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Ein ungeteiltes

beat und evelyne schären


Ein ungeteiltes

beat und evelyne schären

Verlag Gottfried Bernard Solingen


© Copyright 2009 Verlag Gottfried Bernard Heidstrasse 2a D-42719 Solingen Internet: www .GBernard .de Email: Verlag .GottfriedBernard@t-online .de ISBN 978-3-938677-26-1 Best-Nr .175626 Alle Bibelzitate sind, wenn nicht anders vermerkt, der «Schlachter 2000 Übersetzung Online Version Bibelserver .com» entnommen . HFA = Bibelübersetzung «Hoffnung für Alle» Satz und Umschlaggestaltung: Blue Beret Werbeagentur, CH-3600 Thun Fotos: E . Schären, M . Wyssen, L . Stauffer, T . Hofmann Zeichnungen von Verena Schilling-Niedermann aus «Ich bin das Licht der Welt», Blaukreuz-Verlag Bern 1963 Herstellung: Schönbach Druck, Erzhausen


Inhaltsverzeichnis Vorwort � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � 7 1 � Das kostbare Herz Gott mit ungeteiltem Herzen lieben . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Das Herz des Vaters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Der Kampf um unser Herz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2 � Von geteilten und ungeteilten Herzen Das ungeteilte Herz: David . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Das geteilte Herz: Salomo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Prüfe mein Herz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 3 � Begründete Hoffnung Beim Facharzt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Verstrickt oder verwoben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Feigenblatt oder Festkleid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 4 � Zerbrochene und geteilte Herzen werden heil Das durch Verwundung zerteilte Herz . . . . . . . . . . . . . 125 Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? . . . . . . . 148 Wer füllt unseren Mangel aus? . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 5 � Erschaffe in mir ein neues Herz! Wie soll das geschehen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 Wie können wir unser Herz schützen? . . . . . . . . . . . . 189 Es werde Licht! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 6 � Zusammenfassung Zum Beherzigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216


Vorwort Ein Buch über das Herz des Menschen? Da hat sich aber jemand ganz unbescheiden ein grosses Thema vorgenommen! Vor einiger Zeit las ich von einem kleinen Mädchen, das in der Schule einen Vortrag über ein frei gewähltes Thema halten sollte . Zu Hause fragt die Mutter: «Nun, für welches Thema hast du dich entschieden?» Das Mädchen antwortet mit leuchtenden Augen: «Die Welt!» «Sag’ mal, da hast du dir aber etwas Grosses vorgenommen» wendet die Mutter ein . «Weisst du», antwortet das Mädchen, «wir arbeiten zu Zweit daran!» Ganz ähnlich erging es meiner Frau und mir – wir arbeiteten ebenfalls zu Zweit daran . Ausserdem hoffen und glauben wir, dass auch der Heilige Geist mitwirkte . Wäre es nicht so, dann würde auch unser schärfstes Nachdenken, die kräftigste Formulierung und das treffendste Bild für die Leserinnen und Leser belanglos und leblos bleiben . Wir wenden uns besonders an Menschen, die schon entdeckt haben, welche entscheidende Rolle das Herz spielt, wenn es um die Beziehung zum Schöpfer geht – aber auch schon erfahren haben, wie widerspenstig es sich gebärden kann und wie machtlos wir sind, wenn das Herz Wege einschlägt, die wir eigentlich gar nicht gut heissen . Womöglich kämpfen wir dann noch gegen das eigene Herz an und werden dadurch vollends zerrissen und mutlos . Für solche Menschen enthält dieses Buch eine gute Nachricht: Es gibt Auswege aus diesem fruchtlosen Kreisen um das eigene Versagen – nicht dadurch, dass man den Kampf verstärkt, sondern dadurch, dass man entdeckt, was es heisst: «Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit» .a) Beat Schären

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a) Kolosser 1 27


Das Abenteuer dieses Buches hat für mich schon vor Jahren begonnen . In einem kleinen Blanko-Büchlein sammelte ich Bilder und Texte aus der Bibel zum Thema Herz, vorerst ohne Absicht, nur aus Freude . Mit der Zeit füllte sich das Büchlein und mir wurde mehr und mehr bewusst, dass ich auf eine Goldader gestossen war . Das Herz schien ein zentrales biblisches Anliegen zu sein, es lohnte sich daher, Zeit und Gedanken in dieses Thema zu investieren . Dass mein Mann und ich aber im dreissigsten Jahr unserer Ehe gemeinsam an einem Herz-Buch schreiben würden, hätte ich mir in den kühnsten Träumen nicht ausmalen können . Im Austausch, beim Nachdenken, Schreiben und Korrigieren erlebten wir unzählige interessante, anstrengende, lustige und lebendige Stunden . Wir lernten uns dabei von einer neuen, oft überraschenden Seite kennen . Die Arbeit an diesem Buch war für uns ein Geschenk . Danken möchten wir unseren Kindern und Eltern, die viele Jahre ihres Lebens mit uns geteilt haben . Gemeinsam mit ihnen wurden unsere Herzen oftmals geprüft und es wurde offenbar, wie sehr wir auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen sind . Wir danken unseren geistlichen Leitern und Mentoren, die uns wesentlich mitgeprägt haben . Der gute Rat und die vielfältige Unterstützung unserer Freunde war und ist für uns unschätzbar kostbar . Durch Gnade sind diese Zeilen entstanden und Gnade soll von ihnen ausgehen . Evelyne Schären

