Leseprobe
Hauke Burgarth Von Freundschaft, Freaks und Fragezeichen
Leseprobe
Leseprobe
Hauke Burgarth
VON FREUNDSCHAFT, FREAKS UND FRAGEZEICHEN Überraschend Aktuelles aus der Bibel
Leseprobe
Inhalt Alltäglich
10
Funkstille
14
Gescheitert?
20
Alles, nur kein Sex
26
Wolfsstunde
32
Loslassen
38
Brüder für immer
44
Die lustige Witwe
50
Du schaffst das!
56
Tinder-Kinder
62
Berührt
68
Rien ne va plus
74
Gegeben und vergessen
80
Ich doch nicht
86
5
Leseprobe
Bruder des heiligen Alltags
92
Revolution
98
Überzeugend
104
Quotenfrau
110
Zwischenfälle
116
Warum ausgerechnet ich?
122
Sensationell
128
Personen aus der Bibel
134
Bibelstellen
136
Schlagworte
138
Vom Geschichtenerzählen
141
Dialog
143
6
Leseprobe
Alltäglich
Leseprobe
Alltäglich Wer in seiner Bibel nur Heilige findet, der hat noch nicht hineingeschaut. Tatsächlich ist das Personal darin erfrischend lebendig und erschreckend normal. Trotzdem begegnen sich in ihren Geschichten Himmel und Erde. Und Menschen spüren, dass auch sie in diesen biografischen Erzählungen vorkommen und Raum darin haben, weil sie dem eigenen Leben und Erleben irgendwie ähneln. Sie finden darin Hilfe, Trost und Orientierung. Durch den zeitlichen Abstand wird das allerdings weniger. Manche Handlungen und Haltungen sind heute erklärungsbedürftig, andere kaum mehr nachvollziehbar. Unsere Lebenswelt unterscheidet sich krass von der damaligen, von den Menschen, die zur Zeit von Jesus leben – und erst recht von denen, die im ersten Teil der Bibel vorkommen. Willst du ihnen trotzdem begegnen? Eine Möglichkeit, das zu tun, ist, dass du diese alten Geschichten liest und versuchst, sie anschließend auf dein eigenes Leben anzuwenden. Ein paar Hintergrundinformationen sind hierbei wertvoll und du kommst damit zu hilfreichen Ergebnissen. Viele gehen so vor und es funktioniert. Das Problem dabei ist, dass manchen Storys dadurch die Echtheit und das Leben fehlt. Ein altisraelischer König bleibt dabei seltsam blutleer oder noch schlimmer: Er wirkt nur noch blutrünstig. Permanent bist du dabei zu überlegen, was an einer Geschichte für heute und für dich Relevanz hat. Darüber dann auch noch mit anderen ins Gespräch zu kommen, ist erst recht nicht so einfach …
10
Leseprobe
Ich versuche es deshalb einmal andersherum: Ich lasse die Bibeltexte Geschichten bleiben und hole sie samt ihrer Personen in die Gegenwart. Da ist einiges ausgeschmückt und manches weggelassen. Geschenkt. Aber die Männer und Frauen der Bibel fangen wieder an zu atmen, wenn sie ihren alten Herausforderungen in unserer heutigen Zeit begegnen – genauso wie du. Die kurzen Begegnungen mit bekannten und weniger bekannten Personen aus der Bibel sind kein Ersatz fürs Original. Sie können maximal eine Brücke dorthin bauen. Deshalb sind sie auch nie „auserzählt“ und am Ende jedes Abschnitts steht ein Textverweis auf die ursprüngliche und vollständige Geschichte zum Weiterlesen, Überlegen und Diskutieren. Du kannst die Kapitel allein für dich betrachten, dich darüber freuen, ärgern und nachdenken. Noch besser ist es, wenn du sie mit Freunden und Bekannten zusammen besprichst, vielleicht in einer Kleingruppe deiner Kirche oder Gemeinde. So entfalten die Storys eine ganz eigene Dynamik. Am Ende