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Leseprobe

Stephan Goldschmidt Die Seele zum Klingen bringen


Leseprobe

Stephan Goldschmidt

Seele zum Klingen

Die

bringen

Andachten und Impulse zu den Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahres Zur Predigtreihe VI


Leseprobe

Sämtliche Bibeltexte sind entnommen aus: Lutherbibel, revidiert 2017 © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2023 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de, unter Verwendung eines Bildes © elodea.proteus (shutterstock.com) Lektorat: Anna Böck Layout: Magdalene Krumbeck, Wuppertal DTP: Burkhard Lieverkus, Wuppertal Verwendete Schriften: Chaparral Pro, Priva TwoPro Gesamtherstellung: Dimograf Sp. z o.o., Bielsko-Biala Printed in Poland ISBN 978-3-7615-6940-5 www.neukirchener-verlage.de


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Inhalt Vorwort ........................................................................................................................................... 9 1. Advent ......................................................................................................................................... 10 2. Advent ........................................................................................................................................ 12 3. Advent ........................................................................................................................................ 16 4. Advent ....................................................................................................................................... 18 Christvesper .............................................................................................................................. 20 Christnacht ................................................................................................................................. 22 1. Weihnachtsfeiertag .......................................................................................................... 26 2. Weihnachtsfeiertag ........................................................................................................ 30 1. Sonntag nach Weihnachten ....................................................................................... 32 Altjahresabend ......................................................................................................................... 34 Neujahr .......................................................................................................................................... 38 2. Sonntag nach Weihnachten ..................................................................................... 40 Epiphanias .................................................................................................................................. 44 1. Sonntag nach Epiphanias ............................................................................................ 48 2. Sonntag nach Epiphanias .......................................................................................... 50 3. Sonntag nach Epiphanias ............................................................................................ 54 Letzter Sonntag nach Epiphanias .............................................................................. 58 5. Sonntag vor der Passionszeit .................................................................................. 60 4. Sonntag vor der Passionszeit ................................................................................... 62 3. Sonntag vor der Passionszeit: Septuagesimä .............................................. 66 2. Sonntag vor der Passionszeit: Sexagesimä .................................................... 70 Sonntag vor der Passionszeit: Estomihi ................................................................. 72 1. Sonntag in der Passionszeit: Invokavit ............................................................... 74 2. Sonntag der Passionszeit: Reminiszere ............................................................ 78 3. Sonntag der Passionszeit: Okuli ............................................................................ 80 5


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4. Sonntag der Passionszeit: Lätare ......................................................................... 82 5. Sonntag der Passionszeit: Judika ......................................................................... 84 6. Sonntag in der Passionszeit: Palmsonntag ................................................... 88 Gründonnerstag ..................................................................................................................... 90 Karfreitag .................................................................................................................................... 94 Ostersonntag ........................................................................................................................... 98 Ostermontag .......................................................................................................................... 100 1. Sonntag nach Ostern: Quasimodogeniti ......................................................... 102 2. Sonntag nach Ostern: Misericordias Domini ............................................... 106 3. Sonntag nach Ostern: Jubilate ................................................................................ 110 4. Sonntag nach Ostern: Kantate ............................................................................... 112 5. Sonntag nach Ostern: Rogate ................................................................................. 114 Christi Himmelfahrt ............................................................................................................ 118 6. Sonntag nach Ostern: Exaudi ................................................................................. 122 Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes: Pfingsten .................................. 126 Pfingstmontag ........................................................................................................................ 130 Tag der Heiligen Dreifaltigkeit:Trinitatis ............................................................. 134 1. Sonntag nach Trinitatis ............................................................................................... 138 2. Sonntag nach Trinitatis .............................................................................................. 142 3. Sonntag nach Trinitatis .............................................................................................. 146 4. Sonntag nach Trinitatis .............................................................................................. 152 5. Sonntag nach Trinitatis .............................................................................................. 156 6. Sonntag nach Trinitatis .............................................................................................. 160 7. Sonntag nach Trinitatis .............................................................................................. 164 8. Sonntag nach Trinitatis .............................................................................................. 168 9. Sonntag nach Trinitatis .............................................................................................. 170 10. Sonntag nach Trinitatis – Israelsonntag: Kirche und Israel ................................................................... 172 10. Sonntag nach Trinitatis – Israelsonntag: Gedenktag der Zerstörung Jerusalems ................. 174 6


