Wilhelm Faix
Herausforderung Bergpredigt:
Damit die Welt sich ändert.
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Wilhelm Faix
Herausforderung Bergpredigt:
Damit die Welt sich ändert.
Damit die Welt sich ändert.
Nicht gekennzeichnete Bibelverse wurden vom Autor selbst übersetzt, die anderen stammen aus folgenden Übersetzungen:
DBU Das Buch. Neues Testament, Psalmen, Sprichwörter – übersetzt von Roland Werner © 2022 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen.
ELB Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen.
GNB Gute Nachricht Bibel, durchgesehene Neuausgabe, © 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
HFA Hoffnung für alle®, © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc. Verwendet mit freundlicher Genehmigung von 'fontis - Brunnen Basel. Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten.
LUT Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
NeÜ Neue evangelistische Übersetzung, © 2023 by Karl-Heinz Vanheiden (Textstand 2023.06)
NGÜ Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung - Neues Testament und Psalmen.
Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.
ZB Zürcher Bibel ©2007, 2019, Theologischer Verlag Zürich.
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Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim
DTP: Burkhard Lieverkus, Wuppertal Verwendete Schriften: Chaparral, Myriad Gesamtherstellung: Drukarnia Dimograf Sp. z o.o., Bielsko-Biała Printed in Poland
ISBN 978-3-7615-6953-5 Print
ISBN 978-3-7615-6954-2 E-Book www.neukirchener-verlage.de
An wen richtet sich die Bergpredigt?
Die Bergpredigt und die Tora
Die Bergpredigt als gelebter Glaube der Gemeinde Jesu
1. Der Bergpredigt geht die Verkündigung der Königsherrschaft Gottes (Mt 4,17.23) voraus
2. Jesus spricht in der Bergpredigt an, wie der erlöste und befreite Mensch leben kann, wenn er die Kraft des Heiligen Geistes empfangen hat . . . 27
3. Die Bergpredigt ist gelebtes Evangelium der Gemeinde . . . . . . . . 27
4. Die Bergpredigt ist eine Lehrunterweisung Jesu an seine Gemeinde . . 28
5. Die Bergpredigt ist Angeld auf das Zukünftige . . . . .
Erklärungen zu Teil 1 .
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2. Teil: Jesus als Lehrer 34
1. Jesus als Lehrer in den Evangelien . . . . . . . . .
Wodurch unterscheidet sich Jesus als Rabbi (Lehrer) von den anderen Rabbinen (Lehrern) seiner Zeit? .
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Gibt es einen Unterschied zwischen Lehren und Verkündigen? .
Was ist der Unterschied zwischen Lehren und Verkündigen?
2. Jesus und seine Jünger (Schüler)
3. Was heißt: Jesus nachfolgen?
Ist damit die Nachfolge, wie sie uns in den Evangelien geschildert wird, aufgehoben?
Wie kommt es, dass uns dieses Denken fremd geworden ist?
Was verstehen die neutestamentlichen Schreiber unter Nachahmung? .
3. Teil:
Matthäus 5,1–12: Ein Leben lang glücklich und zufrieden
Seligpreisung (V. 5)
Seligpreisung (V. 6)
5. Seligpreisung (V. 7)
Seligpreisung (V. 8)
Matthäus 5,13–20: Missionaler Lebensstil
Leben (V. 13–16)
Matthäus 5,21–48: Ein Leben in der neuen Gerechtigkeit
1. Antithese: Vom Töten (V. 21–22)
Versöhnung und Verständigung (V. 23–26)
2. Antithese: Vom Ehebruch (V. 27–30)
3. Antithese: Von der Scheidung (V. 31–32)
4. Antithese: Vom Schwören (V. 33–37)
5. Antithese: Von der Gewaltlosigkeit (V. 38–42)
6. Antithese: Von der Feindesliebe (V. 43–45)
Matthäus 6,1–18: Die neue Frömmigkeit
Einleitung (V. 1) .
Wohltätigkeit üben (V. 2–4)
Das einsame oder verborgene Gebet (V. 5–6)
Das gemeinsame Gebet (V. 7–15)
Vom Fasten (V. 16–18)
Ein vierteiliges Fazit
Matthäus 6,19–34: Ein sorgloses Leben
Die Geldfrage (V. 19–24) .
Die Sorgenfrage (V. 25–32) .
Matthäus 7,1–12: Das neue Verhältnis zum Nächsten
Vom Umgang mit dem Nächsten (V. 1–6) .
Vom richtigen Verhalten zum Nächsten (V. 7–11)
Die goldene Regel (V. 12) .
Matthäus 7,13–29: Menschen der Tat
Die beiden Wege (V. 13–14) .
Die Frucht als Erkennungsmerkmal (V. 15–20)
Nicht das Bekenntnis, sondern das Tun ist entscheidend (V. 21–23) 220
Das Fundament (V. 24–27)
Der Eindruck, den die Bergpredigt hinterlässt (V. 28–29)
Überlegungen zur Praxis der Bergpredigt
1. Die Bergpredigt ist Jesu Lehre an seine Gemeinde
2. Die bessere Gerechtigkeit
3. Lehre und Leben
4. Die Bergpredigt als Gestalt der Kirche
5. Nachfolge heute
6. Die Bergpredigt als natürliches Leben
7. Die Aufgabe der Transformation
Epilog
Erklärungen zu Teil 3
Literaturliste
Matthäus 5,1–12: Ein Leben lang glücklich und zufrieden
Alle Menschen wünschen sich ein glückliches und zufriedenes Leben. Die Bedingungen dafür sind nicht für alle Menschen gleich. Jesus bietet jedem Menschen solch ein glückliches und zufriedenes Leben an. In der Tat, es ist ein ungewöhnliches Angebot. Wie erlangen wir solch ein glückliches und zufriedenes Leben?
