Team Blue – die Weltendetektive Schätze im Kaisergrab
Tanja Wenz

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Team Blue – die Weltendetektive Schätze im Kaisergrab
Tanja Wenz

Schätze im Kaisergrab
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2023 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten
Gesamtgestaltung:
Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de
unter Verwendung von Bildern von © xxxxx
Lektorat: Anja Lerz, Moers
Illustrationen: xxxxx
Verwendete Schriften: xxxx
Gesamtherstellung: xxxxx
Printed in xxxx
ISBN 978-3-7615-xxxxx
www.neukirchener-verlage.de

Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, s ieht nur eine Seite davon.
Augustinus von Hippo
7.


ist 14 Jahre alt und die heimliche Anführerin der Freunde. Ihre Mutter lebt nicht mehr. Ihr Vater ist Archäologe und öfter auf Forschungsreisen. Deshalb lebt seine Tochter bei den Großeltern. Zoe ist mutig, sportlich und impulsiv, aber manchmal etwas zu draufgängerisch. Sie ist sehr tierlieb und nimmt ihre Siamkatze Blue mit auf Reisen.
ist 13 Jahre alt und lebt bei ihren Eltern. Sie ist tierlieb, besonnen, ruhig und ausgeglichen. Für Sport kann sie sich nicht so begeistern. Sie ist zum Leidwesen ihrer Freunde sehr vergesslich. Ungerechtigkeit bringt sie auf die Palme. Ihr großes Vorbild ist Jesus.
ist 13 Jahre alt und lebt bei seinen Eltern. Er ist sehr wissbegierig und kann sich auch die kleinsten Dinge merken. Kyra bringt ihn so manches Mal an den Rand der Verzweiflung, und er ist froh, dass Merle mit ihrer ausgleichenden Art angespannte Situationen stets entschärfen kann. Ricardo stottert, wenn er aufgeregt ist.

ist eine sehr menschenbezogene Siamkatze, die von Zoe auf jede Reise ins Ausland mitgenommen wird. Sie hat einen super Orientierungssinn und hat die Freunde schon des Öfteren aus einer kniffligen Situation gerettet. Blue reist im Flugzeug natürlich in der Kabine und in einem speziellen Katzenrucksack.
ist der Vater von Zoe, Archäologe und alleinerziehend, deshalb lebt Zoe bei ihren Großeltern, wenn er auf Reisen ist. Gregor ist unglaublich neugierig, trägt lieber Jeans und T-Shirt als Anzug und Krawatte u nd hört unglaublich gerne laute Musik im Auto.
ist 13 Jahre alt und die Cousine von Zoe. Sie ist verwöhnt, altklug und muss zu allem ungefragt ihre Meinung sagen. Zu dem Leidwesen der Freunde ist sie manchmal bei den Ausgrabungen dabei.
„Ich glaube, ich habe mein Ticket zu Hause liegen lassen.“
Zoe und Ricardo sahen Merle entsetzt an. „D-das darf d-doch jetzt n-nicht wahr sein“, schimpfte Ricardo aufgebracht. „D-du bringst uns m-mit deiner Vergesslichkeit e-echt in die Klemme.“
Zoes Großmutter legte Merle beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Liebes, komm, wir gehen dort an den Tisch. Da kannst du noch einmal gründlich in deinem Rucksack nachsehen.“ Mit diesen Worten dirigierte sie Merle zu einem einzelnen Tisch vor einem k leinen Kiosk im Frankfurter Flughafen. Das Gedränge war auch zu dieser frühen Morgenstunde schon riesig, aber keiner hatte die Zeit, um seinen Kaffee am Tisch zu trinken.
