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Stephan Goldschmidt / Lars Hillebold (Hg.)
Gottes Wort in unserer Zeit Anschaulich predigen Lesepredigten für das Kirchenjahr
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Inhalt
Vorwort. . .... ...................................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Für die Liedvorschläge verwendete Liederbücher (mit Abkürzungen). . . . . . . . . . . . . 11 Wie wird eine Predigt zu meiner Predigt? (M)eine Art zu predigen....................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Stephan Goldschmidt / Lars Hillebold
1. Teil: Predigten im Kirchenjahr Den Weg bereiten Predigt am 2. Advent – Lukas 21,25–33. ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Stephan Goldschmidt Weihnachten in der Bruchbude Predigt an Weihnachten – Lukas 2,1–20. .... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Lars Hillebold Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes Predigt zum Jahreswechsel – Römer 8,31b–39. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 3 Stephan Goldschmidt Anklage gegen die drei Könige Predigt an Epiphanias – Matthäus 2,1–12. ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 0 Lars Hillebold Ihr Blut schreit zum Himmel Predigt am Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) – 1. Mose 4,1–10................................ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Stephan Goldschmidt 5
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Von Gipfeln und anderen Höhepunkten Predigt am letzten Sonntag nach Epiphanias – Matthäus 17,1–9.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Stephan Goldschmidt Die Macht der Liebe Predigt an der Schwelle zur Passionszeit (Estomihi) – 1. Korinther 13,1–13. . . . . . . . . . . 6 2 Stephan Goldschmidt Die Logik des Reiches Gottes Predigt am 2. Sonntag in der Passionszeit (Reminiszere) – Markus 12,1–12.. . . . . . . . 69 Stephan Goldschmidt Seiner Berufung treu bleiben Predigt am 3. Sonntag in der Passionszeit (Okuli) – Jeremia 20,7–11a.. . . . . . . . . . . . . . . 7 7 Stephan Goldschmidt Mitgehen mit Isaak Predigt am 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika) – 1. Mose 22,1–14. . . . . . . . . . . . . . . . 85 Lars Hillebold Das Angesicht hart machen wie einen Kieselstein Predigt am 6. Sonntag in der Passionszeit (Palmsonntag) – Jesaja 50,4–9. . . . . . . . . 93 Stephan Goldschmidt So ist Versöhnung Predigt an Karfreitag – 2. Korinther 5,19–21. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Stephan Goldschmidt Marias Moment Predigt am Ostersonntag – Johannes 20,11–18.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Lars Hillebold
Wir singen für dich Predigt am 4. Sonntag nach Ostern (Kantate) – Apostelgeschichte 16,23–34.. . . . . . 115 Lars Hillebold
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Unverschämt Predigt am 5. Sonntag nach Ostern (Rogate) Lukas 11,5–13.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 2 Stephan Goldschmidt Jedem das Seine Predigt an Pfingsten – 1. Korinther 12,4–11. .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Lars Hillebold Spürbar, sichtbar, hautnah Predigt am Sonntag Trinitatis – Jesaja 6,1–8. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 7 Stephan Goldschmidt Böses Ende mit Happy End Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis – Jona 3,10; 4,1–11. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 4 Stephan Goldschmidt Unter Brüdern Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis – 1. Mose 50,15–21.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 2 Kathrin Oxen Narrenfrei Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis – 2.Korinther 11,18.23b-30; 12,1–10. . . . . . . . . . . . . 159 Stephan Goldschmidt Ein Hoch auf die Liebe Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis – Markus 12,28–34.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Stephan Goldschmidt Sich berühren lassen Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis – Lukas 10,25–37. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Eckhard Sckell Hier ist dein Haus Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis – 1. Mose 28,10–22. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 3 Stephan Goldschmidt
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Suchet der Stadt Frieden Predigt am 21. Sonntag nach Trinitas – Jeremia 29,1.4-7.10–14. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 Lars Hillebold Scherben unter den Schuhen Predigt am Gedenktag der Novemberpogrome (9. November) – 1. Petrus 5,8–9. ........................ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 9 Kathrin Oxen Die Augen offen halten und den Mantel teilen Predigt am Martinstag – Matthäus 25,31–40. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 6 Stephan Goldschmidt Aus Fehlern lernen Predigt am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres – Jeremia 8,4–7. . . . . . . . . . . . . . . . . 2 14 Stephan Goldschmidt
