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Kathrin Oxen Worte leben


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K AT H R I N OX E N

Wo r te l eb en E I N J A H R E S B E G L E I T E R Z U D E N W O C H E N S PRÜ C H E N M E D I TAT I O N E N U N D G E B E T E


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG zu gewinnen, ist untersagt. Sämtliche Bibelverse sind, soweit nicht anders angegeben, entnommen aus: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. © 2024 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Miriam Gamper-Brühl, www.3Kreativ.de, Essen unter Verwendung eines Bildes © Shutterstock/maeik Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim DTP: Lieverkus.Media, Wuppertal Verwendete Schriften: Adobe Garamond, Cronos Pro Gesamtherstellung: Drukarnia Dimograf Sp. z o.o., Bielsko-Biała Printed in Poland ISBN 978-3-7615-7008-1 www.neukirchener-verlage.de


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Inhalt

Worte leben ..............................................................................................

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Beleuchtet – die Advents- und Weihnachtszeit .......................................

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Erster Sonntag im Advent ..................... ..................................................... Zweiter Sonntag im Advent ....................................................................... Dritter Sonntag im Advent .. ....................................................................... Vierter Sonntag im Advent ........................................................................ Erster (und zweiter) Sonntag nach dem Christfest .............................. ..................................................... Erster Sonntag nach Epiphanias ............ ..................................................... Zweiter Sonntag nach Epiphanias ......... ..................................................... Dritter Sonntag nach Epiphanias .. .............................................................. Letzter Sonntag nach Epiphanias .......... .....................................................

12 16 18 20 22 26 28 30 32

Dazwischen – die Sonntage vor der Passionszeit . .................................... 35 Fünfter Sonntag vor der Passionszeit . . ... ..................................................... 36 Vierter Sonntag vor der Passionszeit ..... ..................................................... 38 Septuagesimä (Siebzig Tage vor Ostern) . .................................................... 40 Sexagesimä (60 Tage vor Ostern) .......... ..................................................... 42 Estomihi . . . ............................................ ..................................................... 44 Vertieft – die Passionszeit ......................................................................... 47 Invokavit .. ............................................. ..................................................... Reminiszere .. ......................................... ..................................................... Okuli . . . . . . . . .................................................................................................. Lätare .. . . . . . .................................................................................................. Judika .. . . . . . .................................................................................................. Palmsonntag . . ....................................... .....................................................

48 50 52 54 56 58


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Belebt – die Osterzeit . .............................................................................. 61 Osterfest ........................................... ......................................................... 62 Quasimodogeniti . . ..................................................................................... 66 Miserikordias Domini ................................................................................. 68 Jubilate .............................................. ......................................................... 72 Kantate . . ........................................... ......................................................... 74 Rogate . ............................................. ......................................................... 76 Exaudi .. . ............................................ ......................................................... 78 Pfingsten . . ......................................... ......................................................... 80 Erfüllt – die Trinitatiszeit . . ........................................................................ 83 Trinitatis ........................................... ......................................................... 84 1. Sonntag nach Trinitatis ........................................................................... 86 2. Sonntag nach Trinitatis ........................................................................... 88 3. Sonntag nach Trinitatis ........................................................................... 90 4. Sonntag nach Trinitatis . . ......................................................................... 94 5. Sonntag nach Trinitatis ........................................................................... 96 6. Sonntag nach Trinitatis . . ......................................................................... 98 7. Sonntag nach Trinitatis ........................................................................... 100 8. Sonntag nach Trinitatis ........................................................................... 102 9. Sonntag nach Trinitatis . . ......................................................................... 104 10. Sonntag nach Trinitatis ......................................................................... 108 11. Sonntag nach Trinitatis . ......................................................................... 112 12. Sonntag nach Trinitatis . . ........................................................................ 116 13. Sonntag nach Trinitatis . . ........................................................................ 120 14. Sonntag nach Trinitatis .. ........................................................................ 124 15. Sonntag nach Trinitatis . . ........................................................................ 126 16. Sonntag nach Trinitatis ......................................................................... 128 17. Sonntag nach Trinitatis . . ........................................................................ 130 18. Sonntag nach Trinitatis .. ........................................................................ 132 19. Sonntag nach Trinitatis .. ........................................................................ 134


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20. Sonntag nach Trinitatis ......................................................................... 136 21. Sonntag nach Trinitatis . . ........................................................................ 138 22. Sonntag nach Trinitatis ......................................................................... 142 23. Sonntag nach Trinitatis .......................................................................... 144 Endlich –das Ende des Kirchenjahres ....................................................... 147 Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres .. ..................................................... 148 Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres .. .. ..................................................... 150 Letzter Sonntag des Kirchenjahres ............................................................. 152 Verwendete Bibelstellen . . ......................................................................... 155