„Es bringt überhaupt nichts, wenn du Merle anmachst“, flüsterte Zoe in Ricardos Richtung und streichelte dabei ihrer Siamkatze Blue, die sie in einem Katzenrucksack auf dem Bauch trug, über das seidige Fell. „Du weißt doch, wie sie ist. Dann findet sie ihr Ticket erst recht nicht mehr.“
Ricardo nickte leicht. Trotzdem ging ihm Merle mit ihrer Vergesslichkeit etwas auf die Nerven. Und das nicht erst seit gestern. Konnte sie denn nicht einmal ihre Siebensachen bei sich haben? In der Schule vergaß sie auch ständig etwas, ob nun ihre korrigierte Mathearbeit oder das Pausenbrot. Ricardo seufzte laut und folgte dann den anderen. „Vielleicht hast du das Ticket ja gar nicht in deinen Rucksack gesteckt, sondern irgendwo anders hin.“
Merle schaute erfreut zu ihm auf. „Ach, na klar, du hast recht! Ich habe das Flugticket extra in die Innentasche meiner Jacke gesteckt, damit ich es leichter finde und nicht den ganzen Rucksack durchwühlen muss.“
Kollektives Aufatmen war zu hören, und Zoes Großmutter sagte erleichtert: „Na, dann ist ja alles prima. Auf jetzt zum Check-in-Schalter.“
A ls das Gepäck aufgegeben und auf den Transportbändern in den Tiefen des Flughafens verschwunden war, gingen sie zum Durchleuchten des Handgepäcks weiter in Richtung des Security-Bereichs. Hier verabschiedeten sich die drei Freunde von Zoes Großmutter. „Guten Flug“, sagte sie und zog Zoe zu sich heran. „Passt gut auf euch auf und denkt dran, dass ihr euch in Tokio am Informationsschalter meldet. Dort wartet jemand, der euch bis zu eurem Anschlussflug nach Osaka begleitet.“
Zoe nickte und hoffte, dass ihre Oma ihr nicht vor ihren Freunden einen Kuss aufdrücken würde. Aber ihre Großmutter drückte sie nur leicht, tätschelte Blue, ging ein wenig zurück und blieb wartend vor dem Durchgang stehen. Die Freunde zogen ihre Jacken aus, holten ihre Handys aus den Taschen und legten sie gemeinsam mit ihren Rucksäcken in die flachen Behälter, die dann auf einem Band durch eine Art Röntgengerät gezogen wurden. Zum Glück ging heute alles sehr zügig und die ganze Prozedur war schnell erledigt. Sie drehten sich noch mal um, winkten und gingen dann weiter zu ihrem Abfluggate. Dort setzten sie sich so, dass sie nach draußen auf das Flugfeld sehen konnten.
„Ricardo“, sagte Merle, „hol doch mal die Karten aus dem Rucksack. Ich möchte mir anschauen, wo genau die Ausgrabungsstelle liegt.“
„Gute Idee.“ Ricardo hatte die neue Karte schon in der Hand.
Zoe schaute ihn missbilligend an. „Wieso schleppt ihr beiden eigentlich immer noch Karten aus Papier mit euch herum? Es ist
doch viel praktischer, das alles auf dem Handy oder meinetwegen auf dem Tablet zu haben.“ Zoe war nichts mehr zuwider als benutzte und zerknitterte Karten, bei denen keiner mehr wusste, wie zum Kuckuck die wieder richtig zusammengefaltet wurden. Die füllten im Arbeitszimmer ihres Vaters schon ein ganzes Regalbrett.
Merle, die Zoes genervten Blick gesehen hatte, meinte nur: „Lass das mal unsere Sorge sein.“
„Wir kommen damit einfach besser zurecht“, war Ricardos Kommentar dazu.
Z oe schüttelte nur unwillig den Kopf und sagte: „Also, ich zum Beispiel habe meine Flugtickets in elektronischer Form auf meinem Handy, und auch eine Karte von Japan habe ich mir heruntergeladen. Das ist doch viel praktischer.“
D och Ricardo war sich sicher: „Manchmal ist es gar nicht schlecht, wenn man auf altbewährte Methoden zurückgreifen kann.