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11. Sonntag nach Trinitatis ............................................................................................. 178 12. Sonntag nach Trinitatis ........................................................................................... 180 13. Sonntag nach Trinitatis ............................................................................................ 182 14. Sonntag nach Trinitatis ............................................................................................ 186 15. Sonntag nach Trinitatis ............................................................................................ 188 16. Sonntag nach Trinitatis ............................................................................................ 192 17. Sonntag nach Trinitatis ............................................................................................ 194 Erntedank .................................................................................................................................. 196 18. Sonntag nach Trinitatis ............................................................................................ 198 19. Sonntag nach Trinitatis .......................................................................................... 200 Reformationstag ................................................................................................................. 204 20. Sonntag nach Trinitatis ......................................................................................... 206 21. Sonntag nach Trinitatis .......................................................................................... 208 22. Sonntag nach Trinitatis ........................................................................................... 212 23. Sonntag nach Trinitatis ........................................................................................... 216 24. Sonntag nach Trinitatis ........................................................................................... 218 Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres ............................................................... 220 Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres .................................................................. 222 Buß- und Bettag ................................................................................................................... 226 Letzter Sonntag des Kirchenjahres: Ewigkeitssonntag .................................................................................................. 230 Letzter Sonntag des Kirchenjahres: Totensonntag ........................................................................................................... 232

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Vorwort Kurz und knapp muss es manchmal sein. Andachten, die länger als drei bis vier Minuten dauern, wirken vielfach behäbig. Fragt man die Zuhörenden, sprechen sich die meisten für kurze Impulse aus als für lange Reden. In diesem Buch finden sich solche Kurztexte. Sie wurden zu den Predigttexten der Predigtreihe VI verfasst. Sie sind als Andachten konzipiert, können aber auch für die Predigtvorbereitung herangezogen werden. Sie besitzen in der Regel 2.000 Zeichen und sind gelesen nur drei bis vier Minuten lang. Die Texte sollen das geistliche Leben bereichern oder sie werden als Impulse verwendet, die Pfarrpersonen oder Prädikantinnen und Prädikanten erste Ideen für den Prozess des Predigtmachens geben. Die Impulse sind elementar gehalten und greifen in aller Regel nur einen Gedanken auf, der mit dem vorgegebenen Bibeltext korrespondiert. Außerdem können die Impulse als Leseandachten verwendet werden. Zum Beispiel geben sie Ehrenamtlichen, die in kleinen Gottesdiensten, die ohne Mitwirkung von Haupt- und Nebenamtlichen mehr und mehr gefeiert werden, etwas an die Hand. So können in kleinen Orten auch dann regelmäßig gottesdienstliche Feiern stattfinden, wenn es immer weniger Pfarrpersonen gibt. Oder sie werden bei Werktags-Gottesdiensten in den Kirchen größerer Städte verwendet. Ich wünsche den Nutzerinnen und Nutzern viel Freude mit den Impulsen. Hannover, im April 2023 Stephan Goldschmidt

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1. Advent Lesung: Psalm 24,1-10 Ein Psalm Davids. Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet. Wer darf auf des Herrn Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte? Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lüge und nicht schwört zum Trug: der wird den Segen vom Herrn empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles. Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs. Sela. Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe! Wer ist der König der Ehre? Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit. Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe! Wer ist der König der Ehre? Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre. Sela.

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IMPUL S:

