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MARTIN BENZ • Wenn der Glaube keine Kraft hat

MARTIN BENZ

Wenn der Glaube

keine Kraft hat

Ein Aufbauhelfer

GNB – Gute Nachricht Bibel, © 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

LUT – Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

NeÜ – Neue evangelistische Übersetzung, © 2023 Karl-Heinz Vanheiden.

NGÜ – Neue Genfer Übersetzung. Neues Testament und Psalmen, © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.

NLB – Neues Leben. Die Bibel © 2002 / 2006 / 2017 SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe, Holzgerlingen.

DBU – Das Buch. Neues Testament, Psalmen, Sprichwörter, übersetzt von Roland Werner, © 2022 SCM R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe, Holzgerlingen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim

DTP: Burkhard Lieverkus, Wuppertal

Verwendete Schriften: Scala Pro, Scala Sans Pro Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN 978-3-7615-7015-9 (Buch)

ISBN 978-3-7615-7016-6 (E-Book)

www.neukirchener-verlage.de

Überzeugungen möchte ich mir neu aneignen, weil sie bisher tabuisiert oder marginalisiert waren?

Entscheidend ist es nun, nicht in der Dekonstruktion steckenzubleiben. Es reicht nicht aus zu definieren, was Sie nicht mehr glauben, wovon Sie sich abwenden und was Sie alles entsorgen möchten. Dagegensein setzt nur kurzzeitig Kraft und Motivation frei. Selbst mit neuen Überzeugungen besteht die Gefahr, dass der Glaube nur intellektuelles Konstrukt bleibt. Er steckt auf der Ebene der Überzeugungen fest, selbst wenn diese neu sind. Die Frage ist jedoch, wie der Glaube wieder an Begeisterung, an Kraft und Dynamik, an Leidenschaft und Energie gewinnt. Zu viele Christen sind nach ihrer Dekonstruktion in der Rolle der Zuschauer, der kritischen Betrachter gelandet, die grundsätzlich auf Distanz bleiben.

Die Frage ist jedoch, wie der Glaube wieder an Begeisterung, an Kraft und Dynamik, an Leidenschaft und Vision gewinnt.

Über den Glauben wird diskutiert, man liest darüber, grenzt sich ab und solidarisiert sich hier und dort. Aber der Glaube und die persönliche Spiritualität finden nicht zu einer Tragfähigkeit und Energie zurück, die das Leben beflügeln und zum Blühen bringen. Gleichzeitig habe ich Verständnis dafür, wenn Menschen sich durch ihre fromme Vergangenheit so verletzt, gebeugt oder missbraucht fühlen, dass sie offensichtlich nicht anders können, als endlich auf Distanz zu gehen. Progressiv glauben und geisterfüllt leben

Ich bin noch immer dabei umzuziehen. So manches an meinem Glauben habe ich hinterfragt und dafür fand und finde ich wundervolle neue Ansätze in der Bibel, in der Theologiegeschichte und durch kompetente Gesprächspartner. Ich entde-

cke, dass Glaube und Christentum so viel mehr beinhalten und so viel reicher, vielfältiger und lebendiger sind, als es mir das klassisch evangelikale Milieu weismachen will. Ich lebe meinen Glauben heute leidenschaftlich. Ich empfinde eine tiefe Begeisterung für Jesus Christus. Ich liebe die Bibel und lese sie immer noch fleißig. Ich fühle mich von Gott gesegnet und möchte mit meinem ganzen Leben für die Menschen um mich herum ein Segen sein. Ich habe für mich eine Mischung gefunden, die ich unwiderstehlich finde: Es ist die Kombination aus einem progressiven Glauben3 und einem geisterfüllten Leben. Man könnte auch sagen: ein ehrlicher und liebevoller Glaube, kombiniert mit einer kraftvollen Spiritualität.

Ich habe für mich eine Mischung gefunden, die ich unwiderstehlich finde: Es ist die Kombination aus einem progressiven Glauben und einem geisterfüllten Leben.

