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Okko Herlyn (Hg.)

Ein Glück, dass es den Himmel gibt

Leseprobe

Okko Herlyn (Hg.)

Ein Glück, dass es den Himmel gibt

Psalmen, Gebete und geistliche Gedanken von Hanns Dieter Hüsch

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© (Hüsch-Texte): tvd-Verlag Düsseldorf

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© Wittkowsky / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

DTP: Burkhard Lieverkus, Wuppertal

Lektorat: Mareike Würtele

Verwendete Schrift: Opus, Goudy

Gesamtherstellung: Dimograf Sp. z o.o., Bielsko-Biała

Printed in Poland

ISBN 978-3-7615-7042-5

www.neukirchener-verlage.de

Inhalt

EINFÜHRUNG:

„Weil mich mein Gott das Lachen lehrt“ –

Das th eologische Vermächtnis des Hanns Dieter Hüsch 7

KAPITEL 1: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“ 15

KAPITEL 2: „Gott sitzt in einem Kirschenbaum“ ... 27

KAPITEL 3: „Jesus kommt, schmück dein Gesicht“ 41

KAPITEL 4: „Ich setze auf die Liebe“ ............................. 53

KAPITEL 5: „ Auf unserem langen Weg zu unserer Menschwerdung“ ..................... 65

KAPITEL 6: „Frieden fängt beim Frühstück an“ 77

KAPITEL 7: „Ein Glück, dass es den Himmel gibt“ 93

PERSÖNLICHES NACHWORT:

„Altes Kind kommt nach Haus …“ Meine Begegnung mit Hanns Dieter Hüsch 103

QUELLENVERZEICHNIS ..................................................... 111

Leseprobe

EINFÜHRUNG:

„Weil mich mein Gott das Lachen lehrt“

Das theologische Vermächtnis des Hanns Dieter Hüsch

„A

ch, Hanns Dieter, der alte Verräter.“ So platzt es aus Franz Josef Degenhardt, den in die Jahre gekommenen Liedermacher der berühmten „Schmuddelkinder“, heraus. Wir sitzen in der Garderobe des Kulturbahnhofs Bochum-Langendreer und kommen auch auf Hanns Dieter Hüsch zu sprechen. Mit ihm hatte Degenhardt Jahrzehnte vorher etliche gemeinsame Auftritte. Gemeinsam im Kampf gegen Faschismus, Aufrüstung und soziale Ungerechtigkeit. Gemeinsam im Einsatz für Frieden, Völkerverständigung und gesellschaftliche Veränderungen. Zusammen mit vielen anderen engagierten Künstlern: Wolfgang Neuss, Dieter Süverkrüp, Hannes Wader, Reinhard Mey, um nur einige zu nennen. Nun, im Jahre 2001, der spöttisch-mitleidige Urteilsspruch über einen ehemaligen Gesinnungsgenossen: „Ach, Hanns Dieter, der alte Verräter.“

Degenhardts Äußerung reiht sich in eine bis heute nicht klein zu kriegende Hanns-Dieter-Hüsch-Legende ein. Sie besagt, dass der ehedem so politische und kritische Kabarettist auf seine alten Tage noch fromm geworden sei. Gewiss gab es auch in seinem Leben immer wieder verschiedene Nähen und Distanzen zum christlichen Glauben und zur Kirche. Bei wem gäbe es das nicht? Doch hat Hüsch aus seiner protestantisch grundierten Biografie nie ein Hehl gemacht. Aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen ist ihm das kirchliche Milieu von klein auf vertraut. Ihm entnimmt er nicht selten das Material für seine Texte, vor allem in seinen zahllosen Niederrheingeschichten. Dazu gehören wie selbstver-

ständlich etwa Kindergottesdienst und Konfirmation, Pfarrer und Presbyter, Kantor und Küster, Kirchenchor und Beerdigung. Im Moerser Pfarrhaus von Pastor Vowe geht er als junger Mensch ein und aus.

