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Christsein im Alltag der Welt ........................................ 93
QUELLENANGABEN
I. „SCHADEN KANN ’S NICHT“
Taufe – warum eigentlich?
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Parkplätze an einem Supermarkt sind wahrscheinlich dazu da, dass man immer mal wieder Leute trifft, mit denen man im Moment nicht gerechnet hat. So wie neulich bei Jennifer und Thorsten, als ihnen zufällig Pfarrer Holtkamp über den Weg läuft. Was sagt man da so auf die Schnelle? Zum Glück können beide berichten, dass sie vor ein paar Monaten stolze Eltern einer kleinen Alina geworden sind.
„Ja, dann herzlichen Glückwunsch euch beiden“, sagt Holtkamp. Seit Jennifers Konfirmation vor etwa zehn Jahren ist er in seiner pastoralen Väterlichkeit seinerseits einfach beim „Du“ geblieben. „Da kann man euch ja nur alles Gute wünschen. Nun seid ihr ja schon eine richtige kleine Familie. Wenn ich bei der Gelegenheit einfach mal fragen darf: Wie sieht es denn mit Taufe aus und so?“ „Tja, habe ich auch schon dran gedacht“, sagt Jennifer, „aber ich weiß noch nicht so genau.“ „Na, dann kommt doch einfach mal vorbei. Wir können in Ruhe über alles sprechen.“
Wenige Wochen später sitzen Jennifer und Thorsten bei Pfarrer Holtkamp in dem Zimmer mit den vielen Büchern. Ihre kleine Alina haben sie gleich mitgebracht. „Schön, dass ihr da seid“, begrüßt Holtkamp sie freundlich. „Wie geht’s euch denn so als jungen Eltern?“ Beide erzählen ein bisschen von den Monaten der Schwangerschaft, von der Geburt, die nicht ganz einfach war, und von ihren ersten elterlichen Erfahrungen. Von Pampers, geeigneter Babynahrung und einem bei Ebay günstig erstandenen Kinderwagen. Und natürlich von der einen oder anderen viel zu kurzen Nacht, an die man sich erst einmal gewöhnen müsse. „Aber man wird ja auch entschädigt“, sagt Thorsten. „Gucken Sie nur, wie charmant die Kleine Sie anlächelt.“
„Ja, Kinder sind schon ein Segen“, sagt Holtkamp, „auch wenn es später nicht immer ganz einfach wird. Ich spreche da auch ein wenig aus eigener Erfahrung. Aber zurück zu euch. Ihr wollt also eure Alina taufen lassen. Find ich gut. Darf man fragen: warum?“
„Na ja“, beginnt Jennifer etwas zögerlich, „ich weiß auch nicht so genau, aber das ist doch irgendwie so üblich. Ich selbst bin ja auch getauft. Wissen Sie, heutzutage bricht so vieles an Traditionen weg. Da finde ich es wichtig, dass man wenigstens noch ein bisschen an guten alten Sitten und Gebräuchen festhält. Meine Oma war übrigens direkt dafür, als ich ihr von unserer Be-
gegnung neulich erzählt habe. Jetzt sag du doch auch mal was.“ Jennifer stößt ihren Mann leicht in die Seite.
„Ich sehe das ähnlich“, ist jetzt auch Thorsten im Thema angekommen. „Ich bin zwar kein großer Kirchgänger, aber Taufe und so finde ich schon wichtig. Ich spiele ja hier beim VfL in der Zweiten. Torwart. Also ohne mein Maskottchen geht da gar nichts. Einige bekreuzigen sich vor dem Anpfiff oder schicken ein Gebet zu Allah. Der Ball ist rund, wie man so sagt. Und passieren kann immer was. So ähnlich stelle ich mir das auch mit der Taufe vor. Auch im Leben kann immer mal was passieren. Man weiß ja nie. Vielleicht ist die Taufe so eine Art Versicherung gegen die Restrisiken des Lebens. Schaden kann’s jedenfalls nicht.“
Warum eigentlich taufen? Gute Frage. Jennifer und Thorsten haben fĂĽr sich bereits zwei verschiedene Antworten gefunden, die wir uns noch einmal in Ruhe ansehen wollen.
