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Janina Crocoll begegnet


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Janina Crocoll

begegnet Biblische Geschichten und dein Platz darin


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Inhaltsverzeichnis Mir auf der Schliche – Einleitung – S. 7 Sichtbar – Hagar – S. 23 Eine Sprosse zu viel – Jakob – S. 33 Von Nähe – Mose – S. 43 Worüber man schweigt – Zacharias – S. 51 Über Zugehörigkeit – Thomas, Joseph, Hirtin – S. 59 Nicht existieren Zachäus – S. 69 Mit allem Dreck – Jünger – S. 79 Vom Umdrehen – Emmaus – S. 89 Klein werden – Paulus – S. 99 Zum Gruseln – Rahab – S. 111 Du für mich – Deborah – S. 121 Göttliche Arme – Gehasi – S. 133


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Mir auf der Schliche Sich selbst auf die Schliche kommen. Im Einklang mit sich, eigenen Gefühlen und Bedürfnissen handeln können. Entdecken, dass die eigene Geschichte in biblischen Erzählungen einen Platz erhält und Gott ein Gott ist, der in allem mit uns ist.


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Es war kalt, nass und traurig. Ganz gleich, mit welcher Person ich sprach, jede einzelne von ihnen schien große Schatten mit sich herumzutragen. Manche konnten die Gesichter der Schatten nicht benennen. Sie sagten Sätze wie „Ach, du weißt schon, es ist eben schwer.“ Oder sie spürten Bauchschmerzen, wo sie vorher keine hatten. Oder Müdigkeit. „Man macht eben weiter.“ Es war November 2020 und ich spürte diese Dunkelheit und Schwere auch. Mich machte es nachdenklich, dass so viele Menschen nicht benennen konnten, was diese dunklen Schatten in ihrem Leben waren. Dass so viele Menschen keine Verbindung zu sich hatten. Und dann begann ich Geschichten zu erzählen. Fragen zu stellen. Pausen zu schenken, in denen es um nichts anderes ging als um die eigene Seele. Und darum, wieder von Hoffnung umarmt zu werden, von Gott selbst.

SEHNSUCHT „Die zerbrechlichen Dinge werden ja extra in Zeitungspapier gewickelt- und um jedes Herz ist fürsorglich ein ganzer Mensch gepackt.“ SARAH BERGER-

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Ich glaube, dass wir als Menschen unser eigenes Zeitungspapier erst entwickeln müssen. Zumindest war das bei mir so. Dass ich ein Mensch bin, um den ich mich kümmern darf – das habe ich nicht immer verstanden. Wie kostbar mein Herz ist und wie wichtig – das lerne ich immer noch. Mein Name ist Janina. Ich freue mich über glutenfreie Waffeln, liebe Tee in schönen Tassen, tanze gern mit Kindern. Ich schreibe, um mich selbst und andere und Gott zu verstehen, und trage ein großes Paket an Sehnsucht in mir. Ich bin in meinem Leben schon häufiger umgezogen. Der größte Umzug folgte inmitten von der Coronapandemie, was verschiedene Prozesse zur Folge hatte: Ich habe mich von vielen lieben Menschen verabschiedet, ohne sie umarmen zu dürfen; habe eine berufliche Rolle aufgegeben, aber auch meine Kirche verlassen, die ein Stückchen Zuhause für mein Herz war. Mein Verhältnis zur Kirche ist ambivalent. Ich gehöre gerne zu christlichen Gemeinschaften, feiere gerne Gottesdienste. Ich habe eines Tages sehr bewusst entschieden, unter dem großen Dach der evangelischen Kirche zu arbeiten, und habe darunter auch schon in manchen Kontexten so etwas wie ein geistliches Zuhause gefunden. Aber mit diesem Umzug habe ich so etwas wie ein Zuhause dann auch wieder verloren. In mir werden Fragen immer wacher und größer: Wie relevant ist Landeskirche eigentlich noch? Passt Kirche in die Lebenswirklichkeit der Menschen? Darf ich in der Kirche so sein, wie ich bin? Wer sind die Menschen, die Kirche leiten? Habe ich als Janina dort einen Platz?

