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Taufe ist im Fluss – ein Einstieg ................................................................................ 11
Lars Hillebold, Claudia Kusch
Taufe ist im Gespräch – drei Kommentare 19
Arnd Henze – Erik Flügge – Rainer Schmidt Teil A. Taufe im Moment
Taufe im Dialog mit dem säkularen Kontext
Emilia Handke
Ein so groĂź, herrlich Ding ............................................................................................. 39
Statistische Beobachtungen zur Taufe
Fabian Peters
„Mir war’s halt nur wichtig, dass meine Kinder getauft sind.“ 45
Elterndeutungen der Taufe als Herausforderung und Bereicherung gegenwärtiger Tauftheologie und -praxis
R egina Sommer
Alice im Wunderbad oder Ereignis Taufe 54
Dogmatische Richtigkeiten oder Skizzen zur Ontologie der Taufe als Ereignis
Ferenc Herzig
Taufe als LebensverheiĂźung im Angesicht des Todes ...............................
Ambivalenzen im Kontext von frĂĽhem Kindestod
Traugott Roser
63
Taufe im Religionsgemisch 73
Ein Plädoyer für eine klient:innenzentrierte und kombinierende Kasualpraxis
C hristian Walti
Die Großzügigkeit Gottes – Deine Taufe spontan 80
HintergrĂĽnde und Praktisches
Meike Barnahl
Das Patenamt: Und wenn wir das Zulassen sein lassen? 90
Lars Hillebold
In der Kirche
„Ich bin getauft!“ – Ein kreativer Taufgottesdienst
mit Gott und den Menschen Stephan
Zum Wohl! – Ein Gottesdienst mit Taufe und Tauferinnerung
Pia
„Ich geh’ schon mal in den Pool“ – Ein familiäres Taufritual
Susann
Spring rein ins Leben! – Tauffest einer Großstadt Christiane Quincke
„Vielfalt feiern“ – Zwischen Großveranstaltung und Individualisierung. Reflexion eines Tauffestivals in Köln
Miriam Haseleu
Großartig –
Elisabeth Raabe-Winnen
Teil C. Wege(n) der Taufe
Ganz zu Anfang. Eine Segensandacht in der Schwangerschaft .........
Jana Koch-ZeiĂźig
„Willkommen“ und „Du!“
Zwei Kartenmotive fĂĽr Geburt und Taufe .........................................................
Lars Hillebold, Margit Zahn
Kindersegnung – Auf dem Weg zur Taufe
Katrin Rathmann-Rouwen
Ein Kind: Das sieht Gott ähnlich! –
Norbert Mecke
Heute mach ich’s! – Eine „spontane“ Taufaktion ...................................
Katharina Scholl, Margit Zahn
Erwachsenentaufe – Mit Erwachsenen auf dem Weg
Cornelia von Ruthendorf-Przewoski
Lars Hillebold, Claudia Kusch
Taufe
ist im Fluss – ein Einstieg
Vieles ist und viele sind im wahrsten Sinne des Wortes bei der Taufe im Fluss. Schließlich ist es von Anfang an so, als Jesus aus Nazareth nach Galiläa kam und sich von Johannes im Jordan taufen ließ (Markus 1,9). Was im Fluss beginnt, kommt zudem in Fluss, wenn Jünger:innen den Zeichen und Worten nachfolgen. Sie taufen, und sie lehren, und sie sehen (Matthäus 28,19f.). Vielleicht keine zufällige Reihenfolge? Die Taufe feiern, reflektieren und weitersehen; so ist und kommt etwas in Fluss.
