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Leseprobe

M at t h i a s C la use n , A le x a n d e r F i nk, Andr eas G e r s ta cke r , T h o m a s G i e b e l, S tephan Lange

Frag los!

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Matthias Clausen, A lexander Fink, Andreas Gersta cker, T homas Giebel, Stephan L ange

Frag los! 50 Antworten für Skeptiker und Glaubende

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2021 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.sonnhueter.com, unter Verwendung eines Bildes von joshimerbin (shutterstock.com) Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim DTP: Breklumer Print-Service, www.breklumer-print-service.com Verwendete Schrift: FF Scala, Scala Sans Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN 978-3-7615- 6762-3 Print ISBN 978-3-7615- 6763-0 E-Book www.neukirchener-verlage.de

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Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

11

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

13

Glauben und Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

15

Einwand 1: Beweise erst mal, dass es Gott gibt. Wenn du das geschafft hast, höre ich zu. . . . . . . . . . . .

17

Einwand 2: Wenn Gott will, dass wir an ihn glauben, warum zeigt er sich nicht einfach? . . . . . . . . . . . . . . . .

21

Einwand 3: Glaube an Gott ist nichts als Wunschdenken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

25

Einwand 4: Glaube ist nicht rational, sondern eine Frage der Sozialisation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

29

Einwand 5: Die Menschheit hat sich Tausende Götter ausgedacht und an fast keinen davon glauben Christen. Atheisten gehen nur einen Schritt weiter … .

33

Glaube und Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

37

Einwand 6: Wer an Wunder glaubt, macht sich der Naivität schuldig. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Einwand 7: Die riesige Größe des größtenteils lebensfeindlichen Universums spricht gegen die Existenz Gottes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

42

Einwand 8: Die Wissenschaft macht Gott unnötig und zeigt, dass er in Wahrheit ein Lückenbüßer für Unerklärtes ist. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

47

Einwand 9: Der biblische Schöpfungsbericht und wissenschaftliche Erkenntnisse (Urknall, Evolution) schließen einander aus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

50

Einwand 10: Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die „Erfolge“ von Gebet einer ganz normalen Wahrscheinlichkeit unterliegen. . . . . . . . . . . . . . . . . . .

56

Fragen zu Gott . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

61

Einwand 11: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

63

Gott als Schöpfer erklärt nichts. Die nächste Frage ist: Wer erschuf Gott? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

63

Einwand 12: Kann Gott einen so schweren Stein erschaffen, dass er ihn selbst nicht heben kann? In jedem Fall ist er nicht allmächtig. . . . . . . . . . . . . . . . . .

67

Einwand 13: Der grausame Gott des Alten Testaments ist nicht derselbe wie der liebende des Neuen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

69

Fragen zu Gottes Charakter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

73

Einwand 14: Wie kann Gott Kriege, ja sogar das Auslöschen ganzer Nationen befehlen? . . . . . . . . . . . . .

75

Einwand 15: Wie kann man einen Gott anbeten, der Menschen mit der Hölle erpresst und zeitliche Vergehen mit ewiger Qual und Folter bestraft? . . . . . . .

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Einwand 16: Wie kann man einen Gott anbeten, der seinen eigenen Sohn opfert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

83

Einwand 17: Wie kann Gott gerecht sein, wenn er den Menschen so unterschiedliche Startbedingungen gibt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

87

Einwand 18: Warum erschafft Gott die Menschen, von denen er weiß, dass sie in der Hölle landen werden? 92 Fragen zu Jesus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

95

Einwand 19: Jesus hat nie wirklich existiert. . . . . . . . . . .

97

Einwand 20: Die Geschichten über Jesus könnten großteils ausgedacht sein! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Einwand 21: Da die Evangelien erst lange nach den beschriebenen Ereignissen geschrieben wurden, können sie keine verlässlichen Quellen sein. . . . . . . . 108 Einwand 22: Jesus ist bloß eine mythologische Raubkopie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

112

Einwand 23: Die Behauptung „Jesus ist von den Toten auferstanden“ benötigt außergewöhnliche Beweise. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

117

Einwand 24: Es ist unlogisch, dass Jesus gestorben ist, damit wir errettet werden. Ein allmächtiger Gott könnte uns auch einfach so vergeben. . . . . . . . . . . . . . 126 Einwand 25: Ich will nicht, dass jemand anders für meine Schuld geradesteht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

130

Fragen zu den biblischen Texten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

135

Einwand 26: Viele Religionen berufen sich auf heilige Texte. Warum soll ich mich ausgerechnet mit der Bibel beschäftigen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Einwand 27: Die Bibel kann nicht stimmen, da sie nicht mit der Existenz der Dinosaurier kompatibel ist. .