2. Teil: Themenpredigten Betet für uns Zum Thema Beten – 2. Thessalonicher 3,1–5. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 2 2 Lars Hillebold Dem Zauber des Anfangs vertrauen Predigt zum Thema »Glaube allein« – Galater 3,28. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 29 Lars Hillebold Bürger im Himmel Predigt zum Thema »Heimat« – Philipper 3,7–21. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 35 Stephan Goldschmidt In der Nische namens »Warum?« Predigt zu existentiellen Fragen – Das Lied »Warum« von Herbert Grönemeyer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 4
Stephan Goldschmidt Autoren und Autorin .................... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 53
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Wie wird eine Predigt zu meiner Predigt? (M)eine Art zu predigen
Hören! »So kommt der Glaube aus dem Hören« (Römer 10,17). Eine Schlüsselstelle für alle, die regelmäßig predigen. Der Vergleich mit der Lutherbibel zeigt wa rum. Dort wird nämlich übersetzt, der Glaube komme aus der Predigt. Predigt oder Hören? Gemeint ist, wie der Zusammenhang (Römer 10,16-21) zeigt, das Hören der Predigt. In Glaubensdingen kommt es aufs Hören an. Das entlastet die Predigt und die Predigenden. Zumindest auf den ersten Blick. Was gehört wird und was verstanden wird, braucht aktives Hören. Aus der Kommunikationswissenschaft wissen wir, dass jeder Satz unterschiedlich gehört werden kann. Was gesendet wird, ist jedenfalls nicht identisch mit dem, was empfangen wird. Was also bei einer Predigt gehört wird, was die Menschen verstehen und mitnehmen, liegt nicht (nur) an der Predigerin. Und über das Phänomen hinaus, dass wir Menschen vieles unterschiedlich hören, gilt für die Predigt außerdem noch die wichtige theologische Einschränkung: Ob das Menschenwort der Predigt zum Wort Gottes wird, liegt letztlich nicht in der Hand der Predigenden und auch nicht der Hörenden. Das ist höchst entlastend. Aber dennoch bleibt der Anspruch an alle Predigenden, dass das Wort, das zum Gotteswort werden soll, auf ihren Lippen liegt. Welches der vielen Worte einer Predigt wirklich »ankommt«, weiß man beim Predigen nicht. Manchmal ahnen wir, dass bestimmten Passagen aufmerksamer zugehört wird als anderen. Aber werden sie so gehört, wie sie gemeint sind? Die Rückmeldungen nach einem Gottesdienst zeigen, dass durchaus ganz eigene Gedanken in die Predigt eingetragen werden. Was ankommt bei den Hörenden, haben die Predigenden nicht im Griff. Das ist die frohe Botschaft in der Homiletik, der Lehre von der Predigt. Doch ebenso gilt das andere: Es gibt Arten zu predigen, die das Hören erleichtern, und andere, die es erschweren. Es gibt anschauliche und weniger anschauliche Predigten. Predigten, in die man einsteigen kann, und solche, aus denen man leicht aussteigt.
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Das Fremde zum Eigenen machen Vor der naheliegenden Frage, wie eine fremde Predigt zur eigenen Predigt wird, lohnt sich ein Zwischengedanke: Fremdes zum Eigenen zu machen, gehört zur menschlichen Existenz. Schon Kinder imitieren andere und eignen sich fremde Verhaltensweisen, fremdes Wissen und die Denkweisen anderer an. Fremdes zum Eigenen zu machen, ist aber auch eine elementare Grunderfahrung des Glaubens. Da werden uralte, fremde Geschichten der Bibel auf einmal transparent und zugleich relevant für das eigene Leben. Man entdeckt selbst im fremden Text. Es ist die Grundbewegung des Glaubens, dass Fremdes zum Eigenen wird. Der Glaube selbst ist das Einlassen auf den Fremden schlechthin, ohne ihn je erklären oder verstehen zu können. So ist es bei Mose, dem am brennenden Dornbusch Gott begegnet. Gott, der Mose bisher weithin unbekannt war und dessen Namen befremdlich klingt: »Ich werde sein, der ich sein werde« (2. Mose 3,14a), gibt Mose den Auftrag, zu den Israeliten in seinem Namen zu reden. Und Mose lässt sich darauf ein – er tut das, was das Ziel jeder Predigt ist: Er spricht im fremden Auftrag, im Auftrag Gottes. Und er wiederholt eine fremde Botschaft, nämlich das, was ihm von Gott aufgetragen ist. So ist es auch im Gottesdienst und in der Predigt. Predigende treten nicht im eigenen Namen auf, sondern im Namen Gottes, des Ganz-Anderen. Aber sie tun das, indem sie das Fremde, die Sache Gottes, zu ihrer eigenen Sache werden lassen. Manche kennen sich mit den biblischen Geschichten aus, als sei die Bibel ihre Westentasche. Doch selbst dann bleibt die Bibel ein Buch mit fremden Geschichten, Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit, unbekannten Orten, unerforschlichen Hintergründen. Es