Es ist ein Paukenschlag, mit dem der Advent beginnt: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch“. Oder auch: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Man kann diese Worte kaum lesen oder hören, ohne eine Melodie mitzuhören, durch die die Aufforderung unterstrichen wird, für Gott Türen und Tore zu öffnen. Doch diese festlichen Worte und Töne werfen sehr zentrale Fragen auf: Wie können wir Menschen uns und unsere Umgebung für Gott öffnen? Können wir ihm Tore und Türen aufschließen? Und damit etwas dazu beitragen, dass Gott in diese Welt kommt? Ist es nicht so, dass Gott und Welt schon seit jeher aufs engste zusammengehören? Gott ist doch längst da. Er hat die Erde gegründet. Der Erdkreis ist sein Werk. Die Grenze zwischen Gottes Welt und Menschenwelt ist von Anfang an durchlässig. Gott ist da, bevor wir ihm die Türen und Tore öffnen. Wir können nur dazu beitragen, dass Gott zu uns kommt. Dass wir befreit werden von der Vorstellung, Gott habe die Welt und uns alleingelassen. Psalm 24 hat sehr klare Vorstellungen davon, was wir tun können, damit wir uns Gott nahe wissen: Er sucht Menschen mit unschuldigen Händen und reinem Herzen, die vor allem das Lügen meiden. Das ist ein Paukenschlag im aktuellen, postfaktischen Zeitalter, in dem es nicht mehr in erster Linie auf den Wahrheitsgehalt der Aussagen ankommt, sondern auf die Wirkungen, die sie hinterlassen. Alternative Fakten, also Fakenews, bestimmen das Leben in der Gegenwart in einer nie dagewesenen Weise. Hier kommen sofort die Gestalten aktueller Politiker in den Sinn, die ohne Skrupel lügen und Lügengeschichten von sich geben. Beispielsweise um einen völkerrechtswidrigen Krieg zu rechtfertigen. Aber auch wir leben in diesem postfaktischen Zeitalter und sind davon mehr beeinflusst, als wir denken. Auch wir leben in Blasen, in denen jeweils bestimmte Wahrheiten gelten. Auch wir nehmen die Welt mit einer dem Umfeld angepassten und eingefärbten Brille wahr. Wer Gott die Türen und Tore öffnet, fängt genau hier an, legt die Halbwahrheiten und Notlügen zur Seite und beginnt, Gott Türen und Tore des eigenen Lebens zu öffnen.

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2. Advent Lesung: Offenbarung an Johannes 3,7-13 Dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, und der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich werde einige schicken aus der Versammlung des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind ’s nicht, sondern lügen. Siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen.

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Ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme! Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

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IMPUL S:

„Du hast eine kleine Kraft“, heißt es im Sendschreiben an die Gemeinde Philadelphia. Nicht gerade ein Kompliment. Eher ein vernichtendes Urteil – zumindest auf den ersten Blick. In einer Welt, in der alles groß und stark sein muss, ist eine kleine Kraft zu wenig. Doch dann zeigt sich beim zweiten Hinschauen, dass die begrenzten Kräfte gelobt werden. Die Gemeinde in Philadelphia ist Gott und seinem Wort treu geblieben. Was anderen Gemeinden in der Zeit der Verfolgung und vor lauter Ungeduld nicht gelungen war. Außerdem urteilt Gott mit anderen Maßstäben als unsere Leistungsgesellschaft. In seinen Augen ist das Kleine immer genauso wichtig wie das Große. Mehr noch – er achtet mit besonderer Liebe auf das Kleine. Der Schlüssel, durch den es den Philadelphiern gelingt, treu zu sein, ist ihre Geduld. Eine Tugend, die es braucht, um düstere Zeiten auszuhalten. Und um Gottes Zusage zu trauen: „Ich komme bald!“ Geduld ist die Fähigkeit, schon heute das vorwegzunehmen, was kommen wird. Manchmal braucht es viel Phantasie, sich in einem durchschnittlichen Leben vorstellen, dass das Gottvertrauen am Ende mit einem Siegeskranz belohnt wird, wie es in Vers 11 verheißt. Die Adventszeit macht die Geduld innerhalb des Kirchenjahres zum Thema. Gleichzeitig zeigt sie, wie falsch es ist, wenn Geduld mit Langeweile verwechselt wird. Langeweile versuchen wir so schnell wie möglich zu überbrücken. Wartezeiten erscheinen wie verschwendet. Lieber rufen wir im digitalen Zeitalter alles punktgenau ab. Wir wollen alles möglichst sofort haben. Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht von einer „Verzichtsaversion“, die die gegenwärtige Gesellschaft erfasst hat. Warten und Geduld erscheinen geradezu gestrig. Der Advent lädt uns Jahr für Jahr ein, trotzdem geduldig zu sein und uns so auf Weihnachten vorzubereiten. Die Adventswochen sind nicht öde oder langweilig. Sie sind die Zeit, in der sich die Tür ganz langsam öffnet, Schritt für Schritt. Bis sie am Ende ganz offen steht und den Blick freigibt: auf den hell erleuchteten Weihnachtsbaum und auf die Geschenke oder auch auf das Kind in der Krippe, in dem Gott zu uns kommt, um mitten unter uns zu wohnen.

