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Elisab E th s chulz

Gnade ist immer trotzdem

Gnade ist immer trotzdem

als christin homosexuell?

Eine suche nach antwort

Sofern nicht anders gekennzeichnet, entstammen die Bibelverse den Übersetzungen:

Revidierte Elberfelder Bibel © 1985/1991/2006 SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen.

Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.

Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden bei Personenbezeichnungen entweder die männliche oder die weibliche Form verwendet. Diese verkürzte Form beinhaltet keine Wertung. Jede und jeder kann das Gesagte für sich mitempfinden.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2022 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Gesamtgestaltung: Miriam Gamper-Brühl, 3Kreativ, Essen unter Verwendung von Bildern © xxxxxxxxx (Shutterstock.com)

Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim

Verwendete Schrift: FF Scala, Scala Sans

DTP: Breklumer Print-Service, www.breklumer-print-service.com

Gesamtherstellung: XXXXXXXXXX

Printed in XXXXXXXXXXXXX

ISBN (Print) 978-3-7615-6788-3

ISBN (E-Book) 978-3-7615-6789-0

www.neukirchener-verlage.de

inhaltsverzeichnis

Gott und sünde sind sich spinnefeind

Diese Überzeugung führt mich zu dem Schluss, dass ich als Kind des heiligen Gottes nicht Hand in Hand mit der Sünde leben kann. Das ist in erster Linie keine Gehorsams-, sondern eine Loyalitätsfrage. Wenn Gott mein Vater ist und ich behaupte, ihn zu lieben, kann Sünde in meinem Leben – oder auch in der Gesellschaft – mir nicht egal sein. Wenn jemand meinen leiblichen Vater anfeindet und ihn verachtet, dann führt das in mir zu einer tiefen Abneigung gegenüber diesem Menschen, sogar dann, wenn er sachlich betrachtet in der Beurteilung meines Vaters teilweise recht haben mag. Auch der Teufel hält mir

21 bemerkt und ungebremst zu entfalten. Sie als Endgegner hervorzuheben, sie zu nutzen, um sich von anderen abzugrenzen, dient ihr ebenso, da die begleitende Arroganz nicht minder zu Spaltungen, Verletzungen und Ausgrenzung führt. Ich glaube, dass Sünde so niederträchtig und perfide ist, dass sie sich unter dem Deckmantel der Selbstbekämpfung auf den „Thron“ unseres Lebens setzen kann; dass Menschen, angetrieben von dem Wunsch, sündlos und gottesfürchtig leben zu wollen, den Fokus auf Sündenvermeidung und nicht auf Gottesfurcht legen. Die Sünde ist ein Biest in ihrer ganzen Gestalt. An ihr ist nichts Gutes, nichts Aufrichtiges, nichts Nachvollziehbares, nichts, was mein Mitgefühl weckt. Die Sünde ist das Spielgerät des Teufels. Man mag ihn nennen, wie man möchte (Feind, Satan, der Böse, das Böse …) – seine Existenz wird sich kaum von seiner Bezeichnung abhängig machen. Genauso wie an der Sünde, seinem Spielgerät, seinem Werkzeug, seinem Wesen, ist an ihm nichts Liebenswertes, nichts Verständnisvolles, nichts Liebendes, nichts Schönes, nichts Gutes.

häufig scheinbar Realitäten vor Augen; Argumente, die überzeugen. Dabei geht es aber nicht um sachliche Richtigkeit an sich, sondern es ist eine Frage von Loyalität und Liebe aus der zugrunde liegenden Verbindung zwischen mir und meinem Vater, zwischen mir und Gott. Ist die Sünde Feind Gottes, ist sie auch mein Feind. Klingt zunächst plump; ist aber so einfach. Jedenfalls in der Grundüberzeugung. Dass Sünde sich auch in mir abspielt, macht es im Konkreten zeitweise kompliziert. Berufe ich mich aber auf die Überzeugung, dass die Sünde als Feind Gottes auch mein Feind ist, muss die situative Entscheidung für oder gegen sündhaftes Leben immer dagegen ausfallen. Nicht, weil Gott es von mir verlangt, sondern weil ich mich so entschieden habe. Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit mir selbst gegenüber sind zwar bisweilen sehr anstrengend, aber auf Dauer kann ich nicht anders leben, wenn ich mich nicht selbst verraten will. Und wenn ich mal an allem zweifle, dann ist es letztendlich eine Frage des Gehorsams gegenüber Gott, der eben Gott ist und ich nicht.

