Beate Schütz
Im Licht seiner Liebe
Ein Begleiter durch das Kirchenjahr
Sämtliche Bibeltexte sind, soweit nicht anders vermerkt, entnommen aus: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
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© 2023 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: W
Lektorat: Anna Böck
Layout: dtp studio eckart | Jörg Eckart, Frankfurt am Main
Verwendete Schriften: FF Kievit
Gesamtherstellung: W
ISBN W www.neukirchener-verlage.de
Inhalt
Rätselhaftes Kirchenjahr 7
Historische Entwicklung 7
Jedes Jahr dasselbe? 8
Gewachsene Strukturen 9
Drei Festkreise 9 | Sonntage, Gedenktage und Festzeiten 10
Schmökern und Studieren 11
Der Weihnachtskreis 13
Die Adventszeit 14
1. Sonntag im Advent 16 | Nikolaustag 18 | 2. Sonntag im Advent 20 | 3. Sonntag im Advent 22 | 4. Sonntag im Advent 24
Das Christfest 26
Heiligabend – Christvesper 28 | Christnacht 30; Christfest I 32 | Christfest II 34 | 1. Sonntag nach dem Christfest 36 | Altjahrsabend 38 | Neujahrstag 40 | 2. Sonntag nach dem Christfest 42
Die Epiphaniaszeit 44
Epiphanias 46 | 1. Sonntag nach Epiphanias 48 | 2. Sonntag nach Epiphanias 50 | 3. Sonntag nach Epiphanias 52 | Letzter Sonntag nach Epiphanias 54
Der Osterkreis 56
Die Sonntage vor der Passionszeit 57 5. Sonntag vor der Passionszeit 58 | 4. Sonntag vor der Passionszeit 60 | Septuagesimae 62 | Sexagesimae 64 | Estomihi (Quinquagesimae) 66
Die Passionszeit 68
Aschermittwoch 70 | Invokavit (Quadragesimae) 72 | Reminiszere 74 | Okuli 76 | Lätare 78 | Judika 80 | Palmsonntag 82 | Gründonnerstag 84 | Karfreitag 86 | Karsamstag 88
Österliche Freudenzeit 90
Osternacht 92 | Ostersonntag 94 | Ostermontag 96 |
Quasimodogeniti 98 | Miserikordias Domini 100 | Jubilate 102 |
Kantate 104 | Rogate 106 | Christi Himmelfahrt 108 |
Exaudi 110 | Pfingstsonntag 112 | Pfingstmontag 114
Trinitatiszeit 116
Trinitatis 118
1. Sonntag nach Trinitatis 120 | Johannistag 122 | 2. Sonntag nach
Trinitatis 124 | 3. Sonntag nach Trinitatis 126 | 4. Sonntag nach
Trinitatis 128 | 5. Sonntag nach Trinitatis 130 | 6. Sonntag nach
Trinitatis 132 | 7. Sonntag nach Trinitatis 134 | 8. Sonntag nach
Trinitatis 136 | 9. Sonntag nach Trinitatis 138 | 10. Sonntag nach
Trinitatis 14 0 | 11. Sonntag nach Trinitatis 142 | 12. Sonntag nach
Trinitatis 14 4 | 1 3. Sonntag nach Trinitatis 14 6 | 14. Sonntag nach
Trinitatis 14 8 | 1 5. Sonntag nach Trinitatis 150 | Michaelistag 152 |
Erntedankfest 15 4 | 16. Sonntag nach Trinitatis 156 | 17. Sonntag nach
Trinitatis 158 | 18. Sonntag nach Trinitatis 160 | 19. Sonntag nach Trinitatis 162 | 20. Sonntag nach Trinitatis 16 4 | 21. Sonntag nach Trinitatis 166 | 22. Sonntag nach Trinitatis 16 8 | Reformationsfest 170 |
23. Sonntag nach Trinitatis 172 | 24. Sonntag nach Trinitatis 174
Ende des Kirchenjahres 176
Drittletzter Sonntag des Kirchenjahrs 178 | Martinstag 180 | Vorletzter
Sonntag des Kirchenjahrs 182 | Buß- und Bettag 18 4 | Letzter
Sonntag im Kirchenjahr – Totensonntag 186 | L etzter Sonntag im Kirchenjahr –Ewigkeitssonntag 18 8
Glossar 190
Zum Weiterlesen 192
Rätselhaftes Kirchenjahr
Wer war Quasimodo noch mal? Und was hat der legendäre Glöckner von Notre-Dame mit dem Weißen Sonntag zu tun?
Wer einmal einen ersten Blick auf das Kirchenjahr und die Bezeichnungen seiner Sonntage und Feiertage wirft, stößt auf einige merkwürdige Namen, die selbst regelmäßigen Kirchgängern ein Rätsel bleiben können, denn sie erklären sich nicht von selbst. Auch wenn die protestantischen Kirchen ihre Gottesdienste inzwischen bis auf wenige Ausnahmen durchgängig in der jeweiligen Landessprache abhalten, haben sich Reste der traditionellen lateinischen Bezeichnungen für Sonntagsnamen und liturgische Elemente hier und da erhalten und sorgen wahlweise für Heiterkeit oder Irritationen.
Auch die zeitliche Einteilung des Kirchenjahrs ist verwirrend. Weihnachten findet zum Glück immer um den 25. Dezember herum statt, aber schon den ersten Advent muss man jedes Jahr neu im Kalender nachschauen, und Karneval, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten scheinen völlig unberechenbar in den Frühlingsmonaten herumzuwandern. Warum muss das alles so kompliziert sein?