Aber statt dieser Mischung erlebe ich an vielen Orten ein Entweder-oder: Da gibt es Menschen, die lieben den Heiligen Geist, pflegen die Geistesgaben, sehnen sich nach Lobpreis und Anbetung, beten für Kranke, rechnen mit der Kraft aus der Höhe, hören Gottes Stimme und wollen auf diese Erfahrungen der Kraft nicht verzichten. Aber scheinbar müssen sie dabei allzu oft einen schwierigen theologischen Rucksack mitschleppen. Aus Sehnsucht nach der Kraft des Geistes und einer leidenschaftlichen Spiritualität akzeptieren sie am Ende eine ausgeprägte Schwarz-Weiß-Theologie und eine flache und wenig reflektierte Glaubenslehre. Sie geben sich mit einfachsten A ntworten zufrieden, übernehmen ein fundamentalistisches

3 Obwohl es viele unterschiedliche Definitionen gibt, gebrauche ich in meinem Buch die Begriffe »postevangelikal« und »progressiv« austauschbar.

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Teil 1 Progressiv glauben

Theologische und biblische Einsichten zum Vorwärtsglauben

1. Schöpfungstheologisch und erlösungstheologisch denken

Es hat meinen Glauben, mein Gottesbild und mein Weltbild enorm bereichert, als ich anfing, schöpfungs- und erlösungstheologisches Denken nicht mehr gegeneinander auszuspielen. Im erlösungstheologischen Denken wird die Menschheits- und Heilsgeschichte vom sogenannten Sündenfall in 1. Mose 3 her gedeutet. Die Gefallenheit, Sündhaftigkeit, Bedürftigkeit und Verlorenheit der Schöpfung stehen im Vordergrund. Deshalb ist Erlösung so zentral.

Schöpfungstheologisches Denken orientiert sich stärker an der Schöpfungserzählung in 1. Mose 1 und 2. Hier prägen die Gottebenbildlichkeit des Menschen, seine Würde, die Schönheit der Schöpfung und deren enge Verbundenheit mit Gott die Menschheitsgeschichte und das Menschenbild. Deshalb sind Kreativität, Teilhabe an der Schöpfung und das Potenzial des Menschen so zentral.

Die ersten Kapitel der Genesis sind Gottes Wort, diese Texte sind von Gott inspiriert. Aber für mich sind es dennoch keine historischen Berichte. Es ist nicht ihre Absicht zu erklären, wie die Welt historisch und naturwissenschaftlich entstand, vielmehr beschreiben sie geistliche Wahrheiten. Das wird schon daran deutlich, dass die ersten beiden Schöpfungserzählungen (1. Mose 1,1–2,4 und 2,4–25) sehr unterschiedlich sind und sich kaum harmonisieren lassen. Wer beide Texte historisch und na-

turwissenschaftlich ernst nimmt, weiß am Ende nicht genau, wie die Welt eigentlich entstanden ist. Beide Schöpfungserzählungen und auch die Erzählung vom Sündenfall sind großartige, von Gott inspirierte Geschichten, die uns etwas von der Schönheit und Zerbrechlichkeit des Menschen erzählen. Es sind wichtige Texte, aus denen wir Weisheit und Kraft schöpfen können. Insofern vermitteln sie für mich auch keine reine Chronologie, so, als hätte es zuerst eine perfekte Schöpfung gegeben, die dann durch den Sündenfall zerstört wurde. Beide Geschichten beschreiben unsere Welt, wie sie die Menschen damals kannten und wie wir sie auch heute noch wahrnehmen: als Mischung aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen, seiner Würde und gleichzeitig der Existenz des Bösen, dem die ganze Schöpfung ausgesetzt ist. Es geht also nicht einfach um ein Nacheinander, sondern auch um ein Nebeneinander. Viele evangelikale Christen orientieren sich ausschließlich am erlösungstheologischen Denken. Für sie sind die Schöpfungserzählungen in 1.

Viele evangelikale Christen orientieren sich ausschließlich am erlösungstheologischen Denken.

Mose 1 und 2 weitgehend bedeutungslos, weil danach alles vom Sündenfall dominiert wird. Sie übersehen dabei die Gleichzeitigkeit dieser beiden theologischen Erzählstränge der Bibel.

