



Einen Schatz finden
Der junge Goldschmied Golan beschloß, sein Leben zu ändern, nachdem er erkannt hatte, daß die allgemeine Art zu leben so sehr von grauer Oberflächlichkeit, armseligen Gewohnheiten und hohlem Gerede bestimmt war, daß sie nur falsch sein konnte.
Er konnte nicht verstehen, daß kaum ein Mensch in der ganzen Stadt sich die Frage nach dem Sinn seines Daseins stellte und nach befriedigenden Antworten suchte. Das Leben war doch mehr als eine zwangsläufige Folgeerscheinung der Geburt, es war ein zu lüftendes Geheimnis, ein zu lösendes Rätsel, ein Weg, den es zu finden galt.
So gab Golan seinen Beruf auf, verkaufte alle Habseligkeiten, packte seinen Rucksack und verließ die Stadt, weil seine innere Stimme ihm sagte, daß er hier nicht finden würde, wonach er suchte.
Drei Jahre lang zog er durch das Land, begegnete vielen Menschen, darunter auch manchen, die wie er auf der Suche nach dem eigentlichen Sinn des Lebens waren. Mit einigen von ihnen freundete er sich an, und sie wurden seine Reisegefährten, bis ihre Wege sich wieder trennten. Von jeder Begegnung nahm Golan etwas mit, das sein Herz erfrischte und seinen Geist bereicherte. Doch seine tiefsten Fragen blieben unbeantwortet.
Wenn er Geld benötigte, nahm er eine Gelegenheitsarbeit an und zog bald wieder weiter, in der Hoffnung,
daß sich eines Tages sein Traum erfüllen würde, den er in der Nacht vor seinem Aufbruch gehabt hatte. Darin war er einem weisen Mann begegnet, der ihm klare Antworten auf die wichtigsten Fragen gab, die ihm auf der Seele lagen.
Es sollten aber noch zwei weitere Jahre vergehen, bis seine Hoffnung sich erfüllte. Jahre, in denen er immer öfter von dem Gefühl geplagt wurde, daß seine Suche vielleicht vergeblich sein könnte und er sie schließlich ermüdet aufgeben und sich mit dem begnügen müßte, was der großen Mehrzahl aller Menschen offensichtlich genügte – ein Leben ohne tieferen Sinn, ohne höhere Bedeutung.
Eines Nachmittags wanderte Golan durch ein grünes, weitläufiges Tal, durch das sich ein Fluß schlängelte.
Zu seiner Überraschung erblickte er nach einer Wegbiegung ein kleines, hinter Bäumen und blühenden Sträuchern verstecktes Holzhaus, auf dessen Terrasse ein älterer Mann saß, der auf ihn zu warten schien – als habe Golan ihm seinen Besuch angekündigt. Der Mann winkte freundlich und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, zu ihm zu kommen.
Golan zögerte nicht, der Einladung zu folgen.
»Willkommen! Mein Name ist Kalim. Ich habe letzte Nacht geträumt, daß du mich heute besuchen würdest«, eröffnete der Mann das Gespräch. »Also habe ich heute morgen einen zweiten Stuhl auf die Terrasse gestellt.«
Sprachlos fühlte Golan sein Herz bis zum Hals klopfen, während er sich zu dem Mann setzte und nach den richtigen Worten suchte. »Ich heiße Golan«, sagte er schließlich, »und bin auf der Suche nach dem wahren Leben.«
Kalim, der etwa doppelt so alt wie Golan sein mochte, sich aber die strahlenden Augen eines lebensfrohen jungen Mannes bewahrt hatte, nickte lächelnd. »Ich weiß. Du hast mich gefunden, weil ich es gefunden habe. Ich habe es wie du jahrelang auf abenteuerlichen Reisen gesucht, bis ich vor etwa zehn Jahren in diesem wunderschönen Tal entdeckte, daß das wahre Leben in mir selbst verborgen liegt. Also habe ich mir dieses kleine Haus gebaut und bin hiergeblieben.«
Golan spürte eine seltsame Erregung in sich wachsen. »Du hast das wahre Leben gefunden? Ja, ich sehe es in deinen Augen. Sie blicken bis auf den Grund der Schöpfung. Ich ziehe nun schon seit fünf Jahren durch dieses große Land und suche es noch immer. Zu Beginn meiner Reise habe ich von einem Mann geträumt, den ich eines Tages treffen würde. Er hatte deine Augen.«
Kalim lächelte. »Unsere Träume sind oft die Wegweiser unserer Seele. Sie sagen uns, was wir eigentlich wollen und wer wir wirklich sind. Du wirst in den Jahren deiner Wanderschaft manches erlebt und gelernt haben.«
»Ich habe so manche Erkenntnisse über mich und die Menschen gewonnen. Und in besonderen Augenblicken fühlte ich mich dem wahren Leben nah. Doch
immer wieder entfernte ich mich von ihm, ohne es zu wollen.«
»Ja, so geschieht es oft auf der Suche. Viele geben sie leider zu früh auf, weil sie müde sind und ihre Hoffnung schwindet. Doch das Finden geschieht meistens unverhofft. Oft ereignet sich das, was wir uns am meisten wünschen, erst spät, wenn wir die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben haben. Wer hofft, lebt für die Zukunft, für ein Ziel. Aber immer nur auf etwas zu hoffen, was noch kommen kann, hindert daran, ganz und gar im Augenblick zu sein. Und gerade darauf kommt es an, denn nur in der vollkommenen Gegenwärtigkeit offenbart sich das wahre Leben.«
»Ich habe immer nur einen flüchtigen Blick darauf werfen können, ich konnte seinen Glanz erahnen. Doch dann verlor ich es wieder und wieder«, sagte Golan. »Dabei sollte es doch nicht so schwierig sein, einfach in der Gegenwart zu bleiben.«
»Das Leichteste ist oft das Schwierigste«, erwiderte Kalim. »Wenn du im wahren Leben bist, siehst du allerdings keinen Unterschied mehr zwischen leicht und schwierig, denn alles ist im Grunde eins. Du findest deinen Weg mit derselben Natürlichkeit und Sicherheit wie dieser Fluß, an dessen Ufer sich meine inneren Augen öffneten. Hier erkannte ich, daß ich das wahre Leben überall entdecken kann, wenn ich es einmal in mir gefunden habe. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich es überall gesucht und nirgendwo gefunden. Es war seltsam festzustellen, daß ich jahrelang umhergereist
war, um schließlich zu erkennen: Ich hätte mich nicht von der Stelle bewegen müssen, um es zu finden. Und doch mußte ich es.«
»Das hört sich eigenartig an«, sagte Golan.