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Mit all dem, was ich bin? Mit all dem, was ich ersehne? Häufig bleibe ich in der Kirche eine Fremde. Häufig habe ich frustriert einen Gottesdienst verlassen. Häufig bleibt mein Glaube unberührt. Als ich umgezogen bin, habe ich viele Kisten gepackt. Ich habe viele Abschiedskarten und Briefe geschrieben und letzte schöne Aktionen unternommen. Aber von Gott habe ich mich nicht verabschiedet. Ich habe mich von manchen Glaubensüberzeugungen verabschiedet. Habe manche Antwort für mich gestrichen und dort eine Leerstelle gelassen. Ich finde neue Bilder, neue Worte. Und doch ist da Gott. Und doch ist da eine Sehnsucht nach ihm. Warum ich das so ausführlich erzähle: Ohne all diese Sehnsucht wäre dieses Buch nie entstanden. Glaube gehört für mich in meinen eigenen Alltag hinein. In das Ungerade. In das, wo Staub auf dem Boden liegt und ich nicht hinterherkomme, weil die Waschmaschine kaputt gegangen ist und Priorität hat. In meine langen To-do-Listen, in dieses komplizierte Telefonat und wie ich mich davor drücke. In meine Freude über Käsekuchen und neuen weißen Tee und meine Enttäuschung und Frust, wenn ich meinen hohen Erwartungen nicht gerecht werde. In mein Vermissen, in mein Träumen, in mein Hoffen. In meine letzten Gedanken am Abend und in meine Müdigkeit am Morgen. In den Moment, wenn ich unsicher vor dem Spiegel stehe und lieber doch noch eine andere Hose anziehe. In die Zeiten, in denen ich krank auf dem Sofa liege und mich in Netflix-Serien verliere. In den Augenblick, in dem sich alles leicht anfühlt. In alles das. In das Leben eben. Mein Glaube zieht sich wie ein goldener, glitzernder Faden hindurch. Aber

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manchmal entdecke ich ihn nicht. Und noch viel häufiger berühre ich ihn nicht. Dabei trage ich Sehnsucht nach Begegnung mit Gott, nach Begegnung mit mir, nach einer mit glitzernden, goldenen Fäden durchfluteten Begegnung mit der Welt in mir. Da blieb ich und noch etwas: diese Beobachtung, dass es so viele Menschen ohne Bezug zu sich selbst gab. Diese Beobachtung enthielt gar keine Wertung. Viele Menschen haben es nicht gelernt, sich selbst Fragen stellen zu dürfen, die eigenen Gefühle wichtig zu nehmen und zu fragen, was Gott in ihrem Leben eigentlich für einen Platz einnimmt. Dabei stellte ich fest, wie wichtig das war. Wie heilsam es für Menschen war, wenn sie durch Seelsorge, Mentoring oder ein offenes Ohr am Gartenzaun sich selbst mehr auf die Schliche kamen. Wenn sie Worte fanden für das, was sie bewegte, was sie bedrückte. Als sowieso so viel Leben vor dem Bildschirm stattfand und als so viel Dunkelheit vor dem Fenster lag, in der Welt und manchmal auch in mir; als ich im Café mit meiner heißen Tasse Grüntee saß und es nicht mehr aushielt, da startete ich digitale Abend-Andachten. Alle zwei Wochen lud ich ganz unverbindlich zu zwanzig kurzen Minuten ein, in denen ich eine Geschichte teilte, Zeit zum Beten gab, Segen aussprach. Auch wenn es mich freute, wenn Menschen mir rückmeldeten, dass diese zwanzig Minuten ihnen guttun würden; vor allem taten sie vermutlich mir gut. Aus diesen Abend-Andachten ist dieses Buch hier geworden.

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Vielleicht hast du auch so eine Sehnsucht nach diesem goldenen Faden in deinem Leben. Aber vielleicht sind die Stimmen von Pflichterfüllung, dem Müssen, der eigenen Unbegrenztheit größer. Vielleicht vermisst du es, dass dir jemand Gnade zuspricht. Vielleicht suchst du nach Räumen, in denen Gott wieder lauter sprechen darf, aber findest keinen Anschluss zu einer Kirche oder einer christlichen Organisation. Oder vielleicht geht es gar nicht um Anschluss, sondern du spürst häufig auch viel Fremde, die dir dort begegnet. Vielleicht erhältst du keinen Platz. Vielleicht fehlt es dir, dass Glaube nicht etwas Generelles ist, sondern etwas Persönliches wird und zu dir, zu deinem Zeitungspapier passt. Vielleicht vermisst du, dass Glaube nicht ein Dogma, sondern eine Begegnung wird. Vielleicht wünschst du dir, wieder mehr bei dir ankommen zu können – zu entdecken, wer du eigentlich bist. Vielleicht bist du zufällig hier gelandet und schaust ganz frei, was passiert. Und vielleicht fehlt dir auch gar nichts, aber du bist einfach neugierig: In jedem Fall: herzlich willkommen. Ich möchte dir mit diesem Buch die Möglichkeit schenken, dann, wann es dir passt, so, wie es dir guttut, in dem Tempo, dass dir möglich ist, dir Zeit für deine Seele zu nehmen. Zeit für deine Gefühle. Zeit für deine Sehnsucht. Zeit für Begegnung mit Gott. Man könnte es auch runterbrechen darauf, dass ich hier einfach Geschichten erzähle. Das mache ich auch. Meine Hoffnung ist aber, dass dadurch auf irgendeine Weise Reflexion geschieht, ein Verbinden mit diesem goldenen Faden, der sich Gnade nennt.