141

Einwand 28: Durch die vielen Abschriften im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Inhalt der Bibel verändert. 146 Einwand 29: Das heutige Neue Testament ist eine politische Vorgabe Kaiser Konstantins und des von ihm einberufenen Konzils von Nicäa. . . . . . . . . . . . . . .

151

Einwand 30: Kein antikes Buch zu Medizin oder Astronomie wird heute ernst genommen – sollte ich die Bibel anders wahrnehmen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

156

Einwand 31: Die Bibel enthält zu viele Widersprüche, um stimmen zu können. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Einwand 32: Die Evangelien können schon wegen der Wundergeschichten keine historisch zuverlässigen Texte sein. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

165

Einwand 33: Es ist abstoßend, dass die Bibel Sklaverei gutheißt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 Einwand 34: Christsein führt letztendlich zu Homophobie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

175

Fragen zum christlichen Glauben . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

181

Einwand 35: Gibt es „den“ christlichen Glauben überhaupt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

183

Einwand 36: Wenn ein rücksichtsloser Christ in den Himmel kommt – ist sein Glaube dann eine „Lizenz zum Sündigen“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 Einwand 37: Die Aussicht auf die Ewigkeit lenkt von den realen Herausforderungen der Gegenwart ab. . . . 192 Einwand 38: Kommt am Ende nicht sowieso jeder in den Himmel? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196

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Einwand 39: Wie können unterschiedliche Arten von Schuld vor Gott am Ende gleich schwer wiegen? . . . . . 199 Einwand 40: Der biblische Absolutheitsanspruch ist ein Nährboden für Intoleranz und Fanatismus. . . . . . 202 Einwand 41: Der Glaube an Gott gibt jemandem in einer Lebenskrise sicher Halt. Aber warum sollte man an Gott glauben, wenn man im Leben gut klarkommt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 Einwand 42: Wollen Sie mir sagen, dass meine verstorbene Nachbarin, die immer ein guter Mensch, aber nicht gläubig war, nun in der Hölle ist? . . . . . . . . 210 Einwand 43: Die mythologische Vorstellung einer Hölle ist abwegig und war früher nur ein Mittel, um Angst zu erzeugen und Gehorsam einzufordern. . . . . 214 Einwand 44: Was geschieht nach dem Tod mit Menschen, die niemals eine reale Chance hatten, den christlichen Glauben kennenzulernen? . . . . . . . . 219 Das Leid in der Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 Einwand 45: Wie kann man an Gott trotz des ganzen Leids glauben? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Einwand 46: Warum lässt Gott Leid zu? . . . . . . . . . . . .

231

Einwand 47: Schuld an den Nöten dieser Welt sind vor allem Religionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 Die Vielfalt der Religionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Einwand 48: Alle Religionen haben im Kern die gleichen Gedanken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 Einwand 49: Die Vielzahl der Religionen spricht gegen die Existenz Gottes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248

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Einwand 50: Es gibt so viele unterschiedliche Religionen. Warum soll ausgerechnet der christliche Glaube wahr sein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