Erlösungstheologisches Denken

Beim erlösungstheologischen Denken spielt die Erlösung durch Jesus Christus, das Kreuz Jesu, die zentrale und entscheidende Rolle. Das ist das Zentrum des Glaubens. Die ganze Absicht Gottes mit dieser Welt ist es, sie zu erlösen. Dahinter steckt ein defizitorientiertes Denken. Man sieht vor allem die Mängel dieser Welt und des Menschen, die nun dringend Erlösung,

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Befreiung und Heilung brauchen. Diese Defizitorientierung hat als Ursache zum einen eine subjektive Wahrnehmung der Welt. Weil man auf ihre Sünde und Schlechtigkeit fixiert ist, bekommt man deren Defizite auch immer wieder neu bestätigt. Diese Wahrnehmung der Welt ist zwar berechtigt, aber trotzdem einseitig.

Zum anderen liegt die Defizitorientierung in der Sündenfallerzählung selbst. Seit der Sünde der ersten Menschen befinden wir uns in einer »gefallenen Schöpfung«. Der Garten Eden liegt hinter uns, er ist Vergangenheit. Und das Bestreben der Heilsgeschichte Gottes ist nichts anderes als eine Wiederherstellung der Zustände, wie wir sie aus der guten Schöpfung vor dem Sündenfall kennen.

In der Bibel finden sich viele Texte, die von dieser Gefallenheit und Verdorbenheit der Menschen und der Schöpfung berichten. So sagt Gott kurz nach der Sintflut, dass das Dichten und Trachten der Menschen von Kindheit an böse ist 4 . Auch Jesus betont, dass Böses aus dem Herzen der Menschen kommt5 . Paulus steht dem in nichts nach, wenn er feststellt, dass alle Menschen gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren haben6. Und das Faszinierende an Jesus ist, dass er mit seinem Leben und Sterben alles getan hat, um diese Welt zu heilen, zu

4 1. Mose 8,21: »Nie mehr will ich um der Menschen willen die Erde verfluchen und alles Lebendige vernichten, so wie ich es gerade getan habe, auch wenn die Gedanken und Taten der Menschen schon von Kindheit an böse sind.« (NLB)

5 Matthäus 15,19: »Denn aus dem Herzen des Menschen kommen die bösen Gedanken und mit ihnen alle Arten von Mord, Ehebruch, sexueller Unmoral, Diebstahl, falschen Aussagen, Verleumdungen.« (NeÜ)

6 Römer 3,23: »Denn alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren.« (NeÜ)

retten, zu erlösen und ihr Gerechtigkeit zu bringen. Er verwandelt die Zerbrochenheit der Schöpfung. Es gibt also gute Gründe, warum dieses erlösungstheologische Denken für unseren Glauben wichtig ist. Es ist auch Zentrum meines Glaubens. Aber wir wollen dort nicht stehenbleiben. Es braucht ein zweites Standbein, um der Erzähltradition der Bibel gerecht zu werden, denn sie kennt auch ein ausgeprägtes schöpfungstheologisches Denken.

Schöpfungstheologisches Denken

Schöpfungstheologisches Denken geht nicht vom Defizit aus, sondern vom göttlichen Potenzial. Die Grundlage für dieses Denken ist nicht der Sündenfall, sondern die Erzählung von der Erschaffung des Menschen und der gesamten Schöpfung. Gott ist der weise und fürsorgliche Schöpfer der Welt. Und in der Betrachtung seiner Schöpfung kann er von »sehr gut« sprechen7. Gott hat ein wundervolles Potenzial, Gutes und ungeahnte Möglichkeiten in diese Welt hineingelegt. Diese Schöpfung ist zu vielem fähig. Der Mensch ist sogar im Ebenbild, dem Bild Gottes, erschaffen. Gottes Idee mit dieser Welt ist, sie zum Blühen zu bringen. Er macht das im Zusammenspiel mit den Menschen und ihren Möglichkeiten. Darin liegt die tiefe Berufung der Menschen: diese Schöpfung zu bebauen und zu bewahren – sie zum Blühen zu bringen.