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RAUM SCHAFFEN „Hast du schon immer so viel reflektiert?“, hat mich mal jemand gefragt. Und ich konnte das gar nicht so erklären. Ich werde innerlich unruhig, wenn ich mich nicht erklären kann und das, was in mir gerade wirbelt. Deshalb schreibe ich Tagebuch, mache Spaziergänge, spreche mit anderen Menschen, bete. Für manche mag das ganz unnatürlich sein. Für manche ist es auch unnatürlich, sich bewusst Zeit für sich selbst und die eigenen Gefühle zu nehmen und sich darauf einzulassen, dass Gott mitten im Alltag mit seinem goldenen Faden aufblitzt. Für manche scheitert es auch an Raum und Zeit dafür und Platz in einem sowieso schon vollen Kopf. Falls du das so empfindest, mag ich dir hier ein paar Punkte mitgeben, die dir möglicherweise helfen könnten, so eine Reise zu dir und zu Gott zu beginnen. Falls du da keine zusätzlichen Ideen brauchst, darfst du diese Stelle auch mutig überspringen. Meine Ideen sollen keinen Druck aufbauen, sondern Anregungen bieten.

WARUM? Wir müssen hier direkt auch die Sache mit den Prioritäten auf den Tisch legen. Wenn du ähnlich wie ich gestrickt bist, dann wirst du viele andere Dinge zuerst tun, bevor du dir Zeit für dich nimmst. Wenn du ähnlich wie ich gestrickt bist, dann wirst du schwer abschalten können und dich am Ende des Tages am allermeisten über all das freuen, was du geschafft hast.

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Zeit für Begegnung mit Gott und Begegnung mit dir selbst ist kein Selbstoptimierungsprozess, um damit leistungsfähiger für ein Wirtschaftssystem zu sein. Zeit für Begegnung mit Gott ist keine neue Selbstachtsamkeits-Formel. Zeit für Begegnung mit Gott hat keinen Zweck. Das ist keine Leistung, die du erbringen musst. Das ist keine Pflicht, die du erfüllst.

Ich suche mir Zeiten mit Gott, weil ich dadurch viel achtsamer dafür werde, in meinem wirbelnden Alltag und allen Gefühlsreisen diesen goldenen Faden nicht zu vergessen. Ihn aufzuheben, mich an Gott erinnern zu lassen und seine Inspiration in meine Fragen und Gedanken zu nehmen. Ich suche mir Zeiten mit Gott, weil ich sie vermisse, wenn ich es nicht tue. Weil ich nicht an meiner Seele vorbeileben kann. Dein „Warum“ findet sich nicht bei einer anderen Person oder ihren Erwartungen. Dein „Warum“ findet sich tief in dir.

ZEITPUNKT Ich sehe Aufgaben. Immerzu. Ich sitze an einem Sonntagnachmittag da, höre Lieblingsmusik, lasse die Sonne durch die Fenster scheinen, genieße Kuchen und sehe ein kleines Spinnennetz in der Ecke. Ich kann das nicht bis später warten lassen. In meinem Mund ist noch warmer Teig vom Käsekuchen, während ich aufstehe und den Besen hole. Ich sehe Aufgaben. Immerzu. Sehe beim Filmschauen, wenn im Regal gegenüber etwas noch nicht sortiert ist. Spüre die Last von den Verpflichtungen für morgen, während ich gemütlich am See

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sitze. Denke mir, dass man doch schnell die Pflanze umtopfen könnte, wenn ich mich auf der Liege sonne. Das kann schwierig sein, wenn man doch eigentlich gerade Zeit für seine eigene Seele haben möchte. Wie kann ich in meinem eigenen Zuhause ruhig werden? Wie schaffe ich es, sitzen zu bleiben? Wie schalte ich meinen Aktionismus kurz aus? (Dazu muss ich auch sagen: Nicht für alle funktioniert eine still sitzende Ruhe – mir kommen die besten Gedanken beim Wandern. Aber falls dir tatsächliche Ruhe in Verbindung mit still sitzen fehlt, kommen hier ein paar Ideen.)

Mir hilft: + Wichtige und dringende Aufgaben erst erledigen. + Mir bewusst einen Wecker stellen, bei dem ich weiß: Für diese zwanzig Minuten bin ich raus aus meinen Aufgaben, raus aus meiner Pflichterfüllung und widme mich dem erst nach diesen zwanzig Minuten. + Aufschreiben, was in meinem Kopf an Aufgaben herumschwirrt. So weiß ich, dass all diese Aufgaben nicht verloren gehen, sondern zu einem späteren Zeitpunkt angeschaut werden können. + Lieblingstageszeit auswählen: Wenn ich morgens zu unruhig bin, dann muss ich mich nicht zu einer Gott-Begegnungs-Zeit am Morgen zwingen. Wenn ich am Abend zu müde bin, dann ist das vermutlich auch nicht meine Zeit. Wenn ich mittags keine Pause finde, dann entspricht mir das auch nicht.