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Worte leben Sie sollten eine Art Leitwort oder Leitbild für den Sonntag und die darauffolgende Woche sein: die Wochensprüche. Hinter ihrer Einführung im Jahr 1934 stand die Idee der sogenannten „Berneuchener Bewegung“. Ihr Anliegen war es, neu bewusst zu machen, welche Schätze in der liturgischen Tradition der Kirche zu entdecken sind. Diese Bewegung war getragen von der tiefen Überzeugung, dass es gut ist, den Gottesdienst nach vertrauten und eingeübten Ordnungen zu feiern. Und sie betonte: Auch das Jahr mit seinen wiederkehrenden Abläufen hat eine tief liegende, geistliche Ordnung. Christinnen und Christen erleben mehr als Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Sie feiern die Geburt, das Leiden und die Auferstehung Jesu. Staunend sehen sie in den Himmel, in dem Jesus verschwindet, und erfahren seine Anwesenheit neu und überraschend anders, wenn an Pfingsten der Heilige Geist zu ihnen kommt. Wie im Leben kommen dann auch Zeiten im Jahr, in denen es keine großen Feste mehr gibt, sondern einen Alltag, der gelebt und gestaltet werden muss. Auch Saat, Wachstum und Ernte sind mehr als landwirtschaftliche Vorgänge und immer ein Grund, um zu staunen und dankbar zu werden. Wenn das Jahr sich neigt, kommt die Zeit, das Ende zu bedenken und nach der Hoffnung über das Leben hinaus zu fragen. Das Kirchenjahr ist nicht das Kalenderjahr. Es beginnt bereits, wenn das Kalenderjahr gerade zu Ende geht. Wer darin lebt, lebt damit auch ein bisschen gegen die Zeit – und bewusster in ihr. „Die Wochensprüche wollen dazu anregen und anleiten, sich in einen Gedanken ganz tief und gründlich zu versenken“, schreibt ihr Erfinder, Wilhelm Stählin. Jeder Sonntag im Kirchenjahr hat ein Thema, das sich in Liedern und Bibeltexten entfaltet. Der Wochenspruch hilft dabei, es in die Woche mit hineinzunehmen. Denn die biblischen Worte wollen nicht nur gelesen oder gehört werden, sondern gelebt. Das war in der Entstehungszeit der Wochensprüche, zu Beginn des nationalsozialistischen Regimes, von existenzieller Bedeutung. Sie waren eine Hilfe dabei, sich angesichts der Machtansprüche des Staates am Wort Gottes zu orientieren und darin einen Halt zu finden. Schon ab 1934 wurden sie auch ein fester Bestandteil der Herrnhuter

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­ osungen. Wie überzeugend die Idee eines Wochenspruchs damals war, lässt L sich auch daran ablesen, dass es ab 1937 den von der nationalsozialistischen Propagandaleitung herausgegebenen „Wochenspruch der NSDAP“ gab. Heute, neunzig Jahre nach der Erfindung der Wochensprüche, leben wir in einer ganz anderen Welt als damals. Doch das Bedürfnis nach Halt und Orientierung ist wieder größer geworden. Die Krisen und Konflikte der vergangenen Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Wir leben als glaubende Menschen in dieser Welt und in dieser Zeit, aber weder weltfremd noch zeitlos. In den Auslegungen der Wochensprüche klingen immer wieder biblische Themen an, die auch unsere Themen sind: Unterdrückung und Freiheit, Krieg und Frieden, Macht und Ohnmacht. Wie lebt man als Christin und Christ in dieser Welt? Wie gehen wir getröstet und trotz allem zuversichtlich durch das Jahr und die Zeit? Die Wochensprüche sind Worte aus der Bibel, die dazu einladen, diese persönlichen Fragen gründlich zu durchdenken. Die Auslegungen in diesem Buch können auf verschiedene Weise genutzt werden: zur Einstimmung auf den Gottesdienst am Sonntag, als persönliche geistliche Begleitung durch die Woche oder für wöchentliche Andachten zu unterschiedlichen Gelegenheiten. Ein Register der verwendeten Bibelstellen im Anhang hilft zur besseren Orientierung. In der Bibel stehen Worte, die leben – und uns zum Leben helfen. Dass Sie diese Erfahrung mithilfe dieses Buches selbst machen, wünsche ich Ihnen von Herzen. Ihre Kathrin Oxen