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3. Advent Lesung: Matthäus 11,2-10 Da Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was zu sehen seid ihr hinausgegangen in die Wüste? Ein Schilfrohr, das vom Wind bewegt wird? Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Menschen in weichen Kleidern? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist’s, von dem geschrieben steht: „Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.“

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IMPUL S:

Innere Bilder bestimmen die Wirklichkeit oft mehr als gedacht. Vor allem, wenn sie in Widerspruch zu äußeren Bildern geraten und den Realitätstest nicht bestehen. Das gilt auch beim Verhältnis zwischen Jesus und Johannes. Es ist weit komplizierter, als es den Anschein hat. Johannes gibt ein besonderes Bild ab. Er provoziert mit seinen Worten und seinem ganzen Auftreten – wie früher die Propheten. Er zieht sich in die Wüste zurück und lebt von dem wenigen, was sich dort finden lässt. Er trägt keine weichen Kleider, sondern ein Büßergewand. Johannes setzt ein Statement. Er verzichtet auf jeden Luxus, weil in seinen Augen die gute Zeit längst vorbei ist. Die Axt ist schon an die Wurzel gelegt. Es ist kurz vor zwölf – Zeit umzukehren. Doch Jesus tritt anders auf als Johannes. Es zieht ihn zu den Menschen, nicht in die Wüste. Er lebt zwar ähnlich bescheiden, aber ist dem guten Leben nicht abgeneigt. Wo er ist, da geht es schon heute zu wie im Reich Gottes. Fest und Feier statt Askese. Alle sollen sich geliebt wissen. Und von Gott angenommen. Nicht Buße wie bei Johannes. Sondern Liebe im Überfluss. Das Auftreten Jesu ist nicht weniger provozierend wie das des Täufers. Er passt genauso wenig in ein Schema wie Johannes. Auch Jesus entzieht sich dem Diktat der inneren Bilder. Sollen sie ihn doch für einen Fresser und Weinsäufer halten! Oder für einen Freund der Zöllner und Sünder. Auch Johannes hat Mühe mit dem Bild, das Jesus in der Öffentlichkeit zeigt. Ist Jesus wirklich der, der kommen wird? Kann er die Axt sein, von der Johannes gesprochen hat, die dem Baum schon an die Wurzel gelegt ist? Der Kontrast zwischen den beiden kann kaum größer sein. Kein Wunder, dass Johannes nachfragt: „Sollen wir auf einen anderen warten?“ Aus seiner Sicht ist das verständlich. Was wird Jesus antworten? Auch er orientiert sich an den alten prophetischen Worten. Aber er erinnert daran, dass Jesaja nicht nur vom Gericht spricht, sondern auch von Freude und Fröhlichkeit. Es ist gut, sich kurz vor Weihnachten daran zu erinnern, dass Fülle und Freude zum Glauben dazugehören. Und Feiern und Fröhlichsein ganz im Sinne Jesu sind.

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4. Advent Lesung: Jesaja 62,1-5 Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht innehalten, bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und sein Heil brenne wie eine Fackel, dass die Völker sehen deine Gerechtigkeit und alle Könige deine Herrlichkeit. Und du sollst mit einem neuen Namen genannt werden, welchen des Herrn Mund nennen wird. Und du wirst sein eine schöne Krone in der Hand des Herrn und ein königlicher Reif in der Hand deines Gottes. Man soll dich nicht mehr nennen „Verlassene“ und dein Land nicht mehr „Einsame“, sondern du sollst heißen „Meine Lust“ und dein Land „Liebe Frau“; denn der Herr hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann. Denn wie ein junger Mann eine Jungfrau freit, so wird dich dein Erbauer freien, und wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen.