ist gut, wenn sich die biblischen Texte nicht einfach in Besitz nehmen lassen. Sie bleiben Worte, Bilder und Geschichten, die gelesen oder gehört werden als sprachliche Zeichen des Geheimnisses Gottes. Zeichen bedeutet, dass Gott nicht gedacht, nicht erkannt, vielleicht sogar nicht einmal verstanden werden kann. Predigten sollten deshalb nicht von Gott als Objekt handeln. Er soll vielmehr als Subjekt durch die Worte der Predigt selbst zu Wort kommen. Also nicht über Gott reden, sondern von Gott auf erzählerische Art und Weise. Gott soll in der Predigt nicht vereinnahmt werden, sondern bis zuletzt fremd sein und bleiben. So kommt er den Hörenden nahe. Das wird möglich, wenn selbst die vertrautesten biblischen Geschichten neugierig gelesen, vorgelesen und erzählt werden. Lässt sich dahinter etwas Neues, Fremdes finden? 13
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Wie wird eine fremde Predigt zur eigenen Predigt? Wenn es zu den Grundlagen des Glaubens gehört, das Fremde zum Eigenen zu machen, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Frage: Wie kann eine fremde Predigt zur eigenen Predigt werden? Wie kann eine Predigt, die eine andere Person geschrieben hat, authentisch gepredigt werden? Sie soll schließlich nicht nur eine Vor-lage sein. Die Prediger sollen schließlich auch dahinterstehen können. Bei dieser Fragestellung scheint es sich nur auf den ersten Blick um ein Problem der kleinen Zielgruppe der Lektoren zu handeln, die gehalten sind, in ihren Gottesdiensten Lesepredigten zu verwenden. Doch auch Prädikanten und Pfarrerinnen verwenden Lesepredigten oder Predigten aus dem Internet. Anders als Lektorinnen dürfen sie zwar ihre Predigten selber schreiben. Vielfach wird das unausgesprochen von ihnen erwartet. Aber auch sie sind froh, dass es Vorlagen gibt, um auf eine zündende Predigtidee zu kommen oder um die Lesepredigt ganz oder teilweise zu übernehmen. Selbst diejenigen, die ihre eigene Predigt schreiben, machen sich Fremdes zu eigen. Sie lesen exegetische Kommentare oder Predigtmeditationen. Auch sie nehmen Ideen und Erklärungen anderer auf. Sie zitieren oder paraphrasieren biblische Texte oder rezitieren einen Vers aus dem Gesangbuch. Darüber hinaus entsteht eine Predigt immer in einer konkreten Zeit und vor einem konkreten Hintergrund. Sinnvollerweise prägen auch die Zeitungslektüre und die Nachrichten, vielleicht auch ein sehenswerter Film die Predigt. Daneben fließt ein Popsong, vielleicht sogar ein Werbeslogan in die Predigt ein und beeinflusst ihre Sprache. Die Grenze zwischen dem, was in einer Predigt das Eigene ist und was ganz woanders herstammt, ist hochgradig durchlässig. Dennoch gibt es einen mehr als graduellen Unterschied, ob man eine fremde Predigt in einem Gottesdienst verwendet, die ein anderer geschrieben hat. Man liest die Predigt nicht einfach vor, wie einen Roman oder eine Erzählung. Die Predigt wird »gehalten«. Auch eine fremde Predigt ist mit der Predigerin aufs engste verknüpft. Das Fremde ist – ob gewollt oder ungewollt – zum Eigenen geworden, für das man einstehen und den Kopf hinhalten muss. Predigt-Art Damit etwas Fremdes zum jeweils Eigenen wird, ist es gut, sich die eigene Art des Predigens in ihrer Besonderheit bewusst zu machen. Hier soll es zu-
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Böses Ende mit Happy End 3. Sonntag nach Trinitatis Predigttext: Jona 3,10; 4,1–11
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Predigt Von Neid und anderem Übel »Das wird noch einmal böse enden«, ist der Lieblingssatz von Herbert Mustermann, liebe Gemeinde. Es gibt kaum eine Gelegenheit, zu der dieser Satz aus seiner Sicht nicht passt. »Das wird noch einmal böse enden«, sagt er zu seinen Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz. Aber er sagt diesen Satz auch, wenn er spielenden Kindern auf der Straße begegnet. Und besonders gern hat er diesen Satz Felix gesagt, dem Jungen, der ein Stockwerk über ihm wohnte und dessen Getrampel ihn immer wieder maßlos ärgerte. Später, als Felix etwas älter war, ärgerte sich Herbert Mustermann über dessen laute Punkmusik: »Das wird noch einmal böse enden«, konnte er dazu nur sagen. Neulich hat er Felix wieder getroffen, einige Jahre, nachdem der Junge die Schule abgeschlossen hatte. Freudestrahlend erzählte Felix davon, dass er sein Studium abgeschlossen und eine feste Anstellung gefunden habe. Und heiraten wollte er auch. »Das wird noch einmal böse enden«, Herrn Mustermann bliebe dieser Satz auf einmal im Halse stecken. Stattdessen ließ ihn die offensichtliche Freude des jungen Mannes vor Neid erblassen. Er neidete Felix seinen Erfolg und seine Lebensfreude. Wie schön hätte alles sein können, wenn es anders gekommen wäre, wenn es mit dem Jungen, der jahrelang genervt hatte, ein böses Ende genommen hätte.
