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Große Worte, krasse Story

Leseprobe

Große Worte, krasse

Einleitung

Große Worte –krasse Story!

Auf die Bibel trifft der Titel in jedem Fall zu! Man muss noch nicht einmal Christ sein, um das zu erkennen. Das „Buch der Bücher“ – so wird die Bibel bekanntlich manchmal auch genannt – ist einfach unglaublich! Der Inhalt dieses Buches hat einen großen Teil unserer Welt geprägt, viele Jahrhunderte lang, bis heute. Viele unserer Gesetze und unserer Wertvorstellungen gehen auf die Bibel zurück – und auch uns persönlich hat dieses Buch Entscheidendes zu sagen.

Zugegeben: Viele Texte der Bibel sind nicht ganz einfach zu verstehen. Man muss einen geeigneten Zugang finden, um ihre Bedeutung für uns heute zu erschließen. In besonderem Maße gilt dies natürlich, wenn man der Botschaft der Bibel gemeinsam mit Jugendlichen nachspüren will.

In den 22 Kapiteln wird die Lebenswelt heutiger Jugendlicher auf authentische Art und Weise mit einigen zentralen biblischen Texten verknüpft. Ansprechende Geschichten und ungewöhnliche Ansagen führen ins Thema ein. Fragen, Anregungen und Impulse regen zum Gespräch an, Lesetipps motivieren zum eigenständigen Weiterlesen im Buch der Bücher.

Für Mitarbeiter:innen in der Jugendarbeit, für den Konfirmationsunterricht, für Pfarrer:innen und Religionslehrer:innen, für Eltern und für andere Interessierte bietet dieses Buch wertvolle Hilfestellungen in der anspruchsvollen Aufgabe, Jugendlichen die Botschaft der Bibel nahezubringen.

Sinn macht es, das Buch am Stück durchzuarbeiten, da die Kapitel die biblischen Texte in chronologischer Reihenfolge behandeln. Aber natürlich sind die einzelnen Kapitel auch einzeln oder in beliebiger Reihenfolge einsetzbar.

Wie beginnen?

Eine Möglichkeit ist sicherlich, den Jugendlichen das folgende Vorwort vorzulesen. Es drückt in einfachen Worten Sinn und Absicht dieses Buches aus, so dass sich die Jugendlichen darauf einstellen können, was sie erwartet.

Da aber jedes einzelne Kapitel über einen motivierenden Einstieg verfügt, können diese auch problemlos ohne das Vorwort eingesetzt werden.

Ich wünsche in jedem Fall viel Erfolg und Freude bei der Jugendarbeit – in welchem Kontext auch immer – und natürlich Gottes Segen dazu!

Vorwort für Jugendliche

Die Bibel ist genial! Genial und gigantisch!

Gigantisch, weil kein anderes Buch größeren Einfluss auf die Geschichte der Welt hatte: Unzählige Generationen und Gesellschaften haben Entscheidendes von der Bibel gelernt, viele Länder und ganze Kontinente wurden geprägt von Vorstellungen, Symbolen und Werten aus diesem großartigen Buch. Ein Buch, das auch heute noch der absolute Welt-Bestseller ist und von dem es mehr Übersetzungen gibt als von jedem anderen Werk. Die Bedeutung der Bibel für unsere Welt kann man kaum hoch genug einschätzen. Um das zu erkennen, muss man noch nicht einmal Christ sein!

Die Bibel ist aber auch genial.

In keinem anderen Werk werden die großen Fragen der Menschheit umfassender behandelt – übrigens auch in keinem Film und in keiner Serie. Die Bibel kennt uns Menschen ganz genau – manchmal genauer, als wir uns selbst kennen!

Ja, die Bibel ist alt. Das stimmt.

Aber weil wir Menschen uns im Grunde nicht verändert haben, bleibt die Bibel trotzdem aktuell. In mancher Hinsicht ist sie übrigens nicht nur up to date!

Sie ist uns sogar ziemlich weit voraus!

Die Bibel ist auch ein ganz schön dickes Buch!

Außerdem auch eins, das man nicht so einfach lesen kann. Die meisten Ausgaben sind in altmodischem Deutsch geschrieben und viele Texte darin versteht man als heutiger Mensch kaum oder nur unzureichend.