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IMPUL S:

Noch einmal ganz von vorne beginnen, sich noch einmal neu erfinden, das ist der Traum vieler Menschen. Vor allem dann, wenn sie in ein vorgerücktes Alter kommen. Von einem solchen Neuanfang spricht Jesaja. In Jerusalem wird alles neu, behauptet der Prophet. Bald schon soll die Stadt in neuem Glanz dastehen. Sie wird ein Ort sein, über den alle Welt nur staunen kann. Ein leuchtendes Beispiel der Gerechtigkeit, wo der Geringe sein Recht genauso durchsetzt wie der Vornehme und wo Gott gegenwärtig ist auf eine unmittelbare Weise. Als Zeichen für diesen Neubeginn soll Jerusalem einen anderen Namen erhalten. Ein neuer Name bedeutet, dass sich etwas ganz Wesentliches ändert. Namenswechsel kennen wir im Zusammenhang einer Trauung, wenn zwei Menschen sich innig miteinander verbinden. Der Name, mit dem wir genannt werden, ist alles andere als neutral. Das gilt erst recht für den neuen Namen. Er zeigt, dass der alte Trott verlassen wurde und nichts mehr so ist, wie es war. Jerusalem ist nicht mehr die „Verlassene“ oder die „Einsame“. Ihr Name zeigt, dass sie an Attraktivität gewonnen hat, dass sogar Gott Lust an ihr hat. Es mag erstaunen, wie Jesaja die Sprache der partnerschaftlichen Liebe verwendet, um Gottes Sehnsucht nach seinem Volk und nach der Hauptstadt Jerusalem zu beschreiben. Wie ein junger Mann freut sich Gott auf seine Braut. Die Liebe zwischen Gott und den Seinen soll wieder jung werden, feurig und heiß. Und diese Liebe gilt wechselseitig. Es gibt nicht nur die Sehnsucht der Menschen auf das baldige Kommen Gottes, sondern es gibt auch umgekehrt das Verlagen Gottes nach den Seinen. Das ist ein ganz neues Verständnis von Advent. Nicht nur wir Menschen warten darauf, dass Gott kommt. Sondern Gott wartet darauf, endlich mit seiner brennenden Liebe einziehen zu können in unsere Herzen. Gott hat Lust auf uns! Er freut sich schon lange, die Kluft zwischen Himmel und Erde zu überbrücken und hinabzukommen, um unter uns zu wohnen.

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Christvesper Lesung: Galaterbrief 4,4-7 Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

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IMPUL S:

Gottes Sohn wird Mensch. Ein unglaublicher Gedanke. Himmel und Erde kommen sich so nahe, dass die Grenze aufgehoben ist zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt. Von nun an gilt die alte Aufteilung in oben und unten nicht mehr. „Fürchtet euch nicht!“, sagt der Engel den Hirten. Die Angst vor der göttlichen Sphäre findet mit Weihnachten ihr Ende. Paulus spinnt diesen Gedankenfaden weiter. Wenn Gottes Sohn geboren wird, dann wirkt sich das auf alle Menschen aus. Wenn Gottes Sohn unter den Bedingungen dieser Welt lebt und die Fragilität der menschlichen Existenz annimmt, dann entsteht ein neues Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen. Oder anders gesagt: Mit Jesus wagt Gott einen Neustart mit der ganzen Welt. Jesus wird für uns zum Bruder. Und wir sind fortan seine Geschwister – also Kinder Gottes. Was aber bedeutet es, ein Gotteskind zu sein? Ist das nicht eine Aufgabe, die unsere Fähigkeiten auf eine harte Probe stellt? Ist es vielleicht eine Überforderung, ein Kind Gottes zu sein? Weil Jesus wie der sprichwörtliche große Bruder ist, dem es nachzueifern gilt? Das wäre tatsächlich unrealistisch. Weil wir auch als Christen nicht so leben, wie wir es gerne täten. Und wie es Gottes Geboten entspricht. Dem Ziel, Gottes Kinder zu sein, hinken wir unser Leben lang hinterher. Aber das hat Gott längst im Blick. Kinder haben das Vorrecht, sich spielerisch auszuprobieren. Sie dürfen Fehler machen. Sie müssen nicht von Anfang an perfekt sein. Sie haben Zeit, nach und nach in ihre Rolle hineinzuwachsen. Bis sie als Erbe auftreten, ist es noch lange hin. Eltern wünschen sich von ihren Kindern nicht, dass sie wie kleine Erwachsene schon alles können. Ihr größter Herzenswunsch ist vielmehr, von den Kindern geliebt zu werden. Das ist bei Gott nicht anders. Auch er hat den sehnlichen Wunsch, geliebt zu sein. Darum lässt er sich „Papa“ rufen. Und kommt uns an Weihnachten in einem Kind nahe, das unsere zärtlichsten Gefühle weckt.