251

Fortsetzung folgt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

256

Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259

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Vorwort

Schade, dass es dieses Buch erst jetzt gibt! Es wäre mir in den

vergangenen Jahren häufig ein hilfreicher Begleiter, Ratgeber und wertvolles Nachschlagewerk gewesen – denn ich konnte selbst jahrzehntelang mit dem christlichen Glauben wenig anfangen. Ich war einem Gottesglauben nicht grundsätzlich abgeneigt, aber ich war skeptisch. Für mich als ziemlich rationalen, aber auch neugierigen Menschen wäre „Frag los!“ perfekt gewesen. Auf Reporterreisen im Jahr 2010 lernte ich viele Christen kennen, die mich beeindruckten und mein Interesse weckten: Woher nehmen diese Menschen ihre Kraft, selbstlos in Katastrophen wie dem verheerenden Erdbeben in Haiti zu helfen? Woher kommt ihre innere Ruhe? Aber es schwang auch oft die Frage mit: Haben sie alle ihren Kopf ausgeschaltet und es sich in einem gläubigen Säuselzustand gemütlich gemacht? Gott sei Dank konnte ich auf meinem weiteren Weg so viele persönliche Gotteserfahrungen sammeln, dass mein Lebenskniefall vor Jesus fast von selbst passierte. Heute darf ich als christlicher Journalist häufig auf Bühnen und in Texten von meiner Gottesbegeisterung erzählen – und oft hätte ich mir ein Buch wie dieses als kleinen Helfer in meiner Tasche 11

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gewünscht, wenn ich mit kritischen Nachfragen nach einem Vortrag oder in Leserbriefen gelöchert wurde. Das Tolle an diesem Werk ist: Den Autoren gelingt es, dem Leser auf solche Fragen nicht nur ein störrisches „Nein, so ist es nicht“ entgegenzuschleudern, sondern sich tiefer und gleichzeitig erfrischend knackig mit skeptischen Einwänden zu beschäftigen. Sie wollen nicht mit Scheuklappen recht haben und mit dem Vorschlaghammer argumentieren, sondern lassen Skepsis gelten, räumen andere (irdische) Optionen ein und sind auf Augenhöhe mit dem Leser, statt von oben zu predigen. Noch wichtiger für mich als Christen aber ist: Sie führen aus, warum ich hellwach im Kopf sein kann, mündig und vernünftig, warum ich jede Frage stellen darf, warum ich mitten im Leben stehen und mich jeder Diskussion stellen kann – und gleichzeitig tiefgläubiger, ja frommer Christ und Jesus-Anbeter sein kann. Es schließt sich nicht aus. „Frag los!“ ist Power-Food für den Kopf und das Herz. Für den Skeptiker wie für den Christen. Den einen wird es zum Nachdenken herausfordern, dem anderen wertvolle Diskussionshilfe sein für die Gespräche, die man als Gläubiger unweigerlich zuhauf führt. Ich bezeichne mich nach wie vor als Glaubens-Grünschnabel. Ich kann felsenfest auf Gott vertrauen und dennoch wieder und wieder innerlich unruhig werden, mir Fragen stellen, von meiner eigenen Unwissenheit überrascht werden. Ich bin mir sicher, dass ich „Frag los!“ auch auf meinem weiteren Weg noch oft zur Hand nehmen werde. Um zu lernen, um mich innerlich zu vergewissern, um es weiterzugeben. Gut, dass es dieses Buch jetzt gibt. Daniel Böcking, stellvertretender BILD-Chefredakteur und Buchautor

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Einwand 22: Jesus ist bloß eine mythologische Raubkopie.

Manchmal wird behauptet, die Jesusgeschichte sei nur eine

Raubkopie anderer antiker Mythen (z. B. von Osiris, Horus, Mithras, Attis oder Adonis). Dazu von mir als Althistoriker vorweg zwei grundsätzliche Überlegungen, ehe ich dann kurz konkrete Beispiele bespreche: Erstens: Wo finden sich die angenommenen Parallelen? Im NT selbst oder in der Auslegung, Kommunikation sowie bildlichen Darstellung dieser grundlegenden Texte durch die Kirche der ersten Jahrhunderte? Im zweiten Fall wären zwar unter Umständen bestimmte christliche Traditionen zu hinterfragen, aber nicht zwingend die Grundlagen des christlichen Glaubens. Ein sehr bekanntes Beispiel unter vielen: Die meisten Christen feiern die Geburt Jesu am 24./25. Dezember. Oft wird nun die These vertreten, dass die Christen den Geburtstag Jesu, des „wahren Lichts“ (vgl. Joh 8,12), wohl im frühen vierten Jahrhundert bewusst auf den 25. Dezember, den Geburtstag des Sonnengottes Sol Invictus, verlegt haben, um der Popularität des heidnischen Festes etwas entgegenzusetzen. Auch wenn 112