Dieses Buch geht zur Quelle zurück, wo in aller Schlichtheit mit wenigen Worten und einem Zeichen getauft wird. Es ist im biblischen Sinne in gegenwärtigen fluiden Zeiten unterwegs. Gerade in Momenten zurückgehender Ressourcen und Relevanzen sehen wir ein „Sowohl als auch“: Sowohl suchen die theologischen und liturgischen Gremien, Kammern und Konferenzen im Weiten einer Kirche, im Regionalen eines Kirchenkreises, Nachbarschafts- und Kooperationsraumes und im lokalen Pfarrbüro und Kirchenvorstand bzw. Pfarrgemeinderat nach passenden Orten, Worten, Klängen und Wegen, die zur Taufe führen und getauftes Leben begleiten. Als auch sehen die finanziellen Kämmerer der Gegenwart vielfältige Antworten auf die einstmals rhetorisch gemeinte Frage: „Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?“ (Apostelgeschichte 8,37). Denn es gibt vielfältige Gründe und Entscheidungen, die Menschen eben hindern, sich oder ihre Kinder taufen zu lassen.
Manche dieser Hindernisse motivieren Kirchen, liturgisch, örtlich beweglicher, nutzer:innenorientierter oder missional(er) zu werden. Andere werden die Vielfalt oder niedrigschwelligen Versuche einer Hindernisüberwindung kritisch sehen. Der Rückgang der Taufzahlen, wie aller Kasualien, hat systemisch in Deutschland eine Auswirkung auf Kirchenmitgliedschaft und Kirchenfinanzierungsfragen. Mindestens solange dieser Zusammenhang besteht, wird die Diskussion zwischen „Taufe verramschen“1 oder „Gehet hin in alle Welt“ bestehen bleiben. Und dennoch würde sich die Kirche vermutlich institutionell überfordern bis erschöpfen, wenn sie meinen würde, sie könne Mitgliederschwund mit Vielfalt und Vielzahl „retten“. Vieles wird die Kirche vermutlich kaum steuern können. Vielleicht, weil Systeme sich von außen nur selten beeinflussen lassen wollen? Weil familiale und kirchliche Systeme sich recht ähnlich sind? Weil ein zu hoher institutioneller Einfluss auf individuelle Entscheidungen ohnehin theologisch fraglich ist?
Vieles ist auch im übertragenen Sinne bei der Taufe im Fluss. Es entstehen vielerorts neue Herausforderungen und kreative Impulse. Was einst seinen eher festen Ort hatte, wird „im Dialog“ beweglicher: mit Täuflingen, Elternpaaren, Alleinerziehenden, Pat:innen, Taufzeug:innen sowie mit Orten, Räumen und Zeiten. Neben den individuellen Formaten für familiale Situationen betonen Fest- und Festivalformate von zehn bis über hundert Täuflingen das eine Ereignis. „Heiliger Moment“ und „gestreckte Kasualien“ fließen ineinander. Die R ahmenbedingungen verändern sich: Der „gestreckte“ Mehraufwand fragt nach den Ressourcen und damit nach kooperativen und entlastenden Spielräumen. Die Vielzahl und Vielfalt der wachsenden Aufgaben finden in einer fluiden, kirchlichen Phase des Übergangs statt. Die Taufe bewegt sich im Kontext von Relevanzverlust, zurückgehenden Kasualzahlen und erweiterten individuell-familialen Erwartungen. Diese scheinen eine kreative Phase zu bewirken. Neue Wege werden
im Dialog erkundet und könnten sich eventuell sogar dazu eignen, eine andere Berufszufriedenheit auszulösen bzw. neu zu verstärken.
Im Fluss der Taufe schwimmt inhaltlich einiges mit. Die neutestamentliche Vielfalt, theologische Prägungen, Einladungs- oder Zulassungssprache, Spannungen zwischen Gottes- und Kirchenzughörigkeitsvorstellungen, volkskirchlich geprägte Bilder und postvolkskirchliche Realitäten sitzen in einem Boot. In diesem Boot alles auf eine Seite zu verlagern, dürfte ungeschickt sein. Taufe – gerade als „gestreckte Kasualie“ in Formaten und Inhalten – changiert zwischen dem Bekenntnisritual und einem Willkommenssegen; und integriert vielleicht auch beides. Im Rahmen der gewohnten Gottesdienstformate ist die Kasualie einerseits eingebettet in die Gemeinschaft der K irche als Kausalgottesdienst. Andererseits ist es der Kasualgottesdienst, wenn der je eigene Anlass mitsamt der individuellen bzw. familialen Pfarrperson-, Musik- und Textauswahl fokussiert wird. Und es kommt gegenwärtig noch eine dritte Variante in den Blick, die den Kasualmoment betont. Der Moment wird bedeutsam, in dem das Ritual mit Wasser und Wort ohne die kirchlicherseits gewohnte, engere gottesdienstliche Einbettung gefeiert werden soll. Hier entsteht eine weitere Perspektive: nicht die Kirche verfügt über das Ritual, sondern sie ist mit ihrer Ritualkompetenz zu Gast bei den Menschen.
