Leseprobe
K A R S TEN B ÖHM
Mutig vorwärts stolpern Erfahrungen, Fehler und Erfolge für die Gemeindepraxis
Leseprobe
Inhalt Vorwort................................................................
11
Abschnitt 1: Clown statt Trauerredner. . ...........................
15
Abschnitt 2: zielorientiert statt planlos............................ gemeinsam statt einsam........................................ Abenteuer statt Sofa............................................. überflüssig statt unersetzlich.................................. Vertrauen statt Kontrolle. . ...................................... einmalig statt 0815. . ............................................. großzügig statt geizig........................................... dienen statt gehorchen.......................................... Bitten statt Zurückhaltung..................................... mitmachen statt zuschauen.................................... neuer Blick statt alter Trott..................................... Werte statt wertlos............................................... ehrlich statt höflich. . ............................................ frühzeitig statt spät.............................................. Stärken statt Schwächen........................................ loben statt tadeln................................................. Matthäus 18 statt Eskalation. . .................................. Wagnis statt Pessimismus. . .................................... situatives Führen statt Schema F.............................. denken statt tratschen. . ......................................... einfach statt kompliziert........................................ willkommen statt ankommen.. ................................ Nein statt Ja....................................................... beten statt regieren..............................................
23 28 30 33 35 38 41 43 45 48 52 55 57 59 61 64 66 68 70 71 73 75 78 80
Leseprobe
hier & jetzt statt Alltag.......................................... 83 Zutrauen statt Zweifel .......................................... 86 Gegenwart statt Zukunft....................................... 88 weise statt vorschnell............................................ 91 aktuell statt altbacken .. ......................................... 94 ganz statt gar nicht.............................................. 97 Gnade statt Gerechtigkeit. . ..................................... 99 Wertschätzung statt Geringschätzung . . ..................... 101 Herzlichkeit statt Unfreundlichkeit........................... 103 Event statt Alltag................................................. 106 schweigen statt reden........................................... 109 kapieren statt kopieren.......................................... 112 regelmäßig statt einmalig...................................... 114 beenden statt weitermachen ................................... 115 innen statt außen................................................ 117 Freiheit statt Zwang............................................. 119 Pünktlichkeit statt Respektlosigkeit. . ......................... 121 schwärmen statt schweigen.................................... 124 großzügig statt knauserig...................................... 126 Prinzipien statt Spontanität.................................... 128 Wut zulassen statt wegatmen.................................. 131 Hilfsbereitschaft statt Depression............................. 133 gemeinsam statt allein.......................................... 135 Fakten statt Eindrücke.......................................... 139 Freude statt Schwermut. . ....................................... 141 gemeinsam statt einsam........................................ 144 Verlässlichkeit statt Unzuverlässigkeit........................ 146 Auszeit statt Vollgas............................................. 148 klar statt kompliziert............................................ 150 fragen statt vermuten.. .......................................... 152 zufrieden statt verärgert........................................ 154 Glaubensmoment statt Termin................................ 156
Leseprobe
innovativ statt rückschrittlich ................................. 158 Ideen statt Einfallslosigkeit. . ................................... 159 Spaß statt Frust.................................................. 161 Gs statt gar nichts tun. . ......................................... 164 Wahrheit statt Frieden.......................................... 167 gutes Ende statt guter Anfang. . ................................ 169 Abschnitt 3: Aus Fehlern wird man gut........................... 172 Fehler nutzen statt vermeiden................................. 173 Kritik statt Kompliment. . ....................................... 177 Kind statt Untertan.............................................. 179 Fokus statt Allerlei............................................... 181 Stopp statt weiter. . ............................................... 183 Klarheit statt Vielerlei........................................... 186 Realismus statt Größenwahn.................................. 188 absagen statt durchziehen...................................... 190 Cs statt gute Noten. . ............................................. 193 ab und zu statt regelmäßig..................................... 195 durchdacht statt durchgeknallt................................ 196 Veränderung statt Verunsicherung........................... 198 einzelne statt alle ................................................ 202 Abschnitt 4: probieren statt studieren............................. 205