Beim erlösungstheologischen Denken sind Mensch und Schöpfung vor allem Objekt des Handelns und Wirkens Gottes. Beim schöpfungstheologischen Denken sind sie auch Handelnde für Gott, also Subjekt. Die Psalmen beschreiben: »Die Himmel

7 1. Mose 1,31: »Danach betrachtete Gott alles, was er geschaffen hatte. Und er sah, dass es sehr gut war.« (NLB)

verkünden die Herrlichkeit Gottes, und das Himmelsgewölbe zeigt, dass es das Werk seiner Hände ist. Ein Tag erzählt es dem anderen, und eine Nacht gibt es der anderen weiter. Sie tun es ohne Worte, kein Laut und keine Stimme ist zu hören. Und doch geht ihre Botschaft über die ganze Erde, ihre Sprache bis zum Ende der Welt.« (Psalm 19,2–5 NGÜ). Die Schöpfung predigt!

Die Schönheit der Welt wahrzunehmen und zu betonen motiviert uns, in diese Welt zu investieren, uns weiterhin um sie zu kümmern und ihr zum Gedeihen zu verhelfen. Schöpfungstheologisches Denken wendet sich der Welt zu, wohingegen erlösungstheologisches Denken sich von der Welt abwendet. Schöpfungstheologisches Denken animiert zum sozialen und ökologischen Handeln im Dienst der göttlichen Gerechtigkeit; erlösungstheologisches Denken animiert zum missionarischen und evangelistischen Handeln im Dienst der göttlichen Gerechtigkeit.

Wer nur erlösungstheologisch denkt, ist immer wieder verstört, wenn er Gutes, Gerechtes, Barmherzigkeit und tiefe Liebe außerhalb des Christentums entdeckt. Wie kann das sein, wenn das einzige Narrativ darin besteht, in einer gefallenen und verdorbenen Welt zu leben? Und wer nur schöpfungstheologisch denkt, ist immer wieder verstört, wenn er Böses, Ungerechtes, Grausames und Hasserfülltes in der Welt sieht. Wie kann das sein, wenn das einzige Narrativ darin besteht, in einer Schöpfung zu leben, deren Menschen im Bilde Gottes geschaffen sind?

Ich habe den Eindruck, dass das erlösungstheologische Denken in manchen christlichen Kreisen eine zu starke Fixierung auf das Negative ausgelöst hat. Sie sehen auf die Sündhaftigkeit des Menschen, ihre Bösartigkeit und das Ungerechte. Da kann man schnell den Eindruck bekommen, dass die Welt ganz nach 1. Mose 3 funktioniert und sich 1. Mose 1 und 2 völlig erledigt

Sechsmal gut gibt sehr gut

Weil erlösungstheologisches Denken die Defizite und die Sündhaftigkeit der Menschen im Blick hat, spielen hier Veränderung, Wachstum, Heiligung und Vollkommenheit eine große Rolle.

Glaube wird zur großen Aufgabe für unseren Charakter. Das hat viele positive Aspekte, und seit Jahrtausenden verändern sich Menschen, bemühen sie sich um Heiligkeit und reifen in ihrem Charakter. Die Kehrseite davon ist, dass dieses Streben nach Heiligkeit und Vollkommenheit überfordern kann. Heiligung kann schnell in Perfektionismus umschlagen. Man hat das Gefühl, nie anzukommen, immer noch etwas ändern zu müssen, nie mit sich selbst fertig zu werden und jahrelang einem Idealbild oder geistlichen Ansprüchen hinterherzulaufen. Wenn sich das Ganze noch mit gesellschaftlichem Selbstoptimierungswahn vermischt, kann der Glaube mit seinen Ansprüchen zur Last werden. Nicht umsonst sagt Jesus: »Ihr plagt euch mit den Geboten, die die Gesetzeslehrer euch auferlegt haben.