Vor diesem Hintergrund neuer Formen und Inhalte richtet sich das Buch an haupt- und ehrenamtliche Liturg:innen, Prediger:innen und Ritualgestalter:innen. Es kommt aus der Praxis und will in die Praxis wirken. Dabei gehen wir davon aus, dass von der bewusst individuellen Sprache der Autor:innen mit ihren exemplarischen Ideen der Transfer hin zum konkreten Bedarf durch Sie als Leser:innen und Praktiker:innen gelingt. Die Entwürfe stehen für sich und sind konkret erprobt. Wir haben zur Lesefreundlichkeit auf „N.N.“ verzichtet und verwenden konkrete Vornamen exemplarisch.
Zum Aufbau des Buches
Im ersten Teil (A) „Taufe im Moment“ finden sich praktisch-theologische, wissenschaftliche Essays, wie sich Taufe im Moment, im Kontext und in Zukunft darstellt und entwickeln könnte. Die Texte wollen fundiert-übersichtlich, ansprechend-anregend sein. Sie bewegen sich im Spannungsfeld zwischen praktisch-theologischen, liturgischen, seelsorglichen und empirischen Wahrnehmungen. Sie berücksichtigen Perspektiven von Eltern, Konfessionslosigkeit und Interreligiösität.
Die liturgische Praxis der Taufe nimmt im zweiten Teil des Buches (B) besondere Gestaltungsperspektiven ein. Orte, Worte und Klänge kommen sinnlich und sinnvoll im Dialog zwischen Anlass und Tradition, Gemeinschaft und Individualität und immer als Wechselschritt von Biografie und Theologie bzw. Spiritualität vor.
Die Gottesdienstentwürfe sind in der ersten Perspektive „Tauforte“ im Dialog von Orten und Texten gestaltet. Sie sind mit einer allgemein verständlichen Sprache für die eher „übliche“ vielfältige Kasualgemeinde gedacht. Die Entwürfe beschreiten unterschiedliche Orte, die von eher privat bis öffentlich reichen. Die darin enthaltenen Taufansprachen beziehen sich primär auf den Ort. Dennoch sind sie bewusst mit einem biblischen Motiv und teilweise Taufsprüchen versehen. Diese können und müssten je nach Situation angepasst werden. Das Kapitel schließt mit zwei Reflexionen von größeren Tauffesten, die gerade damit wieder in die Praxis führen, um zu einer Fest- und Festivalform zu finden, die sich auch für andere Kasualien wie Trauungen mitunter anbieten dürfte. Mit der zweiten Perspektive „Taufworte“ konzentriert sich dieses Kapitel auf die homiletische Situation der Taufgottesdienste bzw. -feste. Die Taufpredigten in der Gattung von „Liebesbriefen“ und die „Gebete-von-Herzen“ sind im Blick auf die meisten Taufsituationen eher kurzgehalten und auf unterschiedliche Altersgruppen hin ausgerich-
In der dritten Perspektive „Taufklänge“ kommen das Zusammenspiel von Musik und Text und die Verbindung von Elternkultur(en) und Taufmotiven zu Gehör. Elternwünsche und Elterntheologien, die sich mehr oder weniger in popularkultureller Musik ausdrücken, werden exemplarisch wahrgenommen. Manchmal ist es eine mäeutische Kunst, Popkultur, Vorstellungen und Hoffnungen von Eltern in einer Sprache zur Welt zu bringen, die sich mit biblischer Sprachwelt vernetzt oder diese selbst schon transportiert. Vor diesem Hintergrund haben Autor:innen hier musikalisch-liturgische Taufpakete geschnürt. Sie treten in die Dialoge zwischen Musik und Bibeltext, Gebet und Taufbotschaft ein. Dabei musste aus urheberechtlichen Gründen darauf verzichtet werden, die Lieder wörtlich zu zitieren.
