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Ich heiße Miriam und will euch die Geschichte von meinem kleinen Bruder Mose erzählen. Er wurde geboren, als ich sieben Jahre alt war.

Mein Vater Amram und mein großer Bruder Aaron waren damals in einem Lager in der Nähe. Sie mussten Häuser für die Ägypter bauen. Als Israeliten lebten wir als Sklaven in ihrem Land. Meine Mutter Jochebed hatte, so allein mit zwei Kindern, große Angst. Oft wurden neugeborene Jungen den Müttern weggenommen, weil die Ägypter befürchteten, dass wir sonst als Volk irgendwann zu stark werden und uns gegen die Unterdrückung wehren könnten. Was sollten wir nur tun? Mose war ein süßer Kerl, aber er schrie bald so kräftig, dass wir bestimmt nicht lange verheimlichen konnten, dass wir ein Baby zu Hause hatten.

„Es bricht mir das Herz“, sagte Mama, „aber der Kleine muss hier weg. Wir müssen ihn in Sicherheit bringen!“ Wir überlegten hin und her. Dann hatte Mama eine Idee. Wir würden

Mose in seinem kleinen Körbchen auf dem Nil aussetzen und darauf hoffen, dass der Fluss ihn an einen sicheren Ort bringt. Dass Mose bei guten Leuten landet. Es gab ja auch freundliche Menschen im Land. So wäre er geschützt, bis die Gefahr vorüber ist.

Die Herrscher konnten ja nicht auf ewig alle kleinen Jungen bedrohen!

Ich hatte Angst um meinen kleinen Bruder: „Was, wenn das Körbchen untergeht?“

Mama war tapfer, beruhigte mich und bestrich das Körbchen innen mit Teer, um es abzudichten. Doch ich hörte, wie sie die ganze Nacht weinte.

Am nächsten Morgen stillte Mama Mose noch einmal. Dann schlichen wir mit ihm und dem Körbchen zum Nil. Wir gaben ihm beide einen Kuss, Mose lächelte uns an. Und als wir ihm einen Schubs gaben und sich das Körbchen in Bewegung setzte, sahen wir, dass er tatsächlich bei dem Geschaukel auf den Wellen direkt eingeschlafen war.

Mama lief schnell nach Hause. Aber ich huschte am Ufer entlang, um zu schauen, wo Mose landen würde. Nach etwa einer halben Stunde hörte ich fröhliches Lachen.

Einige Frauen badeten im Fluss. Das Körbchen schaukelte geradewegs auf sie zu.

Eine Frau hielt es auf, sah den kleinen Mose und rief: „Schaut mal, ein Baby! Ist es nicht süß?“ Die anderen Frauen kamen hinzu. Sie holte das Körbchen ans Ufer und hob Mose hoch. Er gluckste sein niedliches Babylachen.

„Wisst ihr was?“, sagte die Frau, die ihn gefunden hatte. „Ich werde ihn behalten.

Eigene Kinder habe ich nicht, das soll mein Sohn sein!“

Die anderen klatschten und ich begriff: Das war die Tochter des Pharao! Ihr Vater war der mächtige Herrscher von Ägypten. Die Frauen setzten sich unweit des Ufers zusammen, Diener bereiteten ihnen ein Picknick und Mose strahlte mittendrin. Aber dann bekam auch er Hunger und begann mächtig zu brüllen. Die Frauen schauten sich erschrocken an. „Wir brauchen eine Amme, die den Kleinen stillt!“, rief die Tochter des Pharao. Da nahm ich allen Mut zusammen, ging hin und sagte: „Guten Tag! Ich kenne eine Amme bei den Israeliten, bei der wird es dem Kleinen gut gehen!“

„Das ist ja wunderbar“, sagte die Tochter des Pharao. „Bring bitte den kleinen Jungen zu dieser Frau. Aber ich möchte, dass du einmal die Woche mit ihm vorbeikommst, damit ich sehe, wie es ihm geht! Ich werde dir und der Amme auch gerne etwas dafür geben.“

So einfach war das, ein Wunder! Ich nahm meinen kleinen Bruder wieder mit nach Hause. Mama war überglücklich, sie hat immer abwechselnd gelacht und geweint. So konnte Mose drei Jahre bei uns bleiben. Dann aber konnte er selbst essen und trinken und ich musste ihn zum Palast des Pharao bringen. Mama, Papa und ich blieben traurig zurück. Wir haben alle geweint. Aber wir wussten auch, er würde es dort gut haben, denn die Tochter des Pharao liebte ihn wirklich sehr.

Zum Glück waren unser Vater und mein großer Bruder wieder bei uns.

Aaron war ja lange vor der Zeit geboren, in der neugeborene Jungen unseres

Volkes bedroht wurden. Wir waren froh, dass wir wieder zusammen waren.

Aber trotzdem vermissten wir alle Mose!

Manchmal habe ich überlegt, wie es Mose im Palast wohl geht. Als er älter wurde, kam er auch manchmal heimlich bei uns vorbei. Aber das war selten, denn er durfte nicht bei uns erwischt werden. Und wir waren froh, wenn er sagte: „Es geht mir gut!“

Eines Tages, da war ich schon viel älter, hörten wir eine schlimme Geschichte. Mose war auf einer der Baustellen der Ägypter gewesen.

Ein Vorarbeiter schlug einen Israeliten furchtbar mit der Peitsche. Mose wurde darüber derart wütend, dass er mit den Fäusten auf den Vorarbeiter losging. Der Mann stürzte so unglücklich, dass er starb. „Oh nein“, rief Mama. „Wenn ihn die Soldaten des Pharao erwischen, bringen sie Mose um!“

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