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Beleuchtet – die Advents- und Weihnachtszeit Es ist immer noch ein besonderer Augenblick, wenn die erste Kerze am Adventskranz angezündet wird. Sie ist nur die erste von vielen, die in der Zeit vor Weihnachten leuchten. Egal, ob echt oder elektrisch: Das Bedürfnis nach Licht ist an den kürzesten Tagen des Jahres besonders groß. Wie gut, dass das Licht von Weihnachten schon in den Wochen vor dem Fest aufscheint. In der allgegenwärtigen weihnachtlichen Beleuchtung ist es gar nicht zu übersehen. Die Adventszeit ist von Erwartung und Vorfreude geprägt, von weihnachtlicher Musik und Konzerten, von Plätzchen backen und Päckchen packen, von Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkten und natürlich auch vom Konsum Aber auch wenn der vorweihnachtliche Aktivismus seine Schattenseiten haben mag: Die meisten Menschen lieben diese Zeit des Jahres ganz besonders. Das Leben vor Weihnachten lebt sich in einem anderen Licht, mit einem anderen Ton und einem anderen Geschmack. Aber auch nach Weihnachten müssen nicht alle Kerzen entschlossen ausgepustet und das große Deckenlicht wieder angemacht werden. Weihnachten ist nach Weihnachten noch lange nicht vorbei. Auch die oft besonders nüchternen Januartage sind noch davon beleuchtet. Wenn die Weihnachtsdekoration längst wieder in die Kisten verstaut ist, ist der Glanz von Weihnachten noch lange nicht erloschen. Die Sonntage nach Weihnachten und nach dem Epiphaniasfest am 6. Januar bewahren etwas von diesem Glanz auf. Und erst 40 Tage nach Weihnachten, an Lichtmess am 2. Februar, geht die Weihnachtszeit wirklich zu Ende. Und zum Glück bleibt es dann abends schon spürbar länger hell.

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Erster Sonntag im Advent Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sacharja 9,9)

Sanft Je nach Jahreszeit ist ihr Fell glatt oder wollig. Besonders weich sind das ganze Jahr ihre Ohren. Wenn sie ihre Köpfe aus der Stalltür stecken, sieht es immer aus, als hielten sie Ausschau. Sie kommen, wenn man sie ruft. Mit ruhig atmenden Flanken drängen sie sich sanft an ihre Menschen. Sie lieben streichelnde oder striegelnde Hände auf ihrem Fell. Außerdem trockenes Brot, saftige Äpfel und Staubbäder. Sie entscheiden gern selbst, in welche Richtung sie gehen. Manche nennen das störrisch. Jeder hat seinen eigenen Platz an der Krippe. Bedächtig kauen sie dort ihr Heu. Sie sind genügsam, nicht gierig. Jetzt, im Advent, stecke auch ich den Kopf aus der Tür und halte Ausschau nach Freude, nach guten Nachrichten. Und manchmal fühle ich mich wie eine Eselin dabei. In Jerusalem haben es die Menschen damals genauso gemacht. Sie haben Ausschau gehalten nach einer anderen Wirklichkeit. Sie waren umgeben von Schutt und Asche. Es war das Leben nach einer Katastrophe damals in Israel. Ihr Land war erobert worden von feindlichen Truppen. Streitwagen und Kriegsrosse hatten es überfallen. Alle waren vertrieben worden. Dann konnten sie zurückkehren. Aber wie eine Heimat fühlte sich das Land nicht mehr an. Und vor allem die Stadt Jerusalem, die Tochter Zion, nicht. Sie hielten dort Ausschau nach einer besseren Zukunft, in der es wieder wie früher sein würde, ihr Leben, die Stadt und die Menschen, einfach alles.

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Und sie hatten einen bei sich, der konnte es sehen. Denn genau dafür braucht man Propheten. Sie sehen über den Rand der Gegenwart hinaus. Sie sehen, was noch nicht da ist. Und zwar einen König auf einem Esel. Kinder wuchsen zu dieser Zeit mit Eseln auf, kein Wunder: So sanft und wollig und mit ihren weichen Ohren eignen sie sich hervorragend als große, lebendige Kuscheltiere. Und weil sie so störrisch sein können, ist es bestimmt gut, sie schon eine Weile zu kennen, bevor man versucht, auf ihnen zu reiten. Wie ein Kind auf einem jungen Esel – so kommt der König im Bild des Propheten. Barfuß wahrscheinlich, mit einem Grashalm im Mund. Für die Menschen in Israel, die „Tochter Zion“, war das ein Gegenbild zu den Pferden mit ihren stampfenden Hufen und schnaubenden Nüstern vor den Streitwagen oder mit gepanzerten Kriegern auf ihrem Rücken. Unser König kommt anders, sagt ihnen ihr Prophet. Wie dieser Eselreiter soll unser König sein. Wir setzen auf Bescheidenheit. Wir tragen Lasten, und damit zeigen wir unsere Stärke. Wir sind genügsam auch in dürftigen Zeiten. Und wir halten störrisch wie die Esel an der Hoffnung fest, dass da etwas Neues kommt. Später, viel später hat sich Jesus von Nazareth einen Esel ausgesucht, um in die Stadt Jerusalem zu reiten. Ein passenderes Reittier gibt es nicht für ihn. Sanftmütig ist er, genügsam, ein Gerechter und ein Helfer. Und störrisch wie der Esel, auf dem er reitet. Ich stecke den Kopf in die Welt und halte Ausschau nach ihm. Denn jetzt ist es so weit: Die Freude kommt. Und sie reitet auf einem Esel, sanft und wollig, genügsam und störrisch.