„Als Jesus die Menschenmenge sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, seine Jünger versammelten sich um ihn, und er öffnete seinen Mund, sie zu lehren.“ (5,1–2; NGÜ)
Jesus benutzt einen Berg, an dessen Hang sich viele Menschen lagern können, um ihm zu zuhören. Wir müssten darum besser von einer Berglehre sprechen als von einer Bergpredigt.
Jesus setzt sich, das war im Judentum die übliche Weise, wenn ein Rabbi lehrte.1
Der gewöhnliche Ort zu lehren war die Synagoge (Mt 4,23).2 Warum Jesus draußen auf einem Berg lehrte, hängt damit zusammen, dass ihn so viele Menschen hören wollten, dass die Synagoge viel zu klein war, um sie aufzunehmen.
Die übliche Lehrweise zur damaligen Zeit sah so aus, dass der Lehrer (Rabbi) sich setzte, die Jünger um ihn herum standen oder sich zu seinen Füßen setzten, um seiner Lehre zu folgen, während das Volk hinter den Jüngern stand oder sich lagerte, wenn Jesus draußen lehr-
te. Nach jüdisch-rabbinischer Tradition haben die Jünger das, was ein Rabbi lehrte, nicht nur gehört, sondern auswendig gelernt. Die Jünger konnten darum die Reden Jesu auch ohne größere Probleme wörtlich aufschreiben.
Die Formulierung: „Er öffnete den Mund“ war zur damaligen Zeit (Judentum und Antike) eine Formulierung, um die Bedeutsamkeit dessen, was nun gesagt wird, hervorzuheben. Matthäus unterstreicht mit dieser Wendung die Wichtigkeit der Rede, die nun folgen wird. Was nun folgt, sind die berühmten Seligpreisungen. Wir haben acht Seligpreisungen (man kann auch neun zählen, wenn man die V. 10–12 als zwei zählt), die wir in drei Gruppen einteilen können.
Die ersten drei sprechen einen Mangel an: arm im Geist, Trauer, Machtlosigkeit (Sanftmütige). Die zweite Gruppe spricht eine bestimmte Haltung an: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, reine Herzen und Friedensstifter. Die dritte Gruppe sind die Verfolgten und Leidenden.
Alle beginnen mit „glückselig“, griech. markarios. Dieser Begriff ist schwer zu übersetzen. Es gibt eigentlich kein deutsches Wort, das genau das wiedergibt, was Jesus hier sagt. Markarios bezeichnet einen inneren Gemütszustand, eine Haltung des Glücks, des Wohlseins und des Friedens, der nicht von den äußeren Umständen abhängig ist. Die Umstände mögen gut oder miserabel sein, die Glückseligkeit bleibt.
Markarios drückt aus, was zum Zustand Gottes gehört (1Tim 1,11; 6,15). Jesus spricht dieses Glückselig zu. Es ist ein Zuspruch, wie wir ihn aus den Psalmen kennen: „wohl dem“ (Ps 1,1; 2,12b; 32,2; 94,12). Die Übersetzung „glückselig“ scheint mir darum am treffendsten, auch wenn dieses Wort in unserem Sprachgebrauch kaum noch zu finden ist. Selig hängt mit Seligkeit zusammen, also mit dem Wortfeld „Heil und Rettung“. In Epheser 2,5 lesen wir: „Aus Gnaden seid ihr selig (sozo = retten) geworden.“ In 1. Petrus 1,9 steht: „Wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit (soteria = Rettung)“. „ Selig ist, wer das göttliche Heil empfangen hat“, sagt Friso Melzer. Seligkeit ist eine gegenwärtige Erfahrung.
Jesus spricht in den Seligpreisungen das Heil und die Rettung zu. Der Mensch ist der Empfangende. Wenn der Mensch von Gott etwas empfängt, dann verändert sich seine Lebenshaltung. Die Seligpreisungen sind letztlich Charaktereigenschaften, die Jesus benennt. Daran kann man einen Jünger erkennen.3
Der Zuspruch Jesu will im Glauben empfangen und aus der Kraft des Heiligen Geistes gelebt werden. Das Geschenk der Seligpreisungen will im Alltag wirksam werden, also in der Ehe, Familie, als Single, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde, im Beruf usw. Hier im Alltagsstress sollen die Seligpreisungen wirksam werden.
Die Seligpreisungen drücken eine Grundhaltung christlicher Existenz aus. Selig ist mehr als glücklich. Wir können mit Josef Kamphaus von „überglücklich“ sprechen. „Leben in Fülle, Ganzheit und Heil, das, wonach alle sich sehnen in ihrer Brüchigkeit und Zerrissenheit.“
Schauen wir uns die Seligpreisungen im Einzelnen an:
1. Seligpreisung (V. 3) „Glückselig die Armen im Geist, denn ihnen ist (gehört) die Königsherrschaft Gottes.“
Welche Menschen sind arm im Geist? Die Auslegungen dazu sind vielfältig. Die meisten Ausleger sprechen von sozialer Armut und verweisen auf Lukas 6,20, wo nur von den Armen die Rede ist. Aber hier wird Armut durch den Zusatz „dem Geiste nach“ bestimmt. Es muss sich also um eine andere Armut handeln als nur die soziale. Auch wenn die Armen in besonderer Weise im Zeichen der messianischen Sendung stehen (Mt 11,5) und sie zu den Erwählten Gottes gehören (1Kor 1,26ff.; Jak 2,5) können wir diese Formulierung Jesu nicht einfach mit den „Armen“ in Lukas 6,20 gleichsetzen.