Das alles schreckt erstmal ab. Freiwillig in der Bibel lesen?

Das tun deshalb heute wohl nur noch sehr wenige Menschen. Schon klar.

Dabei sind mache Dinge an der Bibel gar nicht so schwer zu verstehen. Man muss nur die richtigen Stellen finden und die passenden Erklärungen dazu. Dann macht das alte Buch auf einmal viel mehr Sinn. Auch und gerade für Jugendliche!

Vielleicht versteht man dann auch besser, warum die Bibel so viele Fans hat, warum es immer noch das meistverkaufte Buch ist und wieso viele schlaue Menschen bis heute daran glauben, dass man in der Bibel wertvolle Tipps für sein Leben bekommen kann.

Mit der Bibel wendet sich Gott an alle Menschen. Die Bibel ist aber auch eine ganz persönliche Botschaft an DICH!

Ist das nicht tatsächlich irgendwie gigantisch – und genial?

TEIL A DAS ALTE TESTAMENT

Leseprobe

2. Wer hat den Apfel angebissen?

Der Sündenfall

Jeder kennt es, das Apple-Logo.

Der angebissene Apfel mit dem Blättchen oben dran. Angeblich stammt es aus dem Jahr 1977. Laut der Biografie von Steve Jobbs, dem Gründer von Apple, standen zwei Entwürfe zur Auswahl: ein vollständiger Apfel und ein angebissener. Warum schließlich der „angefressene“ Apfel das Rennen gemacht hat, hatte wohl mehrere Gründe: Der wichtigste war anscheinend derjenige, dass man so den Apfel eindeutig von einer Kirsche unterscheiden konnte. Außerdem fügte sich der angebissene Teil des Apfels so besser auf die früher verwendeten Kassetten ein.1

Manche Menschen erinnert der Apple-Apfel aber auch an eine Geschichte aus der Bibel; eine ziemlich bekannte Geschichte, nämlich die von Adam und Eva im Paradies.

Als Gott ihnen verboten hat, von einem bestimmten Baum zu essen und die beiden ersten Menschen es dann doch getan haben.

Eigentlich ist das ziemlich komisch, denn in dieser Geschichte kommt gar kein Apfel vor!

Warum denken dann aber viele Leute ausgerechnet an einen Apfel, wenn sie von dieser Geschichte hören?

1 Vgl. https://www.computerwoche.de/a/warum-der-apple-apfel-angebissen-ist,3048689 (abgerufen am 16.04.2021)

Das ist gar nicht so schwer. Die Bibel ist ja ein ziemlich altes Buch.

Sehr lange schon ist sie für viele Menschen wichtig – früher noch viel mehr als heute. Auch schon vor vielen hundert Jahren war das so. Die Bibel war schon damals für viele Menschen das Heilige Buch, nach dem man sein Leben ausrichten sollte – wie in einer Art Bedienungsanleitung für das Leben aller Menschen.

So weit, so gut.

Es gab aber ein dickes Problem!

Die tollste Bedienungsanleitung bringt nichts, wenn man sie nicht versteht. Was sollten die armen Menschen nur machen, wenn sie ihr ganzes Leben nach einem Buch ausrichten sollten, sie dieses Buch aber gar nicht lesen konnten?

Viele hatten nämlich keine Zeit, auf eine Schule zu gehen, weil sie den ganzen Tag hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten mussten. Ja, die Kinder auch. Außerdem gab es gar keine Schulen für gewöhnliche Menschen, sondern nur für Mönche oder die Kinder von Adligen.

In vielen alten Kirchen sieht man Bilder an den Wänden. Oft sind wichtige Szenen aus der Bibel dargestellt, wie zum Beispiel die Wunder von Jesus, die Kreuzigung oder auch die Geschichte von Adam und Eva.

Heute dienen die Bilder als Schmuck. Aber früher wurden die Geschichten der Bibel an die Wände der Kirchen gemalt, damit sich die Menschen diese besser merken konnten – selber nachlesen konnten sie diese Geschichten ja nicht.

Von der Predigt haben sie übrigens nichts verstanden, die war nämlich auf lateinisch.

Die normalen Menschen waren also auf die Bilder angewiesen, wenn sie wissen wollten, was in der Bibel steht.