Gebet Jesus, du König auf einem Esel, du kommst in diese Welt, um alle Erwartungen zu enttäuschen. Nicht die Mächtigen werden das Erdreich besitzen, sondern die Sanftmütigen. Lass uns daran festhalten, sanft und störrisch zugleich.

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Lied Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier? O Jesu, Jesu, setze mir selbst die Fackel bei, damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei. Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt als das geliebte Lieben, damit du alle Welt in ihren tausend Plagen und großen Jammerlast, die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast. Paul Gerhardt, Wie soll ich dich empfangen (EG 11,1+5)

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Zweiter Sonntag im Advent Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,28)

Erwartungsvoll Es gab Zeiten, in denen waren apokalyptische Vorstellungen etwas aus der Mode gekommen. Das Ende aller Dinge erwarten nur diejenigen, die sehr bedrängt sind von ihrer Gegenwart. Aber auch die vergangenen Jahre haben trotz ihrer vielen Krisen und ihrer beinahe mittelalterlich anmutenden Folge von Seuche, Krieg und Teuerung die Erwartungen auf das Ende aller Zeit nicht neu lebendig werden lassen. Dass es nur nicht noch schlimmer wird – die Zuversicht ist leise und bescheiden geworden. Und selbst diese Art von Hoffnung wurde enttäuscht. Wie kommt man damit zurecht? Meine Haltung war und ist oft nur: Augen zu und durch. Einen Schritt nach dem nächsten, einen Tag nach dem anderen bewältigen. Was noch alles kommt, weiß niemand. Und vielleicht ist es auch besser, es nicht zu wissen. Ich bin damit gar nicht so weit von den Menschen entfernt, für die Lukas seine Jesusgeschichte schreibt. Sie leben in einer Nachkriegszeit und unter einer fremden politischen Macht. Jeder Tag ist eine Herausforderung für sie. Und wenn sie ehrlich mit sich sind, glaubt niemand von ihnen mehr, dass da noch etwas kommt, auf keinen Fall etwas Schönes. Oder jemand, von dem so viel die Rede war, Jesus, der Menschensohn, der in Kraft und Herrlichkeit kommen sollte. Sie sind müde vom Warten geworden, erwartungsmüde. Aber jedes Jahr im Advent wird meine müde gewordene Erwartung aufgeweckt. Auf einmal gibt es ein Ziel in der Zeit, auf das ich hinleben kann: Weihnachten. Auch wenn es nicht immer so ist, dass ich Weihnachten kaum erwarten kann – die ganzen Vorbereitungen und die gut gefüllte Zeit bis zum Heiligen Abend schaffen trotzdem eine Art von Bewegung, in mir und in

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vielen anderen Menschen auch. Wir müssen bloß aufpassen, dass diese jahreszeitlich bedingte Erwartung nicht zu schnell zur Routine wird. Und wir den Blick nur auf das richten, was uns vor den Füßen ist und was bis zum 24. Dezember noch alles erledigt werden muss. Manchmal kommt es mir so vor, als verdecke die ganze adventliche Betriebsamkeit, dass es mit den größeren Hoffnungen und der Fähigkeit, etwas zu erwarten, nicht sehr gut bestellt ist. An alle Erwartungsmüden am Boden der Tatsachen schreibt Lukas: Seht auf, erhebt eure Häupter. Nehmt eine Erwartungshaltung ein, die ihren Namen verdient. Den Kopf hoch, den Blick nach oben, so als würdet ihr schon nach dieser einen Wolke am Himmel suchen. Jesus kommt. Und das ist nicht nur sein Pflichtbesuch zu Weihnachten, sondern die Kraft, die die ganze Welt verändert. Macht lieber ein bisschen weniger Aufhebens um dieses und die nächsten Weihnachten. Bleibt erwartungsvoll und erhebt euch – um einer größeren Hoffnung ins Gesicht zu sehen.

