ANNE GORGES WIR FEIERN UNS DURCHS
JAHR
Als Familie das Kirchenjahr entdecken
INHALT
TEIL 1: ÜBERS FEIERN X
Erntedank verpasst – ein Vorwort X
Warum feiern wir eigentlich? X
Warum Gott feiern liebt X
Warum ich feiern liebe X
Die Entdeckungsreise X
Entdeckung 1: Feiertag und Alltag X
Entdeckung 2: Feiern und Ruhen X
Entdeckung 3: Feiern in Gemeinschaft X
Entdeckung 4: Feiern mit allen Sinnen X
Entdeckung 5: Feiern zwischen Fragen und Geschichten X
Entdeckung 6: Feiern, um zu glauben X
Entdeckung 7: Das Festjahr X
Entdeckung 8: Traditionen X
Entdeckung 9: Feiern im kulturellen Kontext X
Entdeckung 10: Feiern lernt man, indem man feiert X
TEIL 2: WIE MAN FEIERT X
Weihnachtskreis X
Advent X
Nikolaus X
Weihnachten X
Osterkreis X
Die Fastenzeit X
Palmsonntag X
Gründonnerstag X
Karfreitag X
Karsamstag X
Ostersonntag X
Himmelfahrt X
Pfingsten X
Trinitatiskreis X
Erntedank X
Allerheiligen X
Sankt Martin und die Laternen X
Buß- und Bettag X
Ewigkeitssonntag X
Nachwort X
Weiterführende Literatur X
Danke X




TEIL 1: ÜBERS FEIERN
ERNTEDANK VERPASST – EIN VORWORT
Fassungslos sitze ich da und starre auf meinen Kalender. Das kann doch nicht sein …? Ich habe in diesem Jahr tatsächlich Erntedank vergessen. Irgendwo zwischen lang ersehntem Mädels-Wochenende und pandemiebedingt abgesagten Kindergartenveranstaltungen ist es mir durchgerutscht. Den ganzen Sommer über habe ich mich darauf gefreut. Überlegt, wie und mit wem wir dieses Jahr feiern können. Ich habe von einem großen Gartenfest geträumt und mit einer kleinen Runde im Wohnzimmer gerechnet.
Doch dann kam der Alltag. Angetrieben von dem Dringenden, den Terminen und Anforderungen habe ich es einfach vergessen. Immer mal wieder kam die Erinnerung daran hoch, aber oft war ich so müde und erschöpft, dass ich mich nicht dazu aufraffen konnte, etwas zu organisieren. Und dann war es zu spät.
Wie gerne würde ich jetzt schreiben, dass das ein Einzelfall war, ein Ausrutscher, kommt nicht wieder vor! Doch das wäre gelogen, denn ehrlich gesagt geht es mir sehr oft so. Ich verliere den Überblick. Wenn es gut läuft, merke ich zwei Tage vorher, dass ein Feiertag ansteht. Meistens ist dann nicht mehr viel Zeit, etwas Großes vorzubereiten, geschwiege denn Freunde oder Familie einzuladen. Ich hetzte durch die Wohnung und suche provisorisch Duplofiguren, Äste und Tücher zusammen und jedes Mal ärgere ich mich aufs Neue. Weil mir das mit dem Feiern doch so wichtig ist! Und weil es nicht so schwer sein kann, das endlich mal auf die Reihe zu kriegen. Oder doch?
In solchen Momenten habe ich mir oft gewünscht, eine kleine Anleitung zu haben. Einen Überblick, an dem ich mich entlanghangeln kann. Einfach,
ohne großen Schnick-Schnack. Ich will nicht tagelang durchs Internet surfen, um Ideen zu finden, oder jedes Jahr eine komplett neue Feier organisieren und einen Minigottesdienst konzipieren. Ich sehne mich nach einfachen, zeitlosen Ritualen. Liturgien, in die man hineinwachsen kann. Die man nicht gleich im ersten Jahr verstehen muss, weil man ein Leben lang Zeit hat, sie kennenzulernen und mit Leben, Erfahrungen und Fragen zu füllen.