»Es klingt nur so, weil es dem Verstand so erscheint«, erklärte Kalim. »Doch der Verstand täuscht sich und jeden, der ihm blind folgt. Nur die Seele kennt den Weg ins Eigentliche.«
Kalim stand von seinem Stuhl auf, ging einige langsame Schritte und blickte auf den Fluß hinunter. »Dort saß ich damals am Ufer, sehr müde und enttäuscht von der Vergeblichkeit meiner langen Reise, voller Zweifel und düsterer Gedanken, und blickte auf die Oberfläche des Wassers. Plötzlich kam die Sonne hinter einer dunklen Wolke hervor. Ihr Licht fiel mit einem Schlag auf den Fluß und spiegelte sich mit einem übermütig tanzenden
Glitzern wider. In diesem Augenblick erhielt ich die langersehnte Antwort auf meine Frage nach dem richtigen Weg. Ich erkannte in der dunklen Wolke meine eigenen Gedanken, mehr noch, meinen Verstand schlechthin. Meine Gedanken hatten sich, wie die Wolke, vor die Sonne meiner Seele geschoben. Plötzlich wich sie zur Seite und offenbarte mir das Licht, das unentwegt in meiner eigenen Seele strahlt. In diesem wundervollen Augenblick wurde ich eins mit mir, eins mit dem wahren Leben – und wußte, daß diese Vereinigung endgültig sein würde. Meine Freude und Dankbarkeit kannten keine Grenzen, ich tanzte und sang am Ufer des Flusses und stürzte mich schließlich jubelnd in sein klares Wasser.«
Kalim setzte sich lächelnd wieder zu seinem Besucher an den Tisch. Die Luft war angenehm warm und erfüllt von dem Duft blühender Sträucher und dem Gesang der Vögel in den Bäumen.
»Ich freue mich sehr für dich, daß du dein Ziel erreicht hast«, sagte Golan. »Und ich schöpfe Mut und Kraft aus deinen Worten. Denn wenn es dir gelungen ist, den Weg ans Licht zu finden, kann es auch mir gelingen.«
»Es wird dir gelingen, Golan! Es wird geschehen und dich mit seiner Pracht überwältigen. Du wirst verstehen – und nicht begreifen, warum du nicht eher verstanden hast, denn es war schon immer in dir. Es hat sich nie vor dir versteckt, du hast es nur nicht richtig gesucht. Aber du wirst es finden, wie jeder wirklich Suchende es früher oder später entdeckt.«
»Deine Ermutigung tut mir gut, Kalim, denn ich bin schon sehr lange unterwegs, und nicht nur meine Beine sind müde geworden.«
Kalim nickte mitfühlend. »So ging es mir auch in den letzten Monaten vor meiner inneren Befreiung. Oft war ich kurz davor, meine Suche aufzugeben. Deshalb rate ich dir: Sei wachsam, um die Zeichen zu erkennen, die das Leben dir gibt. Bleibe geduldig und gelassen, wenn Belastungen und Rückschläge dich bedrücken. Nimm auch die unangenehmen Überraschungen an als unvermeidlichen Teil des Ganzen, aber trage sie keinen Schritt länger als nötig in die Zukunft. Suche unermüdlich den Weg ins Herz des Augenblicks. Dort
findest du Weisheit, dort findest du das wahre Leben. Und laß dich nicht von deinem Verstand an der Nase herumführen!«
Golan betrachtete seinen unverhofften Gastgeber mit wachsender Bewunderung.