sünde zerstört den Menschen und trennt ihn von Gott

Davon bin ich überzeugt – und ich habe es selbst erlebt. In Sünde zu leben und darin zu bleiben, führt bei mir zu einem sehr unangenehmen Zustand. Bin ich ansonsten frei heraus und überwiegend optimistisch, werde ich in dem Wissen, dass ich Sünde in meinem Leben habe (was genau das ist, ist ja noch herauszufinden) seltsam. Ich erlebe dann einen Rückzug von Gott und auch von den Mitmenschen, die mit meiner Sünde in Verbindung stehen. Leider fällt mir das zu oft erst im Rückblick auf. Die Folgen von Sünde (die ich nicht mit Schuld gleichset-

23 ze) sind Isolation, Geheimnisse, Lügen, weitere und tiefere Isolation mit all ihren Folgen. Vor allem aber entdecke ich dann in mir ein Gefühl des Verdrecktseins, ich fühle mich schmutzig, es ist ein schambesetztes Selbstempfinden. Ich bin ein Mensch, der schnell und präzise mit Worten ist. Auch im verletzenden Sinne. In meiner Kindheit und Jugend war mir die Härte meiner Worte gleichgültig. Entscheidend war, dass mein Gegenüber spürte, „was Sache war“. In meiner Überzeugung hatte ich bloß die vermeintliche Wahrheit ausgesprochen und konnte doch nun erwarten, dass der Empfänger sein Verhalten daraufhin ändern würde. Dabei war ich schon als Teenager gerade mit geistlichen „Wahrheiten“ nicht zimperlich. Sünde zeigte sich an dieser Stelle in Lieblosigkeit und Hochmut. Das führte dazu, dass sich Menschen innerlich von mir zurückzogen, allerdings ohne dass ich es merkte. In meiner Abiturzeit hörte ich von einer Schulkameradin, dass sie in der 5. und 6. Klasse furchtbare Angst vor mir gehabt habe. Sie war nicht die Einzige. Ich war schockiert. Das hat mir die Augen geöffnet für die Folgen meiner Haltung, denn so wollte ich eigentlich nicht sein. Erst recht nicht als Christ. Dabei stellte ich aber fest, dass ich meine Haltung gegenüber anderen vor Gott nie infrage gestellt hatte. Es war doch mein Recht, Menschen ohne jede Rücksicht zu konfrontieren. Dachte ich. Auch weil ich dachte, dass Gott mit mir genauso umgeht und ich mit mir selbst so umgegangen bin. Im Rückblick sehe ich, wie unverdient Menschen mir ihre Vergebung entgegengebracht und Beziehung dennoch möglich gemacht haben. Durch diese Vergebungserfahrungen ist mein bis dahin verhärtetes und erbarmungsloses Gottesbild aufgebrochen. Dadurch ist eine liebevolle Beziehung zu Gott erst möglich geworden. Ich erlebe Sünde in meinem Leben als zerstörerisch, weil sie meine Freiheit vor Gott und Menschen und vor allem in

mir selbst massiv einschränkt. Mein Inneres wird immer mehr von der Weintraube zur Rosine – bis auf die Tatsache, dass der Rückweg zur Weintraube durch Jesus möglich geworden ist. Das „Rosinendasein“ ist ein sehr kümmerliches, das sich selbst bemitleidet und keine Kraft für andere hat. Ich rede hier ausdrücklich nicht von emotionaler oder auch geistlicher Erschöpfung, die ähnlich aussehen mögen, aber ganz andere Ursachen haben. Wenn Sünde mich auslaugt, ist der Weg zu Gott sehr weit. So wird mir vom Teufel suggeriert. Wenn ich erschöpft und kraftlos bin, meine Beziehung zu Gott aber ungestört ist, weiß ich, dass der Weg zu ihm nur ein Gebet entfernt ist. Dass dies auch in meinem sündigen Rosinenzustand so ist, fällt mir meist spät auf und bedarf nicht selten des Zuspruchs von außen. Gelingt dies abschließend nicht, bleibe ich durch meinen sündhaften, verdreckten Zustand von Gott getrennt. Da die Sünde sein Feind ist, wird er sich nicht dazugesellen, solange ich an der Sünde festhalte. Er drängt sich nicht gegen meinen Willen auf. Die Sünde ist aber so perfide, dass sie selbst sich mir als erforderlich und lebensnotwendig verkauft. Das zu erkennen und dann loszulassen, gelingt meiner Erfahrung nach nur durch den Geist Gottes in mir, nicht aus mir selbst heraus.

