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Brigitte Endres

Justus und die 10 Gebote

Mit Skizzen von Melanie Brockamp

Erstes Kapitel

Du sollst

Du sollst

Du sollst schrieb Justus untereinander. Zehnmal!

»Schreibt die Zehn Gebote aus dem Buch ins Heft und lernt sie auswendig«, hatte Pfarrer Becker heute in Reli gesagt. »Bei der Klassenarbeit in zwei Wochen erwarte ich, dass ihr sie auswendig könnt und Beispiele dazu kennt!«

»Du sollst!«, stöhnte Justus.

»Was sollst du?«

Justus drehte sich um. Er hatte gar nicht bemerkt, dass Opa Karl ins Zimmer gekommen war. Mist! –Und er war immer noch nicht fertig mit den Hausaufgaben. Zu seinem Geburtstag letzte Woche hatte ihm Opa den Bausatz für ein Modellflugzeug geschenkt. Eine Seagull X4, ein Wahnsinnsteil mit

Fernsteuerung! Heute wollten sie anfangen, den Flieger zusammenzubauen.

»Was stöhnst du denn?« Der Großvater sah Justus über die Schultern. »Ach so, die Zehn Gebote!«

Justus nickte. »Immer nur: Du sollst, du sollst, du sollst. – Schrecklich!« Er beugte sich wieder übers Heft, um nur schnell fertig zu werden. Ehebrechen schrieb er. »Du sollst nicht ehebrechen«, las er dann laut. »Was soll ich denn damit?« Er deutete auf die erste Zeile. »Oder das hier – du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Was denn für andere Götter?«

Verdrossen arbeitete er weiter. Sein Großvater setzte sich schweigend neben ihn. Als Justus mit einem Aufatmen den Stift weglegte, sagte Opa Karl ganz in Gedanken: »Anleitung!«

Justus schoss hoch, fischte das Beiheft aus der Verpackung des Flugmodells und legte es auf den Tisch. »Hier!«

Sein Großvater schüttelte den Kopf. »Nein, die Bauanleitung für den Flieger hab ich nicht gemeint. Ich dachte eben, die Zehn Gebote sind eine Art Anleitung. Eine Anleitung für ein glückliches Leben.«

Justus hatte nicht die geringste Lust, weiter über die Zehn Gebote zu reden. Er zog seinen Großvater hoch. »Komm, Opa, ich will jetzt endlich in die Werkstatt!«

Gemeinsam gingen sie durch den Garten zum Schuppen hinüber. Duffy, Opa Karls Hund, lag auf dem Fußabstreifer in der Sonne. Als er die beiden kommen sah, klopfte sein Schwanz freudig auf die Matte.

»Auf, Duffy!«, befahl der Großvater. »Lass uns rein!«

Der kleine Mischlingshund – ein Mix aus Pudel und einem großen Fragezeichen, wie Justus’ Mutter immer sagte – sprang auf und folgte ihnen in die Werkstatt.

Früher war Opa Karl Schreiner gewesen. Damals hatte er eine große Schreinerei mit vielen Angestellten gehabt. Aber inzwischen war er in Rente und hatte den Betrieb längst verkauft. Seit er Witwer war, lebte er bei seiner Tochter, dem Schwiegersohn und den Enkeln Justus und Marie. Im Schuppen hatte er sich eine kleine Werkstatt eingerichtet, wo er ab und zu für Freunde und Bekannte noch Möbel reparierte und ein bisschen schreinerte.

Justus legte den Karton auf die Hobelbank und begann auszupacken. Duffy, der immer gleich zur Stelle war, wenn Papier knisterte, sah erwartungsvoll zu ihm hoch.

Justus schüttelte den Kopf. »Ne, du Fresssack! Das ist nichts für dich!«

Enttäuscht trollte sich Duffy auf seine Decke. Justus betrachtete verträumt das Foto auf dem Deckel. Er konnte es jetzt schon kaum erwarten, die Seagull fliegen zu lassen!

Nachdem der Großvater die Beschreibung studiert hatte, legte er alle Bauteile auf die Werkbank. »Schau!«, sagte er und drückte Justus ein feines Schleifpapier in die Hand. »Einige sind noch ganz rau. Du musst alle Unebenheiten abschleifen. Aber sei vorsichtig, dass du nicht zu viel wegnimmst!«

Justus machte sich an die Arbeit, während sich sein Großvater einen kaputten Stuhl vorknöpfte, den ihm eine Nachbarin gestern gebracht hatte.