Die Musikauswahl ist nicht zufällig, aber begrenzt und regt dazu an, je gegenwärtige Musik, Geschmäcke von Eltern und Täuflingen wahrzunehmen. Hier gelingt im Taufgespräch oft leicht ein Austausch, bei dem die je eigenen musikalischen – und oft auch spirituellen – Welten angesprochen werden.
In einem dritten Teil (C) des Buches kommt unter dem Titel „Wege(n) der Taufe“ die Taufkasualie als „gestreckte Kasualie“ in den Blick. In der Vielfalt von Orten, Formaten und Gestaltungen von Tauffeiern zeigt sich auch ein Abbruch des Normalen und Üblichen.
Die klassischen, volkskirchlichen Zugänge zur Taufe gibt es nicht mehr. Sie sind zu einer Möglichkeit neben anderen geworden. Umso wichtiger sind die theologischen Motive und liturgischen Momente,
15 tet. Sie wollen einerseits exemplarisch deutlich machen, wie individuell der Taufmoment ist, und sind andererseits methodisch dennoch überindividuell geschrieben, so dass sie „dienstleistend“-anpassungsfähig für die Perspektive Predigtvorbereitung wirken. Sie können je nach gottesdienstlicher Gestalt leicht angewandt, ergänzt oder verändert werden. Sie sind darüber hinaus eine Hilfestellung, um Tauftheologie in möglichst einfacher Sprache vorzufinden. Dieses Kapitel schließt reflexiv mit einer Themenpredigt zur Taufe, die den Grundtext und Auftrag aus Matthäus 28,16-20 entfaltet.
die die Themen rund um Geburt, Taufe und Tauferinnerung, Kinderund Erwachsenentaufe oder den Moment einer Entscheidung nach einiger Vorbereitung verbinden und ihnen Kontur verleihen. Das gilt auch fĂĽr die Vernetzungsdimension von Taufe, etwa fĂĽr eine kirchliche Mitarbeiterschaft.
Die gottesdienstlichen Entwürfe sind mitunter mit landeskirchlicher Prägung bzw. je eigener agendarischer Tradition entworfen worden, sie können und müssen an entsprechenden Stellen angepasst werden. Wo die liturgischen Entwürfe das Stichwort Taufhandlung angeben, ist damit in der Regel die Reihenfolge Glaubensbekenntnis – Tauffragen – Taufe (Wort und Wasser) – Taufspruch, Segenswort (Kreuzzeichen) – Taufkerze – Segen für die Familie gemeint.
Der vierte Teil (D) des – hiermit auch hybriden – Werkbuchs stellt Textmaterial zur Verfügung, das zur einfachen Weiternutzung im Downloadbereich eingestellt ist. Hier finden sich Übertragungen theologisch wesentlicher biblischer Tauftexte, die dank der Zustimmung der Autor:innen für den gottesdienstlichen Gebrauch übernommen werden können.
Alle Autor:innen dieses Buches achten in ihren Texten darauf, dass Textsprache und -formen sich mit dem Inhalt der Taufe als vorbehaltlose und vorurteilsfreie Einladung an alle Menschen verbinden. In der Verwendung des Gottesnamens haben jeweils die Autor:innen entschieden, und so finden sich die Schreibweisen Gott/Gott*. Taufe feiern als individueller und gemeinschaftsbezogener Moment christlichen Glaubens geht mit dem eigenen Profil und mit dem Respekt interreligiöser Vielfalt einher. Zum Thema Taufe gehört das Wissen um die historischen Schattenseiten und -zeiten, in denen Taufe und Menschen unter Zwangstaufe, Schwertmission oder Christianisierung – „Tod oder Taufe“ – missbraucht wurden.
