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CORINNA KOHRÖDE-WARNKEN
Sterben kann man nicht üben
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CORINN A KOHRÖDE-WA RNK EN
Sterben kann man nicht üben Geschichten am Ende des Lebens
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Alle hier erzählten Begegnungen sind real. Es sind die echten Geschichten wirklicher Menschen. Um jedoch ihre Persönlichkeitsrechte zu schützen, wurden Personen, Namen, Geschlechter, Diagnosen, Zugehörige und persönlichen Bezüge umfänglich verändert, sofern welche genannt werden. Einige Geschichten wurden aus mehreren Einzelgeschichten zusammengefügt. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abruf bar. Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG zu gewinnen, ist untersagt. © 2024 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn
Alle Rechte vorbehalten Gesamtgestaltung und DTP: dtp studio eckart | Jörg Eckart, Frankfurt am Main Umschlaggestaltung: Miriam Gamper-Brühl, Essen, www.3kreativ.de, unter Verwendung eines Bildes © Roman Samborskyi (shutterstock.com) Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim Verwendete Schriften: ScalaPro, Head Turn Gesamtherstellung: Finidr, s.r.o., Český Těšín Printed in Czech Republic ISBN 978-3-7615-7017-3 (Buch) ISBN 978-3-7615-7018-0 (E-Book) www.neukirchener-verlage.de
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Inhalt Grußwort. . . . .......................................................... 7 Vorwort . . . . . . .................................... ...................... 9 Willkommen im Hospiz ...................... .....................13 Alex . . . . . . . . . .................................... ..................... 21 Rudi . . . . . . . . . .................................... .................... 35 Merle. . . . . . . . . .................................... .................... 39 Udo . . . . . . . . . .................................... .................... 43 Renate . . . . . . . .................................... .................... 47 Luise . . . . . . . . . .................................... .................... 59 Erwin . . . . . . . . .................................... ..................... 61 Jenny . . . . . . . . . ........................................................ 65 Adelheid . . . . . ........................................................ 67 5
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Alice .. . . . .................................... ......................... 73 Hella. . . . . .................................... ......................... 77 Mathilde . ............................................................ 83 Anne.. . . . .................................... ......................... 87 Gitta . . . . . .................................... ......................... 97 Hedwig ..................................... ......................... 99 Claudia .. .................................... ........................ 101 Herta . . . . .................................... ......................... 111 Johann.. . .................................... ......................... 119 Klara . . . . .................................... ........................ 129 Paula . . . . .................................... ........................ 133 Statt eines Schlussworts.......................................... 137
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Grußwort D
as Sterben ganz verschiedener Menschen wird durch die „Schreibgeschichten“, in denen Corinna Kohröde-Warnken von ihrer Arbeit im Hospiz erzählt, anschaulich, geradezu alltäglich, konkret und so nahe, als wären wir direkt dabei oder zumindest nebenan. Wie das zustande kommt? Die Autorin beschreibt und erzählt ohne Wertung und ohne Tabus. Menschen, die dem Tod schon sehr nahe sind, werden liebevoll in ihrer jeweiligen Situation und in den entstandenen Begegnungen vorgestellt. Anlass und Einstieg bildet das gemeinsame Vorhaben: im Angesicht des Todes etwas zu Papier zu bringen, das (noch) wichtig ist. Corinna Kohröde-Warnken stellt den schwerkranken Menschen zur Verfügung, was sie selbst kann und ihnen auch in der letzten Lebenszeit zutraut: Schreiben als das Erstellen einer Wirklichkeit, die mit uns selbst zu tun hat und die wir gleichzeitig anderen zeigen, nach außen bringen und zukommen lassen. Das können Erzählungen, eigene Geschichte(n), Träume und Wünsche sein, das sind auch Briefe an Angehörige, Freunde, die Nachbarin. Wenn die Kraft nicht mehr zur eigenen Handschrift oder zur treffenden Formulierung ausreicht, werden die Schreibenden zu Diktierenden. Sie erleben, dass sie in vielfacher Hinsicht kreativ sind, in Worten, beim Verfassen eines Briefes, beim Festhalten wichtiger Erinnerungen und Aussagen. 7
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Was hat dieses Schreiben mit dem Sterben zu tun? Zum einen werden durch die Einladung dazu Zeit und Raum gegeben für etwas, das sonst möglicherweise untergeht. Was noch gesagt und festgehalten werden soll, keinesfalls verloren gehen darf, wird ernst genommen und bekommt seinen Platz. Zum anderen bewirkt das Nachdenken darüber, was noch zu sagen ist, dass die eigene Endlichkeit wahrgenommen und für wahr gehalten wird. Angesichts des fühlbar nahen Endes bekommen Dinge und Beziehungen einen neuen Stellenwert. Was noch aufgeschrieben werden soll, ist der Rede wert, wird als Brief abgeschickt oder als Erinnerung festgehalten. Das Buch ist eine sanfte Einladung, bei dem kreativen Schaffen von Menschen am Lebensende Anteil zu haben, und gleichzeitig immer die Frage mitzubedenken, was mir selbst am Ende und auch schon jetzt so bedeutungsvoll ist, dass es gesagt und geschrieben werden muss. So gesehen ist es eine Hilfe, das Gehen aus diesem Leben einzuüben. Ich wünsche diesem Buch eine weite Verbreitung, es hat sie sehr verdient.
