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Team Blue – die Weltendetektive Der verschollene Smaragd

Tanja

TEAMBLUE DIE DETEKTIVEWELTEN-

Leseprobe
„Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“
Franz Kafka

TEAMBLUE DIE DETEKTIVEWELTEN-

Zoe

ist die heimliche Anführerin der Freunde. Ihre Mutter lebt nicht mehr. Ihr Vater ist Archäologe und öfter auf Forschungsreisen. Deshalb lebt seine Tochter bei den Großeltern. Zoe ist mutig, sportlich und impulsiv, aber manchmal etwas zu draufgängerisch. Sie ist sehr tierlieb und nimmt ihre Siamkatze Blue mit auf Reisen.

Merle

ist tierlieb, besonnen, ruhig und ausgeglichen. Für Sport kann sie sich nicht so begeistern. Sie ist zum Leidwesen ihrer Freunde sehr vergesslich. Ungerechtigkeit bringt sie auf die Palme. Ihr großes Vorbild ist Jesus.

Ricardoist sehr wissbegierig und kann sich auch die kleinsten Dinge merken. Kyra bringt ihn so manches Mal an den Rand der Verzweiflung, und er ist froh, dass Merle mit ihrer ausgleichenden Art angespannte Situationen stets entschärfen kann. Ricardo stottert, wenn er aufgeregt ist.

Blue

ist eine sehr menschenbezogene Siamkatze, die von Zoe auf jede Reise ins Ausland mitgenommen wird. Sie hat einen super Orientierungssinn und hat die Freunde schon des Öfteren aus einer kniffligen Situation gerettet. Blue reist im Flugzeug natürlich in der Kabine und in einem speziellen Katzenrucksack.

Dr. Gregor Balter

ist der Vater von Zoe, Archäologe und alleinerziehend, deshalb lebt Zoe bei ihren Großeltern, wenn er auf Reisen ist. Gregor ist unglaublich neugierig, trägt lieber Jeans und T-Shirt als Anzug und Krawatte u nd hört unglaublich gerne laute Musik im Auto.

Kyra

ist die Cousine von Zoe. Sie ist verwöhnt, altklug und muss zu allem ungefragt ihre Meinung sagen. Zu dem Leidwesen der Freunde ist sie manchmal bei den Ausgrabungen dabei.

Unheimliche Träume

Ricardo, Merle und Zoe standen in Glasgow am Bahnsteig und warteten auf ihren Anschlusszug nach Durness. Sie konnten es immer noch nicht glauben, dass sie wirklich in Schottland waren. Ihr Zugbegleiter, der sie vom Nachtzug zu dem neuen Bahnsteig gebracht hatte, wartete gemeinsam mit ihnen auf den Zug, der in diesem Augenblick auch schon in den Bahnhof einfuhr. Der Mann half ihnen, das Gepäck im Abteil zu verstauen, dabei verabschiedete er sich mit den Worten: „Have a good trip and all the best for you.“ Und mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: „And of course for the cat.“

Z oe lächelte ihn an und streichelte gleichzeitig ihrer Katze Blue, die vor ihrem Bauch in einem komfortablen Katzenrucksack saß, über den Kopf.

Mit einem Seufzen ließ sich Merle auf ihren Sitz plumpsen. „Wie lange fahren wir jetzt noch mal?“

„Gute sechs Stunden“, kam es von Ricardo wie aus der Pistole geschossen.

„So langsam wird es auch Zeit, dass wir ankommen“, murmelte Merle.

„Wieso?“, wollte Zoe wissen. Sie saß bereits am Fenster, von wo aus sie auf das bunte Treiben am Bahnhof blickte. Überall blinkten Reklameschilder, Ansagen wurden in dem so besonders klingenden schottischen Englisch durchgegeben, Züge ratterten auf gegenüberliegenden Gleisen vorbei. Es war eine pulsierende Mischung aus pral-

lem Leben, Hektik und Lebensfreude. „Es macht doch Spaß, mit dem Zug zu fahren“, fügte sie hinzu, ohne ihren Blick vom Bahnhofsgewimmel zu lösen.