Arm im Geist kann nur eine Haltung sein, die sich auf Gott bezieht. Es geht um die Menschen, die Gott nichts anzubieten haben, die die Grenzen ihrer Geschöpflichkeit wahrnehmen. Es ist die Haltung der Niedrigkeit, wie wir sie bei Maria finden, als sie die Ankündigung bekam, dass sie schwanger werden wird (Lk 1,48). Die
Haltung der geistlichen Armut gegenüber Gott bezieht sich auf alle Menschen, auf die Armen wie auf die Reichen. Arm dem Geiste nach sind die Kinder, die zu Jesus kommen, und sich von ihm segnen lassen. Ihnen, so sagt Jesus, gehört das Himmelreich (Mt 19,14). Im Himmelreich geht es nicht darum, wer der Größte ist, sondern wer wie ein Kind im Vertrauen und in der Abhängigkeit von Gott leben kann. (Mt 18,1.5) Treffend sagt es Sören Kierkegaard: „Gott nötig zu haben ist des Menschen größte Vollkommenheit.“ Geistlich arm drückt die Bedürftigkeit aus. Ich bin auf Hilfe, Beistand, Versorgung und Schutz angewiesen. Ich bin nicht selbstbestimmt und habe nicht alles im Griff. Arm im Geist bezieht sich nach Josef Staudinger auf die Erlösungsbedürftigkeit „als sehnsüchtig-vertrauensvolles Aufseufzen nach der wahren Gerechtigkeit, die nur von Gott allein kommen kann, durch seine Gnadenhilfe“.
Arm im Geist, bedeutet: Ich habe nichts zu bieten, ich kann mir nichts erarbeiten oder kaufen. „Ich darf der sein, der ich bin, in meinen Grenzen. Ich muss nicht mehr sein oder darstellen, als ich bin.“ (K amphaus) Mein Wert und meine Anerkennung hängen nicht von meiner Leistung ab. Ich kann mich nur beschenken lassen. Glücklich jeder, der in dieser Armutshaltung lebt und seine Hände nach diesem Geschenk Gottes ausstreckt. Es handelt sich um eine Charaktereigenschaft, wie Johann Christoph Blumhardt es richtigerweise betont. Es geht um eine Herzenshaltung: Gott, ich stehe als Bettler vor dir! Es ist die Haltung der Demut. „Den Demütigen gibt Gott Gnade.“ (Jak 4,6; 1Petr 5,5)
Das Gegenstück zu dieser Haltung wird uns in Offenbarung 3,17 beschrieben: „Du sagst: ‚Ich bin reich und habe alles im Überfluss, es fehlt mir an nichts‘, und dabei merkst du nicht, in was für einem jämmerlichen und erbärmlichen Zustand du bist.“ (NGÜ)
In welcher Haltung leben Sie und wie zeigt sie sich?
Wie kann diese Herzenshaltung „arm im Geist“ zum Ausdruck kommen? Was sind ihre Kennzeichen?
2. Seligpreisung (V. 4)
„Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ (ELB)
Das griechische Wort pentheo hat die Bedeutung von trauern, klagen und der Totenklage. Das legt nahe, dass es um das Betrauern von Toten geht. Sicherlich brauchen alle, die den Tod eines Menschen betrauern, Trost. Sie dürfen trauern und bekommen auch Trost durch Gottes Wort. In Israel gab es eine festgelegte Totenklage für jeden Verstorbenen. Aber diese Deutung würde der Seligpreisung nicht gerecht werden.
Um was für Trauern (Totenklage) kann es sich dann handeln? Gott lässt Amos (5,1 ff.) eine Totenklage anstimmen über Israel, das in Gottes Augen gestorben ist. Beziehen wir die Trauer auf den Zustand des Gottesvolkes, dann bekommt sie eine weite Dimension. Auch
Paulus beklagt den Zustand der Gemeinde in Korinth. (1Kor 5,1–2; 2Kor 12,21) Es handelt sich also um ein Leiden, um den Zustand der Gemeinde und des christlichen Lebensstils. Kennen wir noch dieses existenzielle Leiden an der Not der Gemeinde und dem Leben des einzelnen Menschen? Von Jesus heißt es in Matthäus 9,36: „Als er das Volk sah, jammerte es ihn.“ Was sah Jesus? Er sah den inneren Zustand der Menschen, ihre Not und wie sie stressgeplagt und seelisch kaputt durchs Leben hetzten. Da stellt sich für uns die Frage: Was sehen wir, wenn wir Menschen begegnen? Sehen wir nur ihren beruflichen Erfolg und ihren Wohlstand oder sehen wir tiefer, ihre innere Not. Sehen wir nur uns selbst und klagen über unser eigenes Leben?
Jesus preist diejenigen als glückselig, die um den Zustand der Menschen und des Gottesvolks (der Gemeinde) auf dieser Erde trauern, um ihre Zerrissenheit, gegenseitiges Anklagen, Spaltungen, Trägheit, selbstbezogenen Glauben, fehlende Schulderkenntnis, selbstgenügsames Gemeindeleben, zerrüttete Ehen und Familien, Wohlstandsdenken, selbstzufriedenes Christenleben u. a. m.