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Christnacht Lesung: Lukas 2,1-20 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 22


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Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

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IMPUL S:

Gott hat ein Herz für die Übersehenen, die im Schatten leben und die nicht vom grellen Scheinwerferlicht des Lebens in Szene gesetzt werden. Das lässt sich auch bei den Figuren der Weihnachtsgeschichte entdecken. Besonders gut bei Josef, der mehr und mehr in den Hintergrund gerät und der während der ganzen Geschichte ein wenig abseits zu stehen scheint. Aber gerade das macht ihn so sympathisch. Er mag wenig sagen. Aber er ist da, wenn er gebraucht wird. Wenn es nur mehr solche Männer gäbe wie Josef, für die es in Ordnung ist, im Halbschatten zu stehen, die nicht immer das große Wort führen müssen und die einfach da sind. Er stellt fast ein Gegenbild zu manchen Männerbildern der Gegenwart dar. Auch die Hirten hat Gott ins Herz geschlossen. Sie gehören zu denen, die leicht übersehen werden. Zur Zeit Jesu waren sie wenig geachtet. Außenseiter, die mit ihren Herden nur zu bestimmten Zeiten geduldet waren. Sie durften das Kulturland mit ihren Tieren nur betreten, wenn die Ernte vorüber war. Nach der Aussaat mussten sie zurück in die Steppe. In der Weihnachtsgeschichte bekommen sie eine besondere Rolle. Ihnen verkündigt der Engel das Wunder der Geburt Jesu. Und sie sind es auch, die davon weitererzählen. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes die ersten Pastoren, die die Botschaft des Engels weitertragen zu den Menschen, denen sie begegneten und die sich „wunderten über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten.“ Vor allem aber scheinen auch Maria und Josef erst durch die Hirten eine Ahnung davon zu bekommen, wie besonders diese Nacht ist, in der Jesus geboren wird. Maria nimmt die Worte der Hirten sehr ernst. Sie bewegt sie in ihrem Herzen. Nicht nur in der Heiligen Nacht. Sie wird sich an sie in den Jahren erinnern, in denen Jesus aufwächst, er seinen Weg findet, seine Jüngerschaft um sich sammelt und sich besonders um die Außenseiter seiner Zeit kümmert. Und ihnen zeigt, dass Gott gerade für sie da ist.

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1. Weihnachtsfeiertag Lesung: 2. Buch Mose 2,1-10 Es ging hin ein Mann vom Hause Levi und nahm eine Tochter Levis zur Frau. Und sie ward schwanger und gebar einen Sohn. Und als sie sah, dass es ein feines Kind war, verbarg sie ihn drei Monate. Als sie ihn aber nicht länger verbergen konnte, nahm sie ein Kästlein von Rohr für ihn und verklebte es mit Erdharz und Pech und legte das Kind hinein und setzte das Kästlein in das Schilf am Ufer des Nils. Aber seine Schwester stand von ferne, um zu erfahren, wie es ihm ergehen würde. Und die Tochter des Pharao ging hinab und wollte baden im Nil, und ihre Dienerinnen gingen am Ufer hin und her. Und als sie das Kästlein im Schilf sah, sandte sie ihre Magd hin und ließ es holen. Und als sie es auftat, sah sie das Kind, und siehe, das Knäblein weinte. Da jammerte es sie, und sie sprach: Es ist eins von den hebräischen Kindlein. Da sprach seine Schwester zu der Tochter des Pharao: Soll ich hingehen und eine der hebräischen Frauen rufen, die da stillt, dass sie dir das Kindlein stille?

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Die Tochter des Pharao sprach zu ihr: Geh hin. Das Mädchen ging hin und rief die Mutter des Kindes. Da sprach die Tochter des Pharao zu ihr: Nimm das Kindlein mit und stille es mir; ich will es dir lohnen. Die Frau nahm das Kind und stillte es. Und als das Kind groß war, brachte sie es der Tochter des Pharao, und es ward ihr Sohn, und sie nannte ihn Mose; denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen.

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