Auf diesen Bildern wurde die Frucht, von der Eva Adam gab und welche die beiden gegessen haben, meistens als Apfel dargestellt. Vermutlich war das so, weil der Apfel bei uns so verbreitet ist.

Daher kommt also die Vorstellung vom Apfel im Paradies, obwohl in der Bibel gar nichts von einem Apfelbaum steht.

Was ist es dann aber für ein Baum, von dem die beiden probiert haben, obwohl Gott es ihnen doch verboten hatte?

Warum sollten sie denn davon nichts essen?

So steht es in der Bibel:

1Die Schlange war listiger als alle anderen Tiere, die Gott, der HERR, geschaffen hatte. Sie fragte die Frau: „Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem Baum im Garten essen dürft?“ 2„Doch, natürlich dürfen wir die Früchte hier im Garten essen“, erwiderte die Frau. 3„Nur von dem Baum in der Mitte hat Gott gesagt: ‚Esst seine Früchte nicht und berührt ihn auch nicht, sonst müsst ihr sterben.‘“ 4Doch die Schlange widersprach: „Nein, ihr werdet nicht sterben, 5sondern Gott weiß: Sobald ihr davon esst, werden euch die Augen geöffnet. Dann werdet ihr sein wie Gott und selbst wissen, was gut und was böse ist.“

6Die Frau betrachtete den Baum. Seine Früchte schienen schmackhaft. Er war eine Augenweide, und es war verlockend, dass er klug machen sollte. Schließlich pflückte sie eine Frucht und aß. Dann gab sie auch ihrem Mann davon, und er aß ebenso. 7Da wurden den beiden die Augen geöffnet, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Deshalb flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze daraus.

8Am Abend, als es kühler wurde, hörten sie, wie Gott, der HERR, durch den Garten ging. Da versteckten sich die beiden vor ihm zwischen den Bäumen im Garten.

9Gott, der HERR, rief nach dem Menschen: „Adam, wo bist du?“ 10„Ich habe dich im Garten gehört“, antwortete Adam. „Aber weil ich nackt bin, habe ich Angst bekommen und mich versteckt.“ 11„Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?“ fragte Gott. „Hast du etwa von dem Baum gegessen, dessen Früchte ich dir verboten hatte?“ 12Adam erwiderte: „Die Frau, die du mir zur Seite gestellt hast, hat mir von den Früchten des

Baums gegeben. Da habe ich gegessen.“ 13Daraufhin stellte Gott, der HERR, die Frau zur Rede: „Was hast du da getan?“ Die Frau verteidigte sich: „Die Schlange hat mich verführt. Deshalb habe ich gegessen.“

14Da sagte Gott, der HERR, zur Schlange: „Weil du das getan hast, sollst du verflucht sein, du allein von allen Tieren. Auf dem Bauch wirst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang! 15Feindschaft wird herrschen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem und ihrem Nachwuchs. Er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse beißen.“

16Und zur Frau sagte er: „Ich werde deine Schwangerschaften sehr beschwerlich machen. Unter Schmerzen wirst du deine Kinder zur Welt bringen. Du wirst dich nach der Nähe deines Mannes sehnen, aber er wird über dich herrschen wollen.“

17Und zum Mann sagte er: „Du hast auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen, dessen Früchte ich dir ausdrücklich verboten hatte. Von nun an wird der Ackerboden deinetwegen unter einem Fluch stehen, und du wirst dich dein Leben lang nur mit Mühe von ihm ernähren. 18Er wird mit Dornen und Disteln übersät sein – trotzdem wirst du von dem leben müssen, was auf deinen Feldern wächst. 19Mit Mühe und Schweiß wirst du dir dein Brot erarbeiten, und am Ende wirst du wieder zur Erde zurückkehren, aus der du gemacht wurdest. Denn Staub bist du, und zu Staub sollst du wieder werden!“

20Adam gab seiner Frau den Namen Eva („Leben“), denn sie sollte die Mutter allen menschlichen Lebens werden.