Jennifer begründet die Taufe ihres Kindes damit, dass das „so üblich“ sei. Zumindest für sie und ihre Familie. Sie selbst wurde schließlich auch getauft. Viele Dinge im Leben sind ja üblich. Das Grüßen der Nachbarn,
das Mitbringsel bei einem Besuch, „Gesundheit“ sagen, wenn in der Nähe jemand niest. Manche selbstverständlichen Gewohnheiten erleichtern einfach das Leben. Man muss schließlich nicht bei allem und jedem immer wieder neu und lange über dessen tieferen Sinn nachdenken.
Auch in der Bibel werden uns verschiedene Gewohnheiten geschildert, die für die Menschen der damaligen Zeit offenbar selbstverständlich waren. Etwa das Einhalten der Feiertage, das Achten der Gebote oder der Segensspruch über dem Essen. Von Jesus selbst wird uns berichtet, dass er am Sabbat – wie es dort heißt –„nach seiner Gewohnheit“ in die Synagoge ging (Lukas 4,16). Wenn nun Jennifer ihren Taufwunsch damit begründet, dass das in ihrer Familie „so üblich“ sei, so scheint sie sich damit zunächst in durchaus respektabler Gesellschaft zu befinden. Gewohnheiten gehören nun einmal zu unserem Leben.
Kein Wunder, wenn wir wie selbstverständlich das Bedürfnis verspüren, gute Gewohnheiten nun auch an die nachfolgende Generation weiterzugeben: ordentliche Tischmanieren, höfliche Umgangsformen, ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung. Vieles, was für uns selbst üblich ist, weil es sich eben auch bewährt hat, reichen wir gerne an Kinder und Enkel weiter: mancherlei praktische Fertigkeiten, die eine oder andere
Lebenserfahrung, Wertvorstellungen und Erziehungsprinzipien. Jennifer ist aus guter Familientradition getauft. Warum sollte ihre Tochter nicht auch getauft werden?
Und auch das kennen wir aus der Bibel. Immer wieder begegnet uns dort die Aufforderung, das, was man selbst von seinen Eltern mitbekommen hat, an seine Kinder und Kindeskinder weiterzugeben. „Was wir gehört haben und wissen und unsre Väter uns erzählt haben, das wollen wir nicht verschweigen ihren Kindern“ (Psalm 78,3f) – so oder ähnlich lesen wir es an mehr als einer Stelle.
Doch die ganze Angelegenheit hat auch ihre Schattenseite. Selbst ursprünglich gute Gewohnheiten können mit der Zeit ihren Sinn verlieren und zu einem leeren Ritual verdorren. Mit dem Hinweis, „dass das so üblich ist“ oder „immer schon so war“, kann auch eine unbequeme Frage schnell zum Verstummen gebracht und manch eine neue Idee im Keim erstickt werden. Dass die Taufe in Jennifers Familie „so üblich“ ist, mag so sein. Aber reicht es hin, um nun auch Alina taufen zu lassen?
Es fällt doch auf, dass die Bibel die Weitergabe von Traditionen immerhin an bestimmte Inhalte bindet: „Wir verkündigen dem kommenden Geschlecht den Ruhm
des Herrn und seine Macht und seine Wunder, die er getan hat“ (Psalm 78,4). In der Bibel werden Traditionen nicht um der Tradition, sondern um Gottes Willen weitergegeben. Das ist noch einmal etwas anderes als eine bloße „gute Gewohnheit“. So wird z. B. berichtet, dass das Volk Israel auf dem Weg ins Gelobte Land beim Durchzug durch den Jordan aufgefordert wird, ein paar Gedenksteine aufzurichten. Warum? Antwort: „Wenn eure Kinder später einmal fragen: Was bedeuten euch diese Steine?, so sollt ihr ihnen sagen …“ (Josua 4,6f). Und dann erfolgen die Berichte über Gottes Befreiungstat, die eben von Generation zu Generation weiterzugeben sind. Der Frage, was das im Hinblick auf die Taufe bedeutet, werden wir also noch nachgehen müssen.