Fragen zum Gespräch und zur Reflexion
Kennen Sie noch diese Trauer, von der Jesus hier spricht?
Wie drückt sie sich bei Ihnen aus?
Was müsste in Ihrem Leben geschehen, damit Sie die Menschen so sehen, wie Jesus sie gesehen hat?
3. Seligpreisung (V. 5) „Glückselig die Sanftmütigen, denn ihnen wird die Erde zum Erbe gegeben werden.“
Was für Menschen sind die Sanftmütigen? Das griechische Wort praeis, prays wird übersetzt mit freundlich, mild, sanftmütig. Es wird gerne auch mit demütig übersetzt, aber für Demut gibt es im Griechischen das Wort papeinos. Jesus sagt von sich: „Ich bin sanftmütig (prays) und von Herzen demütig (pareinos).“ (Mt 11,29). Er unterscheidet also zwischen Sanftmut und Demut.
Im Wort Sanftmut schwingt Gewaltlosigkeit mit. Der Sanftmütige übt keine Gewalt aus. Sein Verhalten in den Machtgefügen des Lebens ist von Milde und Freundlichkeit bestimmt. Er setzt seine Vorstellungen nicht mit Druck und Gewalt durch.
In den Regierungen weltweit haben die Mächtigen das Sagen. So weist Jesus darauf hin: „Die Herrscher (archon) der Völker schalten und walten über sie und ihre Herren nutzen ihre Macht gegen sie aus. Bei euch aber ist es nicht so …“ (Mt 20,25f.)
Es geht also nicht um eine menschliche Haltung, die man sich aneignen kann, sondern um eine „jesusmäßige“ Lebensweise, die aus dem neuen Leben des Geistes erwächst und ein Kennzeichen des Zusammenlebens in der Gemeinde ist. So kann Paulus an die Korinther schreiben: „Ich ermahne euch durch die Sanftmut und Milde des Christus, der ich in eurer Gegenwart machtlos bin …“ (2Kor 10,1)
Die Verheißung, die Jesus den Sanftmütigen gibt, findet sich schon in Psalm 37,11: „Die Sanftmütigen werden das Land besitzen und werden ihre Lust haben an Fülle von Heil.“ (ELB)
Diese Sanftmütigkeit ist nicht Schwäche, sondern Stärke. Das zu begreifen ist wie ein Sprung ins kalte Wasser, denn dieses Verhalten wiederspricht aller menschlichen Logik, nicht nur in der Politik, sondern auch in unserem Miteinander in der Gemeinde und überall, wo Menschen zusammenleben.
Die Antwort auf die Frage, warum es so viel Streit, Kampf und Zerrissenheit unter uns Menschen und Christen gibt, lautet: Es geht immer um Macht.
Fragen zum Gespräch und zur Reflexion
Wo üben Sie Macht aus?
Warum fällt es uns so schwer, sanftmütig zu sein?
Wo sollten Sie, statt Macht auszuüben, Sanftmut leben?
4. Seligpreisung (V. 6)
„Glückselig die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen gesättigt werden.“
Es geht in dieser Seligpreisung um einen Begriff, der im Zentrum des Alten und Neuen Testaments steht. Die entscheidende Frage lautet: Was ist unter Gerechtigkeit zu verstehen?
In der neueren Auslegungsliteratur (Exegese) wird Gerechtigkeit, teilweise sogar ausschließlich, auf das menschliche Verhalten gedeutet. Ohne Frage gibt es so viel Ungerechtigkeit in dieser Welt und unter uns Menschen, dass die Gerechtigkeitsfrage zu den wichtigsten Fragen des menschlichen Zusammenlebens gehört. Die Frage: Wie bekommen wir auf dieser Erde ein gerechtes Verhalten im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben, brennt uns unter den Nägeln. Aber will Jesus das sagen?
Wenn die Bergpredigt ein Leben im Reich Gottes anspricht, das auf dieser Erde mit Jesus angebrochen ist, dann kann sich Gerechtigkeit nicht nur auf das menschliche Miteinander beziehen. Wir können drei Arten der Gerechtigkeit unterscheiden.
1. Die juristische
Diese wird von Gott immer wieder von seinem Volk gefordert. So lesen wir in Jesaja 5,7: „Gott wartet auf Rechtsspruch, siehe so ist’s Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe so ist’s Wehgeschrei“. Im Alten Testament geht es vornehmlich um soziale Gerechtigkeit. (Z.B. Jes 56,1; Amos 3,10–12; 8,4–6 u. a.) Die soziale Gerechtigkeit ist und bleibt eine der wichtigsten Herausforderungen der Menschheit und somit auch der Christen. Der Schrei der Menschen nach dieser Gerechtigkeit ist groß, sie wird aber nie ganz erfüllt werden. Darum schreibt Petrus: „Wir warten aber nach seiner Verheißung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“. (2Petr 3,13)
Dieser Vers darf aber unter uns Christen nicht dazu führen, dass wir die Gerechtigkeitsfrage vernachlässigen oder gar nicht im Blick haben.