Hinter einer komplexen Struktur verbirgt sich meist eine komplexe Geschichte. Dieser kleine Band kann die historische Tiefe und die vielfältigen Entwicklungen hinter der heutigen Form des Kirchenjahrs nur andeuten. Wer am Ende Feuer gefangen hat und tiefer graben will, kann sich vertrauensvoll an seine nächste Bibliothek oder Buchhandlung wenden. Die Fachbegriffe, die im Fließtext fett gedruckt sind, werden am Ende des Buches in einem Glossar erklärt. Zudem gibt es dort ein paar Tipps zum Weiterlesen.
Bevor wir uns den einzelnen Sonntagen, ihrem Platz im Kirchenjahr und ihrem theologischen Schwerpunkt zuwenden, soll ein kurzer Überblick über die Entstehungsgeschichte und heutige Struktur des Kirchenjahres eine allgemeine Orientierung verschaffen, in die sich die einzelnen Sonntage einordnen lassen.
Historische Entwicklung
Jeder religiöse oder weltanschauliche Inhalt, der für das Leben relevant sein will, braucht eine konkrete Gestalt, die nicht nur zu besonderen Feiertagen, sondern gerade auch im Alltag wahrnehmbar und lebbar ist. So hat auch die Kirche seit ihren frühes-
ten Tagen strukturelle und inhaltliche Formen entwickelt, die den Glaubensinhalten einen lebendigen Ausdruck geben. Im Lauf der Geschichte wirkten ganz unterschiedliche Einflüsse aus den verschiedensten Kulturkreisen auf die Entstehung des Kirchenjahres ein, wie wir es heute kennen. Daher kommt ein Versuch, das evangelische Kirchenjahr für heutige Leser zu erschließen, nicht ohne Rückgriff auf die Gestalt des Kirchenjahrs in der Zeit vor der Reformation aus.
Das Christentum entstand als eine jüdische Glaubensrichtung und drückte seine Glaubensüberzeugungen zunächst natürlicherweise innerhalb der religiösen Formen des damaligen Judentums aus. Man versammelte sich im Tempel, nahm an Synagogengottesdiensten teil und beging die jüdischen Feste. Doch schon in der ersten Generation wurden Menschen aus einem nichtjüdischen Hintergrund für den Glauben an Christus gewonnen. Je mehr ihr Einfluss zunahm, desto stärker grenzte sich die wachsende Kirche von ihren jüdischen Wurzeln in einem Prozess ab, der zuweilen von beiden Seiten mit heute schwer erträglicher Polemik geführt wurde. Gleichzeitig gewannen nichtjüdische Faktoren – religiöse Kulte und Überzeugungen der römischen, orientalischen und nordeuropäischen Kulturen – immer mehr an Gewicht. Auch innerkirchliche Streitigkeiten um das Verständnis mancher Glaubensaussagen spiegeln sich in konkreten Formeln und Formen des Gottesdienstes wider. Die daraus entstandenen Gestalten kirchlichen Feierns, wie sie die Kirche im Mittelalter praktizierte, erhielten durch verschiedene Erneuerungsbewegungen ständig neue Impulse. Aus der umfassendsten und anhaltendsten, der Reformation, gingen die protestantischen Kirchen hervor. Durch viele kleinere und größere Reformen hindurch prägten sie die heutige Gestalt des evangelischen Kirchenjahrs. Noch immer ist seine Gestalt im Fluss, denn wenn die Kirche weiterhin relevant bleiben will, muss ihre Praxis auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren und neue Angebote für neue Zielgruppen finden. Die Notwendigkeit, das Überkommene stets wachsam und achtsam mit neuen Entwicklungen abzugleichen, öffnet auch eine Chance für das ökumenische und interreligiöse Gespräch. Doch bei aller Notwendigkeit zur beständigen Reformation sind es die Wurzeln, die dem Baum seinen Halt geben.
Jedes Jahr dasselbe?
Das Leben steht heute weitgehend unter dem Anspruch des „Vorwärts!“. Wir leben und planen auf Zukunft hin. Was vergangen ist, bleibt meist als irrelevant zurück. Trauer ist dazu da, möglichst schnell überwunden zu werden. Wer aber einmal aus dem beständigen „Schneller, Höher, Weiter“ herausgefallen ist, spürt, dass ein ständiges „Vorwärts“ nicht trägt. Gerade wenn die vorwärtslaufende Zeit unberechenbar wird, suchen wir nach Fixpunkten jenseits vergänglicher Erfolge. Während der Lockdowns der Jahre 2020 und 2021 wurden die Feste, die nicht gefeiert werden konnten, schmerzlich vermisst und man suchte nach Wegen, ihnen wenigstens rudimentäre neue Formen zu geben. Auch ohne öffentliche Gottesdienste war es Ostern, Weih-
nachten, Pfingsten. Wir brauchen als Individuen und als Gesellschaft trotz allen Zukunftsstrebens den Rhythmus des Wiederkehrenden, der durch Brüche und Verwerfungen im Leben tragen kann, wenn sonst nichts mehr so bleibt, wie es war.
Die Hauptfeste des Kirchenjahrs orientieren sich an der Christusgeschichte. Nach und nach hat sich ihre Abfolge zu einer Zeitkomposition geformt, die den Feiernden im Jahreslauf durch die Stationen der Christusgeschichte führt, ihn in die Grundlagen des Glaubens, die aus der Christusgeschichte erwachsen, einführt und sie beim wiederholten Durchschreiten beständig vertieft. Dass die Feste uns dabei tiefer in die Gottesbegegnung führen, können wir jedoch bei allem eigenen Einsatz nicht selbst herbeiführen. Gott selbst muss den Raum füllen, den die Feste eröffnen.