sünde führt auf Dauer zum (geistlichen) tod

Die absolute Klimax der Isolation, der Abtrennung von Menschen und von Gott, ist der Tod (Jakobus 1,15). Ich glaube, dass Sünde als Feind des lebendigen Gottes, der das sprudelnde Leben ist, zum geistlichen, aber auch zum sozialen Tod führt –und das nicht vielleicht, sondern sicher. Todsicher. Es ist der denklogische Umkehrschluss daraus, dass Gott und der Teufel nichts, aber auch gar nichts gemein haben – nicht einmal das

Interesse an uns Menschen. Denn das Interesse des Teufels, des Vaters der Lüge (Johannes 8,44b), ist nicht auf uns gerichtet, sondern auf seine Feindschaft gegen Gott. Uns von Gott durch Sünde zu entfernen und in den Tod zu führen, das ist sein Anliegen, um seine Macht zu beweisen und sich vor Gott als ebenbürtig aufzuspielen. Wir sind da nur missbrauchtes Mittel zum Zweck.

Demgegenüber gilt Gottes Interesse uns als seinen Ebenbildern. Wir sind seine Schöpfung, die ihm gleich ist. Das war seine anfängliche Sehnsucht. Er schuf sich im Menschen ein Gegenüber. Seine Sehnsucht war und ist Beziehung und nicht Isolation. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2,18) kann – ohne gleich die Stiftung der heterosexuellen Ehe hineinzuinterpretieren – erst einmal als Gottes Idee für uns Menschen, in Beziehung mit ihm und mit anderen Menschen zu sein, gesehen werden.

Wenn Sünde letztendlich den Menschen von anderen Menschen und Gott isoliert, führt sie zum Tod, weil der Mensch von seinem Ursprung her auf Beziehung angewiesen ist – auch für sein biologisches Überleben. Dazu gibt es mehrere Experimente, deren Ergebnisse zeigen, dass unser Überleben von emotionaler Zuwendung abhängig ist. Babys, die nur gefüttert und gesäubert, aber ansonsten beiseitegelegt werden, sterben. Genau dasselbe gilt für unser geistliches Leben. Wenn Sünde mich von Gott isoliert und ich dadurch von seiner Zuwendung, von der Beziehung zu ihm getrennt werde, dann führt sie letztendlich zu meinem geistlichen und damit ewigen Tod. Die Frage nach der Existenz der Hölle will ich hier (noch) nicht behandeln, da es nicht in erster Linie darum geht, Strafe zu vermeiden, sondern darum, hier auf der Erde mit Gott und in seinem Willen zu leben. Selbst wenn ich zu dem Ergebnis käme, dass es keine Hölle gäbe, würde dies nichts an meinem Wunsch ändern, so

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zu leben, wie Gott es sich wünscht, in der Überzeugung, dass dies gut für mich und für meine Mitmenschen ist. Demzufolge ist die Frage nach der Existenz der Hölle für meine Fragestellung erst einmal irrelevant.

Jesus als Gott selbst hat durch seinen tod und seine wahrhaftige auferstehung der sünde die Macht genommen

Außerhalb jeder Diskussion steht für mich die Tatsache, dass Jesus Christus Gottes Sohn und selbst Gott ist. Ebenso stelle ich seinen Tod am Kreuz und seine leibhaftige Auferstehung nicht infrage. Wie Paulus es so treffend zusammenfasst, wäre sonst all mein Glaube völlig sinnlos, wenn Jesus nicht auferstanden wäre (1. Korinther 15,14). Wenn die Sünde auch ihn umgebracht hätte und ihn in den ewigen Tod mitgerissen hätte, dann gäbe es für mich keinen Ausweg aus der Sünde (auch hier ist Sünde gerade nicht mit Schuld gleichzusetzen). Weil Sünde mich von Gott trennt und ich in meinem Rosinendasein nicht in der Lage bin, zu Gott zurückzukehren, geht Jesus diesen Schritt, den ich nicht gehen kann. Der Moment, in dem alle Sünde der Welt mit Jesus am Kreuz hing, muss der widerwärtigste und abscheulichste Moment der Weltgeschichte gewesen sein. Welches Gefühl Sünde in mir auslöst, habe ich oben schon beschrieben. Und all das lastete auf Jesus, auf seiner Seele, seinem Innersten. Nicht nur meine Sünde, die schon völlig ausreicht, um mich in Verzweiflung und Selbstverachtung zu reißen, sondern die Sünde der ganzen Welt, aller Menschen, gleichzeitig. Da erscheinen mir die körperlichen Leiden Jesu nachrangig. Hinzu kommt, dass ich bei meiner eigenen Sünde noch verstehen kann, dass sie mich quält. Jesus selbst war aber