2. Die Gerechtigkeit Gottes
Im Zentrum der neutestamentlichen Botschaft steht die Gerechtigkeit Gottes. Bereits im Alten Testament wird davon gesprochen: „ Jahwe ist unsere Gerechtigkeit“ (Jer 23,6 und 33,16). Im Alten Testament ist Gerechtigkeit mit der Verheißung des Messias verbunden. In Jesus ist die Gerechtigkeit Gottes zu uns Menschen gekommen. Jesus ruft den Menschen zu: „Ich bringe euch die Gerechtigkeit Gottes, euer Hunger und Durst kann jetzt gestillt werden.“ Diese Gerechtigkeit ist die Hauptbotschaft von Paulus im Römerbrief. (Vgl. Röm 1,17; 3,28; 4,5; 5,18)
3. Die gelebte Gerechtigkeit
Die Gerechtigkeit Gottes ist nicht nur Gabe, sondern auch Anspruch. Diese geschenkte Gerechtigkeit will gelebt werden, will in unserem Leben Gestalt gewinnen. Diese Gerechtigkeit Gottes zeigt sich im Tun, sowohl im sozialen Verhalten (Mt 25,40) als auch in einem neuen Lebensstil, wie er im gesamten Neuen Testament beschrieben wird. Die gelebte Gerechtigkeit drückt sich besonders in der gelebten Frömmigkeit aus, wie sie in Matthäus 5,10.20 und 6,1 auch verstanden wird. Die gelebte Gerechtigkeit zeigt sich in der Nächstenliebe, dem Eintreten für ein gerechtes gesellschaftliches Miteinander, aber auch in einem neuen Frömmigkeitsleben (vgl. 1Tim 6,6–11). Diese Ganzheitlichkeit des Lebens in Gerechtigkeit drückt sich in einer grammatikalischen Feinheit aus. Im Griechischen steht nach den Verben hungern und dürsten normalerweise ein Genitiv, der als Genitiv des geteilten Ganzen bezeichnet wird. Das heißt: mich hungert und dürstet nach einem Teil, zum Beispiel nach einer Scheibe Brot, wenn Brot im Genitiv hinter hungert steht. Wenn aber nach solchen Verben der Akkusativ folgt, dann würde es heißen: „Mich hungert nach dem ganzen Brot.“
In unserem Text steht nach „hungern und dürsten“ Gerechtigkeit im Akkusativ, damit liegt die Betonung auf der „ganzen Gerechtigkeit“. Das bedeutet, dass beide Gerechtigkeiten, die soziale und die Gerechtigkeit Gottes, zum Ausdruck kommen und gelebt sein wollen.
„Interessant dabei ist, dass es sich nicht, (…) um eine rein innerliche bzw. geistliche Erlösung handelt, sondern um eine ganzheitliche Transformation, die sich bis in die Körperlichkeit der Menschen zeigt (hungern, dürsten, satt werden etc.)“, wie Thorsten Dietz und Tobias Faix es treffend ausdrücken.
Dieser Charakter der Ganzheitlichkeit kommt auch in der Formulierung „Erziehung in der Gerechtigkeit“ (2Tim 3,16) zum Ausdruck. Mit dieser Formulierung öffnet sich für die christliche Pädagogik4 eine neue Perspektive, die leider kaum beachtet wird. So wie Gott eine Vorleistung in Jesus für uns Menschen gebracht hat, so besteht jede Erziehung in der Vorleistung der Eltern (oder anderer Erziehungspersonen), damit die Kinder das leben können, was zu einer christlichen Persönlichkeitsbildung notwendig ist. Nicht die Regeln und Erziehungsmaßnahmen stehen im Vordergrund, sondern die Gestaltung des Familienlebens, in dem Regeln lebbar sind. Gelebte Gerechtigkeit bedeutet darum, dass die Gemeinde ein Lebensraum ist, in der das neue Leben eingeübt wird. Nicht das Gebot und die Regel („Du darfst nicht …“) stehen im Vordergrund, sondern die Vorleistung Gottes als Lebensquelle. Jesus preist also die selig, die sich nach der ganzen Gerechtigkeit sehnen und sich nicht nur mit einem Teil begnügen. Diese ganze Gerechtigkeit bezeichne ich als gelebte G erechtigkeit. Es ist der Hunger und Durst nach einer geistgewirkten Lebensgestaltung aller Lebensbereiche (Kol 2,6). Paulus beschreibt diesen Hunger und Durst in Philipper 3,10 mit den Worten: „Ich möchte ihn erkennen und die Kraft seiner Auferstehung …“
Fragen zum Gespräch und zur Reflexion
Wonach hungert und dürstet Ihre Seele?
Was verstehen Sie unter Gerechtigkeit?
5. Seligpreisung (V. 7)
„Glückselig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit empfangen.“
Barmherzigkeit ist eines der großen Worte im Alten Testament. Das hebräische häsäd heißt wörtlich: bundesgemäßes Verhalten, also Bundestreue. Es ist die Haltung Gottes gegenüber seinem Volk. Am Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat, hält er fest, ganz gleich, wie sich Israel verhält.
Das griechische Wort eleos (= Barmherzigkeit, Erbarmen, kommt 78-mal im Neuen Testament vor) entspricht dem hebräischen häsäd. Gott hält sich an das, was er ist, der Barmherzige. (Vgl. Eph 2,4; Tit 3,5; Hebr 4,16; 1Petr 1,3 u. a. m.) Barmherzigkeit ist also die gottgemäße Art, zu leben und zu handeln. Jesus greift mit scharfen Worten die Pharisäer an, die zwar hundertprozentig gesetzestreu sind, denen es aber an Barmherzigkeit fehlt. (Vgl. Mt 23,23) Im Gleichnis vom barm-
herzigen Samariter macht Jesus deutlich, dass Barmherzigkeit gelebt sein will. (Lk 10,25–37) Beides, Mitgefühl und helfende Tat, kommen hier zusammen.