»Der Verstand hat zwei Gesichter«, fuhr Kalim fort, »das eines Helfers und das eines Verhinderers. Er kann uns in alltäglichen Dingen nützen, aber auf der Suche nach dem Wesentlichen lähmen. Oft ist es so, daß seine Bedenken und Zweifel, die uns vor Schwierigkeiten schützen sollen, uns erst in wirkliche Probleme bringen. Der Verstand hat Angst vor allem, wovor man nur Angst haben kann, aber er fürchtet am meisten die Erkenntniskraft der Seele, die uns Einsichten zu schenken vermag, die er nicht versteht. Er fürchtet die Seele, weil sie seine Macht brechen kann.«
»Eben habe ich in Gedanken darüber geklagt«, sagte Golan, »daß ich dir nicht eher begegnet bin. Dabei sollte ich mich freuen, dich überhaupt gefunden zu haben.«
»Ja, Golan, so ist der Verstand, der Vater unserer Gedanken. Er ist ein strenger, von Natur aus unzufriedener Vater, dem man es nie recht machen kann. Schenkt man ihm eine Flasche mit Wasser, beklagt er sich darüber, daß man ihm nicht den Weg zum Brunnen gezeigt hat. Zeigt man ihm den Weg zum Brunnen, beschwert er sich darüber, daß der Weg so lang und beschwerlich ist. Schenkt man ihm einen Esel, der ihn zum Brunnen tragen kann, ist er beleidigt, daß man ihm kein Pferd geschenkt hat. Erwarte keine Weisheit, keine Dankbarkeit,
keine Bescheidenheit von dem Verstand. Er gleicht einem maßlos verwöhnten, in sich selbst verliebten Prinzen, der immer und immer mehr haben will und doch nie zufrieden ist.«
»Es ist wunderbar zu erleben«, sagte Golan nach einer Weile gemeinsamen Schweigens, »wie jedes Wort, das du sagst, aus der Tiefe deines Wesens kommt, so natürlich und rein wie Wasser, das aus einer Quelle sprudelt.«
»Eines Tages, Golan, wirst auch du so sprechen, aus der Mitte deiner Seele, und ein Suchender am Ende seiner Kräfte wird zu dir kommen, wie du heute zu mir gekommen bist. Und du wirst ihm neuen Mut geben, damit er seine Suche vollenden kann«, prophezeite Kalim. »Viele geraten früher oder später an den Punkt, wo sie ihre ganze Suche in Frage stellen, lassen sich durch Enttäuschungen entmutigen und geben kurz vor dem Ziel auf. Enttäuschungen entstehen aber nicht, damit du an ihnen scheiterst, sondern damit du aus ihnen lernst, dich nicht mehr zu täuschen, weder in anderen Menschen noch in dir selbst. Deshalb sind Enttäuschungen, so schmerzlich sie auch sein mögen, unentbehrliche Begleiter auf der Reise zu dir selbst.«
»Im Licht deiner Worte«, sagte Golan, »erkenne ich den Sinn vieler Dinge, die mir in den letzten Jahren widerfahren sind. Ich sehe jetzt auch, daß ich dich heute genau zum richtigen Zeitpunkt getroffen habe, ohne daß ich dir sagen könnte, woher ich es weiß. Ich
danke dir für die Zuversicht, die du mir schenkst. Wenn ich auf meinem weiteren Weg anderen Suchenden begegne, werde ich ihnen von unserer Unterhaltung erzählen.«
»Aber verrate ihnen nicht, wo ich lebe«, bat Kalim seinen Gast. »Wenn sie den Weg zu mir nicht von selbst finden, brauchen sie die Begegnung mit mir nicht. Sage ihnen, daß sie sich ihre innere Freiheit durch nichts und niemanden nehmen lassen dürfen, daß sie die Augen des Herzens immer offenhalten und auf die Stimme der Seele hören sollen.«
»Ich werde es ihnen ausrichten«, versprach Golan. »Und wenn sie mich fragen, wie sie andere Menschen richtig einschätzen sollen?«
»Golan, ich freue mich, daß du an die anderen Suchenden denkst. Das zeigt, daß du deinem Ziel nicht mehr fern bist, denn Mitgefühl ist ein Vorbote der höchsten Einsicht. Bei der Einschätzung eines anderen Menschen sollen sie vor allem eines bedenken: Stimmen seine Worte mit seinem Verhalten überein, haben sie einen ehrlichen, glaubwürdigen Menschen gefunden, dem sie ihr Vertrauen schenken können. Doch wenn seine Worte eine andere Sprache als seine Handlungen sprechen, tun sie gut daran, sich an seine Handlungen zu halten, denn in seinem Handeln offenbart sich das Wesen eines Menschen zuverlässiger als in seinen Worten.«
»Auch das werde ich ihnen überbringen, Kalim. Oft habe ich mich auf meiner Reise gefragt, warum sowenig Gutes zwischen den Menschen geschieht. Jetzt glaube
ich den Grund zu wissen: Sie lassen es nicht geschehen. Sie halten die Türen der Liebe und des Vertrauens verschlossen, weil sie Angst haben, daß ihnen etwas Schlechtes widerfahren könnte, wenn sie sich öffnen. Aber gerade diese Angst verhindert, daß etwas Gutes entstehen kann.«
Kalim nickte zustimmend. »Ja, die Angst ist eine mächtige Herrscherin und ein großes Hindernis auf dem Weg zu Lebensweisheit und Selbstfindung. Die meisten Menschen lassen sich von ihr aufhalten, statt zuversichtlich für ihr Seelenheil zu leben, das nur der Mensch gewinnen und bewahren kann, dessen Vertrauen ins Leben stärker ist als die Angst vor ihm.«
»Fühlst du dich hier nicht manchmal ein wenig einsam?« brach Golan das Schweigen, das nach Kalims Worten entstanden war.