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1. Das kostbare Herz Gott mit ungeteiltem Herzen lieben Ein Traum… Auf der Anzeigetafel in der Abflughalle eines Flughafens sucht ein Reisender seinen Flug: HERZ-AIRLINE: NOW BOARDING – jetzt einsteigen! Er geht zum angezeigten Gate und reiht sich in die Warteschlange vor der Eintrittskontrolle ein . Erstaunt bemerkt er, wie einige Passagiere von den Sicherheitsbeamten abgewiesen werden; er kann aber nicht erkennen, woran das liegt . Hatten sie kein Ticket? Konnten sie sich nicht ausweisen? Einige der Abgewiesenen lachen, andere schütteln ungläubig den Kopf, dritte schimpfen . Sie werfen ihr Ticket weg . Sie gehen zu einem andern Gate, wo sie offensichtlich ohne Schwierigkeiten durchgelassen werden . Jetzt ist er selbst an der Reihe . Gespannt geht er auf eine Art Torbogen zu, offenbar ein Metalldetektor oder etwas ähnliches, wie er vermutet . Ein Sicherheitsbeamter hebt die Hand: «Sie müssen zurückgehen, tut mir leid .» Erschrocken widerspricht der Reisende: «Es ist doch alles in Ordnung! Ich trage keine unerlaubten Gegenstände an mir . Weshalb weisen Sie mich ab? Ein uniformierter Sicherheitsbeamter sagt: «Wir schauen nur aufs Herz .» «Aber ich war erst kürzlich beim Arzt; er meinte, mit meinem Herzen wäre alles in bester Ordnung . Hören Sie, ich will da unbedingt mitreisen!» Der Sicherheitsbeamte zögert: «Ich dürfte das eigentlich nicht tun, aber kommen Sie doch mal her und schauen Sie sich das an!» Er zeigt auf einen Bildschirm . Darauf werden die Herzen der Menschen abgebildet, die unter dem Detektor durchgehen . Da sieht man zerbrochene Herzen, notdürftig repariert, harte und zerteilte Herzen und andere, die verzagt und verängstigt sind . Es gibt verstockte und halbe Herzen, aber auch reine und weiche; keines gleicht dem andern . Es ist für den Reisenden unmöglich, im voraus zu sagen, ob 9


die Sicherheitsbeamten jemanden passieren lassen oder zurückweisen würden . Betroffen erkundigt er sich: «Wie steht es um mein Herz?» Der Beamte: «Nicht gut . Es ist trotzig und verzagt .» Und er fügt hinzu: «Wir sehen das häufig .» Besorgt fragt der Reisende: «Gibt es Hoffnung für mich?» Der Beamte erwidert: «Ja . Denn Sie haben nicht locker gelassen und gingen nicht einfach weg . Sie haben ihre Hoffnung nicht weggeworfen wie die andern und wollten wirklich wissen, wie es um Ihr Herz steht . Ja, es gibt Hoffnung!» Der Mann erwacht aus seinem Traum . Er fühlt, wie sein Herz pocht . Plötzlich weiss er, dass er sich wieder um sein Herz kümmern muss . Wie hatte doch der Sicherheitsbeamte im Traum gesagt: «Ja, es gibt Hoffnung!»

Ein Massstab für unser Denken und Handeln

a) 5 . Mose 6,4 – 5 HFA b) Markus . 12, 29 –31

Das wichtigste Gebot In der Bibel gibt es ein Gebot, das so wichtig ist, dass es jedem gläubigen Juden schon als Kind aufs Herz gelegt wird . Es lautet: «Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein . Ihr sollt ihn von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit all eurer Kraft .»a) Auf Kopf und Hand wird ein Gebetsriemen gelegt, der als Inschrift dieses Gebot trägt, damit niemals vergessen wird, dass sich Denken und Handeln am Massstab dieses Gebotes messen lassen müssen . Als Jesus nach dem grössten Gebot gefragt wurde, nannte er eben dieses Gebot und fügte hinzu: «Dies ist das erste Gebot . Und das zweite ist ihm vergleichbar, nämlich dies: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!» Grösser als dieses ist kein anderes Gebot .»b) So hält nun Gott Ausschau nach Menschen, deren Herzen ungeteilt auf ihn ausgerichtet sind und die mit ganzer Kraft seine Nähe und seine Gerechtigkeit suchen . Natürlich benötigt er dazu keinen Detektor wie in unserer kleinen Traumgeschichte, und trotzdem liegen die tiefsten Schichten unserer Herzen wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihm . Es geht dabei um sehr viel mehr als um einen verpassten 10


Flug; es geht darum, ob wir uns verzetteln und verirren wie Schafe ohne Hirten oder ob wir uns nach einem Leben ausstrecken, dessen Mitte und Quelle unser Schöpfer ist . Dazu hat uns Gott erschaffen und berufen . Allerdings beweist uns unser Leben jeden Tag von Neuem: Wir sind von der Aufgabe völlig überfordert, aus unserer eigenen Kraft Gott ungeteilt zu lieben . Es gehört jedoch zum Wesen unseres Vaters im Himmel, dass er uns mit einem Auftrag auch gleichzeitig jede benötigte Hilfe anbietet, damit wir ihn erfüllen können . Wie Gott uns zu Hilfe eilt, wie unermüdlich er darum wirbt, unseren verängstigten und zerteilten Herzen seinen Frieden schenken zu können, davon handelt dieses Buch .

