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Stephan Lange ( h erau S geber)
Warum ich trotzdem glaube

Stephan Lange ( h erau S geber)

Warum

ich trotzdem glaube

Vom Zweifeln, Vertrauen und Kraftfinden in schweren Zeiten

Die Bibelstellen wurden folgender Übersetzung entnommen: Die Bibelstellen sind der Übersetzung Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung von ‚fontisBrunnen Basel. Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2022 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten

DTP: Breklumer Print-Service, www.breklumer-print-service.com

Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim

Verwendete Schrift: FF Scala, Scala Sans

Gesamtherstellung: xxxxxxxx

Printed in xxxx

ISBN 978-3-7615-6824-8 Print

ISBN 978-3-7615-6825-5 E-Book

www.neukirchener-verlage.de

Inhalt

Einleitung

Dennoch (Helena Neufeld)

Dein Wille? (Karsten Lauenroth)

Für immer inkomplett (Ina Bronner)

Plötzlich und unerwartet (Jürgen Spieß)

Zerbrochen, aber (Christina von Grone)

Ins Leben gestorben (Christina Wahl)

Herbstlicher Glaube (Andreas Hahn)

Tränenperlen (Rita Philipp)

Literaturverzeichnis

Hilfsangebote und Adressen

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einleitung

Die Krankheit und der Tod seiner Schwester verstärkten die Zweifel, die Andreas (30) früher schon am Glauben hatte. „Mein Problem ist, ich habe einfach kein Vertrauen zu Gott. Ich verstehe ihn nicht. Ich verstehe seine Wege nicht, die ich verstehen möchte. Aber Gott hat sie mir nicht erklärt. Und so funktioniert eine Beziehung irgendwie nicht.“1

Was würden Sie einem Menschen wie Andreas sagen? Warum sollte er weiterhin an Gott glauben? Oder lassen Sie mich noch allgemeiner fragen: Warum sollte man überhaupt an den Gott glauben, von dem Christen sagen, er sei die Liebe in Person – der aber trotzdem zulässt, dass Andreas’ Schwester an einem Hirntumor verstirbt? Und ist es leider kein Geheimnis: Dieser Leidensweg steht exemplarisch für viele (!) weitere. Wie begegnen wir solchen Menschen, die es verdient haben, einen angemessenen Raum für ihre nachvollziehbaren Fragen und Anklagen zu bekommen?

Ich gebe ehrlich zu: Ich kann hier keine wirkliche Hilfe sein. Nicht, weil ich als Christ keine Antwort auf die Leidfrage hätte, sondern weil ich weiß, dass es meiner Antwort eindeutig an leidgeprüfter Reife fehlt. Ich wäre wie der Junggeselle, der einem befreundeten Paar Tipps für eine gelingende Ehe geben

1 Faix, Tobias; Hofmann, Martin; Künkler, Tobias (2019). Warum ich nicht mehr glaube: Wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren. SCM Brockhaus. S. 114.

soll. Einige Gedanken könnte ich zwar beisteuern, aber wirklich wohl in meiner Haut würde ich mich dabei nicht fühlen.

Gerade das macht meinen Antwortversuch, würde ich ihn bringen, gefährlich. Denn Leiderklärungen entpuppen sich oft als kaltherzige und am wahren Leben vorbeigehende Gedankenakrobatik, auch wenn sie gut gemeint sind. Genau das geht aber am Kern des christlichen Glaubens stumpf vorbei.

Mihamm Kim-Rauchholz, Professorin für Neues Testament und Griechisch an der Internationalen Hochschule Liebenzell, stellt ganz richtig fest:

Der christliche Glaube flieht nicht vor der Realität des Lebens, er entfaltet seine Stärke und sein Potenzial mitten im Leben. Seine Relevanz wird nicht in einem abgeschotteten Elfenbeinturm der theologischen Gedankengänge bewiesen – so wichtig und richtig diese auch sein mögen –, sondern da, wo die eigene Existenz betroffen ist und mit auf dem Spiel steht.2

Ich sehe in diesen Worten zwar viel Wahrheit, mich aber trotzdem nicht dazu in der Lage, Menschen in ihrem größten Leid die biblische Devise spürbar ins Herz zu sprechen: „Trauert nicht wie die Menschen, die keine Hoffnung haben.“ (1. Thessalonicher 4,13) Das können, davon bin ich fest überzeugt, nur die wirklich Leidgeprüften. Menschen, die trotz existenzieller Not ehrlich von sich sagen können: „Ich höre nicht nur vom Leid, ich stecke bis über beide Ohren darin fest. Trotzdem und gerade deshalb halte ich weiterhin an diesem Gott fest.“

Acht von diesen Menschen, acht nach wie vor überzeugte Christinnen und Christen, kommen in diesem Buch zu Wort.