23 haben. Aber es gibt eben auch viel Heilsames und Wunderschönes in dieser Welt. Es wird nicht nur gesündigt, gemordet und betrogen, sondern Menschen setzen sich füreinander ein, sind füreinander da, üben Nächstenliebe, nehmen Rücksicht aufeinander und solidarisieren sich – von der einfachen Nachbarschaftshilfe bis zum großen Entwicklungshilfeprojekt. Auch Menschen, die sich nicht zum Christentum zählen, haben ein Gewissen, Anstand und ein Empfinden, was sich gehört und wo man eingreifen und zupacken muss. Auch sie sind zu Gutem, Schönem und Edlem fähig. Schöpfungstheologisch gedacht sind alle Menschen Kinder Gottes, weil sie von Gott geschaffen sind. Erlösungstheologisch gedacht sind nur diejenigen Kinder Gottes, die eine klare Entscheidung für Jesus getroffen und sich bekehrt haben.

Kommt alle zu mir; ich will euch die Last abnehmen! Ich quäle euch nicht und sehe auf niemand herab. Stellt euch unter meine Leitung und lernt bei mir; dann findet euer Leben Erfüllung.« (Matthäus 11,28 f. GNB)

Gerade schöpfungstheologisches Denken kann hier helfen, vom Perfektionismus freizukommen. Die biblische Schöpfungserzählung lässt uns erkennen, wie wunderschön und vollkommen Gott alles erschaffen hat. Wir können die Schönheit der Schöpfung daran ablesen. Wie das Deutsche verfügt auch das Hebräische über die Möglichkeit, das Wort «gut» zu steigern, indem wir «sehr gut» daraus machen. Das Alte Testament geht sparsam mit dieser Steigerung um. Auch wenn das Wort »gut« über 500-mal in der hebräischen Bibel vorkommt, findet sich die Steigerung »sehr gut« nur elfmal. Wenn man sich die Schöpfungserzählung durchliest, findet sich nach fast jedem Schöpfungswerk die Beurteilung Gottes: »Gott sah es an: Es war gut.« Nach der Erschaffung des Lichts, des Meeres, der Pflanzen, der Gestirne, der Fische und der Landtiere. Gott sieht es an, und es war gut. Und am Ende, nachdem Gott alles erschaffen hat, kommt seine Gesamtbeurteilung: »Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.« (1. Mose 1,31) Das ist doch erstaunlich! Das »sehr gut«, die Perfektion, die Vollendung, das Vollkommene, findet sich erst am Ende, in der Gesamtschau. Das einzelne Schöpfungswerk ist (nur) gut, das gesamte ist sehr gut. Ich lese daraus zwei Dinge ab:

1. Gut ist gut genug!

Offensichtlich genügt es Gott, die einzelnen Schöpfungswerke gut zu machen. Er überfordert seine Werke nicht mit Perfektion und Vollkommenheit. Gott ist nicht erst mit dem »sehr gut« zufrieden. Es passt für ihn, wenn seine eigenen Werke »gut« sind, auch wenn es ein »sehr gut« gäbe! Auf mich hat das eine

befreiende Wirkung. Gerade als Christen, die in Gott zur Ruhe kommen und Frieden finden sollen, ist Perfektionismus eine große Belastung. In unserem Wunsch nach Veränderung, Heiligung und Sündlosigkeit ist die Grenze zum Perfektionismus oft schwimmend, und nicht selten fühlen sich Christen von ihren frommen Ansprüchen überfordert. Hier erzählt die Schöpfung eine andere Geschichte: Gut ist gut genug! Gottes Ziel und Absicht ist nicht immer die größte Steigerung, das Maximum, das Ultimative und Beste. Das sind eher die Slogans der modernen Arbeitswelt, der Wirtschaft und der Werbung. Es ist nicht die Botschaft der Schöpfungserzählung.

Offensichtlich genügt es Gott, die einzelnen Schöpfungswerke gut zu machen. Er überfordert seine Werke nicht mit Perfektion und Vollkommenheit.