R icardo nickte: „Das finde ich auch. Ist mal was anderes als Flugzeug oder Fähre.“

„ Mmmh“, meinte Merle zögerlich. „Ich glaube, ich bin bloß müde.“

Ricardo und Zoe blickten ihre Freundin an. Sie hatten alle die letzte Nacht im Nachtzug von London nach Glasgow verbracht. Sie selbst hatten während der elfstündigen Zugfahrt sehr gut geschlafen.

Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als Merle sie mit einem spitzen Schrei aus dem Schlaf geholt hatte. Sie hatte irgendwas von einer unheimlichen Kapelle gebrabbelt. Aber Genaueres hatten die Freunde nicht aus ihr herausbekommen können. Ricardo und Zoe waren schließlich wieder eingeschlafen, Merle leider nicht.

„Wir fahren übrigens über Inverness. Dort steigen wir noch mal um“, informierte Ricardo.

„Ich weiß“, seufzte Merle, während sie sich über die Augen rieb.

„Sieh das doch mal positiv. Wir steigen in Inverness aus. Wenn wir ganz viel Lust haben, können wir mit einem Bus kurz nach Culloden fahren und uns das berühmte Schlachtfeld anschauen.“ Zoe k raulte Blue, die zusammengerollt in ihrem Reiserucksack lag, im Nacken und blickte Merle dabei erwartungsvoll an.

„Nein, danke.“ Merle schüttelte sich. „Die Fahrt reicht mir auch so schon, da brauch ich nicht noch den Besuch eines traurigen Schlachtfeldes.“

Ricardo zog eine Augenbraue hoch und wollte gerade etwas einwenden, als Zoe ihm zuvorkam: „Auch wieder wahr. Es ist ganz bestimmt kein schöner Ort. Das kann man sicher sagen, auch ohne die vielen Grabsteine gesehen zu haben.“

„Da wurde 1764 Geschichte geschrieben.“ Ricardo holte tief Luft, um sein ganzes Wissen über diese besondere Schlacht zwischen Engländern und den schottischen Clans der Highlands kundzutun, als Zoe ihn auch schon unterbrach. „Ja, ja, wir wissen, dass du alles darüber weißt. Lass gut sein.“

Ricardo blickte sie empört an, sagte aber nichts.

Zoe zuckte entschuldigend mit den Schultern. Sie wollte nicht, dass die Stimmung im Zug traurig oder sentimental wurde, denn das Schlachtfeld hatte durch seine vielen Opfer aufseiten der Clans traurige Berühmtheit erlangt. Es war eine unschöne Geschichte und mit einem Blick zu Merle dachte sie, dass ihre Freundin noch immer etwas blass um die Nase wirkte. Da waren die vielen Informationen von Ricardo jetzt sicher nicht angebracht. Zoe machte sich ernsthaft Gedanken. Merle hatte noch nie im Schlaf geschrien.

Der Zug fuhr mit einem kleinen Ruck los, und Zoe blickte wieder aus dem Fenster. Die vielen Gleise im Bahnhof zogen langsam an ihnen vorbei, dann waren sie auch schon durch das beeindruckende Portal hindurch.

Glasgow präsentierte sich von seiner wolkenverhangenen Seite. Große graue Steingebäude, die dicht gedrängt beieinanderstanden, Brücken, die sich über dunkle Flussläufe spannten, Menschen, die sich unter ihren bunten Regenschirmen duckten, während sie sich gegen den Wind stemmten, zerflossen bei zunehmender Geschwindigkeit zu einem Einheitsbrei. Zoe wandte den Blick ab. Erst als sie die Stadtgrenze hinter sich gelassen hatten und sich grüne Wiesen und Weiden bis zum Horizont zogen, blickte sie wieder nach d raußen.

„Wow“, rief Merle plötzlich und zeigte mit dem Zeigefinger in die Weite der Landschaft. „Überall Schafe!“

Ricardo musste grinsen. „Das klingt ja, als hättest du noch nie Schafe gesehen.“

„Na ja, so viele auf einen Haufen ganz sicher nicht.“

In diesem Moment begann Blue, in ihrem Rucksack herumzuzappeln.