jedes Kapitels stehen ein paar Fragen, die dir oder euch als Gruppe dabei helfen können, tiefer einzusteigen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Im Anhang kannst du außerdem nachschauen, wo welche Person oder ein bestimmtes Thema vorkommt. Und jetzt lass dich überraschen von den Normalos und Held:innen der Bibel, wenn sie in deiner Nachbarschaft unterwegs sind. Höre ihnen zu, wenn sie von Freundschaft, Freaks und Fragezeichen erzählen. Ich wünsche dir inspirierende Begegnungen Hauke
11
Leseprobe
Funkstille
Leseprobe
Funkstille „Was hast du gesagt?“ Ärgerlich schaut er seine Frau an. „Eine Weihnachtskarte? Für meinen Bruder?“ Sein gedachtes „Nein“ steht dröhnend im Raum, dann zuckt er die Schultern und sieht sie fast verlegen an: „Du weißt, wir reden schon ewig nicht mehr miteinander.“ Gleichzeitig überlegt er: Muss das eigentlich so bleiben? Erst ist es nur ein kurzer Gedanke. Doch er wird ihn nicht mehr los: Seit diesem Jahr bin ich im Ruhestand. Mir geht es gut. Ich habe alles. Meine Familie ist ein wunderschönes Geschenk. Und jetzt habe ich auch noch mehr Zeit, um mich in der Kirche zu engagieren. Die war mir immer wichtiger als … Schon wieder sein Bruder. Sie waren fast gleichaltrig, aber doch wie Feuer und Wasser. Klar hatten sie auch gute Zeiten miteinander erlebt, aber er erinnert sich hauptsächlich an Konkurrenz, Missverständnisse und Streit. Sein Glaube an Gott, den er schon früh für sich entdeckte, erschien dem Bruder immer verdächtig. Nicht, dass der nicht geglaubt hätte, aber irgendwie anders: lauter, aktiver, selbstbewusster. Und irgendwann verkrachten sie sich endgültig. Eigentlich waren sie schon daheim ausgezogen, aber als Vater im Sterben lag, kamen sie beide. Kaum war er tot, ging der Streit erst so richtig los. Die alten Probleme brachen wieder auf – und neue wegen des Erbes kamen dazu. Ich fühle die Angst von damals noch, denkt er erschreckt. Denn ehrlich verhielt er sich beim Teilen der väterlichen Hin-
14
Leseprobe
terlassenschaft nicht. Und so ging er seinerzeit, ohne einen einzigen Blick zurückzutun. Zweiunddreißig Jahre alt war er damals. Und zweiunddreißig Jahre ist das jetzt her. Sein halbes Leben … Ganz langsam greift er zu seinem Handy. Er hat die Nummer seines Bruders, irgendwann hat er sie einmal herausgesucht. Natürlich hat er sie nie angerufen, aber vielleicht schreibt er ihm einfach eine SMS? „Hallo. Ich bin’s. Was meinst du, könnten wir uns mal treffen?“ Absenden. Er ärgert sich plötzlich, dass er die Nachricht sofort abgeschickt hat. Wieso hat er nicht gründlicher überlegt? Was, wenn sein Bruder nie antwortet? Oder noch schlimmer: Wenn er es tut? Kling! „Ja, einverstanden. Wann und wo?“ Irgendwie sind wir beide nicht so die Meister der Worte, denkt er. Aber er freut sich über die Antwort. Er schlägt ein gutes Restaurant auf halbem Weg zwischen ihren Wohnorten vor. „Bis morgen dann.“ – „Bis morgen.“ Seine Frau lächelt so fröhlich, wie er es schon lange nicht mehr gesehen hat. Und er? Bekommt abends keinen Bissen herunter. Und als er sich nach dem Fernsehkrimi ins Bett legt, halten ihn die Gedanken wach: Er will mich gar nicht sehen. Er will sich rächen. Für damals. Wie konnte ich nur so dumm sein!