2 Kim-Rauchholz, Mihamm (2021): Warum ein lebendiger Glaube nur im Leben selbst gelernt werden kann. SMD-Transparent 01/2021. S. 5.

Sie lassen uns teilhaben an ihren bitteren Leidenswegen und ihren denk-würdigen Antworten, warum sie dennoch glauben. Ihre Gedanken sollen der Versuch sein, gerade denjenigen zu begegnen, die angespannt mit der ehrlichen Frage ringen: „Warum sollte ich Gott nicht eiskalt den Rücken kehren, wenn er doch genau das Gleiche bei mir macht?“ Darüber hinaus will dieses Buch allerdings auch ein Denkangebot für diejenigen sein, die aus der interessierten (oder gerne auch skeptischen) Distanz fragen, was einem der Glaube an den Gott, der uns in Jesus begegnet, eigentlich bringt – gerade in den Tiefzeiten des eigenen Lebens, die sich niemand von uns wünscht, die aber alle unweigerlich treffen.

Aus welcher Sicht Sie dieses Buch auch lesen mögen: Ich wünsche Ihnen in jeder Hinsicht eine gewinnbringende Lektüre.

Stephan Lange, im Herbst 2021

Die Zeit danach

Sowohl nach Miriams als auch nach Marlenas Tod funktionierten wir in vielen Bereichen: „Das Leben geht weiter.“ Aber das ganze Dasein, jede Faser der eigenen Existenz fühlt sich anders an. Als wäre man losgelöst von allem, das einen umgibt. Entfremdet. Denn dort hat sich ja nichts geändert, aber das eigene Leben hat ein unsichtbares, stets präsentes Loch. Von außen sieht unser Haus ganz normal aus, aber es hat voll eingerichtete, unbewohnte Zimmer.

Nach Miriams Tod waren wir noch eine kleine Restfamilie mit einem Kind, um das wir uns als Eltern zu kümmern hatten. Nach Marlenas Tod waren wir plötzlich keine Eltern mehr, zumindest ohne elterliche Aufgaben. Über allem schwebte die große Frage, was uns jetzt noch ausmachte. Sie schwebt immer noch. Unsere beruflichen Tätigkeiten nahmen wir nahezu ohne Unterbrechung wieder auf. Dort zu funktionieren, half.

Die Rückkehr in die Gemeinde war eine größere Herausforderung. Nach dem Tod eines Kindes kann man nicht mehr „ganz normal“ den Gottesdienst besuchen, auch wenn man das möchte. Wir haben – jeweils auf eigene Weise – ständig mit „diesem“ Gott und unserem Glauben an ihn gerungen. Denn er war Teil unseres Lebens, wie es unsere Kinder waren. In Gottesdiensten nähert man sich Gott aber gemeinschaftlich. Die Elemente eines Gottesdienstes werden von einigen für alle anderen ausgewählt und gestaltet: Begrüßung, Gebete, Ansagen zum Gemeindeleben oder besonderen Anliegen, Gesang und Predigt.

Formen und Inhalte passten aber nicht mehr zu uns – oder umgekehrt. Nicht nach Miriams Leiden und Sterben. Erst recht nicht nach Marlenas Tod. Denn das Tiefe und Schwere kommt in freikirchlichen Gottesdiensten kaum vor. Nicht nur, dass uns das Singen an sich für lange Zeit vertrocknet war, die Lie-

dertexte – üblicherweise „Lobpreis“ – prallten an uns ab. Ich konnte diese Teile meistens innerlich distanziert auslassen und versuchte vielleicht ein wenig trotzig dranzubleiben. Heike gelang das kaum.