Ich habe lange gesucht. Gefunden habe ich viele tolle einzelne Ideen, aber nichts, das im Ganzen passen wollte. Deshalb hältst du heute dieses Buch in den Händen. Eigentlich müsse es ein kleines, zerfleddertes Notizbuch mit Kaffeeflecken, Schmierzetteln und sehr vielen abgeknickten Seiten und Postits sein. (Ich hoffe ja ein bisschen, dass du dieses Buch wirklich benutzt und es in ein paar Jahren genau so aussieht!) Eine Zettelsammlung mit vielen durchgestrichen Sätzen und Ergänzungen.
Aber ich will dich vorwarnen. Das hier ist keine Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Gelinggarantie. Soll es auch gar nicht sein. Es ist (hoffentlich!) auch keine weitere „Du musst auch noch“-Liste, die dir ein schlechtes Gewissen macht. Es ist meine kleine Ideensammlung, mein Feiertags-Spickzettel, um nicht vor jedem Fest erneut panisch durch die Gegend zu rennen.
Also, wenn du Lust hast, schnapp dir einen Kaffee und mach es dir gemütlich. Besuch mich in meinem Garten oder unserem Wohnzimmer. Lass uns zusammen Feuer machen, Adventskränze stecken und Picknicke planen. Komm in meine kleine Küche, wo wir Ostereier färben, während wir ein Kind von der Arbeitsfläche angeln, das die Zuckerstreusel klauen will. Lass uns schimpfen, wenn beim Eierausblasen alles vollsaut oder wir etwas im Ofen vergessen. Lass uns zusammen lachen, wenn das Ergebnis so ganz und gar nicht pinterest-tauglich gelungen ist, um dann schnell die hässlichen Kekse zu essen, bevor sie einer sieht.
Dann, mittendrin, lass uns gemeinsam kurz innehalten und dabei merken, dass es eigentlich gar nicht um die Kekse und die Eier geht. Lass uns uns gegenseitig daran erinnern, warum wir feiern und wen wir feiern.
Und dann – das ist das allerwichtigste! – setzten wir uns an unseren viel zu kleinen Esstisch, mit Kugelschreiberstreifen und Brandlöchern. Wir legen einfach eine Tischdecke drüber und stellen einen Biertisch daneben, damit
auch alle Platz haben. Wir füllen die Lücken mit Hockern und Klappstühlen und dann nehmen wir Platz am reich gedeckten Tisch und fangen an zu feiern.
WARUM FEIERN WIR EIGENTLICH?
Wir Menschen lieben es zu feiern! Zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jeder Kultur und jeder Religion finden wir Feste. Und so unterschiedlich diese Feste auch sein mögen, so gehört das Feiern an sich ganz grundlegend zum Menschsein dazu. Durch das Feiern drücken wir aus, wer wir sind, was wir glauben. Unsere Feste spiegeln unsere Werte, unser Weltbild und unsere Vorstellungen vom Leben.
Manchmal erlaubt das Feiern uns, dem eintönigen Alltag mit seinen Sorgen und Anforderungen zu entfliehen. Ein Tag, an dem wir genießen, gut und viel essen und trinken. Ein Abend, an dem wir wie im Rausch tanzen und feiern und für einen Moment das Alltägliche und die Kontrolle hinter uns lassen. Gewohnte Normen, was erlaubt ist oder sich gehört, verschwimmen für ein paar Stunden. Das Feiern schweißt zusammen und schafft ein Gefühl der Zugehörigkeit.