Schon früh finden sich in seinen Texten Passagen, die zumindest eine gewisse Sympathie mit der christlichen Botschaft verraten. Das tritt dann allerdings – etwa seit Mitte der 80er Jahre – bei seinem vielfachen Engagement zunächst auf Kirchentagen, später auch in Kirchengemeinden immer mehr zu Tage: in Predigten, Kanzelreden, öffentlichen Bekenntnissen, Psalmen, Meditationen und Gebeten. Dabei wird deutlich, dass es sich in diesen vermeintlich „bloß frommen“ Texten keineswegs um einen „Verrat“ an den alten politischen Idealen der ehemaligen Weggefährten handelt. Auch in seinen frömmsten Äußerungen bleibt Hüsch der gesellschaftlich Kritische, der politisch Engagierte, der überaus Wache. Auch seiner eigenen Kirche gegenüber. So wenig wie der frühe Hüsch sein Christsein grundsätzlich nie verleugnet hat, so wenig muss man beim späten Hüsch die kritischen Töne vermissen. Manchmal eher indirekt, manchmal erst auf den zweiten Blick erkennbar bleiben sie doch unverzichtbarer Bestandteil seiner vielen geistlichen Gedanken. Bei aller gelegentlichen Distanz bleibt er seiner Kirche zeitlebens treu: „Die Kirche ist für mich das Haus Gottes, und das ist für mich auch mein Haus.“

Wollte man eine „Theologie des Hanns Dieter Hüsch“ schreiben, so müsste man ein dogmatisches Lehrbuch

vermutlich für eine Weile beiseitelegen. Das hängt auch mit der in dieser Perfektion wohl nur ihm eigenen Art wild wuchernder Gedankenketten zusammen, die sich vor allem in Küchen und Cafés, auf Silberhochzeiten und Beerdigungsnachfeiern austoben. Er selbst sagt von sich: „Ich muss schon ein Assoziations-Embryo gewesen sein. Sprünge, Brechungen, Weithergeholtes und Naheliegendes, Banales und Transzendentes ständig zu mischen und wieder zu zerlegen, das war immer meine Vorliebe, meine Spezialität. Gassenhauer und Choral, Spottvers und Bibelstelle, Unterhaltung und Philosophie, und im Leben: Küche und Kirche, Heilige und Huren, Freunde und Feinde. Und alles ganz schnell vorüberziehen lassen, wie einen großen Kreuzzug mit Narren und Heimatlosen, entsprungenen Mönchen und büßenden leichten Mädchen, siehe Maria Magdalena. Und Christus gibt jedem die Hand, ein Stück Brot und einen Schluck Wein, und sagt zu mir, ich hab gestern im Himmel deine Tante Anna getroffen.“

Den lieben Gott – „übrigens ein hervorragender Akkordeonspieler“ – trifft man bei ihm vor allem bei den sogenannten kleinen Leuten, bei den Zukurzgekommenen und Spurenlosen, bei den Geknickten und Gekränkten, bei den Suchenden und Verrückten. Hüsch vertreibt Gott nicht in aufklärerischem Pathos aus der Kirche. Aber, wenn man so will, „aus der Kirche kommend“ findet er diesen Gott nun auch „woanders“. „Ich möchte mir den lieben Gott wirklich wie einen vorstellen, der plötzlich in Dinslaken in einem Stehbis-

tro steht und da seinen Espresso trinkt.“ Es könnte aber auch ein Kirschenbaum sein, von wo aus er „mit uns den alten Traum vom großen Menschenhaus“ träumt.

Wer genau hinhört, stellt bald fest, dass Hanns Dieter Hüschs christliches Credo nur scheinbar kindlich-naiv daherkommt. Der „Traum vom großen Menschenhaus“ – Geschwisterlichkeit, Barmherzigkeit, Solidarität – das sind für ihn keine frommen Phrasen, sondern tiefe religiöse Wahrheiten inmitten einer kälter werdenden Welt. Seine politischen Botschaften – sie waren in ihrer antifaschistischen Grundhaltung stets unmissverständlich und unüberhörbar – sind offenbar unmittelbare Konsequenz aus jenem nur scheinbar infantilen Glauben an den Gott, der mit uns an einem „großen runden Tisch“ sitzt. Diese vermeintlich kindliche Religiosität fällt vor allem bei den Texten auf, die vom „Himmel“ erzählen, in dem wir uns – das ist ihm Gewissheit – „alle wiedersehen“ werden. Und in dem es auf jeden Fall immer menschlich, immer versöhnlich, immer heiter zugeht. Immer jedenfalls haben seine –auch ernsten – Gedanken etwas Schwebendes, etwas Freundliches, etwas Großzügiges an sich. Theologische Korrektheiten oder konfessionelle Unterschiede sind ihm „im Grunde genommen völlig wurscht“.