Kalim lachte. »Nein, seit dem Tag meiner Befreiung kenne ich dieses Gefühl nicht mehr. Wenn du weiter flußabwärts gehst, wirst du bald zu einem Dorf gelangen. Dort besorge ich mir, was ich zum Leben brauche. Und wenn mir danach ist, finde ich dort auch Gesellschaft.« Der Einsiedler blickte flußabwärts. »Manchmal kommt der eine oder andere Dorfbewohner zu mir. Meistens suchen sie meinen Rat. Häufig rate ich ihnen, was ihrem inneren Frieden und dem Dorffrieden dienlich ist. Ich freue mich, wenn sie mich besuchen, und ich freue mich, wenn sie wieder gehen. Sieh nur, wir haben Besuch von der Schönheit.«
Kalim betrachtete mit großem Entzücken einen Schmetterling, der sich auf den Tisch gesetzt hatte, an dem die beiden Männer saßen, und sagte leise, als wolle er den bunten Gaukler der Lüfte nicht verscheuchen: »So unverhofft, wie dieser Falter zu uns gekommen ist, kommt alles Schöne in unser Leben.«
Nach Kalims Worten flog der Schmetterling wieder davon. Golan spürte, daß der Zeitpunkt gekommen war, sich von dem Menschen zu verabschieden, den er so lange gesucht und schließlich gefunden hatte.
»Wie kann ich dir danken, Kalim, für alles, was du mir mit auf den Weg gegeben hast?«
»Indem du ihn weitergehst, bis du dein Ziel erreichst.«
»Das verspreche ich dir.«
Nach dem Abschied von Kalim konnte Golan nicht dem Drang widerstehen, im Wasser des Flusses zu baden, an dessen Ufer Kalim das wahre Leben gefunden hatte. Nach seinem Bad ließ er sich von der Sonne trocknen und setzte schließlich beschwingt wie lange nicht mehr seine Wanderschaft fort.
Bald erreichte er das Dorf, von dem Kalim ihm erzählt hatte. Ein paar hundert Menschen hatten sich dort niedergelassen und führten ein Leben, dessen Alltäglichkeit Golan nicht genügen würde. Die Leute, denen er im Dorf begegnete, wirkten nicht unzufrieden, aber auch nicht glücklich mit ihrem Los. Sie sahen ihn neugierig an und grüßten freundlich, aber drängten
sich nicht auf. Golan war es recht so, denn er verspürte kein Bedürfnis nach Gesellschaft.
Als er den Dorfplatz erreichte, lud ihn eine Holzbank unter dem Blätterdach einer Eiche zu einer kleinen Rast ein. Er nahm seinen Rucksack ab, setzte sich und betrachtete die vorbeigehenden Menschen, die ausgelassen miteinander spielenden Kinder, die umhertollenden Dorfhunde. Golan war ganz Auge, ganz in der Gegenwart. In der vollkommenen Gegenwärtigkeit offenbart sich das wahre Leben, hatte Kalim gesagt. Golan spürte, wie die Worte des Weisen ihm halfen, immer gegenwärtiger zu werden.
Vor seinem geistigen Auge sah er das Gesicht des Einsiedlers am Fluß, das die tiefe Einsicht ins Wesen des Lebens ausdrückte, die er gefunden hatte.
Plötzlich hörte er schnelle Schritte hinter sich, und im nächsten Augenblick stand ein Mädchen neben ihm, vielleicht acht Jahre alt, und sah ihn aus großen Augen an, deren Glanz ihn an das Strahlen der Augen des Einsiedlers erinnerte.
Das Mädchen streckte die Hand aus, in der es eine wunderschöne blaue Blume hielt, gab sie Golan mit einem Lächeln und sagte: »Für dich.«
Golan betrachtete voller Freude das überraschende Geschenk. Dann führte er die Blume zu seiner Nase, wobei er sich darüber wunderte, daß sein Herz klopfte wie das eines Verliebten, der seine Liebste küßt.
Als er den berauschenden Blütenduft tief einatmete, geschah es: Mit einem Schlag fiel die Mauer, die ihn bis
zu diesem Augenblick vom Ziel seiner Suche getrennt hatte, und er trat ins wahre Leben ein. Überschäumende Freude durchströmte ihn, und er begann zu strahlen. Er hatte das wunderbare, befreiende Gefühl, ins Innerste des Lebens zu blicken, und dort war alles, was er gesucht hatte: Frieden, Schönheit und Freiheit, Liebe, Glück und helle Freude.
Auf dem Dorfplatz war es plötzlich ruhig geworden. Kein Mensch oder Tier war mehr zu sehen. Es war, als hielte die Zeit den Atem an, und über allem lag ein leuchtender, kostbarer Frieden, den Golan mit Leib und Seele einatmete. Es war noch immer dasselbe Dorf, aber Golan war ein anderer geworden, und deshalb war auch das Dorf ein anderes. Alles hatte sich verändert: der Brunnen auf dem Platz, die Bäume vor den Häusern, die weißen Wolken am Himmel. Die ganze Welt war eine andere geworden. Mit den Augen der Seele erkannte Golan die tiefe Schönheit, die vollkommene Harmonie, das unfaßbare Wunder der Schöpfung – und nahm es mit dem Herzen eines Liebenden auf.
Was immer ihm auch gerade geschehen war, es hatte ihn unwiderruflich verändert, es hatte ihn zu dem Ziel geführt, nach dem er sich so lange gesehnt hatte. Golan war eins geworden mit dem Wesen des Lebens, und sein Lächeln war das Lächeln des glücklichen Finders eines unverlierbaren Schatzes.