Aber wir feiern auch, weil wir Antworten suchen auf Fragen, die uns das Leben stellt. Wo wir herkommen und hingehen, wer wir sind und was uns ausmacht. Weil wir einen Ort brauchen, an dem wir unsere menschlichen Erfahrungen ausdrücken können. Deshalb gibt es auch so viele religiöse Feste. Beim Feiern geht es nämlich nicht nur um das Vergessen, sondern auch um die Vergewisserung. Die Festzeiten und Feiertage stärken unsere Identität, erinnern uns daran, wer wir sind, was wir glauben, was uns ausmacht.


WARUM GOTT FEIERN LIEBT
Doch nicht nur wir Menschen feiern gerne, auch Gott liebt es. Ja, wirklich!
Schon eigenartig oder? Dass wir uns manchmal so schwer tun, Gott und das Feiern zusammenzubekommen. Dass wir denken, er wäre die große Spaßbremse, die sich in die Ecke verdrückt und wegen Lärmbelästigung die Polizei ruft.
Wir könnten nicht falscher liegen!
Ich glaube, wir finden Gott am vollen Büfett, hinter der Theke, am DJ-Pult oder mitten auf der Tanzfläche.
Ja, ganz bestimmt, Gott liebt es zu tanzen! Wie sollte es anders sein, wenn er sich all die unterschiedliche Musik und Bewegung ausgedacht hat. Wenn wir mit unseren Körpern nicht nur nützliche, sondern auch lustige Bewegungen machen können: mit dem Hintern wackeln, Pirouetten drehen und einzelne Muskeln zucken lassen. Schon in der frühen Kirchengeschichte wurde die Dreieinigkeit Gottes als Kreistanz der Liebe beschreiben. Ich hatte mir dabei immer einen langsamen, perfekt ausgeführten Walzer vorgestellt. Aber vielleicht tanzt Gott auch Samba, headbangt durchs Wohnzimmer oder tanzt zu „Macarena “ auf dem Küchentisch. Und es ist ja nicht nur das Tanzen. Überleg doch mal, all das Essen, das es gibt! So wirklich effizient war das ja nicht. Statt einer Standardtomate gibt es Hunderte von Sorten. Dazu Kräuter, Gewürze und völlig abgefahrene Dinge wie Sprudel, der im Bauch blubbert, und Knollen, die man essen und in Ketchup tunken kann. Er hat sich Kaffee erdacht und Schokolade, Fladenbrot, Eiswürfel und Chillies. Er füllt unsere Welt mit einer Vielfalt an Nahrungsmitteln und schenkt dem Menschen so viele Ideen und Fantasie und damit all die unglaublichen Gerichte dieser Welt! Maultaschen und Injera, Holz-
ofenpizza, Sushi, Erdnussnudeln, Marmorkuchen, Guacamole, Enchilada, Erdbeereis, Pho, Quiche Lorraine, Mojitos und so viel mehr!
Oder denken wir an Jesus, der der sein erstes Wunder auf einer Hochzeit tut und den Himmel mit einem großen Hochzeitsfest vergleich. Der Wasser in Wein verwandelt. Der Gemeinschaft mehr liebt als jeder andere und die Natur schmückt mit Blumenfeldern, Eiskristallen, Nebelschleiern. Der Blätter bunt färbt, kleine, glänzende Käfer macht und dessen Einfallsreichtum explodiert sein muss, wenn man all die unterschiedlichen Tiere, Landschaften und Pflanzen anschaut. Der nicht nur Töne und Worte erschafft, sondern Musik und Poesie. Der die Vögel und Bäume und das Meer singen lässt. Der Geschichten wählt, um zu erzählen, wie er ist. Und Lieder und Gedichte. Der Schönheit und Überfluss und Gemeinschaft liebt. Und der seinem Volk, nicht nur eines, sondern mehrere Feste schenkt!
Wie könnte es anders sein, als dass dieser Gott es liebt zu feiern und zu essen und zu tanzen! Ich bin sicher, Gott hat kein Nachholbedarf, was das Feiern angeht. Aber ich, ich kann noch jede Menge lernen.
WARUM ICH FEIERN LIEBE
Dass wir als Familie so gerne feiern, ist eigentlich aus der Not heraus entstanden.
