Lotte
zwischen Krieg und Frieden
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zwischen Krieg und Frieden
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Printed in Estonia
ISBN 978-3-7615-7058-6 (Neukirchener Verlag)
ISBN 978-3-96157-223-6 (Camino)
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„Braubach war für mich das Sprungbrett für ein ganz neues Leben. Von da an war ich nicht mehr ängstlich und schüchtern.“
Schwester Dorothea Steigerwald
Vorbemerkung:
Zum besseren Verständnis findest du auf Seite 189 eine Wortliste mit kurzen Erklärungen.
Lotte kletterte höher in die alte Eiche mit den jungen grünen Blättern hinein. Sie machte es sich auf einem dicken Ast gemütlich und ließ die Beine baumeln. „Lieselotte, wo bist du? Das gibt es doch nicht! Wo ist dieses Kind nur wieder! Lieselotte Ulla Annelore! Du sollst die Wäsche aufhängen!“
Lotte stöhnte. Immer wollte Mutter, dass sie putzte, wusch oder das Geschirr spülte. Ja, sie war fortgerannt von dem kleinen Haus ihrer Familie, das in der Kerkertserstraße in Braubach am Rhein eingequetscht zwischen den anderen Backsteinhäusern stand. Sie brauchte einfach mal einen Moment Ruhe. Die Baumkrone der knorrigen Eiche neben der evangelischen Markuskirche war der perfekte Ort dafür. Sie liebte es, im Grün der Blätter zu sitzen. Niemand störte sie dort. Meistens zumindest.
„Lieselotte, wo treibst du dich nur wieder herum? Ich geh jetzt mit Vater auf Hausbesuche! Im Behelfsheim* sind mehrere Flüchtlinge krank. Ach, dieses Kind! Zu nichts zu gebrauchen!“ Lotte schluckte. Zu nichts zu gebrauchen. Das saß. Ständig sagte Mutter das. Und das, obwohl sie sich
so viel Mühe gab und nach der Schule alle Arbeiten erledigte, die sie ihr auftrug, bevor sie wieder davonrauschte. Ganz aufgeweichte und aufgeschürfte Hände hatte Lotte schon vom Schrubben der Wäsche auf dem Waschbrett.
„Ich komme ja“, seufzte die Dreizehnjährige leise. Mutter würde ihre Antwort sowieso nicht hören. Dafür war sie zu weit weg. Außerdem war Mutter bestimmt wieder zurück ins Haus gerannt, um hektisch irgendwelche Sachen in ihre Tasche zu stopfen. Lotte hangelte sich zum nächsten dicken Ast, hängte sich daran und sprang. Fast geräuschlos landete sie auf dem Kopfsteinpflaster, während die hellgrünen Blätter über ihr raschelten. Seit die Regierungspartei Vater aus dem Krieg heimgeholt hatte, um die Bevölkerung von Braubach und die kleinen Dörfchen drumherum zu versorgen, war er Tag und Nacht als Arzt im Einsatz. Eigentlich konnte sie froh sein – immerhin hatte sie noch einen Vater. Nicht so wie andere, deren Väter nicht mehr aus dem Krieg gekommen waren. Aber für sie da war er trotzdem nie.
Lotte rannte an der Kirche und dem kleinen Weg zum Krankenhaus der evangelischen Schwestern vorbei die Straße hinauf. Hin und wieder kickte sie einen Stein zur Seite. Ihre Schuhe hatten Löcher, doch das war nichts Ungewöhnliches für das Jahr 1945. So langsam wurde Lotte klar, dass der Krieg vorbei war. Es war still in Braubach am Rhein. Keine Sirenen mehr. Keine dröhnenden Bomber. Der Frühling kam und die Vögel begannen mit ihrem Gezwitscher. Die Sonne wärmte ihre Füße und ihr Gesicht, auch wenn der Wind heute noch einmal eisig um die Ecken pfiff.
„Du, Mädchen!“, rief da eine helle Stimme. Hinter ihr klapperte und schepperte es. Verwundert drehte sich Lot-
te um. Vor ihr schnaufte eine junge Frau mit hochrotem Gesicht. „Mädchen, kannst du mir sagen …“ Sie machte eine Pause und atmete noch einmal tief ein und aus. Dabei stützte sie sich auf ein klappriges Fahrrad. Die scheppernden Geräusche hatten aufgehört. Unter der blauen Wollmütze der Frau lugte eine weiße Haube hervor. Sie zog an der unter ihrem Kinn gebundenen großen weißen Schleife, um besser Luft zu bekommen. „Könntest du mir bitte sagen, wo das Krankenhaus hier in Braubach ist?“, wandte sie sich an Lotte, „Ich war zwei Tage mit dem Fahrrad unterwegs und brauche dringend ein Bett und etwas zu essen.“
Lotte starrte die Frau in dem blauen Mantel an und nickte wortlos. Mit Fremden zu reden, fiel ihr schwer. Doch da die Frau sie so herzlich und mit freundlich blitzenden Augen ansah, zeigte sie stumm auf das zweistöckige Backsteingebäude oberhalb der Markuskirche, das von der Kerkertserstraße aus zu sehen war.