„Was hat sie denn?“, fragte Merle.

„Ich glaube, sie muss mal.“

„Na prima.“ Ricardo stand auf, holte Zoes Rucksack aus dem Gepäcknetz über ihren Köpfen und stellte ihn auf die Sitzbank. „Ich bin dann mal draußen.“ Merle blickte ihm entgeistert hinterher.

„Lass ihn, wir kriegen das auch allein hin. Nicht wahr, meine Süße?“ Zoe holte Blue aus dem Rucksack, um sie auf den Boden zu setzen. Dann zog sie eine kleine Minikatzentoilette hervor und stellte sie neben die Katze. Aber Blue dachte gar nicht daran, ihr Geschäft zu erledigen. Es gab Wichtigeres: Mit zuckendem Schwanz sprang sie neben Merle auf den Sitz und schnupperte daran herum. Dabei zog sie ihre kleine schwarze Nase kraus. Das sah so witzig aus, dass Merle loslachte. „Und wie sie muss.“

Nachdem Blue das ganze Abteil ausgiebig inspiziert hatte, ließ sie sich schließlich doch noch herab und kletterte in die Katzentoilette. Die kleine Pippipfütze scharrte sie so eilig hinter sich zu, dass die Katzenstreu in hohem Bogen umherflog.

Merle, die sich schnell abwandte, um sich vor der Ladung Katzenstreu im Gesicht zu retten, murmelte: „Ich kann Ricardo schon verstehen, wenn er das nicht live erleben möchte.“

Zoe brummte zur Antwort ungnädig, als sie den Boden wieder saubermachte. Dann hob sie mit einer winzigen Schaufel die benutzte und verklumpte Streu auf und beförderte sie in den Abfall.

In diesem Moment trat Ricardo wieder in das Abteil. Merle zog die Augenbrauen hoch. „Perfektes Timing, würde ich mal sagen.“

Ricardo grinste selbstzufrieden. Er mochte Blue ja sehr, aber beim Erledigen ihrer Geschäfte zuzuschauen, war dann doch nicht so sein Ding.

Blue war zwischenzeitlich zu Merle auf den Schoß gesprungen und putzte sich ausgiebig. Dann rollte sie sich zu einer Kugel zusammen. Danach fing sie an zu schnurren. Kurz darauf verebbte das wohlige Geräusch. Merle legte geistesabwesend ihre Hand auf das flauschige Fell der Katze und blickte nachdenklich nach draußen. Seit einigen Tagen hatte sie merkwürdige Träume, die in der letzten Nacht in einem Albtraum mündeten. Nach Aussage ihrer Freunde hatte sie vergangene Nacht sogar geschrien. Irgendwie waren Merle die Träume unheimlich, aber je mehr sie versuchte, sich an sie zu erinnern, desto mehr verschwammen sie vor ihrem inneren Auge. Sie konnte sie nicht richtig fassen. Irgendwie ging es um eine alte Kapelle und um eine mysteriöse Frau, aber sie konnte immer bloß für einen kurzen Moment Bruchstücke erhaschen, dann verschwanden auch sie im Nebel. Trotzdem ließ sie das Gefühl nicht los, dass dieser Traum wichtig war. So als hätte er eine Aussage. Aber welche, konnte sie beim besten Willen nicht sagen.

„Guckt mal, da vorne steht eine Kapelle.“

Merle zuckte zusammen und blickte in die von Ricardo angedeutete Richtung. Tatsächlich. Neben einem kleinen Wäldchen stand eine offensichtlich alte, sehr verfallene Kapelle aus weißen Steinen.

„Das ist aber echt selten für die Gegend hier“, wunderte sich Ricardo.

„Was denn?“, wollte Merle wissen.

„Na, dass die Kapelle aus weißen Steinen besteht. Sonst sind hier die Gebäude eher grau.“

Ricardo musterte Merle und fragte sorgenvoll: „Alles okay bei dir?“

„Wieso?“

„Na, du wirkst so blass um die Nase.“ „Hm“, brummte Merle und blickte wieder nach draußen. „Weiße Kapelle…“ Diese beiden Worte gingen Merle nicht mehr aus dem Kopf.