Bei einer Karte aus Papier geht jedenfalls nie der Akku leer und man hat auch nie das Problem, dass man kein Netz hat oder so.“
Zoe wollte gerade etwas erwidern, als plötzlich ein kleiner Junge vor ihr stand. „Komisch, dass du eine Katze da im Rucksack hast.“
Nun musste Zoe schmunzeln. Es war nicht das erste Mal, dass Blue auffiel. Sie nahm ihre Katze immer mit auf Reisen, denn eine
Trennung fiel ihr sehr schwer, und sei es auch nur für die Ferien. Außerdem fraß die Katze nicht genug, wenn Zoe nicht bei ihr war. Blue war ein Geschenk ihrer Mutter gewesen, und nun, da ihre Mutter tot war, hing Zoe mit einer zärtlichen Innigkeit an dem Tier, die man ihr sonst auf den ersten Blick nicht zutrauen würde. Vor jeder Reise wurde Blue von der Tierärztin untersucht, und es mussten immer so einige Formulare ausgefüllt werden, aber das nahm Zoe in Kauf.
Auch wenn das immer viel Zeit beanspruchte.
Der Junge starrte die Katze neugierig an und wartete auf eine Antwort. Aber genauso neugierig bestaunte er auch Zoes raspelkurzen blonden Haare und die großen Ohrringe, die munter an ihren Ohrläppchen baumelten.
„Die Katze heißt Blue und ich nehme sie immer mit auf Reisen. In dem Rucksack hat sie es bequem. Sie kann sich umschauen und bekommt alles mit. Blue ist sehr neugierig und deshalb ist der Rucksack perfekt zum Reisen für sie.“
Der Junge starrte Blue noch immer an und traute sich dann zu fragen: „Darf ich sie mal streicheln?“
„Aber sicher, das gefällt ihr sehr.“
Der Junge kam einen Schritt näher und streichelte Blue ganz vorsichtig über den Kopf. Die Katze fing augenblicklich an zu schnurren u nd streckte ihren plüschigen Kopf der kleinen Kinderhand entgegen.
„ Siehst du? Sie mag dich.“ Der Junge strahlte über das ganze Gesicht, drehte sich dann um und ging zurück zu seinen Eltern. Mit einem Keks in der Hand kam er noch mal zurück und fragte: „Und was passiert, wenn die Katze Pipi muss?“
Zoe lächelte und antwortete: „Das ist kein Problem.“ Mit geübten Händen holte sie eine kleine Faltbox aus ihrem Rucksack und öffnete den Deckel. „Hier, schau mal.“
„Ist das Katzenstreu?“, fragte der Junge.
„Ganz genau“, bestätigte Zoe. „Wenn Blue muss, maunzt sie immer auf eine besondere Art und Weise. Dann schiebe ich den kleinen K asten zu ihr hinein. Das klappt super.“
Offensichtlich sehr zufrieden stiefelte der Junge zu seinen Eltern und setzte sich beinebaumelnd und keksmümmelnd neben sie.
Zoe verpackte die Box wieder und grinste vor sich hin. Sie war froh, dass sie eine Lösung für Blue gefunden hatte, die auch wirklich
funktionierte. Denn so konnte sie die Katze ohne Probleme mit in der Flugzeugkabine transportieren. Das hatte bisher auch auf längeren Flügen immer hervorragend geklappt.
„ Ach“, seufzte Ricardo, „wie einfach es manchmal doch ist, Menschen glücklich zu machen.“
M erle lachte: „Da hast du recht. Wenn Zoe doch nur ihre Englisch lehrerin auch so easy glücklich machen könnte …“
Jetzt lachte Zoe nicht mehr. Im Gegenteil.
„Oh, oh, jetzt bekomme ich aber Angst“, kicherte Merle, als sie den grimmigen Gesichtsausdruck ihrer Freundin bemerkte.
Auch Ricardo konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „In Japan kannst du deine Englischkenntnisse ja etwas aufpolieren …“
Zoe verzog das Gesicht, als hätte sie plötzlich Zahnschmerzen bekommen. Es war kein Geheimnis, dass Zoe in Mathe und Sport supergut in der Schule war, aber in Englisch hagelte es regelmäßig schlechte Noten. Dabei war Zoe gar nicht untalentiert, sondern einfach nur zu faul zum Lernen. Alles, was ihr nicht von alleine in den Schoß fiel und wofür sie etwas tun musste, mochte sie nicht.