15
Leseprobe
Er wälzt sich die ganze Nacht hin und her. Als er morgens schweißgebadet aufsteht, verdreht er sich auch noch den Fuß. Ha, denkt er, jetzt hätte ich sogar eine Ausrede, nicht fahren zu müssen. Doch trotz Müdigkeit kann er schon über sich selbst lachen: Wir sind zwei alte Männer. Was sollte er mir antun? Gleich nach dem Frühstück setzt er sich in seinen BMW, gibt die Adresse des Restaurants ins Navi ein und fährt los. Beim Pfeifengeschäft an der Ecke hält er noch einmal kurz. „Haben Sie Trinidad-Havannas?“ Er kauft ein Kistchen der früheren Lieblingszigarren seines Bruders und bezahlt ein kleines Vermögen dafür. Dann stellt er sie auf den Beifahrersitz und fährt weiter. Verkrampft hält er das Lenkrad fest. Der nächtliche Kampf ist noch nicht ausgekämpft. Mal fragt er sich: Warum habe ich nicht noch ein, zwei Jahre gewartet mit dem Treffen? Dann wieder: Wieso musste erst mein halbes Leben vergehen, damit ich diese Strecke zu ihm fahre? Ich habe mich doch immer für den Frommeren von uns beiden gehalten. Und spricht die Bibel nicht ganz oft von Umkehr, Neuanfang und Versöhnung? Kurz blitzt der verlorene Sohn vor seinem inneren Auge auf. „Aber meine Situation ist eine völlig andere“, ruft er dem ahnungslosen Golffahrer vor sich zu. Gut, dass der ihn nicht hört. Erst scheint ihm der Weg endlos lang, doch erschreckend schnell ist das Ziel erreicht und er biegt auf den Parkplatz des Restaurants ein. Viertel vor zwölf. Wahrscheinlich bin ich noch vor ihm hier.
16
Leseprobe
Er betritt das Restaurant, hängt seinen Mantel an die Garderobe und macht sich mit den Zigarren unter dem Arm auf den Weg in den Speiseraum. Da durchzuckt ihn der Gedanke: Und wenn er nicht kommt? Wenn ich ihn nicht erkenne? Dann sieht er bereits den älteren Mann, der ein bisschen so aussieht wie er selbst. Der ihn fixiert und dann aufsteht. Der die Arme ausbreitet, lächelt und sagt: „Was bin ich froh, Jakob.“
… Manchmal dauert es erschreckend lange, bis wir realisieren, dass Versöhnung der einzige Ausweg aus dem Teufelskreis von Verletzung, Stolz und Vergeltung ist. Das ist schon in der Urversion dieser Geschichte so, wo sich Jakob und Esau nach 32 Jahren wieder begegnen. Du findest sie in 1. Mose, Kapitel 32–33. Dein eigener Zugang zur Geschichte: → Fallen dir ähnliche Situationen aus deinem eigenen Leben ein? → Woran liegt es wohl, wenn die „guten Gründe“, die es einmal für eine Trennung gab, keinen Bestand haben? → Ist Versöhnung immer möglich? Wann kann es sinnvoll sein, nicht wieder auf andere Personen zuzugehen? → Was für eine Rolle könnte es spielen, selbst angeschlagen zu sein, wenn du vor einer schweren Begegnung stehst?
17
Leseprobe
Gescheitert?