Thorsten hat eine andere Begründung für die Taufe seines Kindes gefunden: „eine Art Versicherung gegen die Restrisiken des Lebens“. Ist das so verkehrt? Versicherungen sind ja grundsätzlich nichts Verwerfliches. Mit Recht lassen wir uns gegen manches Risiko, das sonst nur schwer zu stemmen wäre, versichern: Unfall, Krankheit, Altersarmut, Feuer, Sturm und Hagel oder einen unvorhersehbaren Reiserücktritt. Versicherungen sind zunächst einmal ein Ausdruck dafür, dass wir mit den Risiken des Lebens, die ja niemand ganz im Griff haben kann, verantwortlich umgehen. Und dennoch bleibt immer ein Rest. Alles ist eben doch nicht vollständig in den Griff zu kriegen. Weder auf dem Fuß-
ballplatz noch im Leben. Warum nicht auch dafĂĽr Vorsorge tragen?
Und auch hier scheint sich Thorsten in respektabler biblischer Gesellschaft zu befinden. Nicht zu zählen sind die vielen Bitten an Gott um Bewahrung, um Schutz, um Rettung aus unvorhergesehener Not, wie sie uns etwa in den Psalmen begegnen: „Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!“ (Psalm 31,3) „Herr, mein Fels, meine Burg, mein Erretter; mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild … und mein Schutz!“ (Psalm 18,3). Also ist die Taufe eine Art Versicherung gegen Lebensrisiken, die anderweitig nicht abgedeckt sind? Auch diese Frage werden wir im Auge behalten.
Warum eigentlich taufen? Wenn wir diese Frage einmal direkt an die Bibel richten, so gibt es dort – bei allem Respekt vor guten Gewohnheiten und nachvollziehbaren Sicherheitsbedürfnissen – eigentlich nur eine Antwort. Die Kirche tauft aus dem einfachen Grund, weil Jesus Christus es so geboten hat: „Gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei
euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,19f).
Dieser unmissverständliche Taufauftrag ist der eigentliche Grund für die Taufe – bis zum heutigen Tag.
Allein diese Tatsache könnte Jennifer schon einmal ein wenig entlasten. Denn in dem unscheinbaren Nebensatz, wonach auch ihre Oma für die Taufe der Enkelin sei, könnte sich ja auch ein kleiner moralischer Druck verbergen. Und auch das kennen wir: Etwas tun, weil man nicht nur selbst es will, sondern weil auch andere es wünschen. Doch nicht jeder Wunsch anderer taugt etwas. Erwartungen von Seiten der Eltern oder Großeltern können auch psychischen Stress machen. Und manch ein von Seiten der Jungen gedankenlos übernommener Wunsch der Alten hat auch schon Schaden angerichtet.
So könnte Jennifer, sofern sie das aus dem Konfirmandenunterricht noch behalten hat, auf die Warum-Frage von Pfarrer Holtkamp schlicht darauf verweisen, dass sie gerne – Familientradition hin oder her – dem Taufgebot Jesu folgen möchte. Zumal es ja auch Menschen gibt, die auf solche Familientraditionen gar nicht zurückgreifen können – und dennoch die Taufe wünschen.