Der Gipfel der Barmherzigkeit lautet: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“ (Lk 6,36) Vorbild und Maßstab der Barmherzigkeit ist also Gott selbst. Barmherzigkeit ist eine innere Bewegung im Menschen, die zu einem äußeren Handeln führt, und kein bloßes sachliches Wissen. Aufgrund des Erbarmens heilt Jesus Kranke (Mt 14,14; 20,34; Mk 1,41 u. a. m.), treibt Dämonen aus (Mk 9,22) und weckt Tote auf (Lk 7,13). Wer Barmherzigkeit empfangen hat, der gibt sie auch weiter, sonst wird ihm die Barmherzigkeit entzogen. (Mt 18,21–35) Jesus preist die Menschen glückselig, in deren Tun sich Gottes Barmherzigkeit wiederspiegelt. Es geht um den Alltag und unser selbstloses Handeln den Mitmenschen gegenüber: die Bereitschaft zu vergeben, wo uns Unrecht getan wird; die priesterliche Fürbitte für Menschen, die wir nicht leiden können; treu und zuverlässig zu sein, auch wenn wir Untreue und Unzuverlässigkeit erfahren; Menschen in ihrer Not zu sehen und ihnen jegliche Hilfe zuteilwerden zu lassen, gleichgültig wer diese Menschen sind, ob Freund oder Feind. Barmherzigkeit ist eine Lebenshaltung, die aus der geschenkten „besseren G erechtigkeit“ Jesu hervorgeht.
Diese Seligpreisung spricht das ganze Leben des Menschen an. Sie enthält sowohl die Verkündigung des Evangeliums als auch die Diakonie, das sozialpolitische Handeln wie auch die Nächstenliebe. Barmherzigkeit ist das Kernstück christlichen Lebens. Ein christliches Leben ist von der Kultur der Barmherzigkeit geprägt. Eine säkulare oder religiöse Gesellschaft, gleich welcher Art, kennt diese Barmherzigkeit nicht. Somit ist diese Seligpreisung eine der großen Herausforderungen für unser christliches Lebensverständnis, aber auch gleichzeitig von einer gewaltigen Leuchtkraft.
Fragen zum Gespräch und zur Reflexion
Wie können Sie mit dieser Seligpreisung umgehen?
Wie wird diese Seligpreisung in Ihrer Gemeinde gelebt?
Lesen Sie Lukas 10,25–37 und fragen Sie sich, wo Menschen in ihrem Umfeld sind, denen Sie Barmherzigkeit zuteilwerden lassen sollen.
6. Seligpreisung (V. 8)
„Glückselig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott sehen.“
Mit dieser Seligpreisung hat die Christenheit so ihre Schwierigkeiten. Geht es um eine Leistung, die der fromme Mensch zu bringen hat? Geht es um ein asketisches Leben oder um den Kampf gegen die wilden
Begierden und Triebe? Geht es um verborgene Sünden, um unreine und böse Gedanken oder geht es um sexuelle Reinheit? Oder meint reines Herz gar ein sündloses Leben, wie es in der Heiligungsbewegung und in der frühen Pfingstbewegung gepredigt wurde? Oder geht es lediglich um ein gutbürgerliches Christsein, dem keine Verfehlungen nachzuweisen sind, in dem manche als Kind beten gelernt haben: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein“?
Was ist unter einem „reinen Herzen“ zu verstehen? Diese Seligpreisung hat einen unmittelbaren Bezug zu einer Reihe von alttestamentlicher Worte wie zum Beispiel Psalm 24,3–5; 51,4 und 12. Der alttestamentliche Mensch weiß um die Unreinheit seines Herzens (Jes 6,5), darum sehnt er sich nach dem reinen Herzen. Das Wort katharos hat eine sehr umfassende Bedeutung. Es geht um das schuldlos sein und ausleeren, aber es bezeichnet vor allem das Unvermischte, also das saubere Wasser, den reinen Wein, das lautere Gold, den klaren Kristall. Dabei geht es nicht um die äußere Sauberkeit, sondern um die innere Qualität. Ein Stück reines Gold kann außen verschmutzt sein, aber es bleibt reines Gold. Katharos beschreibt etwas, das mit keinem fremden Zusatz vermischt ist, also die Echtheit.
Wenn die Bibel vom Herzen spricht, dann meint sie immer den ganzen Menschen, so wie er leibt und lebt. Mit Herz ist das Zentrum des Menschen gemeint, sein ganzes Dasein, sein inneres Wesen. Eine Trennung von außen, innen, seelisch, physisch, geistig und geistlich ist nicht zulässig. (Vgl. 1Sam 16,7) Wenn in der Bibel vom Herzen gesprochen wird, dann wird der ganze Mensch mit seiner Persönlichkeit, seinem Willen, seiner Gesinnung, seinem Tun und Lassen, seinem Verhalten, kurz: seinem ganzen Wesen, angesprochen.
Die reinen Herzens sind, sind also Menschen, die Gott ganz und ungeteilt gehören, und auch danach leben.