Während beide so vor sich hin werkelten, versuchte Justus, sich an die Reihenfolge der Gebote zu erinnern. Er verdrehte die Augen. So ein Quatsch! Wozu musste man die bloß auswendig kennen?

»Habt ihr eigentlich früher auch die Zehn Gebote lernen müssen?«, fragte er.

»Aber sicher«, sagte sein Großvater. »Und wir hatten einen verdammt strengen Pfarrer. Der hat uns mit dem Lineal auf die Finger gehauen, wenn wir was nicht konnten. Gerade bei den Zehn Geboten hab ich mein Fett abgekriegt, das weiß ich noch wie heute. Ich fand die damals genauso stinklangweilig wie du und hab halt lieber Fußball gespielt als gelernt.«

Justus sah erstaunt hoch. »Echt? Aber das ist doch verboten! Ich meine, man darf Kinder doch nicht schlagen?«

Opa Karl schraubte die Leimflasche auf und griff nach einem Pinsel. »Tja, damals war das eben noch anders. Aber genützt hat es gar nichts. Man kann Kindern nichts einbläuen, davon werden sie auch nicht schlauer. Das mit den Zehn Geboten hab ich dann erst viel später verstanden. Da war ich schon erwachsen.«

Justus griff nach dem nächsten Bauteil. »Ich versteh auch nicht alles. Ich meine, nicht stehlen, nicht lügen, nicht töten, das ist doch sowieso klar. Aber schon der Anfang – das mit den anderen Göttern. Was soll das?«

Der Großvater unterbrach seine Arbeit und lehnte sich an die Hobelbank. »Eigentlich beginnt das erste Gebot ja mit: Ich bin der Herr, dein Gott. Und dann kommt: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.«

Er kratzte sich am Kinn. »Ich habe mich lange gefragt, wer ist eigentlich dieser Gott? Und dann hat mir deine Großtante Luise zur Hochzeit eine Karte geschickt, auf der stand ein Satz aus dem Johannes-Evangelium und der hieß: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in

ihm. Da wurde mir plötzlich klar, wie das erste Gebot gemeint ist. Verstehst du?«

Opa Karl wandte sich wieder dem Stuhl zu. Justus bearbeitete nachdenklich den Rumpf des Fliegers. Nein, eigentlich verstand er nicht, was Opa damit sagen wollte.

Als hätte er Justus’ Gedanken gelesen, fuhr der Großvater fort: »Das erste Gebot könnte auch heißen: Das Wichtigste in deinem Leben soll die Liebe sein. Nicht Erfolg, Vergnügen und Geld machen uns wirklich glücklich, sondern das, was wir für andere tun können. Im Grunde sind die Zehn Gebote – wie ich ja vorhin gesagt habe – nichts anderes als eine Anleitung für ein glückliches Leben. Und wenn du die Augen offen hältst, wirst du sehen, dass wir jeden Tag mit den Zehn Geboten zu tun haben.«

»Abendessen!« Das kam vom Haus drüben. Großvater und Enkel sahen sich an. Sie wussten, wenn ihr Essen kalt wurde, wurde Mama ungemütlich. Widerwillig legte Justus die Arbeit aus der Hand.

»Was gibt’s Neues?«, erkundigte sich der Vater, als alle am Tisch saßen.

Justus schenkte sich Wasser ein. »Opa und ich haben heute mit dem Flieger angefangen. Der wird echt cool, der … «

»Was Neues?«, schnitt Marie ihm das Wort ab.

Ihre aufgebrachte Stimme verriet Justus, dass seiner Schwester etwas auf der Seele brannte, er schluckte seinen Protest hinunter.

»Wir haben ’ne Neue«, fauchte Marie los. »Hanna heißt sie. Eine blöde Zicke, wenn ihr mich fragt.«

»Du kennst sie doch noch gar nicht«, entgegnete der Vater. »Vielleicht ist sie ganz nett.«

Marie grummelte etwas in sich hinein, während die Mutter sichtlich abwesend auf ihrem Teller herumstocherte.