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das stimmen sollte,71 die Berichte über Jesus in den Evangelien sind davon nicht betroffen. Denn dort wird schlicht kein Geburtsdatum genannt. Dass Weihnachten in vielen Kirchen am 24./25. Dezember (und in anderen am 6. Januar) gefeiert wird, ist eine Tradition, mit der nichts Entscheidendes steht oder fällt. In solchen Fällen handelt es sich meist um Versuche der frühen Kirche – ob gelungen oder problematisch, darüber kann man streiten –, durch bewusste Übernahmen eigene Glaubensinhalte in einer werbenden, kulturell sensiblen Weise verständlich zu kommunizieren. Hier: Christus ist das wahre Licht, die wahre Sonne, nicht Sol Invictus. Zweitens: Wir finden durchaus Parallelen, die sich zumeist auf den gemeinsamen geografischen, kultur- und religionsgeschichtlichen Hintergrund des Christentums und mancher Kulte zurückführen lassen. Kultische Mahlzeiten oder Wasserriten, bestimmte Motive wie die Licht-und-Dunkel-Metaphorik und zentrale Fragen menschlicher Existenz wie Geburt, Tod, Erlösung sind in den verschiedensten Kulten des östlichen Mittelmeerraums anzutreffen, ohne dass diese direkt voneinander abgeschrieben hätten.72 Das gilt auch für Juden- und Christentum, die beide aus diesem Kulturkreis stammen. Nun zu konkreten Beispielen: In manchen populärwissenschaftlichen Publikationen wird eine direkte Abhängigkeit des sogenannten „Jesus-Mythos“ von den Mythen des Horus, Mithras und anderer Götter und Heroen behauptet. Ein Hauptanknüpfungspunkt ist oft, dass der Tod und eine Art „Auferstehung“ der Kultfigur73 berichtet wird. In diesen Fällen 71  Vgl. C. P. E. Nothaft (2012): The Origins of the Christmas Date. S. 903 ff. 72  Vgl. z. B. M. Clauss (2012): Mithras. Kult und Mysterium. S. 160; H.-J. Klauck (1995): Die religiöse Umwelt des Urchristentums. Bd. 1. S. 126 ff. 73  Vgl. H.-J. Klauck (1995): Umwelt, S. 106–126, zu den Kulten des Attis, der

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handelt es sich allerdings meist 1) um zyklische Vorstellungen – Tod und Auferstehung ereignen sich immer wieder, meist im Jahrestakt, die 2) oft mit Fruchtbarkeitsvorstellungen verknüpft sind und 3) über lange Zeiträume (Jahrhunderte!) in massiv verschiedenen und widersprüchlichen Versionen74 überliefert wurden. Ganz anders im NT: 1) Tod und Auferstehung Christi, so wird betont, sind ein für alle Mal geschehen, 2) es gibt keine Verbindung mit zyklischen, gar auf Fruchtbarkeit bezogene Vorstellungen, und 3) die Jesusüberlieferungen sind in Texte eingebettet, die bereits 20–30 Jahre nach dem Geschehen (erst die Paulusbriefe, dann die Evangelien) abgefasst wurden und einen eindeutigen historischen Bezugspunkt haben. Allein durch die literarische und historische Gestalt der Quellen können wir feststellen (siehe Einwand 19–21): Die Jesusgeschichte ist nicht als Mythos zu bezeichnen. Mitunter finden sich auch krude Gegenüberstellungen, wie etwa im Film Zeitgeist75: Jesus, Horus, Mithras und andere seien alle am 25. Dezember von einer Jungfrau geboren worden, seien von drei „Königen“ angebetet, seien getauft worden, hätten zwölf „Jünger“ gehabt, seien gekreuzigt und für drei Tage beerdigt worden und seien dann auferstanden. Dagegen ist zu sagen: Anders als im Fall der Jesusüberlieferung gibt es für die genannten mythischen Figuren entweder Isis (mit Osiris u. Horus) und des Mithras. Zu Osiris, Adonis u. Attis vgl. R. Merkelbach (22001): Isis regina – Zeus Sarapis. S. 9–15 u. 37–55. 74  Was R. Merkelbach (22001) für Isis und Osiris festhält, hat auch für andere Kultmythen Gültigkeit: „Alle diese Mythen waren nie als Berichte über historische Ereignisse gedacht, sondern als erzählende Interpretationen des Lebens in Ägypten. Die Wirklichkeit hatte verschiedene Aspekte, und so konnte man die Mythen erzählen, je nachdem, welcher Aspekt erläutert werden sollte“ (Isis regina, S. 5 f.). 75  https://youtu.be/mij4bhfx_Tg (Zugriff: 07.09.2020).