„Ich danke dir“, sagte die Fremde, lächelte und schob ihr Damenrad mit den an mehreren Stellen mit Isolierband umwickelten Reifen auf den schmalen Weg, der in wenigen Metern zum Krankenhaus führte.
Lotte blickte ihr nach. Wer das wohl ist? Die junge Frau stellte ihr Fahrrad an der Hauswand ab und verschwand in der Klinik.
Zu Hause kam Mutter Lotte bereits mit wehendem Mantel entgegen. „Ich muss zu Vater. Er braucht mich. Der Kriegsgefangene bei Bauer Rahm ist krank. Bis ich heimkomme, ist die Wäsche aufgehängt, verstanden?“
„Verstanden, Mutter“, murmelte Lotte und ihre Mutter stürmte an ihr vorbei.
„Omama!“, rief Lotte, als sie den Flur über die hölzerne Türschwelle des Hauses betrat. Doch Oma Helene hörte sie nicht. Sie saß wie immer in ihrem Sessel am Fenster und starrte hinaus. Es roch alt und muffig im Wohnzimmer, aber immerhin hatten sie ein Dach über dem Kopf, nicht so wie viele andere, deren Heim zerbombt war. Braubach war kaum zerstört. Die Lage des Ortes zwischen zwei Bergen hatte Schlimmeres verhindert.
Lotte durchquerte das Wohnzimmer mit den dunkelbraunen Möbeln und kniete sich vor den beigefarbenen abgewetzten Sessel.
„Omama“, sagte sie leise und streichelte Oma Helenes Hand.
„Marianne!“, rief Omama entzückt. Ein Strahlen ging
über ihr Gesicht. Sie öffnete die Arme und Lotte ließ sich von ihr drücken. Auch wenn sie nicht Marianne war. Heute hielt Oma sie für ihre jüngere Schwester. Immer wieder hatte Omama Phasen, in denen sie total vergesslich und verwirrt war. Dann erkannte sie Lotte nicht und sah in ihr eine ihrer beiden Schwestern. Während des Krieges war es noch schlimmer geworden. Aber das machte Lotte nichts. Omama war lieb zu ihr und sie hatte Omama lieb. Das war alles, was zählte. Sie löste sich aus der Umarmung.
„Ich muss die Wäsche aufhängen, bevor Mutter zurückkommt“, sagte sie. Aber die alte Frau hörte sie schon nicht mehr. Sie starrte wieder aus dem halb mit Brettern vernagelten Fenster hinaus auf die Kerkertserstraße. Abgetaucht in ihre Welt, bekam sie nichts um sich herum mit. Lotte schlich sich zum Sofa, hauchte dem tief schlafenden Carl einen Kuss auf den blonden wuscheligen Haarschopf und zog die löchrige graue Decke über seine schmale Schulter. Der fünfjährige Sohn ihrer Cousine war aus Frankfurt zu ihnen gekommen, als es dort zu gefährlich wurde. Lotte hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Eines Nachmittags war eine zerlumpte Frau vor ihrer Haustür aufgetaucht. Sie behauptete, Carls Familie sei plötzlich verschwunden und sie könnte ihn auf ihrer Flucht nicht weiter mitnehmen, denn sie hätte eigene Kinder, die sie durchfüttern müsste. Sie schob den schweigenden Zweijährigen in den Flur und verschwand. Wie so oft war Lotte mit Omama alleine zu Hause gewesen. Der stumme Junge mit den traurigen Augen berührte ihr Herz. So führte sie ihn ins Wohnzimmer, wo Omama ihn sofort auf den Schoß nahm und ihn Carl nannte. So kam es, dass der kleine Junge in der Herrenjacke und der löchrigen
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Hose zu ihnen zog. Drei Jahre war das jetzt her. Mutter hatte natürlich mit Lotte geschimpft. Aber was hätte sie machen sollen? Ihn alleine auf die winterliche Straße schicken? Nein, das hätte sie nicht übers Herz gebracht.
Lotte ging durch den mit dunklen Holzdielen belegten Flur hinaus auf den hinter dem Haus gelegenen Innenhof, der von einer hohen Mauer umgeben war. Während sie die Wäsche auf einer langen Leine aufhängte, flogen ihre Gedanken zurück zu der Frau mit dem rostigen Drahtesel. Zwei Tage war sie mit dem Fahrrad hierhergefahren. Wo kam sie wohl her? Und was machte sie hier?