Gebet Wie schwer ist es manchmal, noch etwas zu erwarten, Gott: von anderen Menschen, von dieser Welt oder vom Leben. Lass nicht zu, dass uns die Erwartung ausgeht, richte du uns auf, damit wir dir entgegensehen.

Lied O klare Sonn, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern; o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein in Finsternis wir alle sein. Friedrich Spee, O Heiland reiß die Himmel auf (EG 7,5)

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Dritter Sonntag im Advent Bereitet dem HERRN den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig. (Jesaja 40,3.10)

Glaubwürdig Johannes hat die Stimme in der Wüste gehört, seinem bevorzugten Aufenthaltsort. Hier einen Weg zu bereiten, hier eine Straße zu bauen, das wäre kein Problem für ihn. Johannes ist ein Mann wie ein Bulldozer. Er lebt nicht nur in der Wüste. Er lebt die Wüste, lebt mit seiner Bedürfnislosigkeit ihre Kargheit. Er kleidet sich in das, was die Wüste hergibt: Sein Gewand ist aus Kamelhaar, sein Gürtel aus Leder. Er ernährt sich hauptsächlich von Heuschrecken, seltener auch von wildem Honig. Ob er dabei gestochen wird, ist ihm wahrscheinlich egal. Außen wie innen ist Johannes kratzig und widerspenstig. Wie Kamelhaar auf der nackten Haut. So, als ob man eine Heuschrecke runterzuschlucken hätte. Als Bußprediger ist Johannes deswegen absolut glaubwürdig. Wer so lebt wie er, karg und bedürfnislos, kann mit allem Recht Forderungen an andere Menschen stellen. Und das tut er auch: Kehrt um und ändert euer Leben! Und hört endlich auf, euch immer hin- und herzuwinden. Das tun doch nur die Ottern und die Schlangen, diese glatten Wesen. Die Stimme, die Johannes der Täufer hört und zitiert, kommt aus einer anderen Zeit. Da lag Jerusalem in Trümmern, und das Volk Israel war im Exil. In dieser Situation brauchten sie eigentlich Trost und Zuspruch. Aber die Stimme des Propheten Jesaja erinnert das Volk Israel auf eine ungemütliche Art daran, dass sie mehr sind als die Opfer einer schwierigen politischen Lage. Sie sollen und können ihr Leben verändern, damit Gott wieder zu ihnen zurückkehren kann. Bereitet Gott den Weg – und sucht so auch für euch einen Weg. Auch wenn euch eure Lage ausweglos vorkommt: Macht es so, wie man in steinigem Gelände unterwegs ist, einen kleinen, vorsichtigen Schritt nach dem anderen. Bis ein Weg daraus wird.

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Diese Stimme spricht auch aus Johannes dem Täufer. So kratzig er von außen auch wirkt, seine Antworten auf die Frage: „Was sollen wir tun?“ sind überraschend sanft. Auch ihm geht es um die kleinen Schritte. Niemand muss sein Leben mit dem Bulldozer verändern. Denn es gibt doch etwas zwischen Alles oder Nichts, zwischen einem glatten Sich-Winden und der Anpassung und dem totalen Widerstand. Es gibt das wahre Leben auch im falschen, sogar viele wahre Leben im falschen. Wer zum Beispiel reich ist, muss nicht das letzte Hemd hergeben – aber eines. Wer satt ist, muss sich nicht den letzten Bissen vom Mund absparen – aber teilen. Und darauf vertrauen: Auch aus kleinen Schritten wird ein Weg.

Gebet Barmherziger Gott, es ist nicht leicht, sich wirklich zu verändern und glaubwürdig zu leben, Lass uns barmherzig sein mit uns selbst und mit unseren Kompromissen und Halbherzigkeiten. Aber lass uns auch nicht bleiben, wie wir sind. Fordere du uns heraus zu einem anderen Leben.

Impuls … und bräche nicht aus allen seinen Rändern aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern. Rainer Maria Rilke, aus: Archaischer Torso Apollos

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Vierter Sonntag im Advent Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! (Philipper 4,4.5b)