Der Schneemann und die Krähe
Eine Krähe setzte sich auf den Kopf eines Schneemanns und fragte ihn: »Wie bist du in diesen Garten gekommen? Gestern warst du noch nicht hier!«
»Die Kinder im Haus haben mich heute morgen gebaut. Sie hatten große Freude dabei. Und jetzt erfreue ich mich meines unverhofften Lebens.«
»Warum?« fragte die Krähe.
»Aus vielen Gründen.«
»Nenne mir ein paar!«
»Schau nur, wie wunderschön die Sonne auf der Schneedecke glitzert!« schwärmte der Schneemann. »Wie herrlich die Bäume aussehen, als wären alle ihre Äste und Zweige mit Puderzucker bestäubt worden! Wie zauberhaft das Himmelszelt leuchtet in seinem vollkommenen Blau!«
»Du weißt, daß deine Freude nur kurz sein wird«, mahnte die Krähe. »Genauer gesagt: nur so lange, wie der Frost sich hält. Und der hält sich in dieser Gegend selten länger als wenige Tage.«
»Dann freue ich mich auf diese wenigen Tage«, sagte der Schneemann.
Die Krähe krächzte mißbilligend. »Ein so kurzes Leben ist nicht viel wert. Kaum hat es richtig angefangen, schon ist es wieder zu Ende.«
»Und wenn schon. Es kommt doch nicht auf die Länge des Lebens an, sondern auf die Freude daran.
Ein glücklich verlebter Tag ist mehr wert als ein unglücklich verbrachtes Jahr.«
»Das mag sein«, gestand die Krähe zu. »Aber je mehr Freude du an deinem kurzen Leben hast, desto trauriger wirst du sein, wenn du schmilzt.«
»Ich werde nicht traurig über das Unvermeidliche sein«, erklärte der Schneemann. »Ich werde dankbar dafür sein, daß ich in Freude gelebt habe.«
»Dankbar für ein paar Tage?« fragte die Krähe skeptisch.
»Ja. Dankbar für jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick. Auch dankbar für die Begegnung mit dir.«
Die Krähe schüttelte den Kopf. »Du bist ein hoffnungsloser Fall«, unkte sie und flog davon.
»Ich bin nicht hoffnungslos. Ich hoffe, du besuchst mich noch einmal, bevor der Frost endet«, rief der Schneemann ihr hinterher. »Denn auch du bist herrlich anzusehen in deinem schwarzen Gefieder vor dem Hintergrund der weißen Wunderwelt.«
Der alte Mann und die Zeit
Ein alter Mann bekam Besuch von der Zeit und nutzte die Gelegenheit, sie zu fragen, warum die Tage immer kürzer werden, je älter ein Mensch wird.
»Es sind die Illusionen, die den Tag lang erscheinen lassen«, erklärte die Zeit. »Mit dem Älterwerden verliert der Mensch viele Illusionen. Auch die Illusion, daß ich langsam vergehe, denn in Wahrheit bin ich immer in Eile.«
»Doch manchmal bleibst du stehen«, wandte der alte Mann ein.
»Ja«, stimmte die Zeit zu und lächelte. »Immer, wenn die Liebe sich mir in den Weg stellt.«
Die Bitte des Spiegelbildes
Ein junger Mann, der sehr gern lange schlief, aber an jedem Arbeitstag um sieben Uhr von seinem Wecker aus dem Schlaf gerissen wurde, tapste verschlafen und mürrisch ins Badezimmer. Sein erster Blick fiel auf sein Spiegelbild, das ihn mit griesgrämigem und schlaftrunkenem Gesicht ansah.
Als er zur Zahnbürste griff, bekam er einen gehörigen Schrecken, denn sein Spiegelbild sagte zu ihm: »Allmählich habe ich es satt, ein so frustriertes, vorwurfsvolles Gesicht spiegeln zu müssen. Warum versuchst du nicht, mir ein Lächeln zu schenken? Ich gebe es dir bestimmt zurück. Auf diese Weise fängt für uns beide der Tag gleich viel schöner an. Und was gut anfängt, kann nur besser weitergehen.«
»Aber wie soll ich es schaffen zu lächeln, wenn ich noch so müde bin, daß ich am liebsten wieder zurück ins Bett torkeln würde?« fragte der junge Mann.
»Wenn du es nicht mit den Gesichtsmuskeln schaffst, nimm deine beiden kleinen Finger als Hilfe und ziehe damit deine Mundwinkel nach oben. Das wäre schon mal ein Anfang! Bitte versuch es wenigstens!«
Der junge Mann erfüllte die Bitte seines Spiegelbildes. Obwohl – oder vielleicht, gerade weil – das derart erzwungene Lächeln etwas Lächerliches hatte, amüsierte es ihn, und dieses Vergnügen weckte einen Teil seiner noch schlafenden Lebensgeister.
An den folgenden Morgen wiederholte er die Prozedur, bis es ihm nach einer Woche gelang, auch ohne Zuhilfenahme seiner Finger zu lächeln.
»Das machst du sehr gut«, lobte ihn sein Spiegelbild. »Jetzt sollte dein nächstes Ziel sein, nicht nur mit dem Mund zu lächeln, sondern auch mit den Augen.«
»Das wird sehr schwierig«, prophezeite der Mann.
»Es wird dir schon gelingen!« ermunterte ihn sein Spiegelbild. »Ich glaube an dich!«
Nach einem Monat stellte er eines Morgens überrascht fest, daß es ihm gelungen war, nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit den Augen zu lächeln.