Deshalb sind gute Familientraditionen noch lange nicht überflüssig. So könnte Jennifer z. B. ihre Oma einmal
fragen, was genau sie mit ihrem Taufwunsch verbindet. Ist es ihrerseits etwa auch nur eine bloße Familientradition? Oder könnte sie bei der Gelegenheit etwas davon erzählen, was ihre eigene Taufe für sie und ihr Leben bedeutet? Weshalb ist es ihr wichtig, zu Jesus Christus und zu seiner Gemeinde zu gehören? Es könnte vielleicht sogar sein, dass das ein etwas längeres Gespräch wird. Eben damit Alina am Ende nicht nur deshalb getauft wird, weil das „so üblich“ ist.
Es gibt also einen unmissverständlichen Auftrag zur Taufe – durch Jesus Christus. Mit ihm fängt alles an. Grund genug, uns ein wenig in der Bibel umzusehen. Wie war das eigentlich mit der Taufe – damals?
II. „TAUFEN“
KOMMT VON „UNTERTAUCHEN“
Wie alles anfing
Mit Jesus Christus fängt die Taufe an. Genauer gesagt: die Taufe „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Das ist der Anfang. Doch es gibt da eine Vorgeschichte. Im Neuen Testament lesen wir, dass es vor Jesu Taufbefehl bereits eine andere Taufe gegeben hat, die Taufe durch Johannes den Täufer. Eine merkwürdige Geschichte. 1
Wir treffen diesen Johannes in jenen Tagen am Ufer des Jordan, irgendwo in der Wüste. Eine etwas absonderliche Gestalt. Schon äußerlich. Umwandet mit einem Kleid aus Kamelhaaren und einem ledernen Gürtel ernährt er sich von Heuschrecken und wildem Honig. Außergewöhnliches erregt natürlich immer sogleich Neugier. Das kennen wir. Heutzutage lebt nicht nur die Regenbogenpresse davon. So verwundert es nicht, dass die Menschen der Umgebung zu Johannes hinströmen. „Da ging zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und das ganze Land am Jordan“, heißt es (Matthäus 3,5).
Also immerhin nicht wenige Menschen. Aber was ist es genau, was diese Menschen zu Johannes, dem Sonderling, treibt? Bloße Sensationsgier wegen seines ungewöhnlichen Äußeren? Oder steckt noch etwas anderes dahinter?
Ja, es ist noch etwas anderes. Johannes hat nämlich auch Ungewöhnliches zu sagen. Und zwar etwas durch und durch Unangenehmes. Es ist, kurz gesagt, eine ziemlich unverschämte Publikumsbeschimpfung, die er da ablässt. Peter Handke mit seinem berühmten gleichnamigen Theaterstück ist nichts dagegen. Originalton Johannes: „Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Lukas 3,7-9)
Uff. Was ist denn das? Da strömen die Leute in Massen hinaus an den Jordan und lassen sich eben mal übel beschimpfen. Einfach so. Einfach so? Nicht ganz. Immerhin fällt irgendwann das Stichwort „Gott“. Also eine Predigt? Und dann auch das Wort „Buße“. Soll es ja geben, so genannte „Bußpredigten“. Niemand hört
sie wirklich gern. Aber manchmal sind sie nötig. Etwa dann, wenn Menschen etwas Unrechtes getan haben. Wenn sie verblendet sind oder sich einfach nur verrannt haben. Was die Menschen damals am Jordan konkret getan hatten, wissen wir nicht. Aber offenbar waren sie der Meinung, dass bereits ihre Zugehörigkeit zum Volk Gottes („wir haben Abraham zum Vater“) schon ausreichte, um „auf der sicheren Seite“ zu sein, wie wir heute sagen würden. „Nix da“, schmettert ihnen Johannes entgegen, „so kommt ihr nicht am bevorstehenden Gericht vorbei. Gott kann auch ganz anders.“
In Gottes Namen also predigt Johannes „Buße“. Das Wort hat unter uns einen faden Beigeschmack. Es klingt nach Zerknirschtheit und Selbsterniedrigung. Wörtlich bedeutet es aber eigentlich „Sinneswandel“ oder auch „Umkehr“. Was eine Umkehr ist, wissen wir aus dem Straßenverkehr. Wenn man sich völlig verfahren hat, etwa versehentlich in eine Sackgasse geraten ist, nützt einem kein blindes „Weiter so“. Dann nützt einem nur noch eine Kehrtwende um 180 Grad. Dazu bedarf es zuvor allerdings einer entsprechenden Einsicht, eines „Sinneswandels“. Genau das scheint Johannes dem Volk mit seiner Bußpredigt sagen zu wollen: „Seht es doch ein: Ihr seid auf dem Holzweg. Kehrt um!“