Leseprobe
Vorwort
Von Thorsten Dietz Die Kirche befindet sich in einer Umformungskrise. Viele wissen es und leiden an den damit verbunden Unsicherheiten. Große Veränderungen stehen an. Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche nach der Kirche sein, nach der Kirche, wie wir sie kennen. Seit vielen Jahren hangeln sich die Kirchen von einer Reform zur nächsten. Die Zeit ist vorbei, wo man angesichts dieser Herausforderung glaubte, eine durchschlagende Lösung präsentieren zu können: die richtige Vision, der alles verändernde Kongress, die durchschlagenden Leitungsprinzipien, die notwendigen Gaben und die zugehörigen Gabentests. Vieles wurde bereits probiert, wenig davon war langfristig wirksam. Karsten Böhms Buch Mutig vorwärts stolpern ist kein weiterer Versuch, jetzt endlich den Königsweg für die Zukunft der Kirche zu präsentieren. Es bietet keine ausgefeilten Methoden und Strategien, Keine Anleitung, wie Kirche stabil bleibt und Gemeinde wächst, keine 10 Schritte für erfolgreiches Gemeindemanagement. Wege nach vorne entstehen so selten oder nie. Wege in die Zukunft entstehen nicht beim Grübeln, sondern beim Gehen. Bei denen, die nicht nur den Mut zum Experimentieren haben, sondern auch die nötige Lust und Leichtigkeit dazu. Wie zum Beispiel die Andreasgemeinde Niederhöchstadt, eine landeskirchliche Gemeinde der Kirche von Hessen-Nassau im Großraum Frankfurt. Diese Kirche ist anders als viele andere: 11
Leseprobe
Ihre Arbeit wird von Hunderten von Ehrenamtlichen betrieben. Viele Arbeitsfelder werden von Spenden getragen. Geht es also doch wieder um Erfahrungen mit einer Mustergemeinde, bei der man sich einfach abschauen kann, wie es wirklich funktioniert. Wer so etwas sucht, wird hier nicht fündig. Man kann längst wissen, dass es so nicht funktioniert. Jede Gemeindesituation ist anders. Jede Region hat ihre Chancen. Karsten Böhm ist überzeugt: Wer Dinge richtig machen will, muss die Angst verlieren, Fehler zu machen. Nichts macht so klug wie das Scheitern. Was also kann man von diesem Buch erwarten? Geschichten vom Scheitern und vom Gelingen. Erzählungen von Pleiten und Pannen. Geschichten vom Aufhören und vom Neuanfangen. Mutmachgeschichten. Dieses Buch erzählt Geschichten von geplatzten Träumen, unrealistischen Zielen, gescheiterten Projekten und frustrierenden Sitzungen. Das Leben besteht aus dergleichen, auch in den Gemeinden und Werken, die als erfolgreich gelten. Und dieses Buch enthält jede Menge Witze. Wirklich. Dieses Buch ist lustig, nicht aus Gründen der Anbiederung, sondern der Einsicht. Nur wer gelernt hat, wohlwollend zu lachen, vor allem über sich selbst, ist bereit für neue Fehler. Mutig vorwärts stolpern bietet nicht Anleitungen, sondern Anregungen. Es erzählt von Ideen und Einfällen, die kapiert und nicht kopiert werden wollen. Keine große Konzeption, sondern kleine Impulse für Zwischendurch, gerade auch für Menschen, die von sich selbst sagen, dass sie keine Zeit haben, Bücher durchzuarbeiten. Für dieses Buch muss man nicht viel Energie mitbringen, um es durchzukriegen. Es ist ein Energiespender für die kleine Pause, für das kurze Innehalten. Und das macht dieses Buch 12
Leseprobe
so wohltuend. Die Umformungskrise der Kirchen ist so umfassend, dass sie einen Reformprozess nach dem anderen zu erfordern scheint. Manches davon ist sicher auch notwendig. Vieles vielleicht auch kein Teil der Lösung, sondern Teil der Probleme. Nein, dieses Buch wird nicht die Kirche retten. Es ist getragen von der Gewissheit, dass die Kirche und nicht nur sie längst gerettet ist. Karsten Böhm zeigt, wie sich eine Gemeinde auf Jesus Christus fokussieren kann ohne jede Engführung. Es geht nicht darum, Jesus vor Augen zu haben, so dass man sonst nichts mehr sieht. Es geht darum, von dieser Mitte her die Menschen und unsere heutigen Herausforderungen in den Blick zu nehmen, mit Liebe und Leidenschaft, mit Hoffnung und Mut. Für eine solche Haltung sind die Jesusgeschichten der Bibel bis heute eine einzigartige Quelle. Denn sie lehren uns, miteinander und mit uns selbst gnädig umzugehen. Die Kirche nach der Kirche wird anders sein. Welche Formen auch immer sie haben wird, eines wird sie ausmachen: Es wird eine Kirche Jesu Christi und darum eine Kirche der Gnade sein. Wer in einer solchen Gewissheit in die Zukunft gehen möchte, für den ist das Buch Mutig vorwärts stolpern eine erfrischende Wegbegleitung.