In diesem Moment erwachte der Lautsprecher des Gates mit einem lauten Knacken zum Leben. Eine Frauenstimme verkündete, d ass das Flugzeug jetzt zum Einsteigen bereit war. Die drei packten ihre Sachen zusammen und reihten sich in die Schlange der Fluggäste ein. Nachdem auch der Letzte sein Handgepäck in den Staufächern über den Sitzen deponiert hatte, saßen alle Passagiere zufrieden auf ihren Sitzen im Flugzeug und es konnte losgehen. Endlich!
Als sie den Start hinter sich hatten, holte Ricardo seine Karte wieder heraus und studierte sie interessiert. Mit einem Textmarker hatte er zu Hause schon einige Stellen markiert. Merle tippte mit dem Finger auf eine Markierung und fragte neugierig: „Was ist das denn? Warum hast du das markiert?“
Auch Zoe schaute jetzt interessiert auf die Karte. Sie hatte jetzt freie Sicht, da Blues Köpfchen nicht mehr in ihrem Blickfeld war, die hatte sich in dem Rucksack bereits bequem eingerollt und schlief anscheinend schon.
Ricardo tat ganz geheimnisvoll und holte tief Luft: „Das hier, das ist ein altes buddhistisches Kloster.“
Die beiden Mädchen sahen ihn verständnislos an. Als Ricardo nicht weitersprach, fragte Merle: „Ja, und?“
Ricardo grinste sie an. „Ich habe mich im Internet schlaugemacht. Das Kloster hat eine lange Tradition und steht schon seit v ierhundert Jahren dort in der Gegend. Es leben nicht mehr viele Mönche dort, aber die Klosteranlage soll der Wahnsinn sein.“
Zoes Augen fingen an zu leuchten. „Erzähl weiter.“
„Also“, fuhr Ricardo fort, „das Kloster steht zwar auf felsigem Untergrund, dieser beseht aber vor allem aus Kalkstein. Und wie ihr sicher wisst, ist Kalkstein ein eher weiches Material und lässt sich gut bearbeiten. Deshalb wurden unter dem Kloster schon vor langer Zeit Keller ausgehoben. Im Internet heißt es, dass das ganze Kloster praktisch unterkellert ist. Und das nicht nur auf einer Ebene, sondern auf vielen Etagen übereinander.“
Zoe schaute ihre beiden Freunde an und grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Ich wette, wir können meinen Vater davon überzeugen, für uns bei den Mönchen ein gutes Wort einzulegen, damit wir eine Führung bekommen.“
„Das ist gar nicht nötig.“ Ricardo fühlte sich sichtlich wohl in der Rolle des Tourismusführers. „Die Mönche leben sehr sparsam und stellen Kunsthandwerk her, aber sie leben auch davon, dass sie Klosterführungen anbieten. Ganz sicher sind die Keller bei der Führung inbegriffen.“
„Und nebenbei erfahren wir auch etwas über ihren Glauben!“, rief Merle begeistert. „Das ist doch megaspannend.“
Zoe sah sie nur erstaunt an. „Findest du den Buddhismus jetzt spannend oder was?“ Sie schüttelte heftig den Kopf und fuhr fort: „Du gehst regelmäßig in den Gottesdienst und du bist in deiner Gemeinde sehr aktiv.“
„Genau“, stimmte auch Ricardo mit ein. „Ich dachte, du bist Christin. Wieso interessierst du dich dann für den Buddhismus?“
Merle schaute ihre Freunde nur verdutzt an und fragte: „Ja, und?“
„Na ja“, fuhr Ricardo fort, „ich dachte, dass es für dich nur das Christentum gibt.“
Merle lachte: „Nur weil ich Christin bin und an Gott und Jesus Christus glaube, heißt das doch noch lange nicht, dass ich andere Religionen nicht auch interessant finden kann. Ich glaub doch nicht an Jesus, weil gerade sonst nichts im Angebot ist, sondern weil er einfach der Tollste ist.“
Zoe und Ricardo sahen sich nur fragend an.