Barbara Städtler-Mach Professorin für Ethik im Gesundheitswesen, Nürnberg
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Vorwort E
s wäre vermessen zu behaupten: „Ich kenne den Tod.“ Wer könnte das schon von sich sagen? Begegnet bin ich ihm allerdings schon oft: als Intensivkrankenschwester, in der Notfallseelsorge, in einer Seniorenpflegeeinrichtung, in der Familie und auch ganz persönlich. Im Hospiz ist er allgegenwärtig und dennoch findet das Leben dort seinen prominenten Platz. Ich mochte schon immer Biografien, und meine Bücherregale sind voll davon. Im Hospiz sitze ich quasi „an der Quelle“. Jede Gäst:in bringt die eigene mit, und im Rahmen dessen, was ich dort tue, darf ich sehr oft und schnell tiefen Einblick in diese Biografien, das Erlebte und die Familiengeschichten nehmen. Ich darf mit auf die Reise durch das Leben gehen, das am Ende fast zwangsläufig seine Reflexion findet. Das ist mir Anspruch und Aufforderung zugleich und immer ein Geschenk. Die Geschichten in diesem Buch stehen stellvertretend für die vielen, vielen anderen Begegnungen, die ich im Hospiz jede Woche – meistens montags – erleben darf. Dass ich Teil des Ganzen bin, erfüllt mich mit Demut und Freude und beschenkt mich reich!
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Eine Besonderheit ist es auch, Teil des Teams zu sein, das aus den Leitungskräften besteht, den wunderbaren Pflegefachkräften, den kreativen, immer freundlichen und hilfsbereiten Hauswirtschafts- und Reinigungskräften und natürlich meinen ehrenamtlichen Kolleg:innen, die mit mir auf ganz unterschiedliche Weise und mit ganz besonderen Talenten und Ideen Tag für Tag „da sind“. Ich bin bisher noch nie mit zur Beerdigung einer Gäst:in gewesen. Nicht weil ich nicht eingeladen gewesen wäre oder das nicht aushalten würde, sondern weil ich im Hospiz manchmal über eine sehr lange Zeit Abschied nehmen konnte. Das empfinde ich als Privileg. Wenn möglich, verabschiede ich mich direkt am Totenbett. Es mag seltsam anmuten, wenn ich oft vom „Lachen“ schreibe. Tatsächlich wird sehr oft im Hospiz gelacht. Vielleicht ist man sensibler für die Dinge, Begebenheiten und Situationen, die einen zum Lachen bringen. Manchmal ist es albern, manchmal fröhlich oder Situationskomik und manchmal auch gezwungen …, aber das ist egal. Lachen befreit, und deshalb geschieht es hier im Hospiz häufiger, als man denkt. Natürlich wird auch geweint, gehadert und getobt – alle Gefühle sind hier erlaubt, haben ihre Berechtigung und werden so akzeptiert, wie sie in Erscheinung treten. Die Geschichten, die ich hier erzähle, beinhalten keinerlei Wertung, sondern lediglich mein ganz persönliches Erleben in den Begegnungen mit den vielen Gäst:innen, die beiderseitig von Respekt und Würde geprägt waren und mir immer ein Geschenk waren. Wenn ich montags an die Zimmertüren 10
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klopfe, weiß ich nie, was mich erwartet. Manchmal schlafen die Gäst:innen. Dann wecke ich sie nicht. Niemals! Es sei denn, ich bin ausdrücklich verabredet. Manche meiner Besuche dauen nur wenige Minuten, manche ein bis zwei Stunden. Die Geschichten, die ich hier erzähle, handeln ausschließlich von der Begleitung der Gäst:innen. Einige Male habe ich auch Angehörige (mit) betreut. Das ist natürlich etwas völlig anderes und ergibt sich oft ganz nebenbei. Es gibt in den allermeisten Regionen mittlerweile ein fast flächendeckendes Hospiz- und Palliativnetzwerk. Dazu gehören oft auch Angehörigen- oder Trauergruppen (nicht nur für Erwachsenenhospize, sondern auch für Kinder- und Jugendhospize). Manchmal nehmen Hinterbliebene dieses Angebot in Anspruch, andere haben einen großen Familien- und Freundeskreis, und auch das Hospiz ist Anlaufstelle für die Trauer. Regelmäßig gibt es Erinnerungsgottesdienste. Trauerbegleitung findet immer statt, wenn es nötig ist. Manche Angehörige kommen auch nach dem Tod ihrer Liebsten vorbei, bringen Kuchen, kommen zum Sommerfest und plaudern ein bisschen mit den vertrauten M itarbeitenden. Seit fast drei Jahren bin ich Teil des Teams im Hospiz „Zum Guten Hirten“ in Rotenburg an der Wümme. Ich lade Sie ein, mich hierhin zu begleiten zu unseren Gäst:innen und ihren Geschichten.