Leseprobe
Gescheitert? „Hast du schon gehört: Willy ist gestorben.“ „DER Willy?“ „Ja, DER Willy.“ Harald stellt die Tasse ab und schaut Sabine über den Frühstückstisch hinweg an. Sonntag ist ihr gemeinsamer Tag. Da schlafen sie aus, so lange es sie als Frühaufsteher im Bett hält, und gegen acht sitzen sie zusammen im Wintergarten am Tisch. Zwischen ihnen dampft der Kaffee, und die Croissants warten darauf, buttrig im Mund zu zerfallen. Es ist ein schönes Ritual für sie beide. Mal reden sie angeregt über den letzten Besuch bei Susan und Bernd, mal hängen sie ihren eigenen Gedanken nach und schauen dabei in den Urwald hinter ihrem Haus, der da ist, wo die Nachbarn ihren Garten haben, und mal werfen sie sich einfach Wortfetzen und Eindrücke zu. Es ist wie ein Ballspiel. Manche bleiben bald am Boden liegen und werden auch nicht wieder aufgenommen, andere sind eine ganze Weile zwischen ihnen unterwegs. Wie das Reden über Willy. Sabine schaut nur fragend und Harald sagt: „Ich habe Conny beim Bäcker getroffen. Sie wohnt doch im Haus nebenan. Heute Nacht ist sie vom Rettungswagen wach geworden. Es heißt, dass er einen Herzinfarkt hatte – er hat es nicht geschafft.“ „Wollte er nicht diese Woche sein Begegnungszentrum eröffnen?“
20
Leseprobe
„Ja, nächsten Sonntag.“ „So knapp“, meint Sabine versunken. Den ganzen Tag über ertappen sich beide dabei, dass ihre Gedanken zu Willy abdriften: Eigentlich ist das unfair. Er hat sich so stark für andere eingesetzt. Was wohl jetzt aus seinem Herzensprojekt wird? Am Donnerstagnachmittag ist die Trauerfeier in der Kirche des Städtchens angesetzt. „Ich glaube, wir sind nicht die Einzigen, die sich freigenommen haben“, meint Harald auf dem Hinweg. Tatsächlich kommen aus allen Richtungen Menschen angelaufen, und die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. „So viele waren noch nicht mal an Weihnachten hier“, flüstert Sabine. „Tja, das ist Willy“, antwortet ihr Mann, während die Orgel zum Eingangsstück ansetzt. „Liebe Trauergemeinde“, begrüßt sie Pfarrer Bergmann mit seinem volltönenden Bass, „wir sind heute“ – er holt kurz Luft und betont das nächste Wort – „zahlreich zusammengekommen, um uns von Wilhelm König zu verabschieden.“ Und dann erzählt er von ihrem Willy, was sie alle wissen, und auch das, was die Wenigsten mitbekommen haben. Er spricht von seinen Eltern, die ihn zur Adoption freigeben mussten, von seiner Kindheit und Jugend im Haus einer reichen Unternehmerfamilie. Dort begann er nach seinem Studium mitzuarbeiten und fast wäre er damals in die Firmenleitung gekommen, „wenn es nicht zu diesem dramatischen Zwischenfall gekommen wäre“. Jetzt hören alle zu, denn diesen Teil von Willys Biografie kennen nicht viele.
21
Leseprobe
„Willy geriet in Streit mit einem der Vorarbeiter in der Firma; der Mann war dafür bekannt, dass er seine Mitarbeiter schikanierte. Am Ende des Tages lag er mit einer schweren Gehirnerschütterung im Krankenhaus, und Willy war auf der Flucht. Der Vorarbeiter erzählte etwas von ‚gewalttätig ohne jeden Grund‘, aber er erstattete nie Anzeige. Jahrzehntelang war Willy in der ganzen Welt unterwegs, hauptsächlich in Afrika. Dort heiratete er und seine Söhne wurden geboren. Früher war er ein echter Hitzkopf – das legte sich im Laufe der Zeit, aber für Gerechtigkeit und andere Menschen setzte er sich immer noch ein.“ Dann berichtet Bergmann das, was alle miterlebt haben. Dass Willy irgendwann wieder da ist, sich an vielen Stellen im Ort einbringt und, als immer mehr Geflüchtete aus Afrika und dem Nahen Osten ankommen, lautstark verkündet, etwas tun zu wollen. „Ich war da, wo diese Menschen herkommen“, erklärt er. „Ich weiß, wovor sie fliehen.