Mein Sohn wurde geboren und auf einmal war ich Mama. Eine müde, überforderte, verzweifelte Mama, die alles richtig machen wollte. Und vor allem wollte ich die Sache mit dem Glauben richtig machen. Jesus war mir begegnet und das war das Beste, was mir jemals passiert ist. Wenn ich bei allem anderen versagen sollte, so war das doch die eine Sache, die ich unbedingt hinbekommen wollte.
Theoretisch wusste ich sehr genau, wie das funktionieren kann. Als Gemeindepädagogin hatte ich das studiert. Aber so vieles von dem, was ich gelernt hatte, passte einfach nicht, weil Theorie und Praxis zwei verschiedene Dinge sind und meine Kinder lieber Baustelle spielen als über Jesus zu reden. Für so vieles hatte ich schlicht und einfach keine Kraft und statt
Jesus habe ich nur Schuldgefühle gefunden. Anderes hat sich aufgesetzt und reingequetscht angefühlt. Wie eine Hose, auf der meine Größe steht, die aber einfach nicht zugehen will.
Und wie oft begegne ich anderen Eltern, denen es ähnlich geht. Die Jesus von Herzen lieben und deren Sätze mit: „Eigentlich sollte ich mit meinen Kindern mehr … (beten / Bibel lesen / über den Glauben sprechen …)“, beginnen. Und zwischen all meinen „Eigentlich sollte ich …“ bin ich übers Feiern gestolpert.
Angefangen hat alles mit einer bekannten Jesus-Geschichte. Die Geschichte von Zachäus. Der kleine Mann, der auf einen Baum klettert, um Jesus sehen zu können. Aber nicht die Geschichte an sich, sondern das Ende hatte es mir angetan! Zachäus begegnet Jesus, der sein Leben mit einem Schlag auf den Kopf stellt. Und was macht Zachäus? Er schmeißt ein riesiges Fest und lädt all seine Freunde ein. Zöllner und Huren, die an einem Tisch mit Jesus sitzen. Ich habe mir oft überlegt, warum er das gemacht hat. Ich stelle mir vor, dass er so überwältigt war, dass ihm einfach die Worte gefehlt haben und er deshalb nur den einen Weg gesehen hat: Seine Freunde mussten Jesus selbst treffen.
Wie gerne wollte ich das auch tun!
All meine Freunde, meine Nachbarn, meine Familie und vor allem meine
Kinder zu Jesus an den Tisch einladen. Wir würden essen und trinken, lachen und Geschichten erzählen und einen kleinen Augenblick lang begreifen, wie unendlich geliebt wir sind.
Irgendwann haben wir das dann einfach gemacht. Mein Mann Daniel und ich haben angefangen zu feiern. Geburtstage und Einweihungspartys. Wir haben viele Leuten in unsere kleinen
Wohnungen gequetscht, Muffins gebacken und Chili con Carne gekocht. Uns sind die Teller ausgegangen und ohne

Spülmaschine hat es Stunden gedauert, das Chaos zu beseitigen. Und auch wenn wir nicht immer über ihn geredet haben, haben wir doch gehofft, dass Jesus irgendwo mittendrin ist und sich auf Bierbänke und Gartenstühle quetscht, dass er dem einen oder anderen begegnet oder es einfach genießt, Zeit mit uns zu verbringen.
Und genauso haben wir das auch als Familie gemacht: Wir haben gefeiert. Ostern, Weihnachten und die Sonntage. Mit unserem Kleinkind, das wahrscheinlich wenig begriffen hat und sich heute an nichts mehr erinnern kann. Aber wir saßen zusammen an einem Tisch und haben wieder gehofft, dass Jesus auch da ist und mit uns mitfeiert. Wir haben wenig erklärt, dafür viel gegessen und zwischendrin immer wieder Geschichten erzählt. Und ich hoffe sehr, dass meine Kinder dieses Bild begleiten wird: dass Glaube nicht die enge Hose ist, in die man sich quetschen muss, sondern dass glauben heißt, mit Jesus an einem Tisch zu sitzen.