Merle zog ihre Stirn kraus und sagte leicht beleidigt: „Manchmal frage ich mich, ob ihr mir überhaupt zuhört, wenn ich etwas erzähle.“
„Hoppla“, meinte Zoe. „Natürlich hören wir dir zu.“
„Und wieso wisst ihr dann ganz offensichtlich nicht mehr, dass ich euch schon öfter von Marie Kondo erzählt habe? Die, die so gerne aufräumt, wisst ihr noch? Die ist Japanerin.“ Als Merle sah, dass i hre Freunde sie nur fragend anschauten, fuhr sie leicht genervt fort: „Echt jetzt? Ich wusste es.“
„Aufräumen gehört nun mal nicht zu meinen Lieblingsthemen“, verteidigte sich Ricardo.
„Marie Kondo macht aber eben mehr als aufräumen. Für sie hat das mit dem Leben und Sinn und all so was zu tun. Das gehört zum Schintoismus, so heißt die Religion, und die kommt aus Japan, und
da geht es eben auch viel um Reinigung und Ordnung. Hab ich euch doch schon erzählt.“
„Meine Güte“, staunte Zoe. Sie zog dabei ihre Augenbrauen so hoch, dass Merle wider Willen kichern musste.
„Ist schon gut, ich bin halt manchmal auch an etwas interessiert. Das hat Ricardo schließlich nicht für sich allein gepachtet.“
Nun musste Ricardo lachen, und Merle kniff ihn unsanft in den Arm.
„Also, wie ich das sehe, kann unser Trip nach Japan einfach nur spannend werden“, sagte Zoe voller Überzeugung. „Auf unser Abenteuer in Japan.“
„Auf Japan“, stimmten die anderen beiden ihr zu.
Die drei Freunde freuten sich riesig, denn sie würden drei Wochen ihrer Sommerferien im Land der aufgehenden Sonne verbringen. Zoes Vater, Dr. Gregor Balter, war Archäologe und Geologe u nd leitete zurzeit eine bekannte Ausgrabungsstelle in der Nähe von Asuka, einer kleinen Stadt in Japan. Zoe besuchte ihn oft in den Ferien in seinen Ausgrabungscamps und hatte auch schon tatkräftig angepackt, aber es war das erste Mal, dass Ricardo und Merle mitflogen. Und in Japan war auch Zoe bisher noch nie gewesen. „Bist du eigentlich auf dem neuesten Stand, was dein Vater und sein Team schon ausgegraben haben?“, fragte Merle.
„Oh, bisher noch gar nichts. In Asuka wurde ja schon vor Jahrzehnten, ach was, vor Jahrhunderten sehr viel entdeckt. Dort stehen d ie Reste von alten Kaiserpalästen und auch ein Kofun.“
Verwirrt fragte Merle: „Was ist das noch mal?“
„Ein Begräbnishügel“, erklärte Zoe. „Dort wurden früher die Herrscher und Mitglieder ihrer Familie bestattet. Natürlich mit reichen Grabbeigaben.“
„Klingt spannend“, fand Merle.
„Ja, aber eigentlich ist dort schon alles entdeckt, und unglaublich viele Funde werden seit vielen Jahren in den großen Museen von Osaka und Tokyo ausgestellt.“
„Aber?“, fragte Ricardo.
„ Aber meinem Vater und seinem Team ist eine kleine Sensation gelungen.“ Zoe genoss sichtlich die Aufmerksamkeit ihrer Freunde.
„Nun spann uns nicht auf die Folter, sag schon“, meinte Ricardo.