»Ich danke dir«, sagte sein Spiegelbild. »Jetzt spiegele ich dich sehr gern!«
»Ich habe dir zu danken«, antwortete der junge Mann. »Es fällt mir inzwischen viel leichter, meinen Arbeitstag zu beginnen.«
Eine Woche später kam er in der Bahn, mit der er immer zur Arbeit fuhr, mit einer jungen Frau ins Gespräch, deren Sympathie er mit seinem strahlenden Lächeln auf Anhieb gewann. Als er ihr von seinem Beruf erzählte, den er noch lieber ausüben würde, wenn er nicht jeden Morgen um sieben Uhr aufstehen müßte, versprach sie ihm, mit ihrer Tante zu sprechen: der Führungskraft eines Unternehmens, das gerade auf der Suche nach einem guten neuen Mitarbeiter war.
Der junge Mann überzeugte beim Vorstellungsgespräch mit seinem Können, seiner Ungezwungenheit und seinem strahlenden Lächeln. Er bekam die freie
Stelle, die nicht nur besser bezahlt wurde als seine vorherige, sondern ihm noch ermöglichte, seine Arbeitszeiten so einzuteilen, wie es ihm gefiel.
Und so konnte er schließlich jeden Morgen ausschlafen, was die Dankbarkeit gegenüber seinem Spiegelbild noch vergrößerte.
Auf der Suche nach dem Sinn
Schon als Kind brachte Almon seine Eltern durch die Tiefe und den Ernst seiner Fragen oft in Verlegenheit.
»Weshalb lügen die Menschen? Warum gibt es Bettler? Wieso gibt es Krankheiten?«
Fragen, die darauf hindeuteten, daß in dem jungen Körper bereits eine reife Seele wohnte.
Auch seine Lehrer wußten nicht, wie sie Almons ungewöhnlicher Wißbegier begegnen sollten. »So war es schon immer, und so wird es leider wohl auch immer sein«, war die Antwort, die er am häufigsten hörte. Doch sie genügte ihm ebensowenig wie alle anderen.
Enttäuscht von der Unfähigkeit seiner Eltern und Lehrer, ihm befriedigende Auskünfte auf die Fragen zu geben, die ihm auf der Seele lagen, begann er, in Büchern zu suchen, was er bei den Menschen nicht fand.
Und dort wurde er schließlich zum ersten Mal in seinem Leben fündig und begegnete Gedanken, die etwas tief in ihm berührten und Lichtstrahlen in das rätselhafte Dunkel des Lebens warfen.
Er schrieb all diese Gedanken in eine Kladde, in der Hoffnung, damit Mosaiksteine zu sammeln, die er vielleicht irgendwann zu einem Bild zusammenfügen könnte, das ihm die Lösung des Lebensrätsels offenbarte.
Als Almon ein junger Mann und Student der Philosophie geworden war, hatte er seine Kladde bis auf die
letzte Seite mit strahlenden Erkenntnissen gefüllt, doch selbst ihr vereintes Licht genügte nicht, um die Finsternis zu erhellen, in der er sich gefangen fühlte.
Auch seine Hoffnung, an der Universität Weisheit zu finden, stellte sich bald als vergeblich heraus. Hier, in den Vorlesungssälen und Seminarräumen, ging es vor allem um die Vermittlung von Wissen, wie schon in der Schule, wenn auch auf höheren Ebenen.
Einer seiner Professoren, ein älterer Gelehrter namens Perigon, hatte etwas an sich, das ihn von den anderen Hochschullehrern unterschied. Er war meistens unrasiert und nachlässig gekleidet und schien sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Er wirkte bescheiden, war freundlich und hatte immer ein offenes Ohr für alle, die mit ihren Sorgen und Nöten zu ihm kamen. So entschloß sich Almon am Ende seines dritten Semesters, ihn um Hilfe zu bitten, denn er fühlte sich wie ein Reisender, der einen Abgrund erreicht hatte, über den keine Brücke führte.
»Vielleicht gibt es eine Brücke über diesen Abgrund, und du siehst sie nur noch nicht«, sagte Perigon, als er mit Almon durch den Park spazierte, der sich hinter den Universitätsgebäuden erstreckte. »Alles braucht seine Zeit. Die Augen der Seele öffnen sich, wenn du reif dafür bist.«
»Haben sich die Augen Ihrer Seele geöffnet?«
Der Professor schüttelte den Kopf. »Nein, ich sehe auch nicht mehr als die anderen. Ich tappe im dunkeln, wie alle hier, und wenn sie noch so gescheit daherreden
und mit Fremdwörtern um sich werfen, und deshalb kann ich auch kein Licht in deine Seele bringen. Licht kann nur spenden, wer es in sich selbst gefunden hat. Ich habe lange danach gesucht, aber meine Mühen sind nicht belohnt worden. Wer dem Leben auf den Grund tauchen will, muß damit rechnen, daß ihm auf halbem Weg die Luft ausgeht.«
Almon konnte seine Enttäuschung nicht verbergen.
»Mehr können Sie mir nicht sagen?«
»Bedauerlicherweise«, erwiderte Perigon. »Mehr weiß ich nicht, aber wenn du aus ganzem Herzen das wahre Gesicht des Lebens erkennen willst, solltest du deine Zeit nicht länger in Hörsälen und Bibliotheken verschwenden. Das Dasein selbst ist die Universität, die du besuchen solltest! Mach dich auf die Reise ins Ungewisse, sammle Erlebnisse, stelle dich den Unwägbarkeiten des Lebens! Gib alle Sicherheiten auf, lebe für den Augenblick! Wärst du dazu bereit?«
»Ja«, antwortete Almon ohne Zögern.