Die Augen des Herrn durchstreifen die Erde «Denn die Augen des Herrn durchstreifen die ganze Erde, um sich mächtig zu erweisen an denen, deren Herz ungeteilt auf ihn gerichtet ist .»a) Wer von uns möchte nicht zu den Menschen gehören, deren Herz so beschaffen ist, dass Gott seine grosse Verheissung einlösen kann? Wer möchte nicht, dass sich Gott in seinem Leben mächtig erweisen kann? Nun hat Gott oft Menschen mit grossen Aufgaben betraut und mit Vollmacht ausgerüstet, obwohl das Herz dieser Menschen nicht ungeteilt war . Dieses geteilte Herz wurde dann regelmässig zum Fallstrick und Stolperstein, weil die betreffenden Menschen mit den anvertrauten Gaben und Aufgaben nicht umzugehen wussten . Saul verlor deshalb seine Königswürde und Salomos Herz vergass, wem er seine Weisheit und seinen Reichtum zu verdanken hatte . Sein geteiltes Herz führte schliesslich sogar zur folgenschweren Teilung seines Reiches . Es bleibt für uns ein Geheimnis, weshalb Gott sich diesen Menschen trotz ihres geteilten Herzens mächtig erwies, aber wir können uns gut vorstellen, wie viel 11

Wo findet Gott solche Menschen?

a) 1 . Chronik 16, 9


lieber er einen Menschen bevollmächtigen würde, von dem er weiss, dass sein Herz ungeteilt auf ihn gerichtet ist, einen Menschen, den er tiefer und tiefer in seine Pläne einweihen und einbeziehen kann, ohne dass tief drinnen ein geteiltes Herz unter grosser Spannung steht und jederzeit zerrissen werden kann . Gott wird dabei seine Pläne wohl trotzdem verwirklichen, aber der betreffende Mensch erleidet grossen Schaden .

Unser Herz verfolgt seine eigenen Ziele

Herzen, die un­ geteilt Gottes Liebe erwidern

Als Organ übernimmt das Herz lebenswichtige Aufgaben . Es pumpt unablässig Blut durch unseren Körper und sichert so die Energieversorgung für alle übrigen Organe . Bis in die äussersten Fingerspitzen dringt so Wärme, Leben und Kraft . Trotz dieser wichtigen Rolle spricht die Bibel von einem anderen Herzen . Es geht hier um ein «Organ», das als Wächter und Verwalter über unsere innersten Wünsche und Ziele gesetzt ist . Obwohl es ein zentraler Bestandteil unserer Persönlichkeit ist, führt es ein Eigenleben . Es verfolgt mit sanftem, aber unnachgiebigem Druck seine eigenen Ziele, mischt sich überall in unser Urteil und unsere Wahrnehmung ein und versucht, all unserem Denken und Handeln seinen Stempel aufzudrücken . Was immer das Herz auch sein mag, es befindet sich offensichtlich im Brennpunkt des göttlichen Interesses . Gott ist nicht an der Vervollkommnung unserer Körper interessiert – er kann solche jederzeit aus Erde herstellen . Er ist auch nicht an unserer Intelligenz interessiert – ich kann mir vorstellen, wie Gott milde lächelt, wenn wir unsere schärfsten Schlussfolgerungen ziehen und unsere höchsten intellektuellen Höhenflüge antreten . Er ist nicht an unserer Kraft interessiert – auf sein Wort hin wurde das Weltall geschaffen . Er ist an unseren Herzen interessiert! Er will unsere Herzen in das Bild seines eigenen Herzens umgestalten . Er möchte in unseren Herzen seine eigenen Pläne und Ziele aufleuchten sehen, unser Innerstes teilhaben lassen an seinem Innersten, er möchte, dass unser Herz ungeteilt seine Liebe erwidert . Fast scheint es so, als habe Gott überhaupt nur um unserer Herzen Willen alles erschaffen . Hier auf der Erde kann unser Herz sich formen lassen

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und schliesslich ungeteilt auf Gott gerichtet zur Ruhe kommen . Wie kostbar muss dann ein solches Herz in seinen Augen sein! Die Augen des Herrn durchstreifen die Erde . Wie viele ungeteilte Herzen wird er finden? Auf dieses ungeteilte, gefestigte und reine Herz bezieht sich Gott, wenn er seinem Volk vor allen andern Satzungen und Anweisungen dieses wichtigste aller Gebote gibt: «Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein . Ihr sollt ihn von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit all eurer Kraft .»a) Wer kann das Herz ergründen? «Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen? Ich, der HERR, kann das Herz ergründen .»b) Wir hätten gerne eine klare Antwort auf die Frage: Wie funktioniert dieses innerste Herz? So, wie uns der Arzt die Funktion des Herzmuskels, der Herzkammern und -klappen erklären kann, so wäre uns auch eine geistliche Beschreibung sehr willkommen . Wir möchten etwas erfahren über die Kammern und Klappen dieses verborgenen Herzens, möchten wissen, wie alles zusammenwirkt und wie es schliesslich in den Griff zu kriegen wäre . Wir staunen über die Möglichkeiten der Medizin, ein defektes Herz zu reparieren oder sogar auszutauschen . Könnte man auf ähnliche Weise auch unser trotziges und verzagtes Herz in Stand setzen, Verwundung, Enttäuschung und Schmerz heilen? Ja! Wir werden sehen, dass es gut begründete und in Gottes Verheissungen fest verankerte Hoffnung gibt . Es wird aber nicht dadurch geschehen, dass wir unser Herz besser verstehen, sondern dadurch, dass wir das Herz unseres Vaters im Himmel immer deutlicher erkennen .