Wir danken sehr herzlich allen Autor:innen, die mit ihren reflexiven und praktischen EntwĂĽrfen dazu beigetragen haben, den Prozess der sich entwickelnden Vielfalt zu vertiefen, zu begleiten und weiter anzuregen. Wir danken dem Neukirchener Verlag, seiner Leiterin Frau Atkinson und unserer Lektorin des Buches, Frau Tersteegen, fĂĽr die Zusammenarbeit. Herr Eckart Henningsen ist als Korrektor einmalig, und wir danken ihm sehr.
K assel, März 2023
Claudia Kusch, Lars Hillebold
Taufe ist im Gespräch –
drei Kommentare
Arnd Henze: „Die Taufe darf nicht länger ausgrenzen!“
Eigentlich könnte es so schön sein: In der Taufe wird dem Kind die bedingungslose Liebe Gottes zugesagt, die Gemeinde bildet in diesem, mit Wasser und Segen liebevoll gestalteten, Sprechakt den gemeinschaftlichen Raum, in dem diese Liebe erfahrbar wird.
Eigentlich könnte es so schön sein – wo die Taufe so gefeiert wird, ist sie ohne Zweifel das Schönste unter den kirchlichen Festen. Dem Kind wird etwas geschenkt und zugesagt – voraussetzungslos und ohne Erwartung einer Gegenleistung. So sollte es sein!
Die Realität läuft leider oft anders. Das liegt nicht nur daran, dass die Taufe vor allem ein Familienfest ist, und es bei Familienfesten traditionell nicht immer um bedingungslose Liebe geht. Viel entscheidender aber ist, dass auch die Kirche es nicht bei der „bedingungslosen Liebe Gottes“ belässt. Zu allen Zeiten ging es bei der Taufe immer auch um Zugehörigkeit. Und diese Zugehörigkeit bedeutete immer auch Abgrenzung.
FĂĽr die frĂĽhen Christen diente die Taufe vor allem der Selbstvergewisserung der kleinen Gemeinden in einer feindlichen Umgebung. Beim Taufbefehl ging es dann darum, sich nicht in der SelbstgenĂĽgsamkeit
dieser kleinen Gruppen abzukapseln, sondern die Heilsbotschaft an „Menschen aus allen Völkern“ weiterzugeben. Der gleiche Taufbefehl wurde 700 Jahre später unter Karl dem Großen zum ideologischen Instrument brutaler Expansionspolitik. Im 19. Jahrhundert zogen europäische Missionare mit den Kolonialtruppen in die Welt und tauften nicht nur mit Wasser.
Aber auch in Deutschland zementierte die Kindestaufe noch bis in die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik von früh auf die Trennung zwischen konfessionellen Milieus. Während die Trennlinien vom dominanten Milieu kaum wahrgenommen wurden, waren sie für Minderheiten umso spürbarer. Wer als Protestant im Cloppenburger Land zur Schule ging, erfuhr das kaum weniger schmerzhaft als ein katholisches Kind im angrenzenden reformierten Emsland.
Als sich die Bindekraft der Milieus lockerte und konfessionsverschiedene Ehen das Skandalöse verloren, stellte sich zwangsläufig die Frage nach der konfessionellen Zugehörigkeit der Kinder. Vor allem die katholische Seite verteidigte ihren Besitzanspruch mit Klauen und Zähnen. Schon vor fünfzig Jahren verzichteten deshalb viele Paare lieber auf die kirchliche Trauung, um sich diesem Gezerre um die Kinder zu entziehen – an dem außer den Amtsvertretern der Kirchen ja oft auch die familiären Milieus mitwirkten.
Fanden die identitätspolitischen Machtspiele damals noch überwiegend zwischen den Konfessionen statt, betreffen sie heute eine ungleich vielfältigere Realität, in der die gesellschaftliche Bindekraft der Kirchen zunehmend schwindet.