Am nächsten Morgen schlenderte Lotte auf dem Weg zur Schule die Straße hinunter. Wie jeden Tag kam sie auch heute am Kindergarten vorbei. Oder besser gesagt an dem Haus, in dem vor dem Krieg ein Kindergarten gewesen war. Ihre beste Freundin wohnte direkt gegenüber. Sie klopfte an die dunkle Haustür, öffnete sie und rief:
„Frieda!“
„Gleich fertig!“, kam prompt die Antwort. Lotte nahm ihren Lederranzen ab und setzte sich auf die schiefen Stufen vor dem Fachwerkhaus. Die Sonne wärmte ihre müden Augen. Doch was war das? Durch die scheibenlosen Fenster des Backsteingebäudes auf der anderen Straßenseite klang so etwas wie Stühlerücken nach draußen. Jemand hatte die Holzbretter von den Fensteröffnungen des ehemaligen Kindergartens entfernt. Lotte richtete sich auf. Was war das? Sie ging hinüber und lugte hinein. Drinnen sah es aus, als hätte ein Wirbelsturm getobt. In einer Ecke waren kleine Bänke und Tische aus dunklem Holz wild aufeinandergestapelt. Zwei große Holztische standen an der rechten Wand. Stühle waren im ganzen Raum verteilt. Alle Möbel
waren verstaubt und verdreckt, und teilweise fehlten Beine.
Zahlreiche alte Schuhe, Soldatenjacken, Bretter, ein paar Pflastersteine, eine zerfetzte Fahne und allerlei anderes Gerümpel lagen herum. Der Boden war voller Flecken und Nägel ragten heraus. Ein großes Jesus-Kreuz, das wohl im Krieg abgehängt worden war, hatte Schatten an der ehemalig weißen Wand hinterlassen. Hitlers Hakenkreuz war in schwarzer Farbe daneben gepinselt. Ganze Fliegenschwärme brummten um zwei übel riechende Müllhaufen herum. Da! Eine Maus huschte quer durch das Zimmer. Drei Mäusekinder folgten ihr. Und mittendrin räumte, sortierte und werkelte eifrig eine Person in einem dunkelblauen Kleid mit kleinen hellen Punkten und einer weißen Haube: die Fahrrad-Frau.
„Erwischt!“, brüllte jemand Lotte ins Ohr. Sie zuckte zusammen.
„Mensch, Frieda!“, fuhr sie ihre beste Freundin an. „Musst du mich so erschrecken?“
„Ja!“ Frieda lachte und drückte sich an Lotte vorbei ans Fenster. „Was gibt es denn da?“
„Die Frau kam gestern mit dem Fahrrad!“
„Was, mit dem Fahrrad? Woher denn?“
„Weiß nicht.“
„Was macht sie da?“
„Glaub, aufräumen.“ Sie schob Frieda zur Seite, um besser sehen zu können.
„Lass mich doch auch mal!“
„Aber ich war zuerst da!“
„Na und! Ich will auch gucken!“
„Hallo ihr zwei?“ Plötzlich drehte sich die Frau zu ihnen
um. Es war die Fahrrad-Frau mit der weißen Haube und der riesigen Schleife unter dem Kinn.
„Wollt ihr reinkommen?“
Lotte schüttelte energisch den Kopf, wohingegen Frieda eifrig nickte.
Die junge Frau lachte herzlich. „Also“, sagte sie, wischte sich die Hände an einem Lappen ab und kam zum Fenster. „Vielleicht stelle ich mich erst einmal vor. Ich bin Schwester Dorothea Steigerwald. Ihr dürft gerne Schwester Dora zu mir sagen. Ich bin hier …“
„Frieda! Die Schule! Wir müssen los!“ Wie ein Blitz traf Lotte die Erinnerung an die Lehrerin Fräulein Massenkeil. „Wir dürfen nicht zu spät kommen!“ Sie rannte hinüber zu Friedas Haus, schnappte ihren Ranzen mit den Schulsachen, flitzte zurück und zog Frieda am Ärmel ihres dünnen Mantels. „Los, Frieda!“
„Ja, ja, ich komm ja schon!“ Frieda schlug Lottes Hand weg. „Entschuldigung. Wir kommen wieder!“, sagte sie zu Schwester Dora. Mit wehenden Mänteln und fliegenden Zöpfen rannten die beiden die Kerkertserstraße hinunter.
„Besucht mich doch heute Nachmittag mal. Ich könnte eure Hilfe gebrauchen!“, hörte Lotte die Diakonisse* noch rufen, bevor sie um die Ecke der Markuskirche bogen und hinüber zur Volksschule liefen. Sie hechteten die kurze Treppe zum Schulgebäude hinauf und rannten in den einzigen Klassenraum, den das alte Backsteingebäude beherbergte. Alle Kinder waren schon da. Nur sie hatten gefehlt. Fräulein Massenkeil sah die Freundinnen streng an, sagte aber nichts. Schnaufend quetschte Lotte sich mit Frieda auf eine der Schulbänke. Theo, einer der Flüchtlingsjungen, winkte ihnen zu.
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