27 sündlos – und trug die Last der ganzen Welt. Wie wir uns aufregen, wenn wir zu Unrecht beschuldigt werden – kein Vergleich zu dem, was Jesus schweigend (!) mitgemacht hat. Die Sünde hat Jesus ans Kreuz gebracht und in den Tod gerissen. Der entscheidende Punkt ist aber, dass er nicht im Tod geblieben ist. Denn das wäre das Ziel der Sünde gewesen. Die Auferweckung durch Gott, der Jesus wieder aus dem Tod herausreißt, macht den entscheidenden Unterschied. Damit hat Gott seine Macht über die Sünde und den Tod demonstriert, weil die Sünde nicht stark genug war, Jesus im Tod zu halten. Wenn Jesus also stärker ist als alle Sünde, dann kann er – im Gegensatz zu mir – Sünde in meinem Leben überwinden. Dann geht es nicht um mein Bemühen, möglichst sündlos zu leben, sondern dann geht es um mein Bewusstsein, dass ich abhängig von seiner Auferstehungskraft bin, um mein Rosinendasein zu beenden. Das nennt die Bibel „Erlösung“. Dadurch bin ich grundsätzlich in die Lage versetzt worden, mit Gott zu leben. Erst einmal völlig unabhängig von dem „Wie“ meines Lebens. Jesus löscht aber nicht die Sünde aus meinem Leben, wenn ich sie festhalte. Er zwingt mich nicht, meine Beziehung zu Gott wiederherzustellen, nur weil er es kann. Ich muss es wollen. Diese Freiheit, mich entscheiden zu können, erscheint mir oft mehr Fluch als Segen zu sein. Wenn ich aber nicht einmal weiß, ob etwas Sünde ist, wie soll ich dann damit umgehen? Ich könnte es Gott „pro forma zwecks Vergebung“ hinlegen. Das wäre wieder der sicherste Weg. Für mich also keine Lösung.

iii. Kann sein sünde sein?

Die Fragestellung erscheint provokativ. Auch die Kontra-Homosexualität-Fraktion gibt mittlerweile in offiziellen Statements von sich, dass dem homosexuell empfindenden Menschen diese Empfindung an sich nicht geistlich vorgeworfen werden kann. Interessanterweise muss man hier aber nicht viele Jahrzehnte zurückblicken, um festzustellen, dass die Abschaffung des „Schwulenparagrafen“ § 175 StGB – also die Entkriminalisierung männlicher Homosexualität, – auf großen Widerstand und Entrüstung gerade in frommen Kreisen stieß. Nun gut, da ging es auch um praktizierte Homosexualität mag man einwenden. Dennoch ist die heutige auch schriftlich verkündete Haltung, den homosexuell empfindenden Menschen an sich zu lieben und zu akzeptieren, noch nicht so weit fortgeschritten, dass dies auch von den Kanzeln so gepredigt würde. Meine 30-jährige Erfahrung in der evangelikalen Gemeindewelt, von meiner Kindheit an bis heute, hat mich gelehrt, dass meine „Menschen-Sparte“ immer im Zusammenhang mit Alkoholismus, Pädophilie und Pornografiesucht genannt wird –wenn man Glück hat nur mit Raub und Habgier.

Wird damit nicht doch das Sein des Menschen angegriffen?