“ Für viele im Ort ist er damit ein Störenfried, einige weisen abfällig auf seine Vergangenheit oder seine Schwarze Frau hin. „Aber Willy hatte Sendungsbewusstsein“, tönt Pfarrer Bergmann, „und er versammelte Menschen um sich, die ihn unterstützten. So entstand die Idee zum Begegnungszentrum, das nächsten Sonntag eröffnet wird. Es war Willys Herzensanliegen, dass hier ein Raum entsteht, in dem alle einfach ‚sein‘ dürfen, egal welche Hautfarbe sie haben, woran sie glauben oder welche Schulbildung sie haben.“ Er fährt fort: „Willy muss geahnt haben, dass er das Begegnungszentrum nicht mehr selbst erleben wird, denn auf seinem Nachttisch lag dieser kleine Zettel hier mit dem Bibelvers: ‚Du darfst nur hinüberschauen in das Land, das ich den Israeliten geben werde. Hineinkommen wirst du nicht.‘“
22
Leseprobe
Als Sabine und Harald nach der Beerdigung heimgehen, sind sie sehr still. Sie kommen an dem Begegnungszentrum vorbei, das bereits für die Eröffnungsfeier dekoriert wird. Sabine nimmt ihren Mann fest bei der Hand. „Ich habe noch niemanden kennengelernt, der so krachend gescheitert und dabei gleichzeitig so sehr an seinem Ziel angekommen ist“, meint sie.
… Die wenigsten Menschen leben stringent in eine Richtung. Zu ihrem Dasein gehören Auswege, Umwege und Abwege. Wenn sie dann schließlich so etwas wie ihre Lebensberufung gefunden haben, kann es sein, dass ihre Zeit nicht mehr ausreicht, sie zu verwirklichen. So war es bei Mose, von dem die Idee zu dieser Geschichte stammt. Streng genommen hat er sein Ziel nicht erreicht, dem eigenen Volk wieder eine Heimat zu geben, aber eigentlich hat er mehr geschafft, als er sich je vorgenommen hatte. Seine „Todesanzeige“ steht in 5. Mose, Kapitel 34 – zu ihrem Verständnis gehört allerdings seine gesamte Lebens geschichte, die vor allem in 2. Mose erzählt wird. Dein eigener Zugang zur Geschichte: → Wie definierst du für dich selbst, dass du etwas „geschafft“ hast? → Was für eine Grabinschrift wünschst du dir? „Hier ruht …, der/die sein Leben dafür eingesetzt hat …“ → Wenn du irgendwo Verantwortung trägst: Bist du ersetzbar? Baust du jemanden auf, der deine Arbeit weiterführen kann? → Wie gehst du damit um, wenn du merkst, dass du ein wichtiges Lebensziel nicht mehr erreichen wirst?
23
Leseprobe
Alles, nur kein Sex
Leseprobe
Alles, nur kein Sex Einen Moment lang fühlt sich Mona wie im falschen Film. Wie in einem dieser unsäglichen Melodramen, die sie nie freiwillig anschauen würde. Das Problem ist nur: Das ist die Realität. Und es ist Caro, die gerade vor ihr in Tränen ausgebrochen ist, nachdem sie stockend herausgebracht hat: „Mama, ich bin schwanger.“ Okay – tief durchatmen. Mona sieht ihre Tochter an und weiß: Caro wartet auf eine Reaktion. Und zwar jetzt! Am liebsten würde sie erst einmal eine Stunde spazieren gehen und anschließend nachlesen, was das große Handbuch zur Teenager-Erziehung, was sie nicht besitzt, dazu sagt. Stattdessen nimmt sie sie fest in den Arm und sagt ihr einfach: „Ich liebe dich, mein Mädchen!“, während auch ihr die Tränen übers Gesicht laufen. Es folgen intensive Stunden, in denen Mona mit ihrer 17-Jährigen redet, sie fragt, erklären lässt, wo sie gemeinsam weinen und lachen und sich immer wieder in den Armen liegen. Nach dem ersten Schlucken ist es der Mutter klar: Ihre Tochter hat keine lebensbedrohliche Krankheit, sie ist „nur“ schwanger. Trotzdem wird die nächste Zeit viel von ihnen beiden abverlangen – vor allem von Caro. Irgendwann fasst die in Worte, was auch Mona schon eine Weile durch den Kopf geht: „Mama, was werden sie in der Gemeinde dazu sagen?“ Dabei geht es ihr nicht darum, dass Einzelne eine dumme Bemerkung machen könnten – okay: natürlich meint sie das auch, aber in erster Linie geht es um das, was Caro so ausdrückt: „Muss ich jetzt austreten? Jedem alles erklären und Buße tun?