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Lesung Als aber Gott das Tun der Menschen in Ninive sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht. Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach, Herr, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben. Aber der Herr sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? Und Jona ging zur Stadt hinaus und ließ sich östlich der Stadt nieder und machte sich dort eine Hütte; darunter setzte er sich in den Schatten, bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde. Gott der Herr aber ließ einen Rizinus wachsen; der wuchs über Jona, dass er Schatten gab seinem Haupt und ihn errettete von seinem Übel. Und Jona freute sich sehr über den Rizinus. Aber am Morgen, als die Morgenröte anbrach, ließ Gott einen Wurm kommen; der stach den Rizinus, dass er verdorrte. Als aber die Sonne aufgegangen war, ließ Gott einen heißen Ostwind kommen, und die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er matt wurde. Da wünschte er sich den Tod und sprach: Ich möchte lieber tot sein als leben. Da sprach Gott zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst um des Rizinus willen? Und er sprach: Mit Recht zürne ich bis an den Tod. Und der Herr sprach: Dich jammert der Rizinus, 145
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um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere? Jona 3,10; 4,1–11 Jona flieht vor Gott »Das wird noch einmal böse enden«, diesen Satz hat nicht nur Herr Mustermann gern im Munde geführt, sondern auch Jona, der von Gott in die Stadt Ninive gesandte Prophet. Aber anders als der ältere Herr unserer Tage verkündigte Jona diesen Satz im Auftrag Gottes. Er prophezeit den Menschen in der Stadt Ninive im Namen Gottes das Gericht: »Eure Bosheit stinkt zum Himmel, sie ist vor Gott gekommen. Darum wird eure Stadt in vierzig Tagen untergehen. Es wird böse mit euch enden!« Anders als Herr Mustermann sagt Jona diesen Satz nicht freiwillig. Er will diesen Satz sogar um alles in der Welt vermeiden. Als Gott ihm den Auftrag gibt, in die assyrische Hauptstadt zu ziehen, versucht Jona, diesem Auftrag zu entfliehen. Jona verdrückt sich, als könne man sich vor Gott verstecken. Er macht sich auf den Weg zum nächstgelegenen Hafen. Er bucht eine Überfahrt nach Tarsis, als könne man Gott mit einem Schiff entkommen. Er will an die hinterste Ecke der damals bekannten Welt fliehen, um nur nicht nach Ninive zu müssen, um den bösen Leuten dort keine Chance zu geben, dem göttlichen Zorn zu entfliehen. Jona flieht vor Gott, damit die Niniviten nicht vor Gottes Zorn gerettet werden. Wenn wir Jonas Motive betrachten, spüren wir, was ihn antreibt: Neid. Jona neidet es den Menschen in der Stadt Ninive, dass Gott ihnen am Ende doch noch eine Chance geben wird. Es ist der gleiche Neid, den viele unter uns kennen. Dieses versteckte Gefühl, das meist nur für den Neidenden selbst bemerkbar ist; Neid, der sich durch kleine Stiche bemerkbar macht. Den man kaum zu nennen wagt, weil es gesellschaftlich verpönt ist, neidisch zu sein. Bei Jona mag der Neid ausgelöst worden sein, als er sich mit den Leuten in Ninive vergleicht. Die Leute dort können in Saus und Braus leben, denkt Jona. Jona selbst lebt nach den göttlichen Geboten. Er hält die Speise- und Reinheitsvorschriften, die zehn Gebote. Das fällt Jona nicht schwer. Sein Leben ist für ihn o. k., denn vom Ende her gedacht, ist sein Lebensweg