„Also, sie haben einen neuen Begräbnishügel gefunden. Er ist vor vielen Jahrhunderten eingeebnet worden. Deshalb wurde er bisher auch nicht entdeckt, weil er sich nicht so deutlich von seiner Umgebung abhebt. Mein Vater erhofft sich, dass sie die Ersten sind, die dieses Grab öffnen werden, und dass die letzten Jahrhunderte unbeschadet an der Grabkammer vorbeigegangen sind und sich dort noch keine Grabräuber bedient haben. Er hofft, dass alles in seinem ursprünglichen Zustand ist und die Grabbeigaben noch komplett sind.“
R icardo grinste über das ganze Gesicht. Das würden ganz sicher spannende Ferien werden. Er freute sich sehr darüber, dass Zoes Vater ihm und Merle diese Reise spendiert hatte, denn obwohl sie ja bei der Ausgrabung helfen und jeden Tag einige Stunden dort arbeiten würden, war das doch sehr großzügig von Dr. Balter.
Als das Flugzeug mit lärmenden Triebwerken zur Startbahn rollte, senkte Merle leicht ihren Kopf und faltete ihre Hände zu einem Gebet. Dann nahm sie Zoes und Ricardos Hände und drückte sie leicht. „Ich bin froh, dass ihr meine Freunde seid.“ Ricardo nickte nur, und Zoe lächelte über das ganze Gesicht. Sie war auch froh und dankbar über diese besondere Freundschaft.
Der Flug dauerte rund elf Stunden und verlief ohne große Störungen. In Tokio fanden sie den Informationsschalter mithilfe einer Flugbegleiterin recht schnell, und tatsächlich wartete dort auch s chon eine Frau auf sie. Mit ihr an der Seite war es im wahrsten
Sinne des Wortes ein Katzenspiel, den Anschlussflug nach Osaka zu bekommen. Als sich nach dem nur anderthalb Stunden dauernden Flug die Türen zur Ankunftshalle öffneten und ein strahlender Dr. Balter sie empfing, nachdem sie endlich ihr Gepäck vom Band gewuchtet hatten, waren sie ziemlich müde und froh, es geschafft zu haben. Zoe fiel ihrem Vater so schwungvoll in die Arme, dass sich
Blue mit einem lauten Maunzen beschwerte.
„Na, meine Große, alles gut?“, fragte er lächelnd. Zoe nickte.
Dr. Balter begrüßte auch Ricardo und Merle sehr herzlich. Sie waren ihm im Laufe der Jahre richtig ans Herz gewachsen. Schließlich war es auch ihnen zu verdanken, dass Zoe den Verlust ihrer Mutter vor zwei Jahren so gut verkraftet hatte. Ricardo und Merle hatten sich damals sehr um Zoe gekümmert oder besser gesagt, sie hatten sich ganz normal verhalten und waren nicht lautlos um Zoe herumgeschlichen und hatten sie nicht geschont. Sie hatten auch keine Scheu gezeigt, Zoe zu besuchen. Manchmal, wenn Ricardo oder auch Merle zu Besuch waren, war kein Laut aus Zoes Zimmer gekommen. Einige Zeit später hatte er von seiner Tochter erfahren, dass sie sehr froh war, dass sie bei ihren beiden Freunden einfach auch mal schweigen konnte. Er erinnerte sich noch gut daran, wie Merle nicht nur einmal vor der Haustür stand und mit einem energischen Gesichtsausdruck sagte: „Ich hole Zoe ab, wir gehen ins Schwimmbad.“ Wenn er sie dann fragend anblickte, während sie schwungvoll an ihm vorbeimarschierte, konnte es vorkommen, dass sie wie nebenbei sagte: „Zoe weiß das noch nicht.“ Und kurz darauf war sie mit seiner verdatterten Tochter im Schlepptau und einem großen Badering über der Schulter wieder aus dem Haus gestapft. Und Ricardo war regelmäßig spontan erschienen, um sich von Zoe Mathe erklären zu lassen oder sie gemeinsam mit Merle mit ins Kino zu nehmen. Die beiden Freunde hatten nie lange gefackelt. Sie hatten einfach nicht zugelassen, dass
Zoe ganz alleine mit ihrer Trauer fertigwerden musste. Vielleicht kannten sich die drei aber auch einfach nur zu gut, denn sie hatten schon im Kindergarten zusammengehalten. Diese Reise nach Japan war seine Art, sich von ganzem Herzen zu bedanken.