Eine mindestens ebenso große Schwierigkeit lag darin, dass ich als Person verschwand hinter dem Bild eines Elternteils, das ein Kind verloren hat. Das war meine Selbstwahrnehmung, die ich wenigstens hin und wieder gerne verlassen wollte. Es war aber auch ein permanentes Wissen darum, dass ich genauso gesehen und beobachtet wurde. Gerade in einer freikirchlichen Gemeinde, in der ja immer der Anspruch besteht, sich zu kümmern und aufeinander zu achten. Eine schwierige Gemengelage.

Es kostete uns bereits viel Kraft, mit dieser „Rolle“ unter all den Leuten, die einen kennen, bloß in einer Reihe zu sitzen, um am Gottesdienst teilzunehmen. Die Begegnungen vor- und nachher waren noch einmal schwieriger – für alle Beteiligten.

Nach Marlenas Tod war uns dann ein Verbleiben in dieser Gemeinde schlicht nicht mehr möglich. Wir haben es kurz versucht, aber es überforderte alle – uns und die anderen. Eine eigentlich gut gemeinte Aussage an meine Frau trieb es auf die Spitze: „Heike, immer, wenn ich dich sehe, muss ich weinen.“ Nach einiger Zeit fassten wir gemeinsam den Entschluss, in der Nachbarstadt Herford zum Gottesdienst einer Landeskirche zu gehen, wo uns niemand kannte.

Es war eine gute Entscheidung. Wir fanden Trost in diesem 1000-jährigen ehrwürdigen Gebäude, durch die alten Kirchenlieder und die uns vertrauten liturgischen Texte. Hier drückt sich ein Glaube aus, der die Lebens-, Erfahrungs- und Erkenntnisgeschichte von Menschen aus vielen Jahrhunderten aufnahm und abbildete.

Ich kannte den Pastor ein wenig und wusste, dass Matthias

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Storck ein frommer Mann war, und über seine auch leidvolle Vergangenheit in der DDR eine gewisse Lebenstiefe haben musste. So waren denn seine Predigten nicht nur intellektuell anregend, sondern auch ein Ringen mit den Gottesworten der Bibel vor dem Hintergrund eines letztlich unergründlichen Gottes, der sich trotz und in allem dem diesseitigen Menschen zuwendet. Wir konnten aufatmen und ganz dabei sein, wenn in Gottesdiensten auch Sehnsüchte, Leid- und Gotteserfahrungen zusammenkamen und sich dabei nicht alle Fragen klären mussten.

Irgendwann war die Zeit gekommen, uns aus der Anonymität von Gottesdienstbesuchern heraus- und wieder in eine Gemeinschaft hineinzubegeben. Es gab die seit langem als fromme Gemeinde bekannte evangelisch-lutherische Pauluskirche in Bielefeld. Allerdings kannten uns dort viele Personen bereits, insbesondere über meine Schule. Das war für Heike ein schwieriger Schritt.

Die erste Predigt dort handelte von der Opferung Isaaks. Sie war geerdet und fromm, ehrlich gegenüber dem uns heutzutage doch schwer zugänglichen Verhalten Gottes. Auch sie ist einer meiner Vertrauenssplitter: ein kleiner, aber wichtiger Türöffner Gottes in seine Gemeinde hinein, wodurch unser Leben wieder etwas mehr Standfestigkeit bekam.

Leid: eine unmöglichkeit für Christen?

Klar ist: Die Welt ist nicht, wie sie sein sollte. Das weiß und sieht jeder, egal ob Christ oder nicht. Andererseits sind gerade diejenigen, die Gott besonders nahe sein wollen, empfänglich für die Idee, mit Gott gäbe es im Leben kein Leid – und wenn, wird´s im Glauben und mit Gebet überwunden.

Das würde bedeuten, dass Miriam, Marlena, Heike und ich irgendetwas sehr grundsätzlich falsch gemacht haben, sodass Gott, wenn er uns schon nicht bestraft haben sollte, dann doch schulterzuckend unser selbstverschuldetes Leid geschehen ließ. Wir haben halt nicht richtig geglaubt. Diese Gedanken sind nicht lediglich abstrakt konstruiert. Moderne Lobpreistexte vermitteln teilweise ähnliches. Sie wurden uns zudem auch direkt gesagt.

Wenn aber Gott entschied, durch das Leiden Jesu die ewige Erlösung (vom Leiden und seinen Ursachen) für uns Menschen zu bewirken, dann benutzt er Leid zu einem Zweck. Können wir ausschließen, dass Gott das nicht auch bei uns Menschen benutzt? Den frühen Christen wurde das zumindest von den Autoren der neutestamentlichen Briefe so mitgeteilt.