13
Leseprobe
den Schweigen, Fragen und Suchen – und nicht im spontanen Herausposaunen der eigenen (einfachen) Meinung. #Nachfolge
kapieren statt kopieren „Lieber Herr Böhm, wie lange gibt es bei Ihnen schon den GoSpecial?“ „Über 25 Jahre mittlerweile.“ „Wow. Dann haben Sie ja mittlerweile 1 % der Kirchengeschichte mitgeschrieben.“ „Warum fragen Sie?“ „Wissen Sie. Wir haben auch mit einem GoSpecial angefangen. Wir durften dankenswerterweise sogar Ihre Materialien benutzen. Die Werbung, Theaterstücke, Predigten und manches mehr. Aber nach zwei Jahren war die Luft raus. Anfangs kamen Menschen zu unserem GoSpecial. Die anfängliche Begeisterung und Neugier zog Menschen an. Mittlerweile kommt kaum jemand mehr. Dabei machen wir alles wie Sie!“ „Woran glauben Sie, dass es liegt, dass Ihr GoSpecial nicht mehr begeistert und Menschen anzieht?“ „Ich weiß es nicht, denn wir machen es 1:1 wie Sie.“ Ich musste meinem Gegenüber deutlich machen, dass genau das der Fehler war: Es genauso wie wir zu machen. Es geht nämlich ums Kapieren statt Kopieren. Man kann und sollte sich von guten und erfolgreichen Modellen inspirieren lassen, sie machen Lust, selbst mal Neues und Anderes auszuprobieren, aber es geht nicht darum, dass man 1:1 alles nachmacht. Das funktioniert in der Regel nicht, denn erfolgreiche 112
Leseprobe
Modelle haben meist nicht einfach angefangen, sondern es wurde sehr genau überlegt, was das Ziel ist, wen man wie erreichen möchte, was umsetzbar ist, und in der Regel werden die erfolgreichen Modelle immer wieder analysiert, verbessert, verändert. Man muss den Inhalt begreifen, statt nur der Form nachzueifern. Das bedeutet, dass die Prinzipien und das „Warum“ verstanden werden müssen, bevor es an die Form und das „Was und Wie“ geht. Einer Form nachzueifern, führt meist nicht zum gewünschten Erfolg. Sicherlich kann man unseren GoSpecial 1:1 kopieren, aber ob er tatsächlich Menschen anzieht, ist nicht garantiert. Ob man überhaupt unseren GoSpecial mit seiner über 25jährigen Erfahrung, den sehr starken und erfahrenen Teams wirklich genauso nachmachen kann, bezweifle ich. Salopp ausgedrückt: Wenn Sie GoSpecial nachäffen, ohne wirklich zu verstehen, warum er erfolgreich ist, werden Sie scheitern! Sehr wohl kann man aber unsere Leidenschaft für Kirchendistanzierte übernehmen und sich dann überlegen, wie man die Menschen vor Ort, die Nachbarschaft, den Bekannten und Freundeskreis erreichen kann. Daher: Welche Bedürfnisse hat die Zielgruppe? Um welches Milieu handelt es sich? Analysieren Sie Ihre Angebote? Was läuft gut, was fehlt eventuell? Wen erreiche ich nicht? Welche Mitarbeitenden habe ich? Was macht uns Freude und fällt uns leicht? Was ist bei uns realistisch möglich? Die zahlreichen unterschiedlichen erfolgreichen Gottesdienstmodelle wie Thomasmesse, Yoga-Gottesdienste, Lobpreis abende u. v. m. zeigen, dass es nicht nur ein Erfolgsmodell gibt. Meines Wissens vereint sie aber alle, dass sie mutig und voller Freude und Leidenschaft Neues gewagt haben, bestimmte Menschen mit ihren Bedürfnissen in den Blick genommen haben und schauten, was vor Ort nötig und möglich ist. #Dienst #Evangelisation 113
Leseprobe
Abschnitt 3: Aus Fehlern wird man gut Das war ein komisches und auf alle Fälle ungewöhnliches Geburtstagsgeschenk: eine Eintrittskarte zu einer Fuckup Night. Ich musste erstmal googeln, was das ist. Nachdem ich mich schlau gemacht hatte, verstand ich auch das PS auf der Geburtstagskarte: „Man kann aus Mist Dünger machen!