21Gott, der HERR, machte für Adam und seine Frau Kleider aus Fellen und zog sie ihnen an. 22Dann sagte er: „Nun ist der Mensch wie einer von uns geworden und kennt Gut und Böse. Es darf nicht sein, dass er jetzt auch noch die Früchte vom Baum des Lebens nimmt und sie isst. Sonst wird er ewig leben.“ 23So vertrieb Gott, der HERR, den Menschen aus dem Garten Eden und bestimmte ihn dazu, den Erdboden zu bebauen, aus dem er gemacht war. 24Nachdem Gott ihn weggeschickt hatte, stellte er Kerub-Engel mit lodernden Flammenschwertern vor die Ostseite des Gartens, um den Zugang zum Baum des Lebens zu versperren. (1. Mose 3, 1-24, Neue Genfer Übersetzung)

Krasse Geschichte, oder?

Die listige Schlange verführt die Frau und den Mann, von den verbotenen Früchten zu essen. Frau und Mann haben ihren freien Willen. Sie entscheiden, nicht auf Gottes Verbot zu hören und von den Früchten zu probieren.

Aus welchen Gründen aber hat Gott ihnen überhaupt verboten, von diesen Früchten zu essen?

Gott sagt ja, dass die Menschen ab jetzt den Unterschied zwischen Gut und Böse erkennen. Sie haben von den Früchten des Baumes gegessen und können ab jetzt zwischen Gut und Böse unterscheiden.

Warum sollten sie das wohl nicht?

Es war wohl einer der Ratschläge, die Gott den Menschen mit auf den Weg gegeben hatte. Er hatte ihnen den freien Willen gelassen, eigene Entscheidungen zu treffen. Er hatte ihnen aber auch Tipps und Gebote gegeben, wie sie am besten durchs Leben kommen würden.

Vielleicht sollten sie diesen Unterschied gar nicht kennen, weil er ihnen nur das Leben schwermachen würde. Bis dahin waren sie schließlich im Paradies, wo es gar nichts Böses gab. Sie hatten bis dahin vermutlich gar keine Gelegenheit, das Böse kennenzulernen.

Das sollte sich ab jetzt ändern.

Gott vertreibt die Menschen aus dem Paradies. Die Frau muss unter Schmerzen Kinder auf die Welt bringen, der Mann muss mühsam den Lebensunterhalt verdienen.

Auch an dieser Geschichte erkennt man die Liebe Gottes zu seinen Menschen. Obwohl er sie gewarnt hat, haben sie gegen sein Verbot verstoßen. Obwohl er ihnen angekündigt hatte, dass sie dann sterben müssten, verschont er Adam und Eva.

Er bestraft sie zwar, um die Wichtigkeit seiner Gebote zu unterstreichen. Aber sie dürfen weiterleben und sogar ziemlich alt werden.

Zum Nachdenken:

1. Stimmt das überhaupt? Verstehen wir Menschen auch heute noch den Unterschied zwischen Gut und Böse?

2. Welche Rolle spielt eigentlich die Schlange in dieser Geschichte? Trägt sie nicht vielleicht sogar den größeren Teil der Schuld, weil sie die Menschen verführt hat?

3. Gott stellt fest, dass der Mensch durch seine Tat jetzt den Unterschied zwischen Gut und Böse kennt. Durch das Essen der verbotenen Frucht hat er dieses Wissen erlangt. Was wäre wohl passiert, wenn die Menschen auch noch von den Früchten des anderen Baumes gegessen hätten?

Cliffhanger:

Als Adam und Eva das erste Mal gegen Gottes Gebote verstoßen haben, ist das Böse in die Welt gekommen. Die Menschen haben gezeigt, dass sie ihren freien Willen auch gegen Gott einsetzen – und sich damit selber schaden und Gott weh tun.

Trotzdem hat Gott nichts unversucht gelassen, seine Menschen immer wieder in die richtige Spur zu bringen. Er hat sich eine ganze Menge dazu einfallen lassen. Zum Beispiel seine Deals mit uns. Mehr dazu gibt`s im nächsten Kapitel …

TEIL B DAS neue TESTAMENT

3.Zeit mit Gott!

Beziehungen brauchen Zeit!

Mit allen Beziehungen ist das so. Egal, ob es um Beziehungen in der Familie, unter Freunden oder auch im Beruf geht. Man muss sich Zeit dafür nehmen!