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keine geschlossenen literarischen Darstellungen ihres Wirkens, sondern nur versprengte Hinweise und bildliche Darstellungen (z. B. des römischen Mithras), oder im Verlauf der Jahrhunderte zahllose, sich massiv unterscheidende Geschichten, die gar nicht für einen solchen Vergleich auf einen Nenner gebracht werden können. Außerdem sind die meisten genannten Details schlicht falsch! Zwei Beispiele: Mithras wird aus einem Felsen geboren, nicht von einer Jungfrau, weder drei Könige noch eine Taufe noch zwölf Jünger sind bekannt. Er stirbt nicht und kann daher auch nicht auferstehen, sondern wird am Ende im Wagen des Sonnengottes in den Himmel erhoben. Seine zentrale, kultisch gefeierte Tat ist die Tötung eines Bullen, kein Kreuzestod. Außerdem entstand dieser Kult in seiner für den Vergleich mit dem Christentum wichtigen römischen Form erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr., zu einer Zeit, als die Hauptschriften des NTs mit allen grundlegenden Lehren bereits verfasst waren.76 Im Falle des Horus und seiner Eltern Isis (Mutter) und Osiris (Vater) gibt es so viele verschiedene und sich im Laufe der Jahrhunderte wandelnde Geschichten, dass man nur schwer einen Erzählstrang zum Vergleich herausziehen kann. In alt­ägyp­tischen Erzählungen77 wird Osiris von seinem Bruder Seth getötet, Isis sucht ihn und kann ihn kurzzeitig und nur teilweise wiederbeleben, um mit ihm den Horus zu zeugen (keine Jungfrauengeburt!). Osiris selbst verbleibt im Tod und wird zum Herrn des Totenreiches (keine Auferstehung!). Es gibt keine drei Könige, keine zwölf Jünger, keine Taufe, auch keine Kreuzigung oder Auferstehung nach drei Tagen. In 76  Vgl. H.-J. Klauck (1995): Umwelt, S. 119–126; ausführlich z. B. M. Clauss (2012): Mithras. 77  Vgl. ausführlich R. Merkelbach (22001): Isis regina, S. 3–22.

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griechisch-römischer Zeit werden diese Erzählungen mit den griechischen Mythen um Aphrodite und um ihren Geliebten Adonis sowie Demeter und ihrer Tochter Persephone in immer neuer und unterschiedlicher Weise zu einer „neue[n] Religion“78 verwoben.79 Eine geschlossene Erzählung für den IsisOsiris-Horus-Mythos wird erst von Plutarch (De Iside et Osiride) um 120 n. Chr. geschaffen. Aber selbst in diesen vielfältigen Neu- und Umformulierungen des Mythos finden sich die vorgeblichen Parallelen zum Leben Jesu, wie es im NT geschildert wird, nicht!80 Es bleibt festzuhalten: Die Jesusgeschichte ist weder inhaltlich noch formal ein Mythos, der sich aus den Mythen um Horus, Mithras und Co ableiten ließe! Die angeblich bis ins Detail stimmigen Parallelen haben mit den antiken Quellen nichts zu tun!81 (Andreas Gerstacker)

78  R. Merkelbach (22001): Isis regina, S. 5. 79  Vgl. ebd., S. 37–55. 80  Plutarch lässt den jungen Horus/Harpokrates (als Sonnengott) am 24./25.12., dem alexandrinischen Fest der Kikellia, geboren sein (De Iside 65). Aber: 1.) Es wurde auch am 06.01. die Geburt eines Horus gefeiert, des Aion-Horus (Gott der Ewigkeit) von Kore-Isis. 2.) Der 24./25.12. als Geburtstag Jesu ist gerade kein biblisches Datum, sondern christliche Traditionsbildung aus dem späten 3./frühen 4. Jh. 81  Aus einer anderen Richtung kommend und mit anderen Beispielen versehen, vgl. M. Licona (2017): Did Early Christians Borrow from Pagan Myths?: https://youtu.be/CfV_tc32diM (Zugriff: 07.09.2020).

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