Der Großvater sprach sie an. »Is’ was mit dir?«

Sie nickte ernst. »Bei mir im Betrieb gibt’s auch was Neues. Nichts Schönes, leider!«

Alle sahen sie gespannt an.

»Eisemann entlässt Frau Henkel. Sie war in den letzten Jahren oft krank, soviel ich weiß, eine hartnäckige Nierensache. Dieses Jahr ist sie bestimmt auch schon zwei, drei Monate ausgefallen. Das ist natürlich nicht gut für die Firma. Aber gleich entlassen … ?«

Opa Karl runzelte die Stirn. »Das passt zu diesem Eisemann!«

»Tut mir wirklich leid für die Frau«, sagte der Vater. »Ist ihr Mann nicht auch arbeitslos?«

Die Mutter nickte. »Beide sind über fünfzig. Die kriegen nie wieder einen Job. Das kann man doch

heutzutage vergessen. Wieder ein Fall fürs Sozialamt. Die Ärmste war völlig aufgelöst.« Sie seufzte. »Irgendwie macht mich das ganz fertig. Ich meine –der Firma geht es gut. Wir haben sogar neue Leute eingestellt. Frau Henkel hat vor ihrer Krankheit doch vollen Einsatz gezeigt. Hoffentlich geht’s mir nicht eines Tages auch so.«

Der Vater nahm sich Salat nach. »Ich versteh den Eisemann nicht. Im Kirchenrat hat er die große Klappe und spielt den Superchristen. Aber wenn’s um seine Interessen geht, wirft er alles über Bord.«

Duffys Fiepen unterbrach das traurige Thema, er saß gespannt neben seinem Herrchen und forderte den üblichen Happen.

»Duffy, still!«, fuhr ihn die Mutter an. »Hör auf zu betteln!«

Aber da war es schon zu spät. Opa Karl hatte ihm bereits ein Stück von seiner Frikadelle vermacht.

Sie warf ihrem Vater einen vorwurfsvollen Blick zu. »So lernt er nie, sich wie ein anständiger Hund zu benehmen! – Bald sitzt er mit am Tisch.«

»Cool«, sagte Marie. »Ich bring ihm bei, mit Messer und Gabel zu essen.«

Justus grinste. »Genau, er kann auf unserem alten Kinderstühlchen sitzen.«

Die Mutter drohte den beiden mit dem Finger.

Als sie mit Abendessen fertig waren, erhob sich Opa Karl. »Wer geht mit zu einem Verdauungsspaziergang? Duffy muss noch mal raus.«

Da alle anderen zu tun hatten, begleitete Justus seinen Großvater. Sie gingen hinüber zum Wäldchen. Es war noch hell, die Tage wurden jetzt spürbar länger. In bester Frühlingslaune schwirrten die Vögel durch das aufkeimende Grün und zwitscherten sich die Kehlen aus dem Leib. Duffy lief, die Nase immer am Boden, neben ihnen her.

»Der Eisemann«, sagte Opa Karl plötzlich, seine Stimme klang scharf. »Der hat das erste Gebot auch nicht verstanden.«

Justus sah verwundert zu ihm hoch.

Der Großvater schüttelte gereizt den Kopf. »Es nützt gar nichts, in der Kirche in der ersten Reihe zu sitzen, wenn man anderen Göttern dient.«

Justus horchte auf. »Glaubt Mamas Chef an andere Götter?«

»Allerdings!«, sagte Opa Karl. »An den Gott Geld, an den Gott Profit, an den Gott Gier. Für die tut er alles!«

Justus hob ein Stöckchen vom Boden auf. Duffy sprang in freudiger Erwartung um ihn herum. Justus holte aus und schleuderte es weit von sich. Wie ein Verrückter sauste Duffy hinterher.

Justus grinste. »Für das Stöckchen macht Duffy auch alles.«

»Duffy ist ein Hund und kein Kirchenrat«, entgegnete sein Großvater. »Wir Menschen entscheiden, welchen Göttern wir dienen. Das unterscheidet uns vom Tier. Duffy tut, was ihm sein Instinkt sagt, und das Stöckchen spricht seinen Jagdinstinkt an. Wir aber können wählen, ob wir unserem egoistischen Vorteil folgen oder ob wir so handeln, dass es anderen auch gut geht. Das ist das, was ich mit Liebe gemeint habe, verstehst du? Die Liebe zum Wichtigsten im Leben machen – das erste Gebot.«

Justus nickte. Er entwand Duffy das Stöckchen, das der soeben stolz zurückgebracht hatte, und schleuderte es erneut von sich.