Auch die Beziehung zu Gott braucht Zeit!

Zeit mit Gott zu verbringen, bedeutet Beten!

Gebet besteht nicht nur darin, dass wir Gott um etwas bitten. Gebet besteht auch aus anderen Dingen wie Dank und Anbetung, Bitten für andere, Zuhören und Stille.

Beten ist gelebte Beziehung mit Gott!

Umgekehrt bedeutet das: Wer nicht betet, hat auch keine Beziehung zu Gott – zumindest keine lebendige!

Auch Jesus hat gebetet. Besonders vor wichtigen Entscheidungen und einschneidenden Erlebnissen hat er mit seinem Vater geredet.

Sogar ziemlich viel und ziemlich lange. Aber lest am besten selbst, so steht es in der Bibel – diesmal ist es nur ein Vers:

In jener Zeit zog sich Jesus auf einen Berg zurück, um zu beten. Die ganze Nacht verbrachte er im Gebet. (Lukas 6, 12, Neue Genfer Übersetzung)

Nach dieser Gebetsnacht hat Jesus aus seinen Jüngern die zwölf Apostel ausgewählt – eine ziemlich wichtige Entscheidung. Jesus hat aber nicht nur vor solchen Entscheidungen gebetet. Er hat überhaupt viel Zeit mit Gott im Gebet verbracht. Wertvolle Zeit.

Auch uns würde es vermutlich nicht schaden, mehr von unserer Zeit ins Gebet zu investieren. Auch in unserem Leben gibt es schließlich wichtige Entscheidungen, schwierige Situationen und besondere Momente. Wie hilfreich und wohltuend es sein kann, gerade an solchen Gelegenheiten zu beten, erfahren wir erst dann, wenn wir es tun. Das gilt aber nicht nur für diese besonderen Gelegenheiten, sondern auch für unseren Alltag. Wie oft und wie viel wir beten, ist immerhin auch ein Anzeichen dafür, wie ernst wir die Sache mit Gott nehmen. Gott ist bestimmt nicht angewiesen auf unsere Gebete. Aber wir!

Bekanntlich werden nicht all unsere Gebete erhört. Zumindest nicht so, wie wir uns das so vorstellen. Das war übrigens schon bei Jesus so. Verzweifelt hat er gebetet, dass er vom Tod am Kreuz verschont bleibt; dass ihm dieses furchtbare Schicksal erspart bleibt.

Sein Gebet wurde nicht erhört. Zumindest nicht so, wie er es sich in diesem Moment gewünscht hat.

Dieses Gefühl kennen wir vermutlich. Allerdings geht es bei unseren Gebeten natürlich nicht immer um solche krassen Dinge. Aber auch unsere Gebete werden nicht immer erhört. Gott erfüllt uns nicht alle unsere Wünsche, obwohl wir ihn manchmal regelrecht damit nerven. Obwohl wir scheinbar ganz genau wissen, dass es doch das Beste wäre. Trotzdem werden manche Gebete scheinbar nicht erhört.

Es könnte natürlich daran liegen, dass Gott keine Maschine ist. Er ist kein Computer, den man programmieren kann und der dann bestimmte Anweisungen oder Bitten einfach ausführt.

Das macht die Sache einerseits kompliziert. Es fällt natürlich schwer, weiter auf Gott zu vertrauen, wenn unsere Bitten nicht erhört werden.

Andererseits – was wäre das für ein Gott, dessen Handlungen wir steuern könnten? Ein Gott, der keinen eigenen Willen hat, keine eigene Meinung? Der einfach nur darauf wartet, wer am meisten bettelt – und diese Wünsche dann erfüllt?

Richtig, das wäre gar kein Gott!

Deswegen ist Beten Beziehungspflege!

Pflege unserer Beziehung zu Gott.

Gehört werden unsere Gebete nämlich auf jeden Fall – auch wenn nicht alle erhört werden!

Manchmal entstehen aber tatsächlich auch einfach schöne Geschichten zum Thema Gebet – so wie diese:

Im Religionsunterricht der Klasse 9:

Unterschiede zwischen den Fächern Religion und Ethik?

Keine Ahnung!

Woher soll ich denn das wissen?

Warum fragt der auch so was?