Vorfreudig Vor Freude nicht einschlafen zu können, ist ein Privileg der Kinder, wenn es nur noch ein paar Tage bis Weihnachten sind. Kribbelnde Vorfreude auf das, was am Heiligen Abend kommt, auf seine Wunder und Geheimnisse, auf die Überraschungen und Geschenke. Diese Vorfreude bricht aller elterlichen Strenge die Spitze ab. Wer vor Freude nicht einschlafen kann, den kann man nicht so konsequent, wie es gut wäre, wieder ins Bett schicken. Freude macht nun einmal wach und lebendig und setzt in Bewegung. Wann genau hat das eigentlich aufgehört? Wenn ich als Erwachsene vor Weihnachten nicht schlafen kann, dann geschieht das nicht beim Einschlafen, sondern in den unbarmherzigen frühen Morgenstunden, durchweht von den langen Listen all dessen, was bis zum 24. noch erledigt werden muss. Und kribbeln tut höchstens noch die Anspannung, ob auch alles so wird wie geplant und erhofft. Vorfreude, überhaupt Freude zu empfinden, das lässt sich schlecht verordnen. Und dann schreibt Paulus auch noch: „Freuet euch!“ Ich möchte das nicht mit Ausrufezeichen hören wie einen weiteren, besonders dick unterstrichenen Punkt auf meiner To-do-Liste. Was Paulus aber nicht weiter zu beeindrucken scheint, denn er schreibt es gleich noch einmal: „Freuet euch!“ Und dabei weiß ich doch, wie wenig Grund er selbst zur Freude hatte, als er das an seine Lieblingsgemeinde in Philippi schrieb. Dieser Brief ist vielleicht

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sein letzter. Er schreibt ihn als Gefangener und sein Schicksal ist ungewiss. Trotzdem ist er voller Freude. Weil er diese Freude nicht aus sich selbst hervorbringen muss. Sie kommt von woanders her, aus der tiefen Verbundenheit mit den Menschen in Philippi und ihren guten gemeinsamen Erfahrungen. Äußere Umstände können diese innere Freude nicht zerstören. Sie macht Paulus wach und lebendig – und sei es auch in einer Gefängniszelle. Das hilft mir, wenn ich mich in meinen ganzen vorweihnachtlichen Aktivitäten zu verfangen drohe: Ich muss die Freude nicht machen. Ich kann nur aufmerksam für sie sein und hoffen, dass sie mich aus aller Weihnachtsmüdigkeit und -routine herausreißt. Ich werde es schon merken, wenn ich vorfreudig werde, wach und lebendig. Paulus weiß auch, dass man manche Dinge mehrmals schreiben oder sagen muss, bis sie endlich im Herzen ankommen – den anderen und vor allem sich selbst. „Freue dich“, das sage ich mir. Und auch das, was Paulus gleich im nächsten Satz seines Briefes schreibt: „Sorgt euch um nichts“. Denn die Todo-Listen vergehen, die Anspannung auch. Weihnachten ist schon ganz nah. Und die Freude kommt zu mir.

Gebet Wir würden so gerne Freude machen können, Gott. Du siehst unsere Mühe damit und manchmal ist sie vergeblich. Dann überrasche du uns mit einer Freude von woanders her, mit der Freude, dass du uns entgegenkommst. Fülle uns mit dem, was nur du uns schenken kannst.

Impuls Willst du eine ewige Freude haben, o hänge dem an, der ewig ist. Augustinus

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Erster (und zweiter) Sonntag nach dem Christfest Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,14b)

Ausgepackt Wünsche werden manchmal enttäuscht. Weihnachten ist alle Jahre wieder auch das Fest der Enttäuschungen. Und Kindertränen zwischen zerknülltem Geschenkpapier gehören zu diesem Fest dazu. Es war nicht dabei, was ich mir so sehr gewünscht hatte. Das, was ich wollte, habe ich nicht bekommen. Als die Geschenke noch verpackt waren, war noch alles möglich, so schön und vielversprechend sahen sie aus. Aber nach dem Auspacken war es dann weder das eine noch das andere. Ein Gefühl, das auch Erwachsene kennen wenn sie darüber auch nur in seltenen Fällen in Tränen ausbrechen. Die Rede von der Herrlichkeit Gottes ist wie eine besonders schöne Verpackung. Sie weckt Erwartungen und beflügelt Wünsche. Die Sehnsucht, Gottes Herrlichkeit sehen zu können, erfüllt sich aber nicht. Selbst Mose, der mit Gott wie mit einem Freund reden konnte, muss sich an dem Berg in der Wüste mit dem Gesicht zu einer Felswand hinstellen, damit Gottes Herrlichkeit hinter ihm vorbeiziehen kann. Mit dem Gesicht zur Wand: Manchmal fühlt es sich so an, als stünden wir so da in diesen Tagen. Das bisschen Glanz und Herrlichkeit von Weihnachten ist schnell vorbei, die Geschenke weggeräumt, der Tannenbaum mit ein paar Lamettafäden daran aus der Wohnung geworfen. Und es ist noch lange Januar. Was wir sehen können, ist manchmal so, dass man sich selbst die Hände vors Gesicht halten möchte. Und höchstens ein bisschen durch die Finger

