werden kann. Ebenso bedeutend ist die Tatsache, dass die Christenheit sich niemals darauf geeinigt hat, auf welche Weise Gott uns denn eine solche Offenbarung zuteilwerden lässt. Und doch bestehen wir darauf, Gottes Willen zu suchen, weil Entscheidungen schwierig und kraftraubend sind. Wir suchen nach Erleichterung von der lastenden Verantwortung in der Entscheidungsfindung und fühlen uns bei wichtigen Entscheidungen weniger bedroht, wenn wir passiv bleiben, als wenn wir aktiv sind.16 15 Falls dir dieser Ausdruck neu ist: Junge Christinnen sagen manchmal, dass sie »mit Jesus gehen« (engl. »date Jesus«) und benutzen das als Vorwand dafür, dass sie keine Zeit für eine bzw. kein Interesse an einer Partnerschaft haben. 16 Zitiert in Mark Chanski: Manly Dominion. Merrick, N.Y.: Calvary Press 2004, S. 84.

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Bedeutet dies, dass Gottes Wort nichts dazu zu sagen hat, wie wir unser Leben leben und Entscheidungen treffen sollen? Keineswegs. Aber bei den meisten alltäglichen Entscheidungen – und sogar bei vielen »großen« Lebensentscheidungen – erwartet Gott von uns, dass wir uns einfach entscheiden, und er ermutigt uns, dabei darauf zu vertrauen, dass er bereits festgelegt hat, wie sich unsere Entscheidung in seinen souveränen Willen einfügt. Passivität ist eine Plage unter Christen. Es ist nicht nur so, dass wir nichts tun; es ist so, dass wir uns geistlich dabei fühlen, nichts zu tun. Wir meinen, unsere Untätigkeit sei Ausdruck von Geduld und zeige, dass wir sensibel für Gottes Führung sind. Zeitweise kann das sogar der Fall sein – es ist allerdings genauso gut möglich, dass wir einfach nur faul und bequem sind. Wenn wir unsere Entscheidungen übermäßig vergeistlichen, können wir in impulsive und dumme Entscheidungen abgleiten. Wahrscheinlicher ist aber noch, dass wir in ein endloses Muster von Unschlüssigkeit, Unentschlossenheit und Bedauern fallen. Kein Zweifel, Eigennutz und Eigenwille sind Gefahren für Christen, aber gleiches gilt für Selbstzufriedenheit, ziellose Lethargie und Passivität, die sich als besonders geistlich ausgibt. Vielleicht ist unsere Untätigkeit weniger ein Warten auf Gott als vielmehr ein Ausdruck von Menschenfurcht, Ehrsucht und Unglaube gegenüber Gottes Vorsehung. Die Sklaverei der Subjektivität

Fünftens versklavt uns das übliche Denken über den Willen Gottes in den Ketten einer hoffnungslosen Subjektivität. Versteh mich nicht falsch. Unsere Entscheidungen sind manchmal subjektiv. Das ist nicht immer schlecht. Manchmal folgen wir unserer Intuition, einer Vorahnung oder einem Gefühl. Es ist nicht zwangsläufig schlecht, nicht-moralische Entscheidungen auf Basis unseres Bauchgefühls zu treffen. Schlecht ist es, wenn wir Sklaven dieser Art von Subjektivität sind. Dann werden wir niemals Risiken eingehen, weil wir niemals Frieden über solche Entscheidungen 47


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haben werden. Oder wir bezweifeln unsere Entscheidungen im Nachhinein, weil wir uns unwohl damit fühlen. Fakt ist, dass die meisten großen Entscheidungen unseres Lebens uns etwas unsicher fühlen lassen. Schließlich sind es ja die großen Entscheidungen. Wenn du dich dazu entscheidest, zu heiraten, umzuziehen oder ein Haus zu kaufen, wird es auf dich beängstigend wirken, weil es groß, neu, unbekannt und dauerhaft sein wird (zumindest sollte das auf die Ehe zutreffen). Aber dieses Gefühlt bedeutet nicht, dass Gott dir absichtlich keinen Frieden über diese Entscheidung gibt, um dich davon abzuhalten. Ich sage nicht, dass subjektive Entscheidungen falsch sind. Wir treffen die ganze Zeit Entscheidungen aufgrund eines »Gefühls«. Ein subjektives Orakellesen mit dem Willen Gottes sollte jedoch nicht die Methode deiner Entscheidungsfindung sein. Das ist eine Sackgasse. Woher willst du wissen, ob eine offene Tür eine offene Tür vom Herrn oder eine Versuchung des Satans ist? Woher willst du wissen, ob eine geschlossene Tür eine Gebets­erhörung ist oder ob der Herr deine Standhaftigkeit und Entschlossenheit prüfen will? Solche Rätselfragen stellen sich, wenn Leute ihre Entscheidungen dadurch treffen wollen, dass den Willen Gottes für ihr Leben auf rein subjektive Weise zu erkennen versuchen. Ich las kürzlich ein Buch eines bekannten christlichen Autors, der dazu aufruft, die Beziehung zu Gott dadurch zu vertiefen, dass man ständig und immer wieder die banalsten Details des Alltagslebens mit dem Herrn prüft und hinterfragt.17 Ich möchte weder die Motivation des Autors noch seine Betonung auf eine enge Beziehung zu Gott in Frage stellen (was für manche unserer transusigen, zugeknöpften Geschwister durchaus hilfreich sein könnte). Jedoch empfahl das Buch eine Methode der Entscheidungsfindung, die mir Schwindel bereitete: Demnach sollen wir an jeder möglichen Weggabelung auf Gottes Stimme lauschen. Soll ich diese E-Mail schreiben? Soll ich das 17 Vgl. John Eldredge: Du sprichst zu meinem Herzen. Notizen aus meinem Alltag mit Gott. Gießen: Brunnen 2011.