Gewachsene Strukturen
Der christliche Festkreis erwuchs aus dem jüdischen Festjahr und seiner Sieben-TageWoche, die das Christentum vom Judentum übernahm. Dabei verschob sich der Ruhetag bereits im 2. Jahrhundert vom Sabbat auf den ersten Tag der Woche, den Auferstehungstag Jesu, der als „Tag des Herrn“ begangen wurde. Auch Ostern orientiert sich am Pessachfest und damit fällt Pfingsten in die Zeit des jüdischen Erntefestes Schawuot. Das Weihnachstfest dagegen ist wohl einerseits infolge innerkirchlicher Diskussionen um Glaubensfragen und andererseits als Reaktion auf nichtjüdische, römische oder ägyptische Festtraditionen entstanden.
Drei Festkreise
Die Grundstruktur der christlichen Feste bildete sich in der griechischsprachigen Kirche im Osten des römischen Reiches heraus. Ihr Angelpunkt war das Osterfest mit einer vorausgehenden Vorbereitungszeit und nachfolgender Freudenzeit. Dazu gesellten sich Feste, die immer an einem festen Datum stattfanden, z. B. Gedenkfeste für Märtyrer und andere Heilige, die meist an deren Todestag stattfanden und zeitweise so populär wurden, dass sie die Christusfeste zu überschatten drohten. Andere Gedenkfeste orientierten sich am natürlichen Jahr und versuchten, ihre Inhalte umzudeuten. So griff z. B. das Osterfest die Frühlingsthematik um die Tag-und-Nacht-Gleiche auf, das Weihnachtsfest die Lichtthematik um die Wintersonnwende. Im Laufe der Zeit entstanden so zwei Festkreise, der Weihnachtskreis und der Osterkreis, in deren Mittelpunkt jeweils ein zentrales Ereignis des Heilsgeschehens steht – Beginn und Ende der Inkarnation, der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Beiden Festen zugeordnet ist je eine Vorbereitungszeit und eine nachfolgende besondere Festzeit, in der Ereignisse im Anschluss an das Festgeschehen und dessen Auswirkungen reflektiert werden und die mit einem besonderen Fest abgeschlossen wird. Um die große Lücke zwischen dem Osterkreis und dem Weihnachtskreis liturgisch zu füllen,
schuf die evangelische Kirche die Zeit nach Trinitatis, die mit den Sonntagen zum Jahresende einen dritten Festkreis bildet.
Da Ostern sich am jüdischen Pessachfest orientiert, bewegt sich sein Datum in einem Zeitraum von rund 5 Wochen hin und her. Weihnachten hat jedoch im Anschluss an nichtjüdische Gepflogenheiten ein festes Datum. Daher verschieben sich beide Festkreise gegeneinander und die Zahl der Sonntage, die zwischen ihnen liegt, ändert sich von Jahr zu Jahr. Man musste also Sonntage bestimmen, die jeweils die Lücke füllen bzw. wegfallen können, wenn das nächste Fest bereits ansteht.
Sonntage, Gedenktage und Festzeiten
Die „Knochen“ im Gerüst des Kirchenjahrs sind die Sonntage. Im evangelischen liturgischen Kalender hat jeder einzelne einen eigenen Namen. Viele werden einfach nur auf einen bestimmten Fixpunkt hin hinauf oder herunter gezählt, wie die Sonntage nach Epiphanias oder vor dem Ende des Kirchenjahrs. Im Osterfestkreis haben die meisten Sonntage die alten Namen bewahrt, die sich in der katholischen Messe vom Psalm des Introitus ableiten, zu dessen Gesang die Priester in den Gottesdienst einziehen, so auch der eingangs erwähnte Sonntag Quasimodogeniti.
Da die Sonntage bewegliche Kalenderdaten haben, viele Gedenktage von Heiligen oder historischen Ereignissen wie der Johannis- oder der Reformationstag aber an einem festen Datum stattfinden, können diese auf einen Sonntag fallen und dann dessen Thema ersetzen. Der Sonntag wird trotzdem gezählt, auch wenn ein Inhalt dadurch in dem betreffenden Jahr ausfällt.
Besondere Festzeiten rund um die großen Festtage orientierten sich häufig an den Zahlen 3 und 8. So gab es sog. Triduen (sing. Triduum), dreitätige Festzeiten wie das Triduum paschale, das die drei heiligen Tage Karfreitag, Karsamstag und Ostermorgen bezeichnet. Auch eine ganze Woche samt ihrem einleitenden und ausleitenden Sonntag konnten zur besonderen Festzeit, der Oktav werden, wie die Osteroktav vom Ostersonntag bis zum Sonntag Quasimodogeniti.
Liturgische Elemente: Proprium, Farben, Perikopen Neben seinem einzigartigen Namen erhält jeder Sonntag durch verschiedene liturgische Elemente seinen eigenen Charakter. Bereits im Mittelalter entstand der Brauch, die Art der Festzeit durch Farben anzuzeigen, die in den Paramenten, also der Kleidung der Priester und der Ausgestaltung der Altäre, sichtbar wurden. In den protestantischen Kirchen ist davon meist nur die Altar- und Kanzelbekleidung geblieben. Dabei steht die Farbe Violett für den Advent und die Passionszeit, die als Vorbereitungszeiten für die großen Christusfeste traditionell als Fasten- und Bußzeiten begangen wurden. Auch der Gedenktag der Zerstörung Jerusalems und der Buß- und Bettag stehen unter der violetten Farbe
Weiße Paramente werden an den hohen Christusfesten und ihren Festzeiten aufgelegt, also an Weihnachten und der anschließenden Festzeit, an Ostern und seiner Freudenzeit und an einigen kleineren Festen sowie am letzten Sonntag im K irchenjahr.