Alkoholismus, Pornografiesucht und Straftaten sind dem Inhalt nach entweder Erkrankungen oder eben Verhaltensweisen – mehr oder weniger steuerbar. Homosexualität in diesem Zusammenhang erscheint also, wenn es nicht um die Praxis geht, als Behinderung, als eine negative Normabweichung, die in sich nicht gottgewollt ist. Da Gott aber keine Fehler macht, wird der Behinderungsaspekt in der Argumentation wieder verneint und eine vermeintlich fromme Suppe darübergegossen: „Gott liebt den Sünder, aber er hasst die Sünde“, heißt es dann. Dass damit erneut der homosexuell empfindende Mensch pauschal für sein sexuelles Empfinden an sich den Sündenstempel aufgedrückt bekommt, scheint dabei nicht aufzufallen. Denn tatsächlich grenzt sich jeder, der diesen Satz sagt, von den Adressaten dieses Ausspruchs in einer aufgesetzten Barmherzigkeit ab. „Alles, was vor dem Aber steht, ist gelogen“, sagt der Volksmund. Das mag überzogen sein. Zutreffend ist wohl, dass der Halbsatz hinter dem Aber meist der entscheidende, die Hauptaussage ist.

Die ursünde

Homosexuelles Empfinden an sich, das Homosexuell-Sein, scheint nach wie vor mit Sünde in Verbindung gebracht zu werden (so zum Beispiel in der Handreichung zum Konversionstherapieverbotsgesetz der Deutschen Evangelischen Allianz, 2020, S. 9, Ziff. 1). Auch die Betonung an dieser Stelle, dass wir alle Sünder sind, ist dabei nicht hilfreich. „Wir erkennen an, dass wir alle Sünder sind und dass Jesus Christus die einzige wirkliche Hoffnung für sündige Menschen ist, wie immer unsere eigene Sexualität aussehen mag. Es ist unser ernstes Gebet, dass

evangelikale Erwiderungen auch die Debatten zu Homosexualität heute wie auch zukünftig von seiner Liebe, Wahrheit und Nähe geprägt sein mögen“, betonen Goddard und Horrocks in ihrem Buch Homosexualität – Biblische Leitlinien, ethische Überzeugungen, seelsorgerliche Perspektiven, indem sie diesen Leitsatz der Evangelischen Allianz Großbritannien zitieren. Allerdings sind wir offenbar nicht alle in unserer sexuellen Identität Sünder, sondern die Sünde der Homosexualität wird schlicht in den Sündenkanon der Seins-Sünden aufgenommen. Es ist jedoch keine Neuerscheinung des heutigen Christentums, dass die Seins-Sünde des Gegenübers genutzt wird, um ihn niedriger und sündiger zu werten als sich selbst. Schon das Beispiel, wie die Pharisäer in Johannes 9,34 mit einem Blindgeborenen umgehen, zeigt auf, dass (geistliche) Ahnungslosigkeit zu Überheblichkeit führt. Weil die Pharisäer nicht begreifen können, dass Jesus in der Lage ist, einen Blindgeborenen zu heilen, verurteilen sie diesen mit den Worten: „Du bist ganz und gar in Sünde geboren. Wie kannst du es wagen, uns zu belehren.“ Andere Menschen mit deren Sünder-Dasein in die Knie zu zwingen, ist mithin eher pharisäisch als jesusgemäß –jedenfalls dann, wenn ich damit nur meine Ahnungslosigkeit und auch Faulheit, mich mit dem Thema wirklich auseinanderzusetzen, überspielen will.

Literarischer und biblischer Befund

Aber was ist genau die Seins-Sünde und gehört homosexuelles Empfinden dazu?

„Die Wurzel aller Sünde ist, dass der Mensch so sein will wie Gott. Aus diesem Bestreben heraus kommt es zur Missachtung von Gottes Wort und zur ungehorsamen Tat. […] Auch die anderen Sündengeschichten in diesen ersten Kapiteln (des Al-

ten Testaments) zeigen, wie der Mensch seinem Gott das Vertrauen aufkündigt und sein Leben eigenmächtig in die Hand nehmen will.“ (Grünzweig und andere: Brockhaus – Biblisches Wörterbuch, S. 332)

Diese Wurzel aller Sünde wird unterschiedlich als Ursünde, Personsünde oder auch Erbsünde bezeichnet. Diese Seins-Sünde, also das Sündersein von Geburt an, ohne eigenes Zutun oder Treffen einer Entscheidung, ergibt sich so aus einem Konglomerat biblischer Befunde, die insbesondere den Fokus darauf richten, dass der Mensch, um aus dieser Ursünde herauszukommen, die Erlösung durch Jesus Christus angeboten bekommt.