In Gottes Verheissungen verankerte Hoffnung a) 5 . Mose 6, 4–5; HFA b) Jeremia 17, 9–10 LUT

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Das Zentrum unserer Erkenntnis über Gott

Das Herz als Zentrum unserer Persönlichkeit Zunächst aber wollen wir uns mit einigen missverständlichen Vorstellungen über das menschliche Herz beschäftigen . Uns allen sind Redensarten geläufig, in denen das Herz vorwiegend mit Liebe, Anteilnahme, Stimmungen und Gefühlen in Verbindung gebracht wird . Wir unterschreiben Briefe mit ‚herzlichen Grüssen’, wir wollen einem geliebten Menschen ‚unser Herz schenken’ . Eine Textzeile in einem alten Schlager lautet: «Das Herz sagt ja, doch der Verstand sagt nein» . Das Herz wird sozusagen als Gegenpol des Verstandes und des Wissens aufgefasst . Wir haben Grund anzunehmen, dass die Bibel von einer andern Begrifflichkeit ausgeht: Das Herz bildet den inneren Kern unserer Persönlichkeit und ist somit auch als Sitz des Urteilsvermögens und des Verstandes anzusehen . Hier werden unsere Grundüberzeugungen, unsere Werte und Prioritäten verwaltet . Und vor allen Dingen beherbergt das Herz unsere Erkenntnis über Gott und unsere Beziehung zu ihm; hier wird abgewogen, ob wir auf ihn hören wollen oder seinen Rat verwerfen . Ist das überhaupt von Bedeutung, ob wir Herz und Verstand als Einheit oder als entgegengesetzte Pole auffassen? Ja, das ist es, und wir möchten es mit einem Beispiel illustrieren . Da spricht jemand beispielsweise: «Ich möchte schon glauben, aber mein Verstand kommt mir in die Quere» . Dieser Mensch geht fälschlicherweise davon aus, dass er erst mehr Fakten und Argumente kennen müsste, mehr Details über die Schöpfung und ihre mögliche Entstehung, dass sich erst gewisse Widersprüche klären müssten, um dann doch glauben zu können . In seinem Herzen ist aber die Entscheidung bereits gefallen: es gibt keinen Gott . Armes, geteiltes Herz, armer Mensch! Ein anderer dagegen spricht: «Ich möchte glauben, aber mein Herz setzt andere Prioritäten .» Ein solcher Mensch weiss, dass er sich zuerst mit seinem Herzen beschäftigen und der Frage nachgehen muss, weshalb sein enttäuschtes Herz andere Ziele verfolgt und das eine grosse Ziel aus den Augen verloren hat . Für diesen Menschen gibt es Hoffnung! 14


Der Mensch als unteilbares Ganzes Ein zweites mögliches Missverständnis wird durch unsere griechisch-humanistische Tradition des Denkens verursacht . Mit ‚griechisch’ meinen wir hier ein analysierendes (zerlegendes) Denken und ‚humanistisch’ betrifft die Vorstellung, dass jede wichtige Wahrheit durch menschliche Anstrengung im Menschen selbst gefunden werden könne . Dabei hat es sich bewährt, eine schwierige Problemstellung in überblickbare Teilprobleme aufzuteilen, die dann schrittweise zur Lösung des ganzen Problems führen sollen . So entstand die Idee der Aufteilung des Menschen in die verschiedenen Bereiche von Leib, Seele und Geist . Oft wird dann die Seele noch weiter aufgeschlüsselt in Wille, Verstand und Gefühl . Diese Aufteilung kann von Fall zu Fall in der Psychologie hilfreich sein, etwa wenn es darum geht, auf eine Krankheit richtig zu reagieren, aber sie wird dem Menschenbild der Bibel nicht gerecht . Die aus der griechischen Antike stammende Vorstellung, dass die Seele der unsterbliche Anteil des Menschen sei und auch ohne den Körper oder nach dessen Tod existieren könnte, führt ebenfalls zu Missverständnissen . Die Bibel und damit das hebräische Denken meint mit Seele einfach die uns geschenkte Lebensfähigkeit, Gottes Lebensatem in uns . Das hebräische Wort ‚nefesch’, das meistens mit ‚Seele’ übersetzt wird, bedeutet wörtlich ‚Atem’ . Der Atem Gottes und irdischer Staub verbinden sich zu etwas völlig Neuem und Ganzen, das mehr ist als die Summe seiner Bestandteile . So sind wir als lebendige ganze Wesen erschaffen worden, in denen beide, Geist und Materie, untrennbar zusammen gehören . Als Christen dürfen wir deshalb erwarten, dass wir als ein Ganzes in den Himmel kommen, allerdings mit einem verwandelten, unsterblichen Leib . So ist auch Jesus als Ganzes auferstanden, sonst hätte man ja seinen zurückgelassenen Leib im Grab finden müssen . Wenn wir dennoch von der Sichtweise der Psychologie etwas übernehmen wollen, dann dies: Das Handeln des Menschen ist nicht einfach das Ergebnis seines bewussten Denkens und Urteilens, sondern zu einem grossen Teil auch von verborgenen Wünschen, vergessenen Erlebnissen und tief im Innern schlummernden 15