Rot steht für die Heilige Geistkraft, ihr Wirken und die Kirche, die durch sie besteht. Rote Textilien schmücken den Kirchenraum u. a. an Pfingsten, an Gedenktagen von besonders verehrten Christen und am Reformationstag. Auch bei besonderen kirchlichen Handlungen wie Konfirmationen, Ordinationen oder der Kirchweih wird Rot aufgelegt.
Grün steht für alle anderen Zeiten, die keinen besonderen Status haben: die Vorpassionszeit vor Aschermittwoch und die Trinitatiszeit. Da die Vorpassionszeit in den Frühling fällt, die Zeit nach Pfingsten der Gemeinde gedenkt und das Erntedankfest in die Trinitatiszeit fällt, erinnern die grünen Paramente auch an das Wachstum, das Gott schenkt, in der Natur wie in der Gemeinde.
Schon seit den frühesten Zeiten gab es bei den Versammlungen der Christen in Analogie zum Synagogengottesdienst vorgeprägte Abläufe und Textlesungen. Nach und nach entstand ein fester, jeden Sonntag wiederkehrender Ablauf der sonntäglichen Feier mit vorformulierten Gesängen, Gebeten und Bibellesungen an bestimmten Stellen. Diese jeden Sonntag wiederkehrende Form nennt man heute das Ordinarium. Bei besonderen Gelegenheiten können Teile davon entfallen. So wird z. B. in der Fastenzeit auf festliche Hymnen wie „Ehre sei Gott in der Höhe“ oder den HallelujaGesang verzichtet.
Eingebettet ins Ordinarium ist das sog. Proprium . Es bedeutet „das Eigene“ und umfasst die Lieder, Texte und Lesungen, die nur an diesem Sonntag vorkommen, um seinen thematischen Schwerpunkt abzubilden. Häufig sprechen sie verschiedene, zuweilen gar widersprüchliche Aspekte des Oberthemas an, sodass sie ein weites Bild des jeweiligen Themas zeichnen, das von Jahr zu Jahr in der Predigt mit anderen Akzenten konkretisiert werden kann.
Zum Proprium jedes Sonntags gehören drei Lesungen, je eine aus dem Alten Testament, einer Epistel (Brief im Neuen Testament) und einem Evangelium. Solche Textabschnitte nennt man Perikopen und sie sind auch als Predigttexte für den jeweiligen Sonntag vorgesehen. Die Auswahl der Texte durchlief im Laufe der Kirchengeschichte vielfache Änderungen, heute hat die evangelische Kirche einen sechsjährigen Zyklus von Predigtjahrgängen etabliert, in dem jedem Sonntag ein Predigttext entweder aus den Lesungen oder aus drei weiteren vorgeschlagenen Texten zugeordnet ist. So durchläuft die Gemeinde in sechs Jahren einen weiten Raum rund um das Proprium des jeweiligen Sonntags. Im siebten Jahr, wenn die Reihe der Perikopen wieder von vorne beginnt, lässt sich das schon einmal Gehörte auf der reichhaltigen Grundlage der vorhergehenden Jahre vielleicht noch einmal ganz neu hören.
Schmökern und Studieren
Der Aufbau dieser Einführung ins Kirchenjahr ermöglicht es dem Leser, sich auf ganz unterschiedlichen Weisen auf diesen Weg einzulassen. Wer sich nur ab und zu orientieren will, kann im Inhaltsverzeichnis direkt den gesuchten Sonntag oder Gedenktag finden. Von den Gedenktagen werden nur die bekanntesten aufgegriffen, zumal, wenn sie auch außerhalb des kirchlichen Rahmens bekannt sind. Durch die inhaltlichen Impulse lässt sich das Buch als wöchentliches Andachtsbuch für die persönliche Zeit mit Gott oder für eine Andacht in einer Gruppe verwenden. Die Gebete und Vorschläge zu einer konkreten Umsetzung bieten sich an, den Leser durch die kommende Woche zu begleiten. Wer Inspiration für eigene Andachten oder Predigten sucht, kann sich neben den Impulsen auch direkt in die angegebenen Bibeltexte vertiefen.
Die inhaltlichen Impulse versuchen mal, die Fülle der zugeordneten Texte zu bündeln, mal greifen sie einzelne Aspekte heraus, nie stellen sie den Anspruch, das Thema des Sonntags umfassend zu behandeln. Sie wollen lediglich Anstöße bieten, wie man sich dem Thema nähern könnte, und einen Raum für Zustimmung, Ergänzung und Widerspruch schaffen, die sich zum Teil schon aus den zugeordneten Bibeltexten ergeben. Wer tiefer in die Zusammenhänge einsteigt, wird feststellen: Diese Texte kommentieren und ergänzen sich gegenseitig, sie stellen sich wechselseitig in Frage, eröffnen Widersprüche und halten sie aus. Im Lesen, Fragen, Forschen und Entdecken kann so ein Netz von Bedeutungen entstehen, das vielleicht sogar einmal zum lebensrettenden Fangnetz wird. In jeder neuen Situation, die wir anhand des Bibeltextes zu begreifen suchen, durch jeden Text, den wir anhand unserer Lebenserfahrung zu verstehen suchen, können sich neue Fäden in dem Netz spannen – durch das Kirchenjahr hindurch, im wiederkehrend Vertrauten und im fremden Neuen. In diesem Sinne: Gesegnetes Lesen, Forschen, Entdecken und Netze knüpfen!