Bonhoeffer drückt es in der „Nachfolge“ so aus: „Wer ist reinen Herzens? Allein der, der sein Herz Jesus ganz hingegeben hat, dass er allein darin herrscht.“
Im Grunde spricht diese Seligpreisung an, was Paulus Heiligung nennt. (1Kor 1,30; 2Kor 7,1; 1Thess 4,7; 1Tim 2,15; Hebr 12,14) Das Le-
ben auf dieser Erde ist immer mit Schuldigwerden verbunden, darum gehört zum „reinen Herzen“ die Bereitschaft zur Vergebung (vgl. 1Joh 1,7; 3,3; 2Petr 1,9) und Erneuerung (vgl. Röm 12,2; Tit 3,5). Dietrich Bonhoeffer formuliert es in einer Predigt zu Matthäus 5,8 so: „Werdet einfach, klar, echt, ursprünglich, grade, rein, so wird euer Herz ein Spiegel des väterlichen Herzens Gottes werden.“
Das Gegenstück zu den Herzensreinen sind die Heuchler, von denen Jesus im Kapitel 6 in den Versen 2, 5 und 16 und in Kapitel 7,5 spricht. Der Heuchler spielt etwas vor, was er in Wirklichkeit nicht ist. Jesus sagt es so: „Ihr Pharisäer, die Außenseite des Bechers und der Schüssel reinigt ihr, während das Innere voll Raub und Bosheit ist.“ (Lk 11,39).
Weil wir immer in der Gefahr stehen, Heuchler zu werden, ist es nötig, dass wir unser Leben immer und immer wieder Gott hingeben, Vergebung und Erneuerung erfahren, um von aller Heuchelei befreit zu werden.
Fragen zum Gespräch und zur Reflexion
Wenn Herzensreinheit bedeutet, dass Ihr Leben ungeteilt Gott gehört und durch und durch echt ist, was bedeutet das für Ihr Miteinander?
Warum ist die Beichte eine Hilfe zur Erneuerung Ihres Lebens?
7. Seligpreisung (V. 9)
„Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes gerufen werden.“
Mit der siebten Seligpreisung sprechen wir ein Thema an, das zu allen Zeiten für alle Menschen aktuell war und ist. Die Geschichte der Menschheit – auch der Bibel – ist voller Kriege. Es herrscht aber nicht nur Krieg unter den Völkern, sondern auch unter den Menschen. Angefangen von Menschengruppen bis hin zu den Ehen (Ehekrieg).
Jesus spricht von Friedensstiftern oder Friedensbringern (eiränomoios). Ein Friedensstifter kann natürlich nur der sein, der auch selbst im Frieden lebt. Das griechische Wort für Frieden (eirene) hat die gleiche Bedeutung wie das hebräische schalom. Schalom ist der Name Gottes wie auch der Name des Messias. (Jes 9,5) Gott ist ein Gott des Friedens (Röm 15,13; 16,20; 2Kor 13,11; Phil 4,9; 1Thess 5,23; Hebr 13,20-21).
Weil Gott Frieden zwischen sich und dem Volk Israel geschlossen hat – so folgert Rabbi Johanan ben Zakkai (gestorben um 80 n. Chr.) –, darum gilt es: „Frieden zwischen zwei Männern oder zwischen einem Mann und seinem Weibe oder zwischen zwei Städten oder zwei Nationen oder zwei Regierungen oder zwei Familien“ zu stiften.
Zum aaronitischen Segen gehört der Friede Gottes (4Mo 6,26). Jesus spricht seinen Jüngern den Frieden zu (Jh 14,27).
Wenn es um den Frieden Gottes geht, dann ist nicht nur der persönliche Herzensfrieden gemeint, so wichtig dieser auch sein mag, sondern das ganze gesellschaftliche Leben. Dazu gehört das Leben des Einzelnen, die Ehe, die Familie, die Nachbarschaft, die Arbeitswelt, die Freizeit, die Natur, die Völker, die ethnischen Gruppen: kurz alles, was das Leben auf dieser Erde ausmacht.
Friedensstifter sind darum die Menschen, die y in der Beziehung zu Gott in Frieden leben. (Vgl. 4Mo 6,26; 1Sam25,6; Jes 26,12; 45,7; Jh 14,27; Röm 5,1; Kol 3,15; 2Tess 3,16; 1Petr 1,2)
y in der Beziehung zu sich selbst in Frieden leben. (Vgl. Jes 53,5; Lk 10,6; Jh 16,33; Kol 3,15)
y in der Beziehung zu den Mitmenschen in Frieden leben. (Vgl. Sach 6,13; 8,16; Mk 9,50; Röm 12,18; Hebr 12,14)
y in der Beziehung zu den Mitchristen in der Gemeinde in Frieden leben. (Vgl. 2Kor 13,11; 1Thess 5,13; 2Tim 2,22; 1Joh 3,23)
y in der Beziehung zu den verschiedenen Ethnien und Kulturen in Frieden leben. (Vgl. 1Kön 5,4; Röm 12,18; 2Tim 2,22; Hebr 12,14; 2Kor 5,18-19; 1Joh 2,2)
Friedensstifter sind Täter des Friedens (Jak 3,18). Den Friedenstätern wird der höchste Ehrentitel zuteil: Sie werden Söhne Gottes gerufen werden. Jesus, der Sohn Gottes, hat den Frieden auf diese Erde gebracht. Wer zu Jesus gehört, wird Friedensstifter und damit Sohn Gottes genannt (Röm 8,19).
Wo tragen Sie zum Unfrieden bei? Was sind die Gründe?
Gibt es Menschen mit denen Sie Frieden schließen sollten?
Sind Sie bereit dazu?
Wo können Sie als Gemeinde und Sie persönlich Friedensstifter sein?
Was bedeutet es für die Kirche Christi, wenn die Aussage Jesu, Fr iedensstifter zu sein, sich auch auf das Miteinander der Völker und Ethnien bezieht?