Die Taufordnungen auch evangelischer Landeskirchen klammern sich dagegen weiter an das Konstrukt einer homogenen christlichen Familie, aus deren ebenfalls christlichem Umfeld die Paten ausgewählt werden. Auf den Homepages vieler Kirchengemeinden erfährt man in bürokratischer, ausgrenzender Sprache: „Pate kann nur wer-
den, wer Mitglied einer zur ACK gehörenden Kirche ist.“ In den kirchlichen Statistiken werden die vielen tausend Familien leider nie auftauchen, die sich in ihrer gelebten kulturellen und religiösen Vielfalt nicht durch dieses Nadelöhr zwängen wollen. Und die anderen, die es doch tun, erleben viel zu oft, wie sich das protestantische Milieu an die kulturelle Dominanz vergangener Herrlichkeit klammert.
Statt zu würdigen, wenn sich der andersgläubige oder religionslose Teil von Familie und Freundeskreis auf die kirchliche Taufe einlässt, wird das Defizitäre und Normabweichende bürokratisch protokolliert und dokumentiert. Anders gesagt: Während in manchem Taufgottesdienst der eine Teil der Gemeinde die Extrameile auf die kirchliche Welt zugeht, verweigert der andere mitunter selbst den Extrameter – etwa, wenn der eine Pate einen Patenbrief bekommt und die andere nicht (im schlimmsten Fall noch vor versammelter Gemeinde).
Umso größer mein Respekt vor allen Gemeinden und Pfarrer:innen, die gegen all diese identitätspolitischen Widerstände auch in einer diversen Gesellschaft die bedingungslose Zusage der Liebe Gottes in der Taufe zum Strahlen bringen. Es sind leider bis heute Widerstandshandlungen gegenüber dem identitären Beharren auf liturgischer und institutioneller Reinheit.
Die Kirchen dürfen dem historisch, theologisch und soziologisch angelegten Zielkonflikt nicht länger ausweichen und müssen sich entscheiden: Sie können die Taufe entweder mehr denn je als Alleinstellungsmerkmal gegenüber einer pluralen und heterogenen Mehrheitsgesellschaft definieren und dabei allenfalls den ökumenischen Schulterschluss suchen. Oder sie stellen sich der Herausforderung, die Taufe als bedingungslose Zusage der Liebe Gottes konsequent und mutig in die Realität einer pluralen und heterogenen Gesellschaft zu übersetzen. Die gute Nachricht: An Beispielen für Best Practice fehlt es dabei nicht. Lasst uns diese Erfahrungen aus der Grauzone des au-
genzwinkernden Gewährenlassens holen – wir haben dabei nichts zu verlieren, aber die Zukunft der Taufe zu gewinnen.
Erik Flügge: „Wer nicht tauft, raubt seinem Kind Chancen.“
Eltern wollen ihrem Kind maximale Lebenschancen geben. Sie sollen gut ins Leben starten und den Lebensweg wählen, der ihnen Glück verspricht. Diesem Gedanken folgend entscheiden sich zunehmend mehr Eltern dafür, ihr Kind als Baby nicht taufen zu lassen. Der Ansatz ist leicht auf eine Formel gebracht: „Mein Kind soll alle Freiheit haben“, und genau diese Rechnung geht nicht auf.
Spiritualität muss man lernen. So einfach ist die Wahrheit. Mit der Religiosität verhält es sich nicht anders als mit der Erziehung. Man kann sie nicht in der Kindheit weglassen und dann erwarten, dass sie sich von allein entwickelt. Das mag ab und an mal klappen, aber meistens geht es schief. Teilen lernt man nicht, wenn man alles für sich behält. Gewaltfreiheit lernt man nicht durch Anarchie. Fleiß lernt man nicht vom immerwährenden Müßiggang – und glauben lernt man nicht durch gottlose Erziehung.
Wie schief der Ansatz „mein Kind soll alle Freiheit haben“ geht, kann man heute problemlos in jeder Kita beobachten. Erzieherinnen und Erzieher klagen zu Recht über Kinder, die sich gar nichts mehr sagen lassen, die sich an keine Regeln halten, die völlig rücksichtslos sind. Ja, da haben die Eltern mit Verweis auf die Freiheit ihren Job einfach