Der Weihnachtskreis
Weihnachten wird weltweit als das christliche Fest schlechthin wahrgenommen, doch als institutionalisierte Feier der Geburt Jesu entstand es vergleichsweise spät. In den ersten drei Jahrhunderten des Christentums wurde die Geburt Jesu an sich gar nicht gesondert bedacht oder gefeiert. Erst seit der Mitte des 4. Jahrhunderts lässt sich das Fest in Rom nachweisen.
Bereits im 2. Jahrhundert beging man jedoch vor allem im griechischsprachigen Osten des römischen Reiches am 6. Januar das Fest Epiphanias, bei dem der Erscheinung von Gottes Gegenwart in dieser Welt in Jesus Christus gedacht wurde. Dabei übernahm man Aspekte der sog. Epiphanien weltlicher Herrscher oder Götter, bei denen die Ankunft des Mächtigen an einem bestimmten Ort öffentlich gefeiert und seine Machtfülle proklamiert wurde. Beim christlichen Epiphaniasfest ging es also weniger um die Erinnerung an den historischen Vorgang der Geburt Jesu, vielmehr wollte man die theologische Bedeutung der Menschwerdung Gottes verdeutlichen und verkündigen. Konkret machte man die Erscheinung von Gottes Gegenwart in der Welt am Besuch der drei Magier und an der Taufe Jesu fest. In beiden Geschichten wird deutlich, dass dieser Mensch Jesus am Wesen des Göttlichen teilhat: Die nichtjüdischen Himmelsforscher erkannten es in den Sternen und verkündeten es der nichtjüdischen Welt. Bei der Taufe bezeugte Gott den getauften Jesus vor einem Volk öffentlich als seinen Sohn.
Wann und wie Weihnachten als Geburtsfest Jesu am 25. Dezember entstand, ist nicht eindeutig zu klären. Es lassen sich verschiedene Einflüsse und Elemente ausmachen, wobei zwei Möglichkeiten hervorstechen. Zum einen gab es in der frühen Kirche Bestrebungen, den genauen Tag der Geburt des Erlösers zu berechnen. Dabei knüpfte man u. a. an die Vorstellung an, der erste Tag der Schöpfung sei der 25. März gewesen, und nahm daher an, die Empfängnis Jesu, mit der die Neuschöpfung der Welt begann, habe ebenfalls an diesem Tag stattgefunden. Folglich sei Jesus neun Monate später am 25. Dezember geboren. Wahrscheinlicher ist aber, dass ein Zusammenhang mit dem Fest des Sol Invictus besteht. Dieses Fest des unbesiegten Sonnengottes wurde im Jahr 274 in Rom für den 25. Dezember, der Zeit um die Wintersonnwende, eingeführt, um den Sieg der Sonne über das Dunkel des Winters zu feiern. Die Kirche konnte das Motiv des aufstrahlenden Lichts oder der aufgehenden Sonne aufgreifen und Christus als die Sonne der Gerechtigkeit verkünden, das Licht, das in die Welt gekommen ist, um sie aus dem Todesdunkel zu retten. Von der Mitte des 4. Jahrhunderts
an wurde der Geburtstag unseres Herrn Jesus Christus rasch fester Bestandteil des Festjahres der westlichen Kirche, denn er gab eine anschauliche Antwort auf die damals heiß umstrittene Frage, wie genau die Menschwerdung Jesu zu verstehen war: wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Auch die Kirchen des Ostens übernahmen nach und nach den 25. Dezember als Termin für die Geburtsfeier Jesu, während sie weiterhin mit Epiphanias am 6. Januar der Taufe Jesu gedachten. Heute begeht nur noch die armenische Kirche das Geburtsfest Jesu am 6. Januar.
Das heutige Weihnachtsfest enthält Elemente sowohl des Geburtsfestes Jesu als auch des Epiphaniefestes. Es ist zugleich Erinnerung an ein geschichtliches Geschehen – die Menschwerdung Gottes – als auch Proklamation der Macht Gottes über die Welt: Gott erscheint in dieser Welt in der Gestalt Jesu, eines den Naturgesetzen unterworfenen Menschen, der den Angriffen der lebensfeindlichen Mächte dieser Welt nicht entzogen ist. Gerade darin offenbart er dort, wo die Herrscher der Zeit ihre Macht zur Schau stellen, in Jesus Christus seine Macht, mit der er die Welt retten wird.
Heute trennt die evangelische Ordnung den Weihnachtskreis in die Adventszeit, die Weihnachtszeit und die Zeit nach Epiphanias, die den Zeitraum zwischen der eigentlichen Weihnachtszeit und dem Beginn des österlichen Festkreises überbrückt.
Die Adventszeit
Mit dem ersten Advent beginnt ein neues Kirchenjahr. Das war nicht immer so, viele Kirchen begannen den Jahresfestkreis an anderen Daten. Der 1. Advent setzte sich wohl deshalb durch, weil an ihm traditionell die liturgischen Bücher für das neue Lesejahr geöffnet wurden.