Er ist doch der Reli-Lehrer.

Dann müsste er das doch selber am besten wissen!

Langsam schiebe ich den Kaugummi in die rechte Backe und hoffe, dass der Lehrer ihn nicht gesehen hat. Kaugummikauen ist im Unterricht verboten. Dabei soll dadurch doch das Gehirn angeregt werden.

„Was machen denn eure Freunde in Ethik? Erzählen die nie was vom Unterricht?“

Die Fragerei geht offensichtlich weiter. Hoffentlich sieht Herr Müller mein Grinsen nicht! Meine Jungs erzählen schon was von Ethik, aber meistens hat das mit Frau Kern, der Ethik-Lehrerin zu tun. Die ist nämlich ultra-hübsch. Auf den Unterricht kann sich da wohl kaum jemand konzentrieren; zumindest keiner von den Jungs.

„Also ich habe gehört, da geht es um so Dinge wie Regeln und Gesetze.“

„Ja, genau. Was richtig und falsch ist.“

„Ums Gewissen. Wie wir miteinander umgehen sollen.“

„Und um die Weltreligionen!“„Aber das Christentum kommt doch auch vor, oder?“

War ja klar. Die Streber melden sich wieder und machen mit. Die meisten Coolen halten sich eher zurück. Wie immer halt.

„Stimmt“, meint der Lehrer. „Ihr habt alle recht. Aber um was geht es dann in Religion?“

Täusche ich mich oder hat er gerade wirklich mich angeschaut? Sollte ich vielleicht auch was zum Unterrichtsgeschehen beitragen?

Doch Manuel ist schneller.

„Ist doch klar!“, höre ich meinen Kumpel sagen. „In Religion geht es doch genau ums Gleiche! Oder etwa nicht?“

Ich kann geradezu fühlen, wie er mich hilfesuchend von der Seite her anschaut. Dazu muss ich nicht mal den Kopf drehen.

„Klar, Mann“, sage ich. „Eigentlich könnte man doch gleich ein Fach draus machen, also aus Ethik und Religion.“

Dann hätten wir nämlich auch Frau Kern, die hübsche Lehrerin, denke ich mir. Aber davon sage ich natürlich nichts. Man muss schließlich wissen, was man besser für sich behält.

Zustimmendes Gemurmel von meinen Jungs.

In der ersten Reihe meldet sich aber Melanie. War ja klar, dass die wieder was zu sagen hat.

„Geht es in Religion nicht irgendwie mehr um Gott als in Ethik?“

Sie hat kaum ausgeredet, als auch schon die Hände ihrer Freunde und Freundinnen nach oben gehen.

„Stimmt“, meint dann auch Sarah, nachdem sie aufgerufen wurde.

„Ich glaube, in Reli behandelt man die Themen mehr so von innen heraus, oder?“

Hilfesuchend schaut sie ihre Freundinnen an.

Die nicken eifrig.

Wie immer.

„Okay, interessant“, meint Herr Müller. „Was meinen denn die anderen dazu?“

Ich sehe, wie sein Blick zu mir und meinen Freunden wandert. Wie immer reicht es dem Religionslehrer nicht, wenn nur die Schlauen was sagen.

„Was meinst denn du dazu, Alex?“, fragt er und schaut mich jetzt direkt an. War ja klar, immer bei den schwierigen Fragen komme ich dran.

„Keine Ahnung“, sage ich und lehne mich betont lässig zurück. „Sie sind doch der Lehrer!“

Gespanntes Schweigen.

Was wird der Angesprochene wohl machen?

Bin ich zu weit gegangen?

Doch der lächelt. „Stimmt! Ich bin der Lehrer? Genau deswegen interessiert mich ja auch deine Meinung.“

Ich nicke zustimmend. Das ist sein gutes Recht, denke ich. Aber was ist, wenn ich dazu gar keine Meinung habe, weil es mir einfach egal ist. Scheinbar hat Herr Müller erkannt, dass bei mir gerade nichts zu holen ist.

Er lässt seinen Blick wieder über die Klasse schweifen: „Zu diesem Thema würde ich euch gern eine kleine Geschichte erzählen“, sagt er und setzt sich dabei auf die Kante des Pults. Ich nutze die Zeit, um meinen Kaugummi in die linke Backe zu schieben und freue mich.