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Mir als Janina tut der Abend gut. Dann, wenn es vor den Fenstern dunkel wird. Wenn meine Aufgaben erledigt sind. Wenn die Spülmaschine ihre surrenden Geräusche macht. Wenn ich eine Kerze anzünden kann und meine gemütliche Hose trage. Wenn vermutlich niemand mehr anruft und ich nicht unterbrochen werde. Aber da ist jede Person anders und alles ist erlaubt und gut.

VORBEREITUNG Wenn ich den passenden Zeitpunkt für mich gefunden habe und wenn all meine Aufgaben auf einer To-do-Liste, aber nicht mehr in meinem Kopf sind, dann braucht mein Raum noch Einrichtung. Damit meine ich ganz schlicht, dass wir noch Vorbereitung brauchen. Ich kann nicht auf Knopfdruck bei mir ankommen und bei Gott. Ich brauche diese Vorbereitung in Form von verschiedenen Dingen.

a) Schönes Wenn ich eine Gott-Begegnen-Zeit feiere, dann zünde ich mir eine Kerze an. Dann räume ich kurz noch einmal den Raum auf. Dann lasse ich kein dreckiges Geschirr auf demselben Tisch wie mein Tagebuch liegen. Mir als Janina hilft Schönheit. Schönheit zeigt sich für mich in Stimmigkeit, in Ordnung, in Gemütlichkeit. Dein Schönheitsbedürfnis kann durch etwas ganz anderes angesprochen werden. Selbst wenn du dich selbst nicht als ästhetisch be-

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wusste Person siehst. Ich glaube, dass wir alle eine Form von Schönheit kennen und schätzen. Aber das ist nur ein Tipp und kein Muss. Gott hat gar kein Problem damit, neben der leeren Döner-Box und der halb getrunkenen Spezi Platz zu nehmen. Hier geht es um das, was dir als Person gut tut, um zu dir zu finden.

b) Stimmung Filmmusik auf den Ohren und ich bin gedanklich und emotional ganz anders bei mir, als wenn ich noch eine Nachrichtenstimme, Kinder nebenan oder die WG-Mitbewohnerin ihre Vokabeln laut vor sich hinmurmeln höre. Ich lasse mich gerne in gewaltige Filmmusik fallen. Tatsächlich können wir durch Musik viel Stimmung erzeugen. Was auch immer du für eine Stimmung brauchst, gestalte sie mit. Dazu kann Musik gehören oder warmes Licht oder besondere Dekoration.

c) Sinne Die Sinne gehören zur Stimmung und zum Schönem schon dazu. Mir war aber wichtig, noch einmal ganz explizit zu sagen: Wenn wir nach diesem goldenen Faden suchen, der sich durch unser Leben ziehen darf; wenn wir ihn mal anfassen wollen, die feine, sanfte Wolle spüren, dann dürfen wir unsere Sinne nicht vergessen. Dann ist es sogar ganz wichtig, dass wir uns ihner bewusster werden. Denn ganz bewusst sind wir als Menschen mit diesen Sinnen geschaffen.

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Kleine Anmerkung dazu: Vielleicht kennt ihr das Buch von Gary St. Thomas „Neun Wege, Gott zu lieben“. Für mich war der Inhalt des Buches ganz wertvoll. Und ich habe dabei heraus­gefunden, dass mein Weg ein sinnlicher Weg ist. Das darf bei euch ganz anders sein. Vielleicht muss nur euer Kopf angesprochen werden, vielleicht nur euer Intellekt oder vielleicht braucht ihr Bewegung für den Körper. Wir Menschen tragen unterschiedliche Bedürfnisse in uns. Ich glaube, dass jede:r von uns von irgendeinem Sinn besonders angesprochen wird. Manche Personen lieben es, etwas zu spüren. Sie sind besonders haptisch veranlagt und kuscheln sich deswegen gerne in die weichste Decke. Andere liebe Düfte und nutzen Räucherstäbchen, Duftkerzen oder Raum-Diffuser. Manche können gutes Essen auf besondere Weise genießen und lieben eine Schale Pistazienkerne neben sich. Du darfst herausfinden, wann deine Seele tiefer atmet. Du darfst herausfinden, wann dein Herz langsamer schlägt und dein Kopf ruhiger wird. Du darfst herausfinden, was du brauchst, um bei dir und dann bei Gott ankommen zu können. Ich habe hier kurze Fragen an dich, um dem für dich auf die Schliche zu kommen: + Wann entsteht für mich ein Gefühl von Gemütlichkeit? + Wann kann ich mich entspannen? + Wann fühle ich mich in Räumen am wohlsten?