2. »Sehr gut« braucht die anderen! Am Ende bekommt die Schöpfung von Gott das Gütesiegel »sehr gut«! Sie ist optimal, vollkommen, perfekt! Aber nicht wegen der Perfektion des Einzelnen, sondern aufgrund des Zusammenspiels aller. Bei Gott gibt sechsmal gut sehr gut! Wir kennen es von der Schule und der Notengebung: Mit sechsmal »gut« im Zeugnis ist der Gesamtschnitt nicht plötzlich »sehr gut«, sondern bleibt »gut«. Nicht so bei Gott! Die Vervollkommnung geschieht nicht aus mir heraus, sondern durch mein Eingebundensein in ein Miteinander. Ich brauche den anderen, seine Gaben, seine Schönheit, sein Potenzial, damit es zusammen mehr ergibt, als der Einzelne zu bieten hat. Hier ist bereits das Geheimnis der Gemeinschaft angedeutet, das im Bild des Leibes, wo einer den anderen braucht und ohne ihn nicht auskommt, weiter entfaltet wird. Das Gute, das ich habe (nicht das Perfekte), wird ergänzt durch das Gute des anderen, und auf geheimnisvolle Weise – wie bei der Schöpfung begleitet vom

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Heiligen Geist – wird es besser als seine einzelnen Komponenten. Ich allein muss nicht alles können, wissen, schaffen und er reichen.

Schöpfungstheologisches Denken befreit von falschem Perfektionismus, der den Eindruck hat, dass Gott erst zufrieden ist, wenn alles perfekt ist und ich nichts mehr verbessern kann. Es macht uns klar, dass die Schönheit und das Potenzial des anderen auch für mich, meine Entwicklung und mein Potenzial von großer Bedeutung sind.

Jesus – Zentrum der Erlösung und der Schöpfung

Jesus ist nicht nur das Zentrum der Erlösung, sondern auch das Zentrum der Schöpfung. Beide gehen von Jesus aus. Durch Kreuz und Auferstehung ist Jesu erlösungstheologische Bedeutung offensichtlich. Seine schöpfungstheologische Bedeutung sollen einige Verse der Bibel unterstreichen:

▪ »Der Sohn ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über der gesamten Schöpfung steht. Denn durch ihn wurde alles erschaffen, was im Himmel und auf der Erde ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, Könige und Herrscher, Mächte und Gewalten. Das ganze Universum wurde durch ihn geschaffen und hat in ihm sein Ziel.«

(Kolosser 1,15 f. NGÜ)

▪ »Aber für uns steht fest: Es gibt nur einen Gott – den Vater, von dem alles kommt und für den wir geschaffen sind. Und es gibt nur einen Herrn – Jesus Christus, durch den alles geschaffen wurde und durch den auch wir das Leben haben.«

(1. Korinther 8,6 NGÜ)

Weil Jesus immer wieder als der eigentliche Schöpfer bezeichnet wird, ist er damit auch Zentrum und Ursprung der gesamten Schöpfung. Alle Existenz verdankt sich ihm und hat ihn als Ziel. Es gäbe keine Schöpfung und nichts Gutes in der Schöpfung ohne Jesus. Und es gäbe keine Erlösung, keine Wiederherstellung und keine Heilung ohne ihn.

Es gäbe keine Schöpfung und nichts Gutes in der Schöpfung ohne Jesus. Und es gäbe keine Erlösung, keine Wiederherstellung und keine Heilung ohne ihn.

Wie Schöpfungs- und Erlösungstheologie zusammenspielen, wird durch einen Vers aus dem Römerbrief deutlich: »Wenn nun Menschen, die nicht zum jüdischen Volk gehören und mit dem Gesetz Gottes daher nicht in Berührung gekommen sind, von sich aus so handeln, wie es das Gesetz fordert, dann ist dieses Gesetz, auch wenn sie es nicht kennen, offensichtlich ein Teil von ihnen selbst. Ihr Verhalten beweist, dass das, was das Gesetz fordert, ihnen ins Herz geschrieben ist. Das zeigt sich auch im Urteil ihres Gewissens und am Widerstreit von Anklagen und Rechtfertigungen in ihren Gedanken.« (Römer 2,14 f. NGÜ)

Paulus nimmt wahr, dass die heidnischen Völker schöpfungstheologisch gesehen Gottes Gesetz, ein Gespür für das R ichtige und Gute, in ihren Herzen tragen. Das zeigt das Potenzial und die Ebenbildlichkeit des Menschen. Und gleichzeitig werden sie erlösungstheologisch an diesem Gesetz schuldig und erleben daher Anklage in ihrem Gewissen. Das zeigt die Zerbrochenheit des Menschen. Egal ob wir nun von der Schöpfung oder vom Sündenfall ausgehen – beide Male ist Jesus im Zentrum. Ihn brauchen wir. Ohne ihn geht nichts. Wenn Christen sich zu sehr auf einen einzelnen Aspekt konzentrieren, ist die Gefahr groß, dass wichtige Aspekte unseres c hristlichen Daseins zu kurz kommen. Ich halte eine Wiederentdeckung der Schöpfungstheologie für unseren Glauben für