Ricardo blickte fragend zu Zoe, aber die schüttelte den Kopf. Auch sie hatte ihre Freundin noch nie so nachdenklich erlebt. Ein komischer Start in die Ferien war das. Sonst herrschte grundsätzlich immer gute Laune, aber seit vergangener Nacht war Merle wie ausgewechselt. Wenn sie so darüber nachdachte, ging das schon einige Tage länger so. Merle war ja immer gerne etwas vergesslich, aber irgendwie hatte sie sich selbst übertroffen, als sie ihre Reisetickets zu Hause auf ihrem Schreibtisch hatte liegen lassen. Allein dem beherzten Eingreifen ihrer Mutter, die nach einem Anruf von Merle sofort ins Auto gesprungen und dem Zug hinterhergebraust war, war es zu verdanken, dass die Freunde die Reise pünktlich fortsetzen konnten. Noch vor der ersten Kontrolle durch den Schaffner hatte Merles Mutter die Dokumente an einem Bahnhof durch die Zugtür gereicht. Was für ein Glück. Aber nun wirkte Merle wieder so nachdenklich und entrückt. So als wäre sie gar nicht richtig da. Hoffentlich würde sich das wieder legen, denn auf komplizierte Ferien hatte Zoe ehrlich gesagt keine Lust. Sie hatte nämlich ein anstrengendes Halbjahr hinter sich. Die vielen Klassenarbeiten, dazu die Hausaufgabenüberprüfungen, waren für sie eine Herausforderung gewesen, und zu allem Überfluss war auch noch ihre Cousine Kyra bei ihr eingezogen. Einfach nervig. Um genau zu sein, war Kyra auch nicht bei Zoe, sondern bei den gemeinsamen Großeltern eingezogen. Zoe wohnte nämlich seit dem Tod ihrer Mutter bei den Eltern ihres Vaters, da dieser als angesehener Archäologe ständig auf der ganzen Welt unterwegs war. Deshalb verbrachte sie auch fast jede Ferien bei ihm in den Ausgrabungscamps. Seit Kurzem wurde sie dabei von ihren besten Freunden, Ricardo und Merle, begleitet. Sie hatten immer viel Spaß gehabt und sogar richtige Abenteuer erlebt: einmal in Japan, beim letzten Mal sogar auf der Ka-

nareninsel La Palma. Das war richtig cool gewesen. Zoes Onkel war der Vater von Kyra. Er und seine Frau hatten nie viel Zeit für ihre Tochter und schickten sie gerne in den Ferien zu Zoes Vater oder auf Sprachkurse. Mittlerweile konnte Kyra neben Englisch und Spanisch auch ganz gut Chinesisch sprechen. Für Zoe grenzte das fast schon an ein Wunder, denn sie selbst konnte sich für Sprachen nicht erwärmen. Sie mochte dafür die naturwissenschaftlichen Fächer, darin hatte sie auch gute Noten. Aber richtig glänzen konnte sie nur im Sportunterricht. Dort schlug sie so schnell keiner.

Ricardo stupste sie in die Seite und holte sie damit aus ihren Gedanken: „Hey, bist du jetzt etwa auch so gedankenvoll wie Merle?“

„ Sorry, ich musste gerade an Kyra denken.“

Nun drehte sich auch Merle vom Fenster weg und meinte: „Das ist echt krass. Ich mein, ihre Eltern sind spielsüchtig. Viele ihrer Urlaube haben sie in großen, sehr teuren Hotels verbracht und ihre Zeit und ihr Geld in den dortigen Casinos verschleudert. Keiner hat was mitbekommen. Bis jetzt.“

„Ja“, fügte Ricardo hinzu. „Und Kyra haben sie in Sprachkurse geschickt.“

„Genau daran musste ich gerade denken. Aber auch daran, dass sie nun bei mir, ähm, uns wohnt.“

„Wie gut, dass Kyra nicht mehr eine ganz so große Nervensäge ist und nicht mehr ständig alles besser weiß.“

Zoe zuckte mit den Schultern und meinte: „Weißt du, das Schlimme ist, dass sie wirklich oft vieles besser weiß.“

Ricardo fing an zu lachen und witzelte: „Oooch, das muss ja echt schlimm für dich sein.“

Zoe blickte ihn finster an, was Ricardo noch lauter lachen ließ.