Und kannst du dir vorstellen, wie begeistert ich war, als ich gemerkt habe, dass meine Kinder all die christlichen Basics wie nebenbei mitbekommen, wenn wir uns Jahr für Jahr durchs Kirchenjahr feiern?
Vielleicht dürfen wir anfangen, unsere Sätze nicht mit „Eigentlich sollte ich …“ zu beginnen, sondern unsere Kinder einfach mitnehmen in die Art und Weise, wie wir gerne Glauben leben und gestalten. Und das sieht ganz bunt und unterschiedlich aus:
Wir beten und segnen, wir erzählen Geschichten und lieben, wir studieren, meditieren, wir besuchen Freunde und Gottesdienste, wir helfen und tanzen, machen Lobpreis in der Küche und der Kirche. Wir weinen, wir fasten. Wir arbeiten und wir ruhen. Wir lernen Bibelverse auswendig – weil wir es wollen! Wir treffen Jesus auf einen Kaffee und suchen die Stille. Wir trauern, leiden, trösten. Wir dienen und leiten und waschen Füße. Wir feiern Abendmahl und die Sonntage. Wir werden schuldig und bitten um Vergebung. Wir essen zusammen und wir üben das einfache Leben. Wir leben Barmherzigkeit und werden laut, wenn wir Ungerechtigkeit sehen.
Und wir feiern. Nicht, weil wir sollen, sondern weil wir unbedingt Jesus treffen wollen.
DIE ENTDECKUNGSREISE
Während wir uns also durch den Kleinkindalltag gekämpft und das erste Weihnachtsfest gefeiert haben, kam mir der Gedanke, dass es vielleicht noch andere Zugänge als die mir bekannten Traditionen gab. Vielleicht hatte auch Gott sich etwas zu dem Thema gedacht, wie wir unsere Feste gestalten können?
Also blätterte ich durch meine kleine Bibel. Hier las ich Geschichten über große Glaubenshelden, über ein Meer, das sich teilt, über Löwen und Feueröfen, von Geboten und Versprechen, von einem Mauerbau und erobertem Land. Von zermürbendem Zweifel und festem Glauben. Die großen Geschichten, die so viele von uns kennen. Und mittendrin, zwischen Geboten und Anweisungen, da habe ich kleine Feier-Anleitungen gefunden.
Beschreibungen von Festen, von Familien, die sich um Tische und Töpfe versammeln, um sich zu erinnern und darin Glauben finden. Anleitungen für einen Glauben, den man schmecken und fühlen kann. Den man zusammen entdeckt, die ganz Kleinen, die zum ersten Mal dabei sind, und die Alten, die schon viele Jahre hinter sich haben. Und je mehr ich gelesen habe, desto faszinierter war ich. Manches von dem, was ich da fand, war mir völlig fremd. Vieles bleibt bruchstückhaft. Einen detaillieren Minutenablauf suchte ich vergebens. Manches kannte ich und bei ein paar Dingen horchte ich begeistert auf. Wenn du möchtest, dann schau einfach mal rein. Ich bin sicher, dass du viele wunderbare Entdeckungen machst. Zum Beispiel in 3. Mose 23, 5. Mose 16,1–17, 2. Mose 23,14-17; 34,18-22 und 4. Mose 28–29. Aber wenn du dich gerade ungeduscht und todmüde an deiner Kaffeetasse festhältst und dich fragst, wann und wie du das auch noch machen sollst, dann lehne dich zurück und wir gehen gemeinsam auf Entdeckungstour.