Das lateinische adventus entspricht in der Bedeutung weitgehend dem griechischen epiphaneia und bezeichnet u. a. den triumphalen Einzug eines siegreichen Feldherrn oder Kaisers samt den dazugehörigen Zeremonien. So stand in der römischen Kirche während der Vorbereitung auf die Feier des Geburtsfestes Jesu vor allem die Ankunft des menschgewordenen Gottes zur Rettung der Welt im Mittelpunkt, mit dessen Kommen eine neue Zeit anbrach. Zugleich war das Epiphaniasfest am 6. Januar einer der zentralen Termine für die Taufe von Menschen, die sich nach einer längeren Vorbereitungszeit der Kirche anschließen wollten. So gab es mehrere Gründe, weshalb manche Kirchen die Zeit vor Weihnachten mit einer Fasten- und Bußzeit begingen, zumal die Jahreszeit einen bewussten Umgang mit den Vorräten anmahnte. Entsprechend dem Motto „am Anfang sparen, am Ende strecken“ fügten sich die Fastenzeiten am Beginn und am Ende des Winters in den Jahresablauf einer Kultur ein, die von den Nahrungsmitteln abhing, die sie selbst erwirtschaftete. Von der Fasten- und Bußzeit vor Weihnachten ist in der evangelischen Kirche noch die Farbe violett für die Adventszeit als Kennzeichen einer Zeit der Besinnung und der Umkehr geblieben, wäh-
rend die orthodoxe Kirche statt einer vierwöchigen Adventszeit eine vierzigtägige Fastenzeit begeht. Den Charakter einer innerlichen Vorbereitung auf die Begegnung mit Gott hat die Adventszeit jedoch auch in der evangelischen Kirche bewahrt, gerade in ihren Liedern wie dem bekannten „Wie soll ich dich empfangen?“ (EG 11).
In den ersten Jahrhunderten stand in manchen Kirchen außerhalb Roms wie z. B. der gallischen Kirche weniger die Ankunft Gottes in der Menschwerdung Christi im Vordergrund. Hier schaute man nach vorne auf die noch ausstehende Wiederkunft Jesu Christi, auf dessen Kommen man sich mit Bußriten und Fasten vorbereiten wollte. So enthält die heutige Adventszeit Elemente beider Ereignisse: der bereits geschehenen Geburt des Gottessohns als Jesus in Bethlehem und seines noch bevorstehenden endgültigen Kommens in Herrlichkeit. Zudem erhält Johannes der Täufer als Vorbereiter des kommenden Gottessohnes Raum und unterstreicht den Ruf zu Besinnung und Umkehr.
Die Zahl der Adventssonntage war zunächst nicht einheitlich geregelt. In den unterschiedlichen Kirchen wurden zu unterschiedlichen Zeiten vier, fünf oder sechs Adventssonntage begangen. Spätestens seit dem 7. Jahrhundert hat sich jedoch die Form der vier Adventssonntage vor dem Weihnachtstag am 25. Dezember durchgesetzt. Da die Daten der Sonntage im Kalenderjahr variieren, ist die Länge der Adventszeit von Jahr zu Jahr unterschiedlich. Je nachdem, wie nahe der vierte Adventssonntag am Christfest liegt, kann sie 22 bis 28 Tage betragen.
Die heute so vertrauten Gebräuche von Adventskranz und Adventskalender sind vergleichsweise spät entstanden. Den Adventskranz, der mit seinem zunehmenden Licht die Zählung der vier Adventssonntage hin zum Erscheinen des Lichts der Welt versinnbildlicht, wurde im Jahr 1839 von Johann Hinrich Wichern als eine Art Adventskalender erfunden, um den Kindern in der von ihm gegründeten diakonischen Einrichtung Raues Haus das Warten auf Weihnachten zu erleichtern. Auf einem alten Wagenrad platzierte er zwischen den 4 großen Kerzen für die Sonntage je 6 Kerzen für die dazwischenliegenden Wochentage. Den Türchenkalender gibt es erst seit 1903. Hinter den Fenstern oder Türchen verbargen sich zunächst Bilder oder Sprüche und später auch Leckereien, um den Kindern das lange Warten zu versüßen.
Theologisch lässt sich die Adventszeit mit Martin Luther auf drei Ebenen begehen, die miteinander eng in Beziehung stehen: das Kommen Gottes als hilfloses Kind, das geistliche Kommen Gottes zu jedem Einzelnen hier und jetzt und das noch erwartete Kommen Christi am Ende aller Zeit. So lebt die Erwartung des Advents in der Spannung des Schon jetzt und Noch nicht und fragt mit Johannes dem Täufer: Sind wir bereit für sein Kommen – in uns und als Richter der Welt, der die Gerechtigkeit Gottes verwirklichen wird.
1. Sonntag im Advent
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. (Sach 9,9b)
Hintergründiges Mit dem ersten Sonntag im Advent treten wir ein in ein neues Kirchenjahr: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Der neue Jahreskreis beginnt mit der Ankunft des Herrn der Herrlichkeit und die Gedenkfeiern seines Lebens und Wirkens werden auch dem kommenden Jahr seine Struktur geben. Wenn wir die erste Kerze am Adventskranz anzünden, versichern wir uns der Hoffnung, dass das neue Jahr im Licht dessen stehen wird, der seinen Nachfolgern Recht und Gerechtigkeit –ein Leben in Auskommen und Würde – verschaffen wird. Damals, vor rund 2000 Jahren, ritt Jesus nach Jerusalem hinein und seine Bewohner feierten ihn als den endlich gekommenen Friedenskönig. Nur wenige Tage später forderten sie bereits seinen Tod. Der erste Sonntag des Kirchenjahrs umspannt bereits das gesamte Leben Jesu und damit das gesamte kommende Jahr. Heute bereiten wir uns darauf vor, diesen König in unserer Zeit und Welt zu empfangen, wo auch immer er zu uns kommt.