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b) Körper Ich bin Mensch. Ich bin Körper. Ich habe nicht nur einen Körper, ich bin auch Körper. Eben weil das so ist, darf ich ganz bewusst mit meinem Körper umgehen. Ich darf mein Herz so sorgsam einwickeln, wie ich eine kostbare Vase in Zeitungspapier einwickeln würde. In der Bibel gibt es einen Vers, dass unser Körper ein Tempel des heiligen Geistes ist. Mit Tempeln kann ich zumindest wenig anfangen. Aber was ich verstehe: Mein Körper ist nicht nur eine Verpackung, damit ein Mensch existieren kann. In meinem Körper ist etwas von Gott selbst. Mein Körper ist wertvoll. Mein Körper verdient Beachtung. Deswegen liebe ich es, in meinen Gott-Begegnen-Zeiten meinem Körper etwas Gutes zu tun. Einmal durchatmen. Schultern hängen lassen. Zunge vom Gaumen lösen. Einmal die Knie strecken. Die Arme locker baumeln lassen. Sich nach oben ziehen. Eine bequeme Position einnehmen. Und dann atmen. Ganz bewusst. Ein. Und aus. Die Hände auf den Bauch legen. Hinspüren. Ich bin Mensch. Ich bin Körper. Gott lebt in mir.

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ZUSATZBEMERKUNG Alle Geschichten haben ihren Ursprung und ihre Inspiration in der Bibel. Alle Gefühle und Gedanken der einzelnen Personen sind frei erfunden und spiegeln keine historische Korrektheit wieder. Der Zugang zu den biblischen Erzählungen erfolgt nicht durch eine historisch-kritische Exegese, sondern rein meditativ-theologisch. Wenn du mehr Hintergrundinformationen zu den Erzählungen haben möchtest, dann empfehle ich dir, in anderer guter Literatur nachzuschlagen und die Stellen selbst noch einmal zu lesen. Meine Geschichten erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und es wäre von mir selbst frech zu denken, mit ihnen allein wäre alles gesagt.

EINLADUNG Herzliche Einladung, dir selbst auf die Schliche zu kommen, Raum zu schaffen und dir, anderen und Gott dabei zu begegnen. Ich habe zwölf Geschichten geschrieben. Du darfst in diese Geschichten eintauchen, mit dir oder anderen ins Gespräch kommen durch passende Fragen und mit einem Segen wiederauftauchen. Die Geschichten haben keine Reihenfolge, sondern dürfen frei so gelesen werden, wie es zu dir passt und wie du Lust hast. Ich wünsch dir Tiefe, Freiheit und den Mut, dir selbst, anderen Menschen und Gott zu begegnen.

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Sichtbar „Es gibt dich, weil Augen dich wollen, dich ansehen und sagen, daß es dich gibt.“ HILDE DOMIN


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EINTAUCHEN NACH 1. MOSE 16

Das ist die Frau ohne Stimme. Es ist nicht so, dass keine Stimme in ihr läge. Es ist nicht so, dass sie keine Sprache hätte. Sie erhält nur keinen Raum für eigene Worte. Wie die Struktur eines Stücks Papier ist die Wertung von Menschen in der Gesellschaft verankert. Gewisse Menschen, denen ein geringer Wert zugestanden wird, erhalten keinen eigenen besonderen Platz auf der Leinwand des Lebens. Sie werden als Grundierung benutzt, sodass die Farben anderer heller funkeln. Sie sind weiß, schwarz. Oder vielleicht nur beige. Sie werden nicht als individuelle Menschen gesehen. Es wird gesehen, was sie nutzen, was sie bringen, was sie arbeiten, welche Grundierung sie legen können. Eine von ihnen ist Hagar. Man braucht nicht Hagars Blick, ihre Träume, ihre Gedanken, ihre Gefühle, man braucht nicht ihr Herz. Man braucht eine Magd, eine Sklavin. Und das ist sie. Sie ist Hagar. Die Magd im Haus von Abraham und Sarah. Sie ist eine Grundierung. In beige. Vor ihr steht Sara. Was für eine schöne Frau. Loben viele. Bewundern selbst Könige. Und wie Sara gesehen ist in der Gesellschaft. Wie eine glänzend starke Farbe hat sie einen bedeutsamen Platz als angesehene Herrin und als Ehefrau von Abraham. Sie ist reich, schön und beliebt.