In den fast drei Jahren Ringen um Miriams Leben waren trotzdem die Gedanken immer wieder da, ob wir denn wohl genug und ausreichend inständig beten würden? Müssten wir nicht noch gelassener auf Gott vertrauen? Plapperten wir zu viel und waren zu wenig vertrauensvoll? Es war Teil unseres Leidens, hier immer wieder verunsichert zu sein.

trost und gerechtigkeit: richten und richtig machen

Ein großer Gedanke der Bibel ist, dass Gott Gerechtigkeit herstellen wird. Die unendlich vielen kleinen und großen Schlechtigkeiten der Menschen werden ans Licht gebracht und gerichtet. Recht wird wieder hergestellt. Das bedeutet aber auch, dass die Dinge wieder recht und richtig gemacht werden, sie werden zurechtgebracht. Ein Teil davon ist: Schuld wird vergeben sein, die Auswirkungen von Schuld – und damit auch von Leiden –werden gelöscht:

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„Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,3–4)

Miriam, die fast drei Jahre auf unterschiedlichste Weise gelitten hat, wird diese drei Jahre nicht mehr bedauern. Sie sind geheilt. Mein Versagen als Vater, das ich hier gar nicht ausgeführt hatte, wird ans Licht gebracht werden – wovor ich mich fürchte. Es wird angeklagt werden, und seine Auswirkungen werden behoben werden. An diesem Glauben nagt manchmal mein Zweifel. Aber ich darf wissen, dass das Wort Gottes stärker ist.

Der himmel ist dynamisch

Es gibt Vorstellungen vom Himmel, die Karikaturen sind. Im Schlaraffenland sind Genuss und Faulheit Tugenden, Fleiß und Arbeit hingegen Sünde. Oder: Wir werden zu Engeln, die auf Wolken sitzen und unablässig auf Harfen spielen und Halleluja singen. Oder: Wir werden Teil einer unüberschaubaren Masse an Anbetern, alle gleich gewandet und ohne jede Individualität. Es gibt Menschen, die Gott auch deshalb ablehnen, weil sie kein Teil davon werden wollen. Keine Herausforderungen mehr, alles ist ewig langweilig. Christen mit einem falschen Bild des Himmels könnten diese Versuchung auch haben. Sie würde dazu führen, dass man sich stärker an das Diesseits klammert, als es gut ist. Man will nichts verpassen, sorgt sich um Wohlstand und Urlaub. Eine Frage, die aus dieser Richtung kommt, ist: „Wieso mussten sie so früh sterben? Sie hatten doch noch ihr ganzes Leben vor sich.“

Wenn ich bedenke, welche Wirkungen Miriam und Marlena jeweils hier auf der Erde aufgrund ihrer Persönlichkeiten und ihres Glaubens noch hätten haben können, dann müsste ich annehmen, dass Gott einen Fehler gemacht hat. Oder er hat für sie eine wichtigere Verwendung in der Ewigkeit. Es gibt nur sehr wenige biblische Hinweise, aber die Vorstellung von der Ewigkeit als etwas Statischem, wo keine Dynamik ist und wo Menschen nur Empfänger, aber nicht mehr Gestalter sind, widerspricht schon allein den Ideen Gottes in der diesseitigen Schöpfung.

Offensichtlich hat Gott Miriam und Marlena für das dynamische Geschehen in seiner Ewigkeit haben wollen. Sie werden dort so leben, wie es für uns Menschen eigentlich angelegt ist: in ungetrübter Gemeinschaft mit Gott, der selbst in Vater, Sohn und Heiligem Geist ungetrübte, innige, dynamische, herrliche, ultimative Gemeinschaft lebt und ist. Und sie werden irgendwelche Aufgaben erfüllen.

Selbst wenn ich mich in diesem Trostbild der Verantwortung und der Aufgaben täusche: Miriam und Marlena gehören mir nicht. Sie gehören Gott allein. Wenn er entscheidet, dass sie „zu früh“ aus dem diesseitigen Leben in seine ungetrübte Gemeinschaft sollen, habe ich keine Ansprüche zu stellen. Gott ist souverän. Dem muss ich mich beugen. Natürlich habe ich trotzdem keine Antwort darauf, weshalb Gott bei Miriam diesen langen Leidensweg zugelassen und vielleicht sogar gewollt hat.