Noch ein König – aber ganz anders „Tochter Zion, freue dich!“ (EG 13) In kaum einem Adventsgottesdienst darf das Lied fehlen. Der Text greift die Aufforderung auf, die Gott durch die Propheten Jesaja und Sacharja an sein Volk richtet: „Freue dich, Jerusalem! Jubele so laut, dass alle es hören, denn dein König kommt zu dir!“ Allerdings wundere ich mich, dass Gott sein Volk dazu aufruft, die Ankunft eines Königs zu bejubeln. Als es Jahrhunderte früher einen König einsetzen wollte, warnte er es durch den Propheten Samuel: „Ein König wird euch das Leben schwer machen! Er wird hohe Abgaben erheben und eure jungen Leute zum Dienst einziehen.“ Trotzdem ließ Gott sich auf den Wunsch des Volkes ein. Mit David und Salomo nahm die Königszeit einen verheißungsvollen Anfang, doch die nachfolgenden Könige wurden bis auf wenige Ausnahmen zunehmend korrupter und trieben Israel durch ihre egoistische Machtpolitik in den Untergang. Jerusalem und der Tempel wurden zerstört, das Volk ins Exil verschleppt. Das Königtum hatte das Volk ruiniert und nun sollte das Volk über die Ankunft eines neuen Königs jubeln?
Ja, denn dieser König ist anders. Schon König David hatte es vorgemacht: Wo sich ein Mächtiger in all seiner Machtfülle vor dem gerechten Gott verantwortlich weiß, wird er für Gerechtigkeit in seinem Machtbereich sorgen. Wer den Nächsten liebt wie sich selbst, wird die eigene Macht nutzen, um dem Notleidenden zum Leben zu verhelfen.
Ein solcher König zieht in Jerusalem ein – einer, der den Rechtlosen Recht verschafft, der seine Macht nicht missbraucht und der alle, die sich ihm anvertrauen, von
den Folgen des Machtmissbrauchs befreit und heilt. Darum soll Jerusalem jubeln. Darum wird das Volk Gottes das Kommen des Retters bejubeln – damals vor den Toren Jerusalems und heute in den adventlich geschmückten Kirchen. In den kommenden vier Wochen bereiten wir uns darauf vor, diesen gerechten und heilenden König angemessen zu empfangen.
Gebet König Jesus, du bist auf einem Esel in Jerusalem eingezogen. Du kamst nicht, um uns mit deiner Macht zu beherrschen. Stattdessen stellst du deine Macht in den Dienst deiner Liebe zu uns. Zeig uns, wie wir dich angemessen empfangen können. Amen.
Kirchenjahr praktisch: Vertrauen entzünden Heute kann ich beim Anzünden der ersten Kerze am Adventskranz mein Leben für das kommende Kirchenjahr bewusst dem anvertrauen, der in aller Machtfülle kommt und mich in vollkommener Liebe begleiten will.
Alle Texte
Wochenspruch Sach 9,9b
Wochenpsalm Ps 24,1–10
Altes Testament Sach 9,9–10
Epistel Röm 13,8–12
Evangelium Mt 21,1–11
Zusatztexte Jer 23,5–8; Offb 3,14–22
Nikolaustag
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. (Mt 5,7)
Hintergründiges Erst seit dem Kirchenjahr 2018/2019 gilt der Nikolaustag als evangelischer Gedenktag, der Tradition folgend am 6. Dezember. An diesem Tag starb der Legende nach der Bischof Nikolaus von Myra im 4. Jahrhundert den Märtyrertod. Zeitgenössische Bischöfe berichten, dass er sein ererbtes Vermögen unter den Armen verteilte. Um seine selbstlose Hinwendung zu den Bedürftigen ranken sich zahlreiche Legenden. So soll er drei Jungfrauen, die ihr Vater aus Armut prostituiert hatte, nachts heimlich drei Goldklumpen durchs Fenster geworfen haben, damit sie eine Mitgift hatten und heiraten konnten. Aus dieser Geschichte entstand wohl die Vorstellung seiner besonderen Nähe zu Kindern.
In der katholischen Kirche wurde der Heilige Nikolaus zum Schutzpatron für eine ganze Reihe von gesellschaftlichen Gruppen, u. a. der Seeleute, da er mehrmals Rettungswunder im Zusammenhang mit der Schifffahrt gewirkt hatte. Daraus entstand der Brauch, am Abend vor seinem Gedenktag Papierschiffchen vor der Tür aufzustellen, in die der Nikolaus kleine Geschenke legte. Später wurden die Schiffchen durch Schuhe oder Strümpfe ersetzt.
So fand ursprünglich die weihnachtliche Bescherung am Nikolaustag statt. Weil die reformatorischen Kirchen die Heiligenverehrung ablehnten, wurde die Bescherung in ihren Gebieten häufig auf die Weihnachtstage verschoben und der Nikolaus erhielt eine neue Aufgabe: In Anlehnung an den damals zum Tag gehörigen Perikopentext des Gleichnisses von den anvertrauten Talenten (Mt 25,14–30) befragte er nun die Kinder, ob sie im letzten Jahr brav und fromm gewesen waren; die guten Kinder belohnte er mit kleinen Geschenken, die unartigen bekamen die Rute zu spüren. Erst mit der Kommerzialisierung des Nikolaus im 20. Jahrhundert verwandelte sich der Bischof der Alten Kirche in den Weihnachtsmann, der mit kleinen Geschenken auf das weihnachtliche Geschenkfest einstimmt. Eine Rückbesinnung auf die selbstlosen Taten des Bischofs von Myra kann heute jedoch geradezu zum Gegenpol für die ausufernde Kommerzialisierung des Gedenktags und der Weihnachtszeit insgesamt werden. Sein Vorbild kann uns dazu ermutigen es zu wagen, dem Impuls des Erbarmens zu folgen und zu geben, wo uns die Not anderer dazu bewegt. Zwar stehen an diesem Tag seine legendären Taten im Mittelpunkt, doch letztlich wollen sie uns auf die Texte der Bibel hinweisen, auf die sich Nikolaus‘ barmherziges Handeln gründete.