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Doch mit der Zeit wird ihre Farbe blasser. Verliert an Strahlkraft. Ihre Schönheit, ihr Status als Herrin, ihre Rolle als Ehefrau genügt nicht mehr. Ihre vorher so auffällige Farbe spiegelt Enttäuschung. Es fehlt ein Kind. Für weitere Zugehörigkeit in der Gesellschaft. Für Akzeptanz. Für eine gesicherte Zukunft im hohen Alter. Doch dieses Kind fehlt. Obwohl ihre sonst so strahlende Farbe immer mehr vom Schmerz der Erwartungen überdeckt wird, gibt Sara nicht auf. Es braucht eine Grundierung für ihre Farbe: Es braucht ihre Magd, ihre Sklavin. Es braucht Hagar. Ihre Magd soll für sie mit ihrem Mann ein Kind zeugen, das sie dann als ihr eigenes großziehen wird. Und Abraham, Saras Ehemann, sagt nichts. Lässt sich darauf ein. Schläft mit dem Beige. Schwimmt in der Struktur der Gesellschaft mit, in seinem blassen Grau. Und während sich beide Farben mischen, strömt dunkle Farbe auf die Leinwand. In Hagar wächst hüpfendes, neues Leben. Mit jedem Ziehen in ihrem Körper wächst dadurch auch sie. Denn sie wird selbstbewusster, nimmt sich plötzlich das Recht heraus, eine Stimme zu haben.

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Jedoch nicht auf die feine Art. Wenn man nie gelernt hat, eine eigene Farbe zu haben – wie lernt man dann, weiche, helle Töne auszuwählen? Hagar nutzt ihre Stimme auf hässliche Weise, nutzt hässliche Worte, macht sich auf hässliche Weise über ihre Herrin lustig. Sie, Hagar, kann ein Kind in ihrem Körper tragen, aber ihre Herrin nicht. Die dunkle neue Farbe gewinnt auf der Leinwand die Macht. Es gibt hässliche Striche, es gibt laute Schreie, es gibt Verletzungen. Sara lässt sich nicht beleidigen. Hagar wird unterdrückt, gedemütigt. So schlimm, dass sie schließlich flieht. Mit ihrem schwangeren Bauch. Mit ihrem erwarteten Kind. Mit einem fehlenden Platz – sie war Grundierung – sie ist nicht mal mehr das. Wenn beige nicht mehr beige ist, wird es unsichtbar. Hagar landet in der Wüste. Allein. Ungeschützt. Machtlos. Unversorgt. Mit einem Wunder im Bauch, das doch in dem Moment kaum Lebenschancen trägt. Einmal hat Hagar ihre Stimme erhoben und es führt zu schwarzer Farbe. Verletzte Menschen verletzen Menschen. Dunkle Farbe gewinnt Größe und Kraft- mit schnellen Tropfen füllt sie die Leinwand – mischt sich über das, was strahlte, verdeckt Perspektive, trocknet als harte Kruste, lässt unsichtbar werden.

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Doch Augen haben nicht aufgehört zu sehen. Die Leinwand des Lebens ist nicht fertig bemalt. Denn da setzt Gott Hoffnung auf die Leinwand. Hagar, die ungesehen, stimmlos, eine beige Grundierungsfarbe war, ihr schenkt Gott einen neuen Rahmen. Er zeigt sich selbst mit seinem Namen und einem Versprechen: Ich bin da für dich. Er flüstert sanft zu Hagar. Zu ihr als Mensch. Nicht zu ihr als Grundierung. Er flüstert zu ihren Gefühlen, zu ihren Sehnsüchten, zu ihrem Herzen. Nimmt sie wahr. Nimmt sie ernst. Sieht sie an. Sieht mehr Farbe in ihr, als menschliche Augen aufnehmen. „Wo kommst du her, Hagar, wo gehst du hin?“ Er lässt Hagar sprechen. Lässt sie antworten. Schenkt ihr einen Raum. Und da leuchtet zaghaft etwas in Hagar auf. Sie ist gesehen. Sie gehört dazu – wenn nicht zu der Gesellschaft, dann zu der Familie Mensch, die Gott schuf. Sie hat von ihm einen Platz auf dieser Leinwand des Lebens erhalten. In allem, wo sie hässlich geworden ist, und in dem, wo man hässlich zu ihr war: Sie ist gesehen und damit ist sie nicht mehr allein.

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Und in diesem Moment gibt sie Gott einen eigenen Namen: Du bist ein Gott, der mich sieht. Ein Ausdruck von Intimität. Ein Ausdruck von Beziehung. Gott lässt sich von ihr benennen. Gott spricht Hagar den Mut zu, wieder zurück zu Sara und Abraham zu gehen. Das Kind zu gebären. Magd zu bleiben. Doch in sich diesen Funken nie zu vergessen. Und nicht Gottes Namen. Und so geht Hagar zurück. Aber kommt verändert an. Sie spürt Gottes Würde auf sich, spürt seinen liebenden Blick, weiß um seine Nähe.