Bei allem wäre es für mich widersinnig, gerade dann Gott loszulassen, wenn es um die existenziellen Fragen von Leben und Tod geht. Das ist doch sein Hoheitsgebiet, nicht meins. „Ohne Gott zu leben“, war weder nach Miriams noch nach Marlenas Tod eine ernsthafte Option für mich. Denn was wäre die Alternative? Letztlich nur das Nichts.

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Es ist Teil der Demut, die ich zu üben habe, es Gott zu überlassen, was das alles soll. Ich werde es wohl nicht erfahren. Denn Gott hat sich für mich entfernt. Er ist verborgener. Andererseits ist er gewisser geworden. Seine Souveränität steht für mich deutlich im Vordergrund. Mein Freund und Kollege, Ralf, hat es für sich und mich treffend ausgedrückt:

Bin ich unsicherer geworden, was meinen Glauben angeht? Ja, ich denke, was die Sicherheit angeht, Gott verstanden zu haben, schon. Aber auf der anderen Seite hat auch etwas gehalten in und durch die Zeit seit damals, und zwar beides: standgehalten als auch mich gehalten. […] Es hat meinen persönlichen Glauben verändert: Gott ist mir furchterregender, aber auch größer und erhabener geworden. In Hinsicht auf die Glaubensinhalte bzw. die Verheißungen ist mir das Zentrum, das Letztliche, das Grundlegende stärker und sicherer, aber auch etwas abstrakter geworden. In Bezug auf das Periphere, das Konkrete, das „Wie?“ der Verheißungen dagegen bin ich unsicherer geworden. Wobei aber andererseits die Gelassenheit bezüglich dieser Unsicherheit größer geworden ist.

Es wird vielleicht deutlich: Bei allem wäre es für mich widersinnig, gerade dann Gott loszulassen, wenn es um die existenziellen Fragen von Leben und Tod geht. Das ist doch sein Hoheitsgebiet, nicht meins. „Ohne Gott zu leben“ war weder nach Miriams noch nach Marlenas Tod eine ernsthafte Option. Denn was wäre die Alternative? Letztlich nur das Nichts.

Selbst all meine Anflüge von Trotz richteten sich an Gott: „Wozu habe ich bisher an dich geglaubt? Wenn du nun so mit uns umgehst, dann musst du jetzt auch die nächsten Schritte machen. Ich halte an dir fest. Aber du musst jetzt handeln! Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich alles rational sortiere,

darüber nachdenke und die richtigen Handlungsweisen erkenne und umsetze.“

„Wenn du uns Marlena auch noch nimmst, musst du die Frage ‚Und jetzt?‘ beantworten. Nicht ich. Ich mache nichts, als das von dir zu erwarten. Ich werde trotzdem weiterhin glauben, dass du Gott der Vater bist. Eins mit Jesus, deinem Sohn, dem Erlöser der Welt: Der einzige Weg, die ganze Wahrheit, das wahre, endgültige Leben!“ Der Rest – wie wir nun leben sollen – ist zweitrangig. Im Moment und vielleicht für den Rest meines Lebens muss es wohl heißen: Halt still. Halt fest. Glaube nur. „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2. Korinther 12,9).

Folgender Ausspruch, der auch in der Bibel stehen könnte, wird Václav Havel, dem tschechischen Dramatiker, Regimekritiker, Bürgerrechtler und schließlich nach der Wende Staatspräsidenten, zugeschrieben:

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Dazu mein Amen.

Für immer inkomplett

Ina Bronner (40), Gymnasiallehrerin in Elternzeit mit den Fächern Deutsch, Pädagogik und Englisch. Verheiratet und Mutter von drei wundervollen Kindern – zwei auf der Erde und eine Himmelstochter.