Etwas Neues, das mehr ist als die Summe seiner Bestandteile


Unergründlich und machtvoll

Überzeugungen, Hoffnungen und Ängsten mitbestimmt . Unserer Ansicht nach müssen wir diesen im Verborgenen agierenden Bereich der menschlichen Persönlichkeit dem Herzen zuordnen . Hier deckt sich die moderne psychologische Sicht des menschlichen Geistes mit der biblischen Tatsache, dass das Herz für den Menschen selbst unergründlich ist und gleichzeitig eine machtvolle Rolle in dessen Handeln und Urteilen spielt . So halten wir fest: Wir wollen den Menschen immer als ein Ganzes betrachten . In diesem Sinne setzt er sich nicht aus Einzelteilen wie Körper und Geist zusammen, wie es der griechisch-humanistischen Tradition entspricht, er ist Körper und Geist . Der hebräisch-biblischen Sichtweise folgend fassen wir Leib, Geist, Verstand und Herz nicht als Bestandteile des Menschen auf, sondern als unterschiedliche Blickwinkel, unter denen wir den unteilbaren Menschen betrachten können . Bei allen Geheimnissen, die das Herz umgeben, können wir doch einige seiner Eigenschaften benennen . Besonders wichtig scheinen uns die folgenden drei: – Das Herz will nicht allein sein; es sucht Verbindung zu andern Herzen . – Das Herz ist formbar und verletzlich . – Das Herz kann planen und entscheiden . Das Herz will nicht allein sein Jesus wurde von einem Pharisäer nach dem wichtigsten Gebot gefragt .

a) Markus 12, 29–31, HFA

Er antwortete: «Dies ist das wichtigste Gebot: ‚Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein . Ihn sollt ihr von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit eurem ganzen Verstand und mit all eurer Kraft . Ebenso wichtig ist das andere Gebot: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden .»a) Es ist das Gebot der Liebe, das zwei untrennbare Ausrichtungen zusammenfasst: die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen .

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Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Gott

Dein Herz ist auf deine Zu­ wendung und Anerkennung angewiesen

So ist auch das Herz ganz und gar auf Beziehungen zu Gott und Mitmenschen ausgerichtet . Es wurde von Gott so geschaffen, dass es nicht allein sein will; es ist beziehungsfähig, aber auch beziehungsbedürftig . Es möchte seine Pläne, seine Einsichten, seine Hoffnungen und Ängste mit anderen Herzen teilen und in ihnen verständnisvoll zurückgespiegelt sehen; es sucht das Ungeteilte, das Verbindende und Gemeinsame und zwar bei Mitmenschen wie auch bei Gott . Der Kirchenvater Augustinus fasst das in einem bekannten Gebet in folgender Aussage zusammen: «Du hast uns auf dich hin geschaffen, Gott, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir .» So wie unser Herz sich nach Gott sehnt, sucht auch Gott immer wieder unsere Nähe . Dazu hat er vor allem unser Herz als Empfangsstelle für seinen heiligen Geist und als Ort der Fülle seiner Liebe bestimmt . Im oben erwähnten Gebot wollen wir die kleine Wendung am Schluss noch besonders beachten: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst .» Die nächste und vielleicht wichtigste Bezugsperson für dein Herz bist du selbst! Wenn sogar du ihm unfreundlich und abweisend begegnest, wie soll es dann andern Menschen und Gott vertrauen können? Ein solches Herz wird niemals ungeteilt sein, weil du selbst ihm nicht deine volle Unterstützung zukommen lässt und ihm mit Vorbehalten begegnest . Dabei wäre dein Herz so sehr auf deine Zuwendung und Anerkennung angewiesen . Wenn du dazu nicht deinem eigenen Herzen gegenüber fähig bist, wie willst du dann andern Liebe und Annahme entgegenbringen können? Es ist wie bei einem einzelnen Puzzle-Teilchen, das für sich allein genommen noch ohne Sinn bleibt . Aber in Verbindung mit anderen Teilchen des Puzzles nimmt es an der Gestaltung eines ganzen Bildes teil . Durch diese Zugehörigkeit zu einem Ganzen stärkt es den Wert und die Bedeutung der andern Teilchen und wird auch seinerseits durch diese aufgewertet . So verhält es sich auch mit den Herzen, die erst durch Beziehungen zu andern Herzen und zu Gott gestärkt werden und ihre eigentliche Bedeutung erhalten . Das Gesamtbild, das so entstehen soll, kann nur 18


der Meister allein zusammenfügen . Es ist das Bild seiner vollendeten Gemeinde, die er wie eine Braut zur Hochzeit schmückt . Deshalb sagt der Prophet Jesaja: «Ich freue mich sehr in dem Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir Kleider des Heils angezogen, mit dem Mantel der Gerechtigkeit mich bekleidet, wie ein Bräutigam sich den priesterlichen Kopfschmuck anlegt und wie eine Braut sich mit ihrem Geschmeide schmückt .»a) Das formbare und verletzliche Herz Das Leben, und ganz besonders auch das Zusammenleben mit andern Menschen, hinterlässt seine Spuren in unseren Herzen . Gott hat das Herz des Menschen weich und formbar geschaffen . Es ist lernfähig; es kann gute und leider auch weniger gute Belehrung aufnehmen; es kann sich im richtigen Verhalten üben . Durch die wiederholte Erfahrung von Gottes Hilfe und Gewöhnung an seine Ordnungen werden in unseren Herzen Pfade und Wege gebahnt . Wenn solche einmal angelegt sind, können sich heilsame Einsichten, Entschlüsse und Handlungen rasch und in der richtigen Richtung bewegen . Diese Wege verbinden unser Hören, Verstehen, Glauben und Handeln . Deshalb heisst es in einem Psalm: «Wohl dem Menschen, dessen Stärke in dir liegt, wohl denen, in deren Herzen gebahnte Wege sind .»b) Solche gebahnten Wege lassen das Herz fest werden . Wir werden nicht mehr von jedem Wind der Meinungen hin und her getrieben und müssen auch nicht jede Menge Schutt beiseite räumen, um zu neuen Erfahrungen und Einsichten vorzudringen . Das Gegenteil von gebahnten Wegen sind Sackgassen, Stolpersteine und Irrgärten und Gott bewahre uns davor, mit einem solchen Herzen unterwegs sein zu müssen . Dankbarkeit kann unser Herz vor solchen Irrwegen schützen: «Wer Dank opfert, verherrlicht mich und bahnt einen Weg; ihn werde ich das Heil Gottes sehen lassen .»c) Das weiche, formbare Herz ist folgerichtig auch verletzlich . Das ist oft schmerzhaft, und nicht selten verhärtet sich ein Herz , damit es die Verletzungen weniger spürt . Es büsst dabei aber seine Formbarkeit ein, die Gott so wichtig ist . Kann er 19