Merle hatte dazu eine ganz andere Meinung. „Es ist doch bloß vorübergehend. Kyras Eltern machen ihre Therapie und das war’s

dann. Sie sind doch nicht ausgewandert, oder so. Wenn alles gut geht, zieht Kyra bald wieder zu ihren Eltern.“

Zoe starrte noch immer finster in eine Ecke. „Das kann aber noch dauern.“

„Mag sein, aber ich finde, dass Kyra uns in Japan und ganz besonders auf La Palma doch sehr geholfen hat. Und für mich ist das, w as ein Mensch tut, wichtig, nicht das, was er sagt. Cool reden können viele, aber danach handeln, ist dann was ganz anderes.“

Zoe blickte ihre Freundin überrascht an: „So gesehen hast du recht.“

Über Merles Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, während sie spontan nach den Händen ihrer Freunde griff. „Kommt, wir freuen uns ab sofort auf wunderbare Ferien in den schottischen Highlands.“

„Ja, das machen wir“, stimmte Ricardo ein.

„Und Kyra kann diesmal auch definitiv nicht nachkommen, da sie sich den Knöchel gebrochen hat und sich noch einige Zeit schonen muss.“

Merle blickte ihre Freundin warnend an und Zoe murmelte: „Ich hör ja schon auf.“ Sie setzte sich aufrecht hin und sagte: „Auf richtig coole Ferien.“

N achdem sie in Inverness umgestiegen waren, fuhr ihr Zug schließlich in den Bahnhof von Durness ein. Zoe packte Blue wieder in den Rucksack. Das fand die Katze nicht sehr prickelnd und protestierte heftig.

„Das geht jetzt nicht anders, meine Süße.“

Ricardo grinste und fragte: „Kannst du mit mir nicht auch mal so zuckersüß reden?“

„Erst, wenn du auch so einen flauschigen Pelz hast und schnurren kannst.“

„Also nie“, ergänzte Merle lachend.

Ricardo blickte den Mädchen hinterher, die ihre Koffer den en-

gen Gang im Zug hinter sich herzogen. „Das ist ganz schön unfair, zwei gegen einen.“

Da er nur ein Achselzucken als Antwort bekam, schnappte sich auch Ricardo seinen Koffer und folgte den beiden zur Tür.

Der Zug wurde immer langsamer und kam mit einem lauten Quietschen und Pfeifen schließlich zum Stehen. Zoe drückte auf den knallroten Knopf, sodass sich die Zugtür mit einem Zischen öffnete. Eine Hand hielt sie über den Kopf der Katze, mit der anderen hob sie ihren Koffer nach draußen. Merle und Ricardo folgten ihr.

„Wow!“, staunte Merle. „Was für ein winziger Bahnhof.“

Das Gebäude war winzig klein und schien schon bessere Tage gesehen zu haben. Die Fenster wirkten trüb, und einige Risse zogen sich quer durch das Glas. Von den Mauern bröckelte an manchen Stellen der Putz. Aber erstaunlicherweise hatte sich das Bahnhofsgebäude trotz dieser Mängel seinen ganz eigenen Charme bewahrt.

„ Es wirkt wie aus einer anderen Zeit“, meinte Zoe.

„Ja, so ganz anders als in Glasgow“, ergänzte Ricardo.

„Hier sind wir wirklich am äußersten Ende von Schottland. Am Ende der Welt. Zumindest gefühlt“, war sich Merle sicher.

„Da vorne ist Papa!“ Zoe beschleunigte ihre Schritte und lief ihrem Vater freudestrahlend entgegen.