»Ich ziehe meinen Hut vor dir: Du bist ein wahrhaft Suchender. Du bist anders. Du suchst die Weisheit nicht mit dem Verstand, sondern mit Herz und Seele. Das ist der richtige, der einzig mögliche Weg zur höchsten Erkenntnis. Es ist kein leichter und kein kurzer Weg.«
»Ich werde ihn gehen.«
Perigon nickte, als hätte er keine andere Antwort erwartet. »Wir beide wissen, daß es nicht gerade die Aufgabe eines Professors ist, einem seiner begabtesten Studenten zu raten, sein Studium aufzugeben. Aber
wir wissen auch, daß du hier am falschen Platz bist. Du mußt dich an der Universität des Lebens mit deinem Herzblut einschreiben! Nur dort kannst du ein wahrer Magister werden, ein Meister der Weisheit, der sein Wissen nicht aus verstaubten Schriften bezieht, sondern immer aufs neue aus seiner eigenen Seele.«
Almon spürte, daß Perigon recht hatte. Er war ihm dankbar für seine klaren Worte, auch wenn sie ihm nicht die Angst vor den Gefahren nehmen konnten, die auf dem Weg lauerten, der ihm vorherbestimmt war.
Als hätte Perigon seine Gedanken gelesen, sagte er: »Die Philosophische Fakultät ist ein Ort, an dem versucht wird, das Leben zu verstehen, ohne es zu erleben. Sie gleicht einem Menschen, der die Kunst des Reitens zu erlernen versucht, ohne sich jemals auf den Rücken eines Pferdes zu wagen. Das Gedankengut anderer endlos wiederkäuend, betrachtet und analysiert sie das Leben aus sicherer Entfernung, aber hat nicht den Mut, nicht die Leidenschaft, sich in die Tiefe seiner Ungewißheiten fallenzulassen. Dabei liegen gerade dort, in den Ungewißheiten, oft die Wurzeln für ein tieferes Verstehen. Das Leben ist kein gepflegter Garten, es ist ein wilder Dschungel voller Gefahren und Tücken, aber auch voller Möglichkeiten und glücklicher Fügungen. Darum sei wachsam auf deinem Weg, aber nicht ängstlich, denn die Angst ist eine der größten Feindinnen dessen, der echte Erkenntnis sucht. Und sei neugierig! Frage die Menschen, wofür sie leben! Du wirst die
widersprüchlichsten Antworten bekommen, doch in jeder kann ein Wegweiser für dich verborgen sein.«
»Ich danke Ihnen, Perigon. Sie sprechen mir aus der Seele und ermutigen mich, meiner inneren Stimme zu folgen.«
Der Professor nickte bedächtig. »Du wirst auf deiner Reise ins Herz des Lebens vielen Menschen begegnen, und von jedem kannst du etwas lernen, denn im Grunde ist jeder auf der Suche nach dem Sinn, auch wenn die meisten es nicht wissen. Wenn du Glück hast, werden unter ihnen manche sein, die dein Gemüt erwärmen, dein Leben bereichern und dir helfen, deinen Weg mit neuer Kraft weiterzugehen. Aber dein Ziel mußt du ganz allein finden. Niemand kann dich zu ihm führen, außer deiner eigenen Seele. Aber du wirst Wegweiser entdecken, die dir die Richtung zeigen. Deshalb halte immer die Augen auf, nicht nur die in deinem Kopf. Auch das Herz hat Augen, und nur was sie erkennen, wird deine Sehnsucht stillen.«
»Ich sehne mich nach tiefer, befreiender Einsicht, aber vielleicht suche ich ja noch mehr?«
»Es ist gut, daß du nicht genau weißt, was du suchst, denn eine feste Vorstellung deines Ziels würde dich nur von deinem Weg abbringen. Du ersehnst etwas, das über deine Vorstellungskraft hinausgeht.«
»Ja«, gab Almon seinem Professor recht. »Ich suche etwas Wunderbares, das mich verwandeln wird. Aber ich weiß nicht im geringsten, was es ist. Vielleicht suche ich etwas, das es gar nicht gibt?«
Perigon schmunzelte. »Selbst wenn es so wäre: Du würdest es mit der Innigkeit deiner Sehnsucht ins Leben rufen! Ich wünsche dir Glück auf deinem Weg und wüßte es zu schätzen, wenn du mir irgendwann einmal einen Brief schicken würdest. Aber zwinge dich nicht dazu. Schreibe mir nur, wenn dir wirklich danach ist.«
Eine Woche nach diesem Gespräch packte Almon seinen Rucksack und begab sich auf die Reise ins Ungewisse.
Mit seinen Ersparnissen und dem Erlös aus dem Verkauf seiner Habseligkeiten würde er sich eine Weile über Wasser halten können. Mit seiner Sehnsucht nach Erkenntnis hatte er eine starke und zuverlässige Begleiterin, auf die er zählen konnte, wenn Ängste und Zweifel sich ihm in den Weg stellen würden. Und er hatte sich selbst, die Kraft seiner Jugend, sein Vertrauen ins Leben, das ihm helfen würde, die dunklen Stunden und schweren Zeiten zu überstehen, die mit Sicherheit auf ihn warteten.