»Du, Opa«, sagte er. »Dann sind mit anderen Göttern nicht wirklich andere Götter gemeint, wie Allah zum Beispiel. An den glaubt Faruk aus meiner Klasse.«

Gedankenvoll beobachtete der Großvater den kleinen Hund, der im hohen Gras aufgeregt nach seiner Beute suchte.

»Es gibt nur einen Gott. Aber er hat viele Namen«, sagte er schließlich. »Die Muslime nennen ihn Allah, die Hindus Krishna, die Juden Jahwe. Es kommt nicht darauf an, wie wir ihn nennen. Aber es kommt

darauf an, dass wir nichts anderes vergöttern als die Liebe – Gott ist die Liebe.«

Ein Spaziergänger mit einem großen Schäferhund kam ihnen entgegen. Der Großvater pfiff nach Duffy. Widerstrebend, weil er das Stöckchen noch nicht gefunden hatte, trottete der kleine Hund zurück. Opa Karl leinte ihn an.

Justus dachte darüber nach, was sein Opa gesagt hatte. »Aber«, sagte er dann, »wenn alle immer nach dem ersten Gebot handeln würden, bräuchte man die anderen Gebote doch gar nicht.«

Sein Großvater nickte. »Du hast völlig recht. Das erste Gebot ist das wichtigste und auch das schwierigste. Es gibt so viele Dinge, die uns davon ablenken – all unsere kleinen Götter: Egoismus, Bequemlichkeit, Habgier. Die anderen Gebote erklären uns deshalb noch genauer, wie wir uns verhalten sollen, um ein wirklich glückliches Leben zu führen.«

Als der Mann mit seinem Schäferhund vorbeigegangen war, ließ Opa Karl Duffy wieder von der Leine. Schwanzwedelnd lief der kleine Hund voraus. Justus sah ihm amüsiert nach. »Duffy ist auch ohne Gebote glücklich.«

»Für Duffy gibt es auch Gebote«, entgegnete der Großvater. »Eines heißt: Du sollst nichts mopsen!«

Justus lachte. »Ja, aber er hält sich nicht daran. Wie

neulich, als er Mama die Fleischwurst vom Tisch geklaut hat. Mann, war die sauer! Und dann lag er unterm Schrank wie das leibhaftige schlechte Gewissen.«

Opa Karl lächelte. »Duffy kennt die Regeln genau. Aber er verzichtet nicht aus Liebe zu seinen Menschen auf die Wurst, sondern weil er genau weiß, dass er mit Strafe rechnen muss. Und wenn keiner da ist, nimmt er die Wurst halt trotzdem. Uns Menschen kann es aber sehr glücklich machen, auf etwas zu verzichten, nur um jemandem eine Freude zu machen.«

Justus dachte sofort an den selbst gebauten Blumenkasten aus Holz, den er Mama zum Geburtstag geschenkt hatte. Opa hatte ihm zwar beim Schreinern geholfen, aber das Material, Blumenerde und die Pflanzen hatte er von seinem Taschengeld gekauft. Einen ganzen Monat hatte er dafür gespart und auf Einkäufe beim Kiosk verzichtet. Aber es hatte sich gelohnt. Wer zu Besuch kam, musste seither den Blumenkasten bewundern. Sogar dem Postboten hatte sie ihn gezeigt. Justus genoss ihre Begeisterung in vollen Zügen. Ein richtig gutes Gefühl war das.

»Es ist schön, was herzuschenken«, sagte er. »Genauso schön, wie wenn man was kriegt.«

»Es macht von Herzen glücklich«, antwortete der Großvater. »Und darum geht es.«

Zweites Kapitel

Der nächste Morgen begann für Justus allerdings gar nicht glücklich. Mama hatte seine beiden Lieblingshosen in die Waschmaschine gesteckt, sodass er die blöde braune anziehen musste. Ausgerechnet heute, wo sie Chor hatten und er Yasmina aus der Parallelklasse treffen würde.