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Alex I
m Sommer 2021 lernte ich Alexandra kennen, für ein gutes halbes Jahr. Sie war meine erste Begleitung im Hospiz – meine Lehrerin für so viele, die nach ihr kommen würden. Das ahnten wir beide natürlich nicht. Alex lehrte mich, wie bedingungslos die Begegnungen im Hospiz sind. Am Ende des Lebens gibt es einiges zu klären oder in Ordnung zu bringen und Ungesagtes auszusprechen. Ich überlege oft, ob das Wissen um den nahen Tod nicht vielleicht die gnädigste Art zu sterben ist, weil man sich vorbereiten kann bzw. muss. Natürlich verdrängen manche Gäst:innen ihren nahen Tod. Das ist nichts, was es zu bewerten gilt, denn wie sagt man: „Jeder stirbt seinen eigenen Tod.“ Sterben ist nach der Geburt wohl die intimste und individuellste Angelegenheit im Leben. Umso dankbarer war ich, dass Alexandra so eine gute „Lehrmeisterin“ für mich war. Ich durfte mich ausprobieren, sie musste es, denn Sterben kann man nicht üben. Für mich war alles neu. Es roch noch ein bisschen nach Farbe und das Gebäude, das Team und die Räumlichkeiten waren neu. Wenn man durch den Glasvorbau in den Flur kommt, ist alles sehr hell. Das Hospiz ist räumlich wie ein Dreieck gebaut. Auf den beiden Schenkeln sind die Gästezimmer, und an der Spitze ist ein großes, lichtdurchflutetes Wohnzimmer mit ei21
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nem sehr edlen, riesigen Holztisch, an dem mindestens zwölf Leute sitzen können. Tatsächlich ist dieser Tisch ein Treffpunkt für alle. Hier werden Rollstühle, Liegestühle und sogar Betten herangeschoben und es werden dort neben den Mahlzeiten viele gemeinsame Feste, Gottesdienste und Besprechungen abgehalten. Die Gäst:innen haben natürlich die Wahl, ob sie lieber in ihren Zimmern oder gemeinsam im Wohnzimmer speisen möchten. Es ist ein viel besuchter Raum mit einer offenen Küche. Hier ist immer Betrieb durch die vielen Menschen, die ihn nutzen, ob sie nur zu Besuch oder fürs Essen zuständig sind: Hauswirtschafterinnen, Ehrenamtliche, Angehörige und Gäst:innen, die dort Pudding kochen, Waffeln oder Kuchen backen. Es riecht immer lecker hier und manchmal liegt der alte Border Collie einer Hauswirtschafterin unter dem Tisch und schläft. Tiere sind hier grundsätzlich erlaubt. Hunde sind oft hier, manchmal auch Pferde, Vögel und ein Esel, selbst ein Lama war schon da. In mehreren Vorgesprächen hatte ich versucht, der Sozialarbeiterin das Konzept meiner Idee vom Schreib(T)Raum zu erläutern – und eigentlich auch mir selber. Großartig war, dass ich einfach alles ausprobieren durfte und mir vertraut wurde. Ich habe mich auf meine Erfahrungen von der Intensivstation, wo auch viele Menschen sterben – aber natürlich unter ganz anderen Bedingungen –, aus der Notfallseelsorge und von meiner Weiterbildung in der Psychoonkologie gestützt. Dennoch war ich etwas aufgeregt, was aber schnell nachließ, denn hier im Hospiz herrscht immer eine ausgesprochen entspannte Atmosphäre. Niemand ist hektisch oder geht schnellen Schrittes über den Flur. Das empfinde ich noch heute als sehr angenehm, denn auf den Fluren habe ich schon ganz wunderbare Begegnungen gehabt. Auf der Intensivstation waren die Flu22