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der klügere, der bessere, denkt Jona. Am Ende werden die Leute aus Ninive noch bereuen, dass sie ihr Leben lang gottlos gelebt haben. Aber Jona hat diese Rechnung ohne Gott gemacht. Gott denkt anders. Gott will das Verlorene wiederfinden. Gott will nicht ewig zornig sein. Wenn Gott zornig ist, dann nur, damit am Ende seine Liebe umso leuchtender hervorscheint. Jona ahnt, dass Gott am Ende die Niniviten genauso lieben wird wie ihn selbst. Und das gönnt er diesen Fressern und Säufern nicht. Mit denen muss es doch ein böses Ende haben, denkt Jona. Und darum will er auf keinen Fall den göttlichen Auftrag ausführen und nach Ninive gehen. Gott stellt sich Jona in den Weg Aber wieder hat Jona die Rechnung ohne Gott gemacht. Der stellt sich Jona in den Weg. Erst schickt er Wellen und Sturm, dass Jonas Schiff fast untergeht. Und dann schickt Gott einen Walfisch, der Jona aus den Fluten rettet und an die Küste von Ninive bringt. Und wieder gibt Gott Jona den Auftrag: Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sagen werde. Da macht sich Jona auf den Weg und führt den Auftrag Gottes mehr schlecht als recht aus. Wenn Sie später noch einmal nachlesen im Buch des Propheten Jona, dann werden Sie sehen, dass Jonas Bußpredigt aus nur einem Satz besteht: Er predigte und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Mehr nicht. Es klingt wenig überzeugend und wenig furchteinflößend. Es klingt eher, als ob Jona keine Lust hatte, den Leuten in Ninive die Leviten zu lesen. Es ist, als ob Jona Gott ein zweites Mal ein Schnippchen schlagen will. Wie auch immer, die Leute in Ninive hören ihm zu. Sie geben ihm recht: »Wenn wir so weitermachen, wird es ein böses Ende mit uns nehmen«, sagen sie. Sie hören auf, zu leben, wie bisher. Sie tun Buße, sie fasten und gehen in Sack und Asche. Sie beten sie flehen zu Gott um Erbarmen. Interludium zur Rede von Gottes Zorn Bevor ich an dieser Stelle fortfahre, ein erster theologischer Zwischengedanke über die Rede von Gottes Zorn: Dass Gott zornig ist, ist eine sehr menschliche Weise, von Gott zu sprechen. Wir projizieren unsere Gefühle, unsere Erlebnisse und unsere Bilder auf Gott, wenn wir so von ihm reden. Das hat durchaus seine Berechtigung, denn wir sind Menschen und können nicht anders als menschlich von Gott reden. Das tut die Bibel auch – das 147
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Buch Jona ist voll von solcher menschlichen Rede über Gott. Problematisch wird diese Rede von Gottes Zorn, wenn wir sie objektiv verstehen. Wenn wir über andere urteilen, sie hätten die eine göttliche Strafe verdient. Wenn wir bestimmte Ereignisse als Ergebnis des göttlichen Zorns deuten, wie das religiöse Fanatiker gern tun. Weder das Erdbeben noch irgendeine andere Katastrophe und erst recht kein Terroranschlag sind das Ergebnis des Zornes Gottes. Gottes Zorn, der auch in der Erzählung über den Propheten Jona beschrieben wird, ist am Ende so etwas wie die Kehrseite seiner Liebe.