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unerlässlich. Zu viele Jahre waren Teile der evangelikalen Welt rein erlösungstheologisch unterwegs und haben ihre Weltverantwortung nur im Sinn von Mission und Evangelisation wahrgenommen. Im Extremfall kann die Schöpfung vor die Hunde gehen, Hauptsache, Menschen werden gerettet. Dann ist es wichtiger, den geistlichen Hunger zu stillen, als sich um den körperlichen Hunger zu kümmern. Wenn beide theologischen Ansätze zusammenkommen, bedeutet Heil nicht nur himmlische, sondern auch irdische Gerechtigkeit. Das Reich Gottes w ird dann nicht nur als zukünftige Größe verstanden, auf die wir hinsteuern, sondern als Wiederherstellung der Schöpfung im Hier und Jetzt, nach der wir trachten sollen.

Wenn beide theologischen Ansätze zusammenkommen, bedeutet

Heil nicht nur himmlische, sondern auch irdische Gerechtigkeit.

In mancher Geschichte überrascht Jesus seine erlösungstheologisch fixierten Zuhörer. Er macht deutlich, wie viel Gutes bei denen zu finden ist, deren religiöse Überzeugungen von den »Frommen« als falsch, ungenügend oder Irrlehre verurteilt wurden. So finden sich beim barmherzigen Samariter, der im jüdischen Denken aufgrund seiner geistlichen Verirrungen dringend Erlösung nötig hätte, viele Merkmale eines wahren Gläubigen. Er wird regelrecht zum Vorbild für seine jüdischen Zuhörer.8

Einem heidnischen Zenturio attestiert Jesus einen größeren Glauben, als er ihn bisher in Israel vorgefunden hat.9

Im Gleichnis vom Weltgericht heißt der himmlische König viele Wohltäter in seinem Reich willkommen, auch wenn die sich ihrer gerechten Taten gar nicht bewusst waren.10

8 Vgl. Lukas 10,25–37

9 Matthäus 8,10

10 Vgl. Matthäus 25,31–40

Und die kleinen Kinder macht Jesus zu Eigentümern des heißbegehrten Reiches Gottes.11

All diese Texte lassen sich nur schöpfungstheologisch deuten. Wer allein die erlösungstheologische Brille kennt, muss bei den oben genannten Personen irgendwo eine Bekehrung oder die persönliche Gottesbeziehung hineinschmuggeln. Aber genau das will Jesus nicht. Das ist gerade das Überraschende an diesen Geschichten.

Sollen wir jetzt erlösungs- oder schöpfungstheologisch denken? Das ist die falsche Frage! Wir brauchen beide Denkweisen, auch wenn sie in Spannung zueinander stehen. Wer es gerne schwarz-weiß hat, entscheidet sich für eine Position und verpasst dabei wesentliche Aspekte der christlichen Nachfolge. Beide Aspekte zusammen sind wie die Gläser einer 3-D-Brille im Kino. Erst wenn ich durch beide hindurchschaue, bekommen Leben und Glauben ihre notwendige Tiefe. Wenn ich sie abnehme, sehe ich nur noch ein verschwommenes Bild. Ich muss mich von dem Bedürfnis befreien, alles in meinem Glauben harmonisieren zu müssen. Wenn ich die verschiedenen t heologischen Denkmuster zulasse, verliert manches zwar seine Eindeutigkeit, ich gewinne aber in unvergleichlichem Maße an Tiefe und Weisheit. 11 Matthäus 19,14

Schöpfungs- und erlösungstheologisches Denken in wenigen Worten

Die ersten Kapitel der Genesis sind keine historischen und chronologischen Berichte. Sie beschreiben vielmehr eine Spannung, die Menschen seit Jahrtausenden wahrnehmen. Auf der einen Seite sind sie zu ungeheuer viel Edlem und Gutem fähig, was ihre Gottesebenbildlichkeit zum Ausdruck bringt. Auf der anderen Seite können sie ungeheuer viel Böses und Sündhaftes tun. Das bringt ihre menschliche Zerbrochenheit und Hilflosigkeit zum Ausdruck. Um das Leben miteinander, mit der Schöpfung und mit Gott richtig zu verstehen, sind beide Perspektiven nötig.