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Inmitten von einer bunten Welt verliere ich manchmal meinen Platz. Den Platz in der Welt, in der Gesellschaft, den Platz in mir. Definiere meine Farbe über Erwartungen, über Leistungen, über Erfolg.

Ich könnte grau sein und mitschwimmen. Ich könnte verblassen und nicht anecken. Ich könnte unsichtbar werden wie beige Grundierung. Und doch, wenn da dieser Gott ist, der mich anschaut, dann bin ich sichtbar. Dann zähle ich. Dann trage ich eine eigene Farbe. Dann gehöre ich dazu. Dann bin ich nicht nur verschwommene Masse. Dann zähle ich. Innerhalb dieser bunten Welt habe ich eine Farbe, einen Platz, bin ich gesehen. Ich bin sichtbar.


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SICH SELBST AUF DER SCHLICHE 1. Was machst du in deinem Umfeld sichtbar? Welche Farbe sieht man? 2. Hagar geht zurück zu Sara und Abraham und stellt sich ihrer Herausforderung: Wenn Gott mit dir ist, welcher Herausforderung kannst du dich ganz bewusst stellen? 3. Wer ist in deinem Umfeld unsichtbar geworden – wen dürftest du ganz neu sehen und damit sichtbar machen?

AUFTAUCHEN Segen mit dir. Segen mit dir in all deinen Farben. In dem Blassen und den Grellen. In dem Glitzernden und dem Gewöhnlichen. Segen mit dir, in dem, was du nicht zeigen kannst. Segen mit dir, in dem, was überpinselt wurde, versteckt. Auf dass es wieder aufgekratzt werden kann und die alte Farbe zum Vorschein kommt. Segen mit dir, in dem, wo Sehnsucht nach Neuem liegt. Auf dass du Mut spürst, zu sein, zu strahlen, zu zeigen. Segen mit dir, in dem, wo du andere nicht mehr sehen konntest. Auf dass du Offenheit für Menschen in dir trägst, sie in den Blick nimmst. Segen mit dir. Auf dass du spüren darfst: du bist gesehen und Gott von dir einen Namen erhält.

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Eine Sprosse zu viel


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EINTAUCHEN NACH GENESIS 28, 10-18

Wie ein inneres Mantra hatte es sich durch das Leben geflochten. Nicht reflektiert. Ein unterbewusster Antrieb. Als Jüngste von drei Kindern hatte sie genauso viel können wollen wie ihre Geschwister. Vor Schulbeginn kannte sie alle Buchstaben. Beim Start des Balletunterrichts stand sie schon auf ihren Zehenspitzen. Das strengte sie nicht an, es spornte sie an. Es begeisterte sie, dass immer wieder diese Sätze fielen: „also, das in deinem Alter …“. Es erfüllte sie mit Zufriedenheit, dass sie einen Preis für die Jüngste beim Lesewettbewerb bekam. Anders als ihre Geschwister wählte sie ein Studium. Fand sich inmitten von anderen Studierenden wieder, ohne ihre Geschwister. Stellte fest, dass sie nicht die Jüngste war und auch nicht die Klügste. Realisierte, dass andere das System besser verstanden und es sie selbst erschöpfte, so viel Selbstdisziplin aufbringen zu müssen.

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„Aber unsere Debbie studiert Jura.“, wurde auf Familienfeiern gesagt, während sie nur mit Mühe ein Kuchenstück runterbekam aus Angst vor den nächsten Prüfungen. „Ihr fiel ja alles schon immer so leicht.“, hörte sie ihre Mutter sagen. Zwei Wochen später blieb sie im Bett. Der Wecker klingelte. Die Prüfung begann. Sie blieb im Bett. Und weinte.

Er ist ein Mann der Kontraste. Tief geliebt. Bitterlich gehasst. Und immer am Kämpfen. Es gibt nie nur ihn und seinen Weg, es gibt seinen Weg immer nur in Konkurrenz. Immer nur im Wettstreit, immer nur im Vergleich. Mit seinem Bruder, der sein Zwilling ist. In seiner Geschichte zählt, wer zuerst geboren wurde. Denn der hat mehr Rechte. In seiner Geschichte zählt der Segen eines Vaters. Der überdauert, schenkt ein Versprechen. Es ist die Geschichte von Jakob. Der, der sich etwas erschlichen hat. Der eine Sprosse schneller war. Der nun höher steht. Dabei war es doch eigentlich die Idee seiner Mutter. Vielleicht war es auch ihr großer Traum, Jakob irgendwann ganz oben zu sehen.