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Gott handelt großzügig Und so kommt es, wie es kommen muss und wie es Jona von Anfang an befürchtet hatte: Gott schickt keine Springflut, um die Stadt Ninive zu vernichten. Er lässt auch kein Feuer und keinen Schwefel regnen. Stattdessen gereut Gott das Übel, das er den Niniviten hatte verkündigen lassen, und er tat’s nicht. Gott öffnet sein Herz. Und Jona? Jona verschließt sein Herz. Und als die von ihm angekündigte Strafe auf sich warten lässt, verschließt er sein Herz nur noch mehr. Er verlässt die Stadt, um aus sicherer Entfernung deren Untergang beizuwohnen. Jona kann es nicht abwartet, dass es ein böses Ende mit Ninive nehmen wird. Und je länger er auf den Untergang wartet, desto zorniger wird er. Am Ende hadert er mit Gott: Ach, Herr, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war, weshalb ich auch eilends nach Tarsis fliehen wollte; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben. Interludium zum Gefühl des Neides Stop! Bevor es an dieser Stelle gleich weitergeht, ein zweiter theologischer Zwischengedanke, diesmal über das Gefühl des Neides: Ich möchte lieber tot sein als leben, sagt Jona. Dieser Satz zeigt, was Neid anrichten kann. Neid ist ein inwendiges Gift, das einen geradezu auffrisst. Nach außen wird der Neid nur sichtbar, wenn er sich mit anderen starken Gefühlen verbindet: mit Wut, Ärger und Zorn. Dann entspringen dem Neid Zerstörungsphantasien wie bei Jona. Oder er entwickelt sich zusammen mit Feindseligkeit zur Schadenfreude. Genauso zerstörerisch wie diese Spielarten des Neides ist der Neid, der sich nach innen richtet. Dann schwächt Neid das Selbstbewusst-
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sein, nimmt die Lebensfreude und letztlich sogar jede Lebensenergie. So wie bei Jona: So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben. Dass sich der Neid auf diese Weise entwickeln kann, wird dadurch befördert, dass Neid gesellschaftlich geächtet wird. Neid wird nicht zugegeben, er ist tabuisiert. Es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn wir uns unseren Neid selbst eingestehen. Denn neidisch sind wir alle, mal mehr oder weniger. Es gehört zu unserer Geschöpflichkeit, dass wir begrenzt sind und gerne an der einen oder anderen Stelle so wären wie andere. Die Bibel ist voller Neidgeschichten: Kain und Abel, Jakob und Esau, Josef und seine Brüder usw. Eine bestimmte Portion Neid ist normal. Wo wir unseren Neid zugeben, verliert er an Einfluss. Wenn nicht, kann er zum schleichenden Gift werden wie bei Jona. Gott will auch Jona nicht verlieren So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben, betet Jona. Wie reagiert Gott? Gott reagiert, wie er mit den Niniviten gehandelt hat. Er will Jona nicht verlieren, sondern wiederfinden. Gott wirbt einfühlsam und elementar um Jona. Er lässt eine Staude wachsen, die Jona Schatten spendet. Und dann lässt er die Staude verwelken. Jona freute sich zuerst, im Schatten zu sitzen. Dann sitzt er in der prallen Sonne, und das Warten wird ihm zur Qual. Wie schön war es doch im Schatten, denkt Jona. Er wünscht sich die Staude zurück, über die er sich von Herzen gefreut hatte. Da spricht Gott zu ihm: »So wie du um eine Staude trauerst, die von einem Tag auf den anderen wächst und nach einem Tag verdorrt, so geht es mir auch. Ich freue mich an allem, was lebt. Jeder Mensch ist mir wichtig. Und darum freue ich mich über die Stadt Ninive, die verloren war, nun aber wiedergefunden wurde. Ich freue mich über jeden Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.« Amen.
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Besonders bitten wir dich um Frieden für alle Menschen, dass Frieden einziehe in unseren Familien, zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern. Lass die Verantwortlichen Wege der Verständigung finden, zwischen Völkern und Staaten. Und gib uns den Frieden, der alles Begreifen übersteigt, den Frieden, den nur du geben kannst. Amen.
Liedvorschläge WL: Jesus nimmt die Sünder an (EG 353) WL: Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt (EG.E 17) Lobe den Herren (EG 316) Such, wer da will, ein ander Ziel (EG 346) Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr (EG 382) Vertraut den neuen Wegen (EG 395) Ich will dich lieben, meine Stärke (EG 400) Lass uns in deinem Namen, Herr (EG.E 25) Weise uns den Weg, Gott, geh mit (freiTöne 200)