Solche Worte sagt man nicht mal eben so leicht dahin. Es mĂĽssen also gravierende Dinge vorgefallen sein, die
19 wir nur erahnen können. Der Hinweis darauf, dass sie sich auf Abraham als Garanten ihrer religiösen Sicherheit berufen, lässt vermuten, dass sie wohl grundsätzlich Gott einen guten Mann sein ließen und seine Gebote nicht mehr wirklich ernst genommen hatten. Wohin eine solche Einstellung führt, kennen wir aus vielen biblischen Geschichten. Von Ahab, dem König, der in seiner Gottvergessenheit zum Schreibtischmörder wird (1.Könige 21) bis zu jenem Priester, der gleichgültig an einem Schwerverletzten vorbeigeht (Lukas 10,31). Es gibt menschliche Verhaltensweisen, die ganz und gar nicht harmlos sind, und wo es dann auch kein „alles halb so wild“ oder andere Beschwichtigungen mehr geben kann. Wo es dann nur noch mit einer entschieden anderen Haltung und einem ebenso entschieden anderen Verhalten getan ist. Johannes würde „Sinneswandel“, „Umkehr“ oder eben „Buße“ sagen.
Doch wir sind mit der Geschichte noch nicht ganz durch. Die Leute damals hören sich die harte Bußpredigt des Johannes nicht einfach achselzuckend an, um dann mehr oder weniger beeindruckt wieder in ihren Alltag zurückzukehren. Vielmehr sind sie von dieser Predigt offenbar so tief erschüttert, dass sie sich tatsächlich bereit zur Umkehr zeigen und Johannes fragen, was sie denn nun um Gottes Willen tun sollen. Seine Antwort: „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso.“ Und zu den Zöllnern,
die als Ausbeuter verschrien sind: „Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!“ Schließlich zu den Soldaten: „Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“ (Lukas 3,10-14). Und um seiner Predigt Nachdruck zu verleihen, ruft er die Menschen auf, sich zum Zeichen ihres Sinneswandels und ihrer beabsichtigten Umkehr taufen zu lassen. Taufen?
Das ist erklärungsbedürftig.
Das im biblischen Text begegnende Wort „taufen“ bedeutet ursprünglich eigentlich „untertauchen“. Die Ähnlichkeit der beiden deutschen Wörter kommt nicht von ungefähr. Wahrscheinlich hat man sich die Taufe des Johannes so vorzustellen, dass er die Menschen, die zur Umkehr bereit waren, im Jordan schlichtweg untergetaucht hat. Eine eindrucksvolle Zeichenhandlung. So wie das Wasser des Jordans, der an manchen Stellen sogar eine ziemliche Strömung aufweist, von äußerlichem Schmutz reinigt, so sollen nun auch die Sünden der Vergangenheit weggespült sein. Dieses Untertauchen erinnert ein wenig an die in Israel üblichen kultischen Reinigungsriten. Was als rein bzw. unrein zu gelten hat, war seit alters detailliert in den Reinigungsgesetzen festgelegt (vgl. 3.Mose 11-15). Im Unterschied zu diesem kultischen Verständnis der Reinigung hat die Taufe des Johannes einen deutlich anderen, einen ethischen Charakter. In Haltung und Verhalten des Täuflings soll nun etwas anders werden: „Tut Buße!“
Und auch das ist noch nicht alles. Johannes der Täufer begründet nämlich seinen Bußruf mit den Worten „denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ (Matthäus 3,2). Offenbar war das für ihn mit der Erwartung eines Messias verknüpft: „Nach mir kommt der, der stärker ist als ich“ (Markus 1,7). „Messias“ bedeutet wörtlich „Gesalbter“. In der Sprache des Neuen Testaments: „Christus“. Da in damaliger Zeit vor allem Könige gesalbt wurden, war die Hoffnung auf einen Messias, auf einen Christus, im Grunde nichts Anderes als die Hoffnung auf einen neuen König. Am besten so einer wie der alte, erfolgreiche König David. Also jemand, der mit Macht das Volk befreit und allem Unrecht ein Ende bereitet. Dieses neue „Reich“ war nun nach Meinung des Johannes „nahe herbeigekommen“. Wie man sich denken kann, eine äußerst brisante Botschaft angesichts der zu dieser Zeit tatsächlich herrschenden Besatzung Israels durch die Römer. Vielleicht war das sogar der eigentliche Grund, weshalb die Leute in Scharen zu diesem sonderbaren Prediger hinströmten. Verständlich wäre es.