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re einfach nur Wege … Dort ging es darum, Leben zu retten, bzw. zurückzuholen, hier geht es darum loszulassen – für die Gäst:innen, die Familien und Zugehörigen und ebenso für alle Mitarbeitenden. Ich klopfte also das erste Mal an die Zimmertüre von Alexan dra und hörte ein fröhliches und überraschend lautes: „Herein“. Eine Frau, etwas jünger als ich, saß aufrecht im Bett und lachte mich freundlich an. Ihre Haare wuchsen hellblond nach und eine Infusion lief in ihren Port, der sichtbar mit einem großen weißen Pflaster in der Nähe des Schlüsselbeins fixiert war. Ein Mann saß neben ihr in dem gemütlichen verstellbaren Ruhesessel, der in jedem Zimmer zur Ausstattung gehört. „Hallo! Du bist Corinna, oder? Ich habe gehofft, dass du zu mir kommst. Du schreibst hier mit uns, richtig? Ich würde gerne Abschiedsbriefe an meine drei Enkelinnen schreiben“, erklärte sie mir. Alex machte mir den Einstieg sehr leicht. Sie sagte, was sie sich wünschte, war sehr offen und herzlich und hatte eine unfassbar tapfere Haltung zu ihrer Situation. Sie konnte ihre Hände nicht mehr gut bewegen und wie zum Beweis hielt sie sie hoch. Einen Moment lang blickte sie darauf, dann begann sie plötzlich zu weinen. Ich würde noch sehr oft erleben, dass hier Emotionen binnen Sekunden von fröhlich oder albern zu wütend oder (im Wortsinn) „zu Tode betrübt“ wechseln. Zu Anfang war das irritierend. Mittlerweile finde ich es einfach nur ehrlich. Ihr Mann sprang auf und nahm sie tröstend in den Arm. „Du diktierst mir einfach, was du schreiben möchtest“, schlug ich vor. „Dann bin ich deine Hände …“ Sie nickte und suchte sich schönes Briefpapier aus, das ich im Vorfeld besorgt hatte. Sie diktierte sehr langsam und gut überlegt, sodass ich einfach aufschreiben konnte, was sie sagte. Ich hörte zu, konzentrierte 23
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mich und schrieb alles Wort für Wort auf. Zwischendurch erzählte Alex ein bisschen aus ihrem Leben. Sie hatte einen Sohn an den sie nächste Woche schreiben wollte. Ich freute mich, dass sie das so selbstverständlich sagte – anscheinend sollte ich wiederkommen. Am folgenden Montag wurde ich von Alex wieder so herzlich begrüßt, als würden wir uns schon ewig kennen. Das war noch neu für mich, aber ich würde hier neben sehr vielen anderen Dingen auch lernen, dass die Zeit im Hospiz anders läuft. Kennenlernen und vertraut sein geht hier schneller, denn niemand weiß, wie viel Zeit noch bleibt. Ich würde allerdings auch oft erleben, dass ich mich mit „Bis nächsten Montag“ verabschiedete, aber es gar keinen nächsten Montag für den oder die Gäst:in gab. Alex hatte überlegt, dass sie eine Art „Steckbrief“ von sich verfassen wollte, da ihre Enkelkinder sie eigentlich kaum kannten. Sie wohnten weit weg und sahen sich nur ein paar Mal im Jahr. Ich fand, dass das eine tolle Idee sei, sagte aber meine Meinung dazu nicht – denn es ist irrelevant, ob ich etwas gut finde oder nicht. Dann erzählte sie mir von ihrem Hund, der als Foto aufgedruckt auf einem kleinen Kissen zu sehen war. Wieder musste sie kurz weinen und versicherte sich, dass ich auch ganz bestimmt am folgenden Montag wiederkommen würde. Das versprach ich ihr natürlich gerne. Nächste Woche müsse ihr Mann wieder arbeiten und sie sei nicht gerne alleine. „Ich möchte so gerne noch leben. Seit Dezember war ich auf der Palliativstation und zwischendurch immer mal wieder kurz zu Hause. Aber irgendwann ging das nicht mehr …“ Darum sei sie hierhergekommen. Sie sei austherapiert. „Ich hatte Glück, dass das Hospiz gerade rechtzeitig für mich fertig geworden ist.“ Sie stutzte kurz, sah mich an und zeitgleich mussten wir lachen. Einen Moment lang war ich erschrocken, aber auch das lernte 24