Mama hatte wenig Mitleid mit ihm und Marie zog ihn auch noch auf. »Für wen musst du denn so schön sein? Sag bloß, du bist verliebt!«

»Halt die Klappe!«, fuhr Justus sie an und öffnete die Schachtel mit dem Schokomüsli. »Mist!«, stöhnte er. »Fast leer! – Mann, heut ist echt nicht mein Tag!« Justus sollte recht behalten. Gleich in der ersten Stunde bekamen sie die Mathearbeit zurück.

»Justus, was war los? Das kannst du besser!« Damit hielt der Mathelehrer Justus das Blatt unter die Nase. Eine große Fünf prangte auf der ersten Seite.

Noah beugte sich zu seinem Freund hinüber. Sein rundliches Gesicht verzog sich mitleidig. »Kacke!«

»Lass mich!«, knurrte Justus und schob das Blatt in den Rucksack.

Das würde daheim ganz schön Zoff geben. Er hätte die neuen Textaufgaben eben doch noch mal durchgehen sollen. Papa hatte ihn gewarnt. Er hörte ihn schon sagen: »Von nichts kommt nichts!« Justus seufzte.

Als ihn zu alldem Yasmina keines Blickes würdigte, sondern die ganze Chorprobe über mit Hakan herumalberte, fiel seine Laune ins Bodenlose. Mit düsterer Miene machte er sich auf den Heimweg.

Schon als er den Flur betrat, stieg ihm ein so widerlicher Blumenkohlgeruch in die Nase, dass ihm fast schlecht wurde. Das hatte ihm grade noch gefehlt! Wenn er etwas nicht ausstehen konnte, war es Blumenkohl – ganz anders als Marie, die sich vegetarisch ernährte und überbackenen Blumenkohl für ihr Leben gern aß.

»Kannst du mal eben aufdecken?« Damit reichte ihm seine Mutter einen Stapel Teller. Wütend knallte Justus das Geschirr auf den Tisch.

»Vorsicht, junger Mann!« Sie sah ihn verwundert an.

Finster erwiderte Justus ihren Blick. »Du weißt genau, dass ich keinen Blumenkohl mag. Der stinkt wie die Pest und schmeckt wie … «

Er beendete den Satz nicht, die Stirn seiner Mutter umwölkte sich bedrohlich. Hörbar unterkühlt erwiderte sie: »Aber andere Leute mögen ihn. Du bist nicht allein auf der Welt!«

Justus stellte seinen Teller in den Schrank zurück. »Ich hab keinen Hunger!«

Seine Mutter sah ihn frostig an. »Dann geh in dein Zimmer und beglück die Wände mit deiner schlechten Laune!«

Mit Türenknallen rannte Justus aus der Küche. In seinem Zimmer setzte er sich aufs Bett und starrte aus dem Fenster. Er fühlte sich schrecklich, und Hunger hatte er auch. Aber lieber würde er verhungern, als die blöde Blumenkohlpampe zu essen. Wenn er nachher ohnmächtig auf seinem Bett lag, würde sich Mama Vorwürfe machen. Das geschah ihr dann ganz recht!

Aber Justus wurde nicht ohnmächtig, obwohl sein Magen knurrte wie ein Rudel angriffslustiger Wölfe. Schließlich stand er auf und kramte schlecht gelaunt seine Hausaufgaben aus dem Rucksack.

Eine halbe Stunde später scharrte es an der Tür, gleich darauf stürmte Duffy herein, hinter ihm der Großvater. »Wir haben dich beim Essen vermisst.«

Justus drehte sich nicht um und antwortete auch nicht. Duffy lief zu ihm hin, aber Justus beachtete ihn nicht.

Der Großvater räusperte sich. »Na ja, wollte nur sagen, wenn du so weit bist, kannst du rüberkommen und am Flieger weiterarbeiten. Ich geh schon mal vor.«

Als Justus mit den Hausaufgaben fertig war, ging er zuerst in die Küche, inzwischen kam er fast um vor Hunger. Seine Mutter saß am Esstisch und las auf ihrem Tablet. Als er hereinkam, sah sie kurz hoch. »Und?«

Justus öffnete den Kühlschrank. Seine Mutter stand auf und schloss ihn wieder. »Du wirst wohl bis zum Abendessen warten müssen.« Ihre Stimme klang schneidend. »Und damit das klar ist, es geht nicht um den Blumenkohl, sondern um den Ton!«

Justus wusste, es war sinnlos, jetzt mit ihr diskutieren zu wollen. Er warf ihr einen verbitterten Blick zu und trollte sich zum Schuppen.