Gebahnte Wege in un­ seren Herzen

a) Jesaja 61,10 b) Psalm 84,6 c) Psalm 50,23 ELB


ein hartes Herz noch umgestalten und seine Wahrheiten hineinpflanzen, wenn es einmal so weit gekommen ist? Ja, Gott sei Dank, er kann und will es tun . Durch den Propheten lässt er uns sagen: «Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben .»a)

Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz

a) Hesekiel 36,26 b) Lukas 12,34)

Das planende und entscheidende Herz Wenn auch das Herz sich weich und verletzlich zeigt, so lenkt es doch den ganzen Menschen mit grosser Kraft und Beharrlichkeit in eine bestimmte Richtung, die durch seine Hoffnungen, seine Pläne und Visionen bestimmt wird . Jesus sagt uns unmissverständlich: «Wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein .»b) Befrage einmal dein Herz: «Welche Ziele hast du? Wo liegt dein Schatz; was ist dir wichtiger als alles andere?» Höre ihm geduldig zu, denn es ist entscheidend wichtig, dass du über deine eigenen Herzenswünsche und Hoffnungen Bescheid weisst! Denn auch ohne dein Einverständnis wird es dich immer wieder dorthin drängen, wo dein Schatz liegt . Wenn dieser Schatz beispielsweise die Anerkennung durch andere Menschen ist, wirst du immer wieder Dinge tun oder anschaffen, die dir Anerkennung versprechen, aber dich im übrigen vielleicht gar nicht interessieren . Du wirst dich in zeitraubende Projekte einspannen lassen, obwohl du eigentlich keine Zeit mehr zur Verfügung hast . Aber dein Herz hat sich bereits entschieden und dein Verstand wird bei Bedarf noch eine scheinbar rationale Begründung nachliefern, um diese Entscheidung zu unterstützen . Wenn wir entschieden sind, von ganzem Herzen Gott zu lieben und zu ehren, wird auch hier das Herz sich durchsetzen und uns seinem Schatz gemäss lenken . Deshalb ist der Zustand und die Ausrichtung unseres Herzens so wichtig . Das Zusammenleben mit den Mitmenschen und die Nähe zu Gott werden das Herz festigen und mit weiteren guten Schätzen füllen . So werden die Ziele, die es verfolgt, ebenfalls gut sein .

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Es können sich aber im Laufe der Zeit auch viele unverheilte Verletzungen ansammeln, die das Herz misstrauisch werden lassen . Es zieht sich zurück und verliert das eine grosse Ziel aus den Augen: ungeteilt auf Gott ausgerichtet zu sein . Paulus lässt uns einen Blick auf einen unermesslichen Schatz werfen, für den es sich lohnt, alle anderen Ziele aufzugeben: Gott hat uns ausersehen, in das Bild seines Sohnes verwandelt zu werden, damit wir ihm gleichen wie Brüder und Schwestern!a) Als Kinder des himmlischen Vaters werden wir erbberechtigt; wir hoffen auf ein himmlisches Erbteil . Jesus kleidet uns in seine vollkommene Gerechtigkeit und beruft uns zu Priestern und Königen . Deshalb betet Johannes im Buch der Offenbarung dieses Dankgebet: «Ihm, der uns geliebt hat und uns von unseren Sünden gewaschen hat durch sein Blut, und uns zu Königen und Priestern gemacht hat für seinen Gott und Vater – Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen .»b)

Das Ziel aus den Augen verloren

Zum Beherzigen Gott hat mein Herz als innersten Kern meiner Persönlichkeit geschaffen . Mein Herz, das bin ich! Deshalb ist Gott mein Herz so wichtig . Es wurde von ihm so geschaffen, dass es nicht allein sein will; es ist beziehungsfähig und beziehungsbedürftig . Das Zusammenleben mit Mitmenschen kann aber auch schmerzhafte Spuren in unserem Herzen hinterlassen, so dass das es sich verhärten kann . Dann will uns Gott ein neues Herz schenken und uns wieder den Schatz zeigen, für den es sich zu leben lohnt: unser Erbteil im Himmel . Gebet Vater im Himmel! Ich war mir nicht richtig bewusst, wie wichtig mein Herz für dich ist . Noch bin ich voller Zweifel und Unglauben, ob es möglich ist, dass mein Herz ungeteilt auf dich ausgerichtet sein kann . Schenke mir die nötige Aufmerksamkeit, damit ich besser verstehe, was in meinem Herzen vorgeht . Wo immer es mich zu falschen Zielen führen will, bitte ich dich um deine Weisung, damit ich deine Ziele nicht aus den Augen verliere . 21

b) vgl . Römer 8,17 und 8,29 a) Offenbarung 1,5–7


Hört, ihr Israeliten! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Ihr sollt ihn von ganzem Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit all eurer Kraft. Bewahrt die Worte im Herzen, die ich euch heute sage! Prägt sie euren Kindern ein! Redet immer und überall davon, ob ihr zu Hause oder unterwegs seid, ob ihr euch schlafen legt oder aufsteht. 5. Mose 6,4–7 HFA 22