„Hey, meine Große, schön dich zu sehen.“ Dr. Balter drückte seine Tochter herzlich an sich, vergaß aber, wie so oft, dass sie Blue in dem Rucksack vor ihrem Bauch sitzen hatte. Prompt beschwerte sich die Katze mit einem energischen Maunzen.

„Ach ja, du bist ja auch noch da. Verzeihung.“

Ricardo grinste. Zoes Vater war oft so lustig. Manchmal wünschte er sich auch einen so coolen Vater.

Dr. Balter drückte auch Merle und Ricardo. Dabei strahlte er über das ganze Gesicht. Er freute sich immer sehr, wenn seine Toch-

ter und ihre Freunde ihn bei der Arbeit besuchten. Aber er hoffte inständig, dass sie nicht wieder in irgendwelche Abenteuer verwickelt werden würden. Denn er war sich nicht sicher, ob seine Nerven das noch einmal mitmachen würden. In den letzten Ferien hatten die Freunde nicht nur Grabräuber gejagt, sondern auch einen Drogenring ausgehoben. Nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit mussten doch diesmal ganz normale Ferien möglich sein. Schwimmen oder Wandern. So was in der Art.

„Kommt“, sagte er leichthin, „das Auto steht da drüben!“

Der Bahnhof war wegen seiner bescheidenen Größe schnell durchquert, und dann standen sie auch schon auf dem winzigen Bahnhofsvorplatz, wo der obligatorische Geländewagen auf sie wartete. I n einem archäologischen Ausgrabungscamp wurde immer einiges transportiert und da diese Camps oft in unwegsamem Gelände lagen, fiel die Wahl jedes Mal auf ein Allradfahrzeug.

Schnell war das Gepäck im Wagen verstaut. Die Freunde stiegen ein. Zoe nahm vorne Platz und suchte hektisch nach dem Lautstärkeregler des Radios. Als ihr Vater das bemerkte, fing er an zu lachen. „Wie gut du mich kennst.“

Ricardo grinste. Es war allgemein bekannt, dass Zoes Vater sehr gerne lautstark Musik hörte, wenn er Auto fuhr. Aber er weigerte sich standhaft, sein Handy ans Radio anzuschließen oder über irgendwelche Apps Musik im Auto zu hören. Also mussten sie mit dem leben, was die lokalen Sender spielten. Mit geübtem Blick stellte Ricardo fest, dass dieser Wagen auf dem neuesten Stand der Technik war und durchaus die Möglichkeit bot, auch ohne Radio oder CD-Player Musik zu hören. Aber Zoes Vater stand eben leider auf den Sound aus dem Radio. Zudem mochte er die Kommentare der Radiomoderatoren, auch wenn er sie nicht immer verstand - je nachdem, in

welchem Land er sich gerade befand oder welche Sprache gesprochen wurde. Zoe hatte den Regler gefunden und drehte ihn etwas leiser, während Dr. Balter den Motor startete. Dennoch hämmerte die Musik so laut aus den Lautsprechern los, dass Merle erstaunt ihre Hand ausstreckte. „Die Dinger vibrieren im Takt. Voll cool.“

„Ist es eigentlich weit bis zum Camp?“

„Wenn du es hier eilig hast, kommt du nicht an.“

Zoe blickte ihren Vater neugierig an, aber er zuckte mit den Schultern. „Ist bloß ein Spruch, der hier im Camp die Runde macht.“ Mit einem Blick auf die zappelnde Blue fügte er hinzu: „Etwa eine halbe Stunde. Dann sind wir da, und du kannst deinen Tiger aus dem Rucksack lassen.“

Zoe seufzte erleichtert. Es war anstrengend, immer auf die Katze aufpassen zu müssen. Sie freute sich darauf, Blue endlich wieder frei laufen zu lassen. Sie war sich sicher, dass ihre Katze äußerst erpicht darauf war, wieder auf Bäume klettern und die Gegend erobern zu können. Sicher würde sie sich direkt auf die Jagd nach Insekten oder Mäusen begeben. Zum Glück war Blue keine gute Jägerin. Dafür konnte sie aber etwas anderes gut. Jedenfalls war Zoe das vor Kurzem aufgefallen.