Wie gut, dass man nicht in die Zukunft schauen kann. Hätte ich Ende 2017 gewusst, was auf uns zukommen würde, wäre ich vermutlich zerbrochen. Ich ahnte nichts und so freute ich mich einfach darüber, als mein Mann Sebastian und ich endlich den Termin für die Zwangsräumung erhielten. Meinen Eltern gehört eine Wohnung in Bielefeld. Ihre Mieter dort hatten bereits zwei Jahre vorher aufgehört, die Miete zu bezahlen. alles in bewegung

Wir waren beide Kandidaten bei Wycliff (einer Organisation, die sich für die weltweite Verbreitung der Bibel einsetzt) und wollten mit unserem kleinen Sohn Elias gerne nach Afrika

Foto: © Ina Bronner

50 ausreisen. Da kam diese Wohnung wie gerufen. Sie war groß genug, um für eine Zeit da zu wohnen, aber klein genug, um zwischendurch auch mal Leerstand zu verkraften – so war zumindest unser Plan. Wir kündigten unsere Wohnung und fieberten dem 22. Februar, dem Tag der Räumung, entgegen. Sebastians Selbstständigkeit ließ sich gut an, und Anfang Februar erfuhren wir, dass ich wieder schwanger war. 2018 wollten wir mit dem Reisedienst durchstarten, um ein Jahr später ausreisen zu können, und es lief alles wirklich gut – bis zum 20. Februar, als ich zur Frauenärztin fuhr, um die Schwangerschaft bestätigen zu lassen. Der HCG-Wert war hoch, aber man sah nichts, was den Verdacht auf eine Eileiterschwangerschaft aufkommen ließ. Zwei Tage später fand die Zwangsräumung statt. Meine Schwester schickte mir einige Bilder von der Wohnung. Ich war mit Elias bei unserer Krabbelgruppe. Die Wohnung war in einem fürchterlichen Zustand. Vermüllt und verraucht. Einen Tag später bekam ich leichte Blutungen, aber auch endlich die „Erlösung“. Die Schwangerschaft war normal angelegt. Das war eine große Stütze, als wir unser Großprojekt mit dem Entmüllen und Renovieren der Wohnung anfingen. Wir verbrachten den ersten Monat damit, die Sachen unserer Vormieter in Kisten zu verpacken, um sie später zu entsorgen. Im zweiten Monat rissen wir alles raus, was rausging – Tapeten, Laminat, Türen und Heizungen und bauten die Wohnung langsam wieder auf. Sebastian arbeitete in Vollzeit an der Wohnung. Anders hätten wir das nicht geschafft. Wir hatten zum Glück einige Ersparnisse, die aber durch die Wohnung Stück für Stück aufgebraucht wurden. In all der Erschütterung saßen wir immer wieder abends da und staunten darüber, wie toll uns Gott mit Helfern versorgt hatte. Er ließ uns da hindurchgehen, aber er half uns auch und wir merkten immer wieder, wie gut er ist. Allein hätten wir das nie gepackt. Wir hatten Hel-

fer in der neuen Wohnung, die sich mit uns durch den Dreck wühlten, aber auch Freunde, die zu uns kamen, um auf Elias aufzupassen, damit ich packen konnte. Ich war in der Frühschwangerschaft unglaublich mitgenommen und hatte einen anderthalbjährigen Jungen da. Keine gute Kombination, um effektiv zu packen.

Eine Woche vorm Einzug, Ende April, war klar, dass wir nicht alles fertig bekommen würden in der Wohnung, aber Sebastians Bruder kam, um mit ihm den Boden zu verlegen. Damit wäre das Wichtigste geschafft gewesen.

eine schlechte nachricht

Mitte April war ich zum ersten großen Ultraschallscreening bei meiner Gynäkologin. Unser Baby war kleiner als erwartet. Ansonsten war aber alles in Ordnung, bis auf den Kopf, den sie nicht richtig messen konnte, da er nicht ganz rund war. Ich sollte zwei Wochen später zur Kontrolle wiederkommen. So fuhr ich am 23. April mit Elias wieder zur Gynäkologin, setzte ihn neben mich auf die Liege und war eigentlich guter Dinge. Sie startete den Ultraschall und zeigte den Kopf unseres Babys. Selbst mir als Laie war beim Anblick klar, dass dieses Kind nicht bei uns bleiben wird. Der Kopf war so komisch verformt. Sie warf den Begriff Anenzephalie ein – ein Neuralrohrdefekt, bei dem sich die Schädeldecke nicht schließt, weswegen das Gehirn im Laufe der Schwangerschaft vom Fruchtwasser zersetzt wird. Mein Kopf schwirrte.