Nun passiert mitten im Trubel mit einem Mal etwas Unvorhergesehenes. Plötzlich steht Jesus am Ufer. Will er etwa dem Täufer bei den vielen Taufen ein we-
nig unter die Arme greifen? Mitnichten. Auch er will von Johannes getauft werden. Dieser reagiert geradezu geschockt: „Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?“ (Matthäus 3,14) Doch Jesus beharrt darauf. Auch er lässt sich von Johannes taufen. Wenig später, so lesen wir, „tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (3,16f).
Jesus, der Sohn Gottes, lässt sich von Johannes dem Täufer taufen. Das ist allerdings schon sehr merkwürdig. Hatten wir nicht soeben festgestellt, dass die Taufe des Johannes ein Zeichen der Umkehr von einem falschen, ja sündhaften Lebensweg bedeutet? Von was für einem falschen, sündhaften Lebensweg soll er, der Sohn Gottes, denn bitte schön umkehren?
Die Geschichte berührt hier eines der tiefsten Geheimnisse des Glaubens. Der Apostel Paulus beschreibt das später so: „Er (Gott) hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt“ (2.Korinter 5,21). Mit seiner Taufe am Jordan begibt sich Jesus, „der von keiner Sünde wusste“, selbst mitten unter die Sünder, mitten unter uns. Er solidarisiert sich mit all denen, die unter der Last ihrer eigenen Taten zusam-
23 menzubrechen drohen. Schon jetzt deutet sich an, was ihm später geradezu zum Vorwurf gemacht wird: „Mit den Zöllnern und Sündern isst er“ (Markus 2,16). Er, der Messias, der erhoffte König, tritt sein Königtum nicht mit Glanz und Gloria, Pomp und Machtdemonstrationen an. Schon jetzt geht er einen anderen Weg. Den Weg, der in einer armseligen Krippe beginnt und dann schmachvoll am Kreuz endet. Genau zu diesem sagt Gott: „Dies ist mein lieber Sohn.“ Und genau diesen wird er dereinst vom Tod zu neuem Leben erwecken. Jesu Taufe am Jordan – was für eine eindrucksvolle Ouvertüre zu dem, was dann noch folgen wird und wovon wir sicher noch das eine oder andere hören werden.
Ob Jesus anschließend selber getauft hat? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Schon in der Bibel (vgl. Johannes 3,22 mit 4,2). Eine konkrete Geschichte gibt es jedenfalls nicht dazu. Vielleicht war es für die Evangelisten auch nicht so wichtig. Entscheidend war für sie etwas anderes, nämlich dass sich der, der sich vom Anfang bis zum Ende mitten unter die Menschen begibt, einen letzten, bindenden Auftrag hinterlässt: „Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes …“ Nun erst beginnt die eigentliche Geschichte der christlichen Taufe, die bis heute reicht.