„Wisst ihr, was Blue neuerdings kann?“

Kollektives Kopfschütteln.

„Sie kann Knochen finden.“

Ricardo lachte. „Ist doch völlig normal, dass Katzen Knochen finden können. Das ist doch ihr Job.“

Merle blickte ihn irritiert an.

„Na, Blue ist eine Katze und Katzen sind Raubtiere. Und Raubtiere müssen sich ihre Nahrung suchen und fangen. Da dürfte es doch sogar für eine Siamkatze nicht sonderlich schwer sein, Knochen zu finden.“

Jetzt mussten alle lachen, außer Zoe.

Sie holte empört Luft, um ihre Katze zu verteidigen, aber Merle kam ihr zuvor. „Also, so wie ich Zoe kenne, meint sie was ganz anderes.“

„Was soll das sein?“

„Wenn du mal die Freundlichkeit besitzen und den Mund halten würdest, könnte ich es dir ja sagen.“

Ricardo zog theatralisch die Schultern hoch. „Nun gut, meine hochverehrte Katzenliebhaberin. Was kann denn Euer Liebling so Besonderes?“

Nun musste auch Zoe grinsen.

„Geht doch. Also, ihr wisst ja mittlerweile, dass Hunde keine gekochten Hühnerknochen fressen dürfen.“

„Ja“, fuhr Ricardo fort. „Weil die Knochen beim Zerkauen splittern, sodass sie den Hunden den Magen von innen aufschlitzen können.“

„Ganz genau.“

„Aber Blue ist doch kein Hund“, stellte Merle fest. Sie verstand nicht, worauf ihre Freundin hinauswollte.

„Klar, aber ich möchte trotzdem nicht, dass sie Hühnerknochen frisst. Wer weiß, ob nicht doch eines Tages etwas passiert. Das möchte ich nämlich nicht erleben.“

Dr. Balter blickte sie von der Seite an, während er einen Gang runterschaltete. Der Asphalt hatte sich verschlechtert und die Straße war übersät mit Schlaglöchern. Er wollte nicht riskieren, dass der Wagen Schaden nahm. Das Team war auf gut funktionierendes Equipment angewiesen, wozu auch der Geländewagen gehörte. Außerdem würde Mieke ihm den Kopf abreißen, wenn der Wagen in ei n Schlagloch rauschen und irgendetwas zu Bruch gehen würde. „Okay, lass mich raten. Du packst die Knochen nicht in den Müll, sondern vergräbst sie im Garten.“

„Woher weißt du das?“

„Na, ich kenn doch meine Tochter.“

Zoe lächelte. „Oma mag es eben nicht so gerne, wenn die Knochen im Müll rumfliegen. Die fangen dann nämlich an zu stinken.“

Merle schüttelte sich. „Uääh!“

„Und was genau kann deine Wunderkatze nun?“ Ricardo war mittlerweile neugierig geworden.

„Stellt euch mal vor: Ich vergrabe sie echt tief, aber trotzdem hat Blue sie in letzter Zeit einige Male gefunden. Sie ist durch den ganzen Garten getigert und hat keine Ruhe gegeben, bis sie die Knochen gefunden und ausgebuddelt hat. Das bringt Oma übrigens immer auf die Palme, denn wenn Blue so richtig in Fahrt ist, buddelt sie einfach weiter. Frei nach dem Motto, es könnte sich ja noch mehr finden. Das sieht immer sehr witzig aus. Blue benutzt nämlich beide Pfoten dafür. Das muss sie sich irgendwann einmal von einem Hund abgeschaut haben. Ihr glaubt nicht, was da für Löcher im Garten entstanden sind.

„Also hast du die dann doch in den Müll geworfen?“, fragte Dr. Balter.

„Psst, nicht weitersagen. Ich hab die Knochen zusätzlich noch in drei Müllbeutel eingewickelt. Sicher ist sicher.“

„Verrückte Katze.“ Merle lehnte sich zurück und blickte wieder aus dem Fenster.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Printed in Czech Republic

ISBN 978-3-7615-6959-7

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