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ich: Lachen ist hier unbedingt erlaubt. Es wird sogar erstaunlich oft, viel und laut gelacht. Zu meinem nächsten Besuch bei Alex brachte ich meine alte Hündin Rala mit und Alex war begeistert. Ich merkte aber, dass mich das etwas stresste, weil ich mich weder auf Alex noch auf meinen Hund uneingeschränkt konzentrieren konnte. Wir schrieben auch nicht, aber Alex erzählte von ihrem Hund. Sie war sichtlich entspannt durch die Anwesenheit meiner Hündin. Ich nahm mir vor, diese Info weiterzugeben: Inzwischen kommt regelmäßig eine Frau mit ausgebildeten Therapiehunden und ein „hauseigener“ junger Hund namens Cooper ist mittlerweile auch fast jeden Tag dort. Das hätte Alex gefallen. Ein paar Wochen später fand das erste Sommerfest statt und alle Gäst:innen, Angehörige und Ehrenamtlichen waren von den Mitarbeitenden zum Grillen eingeladen. Es war ein gemütliches und fröhliches Fest und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte man es für ein ganz „normales“ Sommerfest halten können, wo alle sich in der Gewissheit wägten, bald ein weiteres Fest zu feiern … Jedenfalls hatten alle Spaß, es wurde geredet, gelacht, gegessen und getrunken (ja, natürlich dürfen die Gäst:innen hier Wein, Bier oder auch einen Schnaps trinken, wenn sie das möchten). Am Montag danach traf ich Alex wieder alleine an und war überrascht, wie selbstverständlich für uns diese Besuche inzwischen geworden waren. Sie wollte dieses Mal nicht schreiben, aber das nächste Mal sollte es der Abschiedsbrief für ihren Mann werden. Ich versprach, besonders schönes Briefpapier zu besorgen. „Ich habe Angst vor dem Sterben“, gab sie zu und ich 25
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konnte dazu nur nicken. Aus einem Impuls heraus erzähle ich ihr eine Geschichte: Ein Pfarrer führt ein Gespräch über die Beerdigung mit einer schwer kranken Frau. Die hat einige Wünsche. Sie möchte eine große Beerdigung mit all ihren Freunden und Verwandten. Der Sarg soll offen bleiben, und sie möchte eine Bibel in der linken Hand halten und eine Gabel in der Rechten. „Wieso eine Gabel?“, fragt der Pfarrer. Die Frau erklärt: „In all den Jahren war ich auf vielen Empfängen. Ich wurde immer daran erinnert, die Gabel zu behalten, wenn das Geschirr abgeräumt wurde. Und ich freute mich dann immer, weil ich wusste, dass noch etwas Besseres kommen würde. Eis, Torte oder Schokoladenpudding. Irgendetwas Wunderbares, was das große Mahl perfekt abrunden würde. Ich möchte, dass die Leute an meinem Sarg sich wundern, warum ich eine Gabel in der Hand halte. Und dann möchte ich, dass Sie den Leuten sagen: ,Behalten Sie die Gabel – das Beste kommt erst noch‘“. (Verfasser unbekannt) Alex sah mich einen Moment lang schweigend an und ein paar Tränen rollten. „Ich glaube daran, dass das Beste danach noch kommt“, sagte ich leise und sie nickte heftig mit dem Kopf. Sie bedankte sich für die Geschichte und schloss die Augen. Sie war müde. Das war für mich das Zeichen zu gehen. Leise sagte ich: „Tschüss, Alex“ und schloss die Tür. Beim nächsten Besuch war ihr Mann wieder da. Er war wie immer freundlich und begrüßte mich herzlich. Alex erzählte, dass ihr Sohn da war. Sie hatte ein Heft bereitgelegt, um aufzuschreiben, wie sie den gestrigen Tag erlebt hatte. Dann erzählte Alex, dass sie mit einer Pflegefachkraft besprochen hätten, was sie anziehen wollte, wenn es „so weit“ sei. „Mir ist bewusst ge26