26
Leseprobe
Ganz schnell den Vater heiraten? Darf ich darüber nachdenken, ob ich das Kind austragen will? Bin ich jetzt die Ehebrecherin der Gemeinde? Das schlechte Vorbild, das keinen Kindergottesdienst mehr halten darf?“ Wow, denkt Mona, genau auf die Zwölf! Seit Jahren schon besuchen die beiden eine Freikirche am Ort, wo sie sich wohlfühlen, immer wieder Gott erleben und Freunde gefunden haben. Diese Gemeinde ist ein Ort der Gnade, solange es nicht – und das haben sie auch schon mitbekommen – um Sex geht. Irgendwelche Probleme oder abweichenden Meinungen darf es bei diesem Thema scheinbar nur im Rückspiegel geben: „Früher habe ich hier gesündigt, aber jetzt hat Gott mich verändert …“ „Lass dir noch ein bisschen Zeit“, schlägt Mona vor. „Erst einmal musst du dich selbst sortieren. Und dann kannst du dir überlegen, was du wem sagen willst.“ Sie grinst: „Irgendwann kriegen sie es auf sowieso mit.“ Drei Wochen später ist es so weit. Caro hat sich inzwischen dazu entschieden, das Kind zur Welt zu bringen. Vieles andere ist noch offen, aber diesen Sonntag beginnt sie, den ersten davon zu erzählen: „Bei mir wird es demnächst übrigens größere Veränderungen geben …“ Auf dem Heimweg nehmen die beiden Frauen wie so oft Karl mit, der in ihrer Straße wohnt und mit seinen 83 Jahren kein Auto mehr fährt. Früher war er einer, der genau wusste, wie man als Christ leben muss, und es auch ungefragt verkündet hat, wenn jemand aus seiner Sicht falsch lag. Doch das war früher. Jetzt hockt er auf dem Beifahrersitz und druckst etwas
27
Leseprobe
herum, bevor es schließlich sehr bestimmt aus ihm hervorbricht: „Ich wollt euch nur sagen, dass ich auch ein böser Bub war.“ Irritiert schauen Mona und Caro erst sich und dann ihn an. „Was meinst du?“ „Ei, wie ich gesagt hab: Ich war auch ein böser Bub gewesen. Als ich meine Thea kennengelernt hab, war die Gemeinde noch ganz anders drauf gewesen als heute. Damals durfte man noch nicht mal befreundet sein: Entweder hatte man nichts miteinander zu tun oder man war verlobt, dazwischen gab es fast nichts.“ Nun wird er deutlicher: „Wir hatten aber schon was miteinander – und Thea ist schwanger geworden. Nun musste es sehr schnell gehen, damit nicht alle reden, und wir haben direkt geheiratet.“ Karl wird still – sie lassen ihn schweigen. „Aber meine Frau hat das Kind verloren. Niemand hat etwas mitbekommen. Als dann ein Jahr nach der Hochzeit unser Ältester zur Welt kam, hat alles wieder gepasst.“ Er schüttelt den Kopf: „Bis jetzt weiß das fast keiner, aber als ihr heute von dem Kind erzählt habt, wusste ich, dass ich euch das sagen will. Ich wäre mir wie der größte Heuchler der Welt vorgekommen, wenn ich es für mich behalten hätte. Es geht doch nicht darum, ob man erwischt wird oder nicht.“ „Danke“, lächelt Caro, „das bedeutet mir sehr viel.“ „Is doch wahr“, meint Karl nur trocken.