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schauen. Es geht nicht vorbei mit dem Krieg und den Krisen vor der Haustür und in der Welt. Wie geht es weiter? Die Frage schafft es mühelos von diesem Berg in der Wüste, an dem Mose mit dem Gesicht zur Felswand steht, bis zu uns. Die Welt sieht doch genauso aus wie vor Weihnachten. Da wurde oft gesagt, dass Gott in unsere Welt kommen würde. Und das war in einem gottverlassenen Nest am Rand des römischen Imperiums, am Rand der damals bekannten Welt, am Rand der Stadt und am Rand der Gesellschaft, in einem Stall in einer Krippe. Mit den gängigen Vorstellungen von Herrlichkeit passt das alles nicht zusammen. Wenn Gott zur Welt kommt, wird das Geschenk ausgepackt. Es ist wichtiger als seine Verpackung. Die Herrlichkeit versteckt sich unter ihrem Gegenteil: Da liegt Gott. Und ist ein Kind, in Windeln gewickelt. Was für eine Gnade und Wahrheit für das eigene Leben: Du musst nicht nur deinen Augen trauen. Es kann sogar besser sein, sie für einen Moment zu schließen. Denn es kommt nicht darauf an, wie etwas verpackt ist. Es kann sogar sein, dass sich die Herrlichkeit vor mir versteckt, dass sie wie hinter meinem Rücken an mir vorbeizieht. Und ich sie erst im Rückblick erkenne.

Gebet Verborgener Gott, dich mit eigenen Augen sehen, sicher sein, dass du da bist, das bleibt eine Sehnsucht für uns. Zeig uns, wie wir dich finden, wo wir dich nicht suchen, in den Augenblicken deiner Gegenwart in unserem Leben.

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Lied Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder. Mache mich einfältig, innig, abgeschieden, sanft und still in deinem Frieden; mach mich reines Herzens, dass ich deine Klarheit schauen mag in Geist und Wahrheit; lass mein Herz überwärts wie ein’ Adler schweben und in dir nur leben. Gerhard Tersteegen, Gott ist gegenwärtig (EG 165,1+7)

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Erster Sonntag nach Epiphanias Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. (Römer 8,14)

Ähnlich Wenn die aufregenden Stunden der Geburt vorüber sind, beginnt ein zartes Forschen in dem kleinen Gesicht. Wem sieht das Kind denn nun ähnlich? Es gab Zeiten, in denen man vermutete, dies sei aus biologischen Gründen zunächst immer der Vater. Weil er, wie man sich denken kann, grundsätzlich unsicherer sein muss, ob dieses Kind wirklich sein Kind ist. Längst ist durch Studien widerlegt, dass das wirklich so ist. Aber es hat sich gezeigt: Hier ist der Wunsch der Väter auch der Vater des Gedankens. Wer davon ausgeht, dass ihm das Neugeborene ähnlichsehen muss, entdeckt selbst in dem kleinen, ganz unfertigen Gesicht schon erste Ähnlichkeiten. Und versichert sich auf dieses Weise selbst: Dies ist mein Kind. Das macht die Beziehung stärker und sogar die gemeinsame Fürsorge der Eltern für ihr Kind. Genauso sieht Gott euch an, schreibt Paulus an die Christinnen und Christen in Rom. Wie ein glücklicher, leicht überwältigter und liebender Vater sucht Gott nach Ähnlichkeiten zu sich selbst bei euch. Es ist für Paulus sehr wichtig, dass es dabei nicht um Biologie geht. In den nächsten Abschnitten seines Briefes erläutert er es ausführlicher. Es gibt ein erwähltes Volk. Zu Israel hat Gott eine besondere Beziehung. Diesem Volk gehört Gottes erste große Liebe. Und Paulus hofft, dass es mit Gottes Liebe so ist wie mit der Liebe von Eltern zu ihren Kindern. Denn wer selbst diese Erfahrung gemacht hat, weiß: Wenn nur ein Kind da ist, dann kann sich niemand vorstellen, wie diese Liebe noch größer werden sollte. Aber wenn Geschwister dazu kommen, spüren es alle Väter und Mütter: Die Liebe wächst einfach weiter. Sie nimmt zu mit der Menge der Menschen, die man lieben kann. Und diese Liebe vergleicht auch nicht die ersten mit den weiteren Kindern. Bei menschlichen Eltern kann das manchmal vorkommen.

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Auch von dieser Angst der Kinder, nicht genug geliebt zu sein, weiß Paulus. Seitenlang redet er den Menschen in Rom diese Angst aus. Er hat sie noch nie gesehen, er kennt sie gar nicht und fühlt sich ihnen trotzdem so nah, als seien sie seine Geschwister. Es geht nicht um Fleisch und Blut dabei, sondern um den Geist, der sie miteinander verbindet. Dieser Geist soll ihnen alle Angst nehmen. Zuerst die Angst, nicht gut oder nicht geliebt genug zu sein. Damit sie sicher und frei werden und mit Gott so umgehen, wie man mit Eltern umgeht, die man liebt und die einen lieben. Und wenn Gottes Blick voller Liebe auf sie fällt, dann soll er Ähnlichkeiten finden. Eine Ähnlichkeit zu Gott selbst und zu Gottes Art, Menschen zu lieben.