Als er die Werkstatt betrat, sah ihn Opa Karl prüfend an. Dann drückte er Justus ein Tapetenmesser in die Hand. »Nimm das, die Rippen für die Tragflächen müssen auseinandergeschnitten werden. Aber sei vorsichtig!«

Justus nickte stumm, er hatte noch immer eine Stinkwut im Bauch. Gut, dass ihm Opa keine Fragen stellte!

Sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, fiel Justus heute höllisch schwer. Es war gar nicht so leicht, die Rippen passgenau zu schneiden. Mit der Zeit wurde dann auch noch das Messer stumpf, sodass er mit höherem Druck arbeiten musste. Und da passierte es: Der Cutter rutschte ab und fuhr in seine Fingerkuppe.

»Autsch! Herrgott im Himmel! Verdammt noch mal!« Mit einer schmerzverzerrten Grimasse steckte

Justus den Finger in den Mund.

Opa Karl rannte zu ihm. »Lass mal sehen!«

Aufschluchzend zeigte ihm Justus den blutenden Finger. Sein Großvater eilte zum Erste-Hilfe-Kasten und verarztete die Wunde. Dann nahm er seinen Enkel in den Arm. Jetzt ließ Justus den Tränen freien Lauf. Es tat gut, den ganzen Frust abzulassen.

»Willst du jetzt über deinen Ärger reden?«, fragte Opa Karl.

Unter atemlosem Schluchzen erzählte Justus von seinem schwarzen Tag.

Der Großvater strich ihm tröstend übers Haar. »Ja, ja, ein Unglück kommt selten allein. – Aber das mit der Mathenote und die Blumenkohlgeschichte hast du dir selbst zuzuschreiben. Dafür musst du niemanden anklagen.«

Justus löste sich aus der Umarmung und zog die Nase hoch. »Mach ich ja gar nicht!«

»Machst du eben doch! Was kann der Herrgott im Himmel eigentlich dafür, dass ein gewisser Justus Kröger nicht für Mathe gelernt hat, dann unverschämt zu seiner Mutter war und sich schließlich in den Finger geschnitten hat, weil er zu faul war, ein neues Messer in den Cutter zu klemmen?«

Justus zog die Nase hoch. »Nichts. Das sagt man halt so in der Wut.«

Sein Großvater lächelte. »Womit wir wieder mal bei den Zehn Geboten wären. Weißt du noch, wie das zweite Gebot heißt?«

Justus starrte finster auf den Boden. Erstens hatte er keine Lust, jetzt einen Vortrag über die Zehn Gebote zu hören, und zweitens hatte er keine Ahnung mehr, wie das zweite Gebot hieß.

»Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen«, sagte Opa Karl, ohne seine Antwort abzuwarten. »Man könnte aber stattdessen auch sagen: Mach Gott nicht für dein Handeln verantwortlich!«

Noch immer schniefend betrachtete Justus seinen Finger. Mann, wann hörte das Pochen endlich auf?

»Komm!«, sagte der Großvater. »Arbeiten wir morgen weiter. Setzen wir uns hinter den Schuppen. Ich hab noch eine Tüte Kekse.«

Die Aussicht auf etwas Essbares verbesserte Justus’ Laune schlagartig.

Hinterm Schuppen standen zwei alte Korbstühle und ein klappriger Tisch. Von hier aus konnte man bis zum Wald sehen. Opa Karl saß oft hier und dachte an Gott und die Welt, wie er das nannte.

Duffy und Justus waren heute gleichermaßen ungeduldig, als der Großvater wenig später die Kekspackung aufriss. Mit den ersten Plätzchen im Bauch meldete sich in Justus wieder Lebensfreude.