In diesem Moment ließ Blue wieder ihr Maunzen hören. „Oh, meine Süße, dir habe ich ja noch gar nicht Guten Tag gesagt.“ Dr. Balter hielt Zoe im Arm und mit der anderen Hand streichelte er der Katze über den Kopf.
„Ich glaube, sie muss mal“, überlegte Zoe.
„Hast du denn ihr Geschirr im Handgepäck oder musst du dafür an deinen Koffer?“, fragte Merle.
„Nein“, antwortete Zoe sofort. „Blues Katzengeschirr habe ich ins Handgepäck gepackt, damit ich es ihr sofort anziehen kann und nicht lange suchen muss.“
„Sehr schlau.“ Ricardo grinste und blickte dabei vielsagend zu Merle. Aber diese ignorierte seinen Blick demonstrativ.
„Kommt“, meinte Dr. Balter. „Draußen gibt es eine ruhige Ecke mit viel Grün. Da kannst du deine kleine Löwin mal aus ihrem Rucksack lassen. Aber pass auf, dass sie keine Passanten anfällt.“
Zoe sah ihren Vater nur entrüstet an, aber dieser grinste nur über beide Backen.
Als die drei Freunde durch einen der vielen Eingänge des Flughafens nach draußen traten, wurden sie von einem Schwall feuchtwarmer Luft empfangen.
„Wow, ich wusste ja, dass es hier im Süden von Japan im Sommer feucht und warm ist, aber damit habe ich echt nicht gerechnet“, meinte Merle.
„Es ist, als würde man gegen eine Wand laufen“, sagte Zoe.
Ricardo streckte seine Hände tastend vor sich aus und grinste: „Ja, ja, diese Wand ist deutlich zu fühlen.“
Zoe verdrehte zur Antwort nur die Augen und holte ihre Katze aus dem Rucksack. Blue war ganz entzückt, sich die Beine vertreten zu können. Dass sie dabei an der Leine war, störte sie überhaupt nicht. Sie schaute sich in Ruhe überall um und hinterließ dann eine kleine Pfütze, die sie gewissenhaft wieder zuscharrte. Danach ließ sie sich zufrieden und ohne Protest wieder in ihren Rucksack setzen.
Kurze Zeit später saßen alle im Auto und waren auf dem Weg nach Asuka
Der japanische Name für Japan ist Nippon und bedeutet „Land der aufgehenden Sonne“. Japan ist ein Inselreich und ungefähr so groß wie Deutschland, hat aber über 1,5-Mal so viele Einwohner. Japans Landmasse verteilt sich auf vier große und viele kleinere Inseln, und diese erstrecken sich über mehr als 3.000 Kilometer im Pazifik. Im Norden ist es kühl, im Süden warm. Insgesamt umfasst Japan über 6.800 Inseln, die fast alle sehr gebirgig sind. Deshalb gibt es dort auch wenig Fläche, die bebaut oder bepflanzt werden kann. Der höchste Berg ist der Fuji, der mit 3.776 Metern über den Meeresspiegel ragt. Er ist wegen seines gleichförmigen Kegels ein beliebtes Fotomotiv. Japan liegt auf dem pazifischen Feuerring, dort treffen vier Kontinentalplatten aufeinander. Weil diese sich ständig übereinander und untereinander schieben, kommt es hier fast täglich zu k leineren Erdbeben. Problematisch sind Erdbeben unter dem Pazifik, denn dann können sich riesige Wellen bilden, die Tsunamis. Zuletzt wurde das Atomkraftwerk Fukushima durch einen Tsunami schwer beschädigt und es kam zu einer nuklearen Umweltkatastrophe.
Japan hat eine parlamentarische Monarchie, das heißt, es gibt auch einen Kaiser, dieser mischt sich aber in die Politik nicht ein. Japan ist das einzige verbliebene Kaiserreich der Welt. Die vorherrschenden Religionen sind der Schintoismus und der Buddhismus.