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Anstelle von seinem Zwillingsbruder Esau hat Jakob sich den Erstgeborenen-Segen ihres Vaters erschwindelt. Er hat sich vor seinem blinden Vater als Esau ausgegeben. Er hat Felle auf seine Arme gespannt, um so behaart zu wirken wie Esau. Er hat die Kleidung seines Bruders angezogen. Er hat zu seinem Vater gesagt: „Ich bin Esau.“ Und so hat er erhalten, was nicht für ihn bestimmt war. Einen Segen erschlichen, so als könnte man sich Gott erschleichen. In Esau flackern Zorn, Wut und die offene Frage: Welches Versprechen besteht für sein Leben, wenn nicht das seines Vaters? Esaus Hass wächst, die Konkurrenz entzweit und er will Jakob töten. Ein für alle Male den Wettstreit beenden, mit Gewalt, mit Tod. Nur noch er sein – nur noch Esau, nicht Esau, der Zwillingsbruder von Jakob. Jakob muss fliehen. Er verabschiedet sich von seinen Eltern und zieht los in das Dunkle, in die Fremde, in das Orientierungslose. Ein bisschen gehässig lacht er: „So soll es aussehen, von dir gesegnet zu sein, Gott? So allein und bedroht?“ Er rennt. Spürt das wenige Gepäck nach einigen Stunden auf seinen Schultern. Wandert durch Berge, die er nie gesehen hat.

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Schaut zurück. Er kann seine Heimat nicht mehr sehen. Und fühlen kann er sie auch nicht. In seinem Herz fehlt ein Stück. Dieser Lebensabschnitt ist vorbei. Er ist über sein bisheriges Leben hinausgeklettert. Das war eine Sprosse zu viel. Es wird dunkel. Er hört das Summen von den Tieren neben sich, die Nacht hat ihre eigenen Geräusche. Er hört aber vor allem seine eigenen Stimmen im Kopf: Wo kannst du leben? Wo findest du ein neues Zuhause? Wer wirst du sein? Wirst du wieder zu einer Familie gehören? „Wo bist du jetzt Gott, hm?“, murmelt er wütend. Und so fragend schläft Jakob ein. Mit einem Stein als Kissen. Mit Schuld als Decke. Mit der Fremde als Bett. Weit weg von seiner Familie. Weit weg von dem, was mal sein könnte. Weit weg von dem, wer er sein will. Er träumt. Im Traum sieht er eine Leiter. Nicht so eine, die konkurriert. Nicht so Eine, die das Leben zwischen ihm und Esau geprägt hat. Er sieht eine Leiter, die Nähe schafft. Sie reicht vom Himmel bis zur Erde. Engel steigen auf ihr hinauf und hinunter. Und Gott selbst ist da und flüstert in alle Zweifel von Jakob hinein. Diese Fremde kann Heimat werden. Kann Zuhause werden. Der Ort, an dem er sein darf. Und vor allem entsteht Nähe. Gott kommt zu ihm, er muss nicht zu ihm hoch. Er kann auf seiner wackeligen Sprosse bleiben. Und Gott ist da.

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„Und siehe, ich bin bei dir und behüte dich überall, wohin du auch gehst. Ich bringe dich zurück in dieses Land. Ich werde dich nicht verlassen, bis ich vollbringe, was ich dir verheißen habe.“ (1. Mose 28,15, BB) Jakob schläft. Mit dem Stein als Kissen. Mit der Schuld als Decke. Mit der Fremde als Bett. Irgendwann schreckt er hoch: „Gott ist an diesem Ort anwesend und ich wusste es nicht.“ Hier ist Gott. Dort, wo er nicht mehr weiterklettern kann. Nicht mehr höher. Wo sein Puls hoch schlägt und seine Füße wackelig werden. Das ist der Ort. An dem Gott anwesend ist. Und zeigt: Es braucht keine Leiter. Sondern Nähe. Jakob muss keine Leiter hochklettern, um Himmel zu erleben. Der Himmel kommt zu ihm.

SICH SELBST AUF DER SCHLICHE 1. Fühlst du den Druck, in irgendetwas besser, schneller, großartiger sein zu müssen? Worin? 2. Wie sieht der Boden aus, an dem Gott dir begegnen könnte?

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AUFTAUCHEN Lass die nächste Sprosse sein und halte an. Hör auf zu klettern. Hör auf, dich nach Höhe auszustrecken. Halte an. Du musst dich nicht größer machen, um gesehen zu sein. Du musst nicht mehr erreichen, um zu zählen. Du musst nicht andere überholen, damit Gott dich wichtig nimmt. Er ist hier. Anwesend. Auf deinem Boden. Mit dem Stein als Kissen. Mit aller Schuld als Decke. Mit der Fremde als Bett. Gott ist bei dir anwesend. Auf deinem Boden. Mit deinem Ringen und Scheitern. Mit deinen Fragen. Mit dem Unerreichten. Gott ist bei dir anwesend. Sei gesegnet damit, dass du heute anhalten kannst. Sei gesegnet damit, dass du andere ermutigst, stehen zu bleiben. Sei gesegnet damit, Nähe zu erleben – dort, wo nichts geleistet werden muss.

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