Obwohl es noch recht frisch war, konnte man es hier, im Schutz der Bretterwand, gut aushalten. Auf der Wiese blühten schon die Schlüsselblumen, erste Bienen waren unterwegs. Der ganze Stress des Tages fiel von ihm ab. Er konnte plötzlich gar nicht mehr verstehen, warum er sich heute so über alles aufgeregt hatte. Das mit Mathe war zwar wirklich bescheuert – da musste er sich eben ranhalten. Aber der ganze andere Ärger erschien ihm jetzt lächerlich.

»Eigentlich blöd, dass man in der Wut Sachen sagt, die man gar nicht so meint«, sagte er nachdenklich.

Opa Karl nickte. »Das machen die Menschen schon, seit sie der Sprache mächtig sind. Sie versuchen, einen Schuldigen zu finden, und dann muss oft Gott herhalten.«

Justus grinste. »Stimmt, Obelix sagt immer: Beim Teutates!«

Der Großvater gab Duffy, der mit Bettelblick zu ihm hochsah, ein Bröckchen Keks ab. »Die Gallier fluchten eben auf ihre gallischen Götter. Aber Gott ist nicht an unserem Unglück schuld. Da müssen wir uns schon bei der eigenen Nase packen.«

Beim Abendessen haute Justus heute richtig rein.

Zum Glück griff Mama das Thema Blumenkohl nicht mehr auf. Justus beschloss, das mit der Mathearbeit nicht gleich heute zu beichten. Für heute hatte er schon genug Ärger gehabt.

Im Hintergrund lief das Radio. Der Vater stand auf und schaltete es aus. »Ich hab es vorhin schon im Internet gelesen. Habt ihr das mitgekriegt? Schon wieder so ein Selbstmordattentäter. Neunzehn Tote! Ist das nicht furchtbar?«

Die Mutter nickte. »Ich hab’s auch gelesen. Und alles im Namen Gottes.«

»Dass immer noch Kriege im Namen Gottes geführt werden«, sagte der Vater und seufzte. »Im Mittelalter sind die Kreuzritter über die Sarazenen hergefallen. Kreuzritter – allein das Wort! Wo doch das Kreuz ein Zeichen der Versöhnung ist. Und heute, Hunderte von Jahren später, fallen islamistische Terroristen über unsere Kultur her. Angeblich führen

auch sie einen heiligen Krieg. Als ob ein Krieg heilig sein könnte.«

Opa Karl sah zu Justus hinüber, der sich bereits das dritte Brot schmierte. »Das zweite Gebot!«, sagte er.

Justus stellte die Butter zurück. »Für Gott andere Menschen zu töten, ist echt das Letzte! Wahrscheinlich suchen die nur eine Ausrede für ihre Verbrechen.«

»Wie die Großen in der Schule«, mischte sich nun auch Marie ins Gespräch. »Der Melzer stellt in den Pausen immer zwei Schüler aus der Neunten ans Tor, damit die Kleinen nicht auf die Straße laufen. Da sind manchmal so Typen dabei, die verprügeln die Jüngeren schon, wenn sie sich dem Tor auch nur nähern. Angeblich im Namen des Rektors. Ha, ha!«

»Genau, die behaupten, sie müssten das machen, aber in Wirklichkeit wollen die nur draufhauen«, bestätigte Justus, der sich nur zu gut daran erinnerte, wie er als Zweitklässler mal verdroschen worden war.

»Das ist gar kein schlechter Vergleich«, bestätigte seine Mutter. »Dem Melzer ist das bestimmt nicht recht. Und trotzdem berufen sich diese Kerle auf ihn.« Sie lehnte sich ganz in Gedanken zurück. »Wer angeblich im Auftrag Gottes mordet, missbraucht den Namen Gottes für unmenschliche Zwecke. Das ist natürlich bequemer, als die Verantwortung selbst zu tragen.«

Der Großvater steckte Duffy eine Scheibe Wurst zu. Den vorwurfsvollen Blick seiner Tochter beantwortete er mit einem schelmischen Augenzwinkern.

Dann wandte er sich an Justus. »Du siehst, wenn die Menschen den zweiten Punkt der Anleitung beachten würden, gäbe es sehr viel weniger Unglück in unserer Welt.«

»Anleitung?«, wiederholte sein Schwiegersohn verwundert.

»Die Anleitung für ein glückliches Leben«, sagte Opa Karl.

»Manche sagen auch Zehn Gebote dazu«, erklärte Justus und grinste über das verdutzte Gesicht seines Vaters.

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