Ein Zuhälter und sein Bischof Ein Vater, der seine drei Töchter nicht anders durchzubringen weiß, als sie wohlhabenden Männern zu deren Vergnügen anzubieten. Ein Bischof, der ein großes Vermögen und geistliche Macht über die Angehörigen seiner Kirche besitzt. Wie wird er wohl über den armen Mann urteilen? Muss er ihn nicht verurteilen? Ist es nicht geradezu sein Job, die offenkundige Sünde aufzudecken und zu bestrafen, damit ein solches Beispiel keine Schule macht?
Doch anstatt den Mann öffentlich zu maßregeln, ergreift den Bischof ein tiefes Erbarmen mit den Töchtern, und er greift tief in seine Schatztruhe, um ihnen heimlich eine Mitgift zu verschaffen, sodass sie heiraten und ein ehrbares Leben führen können. Dieser Bischof hatte verstanden: Sein Vermögen und sein Einfluss gehören ihm nicht, um sich damit sein eigenes Fortkommen zu sichern; ja, noch nicht einmal, um damit die vermeintlichen moralischen Anforderungen Gottes an die Menschen durchzusetzen. Seine Ressourcen sind ihm von Gott anvertraut, um damit den Menschen in seinem Einflussbereich zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen, wo immer ihn das Erbarmen dazu treibt. In einer solchen selbstlosen Hinwendung zum Nächsten liegt wahre Größe. Solch wunder-bare Hilfe entfacht und erhält die vertrauensvolle Hoffnung der Armen darauf, dass Gottes barmherziges Handeln sie am Ende aus den Verstrickungen des Bösen retten wird.
Gebet
Barmherziger Gott, du lässt dein Herz von der Not der Armen bewegen und hörst die Hilferufe aller, die sich in ihrer Not an dich wenden. Höre auch meinen Ruf um Hilfe und befreie mich von dem, was mich bedrängt. Amen.
Kirchenjahr praktisch: Hilfreiche Hände Wem könnte ich heute oder in den nächsten Tagen eine Not-wendende hilfreiche Hand reichen?
Alle Texte
Wochenspruch Mt 5,7
Wochenpsalm Ps 138
Altes Testament Jes 61,1–2,10
Epistel Eph 2,1–10
Evangelium Mt 6,1–4
2. Sonntag im Advent
Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lk 21,28b)
Hintergründiges Während der erste Adventssonntag den kommenden Herrn als König in seiner Macht feierte, konkretisiert der zweite Adventssonntag, was sich bereits andeutete: Dieser König ist nicht gekommen, um sich seine neuen Untertanen gewaltsam zu unterwerfen. Er kommt, um die Bewohner seines Reichs zu retten – als Einzelne und als gesamtes Volk; von zeitlicher Krankheit und ewigem Tod; noch vorläufig und schon mit dem Ausblick auf die endgültige Erlösung. Die Spannbreite der Texte dieses Sonntags zeigt: Wir leben in der Zeit zwischen dem Kommen Jesu in die Welt und dem Kommen Christi als Weltenrichter am Ende der Zeiten.
Das große „Endlich!“ „Wann sind wir endlich da?“ Wer Kinder hat, wird diese Frage nur zu gut kennen – und wahrscheinlich fürchten. Lange Autofahrten strapazieren die Geduld der Kleinen schnell, weil sie noch keine Vorstellung von den Entfernungen und Zeiträumen haben, die zu überwinden und zu überstehen sind. In der Coronazeit haben auch viele Erwachsene mit zunehmender Verzweiflung gefragt: „Wann hört das endlich auf?“ Viele haben zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass sich eine existentiell schmerzhafte oder bedrohliche Situation nicht zeitnah mit Geld oder anderen Ressourcen abwenden oder beseitigen ließ. Wir waren so sehr an selbstverständliche Sofortlieferungen, die unmittelbare Linderung von Schmerzen oder die zeitnahe Lösung technischer Probleme gewohnt, dass wir das Warten fast verlernt haben – vor allem das Warten ins Ungewisse.
Dem Volk Israel zur Zeit Jesu ging es nicht besser. Politisch abhängig von den oft grausam herrschenden Römern, wird es zugleich von der religiösen Elite des Landes kleingehalten und ausgebeutet. Die meisten Bewohner hatten wenig Hoffnung auf ein besseres Leben. Wer ständig in Angst vor der Willkür eines Mächtigen oder des Schicksals lebt, wagt es irgendwann kaum noch, den Blick zu heben. Wer einen Schicksalsschlag nach dem anderen verkraften muss, wird irgendwann kraftlos. In den Krisen der vergangenen Jahre haben wir wieder eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, in Unsicherheit und Abhängigkeit von den Kräften der Natur und mächtigen Entscheidern zu leben.
In eine solche Situation hinein sagt Jesus: „Je schlimmer es wird, desto näher ist die Rettung!“ Eine provokante Aussage, denn unsere Erfahrung zeigt, dass die ersehnte Rettung allzu oft ausbleibt. Doch Jesus spricht hier nicht von zeitlicher Rettung, von einer Befreiung von Krankheit oder Mangel in dieser Welt. Ganz realistisch sieht er das Ende aller Dinge kommen – für jeden Einzelnen und für die Welt als