„Siehe, in Schuld bin ich geboren, und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.“ (Psalm 51,7)

„Durch einen einzigen Menschen – Adam – hielt die Sünde in der Welt Einzug und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise ist der Tod zu allen Menschen gekommen, denn alle haben gesündigt.“ (Römer 5,12)

„Wir stellen also fest: Genau so, wie eine einzige Verfehlung allen Menschen die Verdammnis brachte, bringt eine einzige Tat, die erfüllt hat, was Gottes Gerechtigkeit fordert, allen Menschen den Freispruch und damit das Leben. Genauso, wie durch den Ungehorsam eines Einzigen alle zu Sündern wurden, werden durch den Gehorsam eines Einzigen alle zu Gerechten.“ (Römer 5,18–19)

Deutlich wird aus dem biblischen Befund, der hier noch wesentlich umfangreicher dargestellt werden könnte (sich also durch die ganze Bibel bestätigt), dass nichts, was mein anfängliches

individuelles Dasein von Geburt an ausmacht, seien es Hautfarbe, Geschlecht, Grundcharakter oder körperliche Eigenheiten, zur Sündhaftigkeit von Beginn an beiträgt. Vielmehr ist der Tod/die Sünde in mir drin, ganz allgemein. Diese allgemeine Sünde führt dann erst zu sündhaftem Verhalten. Jedenfalls gibt dieser Befund an sich keinerlei Anlass, dass das Sein des einen Menschen sündiger wäre als das Sein eines anderen. Zu Beginn sind wir alle nackt, schrumpelig und Sünder – ganz gleich unter welchen Voraussetzungen wir in welche Situationen hineingeboren werden. Ob ich nun homo- oder heterosexuell empfinde, ist mithin nicht mehr oder weniger mit dieser Ursprungssünde verbunden. Dieser Umstand hat hier schlicht nichts zu suchen, denn die Ursünde richtet sich in keiner Weise auf mich als Individuum, sondern sie ist ungeachtet aller Unterschiedlichkeiten, die uns Menschen individualisieren, in jedem Neugeborenen da. Jesus war der Einzige, bei dem es anders war, „der ohne jede Sünde war“ (2. Korinther 5,21), wobei selbst er die Versuchung, sich gegen Gott aufzulehnen, kannte (Hebräer 4,15).

Homosexuelles Sein oder Nichtsein

Homosexuelles Empfinden würde ich nicht als Sein im umfassenden Sinne bezeichnen. Meine Selbstdefinition findet nicht über mein sexuelles Empfinden statt. In Abgrenzung zum Tier und zu Gott bin ich erst einmal Mensch. In Christus bin ich dann Christ und Kind Gottes. Das ist mein Selbstverständnis.

Nach wie vor ist ungeklärt, ob homosexuelles Empfinden veranlagt, gar vererbt oder erlernt im weitesten Sinne ist. Insbesondere mit Blick auf die Behauptung der Therapierbarkeit homosexuellen Empfindens musste denklogisch vertreten werden, dass Homosexualität erworben ist. Selbst die seiner-

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zeitigen Befürworter dieser Auffassung rudern derzeit jedoch in zugegebenes Nichtwissen zurück (wie zum Beispiel Markus Hoffmann, Leiter von „wuestenstrom“ – heute „Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung“ in einem YouTube-Vortrag: „Biblisch seelsorgerliche Aspekte zum Umgang mit Homosexualität“). Liest man lediglich 15 Jahre alte Literatur, sträuben sich einem die Nackenhaare ob der dort erhobenen Theorien zu (in diesem Fall) weiblicher Homosexualität. Angesichts folgender Beschreibung der Mutter einer homosexuell empfindenden Frau verstehe ich gut, dass manche christliche Eltern meinen, ihre homosexuell empfindenden Kinder verstoßen zu müssen. Das Zitat stammt aus Christel Vonholdts Buch Verwundete Weiblichkeit – Homosexuell empfindende Frauen verstehen:

„Mütter lesbisch orientierter Töchter

Es gibt ‚typische‘ Merkmale von Müttern lesbisch empfindender Töchter. […]

Sie war eine pflichtbewusste Ehefrau, aber innerlich leer.

Sie hasste es, eine Frau zu sein, weinte nie und verachtete ihre Tochter.

Sie war nicht in der Lage, sich von ihrem missbräuchlichen Ehemann zu trennen.

Sie war gesellig, aber nicht fähig, tiefere Beziehungen aufzubauen, oder war Alkoholikerin und ließ ihre kleine Tochter allein und unbeaufsichtigt zu Hause. Sie war unfähig, einen Haushalt zu führen oder angemessen für einen Säugling und ein kleines Kind zu sorgen.