Ich fragte, ob das Kind abgehen würde. Sie verneinte und erklärte, dass Kinder mit dieser Anomalie bis zur Geburt im Bauch der Mutter überleben können und dann entweder kurz vor, während oder kurz nach der Geburt versterben. Mir drehte

sich der Magen um. Meine Frauenärztin ist ebenfalls Christin und wusste, dass für mich eine Abtreibung unter normalen Umständen nicht infrage kommt – auch nicht bei einer Behinderung. Aber das waren keine normalen Umstände. Dieses Kind war nicht lebensfähig. Deswegen fragte sie mich vorsichtig, wie ich in diesem Fall zu einer Abtreibung stehen würde. Ich antwortete sofort, dass das keine Option sei. Sie sagte daraufhin, dass sie das Kind auch austragen würde. Was für eine Erleichterung. Damit machte sie das Austragen zu einer echten Option.

Mir liefen die Tränen übers Gesicht; sie hielt meine Hand. Elias saß neben mir und verstand die Welt nicht. Irgendwie schaffte ich es, ihn ins Auto zu setzen, nach Hause zu fahren und zum Schlafen zu bringen, bevor ich mich mit letzter Kraft ins Wohnzimmer schleppte und dort zusammenbrach. Ich fiel in ein bodenloses Loch und ständig hämmerte dieses „Es wird sterben. Mein Kind wird sterben“ in meinem Kopf. Ich konnte Sebastian nicht anrufen. Er verlegte den Boden und die Zeit drückte immens. Eine Unterbrechung hätten wir uns nicht leisten können. So saß ich im Wohnzimmer, innerlich aufgewühlt wie ein gehetztes Tier und versuchte verzweifelt, meine Mutter zu erreichen. Ich hatte solch eine Angst davor, allein mit Elias zu sein.

Irgendwann kam sie mit meiner Schwester und während wir dasaßen und weinten, wurde die Möglichkeit einer Abtreibung unglaublich verlockend. Halte ich das aus, noch fünf Monate ein Kind in mir zu haben, von dem ich weiß, dass es sterben wird? In der Schwangerschaft mit Elias bekam ich im siebten Monat eine Symphysenlockerung, derentwegen ich gegen Ende der Schwangerschaft kaum noch laufen konnte. Halte ich die Schmerzen der Symphysenlockerung aus, wenn ich weiß, dass ich am Ende mit leeren Armen dastehen werde?

Kann ich meiner Verantwortung Elias gegenüber gerecht werden? Er ist doch gerade im Begriff, die Welt zu erobern. Was ist mit meinem Alter? Lieber abkürzen und möglichst schnell wieder schwanger werden? Das Kind abzutreiben, klang plötzlich so vernünftig, so logisch. Irgendwann rang ich mich durch und bat Sebastian, doch etwas früher nach Hause zu kommen. Er kam um 18 Uhr nach Hause.

Nachdem ich ihm tränenüberströmt von der Diagnose erzählte, sagte er etwas, das mir zunächst widerstrebte, aber im Nachhinein sehr half: „Wenn wir unser Kind austragen, können wir es loslassen. Wenn wir es abtreiben, ist die Gefahr sehr groß, dass wir in dieser Zeit steckenbleiben.“ Er hatte gut reden. Er musste die Last und die Schmerzen der Schwangerschaft und Geburt ja nicht tragen. Meine Nacht war schlaflos, die Gedanken schossen durch den Kopf, ich weinte. Irgendwann verdichteten sich die Gedanken und ich kam zu einem Entschluss: Ich weiß nicht, ob ich noch einmal schwanger werde. Ich möchte, dass dieses Kind auch als mein Kind registriert wird – von den Behörden wie auch von meiner Umgebung. Ich wollte die Geburtsurkunde von meinem Kind im Stammbuch haben. Vielleicht auch als Beweis, dass es existiert hat.

So beschlossen wir, diesen Weg gemeinsam bis zum Ende zu gehen. Es blieben noch vier Tage bis zum Umzug. Aus Angst, am Umzugstag emotional zusammenzubrechen, schrieb ich unseren Umzugshelfern, wie es um unsere Schwangerschaft bestellt war – verbunden mit der Bitte, mich am Samstag nicht darauf anzusprechen. Die Resonanz war überwältigend und unglaublich ermutigend. So überstanden wir den Umzug und schafften es tatsächlich, unsere alte Wohnung fristgerecht zu übergeben.

Warum sollte uns das nicht treffen?