Denn die Augen des Herrn durchstreifen die ganze Erde, um sich mächtig zu erweisen an denen, deren Herz ungeteilt auf ihn gerichtet ist. 2. Chronik 16,9

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Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo die Motten und der Rost sie fressen und wo die Diebe nach graben und stehlen. Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder die Motten noch der Rost sie fressen und wo die Diebe nicht nach graben und stehlen! Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein. Matthäus 6,19 –21

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Ich aber will ihnen ein einiges Herz geben, ja, ich will einen neuen Geist in euer Innerstes legen; und ich will das steinerne Herz aus ihrem Leib nehmen und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Satzungen wandeln und meine Rechtsordnungen bewahren und sie tun; und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Hesekiel 11, 19

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Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor, und der bรถse Mensch bringt aus dem bรถsen Schatz seines Herzens das Bรถse hervor; denn wovon sein Herz voll ist, davon redet sein Mund. Lukas 6,45 26


Das Herz des Vaters Du sollst dir kein Bildnis machen � � � Wir haben schon davon gesprochen, wie schwierig es ist, das menschliche Herz zu ergründen . Nun gilt das erst recht für das Herz Gottes; seine Weite und Tiefe liegen für uns Menschen weit jenseits von allem, was wir uns vorstellen können . «Wer hat den Geist des Herrn ergründet, und wer hat ihn als Ratgeber unterwiesen?»a) Wir wollen uns auch bewusst sein, dass wir immer dazu neigen, uns eigene Vorstellungen über das Wesen Gottes und seine Pläne zurecht zu legen: «Gott ist so und so», «Gott will das und das», «mein Gott sieht das so» . Es ist eben einfacher, diese eigenen Vorstellungen zu pflegen und auszuschmücken, als wirklich hinzuhören, was Gott uns über sich selbst mitteilen will . Wir müssen auch hinnehmen, dass er uns in seiner Weisheit einiges nicht mitteilen will! Nicht umsonst warnt uns Gott davor, uns ein Bildnis oder ein Gleichnis der unsichtbaren Welt zu machen .b) Vielleicht denken wir hier mit Recht zuerst an Dinge wie Götzenbilder und Ähnliches, aber es gibt auch subtilere Formen von Bildern und Beschreibungen, die ebenfalls Schaden anrichten . Wo immer wir Gott in irgend einer Weise in einem endgültigen Bild oder in einer unverrückbaren Vorstellung oder Beschreibung einfangen und festhalten wollen, wird dieses Gebot übertreten . Ein Bild ist nicht mehr lebendig; die dargestellte Person ist in unseren Gedanken auf das Bild begrenzt und kann nicht mehr handeln und uns nicht mehr überraschen . Menschen haben bereits einmal Gott buchstäblich festgenagelt – am Kreuz . Jesus, der Sohn eines Zimmermanns, entsprach nicht dem Bild, das sich die Schriftgelehrten vom Messias zurechtgelegt hatten . Nun könnte man Gott wohl nicht mit ungeteiltem Herzen lieben, sich auf ihn ausrichten und seine Ehre suchen, wenn man nicht doch dieses und jenes über sein Herz wüsste oder wenn man davon eine ganz falsche Vorstellung hätte . So wollen wir uns mit der gebotenen Ehrfurcht und Zurückhaltung der Frage nach dem Herzen Gottes zuwenden . 27

Man kann und darf das Unsichtbare nicht abbilden

a) Jesaja 40,13 b) vgl . 2 . Mose 20,4


Bilder vom Herzen Gottes Gott selbst offenbarte sein Herz immer wieder durch ausgewählte prophetische Menschen . Er benutzte dazu häufig Bilder und Vergleiche aus dem uns vertrauten menschlichen Leben . Das bekannteste und tiefste davon ist wohl das Bild des Vaters . «Wie ein Vater sich über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich Gott über die, die ihn fürchten .»a) Gott vergleicht sich aber auch mit einem Hirten . David beginnt seinen unvergleichlichen 23 . Psalm mit dieser Wahrheit: «Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln .»b) Und an anderer Stelle wird uns gesagt, dass Gott richtiggehend in sein Volk verliebt ist: «Wie sich ein Bräutigam an seiner Braut freut, so wird dein Gott sich an dir freuen .»c) Wo tausend Bilder nicht ausreichen

Es würden wohl tausend Bilder nicht wiedergeben können, welcher Reichtum der Gnade d) im Herzen Gottes wohnt, aber ein Bild wollen wir noch hinzufügen: der König des Friedens! «Wie lieblich sind auf den Bergen die Füsse des Freudenboten, der Frieden verkündigt, der gute Botschaft bringt, der das Heil verkündigt, der zu Zion sagt: Dein Gott herrscht als König!»e) Darüber wollen wir in den folgenden Abschnitten nachdenken: über das Herz eines Vaters, eines Hirten, eines Bräutigams und eines Königs .

a) Psalm 103 b) Psalm 23,1 c) Jesaja 62,5 d) vgl . Epheser 2,7 e) Jesaja 52,7

Das Herz des Vaters Wir leben glücklicherweise in einer Zeit, in der man erkannt hat, wie wichtig es ist, dass Väter sich wieder mehr um ihre Familien kümmern, dass sie ihren Kindern verständnisvoll begegnen und sie ermutigen und ernst nehmen . Dem entsprechend hat sich auch unser Bild des himmlischen Vaters gewandelt: Das Bild von Gott als strengem und unnahbarem Patriarch wird durch die Vorstellung eines hilfsbereiten, modernen Vaters ersetzt .