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und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel. Vorher aber hieß die Stadt Lus. Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der Herr mein Gott sein. Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben. 1. Mose 28,10–22
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Predigt Auf der Flucht Auf der Flucht. Die Rückkehr in die Heimat unmöglich, viel zu gefährlich, lebensgefährlich sogar. Vor Augen: ein langer, unsicherer Weg. Wohin wird er führen? Immer weiter weg von Zuhause. Durch fremde Länder und zu Menschen, die er nicht versteht und deren Sprache er nicht spricht. Weiter und immer weiter. Vielleicht kommt er irgendwann an einen Ort, wo ihn keiner mit Misstrauen ansieht oder mit Angst im Blick. An einen Ort, wo er sicher ist, wo er gebraucht wird. An einen Ort, wo ihm Menschen ohne Angst begegnen. Das ist seine Hoffnung. Und vielleicht – mit ganz viel Glück – wird dieser Ort für ihn zu einer neuen Heimat. Irgendwann nach vielen Jahren. Solche oder ähnliche Träume haben Menschen auf der Flucht. So wie Jakob. Jakob ist auf der Flucht. Er hat noch das im Zorn verzerrte Gesicht des Bruders vor Augen. Die Mordswut war Esau anzusehen. Bloß kein falsches Wort und ihm bloß nicht den Rücken zukehren oder mit ihm allein sein. Nur weg, nichts wie weg. Fluchtartig verlässt Jakob die Heimat und bricht auf in Richtung Haran, in das Heimatland seiner Mutter. Vielleicht würde er dort auf Menschen treffen, denen er vertrauen kann. Vielleicht würde er dort gebraucht. Vielleicht, vielleicht … Aber der Weg ist weit bis ins Zweistromland. Und er führt durch fremde Länder, vorbei an unbekannten Orten. Jakob sieht die fremden Menschen, und er spürt deutlich: Hier bist du nicht willkommen. Die wollen dich nicht. Die sind froh, wenn ich heute noch weiterziehe, solange es noch helllichter Tag ist. Aber auch an diesem Tag geht die Sonne unter. Auch dieser Tag geht zu Ende. Und irgendwann ist Jakob erschöpft, und seine Füße wollen ihn nicht mehr tragen. Wo kann er bleiben für diese Nacht? Es gibt keine Herberge, und da sind keine gastfreundlichen Menschen. Kein Haus weit und breit. Nur das unwegsame Bergland. Jakob hat nichts, um sein Haupt hinzulegen. Und so wird ihm ein Stein zum Kissen. Sie sind auf der Flucht, Vater und Mutter und die Kinder. Weg, nur weg, haben sie gedacht, als die Schüsse näher und immer näher kamen und das Donnern der Geschütze. Wenn die Heimat kein sicherer Ort ist, wenn das Bleiben immer gefährlicher wird, dann bleibt nur noch die Flucht. Sie haben schon tausendmal gedacht: Was machen wir, wenn der Krieg näher kommt? 185
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Was machen wir, wenn die Soldaten vorrücken? Und dann ist es soweit. Der Krieg ist da. Und die Angst um die Kinder erdrückt beide, Vater und Mutter. Es gibt keinen Ausweg mehr, nur die Flucht. Und die Hoffnung, irgendwo sicher wohnen zu können und vielleicht einmal irgendwo willkommen zu sein. Die Kinder sollen es doch besser haben. Sie sollen nicht im Krieg aufwachsen. Wenn sie sich nur endlich mal wieder sattessen können. Und vielleicht zur Schule gehen. Flucht als einziger Ausweg. Und die vage Hoffnung, dass es irgendwo einen Ort gibt, der zur Heimat wird. Aber der Weg dorthin ist weit, sehr weit. Er führt vorbei an diesen Nicht-Orten, wo man nicht bleiben kann und auch nicht bleiben will. Nur weiter, immer weiter. Man muss kein Flüchtling sein, um sich auf der Flucht zu fühlen Auf der Flucht. Man muss kein Flüchtling sein, um sich so zu fühlen. Wir modernen Menschen leben oft, als seien wir auf der Flucht, als hätten wir keinen Ort zum Verweilen. Als hätten wir keine wirkliche Heimat. Immer auf dem Sprung, heute hier und morgen da. Oder uns wird Vertrautes fremd, und wir werden heimatlos. Auch die ältere Dame fühlt sich manchmal so, als sei sie auf der Flucht, und alles um sie herum wird fremd. Wenn sich in ihrem Kopf alles dreht und sie haltlos werden lässt. Wenn sie wieder einmal einen Termin vergessen hat und ihr Mann auf sie wütend ist. Sie hat es doch nicht böse gemeint, es war nur so ein Durcheinander in ihrem Kopf. Sie fühlt sich schuldig, weil ihr Mann Stunde um Stunde auf sie gewartet hat. Weil er sich auf sie verlassen hat und wieder enttäuscht wurde. Sie hatte es einfach vergessen, sie hatte ihn vergessen. Es war keine böse Absicht. Und doch schämt sie sich und fühlt sich fremd im eigenen Leben. Sie ist sich selbst fremd. Als wäre sie auf der Flucht. Oder da ist der junge Mann, der schon wieder zu seinem Chef ins Büro muss. Warum eigentlich immer er? Allmählich hat er das Gefühl, es dem Chef einfach nie recht machen zu können. Er sitzt da am Besprechungstisch, aber am liebsten würde er rausrennen aus dem Büro, fliehen und nie, nie wieder zurückkehren. Er fühlt sich fremd am eigenen Arbeitsplatz. Wie auf der Flucht. Oder das junge Paar, dem die Worte ausgegangen sind, die kaum mehr wissen, worüber sie sich unterhalten können. Das Schweigen steht zwischen ihnen. Manchmal fühlen sie sich zu zweit einsamer, als sie es allein je sein könnten. Er würde am liebsten die Wohnung verlassen, weg nur weg. Und