Vielleicht liegt hier das nun doch zutiefst theologische Geheimnis seiner großen Kleinkunst, bei der man sich ja lange gefragt hat, wie Hüsch das immer zusammenbekommen hat: das Heitere und das Ernste, das Blödeln

und das Nachdenken, das Komische und das Tragische, das Fromme und das Politische. Das, was anderenorts längst in nachgerade weltanschauliche „Lager“ auseinandergedriftet ist – in Person und Werk des Hanns Dieter Hüsch ist beides stets authentisch, glaubwürdig und ohne Widerspruch vereint, nämlich schlicht „das Schwere leicht zu sagen“. Vielleicht lag das neben seinem niederrheinischen Naturell, in dem sich immer schon Groteske und Tragik wunderlich knäuelten, wirklich an seiner „Theologie“. Als Vertreter einer anderen „Szene“, aber gleichzeitig seiner Kirche treu Gebliebener vermochte er nämlich immer wieder auch „andere“ Seiten Gottes wahrzunehmen: etwa „seine wolkenlose Musikalität, seine Leichtigkeit und vor allem Liebe, Hoffnung und Geduld. Seine alte Krankheit, alle Menschen gleich zu lieben, seine Nachsicht, seine fassungslose Milde, seine gottverdammte Art und Weise alles zu verzeihen und zu helfen, – sogar denen, die ihn stets verspottet; seine Heiterkeit, sein utopisches Gehabe, seine Vorliebe für die, die gar nicht an ihn glauben ...“

Was von den geistlichen Texten Hanns Dieter Hüschs bleiben wird, mag die Zeit zeigen. Seinen christlichen Geschwistern, die ihn im Übrigen nicht immer verstanden haben, hat er gleichwohl ein durchaus wichtiges theologisches Vermächtnis hinterlassen: nämlich die freundliche Einladung, Glauben und Humor um Gottes Willen beieinander zu halten. Es erinnert an etwas für einen Christenmenschen eigentlich Selbstverständliches, nämlich dass der Glaube allererst eine Geburt

des Evangeliums, also der frohen Botschaft ist. Der große Theologe des 20. Jahrhunderts, Karl Barth, etwa hat in seiner viele tausend Seiten umfassenden Dogmatik dem Humor sogar ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin beschreibt er ihn als eine dem Glauben notwendige Seite, als „das Gegenteil von aller Selbstbestaunung und Selbstbelobigung“. Umgekehrt könne die Humorlosigkeit geradezu „eine Form der Gottesleugnung“ sein. Solche Sätze hätten auch von Hüsch stammen können.

Immerhin bekommt hier der Humor eine andere, brisantere gesellschaftliche Bedeutung als die des bloßen Pausenclowns. Von sich selbst einmal absehen, Distanz zu einer vorhandenen Situation einnehmen, auf die Möglichkeit einer grundsätzlich anderen Perspektive verweisen – das ist allemal der Stoff, aus dem der potentielle Widerstand ist. Der Widerstand gegen die – so Hüsch –„angebliche Macht der Fakten und Sachzwänge“. Humor könnte hier Widersprüche entlarven, Scheinautoritäten demaskieren, politische und wirtschaftliche Götter heilsam vom Sockel holen.

Für einen solchen Widerstand ist Hanns Dieter Hüschs Lebenswerk ein eindrucksvoller Beleg. Zugleich aber auch ein Auftrag an einen Protestantismus, der mehr und mehr seine ursprüngliche Glaubensheiterkeit gegen eine „Spaßkirche“ und sein prophetisches Wächteramt gegen politisch korrekte, langweilige Betroffenheitslitaneien eingetauscht zu haben scheint. Hüschs

„Theologie“ lehrt uns, dass „das Leichte“ und „das Schwere“, der Humor und das ernsthafte Engagement, das Tröstliche und das Politische nicht krampfhaft zusammengebastelt oder an akademisch-sterilen Kaminen „miteinander ins Gespräch gebracht werden“ müssen, sondern von Hause, also von Gott aus längst zusammen sind. Warum? „Weil mich mein Gott das Lachen lehrt wohl über alle Welt.“

In Respekt vor seiner sehr eigenen, sehr unkonventionellen Art, den christlichen Glauben in Worte zu fassen, versucht die hier vorliegende kleine Auswahl von Psalmen, Gebeten und geistlichen Gedanken eine behutsame Sortierung seiner Texte in verschiedene thematische Felder. Sie kommen in den Hüsch-Zitaten, die den jeweiligen Kapiteln vorangestellt sind, zur Andeutung.

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