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Wer selbst Kinder erzieht oder erzogen hat, der weiss, wie sie unser Innerstes anrühren können und wie gerne wir ihnen unsere Hilfe und unseren Schutz zukommen lassen . Andererseits können Kinder uns auch richtiggehend zur Weissglut treiben, so dass wir sie am liebsten vorübergehend «ins Pfefferland» wünschten . Wir müssen Gott zugestehen, dass er auch diese andere Seite eines Vater- oder Mutterherzens kennt und es kaum ertragen kann, wie gedankenlos, starrköpfig und ungehorsam Kinder bisweilen in ihr Unglück laufen können . Man glaubt die Verzweiflung ratloser Eltern herauszuhören, wenn Gott folgendes sagt: «Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach einem widerspenstigen Volk, das seinen eigenen Gedanken nachgeht auf einem Weg, der nicht gut ist .»a) «Jerusalem, Jerusalem, die du die Propheten tötest und steinigst, die zu dir gesandt sind; wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt .»b) Glauben wir wirklich, Gott würde hier wie ein toleranter Vater seinem Volk verständnisvoll, geduldig und motivierend zureden, damit es allenfalls wieder für den rechten Weg zu gewinnen wäre? Nein, er wird die Übeltäter zur Rechenschaft ziehen, wenn sie nicht umkehren . Beim Lesen der Bibel treffen wir nur allzu häufig auf derartige Begebenheiten . Im Garten Eden geschah es, dass Adam und Eva ihren Schöpfer derart erzürnten, dass er sie wegschickte und sogar den Boden verfluchte, den sie künftig zu bebauen hätten .c) Das zeigt unmissverständlich deutlich, dass Gott nicht auf das Bild eines nachsichtigen menschlichen Vaters reduziert werden kann, sondern dass er auch und vor allem eines ist: Gott, der Herr . Er ist der «Ich bin», der niemandem eine Erklärung schuldet und sich vor niemandem zu rechtfertigen hat .

Wenn Kinder ihre Eltern herausfordern

«Philippus spricht zu ihm: Herr, zeige uns den Vater, so genügt es uns! Jesus spricht zu ihm: So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich noch nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen . Wie kannst du da sagen: Zeige uns den Vater?»d)

a) Jesaja 65,2

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Jesus zeigt uns den Vater

b) Lukas 13,34 c) vgl . 1 . Mose 3,17 d) Johannes 14,8–9


Vermutlich kennen wir alle diese Frage des Jüngers und die Antwort, die Jesus darauf gibt . Jesus zeigt uns durch sein Leben und Sterben, was im Herzen Gottes brennt . Er spricht aus, was Gott denkt, und er führt aus, was Gott plant . «Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht aus mir selbst; und der Vater, der in mir wohnt, der tut die Werke .»a)

Der Ort der Heilung: die Nähe des Vaters!

a) Johannes 14,10 b) Lukas 15,20

Den tiefsten Blick in das Herz des Vaters erlaubt uns Jesus aber mit seinem Gleichnis vom verlorenen Sohn . Der eine der zwei Söhne dient seinem Vater treu, aber freudlos, während der andere frech sein Erbteil fordert und wegzieht . Nachdem er alles verprasst hat und Hunger leidet, entschliesst er sich reumütig, bei seinem Vater eine Anstellung als Taglöhner zu suchen und kehrt zurück nach Hause . «Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn .»b) Dieser Sohn wusste, dass es unmöglich war, aus eigener Kraft das Erbe wieder herbeizuschaffen, das er dem Vater abgenötigt hatte, unmöglich, den Kummer und die Schande ungeschehen zu machen, die er über ihn gebracht hatte . Aber er hatte auch erkannt, dass er nur an einem einzigen Ort noch Heilung und Wiederherstellung erhoffen konnte: in der Nähe seines Vaters . Wie viele zerlumpte Gestalten hat wohl der Vater während all der Jahre gesehen, in denen er nicht wusste, wo sein Sohn geblieben war? Wenn er auch den einen oder andern als Tagelöhner angestellt oder mit einer guten Mahlzeit für den weiteren Weg gestärkt hat – nur bei einem hat er gesagt: Es ist mein Sohn . Er lebt und ist wieder gefunden! Der gute Hirte � Ein guter Hirte wird niemals seine Macht und seine Stellung zum Nachteil seiner Herde missbrauchen, vielmehr versorgt, führt und beschützt er sie . Das ist sein Auftrag und dafür schlägt sein Herz . Er kennt jedes der Schafe mit Namen und die Schafe kennen die Stimme des Hirten . Er liebt sie und jedes einzelne ist ihm so viel wert wie die ganze Herde . Wenn er eines verlöre, er würde nicht ruhen, bis er es 30


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