Die ersten Tage und Wochen seiner Reise verliefen ohne außergewöhnliche Begebenheiten. Er wanderte von Ort zu Ort, übernachtete in den einfachsten Herbergen, oft auch im Freien, und lebte so bescheiden wie möglich.
In jedem Dorf und in jeder Stadt, durch die sein zielloser Weg ihn führte, stellte er den Menschen Fragen und erntete oft Befremden, denn die Leute waren es nicht gewohnt, von einem Reisenden nach dem Sinn ihres Lebens gefragt zu werden.
Viele reagierten nur mit einem Kopfschütteln oder Achselzucken und ließen Almon stehen, als würden sie ihn nicht ernst nehmen.
Aber manche gaben ihm auch Antworten.
»Der Sinn meines Lebens besteht darin, daß ich meine Felder bestelle, meine Familie ernähre, meine Tiere versorge und meine Arbeit so gut wie möglich mache«, erwiderte ein Bauer. »Ich versuche, meiner Frau ein guter Mann, meinen Kindern ein verständnisvoller Vater und meinen Freunden ein zuverlässiger Kamerad zu sein.«
»Mein Lebenssinn ist die Kunst«, war die Antwort einer Malerin. »Ich lebe für meine Bilder. Wenn ich male, vergesse ich alles um mich herum und gehe ganz und gar im Augenblick auf. Es ist wunderbar, sich selbst zu vergessen und die Hand den Pinsel so führen zu lassen, wie die Seele es will. Nimm mir die Malerei – und du nimmst mir den Sinn meines Daseins.«
»Ich sehe meine Berufung darin, den Menschen zu helfen«, sagte ein Arzt zu Almon. »Ein Mann rettete mich mit seinem ärztlichen Können vor dem Tod, als ich noch ein Junge war. Dieses Erlebnis hat mich geprägt und in mir den Wunsch geweckt, selbst ein Arzt zu werden. Ich habe dank meiner beruflichen Fähigkeiten schon mehreren Menschen das Leben gerettet, und in diesen Augenblicken war ich ganz eins mit dem Sinn meines Lebens. Wir alle brauchen Hilfe, wir müssen füreinander da sein, und ich bin glücklich, daß ich diese Einsicht zu meinem Lebensinhalt gemacht habe.«
Almon begegnete aber auch Menschen, die keinen Sinn in ihrem Leben sahen oder ihn verloren hatten.
»Ich hoffe nur noch auf einen schmerzfreien Tod, der mich von meinem ungelebten Leben befreien wird«, antwortete ein Greis auf Almons Frage. »Immer war ich nur für andere da, stets habe ich mich geopfert: für meine Frau, für meine Kinder, für meinen Beruf, für unser Haus. Meine Frau ist schon lange tot, und meine Kinder besuchen mich, wenn überhaupt, nur noch an meinem Geburtstag und hoffen darauf, daß sie bald mein Haus erben, um es zu verkaufen. Ich hätte mehr an mich selbst denken sollen! Ich habe mir nicht die Zeit genommen, mich selbst kennenzulernen. Und jetzt muß ich sterben, ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin. Das ist bitter.«
Ein Landstreicher gab Almon die Auskunft: »Ich weiß nicht, ob mein Leben einen Sinn hat, und im Grunde interessiert es mich auch nicht. Ich mache mir keine großen Gedanken und lebe in den Tag hinein. Manchmal bettele ich, manchmal stehle ich, und wenn es nicht anders geht, arbeite ich. Am liebsten würde ich Tag für Tag in einem großen, weichen Bett auf der faulen Haut liegen. So ein Leben könnte mir gefallen. Aber davon kann ich nur träumen.«
Und eine Witwe, die ihren Mann in einem Krieg verloren hatte, gestand Almon: »Das Schicksal hat mir die Liebe meines Lebens genommen. Seitdem frage ich mich fast täglich, warum ich noch lebe. Ich empfinde keine Freude, keine Hoffnung mehr – nur eine quälende
Wehmut, die nicht enden will. Das Einzige, was mich noch am Leben hält, sind meine Träume, in denen mir mein Mann erscheint und zu mir spricht und zärtlich zu mir ist.«
Almon bekam mit der Zeit mehr und mehr Antworten auf seine Fragen und bewahrte sie in seinem Gedächtnis auf, wie er als Student Zitate aus Büchern gesammelt hatte, doch der Lösung seines eigenen Lebensrätsels kam er dadurch nicht näher.
Er lernte die Not und das Elend der Armen sowie die Gier und Herzlosigkeit der Reichen kennen. Die Ungerechtigkeit begegnete ihm auf Schritt und Tritt und empörte ihn immer aufs neue. Geld und Gewalt regierten die Welt, und wohin ihn auch seine Füße trugen, mangelte es an Güte und Mitgefühl.
Zahllose Menschen mußten ihre Freiheit und ihre ganze Kraft verkaufen, um gerade ihre allernötigsten Bedürfnisse zu stillen. Er sah allerorten Verzweiflung und Not, und er bewunderte die Geduld und Gelassenheit, mit der viele Menschen sie ertrugen.
Almon erkannte, daß der nackte Egoismus das Denken und Handeln der allermeisten Menschen bestimmte und sie sich nicht scheuten, die anderen zu betrügen und belügen, wenn es darum ging, sich auf ihre Kosten zu bereichern. Und er erlebte, daß Nächstenliebe zwar in aller Munde, doch in den wenigsten Herzen war.
Perigon hatte recht gehabt: Die Universität des Lebens war kein gepflegter Garten, sondern eine wilde