…
28
Leseprobe
Als beim Laubhüttenfest ein Pärchen in flagranti erwischt wird, zerren die Sittenwächter die Frau vor Jesus. Aufregung und Empörung sind groß. Du findest die Geschichte im Johan nesevangelium, Kapitel 8, Vers 1–11. Sie wird erzählt, ohne die Frau beim Namen zu nennen und die näheren Umstände zu erklären, es geht auch weniger um sie als vielmehr darum, dass Gnade bei einem Aufreger-Thema wie Sex nicht aufhört. Dein eigener Zugang zur Geschichte: → Als die Gesetzeslehrer die Frau vor Jesus bringen, beziehen sie sich auf 5. Mose, Kapitel 22, Vers 22–24. Schau dir den Text einmal an. Fällt dir etwas auf? → Gibt es Menschen und Situationen, mit denen du barmherziger umgehst als mit anderen? Woran könnte das liegen? → Die Geschichte gibt Sündern, Anklägern und vor allem Gott ein Gesicht. Welches? → Was sagt die Geschichte dieser Frau über Vergebung aus – damals wie heute?
29
Leseprobe
Wolfsstunde
Leseprobe
Wolfsstunde Wie angeknipst liegt er wach im Bett. Michael seufzt kurz und wirft dann einen Blick aufs Handy neben sich: Halb vier. Schon wieder. Diese Woche ist es das dritte Mal, dass er um diese schreckliche Uhrzeit aufwacht – und es ist erst Mittwoch! An Schlafen ist nicht mehr zu denken, das ist Michael völlig klar, denn obwohl er schlagkaputt ist, hüpfen die Gedanken in seinem Kopf von der ersten Sekunde an bereits wie Popcorn in der Pfanne: Was steht am Morgen im Büro an? Hat er das Mitarbeitergespräch schon fertig vorbereitet? Wann sind die Abrechnungen an die Krankenkasse fällig? Wird die Autoreparatur ihres neuesten Dienstwagens bezahlbar werden? Wird das Geld diesen Monat reichen, um alle Gehälter auszuzahlen? Auch sein eigenes? Oder muss er wieder einmal mit der Bank verhandeln? Während Michael sich von einer Seite auf die andere wälzt und versucht, nicht auch noch seine Frau Svenja zu wecken, denkt er darüber nach, was gerade in ihm passiert: „Blöde Hormone“, flüstert er vor sich hin. Als gelernter Krankenpfleger weiß er, dass um diese Uhrzeit das Schlafhormon besonders stark wirkt und alles, was seine Stimmung aufhellen könnte, kaum vorhanden ist. Die Folge ist, erklärt er sich selbst, dass ich beim zufälligen Aufwachen direkt in eine Minidepression abstürze und mich so fühle, wie ich mich jetzt gerade fühle. – Wolfsstunde heißt diese Zeit, weil da früher höchstens die Wölfe unterwegs waren. Vielleicht auch, weil einem dabei zum Heulen zumute ist. „Und was bringt mir dieses Wissen?“, fragt er wütend sein Handy, das inzwischen viertel nach vier zeigt.
32
Leseprobe
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG zu gewinnen, ist untersagt. © 2024 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten Gesamtgestaltung und DTP: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de, unter Verwendung eines Bildes © Diana Vasileva (shutterstock.com) Lektorat: Marco Michalzik, Marburg Verwendete Schrift: Mr Dodo, Minion Gesamtherstellung: Finidr, s.r.o., Český Těšín Printed in Czech Republic ISBN 978-3-7615-7010-4 Print ISBN 978-3-7615-7011-1 E-Book www.neukirchener-verlage.de