“ Fuckup Nights sind Abende, an denen Menschen offen über ihre Misserfolge und Niederlagen sprechen. Was normalerweise im Alltag verschwiegen oder beschönigt wird, kommt hier auf den Tisch: Geschichten über gescheiterte Projekte, Fehlentscheidungen und unerwartete Rückschläge. Das Besondere dabei? Die Atmosphäre ist humorvoll, ehrlich und befreiend. Es geht nicht darum, sich für Fehler zu schämen, sondern sie als Teil des Weges zu betrachten. So betont auch Dietrich Bonhoeffer: „Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“ Warum sind solche Abende so wichtig? In unserer Gesellschaft wird Erfolg oft glorifiziert, während Misserfolge unter den Teppich gekehrt werden. Doch die Realität ist, dass Fehler unvermeidlich sind – und oft die besten Lehrmeister. Bei Fuckup Nights wird dieser Prozess sichtbar: Auf dem Podium erzählen erfolgreiche Menschen von ihren Krisen und Niederlagen – und wie sie oft gerade deshalb erfolgreich wurden. Sie berichten, was sie aus ihren Rückschlägen gelernt haben, wie sie neue Wege gefunden und sich weiterentwickelt haben. Die Fuckup Nights bieten eine wunderbare Gelegenheit, zu erkennen, dass Scheitern keine Sackgasse ist, sondern ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Wachstum. Sie fördern eine Kultur, in der Fehler nicht das Ende bedeuten, sondern als wertvolle Lektionen dienen. Ein schönes Bild dafür: Wenn man die 172
Leseprobe
Buchstaben des Wortes „Fehler“ neu ordnet, entsteht das Wort „Helfer“. Fehler können uns also weiterhelfen, anstatt uns aufzuhalten. Und genau das machen die Fuckup Nights so ermutigend. Sie motivieren dazu, etwas zu wagen und auch mal Risiken einzugehen. Denn egal, wie es ausgeht – entweder man lernt aus seinen Fehlern oder man hat Erfolg. In beiden Fällen geht man gestärkt daraus hervor! Daher wünsche ich Ihnen viel Freude mit den folgenden Scheiter-Geschichten und den daraus resultierenden Erfahrungen gemäß dem Motto „Aus Fehlern wird man gut!“.
Fehler nutzen statt vermeiden Vor vielen Jahren entwickelte ich gemeinsam mit einem großen Team den Jugendgottesdienst „eXperience“. Von Anfang an lag unser Augenmerk darauf, dass alles möglichst perfekt war: die Musik, die Moderation, das Theaterstück, die Predigt. Aus diesem Grund durften in erster Linie ältere Jugendliche und Erwachsene den eXperience gestalten, weil sie mit ihrer Erfahrung und Routine den hohen Anspruch umsetzen konnten. Und tatsächlich: Der eXperience war gut besucht – mit einer Ausnahme. Die eigentliche Zielgruppe, die Konfirmand:innen, blieb weitgehend fern. Eines Tages gab es einen Planungsfehler. Durch eine Termin überschneidung konnten die erfahrenen Mitarbeitenden nicht wie gewohnt den eXperience gestalten. Aus der Not heraus durften nun viele Konfirmand:innen und Exkonfirmand:innen den eXperience gestalten. Die Erwartungen waren gedämpft, und tatsächlich schien das Ergebnis aus Sicht der Routiniers deutlich schlechter. Doch etwas Überraschendes geschah: Die 173
Leseprobe
jungen Besucher:innen waren begeistert! Zum ersten Mal erkannten sie sich in den Akteur:innen auf der Bühne wieder und kamen in Scharen. Was als Notlösung begann, entpuppte sich als Wendepunkt. Die frische, unverbrauchte Energie der jungen Wilden brachte den eXperience auf ein ganz neues Level. Die Besucherzahlen stiegen, und die Botschaft des Gottesdienstes begann, mehr und mehr Leben nachhaltig zu berühren. Es stellte sich heraus, dass eXperience erst richtig großartig wurde, als die jungen Talente das Steuer übernahmen. Mit ihrer Begeisterung und Unbekümmertheit sorgten sie nicht nur für authentische Bühnenmomente, sondern brachten auch eine ganz neue Dynamik und Tiefe in die Veranstaltung. Und sehr schnell wurde eXperience mit den jungen Wilden durch die unten genannten Punkte 1-3 auch schnell auf anderen Ebenen großartig. Fehler können tatsächlich wunderbar und bereichernd sein wie beim eXperience und auch manches, das heute selbstverständlich unseren Alltag bereichert ist aus Fehlern und Pannen entstanden: die Mikrowelle, Porzellan, Tesafilm, Gummireifen, Sekundenkleber, Vaseline und selbst das lebensrettende Penicillin. Aus diesem Grund gilt in meiner Gemeinde eine „Kultur der Fehlerfreundlichkeit“ und zwar aus (mindestens) drei guten Gründen:
Erstens: Fehler sind wichtig Wir hassen Fehler und Scheitern. Niemand macht gerne etwas falsch – und wenn andere es merken, ist das peinlich. Auf die Nase zu fallen und ein Ziel zu verfehlen ist ärgerlich und schmerzhaft. Aber Fehler sind menschlich, passieren immer wieder und sind unausweichlich. Nobody’s perfect. 174
Leseprobe
Gleichzeitig sind Fehler wichtig, denn sie sind oft lehrreich und erweitern den Erfahrungsschatz. Das ist ein Gesetz der Natur: Kindern lernen laufen, indem sie immer wieder auf beiden Beinen losstolpern, hinfallen, aufstehen und wieder losstolpern, bis sie endlich sicher laufen können. Wer etwas wagt und Neues versucht, der wird immer wieder scheitern und Fehler machen – das gehört als essentieller Teil zum Erfolg dazu. Oftmals braucht man Fehler, um überhaupt voranzukommen und erfolgreich sein zu können. Ihre gescheiterten Versuche und Erfahrungen helfen Ihnen, um schlussendlich etwas richtig zu machen. Ich merke dies immer an den Bands unserer Gemeinde. Sie proben viel und sind wirklich gut. Wenn sie dann die ersten Male den Gottesdienst begleiten, schleichen sich vor Aufregung und Nervosität ungewohnte Fehler ein. Weitere Proben brauchen sie nicht, sondern sie brauchen die Bühne und den Auftritt vor Publikum, um zu lernen, mit ihrer Aufregung umzugehen. Und je öfter sie spielen, desto souveräner und perfekter werden sie, weil sie Fehler machen dürfen. Fehler sind wichtig, um besser zu werden.
Zweitens: Niemand ist ein Fehler Wichtig ist es, zwischen einem Fehler und der Person, die etwas falsch gemacht hat, zu unterscheiden. Es hat jemand einen Fehler gemacht, aber er ist kein Fehler! Es hat zwar jemand versagt, aber deswegen ist sie noch lange keine Versagerin! Diese Unterscheidung hat in unserer Gemeinde zu einem gänzlich anderen Umgang miteinander geführt. Kritik und Feed back können viel offener und ehrlicher geübt werden und Fehler werden direkter angesprochen, weil auf der Sachebene und nicht mehr auf der persönlichen Ebene argumentiert wird. Kein Wunder: Aus Fehlern wollen die meisten Menschen lernen, aber als Fehler gesehen werden, gefällt niemanden. 175
Leseprobe
So fordern wir unsere Besucher:innen in den GoSpecial-Gottesdiensten dazu auf, den Feedbackbogen ehrlich, aber sachlich auszufüllen. Seitdem lesen wir nicht mehr „Der Moderator war schlecht!“, sondern „Der Moderation war schlecht zu folgen, weil zu viele Informationen durcheinander präsentiert wurden!“ Ein solch sachliches Feedback nimmt der Moderator gerne auf und ändert es für das nächste Mal, denn er möchte ja seinen Teil zu einem rundum gelungenen GoSpecial beitragen. Persönliches und unsachliches Feedback hingegen verletzt, hilft nicht weiter und führt kaum zu Verbesserungen. Man macht immer wieder Fehler, aber niemand ist ein Fehler.
Drittens: Aus Fehlern lernen Fehler sind nur nützlich, wenn man aus ihnen lernt und die richtigen Schlüsse zieht. Aus jedem Scheitern lernt man schließlich: Aha, so geht es nicht! Dieses Wissen, dass etwas so nicht funktioniert und man auf diesem Weg scheitert, hilft, eine Herausforderung und ein Problem anders anzugehen, um zum Erfolg zu kommen. Ohne Fehler gibt es kein Lernen und ohne Lernen kein Wachstum. Wir werten daher die Gottesdienste und Veranstaltungen unserer Gemeinde mit Feedbackbögen aus. In die Nacharbeit wird genauso viel Zeit und Engagement wie in die Vorbereitung gesteckt, damit wir lernen, wo wir das nächste Mal etwas besser machen können. Das Gute, Richtige und Erfolgreiche wird gelobt und gefeiert, aber auch das Schlechte, Falsche und Nichtgelungene wird benannt und dabei konstruktiv nach Verbesserungen für die Zukunft geschaut. Es lohnt sich, eine „Kultur der Fehlerfreundlichkeit“ einzuüben. Diese Kultur führt in unserer Gemeinde dazu, dass manche Aufgabe mutiger angegangen wird, manche Innovation entstanden ist, insgesamt mehr experimentiert wird und Fehler 176