Ich höre unheimlich gern Geschichten. Ich würde das zwar nie zugeben, aber seit meine Oma mir damals immer abends aus dem Märchenbuch vorgelesen hat, weiß ich das. Zuhause erzählt mir leider niemand mehr eine Geschichte, seit meine Oma gestorben ist.

Ich glaube, den anderen geht es genauso.

Es ist immer mucksmäuschenstill im Klassenzimmer, wenn Herr Müller erzählt.

„Chillig“, flüstere ich Manuel zu und lege den Kopf auf die Arme.

„Ihr wisst doch, was Anwärter sind, oder?“, beginnt Herr Müller.

Allgemeines Nicken.

Klar wissen wir das.

Leute, die Lehrer werden wollen und deswegen bei einem anderen Lehrer dabei sind, zuschauen und auch selber Unterricht halten. Meistens sind die ganz in Ordnung, weil sie sich viel Mühe mit den Schülern geben.

„Ist ja logisch, ihr seid ja auch schon ein paar Jahre auf der Schule“, meint Herr Müller. „Natürlich wisst ihr, was Anwärter sind. Ihr wisst ja eigentlich auch, dass Kaugummis im Unterricht verboten sind!“ Pause.

„Oder Alex?“

Mist! Erwischt!

Wieder einmal!

Während die ganze Klasse grinst, tappe ich auf einen Wink von Herrn Müller zum Mülleimer und entsorge das verbotene Genussmittel.

Dann beginnt Herr Müller: „Es war vor einigen Jahren im Religionsunterricht in Klasse 9. Ich sitze weiter hinten im Klassenraum, während eine Anwärterin unterrichtet. Als die Schüler eine Aufgabe bearbeiten, lasse ich den Blick über die Klasse schweifen. Eine Schülerin, die sonst meistens gut aufgelegt ist, fällt mir auf. Sie sieht heute sehr blass und gestresst aus. Ich stehe leise auf, gehe hin und frage, ob alles in Ordnung ist. Sie nickt nur und weicht meinem fragenden Blick aus.

Ich gehe zurück zu meinem Platz.

Wenig später, noch immer Stillarbeit, steht die Schülerin auf und kommt zu mir. Sie bittet mich, mit ihr hinauszugehen. Ich habe kurz der Anwärterin Bescheid gesagt und bin dann mit der Schülerin vor das Klassenzimmer gegangen.

Vor der Tür erzählt die Schülerin, dass ihre ältere Schwester seit heute Nacht nach einem Hirnschlag im Koma liegt, sie notfallmäßig in das Universitätsklinikum verlegt wurde und dass auch die Ärzte nicht sagen können, ob sie die nächsten Tage überlebt – und falls ja, inwieweit sie behindert sein wird. Die Schülerin bittet mich, für ihre Schwester zu beten.“

Leseprobe

Herr Müller macht eine kurze Pause. Es ist mucksmäuschenstill im Klassenzimmer.

„Also haben wir beide die Hände gefaltet und zusammen für die Schwester der Schülerin gebetet, draußen vor dem Klassenzimmer, während drinnen die anderen an der Aufgabe weitergearbeitet haben. – Wochen später habe ich erfahren, dass die Schwester entgegen den Erwartungen doch überlebt hat.“

Als sich leises Gemurmel in der Klasse ausbreiten will, hebt Herr Müller nur den Finger an die Lippen. Dann fährt er fort: „Ein gutes Jahr später war dann die Abschlussfeier der zehnten Klassen in der Stadthalle. Auf der anschließenden Party der Schüler habe ich auch noch kurz vorbeigeschaut. Die Schülerin, mit der ich damals gebetet habe, kommt auf mich zu. Bei der lauten Musik kann ich anfangs kaum hören, was sie sagt. Doch sie zeigt auf eine junge, hübsche und ganz offensichtlich gesunde Frau, die am Rande der Tanzfläche steht. Und auf einmal verstehe ich ihre Worte: „Sehen Sie, das ist meine Schwester!“

Die Schülerinnen in der ersten Reihe beginnen, aber es dauert nur zwei Sekunden, bis die ganze Klasse Beifall klatscht. Herr Müller, den die Geschichte offensichtlich selber auch nicht ganz unberührt gelassen hat, wischt sich einmal über die Augen, bevor er die Hand hebt und die Klasse sich wieder beruhigt.