2. Die Fülle des Evangeliums erleben

Ein weiterer Aspekt, der meinen persönlichen Glauben stark und tragfähig gemacht hat, war die Wiederentdeckung des Evangeliums in seiner ganzen Fülle und Breite.

Der Kern der biblischen Botschaft und des gesamten Christentums ist das Evangelium. Dieses Evangelium wird seit Jesus a llen Nationen verkündet. Fast 80-mal findet sich der Begriff im Neuen Testament. Evangelium bedeutet »die gute Botschaft, frohe Nachricht, erfreuliche Mitteilung«. 12 Es ist die befreiende und beglückende Mitteilung vom nahe bevorstehenden oder schon erfolgten Kommen des Reiches Gottes, also von der guten Herrschaft Gottes. Das Evangelium teilt uns mit, »dass die Mächte des Himmels da sind, um mit der Macht der Finsternis aufzuräumen. Gott selbst hat das Regiment in die Hand genommen und stellt seine göttliche Ordnung wieder her.« 13 Es ist die Botschaft der Errettung, Erlösung und Befreiung. Aber die große Frage ist: Wovon will Jesus uns erlösen, erretten und befreien? Für welche Probleme gilt die (Er)Lösung?

Nach meiner evangelikalen Sozialisierung war die Antwort auf diese Frage schnell gegeben: Jesus erlöst uns von unserer Schuld, denn das große Menschheitsproblem ist die Sünde. So heißt es in der evangelikal geprägten Lausanner Verpflichtung

12 R alf Luther, Neutestamentliches Wörterbuch, Hamburg 1958, S. 43 13 Ebd. S. 44

von 1974: »Evangelisieren heißt, die gute Nachricht zu verbreiten, daß Jesus Christus für unsere Sünden starb und von den Toten auferstand nach der Schrift und daß Er jetzt die Vergebung der Sünden und die befreiende Gabe des Geistes allen denen anbietet, die Buße tun und glauben.« 14 Und es sind wahrscheinlich Generationen von Christen, die mithilfe des Traktates »Die vier geistlichen Gesetze«15 von Bill Bright das Evangelium weitergegeben haben. Die Kernaussagen darin sind:

▪ Der Mensch ist sündig und von Gott getrennt. Deshalb kann er die Liebe und den Plan Gottes für sein Leben nicht erkennen und erfahren.

▪ Jesus Christus ist Gottes einziger Ausweg aus der Sünde für die Menschen. Durch ihn können sie die Liebe Gottes und seinen Plan für ihr Leben kennenlernen und erfahren.

Die Lausanner Erklärung und auch dieses Traktat spitzen die Botschaft des Evangeliums auf die Schuldfrage zu. Inhalt des Evangeliums ist dann im Wesentlichen die Vergebung. Aber nun gibt es ein Problem. Als ich mich »bekehrt« habe, hatte ich mich nicht besonders schuldig gefühlt. Durch die Erziehung in meinem Elternhaus, den frühen Tod meiner Mutter und die damit verbundene Verantwortung, die ich übernehmen musste, habe ich mich als Jugendlicher relativ vernünftig verhalten. Mit 13 Jahren fand ich zum Glauben und entwickelte mich zum feurigen Nachfolger Jesu. In meinem evangelistischen Eifer stand ich aber ebenfalls vor dem Problem, dass ich Menschen erst von

14 https://lausanne.org/de/lausanner-verpflichtung/ lausanner-verpflichtung; 4. Wesen der Evangelisation 15 Fairerweise muss man sagen, dass sich Campus für Christus dieser Engführung bewusst ist und mit »The Four« eine Neuformulierung unternommen hat. Die Argumentation bleibt jedoch dieselbe.

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