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Badezimmer streichen? Soll ich heute Überstunden machen? Soll ich zum Schrebergarten fahren oder zu Hause bleiben? Welches Bibelbuch soll ich heute Morgen lesen? Welches Kapitel? Ist heute ein guter Tag zum Angeln? Soll ich Wandern gehen? Möchtest du mit dem Hund Gassi gehen? Sollen wir einen Campingausflug machen? (Nebenbei bemerkt: Der Herr gab dafür tatsächlich den 21. bis 24. April an). Sollen wir einen neuen Welpen kaufen? Das sind tatsächlich alles Fragen, die dem Herrn im Laufe des Buchs gestellt wurden. Nochmals: Ich habe Hochachtung vor dem Wunsch des Autors, Gott gehorsam zu sein. Aber warum gab der Herr uns einen Verstand und fordert uns so oft auf, Weisheit zu erlangen, wenn wir in Wirklichkeit nur eines tun sollen: den Herrn bitten, uns direkt zu sagen, was wir in Tausenden von nicht-moralischen Entscheidungen tun sollten? Abgesehen davon erinnere ich mich nicht, in dem Buch gelesen zu haben, wie dieses Orakeln von Gottes Willen eigentlich funktioniert, außer, dass wir Antworten »ausprobieren« und uns selbst viel hinterfragen. Mir tat der Autor unweigerlich leid, als er von seinem Reitunfall berichtete und sein Bedauern beschrieb, mit dem er danach leben musste: Er hatte zwar den Herrn befragt, ob er reiten gehen sollte, aber niemals gefragt, wo er reiten sollte. Er erinnerte sich daran, für die Pferde gebetet zu haben, hatte aber das Gefühl, »dass es nicht klappt«, ritt aber trotzdem weiter, weil er halt einfach wie jeder normale Mensch gern reiten wollte. Natürlich ist das eine fehlplatzierte Reue. Es ist eine gute Sache, vor jedem Aufsatteln für Sicherheit zu beten. Das bedeutet aber nicht, dass wir erst ein »alles klar«-Gefühl bekommen müssen, bevor wir losreiten. Würde Gott uns wirklich vor allen Unfällen bewahren, wenn wir nur genug für jede kleine Einzelheit bitten und bei Tagesbeginn nur intensiv genug beten würden? Wenn etwas in unserem Leben schiefgeht, brauchen wir dann wirklich zusätzlich noch dieses belastende Gefühl, dass alles hätte verhindert werden können, wenn wir nur Gottes Willen besser erkannt hätten? Und wie wollen wir dann seinen Willen überhaupt tun als allein dadurch, dass wir unser subjektives 49


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Bauchgefühl ergründen, was zwangsläufig zu viel verzweifeltem Händeringen und Hinterfragen führen wird? Das verdeutlicht eine der großen Ironie an dem ganzen Willen-Gottes-Gerede unter Christen. Wenn es wirklich einen vollkommenen Willen Gottes gibt, den wir entdecken sollen und in dem wir grenzenlose Freiheit und Erfüllung finden können, warum scheint es dann, dass alle, die den Willen Gottes suchen, so versklavt und orientierungslos sind? Christus starb, um uns vom Gesetz zu befreien (Gal 5,1), warum also verkehren wir den Willen Gottes in ein weiteres Gesetz, das in die Sklaverei führt? Und zu allem Übel ist dieses Gesetz obendrein für jeden individuell verschieden, unsichtbar und unlesbar, wohingegen das Gesetz Mose (was bereits schwer genug war) zumindest objektiv, öffentlich und klar verständlich war. Was für eine Last! Von Gott zu erwarten, dass er uns durch unsere subjektive Wahrnehmung für jede Alltagsentscheidung den Weg weist, ganz gleich wie trivial sie ist, ist nicht nur impraktikabel und unrealistisch – es ist ein Rezept für Enttäuschung und falsche Schuldgefühle. Und das ist wohl kaum das, was eine lebendige Beziehung zu Jesus ausmacht.

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