ENTDECKUNG 1: FEIERTAG UNDALLTAG
FEIERTAG UND ALLTAG
„Lasst uns den Alltag feiern!“ lese ich in einem Artikel, während ich einen großen Schluck Kaffee aus meiner Tasse mit der Aufschrift „Alltagsheldin“ nehme. Ich nehme mir vor, den Moment zu genießen, jeden Tag so zu leben, als wäre es der letzte. Doch so richtig gelingt es mir nicht. Denn auch wenn ich gerne den Alltag feiern möchte: Vesperdosen richten, Geschirrspülmaschine einräumen und Steuererklärung ausfüllen fühlt sich nicht an, als wäre jeder Tag ein Fest. Und wäre heute der letzte Tag meines Lebens, dann würde ich von morgens bis abends Erdbeeren, Pizza und Kuchen futtern, meine Arbeit hinschmeißen, eine Gartenparty veranstalten. Aber spätestens nach drei Tagen hätten wir nichts mehr anzuziehen und es würde unerträglich stinken, weil keiner am letzten Tag seines Lebens daran denkt, den Müll runterzubringen.
Ich schaffe es also nicht, ganz heldenhaft meinen Alltag in ein Fest zu verwandeln.
Aber weißt du was? Vielleicht ist es auch ganz okay, wenn nicht jeder Tag ein Fest, sondern manchmal einfach nur Dienstag ist. Mit Alltagsterminen, Meetings, Einkaufszetteln und Kehrwoche. Wenn wir am Ende des Tages nicht völlig glücklich ins Bett fallen, sondern einfach nur müde, vielleicht gemischt mit einer kleinen Prise Dankbarkeit. Oder auch nicht. Vielleicht hatten wir auch einen Scheißtag und sind einfach nur froh, dass er vorbei ist. Soll es geben.
Vielleicht geht es nicht so sehr darum, ständig glücklich zu sein, sondern vielleicht reicht zufrieden durchaus aus. Vielleicht müssen wir, bevor wir feiern, lernen, was es heißt, das einfache, gewöhnliche Leben zu leben, das sich Alltag nennt. Vielleicht ist das Gewöhnliche, das Kleine und das Unscheinbare weniger beängstigend, als man uns so oft weismachen will. Vielleicht muss ich den Alltag gar nicht zum Fest machen.
Ja, das hier ist ein Buch übers Feiern. Aber, weißt du, womit das Feiern eigentlich beginnt? Mit dem Alltag – dem Nichtfeiern!
Er ist irgendwie ein bisschen unbequem, dieser Punkt, finde ich. Ich würde gerne jeden Tag Kuchen essen und Gartenfeste feiern. Sich beschränken ist nicht schön. Aber wir sind manchmal einfach übersättigt. Übersättig von so viel Besonderem, Außergewöhnlichem und der Dauerverfügbarkeit all dessen, was wir wollen. Vielleicht haben wir so oft den Alltag gefeiert, dass wir verlernt haben, wie man die Feste feiert. Weil es nichts Besonderes mehr gibt, das nur für die Feste reserviert ist. Schokocreme, Glitzerkleider und aufbleiben bis nach Mitternacht zum Beispiel.
Weißt du, was das Beste war, das ich jemals in meinem Leben gegessen habe? Eine stinknormale Scheibe Weißbrot mit Butter. Nach ein paar Wochen LowCarb-Diät vor meiner Hochzeit hat dieses Brot geschmeckt wie der Himmel.
Alltag, Verzicht, das gewöhnliche einfache Leben macht unser Leben nicht trist, sondern in Wirklichkeit ziemlich bunt. Es ist die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt genießen und feiern können. Denn wenn wir alles Alltägliche feiern, wenn jeder Tag ein Fest ist, dann ist das Fest auch nur wieder Alltag. Dann ist es keine Unterbrechung mehr, sondern Gewohnheit. Gott ruht nicht sieben Tag, nein, sechs Tage lang arbeitet er. Und er schenkt einzelne Feste und dazwischen ganz viele gewöhnliche Arbeitstage.

Die Bibelstellen sind der Übersetzung Hoffnung für alle® entnommen,
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