„Ich behaupte, so etwas passiert in Ethik nicht. Weil man in Ethik vielleicht ÜBER Gott redet, aber nicht mit ihm rechnet! Das ist der Unterschied – Religion geht tiefer. Religionsunterricht hat eine Dimension mehr! In Religion redet man nicht nur ÜBER Gott, sondern auch MIT Gott!“

„Aber natürlich funktioniert es mit dem Beten nicht immer so wie ich gerade erzählt habe. Gott erfüllt ja nicht alle unsere Wünsche auf Bestellung. Er ist ja schließlich keine Maschine.“

„Wie nennt man eigentlich das Reden mit Gott, Alex?“

Sekundenschnelle Antwort. Schließlich habe ich aufgepasst!

„Beten! Ist doch klar!“

Nicken.

„Sehr schön. Du darfst uns zur nächsten Stunde dein Lieblingsgebet mitbringen, Alex. Falls du keines weißt, dann suchst du dir eben eins. Du weißt schon, wegen des Kaugummis …“

Es klingelt zur Pause.

Die ganze Klasse grinst vor sich hin.

Und nicht einmal ich kann ihm böse sein, dem Herrn Müller.

Zum Nachdenken

Dieses Mal gibt es zum Nachdenken ein Gebet. Ein Gebet, wie es vielleicht manchen der Schüler/innen in den Sinn kommen könnte.

Vielleicht passt dieses Gebet ja auch auf die ein oder andere Situation in deinem Leben …

Lieber Gott!

Schule macht keinen Spaß! Meistens, jedenfalls!

Leider gilt das manchmal auch für den Reli-Unterricht. Dabei müsste mich das eigentlich interessieren.

Schließlich geht es dabei doch um mich, und um dich!

Trotzdem bin ich meistens froh, wenn die Stunde endlich vorbei ist; wenn es wieder einmal niemand gemerkt hat, dass ich eigentlich schon an dich glaube.

Ich weiß ja, dass es nicht fair ist, schließlich soll man zu seinen Freunden stehen. Und das bist du doch: Mein Freund – und mein Gott!

Loyalität sieht anders aus – ich weiß!

Danke, dass du es damit besser drauf hast als ich! Amen!

Lesetipp:

Man kann natürlich frei beten, in eigenen Worten. Manchmal ist es aber auch hilfreich, bekannte Worte und Sätze fürs Gebet zu nutzen. Nicht immer fällt einem schließlich das Passende ein – manchmal fehlen einem einfach die Worte.

Auch wenn man gemeinsam laut betet, zum Beispiel im Gottesdienst, bieten sich solche feststehenden Gebete an. Das bekannteste ist das Vaterunser. Dieses Gebet geht auf Jesus selbst zurück und es verbindet uns mit Christinnen und Christen aller Konfessionen auf der ganzen Welt.

Vielleicht hast du Lust, nachzulesen, mit welchen Worten Jesus seinen Jüngern dieses Gebet vorgestellt hat – Matthäus 6, 5-15.

Cliffhanger:

Gott erhört nicht alle unsere Gebete! Aber er hört sie alle! Wenn er unsere Wünsche nicht erfüllt, dann hat das einen Grund. Einen Grund, den wir nicht immer kennen! Aber es liegt nicht daran, dass Gott unfähig ist.

Gott ist allmächtig – er kann einfach alles. Auch Unvorstellbares. So wie im nächsten Kapitel …

Die Bibelstellen sind entnommen aus:

Übersetzung Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung von 'fontis – Brunnen Basel. Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten.

Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen. Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

Bibeltext der Schlachter

Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2023 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Gesamtgestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de, unter Verwendung von Bildern von © priscilla-du-preez (unsplash), Noch (shutterstock.com)

Lektorat: Viktoria Tersteegen

Verwendete Schrift: Downhille Dive, Minion, Sofia

Gesamtherstellung: xxxxxxxxxxx

Printed in xxxxxxxxxxxx

ISBN 978-3-7615-6913-9

www.neukirchener-verlage.de

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