Gebet Gott, dein Blick auf uns ist voller Liebe, du schaust nicht auf unsere Mängel, sondern auf unsere Möglichkeiten. Gib, dass wir dir darin ähnlich werden, wenn wir einander ansehen. Schenke uns einen liebevollen Blick.

Lied Liebe, die du mich erkoren, eh ich noch geschaffen war, Liebe, die du Mensch geboren und mir gleich wardst ganz und gar: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich. Johann Scheffler, Liebe, die du mich zum Bilde (EG 401,2)

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Zweiter Sonntag nach Epiphanias Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. (Johannes 1,16)

Überfließend Bei der Auswahl des Wochenspruchs ist man einen Vers weiter vorgerückt. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt. „Das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ (Johannes 1,17) Das war ein Spruch, der einschränkt und aufteilt und auch noch geeignet ist, einen Gegensatz zwischen Gottes Beziehung zu seinem Volk Israel und den ersten christlichen Gemeinschaften aufzumachen. Ein kleinlicher Gegensatz. Er entspricht nicht der Fülle von Gottes Liebe. Wie es mit dieser Fülle ist, davon erzählt die Geschichte von der Hochzeit in Kana. Dort haben sie auf einmal ein Luxusproblem. Erst war zu wenig Wein da und dann viel zu viel. Aus Wasch- und Spülwasser ist Wein geworden, etwa 600 Liter von gehobener Qualität. Die Hochzeitsgäste haben gar nicht so viel davon gemerkt. Sie waren alle schon angeheitert oder betrunken. Und niemand weiß, ob sie einen Unterschied in der Qualität des Weins noch bemerkt haben. Ob es ihnen überhaupt bewusst ist, wer dafür verantwortlich ist, dass das Fest nicht zu Ende geht? Niemand von ihnen muss auf dem Boden der leeren Weinbecher schon wieder in sein Alltagsgesicht blicken. Dieses Fest kann ewig weitergehen. Denn Jesus ist zu Gast auf dieser Hochzeit und hat dort sein erstes Wunder getan. Und das ist ein echtes Luxuswunder. Jesus zeigt sich. Er zeigt sich nicht zuerst den Mühseligen und Beladenen, sondern den Feiernden und Fröhlichen. Niemand ist hier krank oder einsam oder hungrig oder durstig gewesen und wird es nach Lage der Dinge auch nicht mehr werden. Denn jetzt ist die Zeit des Lachens und Tanzens. Das Lächeln der Braut, das Strahlen in den Augen des Bräutigams, das Paar beim Tanz umringt von seinen Gästen. Diese Hochzeit ist ein Fest, das den Alltag durchbricht. Ein

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Moment reiner Gegenwart, der die Anstrengung der Vorbereitungen ebenso vergessen sein lässt wie das Aufräumen am Morgen danach. Ein Moment, der lebendig bleiben wird in der Erinnerung, egal was die Zukunft bringt. Was für ein Fest! Eine Unterbrechung des Alltags, eine Erinnerung, wie das Leben sein kann, wie es manchmal auch ist abseits des Notwendigen und des Unvermeidbaren. Lachen und Tanzen erfüllen die Luft statt Weinen und Klagen. Mittendrin auf dieser Hochzeit ist Jesus, mitten in der Fülle des Lebens. Und er macht, dass die Fülle bleibt, mit diesem überflüssigen, überfließenden Wunder von dunkel leuchtendem Wein in den randvollen Krügen. Aus dieser Fülle möchte ich schöpfen, etwas davon abbekommen. Was Jesus da in Kana tut, ist wie ein Vorgeschmack auf ein Leben mit ihm. In diesem können wir großzügig wie überfließend sein, nicht nur mit dem Wein, sondern mit allem, vor allem mit der Liebe. So, wie es Gott auch ist.

Gebet Jesus, du zeigst uns, was ein Leben in Fülle bedeutet. Wir haben mehr zu erwarten vom Leben als nur unseren Alltag. Unterbrich du uns, gib du uns Zeichen, wo ein anderes Leben beginnt, erfüllt von deiner Nähe.

Lied Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier: ach, wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir! Gottes Lamm, mein Bräutigam, außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden. Johann Franck, Jesu, meine Freude (EG 396,1)

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