Die Friedensbotschaft Jesu Christi ist eine Versöhnungsbotschaft für das Miteinander aller Menschen, also auch der Völker und Ethnien auf der ganzen Welt. Dieser globale Aspekt kommt weithin zu kurz und sollte verstärkt gesehen werden.5
Friedensstifter kann aber nur sein, der selbst Versöhnung erfahren hat und als Versöhnter lebt. Versöhnung ist die Voraussetzung, damit man Friedensstifter sein kann. Diese Erkenntnis gilt für das Miteinander im täglichen Alltag wie auch für den politischen Frieden. Der Friedensforscher Erwin Staub kommt darum zum Ergebnis, dass die Versöhnung mit dem Feind die beste Prävention hin zum Frieden ist.6
Die Versöhnung geht also einem Friedensschluss voraus. Damit sind wir bei der zentralen Botschaft des Evangeliums. Jesus hat uns mit Gott versöhnt, somit ist Versöhnung unter uns Menschen möglich und aufgetragen (2Kor 5,18). Frieden ist möglich!
Fragen zum Gespräch und zur Reflexion
Wo lebe ich noch im Unfrieden?
Mit wem sollte ich mich versöhnen?
8. Seligpreisung (V. 10–12)
„Glückselig, die wegen Gerechtigkeit Verfolgung erleiden müssen; ihnen gehört die Königsherrschaft der Himmel. Glückselig seid ihr, wenn sie euch beschimpfen und verfolgen und alles Böse gegen euch sagen um meinetwillen und damit lügen. Freut euch und jubelt, weil euer Lohn groß ist in den Himmeln; denn genauso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren.“
Diese Seligpreisung spricht von einem seltsamen Paradoxon: Die Verfolgten und Leidenden sollen sich freuen und jubeln. Petrus hat diese Seligpreisung fast wörtlich übernommen (1Petr 3,14). Verfolgung und Freude passen einfach nicht zusammen. Wir jubeln und freuen uns, wenn wir Erfolg haben, wenn wir Geschenke bekommen, wenn wir gelobt werden. Jesus spricht von Verfolgung als etwas ganz Normalem. Es gehört zum Leben eines Jüngers (Christen), verfolgt zu werden. Verfolgung und Leiden gehören zum wesentlichen Bestandteil des
Lebens der Gemeinde, ja, sie sind Kennzeichen echter Jüngerschaft. Auffallend ist, dass nicht nur allgemein von Verfolgung gesprochen wird, sondern Beschimpfen, Lügen und alles Böse genannt werden. Es handelt sich offensichtlich um widergöttliche Mächte und Kräfte, die hier am Werk sind.
Für uns in Europa sind diese Worte Jesu kaum nachvollziehbar. Die verfolgten Christen – und es gibt nicht wenige – in vielen Ländern der Erde, verstehen diese Seligpreisung besser als wir. Das christliche Werk Open Doors veröffentlicht jährlich eine Weltkarte, in der gezeigt wird, in welchen Ländern Christen verfolgt werden. Es sind über 50 L änder.7
Über diese Verse können wir als Nichtverfolgte nur sprechen, wenn wir Empathie mit den verfolgten Christen haben. Wir können nur von ihnen lernen und für sie beten und sie unterstützen. In Hebräer 13,3 lesen wir: „Kümmert euch um alle, die wegen ihres Glaubens gefangen sind. Sorgt für sie wie für euch selbst. Steht den Christen bei, die verhört und misshandelt werden. Leidet mit ihnen, als würden die Schläge euch treffen.“ (HFA) Unser Wohlstandschristentum ohne Verfolgung bringt uns nicht mehr Freude und Jubel im Leben. Wie kommt das?
Diese Seligpreisung ist die einzige, die Lohn verheißt. Offensichtlich sagt Jesus zu den Verfolgten: Ihr müsst auf vieles verzichten, aber schaut auf die Ewigkeit, dort werdet ihr einen Lohn bekommen, der alles, was ihr an irdischem Verzicht erfahren musstet, ersetzen wird.
Wie gehen Sie mit dieser Seligpreisung um?
Warum haben wir trotz unseres Wohlstandes oft wenig Freude und Jubel in unserem Herzen?
Was ist die Ursache Ihrer Unzufriedenheit, obwohl es Ihnen äußerlich gut geht?
Fazit zu den Seligpreisungen
Die Seligpreisungen sind Zuspruch und Verheißung zugleich. Ihr Zuspruch ist Ermutigung auf dem Weg der Nachfolge, ihre Verheißung ist die Hoffnung, auf die wir hinleben. Zuspruch und Verheißung sind eingetaucht in die Gemeinschaft mit Christus: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Sehr treffend drückt es Josef Ratzinger aus: „Die Seligpreisungen sind Umsetzung von Kreuz und Auferstehung in der Jüngerexistenz.“ Paulus bringt das, was Jesus in den Seligpreisungen sagt, mit anderen Worten sehr treffend in Römer 5,1–11 zum Ausdruck. Wir stehen vor der Frage: Was macht uns glücklich? Sind es Wohlstand, Konsum, Sicherheit und Selbstverwirklichung oder eine tiefe innere Zufriedenheit in allen Lagen des Lebens? Diese Glückseligkeit erwächst aus dem Zuspruch Jesu und macht uns zu Menschen, die sich nicht um sich selbst drehen, sondern ein zugewandtes Leben zu ihren Mitmenschen haben.
Mag der Alltag auch nicht immer so erscheinen, dass wir darin Glückseligkeit empfinden, so können uns doch die Seligpreisungen