Wenn der Vater ausfallend wurde oder tobte, versteckte sie sich im Bett.

Sie war psychisch krank und erwartete von ihrer Tochter, dass sie ihr die Selbstmordabsichten ausredete.

Sie gab beständig mit sich und ihren Kindern an und leugnete dabei alle negativen Gefühle oder Erlebnisse der Tochter.

Sie war eifersüchtig auf die Tochter und zeigte das auch.“

Als ich diese Beschreibung während meiner langjährigen, bis heute andauernden Lösungssuche mit etwa Mitte 20 las, verwirrte mich das massiv. Wenn ich das heute lese, entsteht in mir der Wille, mich bei meiner Mutter dafür zu entschuldigen, dass mein sexuelles Empfinden ihr diese Außenwahrnehmung antut. Nichts von dem, was dort beschrieben ist, trifft auf meine Mutter oder mein Verhältnis zu ihr zu. Bereits die Überschrift bezieht jedoch meine Mutter einfach mit ein und macht sie damit zur Ursache oder jedenfalls zur Mitursache meiner Homosexualität, zur Schuldigen. Dieser Buchauszug ist nur ein kleiner Teil, in dem Fall auf meine Mutter bezogen, aus dem einem die Krankhaftigkeit homosexuellen Empfindens (!) entgegenspringt. Leider lassen die Ausführungen vermissen, warum es zum einen homosexuell empfindende Menschen gibt, die auf solch einen Schuldfundus weder bei ihrer Mutter noch bei ihrem Vater zurückgreifen können, und zum anderen, warum es heterosexuell empfindende Menschen gibt, die all das, was in diesem Buch als Ursachen für Homosexualität aufgezeigt wird, ebenso oder gar schlimmer erlebt haben und dennoch heterosexuell empfinden. Ob eine Identitätskrise auch eine sexuelle Identitätskrise sein muss, bleibt da offen. Dass symptomatisch alles erdenkliche Empfinden und Wahrnehmen eines Menschen auch Traumafolge sein kann, bleibt ebenso unbesehen außen vor.

„Weibliche Homosexualität kann definiert werden als:

1. Beziehungsproblem: die Suche nach der Mutter oder einer warmen, starken, geborgenen und sicheren Bindung,

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nach Freundinnen oder nach Bestätigung und einer auf Gegenseitigkeit beruhenden Beziehung zu einem anderen Mädchen/Frau. Dieses Mangelproblem führt zum:

2. Identitätsproblem: Weibliche Homosexualität ist gekennzeichnet durch das Fehlen eines grundlegenden Gefühls für das eigene Sein, das eigene Selbst. Es führt in einen Prozess der Selbstablehnung als weibliches Wesen und zu tödlichem Selbsthass, einem Stillstand in der Identitätsentwicklung und zu einer tiefen Identitätskrise oder Verwirrung bezüglich der eigenen geschlechtlichen Identität.

3. Geistliches Problem: In dem Maße, in dem die Frau von Männern seelisch verletzt oder ausgenutzt wurde, kämpft sie mit ihrem Gottesbild, das ihr nirgendwo in der Welt Raum für selbstloses Schenken oder absichtslose Güte lässt.“ (Vonholdt)

Ich möchte hier gewiss kein Buch besprechen, an dieser Stelle aber meinen Schmerz ausdrücken, den ich für meine Eltern ob dieser Behauptungen empfinde. Wenn auch meine Eltern sicherlich nicht perfekt sind, sind sie doch aus meiner Sicht nicht derart zu beschuldigen, ja zu verunglimpfen. Wie oben angedeutet, bringen solche Theorien in mir das Verständnis dafür hervor, mit welchem Entsetzen Eltern in evangelikalen Kreisen auf die Homosexualität ihrer Kinder reagieren. Denn dem homosexuellen Empfinden der Kinder haftet damit neben dem eigenen auch automatisch ein Fehlverhalten der Eltern auf ärgster Stufe an. Das ist geeignet, diese in ihrem sozialen Umfeld umfänglich in Verruf zu bringen und sie Anklagen bis hin zu Missbrauchsvorwürfen auszusetzen.