Unsere Wohnung war immer noch halbfertig. Küche, Türen und Heizkörper fehlten. Und wir beide waren so ausgelaugt, dass wir auch nur sehr langsam irgendetwas an diesem Zustand ändern konnten. Je mehr ich über die Krankheit las, umso größer wurden auch Fragen, von denen ich mir nie vorgestellt hätte, sie jemals zu haben. Kann ich mein Kind ansehen oder wird es entstellt sein? Hat mein Kind überhaupt eine Seele, wenn es doch kein Bewusstsein hat? Was macht den Menschen zum Menschen? Ich telefonierte mit einer Frau, die vor vielen Jahren ein Kind mit Anenzephalie abtrieb. Ihr Pastor hatte ihr gesagt, dass das eigentlich kein Mensch war. Stimmte das? Wann beginnt das Leben? Was definiert einen Menschen? In Gesprächen mit unserem Pastor, seiner Frau und Sebastian klärten sich diese Fragen allmählich und ich konnte immer mehr ein „Ja“ zu meinem Kind finden. In den Monaten der Renovierung staunten wir immer wieder darüber, wie gut Gott war und wie toll er uns versorgte. Und nun das! Ich fühlte eine entsetzliche Ambivalenz: Gott ist gut, das weiß ich. Das hat er uns gerade erst gezeigt. Aber mein Kind wird sterben. Gott ist nicht gut. Er kann nicht gut sein, wenn er uns durch diesen Verlust gehen lässt. Warum trifft das ausgerechnet uns? Sebastians Antwort war nüchtern: Warum sollte uns das nicht treffen?

Ironischerweise war das genau die Antwort, die mir 2009 half zu verstehen, welche Rolle Jesus in meinem Leben spielen möchte. Kurz bevor ich damals die Diagnose Hautkrebs erhielt, las ich von einer Jüdin, die zum Glauben an Jesus gekommen war, bevor sie ihre Krebsdiagnose bekam. Ihre Freunde hatten Angst, dass sie nun mit Jesus hadern würde. Ihre Antwort lautete: „Wenn so viele Menschen mit dieser fürchterlichen Diag-

Im Laufe der nächsten Wochen wurde mir immer deutlicher, dass ich es nicht aushalte, mich den Trostversuchen anderer Menschen zu stellen, die im Gespräch von unserer Diagnose überfordert waren und einfach irgendetwas sagten. Ich weiß, dass sie das lieb meinten. Aber manche Dinge taten einfach weh. Versuche, das Leid zu relativieren. Versuche, mit Bibelversen das Leid von sich fernzuhalten. Unverständnis über unsere Entscheidung, unsere Tochter auszutragen. Ein Bekannter sagte mir, dass das echt heftig sei, aber ja jeder sein Päckchen zu tragen habe. Er zum Beispiel müsse sein Leben lang damit leben, dass sein erster Sohn entwicklungsverzögert sei. Ich sah ihn an, ich sah seinen wunderbaren und süßen Sohn und erwiderte: „Ich würde alles dafür geben, um so ein Kind zu haben. Aber mein Kind wird tot sein.“ Eine Frau mahnte mich, nicht auf die Ärzte zu hören, sondern zu beten und zu glauben. Gott würde mein Kind nicht sterben lassen.

Was für eine unglaubliche Verantwortung diese Frau mir auferlegte: Wenn unser Kind stirbt, dann habe ich die Verantwortung, weil ich nicht genug gebetet und geglaubt habe. Dann hätte ich nicht nur mein Kind, sondern auch meinen Glauben verloren. Ich hatte mich zum Glück schon vorher mit dieser Frage beschäftigt, sodass mich die Aussage der Frau nicht ins Zweifeln brachte. Ich wusste, dass Gott mein Kind heilen könnte, aber selbst, wenn er es nicht tun würde, wusste ich, dass

55 nose konfrontiert werden, die Gott nicht kennen, warum sollte er sie mir vorenthalten, die ich doch meinen Halt und Trost in Jesus Christus habe.“ Mir hat diese Antwort unglaublich imponiert und ich wollte auch diese Gewissheit haben, wenn mich einmal so eine Diagnose treffen sollte. Nur eine Stunde später hatte ich sie – die Diagnose und einige Zeit später dann auch die Gewissheit: Jesus ist mein Halt und Trost. Aber ist er das auch jetzt? Wenn ich mein Kind verliere?

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