Überdies kann ich mich nicht in den Ausführungen wiederfinden. Muss ich tiefer graben? Versteckte Traumata finden, damit ich geheilt werden kann? Ich habe Heilungsversuche

37 und -wege hinter mir, Konversionstherapie(versuche), Gebete anderer, jahrelanges Ringen zwischen Gott und mir. Länger als zehn Jahre habe ich mit dem Ziel „heil“ zu werden, all meine Kindheitserinnerungen und Beziehungsstrukturen, charakterliche Eigenheiten und Dispositionen durchleuchtet und durchleuchten lassen. Jedes Beziehungsdetail, besonders zu meinen Eltern, wurde analysiert – es musste doch einen Grund für mein homosexuelles Empfinden geben. Bis heute Fehlanzeige. Ich kann nur meine Beobachtung mitteilen, dass meine Beziehung zu meinen Eltern durch diesen Prozess viel Heilung erfahren hat – und dass ich umso klarer homosexuell empfunden habe, je heiler die Beziehung zu meinen Eltern und auch zu Gott wurde. Dies ist völlig absurd angesichts der obigen Annahmen von Frau Vonholdt, die im Übrigen zur Argumentationsgrundlage vieler christlicher Seelsorger geworden sind und damit erheblichen Schaden angerichtet haben. Es ist nicht lange her, dass ich dieses Buch noch einmal (jedenfalls quer-)gelesen habe. Am Ende saß ich da, lachte laut und stellte fest, dass ich nicht einmal „richtig homosexuell“ bin, da ich sämtliche Voraussetzungen nicht erfülle, außer mich zu Frauen anstatt zu Männern partnerschaftlich hingezogen zu fühlen.

Meine ersten homosexuellen Empfindungen kann ich in meine frühe Kindheit datieren. Wir hatten Besuch von einer erwachsenen Freundin der Familie. Während ich mit meinen sieben Jahren unscheinbar auf ihrem Gästebett saß, hatte sie alle Freiheit sich umzuziehen und in Unterwäsche herumzulaufen. Ich war zweifelsohne fasziniert und fand wunderschön, was ich sah. Im Rückblick handelt es sich dabei eindeutig um eine erotische Wahrnehmung, während ich männliche Nacktheit schon im Kindesalter als unästhetisch empfand. Auch vor diesem eindeutigen Erlebnis erinnere ich mich an Situationen mit einer Kindergärtnerin, die in mir ein besonderes Gefühl

auslösten. Es war weder der Wunsch nach einem Mutterersatz noch der Wunsch danach, so zu sein oder zu werden wie diese Frauen. Es war ein Gefühl des Hingezogenseins, der Wunsch an ihrer Seite zu sein. Solche Erlebnisse zogen sich durch meine Kindheit und Jugend. Erst im späten Teenie-Alter merkte ich, dass ich mich in Frauen verliebte, vergleichbar mit dem Verlieben meiner Freundinnen in Männer. Dass sich meine Schulkameradinnen für die Jungs unserer Klasse interessierten, habe ich nie verstanden. Während mein Herz heimlich für Frauen schlug, was ich nicht mit Homosexualität gleichsetzte, verliebte ich mich offiziell in Lehrer. Über Jahre. Heute würde ich das als Ersatzgefühle beschreiben, die für mich keine Gefahr bedeuteten. Männer, an denen ich meinen Wert als Frau testen wollte, so wie alle es taten; ohne in die Gefahr einer partnerschaftlichen Beziehung zu geraten. In diese Situationen geriet ich natürlich trotzdem – und machte die für mich erschreckende Erfahrung, dass ich körperliche Nähe mit Männern als abstoßend empfand, obwohl ich sie sehr lieb hatte. Zum Ende meiner Pubertät hin stellte ich fest, dass die Gefühle, die ich gegenüber Frauen auch körperlich entwickelte, mit den Gefühlen gegenüber Männern nicht vergleichbar waren. Ich musste mir eingestehen, dass ich tatsächlich Verliebtheit für Frauen empfand. Spätestens damit begann meine bis heute andauernde Jagd auf mich selbst.

Ich kann für meine Biografie jedenfalls nicht feststellen, dass Homosexualität außerhalb meines Elternhauses (das, wie oben dargestellt, sich nicht derartige Schuld aufgeladen hat) an mich „herangetragen“ wurde – in welcher Form auch immer. Trotz langer und verzweifelter Suche finde ich keinen Grund in meiner Lebensgeschichte für meine Homosexualität und man mag es glauben oder nicht: Das ist zermürbend und für mich höchst unbefriedigend. Man kann mich wohl

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