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auch sie trägt sich mit dem Gedanken zu gehen. Beide fühlen sie sich wie auf der Flucht. Wie viele Menschen sind auf der Flucht? Auf der Flucht vor Krieg und Terror oder auch auf der Flucht, weil das Leben unerträglich ist? Wie viele fühlen sich mitten in der Heimat heimatlos? Der Traum vom Stückchen Himmel auf Erden Wer auf der Flucht ist, braucht Träume. Träume von einem besseren Ort und einem guten Leben. Visionen, die einen voranziehen und immer weiter und weiter gehen lassen. Ohne solche Träume würde man verzweifeln und erschöpft aufgeben. Jakob hat solche Träume. Er träumt und siehe, eine Leiter steht auf Erden, die rührt mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes steigen daran auf und nieder. Mitten auf der Flucht hat Jakob diesen Traum, diesen Traum aller Träume. Er träumt von einem Tor zum Himmel, von einer Leiter, die bis in den Himmel, bis hinauf zu Gott reicht. Er träumt von einem Stück Himmel, mitten auf der Erde. Und er hört: Hier ist dein Haus. Hier ist, was zählt. Hier bist du überdacht, hier ist deine Heimat. Eben noch war Jakob die Gegend düster und unheimlich vorgekommen, ein Transit-Ort, ein Nicht-Ort oder sogar eine No-Go-Area. Und nun träumt er davon, dass er längst angekommen ist in der neuen Heimat. Dass er schon da ist, wo er hinwill. Dieser Ort ist Heimat, Land der Verheißung. Er hört, wie Gott zu ihm spricht: Das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Deine Nachkommen sollen das Land bewohnen bis in den Westen und Osten, Norden und Süden. Endlich Heimat. Heimat im doppelten Sinne, Heimat für den Leib, aber auch für die Seele. Hier kann Jakob leben und sogar gut leben. Und zugleich ist hier das Tor zum Himmel. Gott ist hier gegenwärtig. Gott ist da mitten im Leben, mitten auf der Flucht. Und wo Gott gegenwärtig ist, da findet auch unsere Seele ihren Frieden. Von einem Augenblick zum anderen ist Jakob kein Flüchtling mehr. Er weiß, dass Gott mit ihm ist, wohin er auch geht. Jakob wird es warm ums Herz. Es ist, als habe sich alles in seinem Leben gedreht. Alles bekommt auf einmal einen Sinn, merkt er. Selbst die Angst, die 187
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Flucht, die Einsamkeit. Alles bekommt einen neuen Sinn. Nur so konnte er diesen Ort finden, sein Stück vom Himmel, wo ihm Gott begegnet ist. Diesen Ort, die doppelte Heimat, wo Leib und Seele zur Ruhe kommen. Voller Dankbarkeit nimmt Jakob den Stein, auf dem er in der Nacht geschlafen hat, und richtet ihn auf zu einem Steinmal. Und er schwört bei Gott, dass er an dieser Stelle Gott ein Haus bauen wird, der ihn hierher geführt hat und auch wieder zurück führen wird. Die Heimat liegt näher als gedacht Die Flüchtlingsfamilie lebt nun in einem dieser Wohncontainer. Mit vielen anderen Geflüchteten. Abends können die Kinder oft kaum einschlafen, weil es laut ist. Aber sie haben ein Dach über dem Kopf, und sie gehen zur Schule. Die neue Heimat – sie ist nicht so, wie sie sich diese vorgestellt haben. Der Traum vom Leben in der neuen Welt hat sich noch nicht erfüllt. Darüber sind sie traurig, aber im tiefsten Herzen sind sie dankbar. Sie leben in Sicherheit. Und vielleicht wird das Land, in dem sie jetzt leben, zu ihrem Land und zum Land ihrer Kinder und Enkel. Zu ihrer Heimat, wo sie sich zuhause wissen. Wo sie Arbeit finden. Und wo sie gebraucht werden. Es ist noch nicht alles gut. Es liegt noch ein weiter Weg vor der geflüchteten Familie, bis sie nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ankommen und willkommen geheißen werden. Und doch gilt schon jetzt: Hier ist jetzt euer Haus. Hier ist, was zählt. Hier seid ihr überdacht, hier ist eure Heimat. Und die alte Dame, die sich in ihrem eigenen Leben fremd fühlt und auf der Flucht ist vor ihrem ständigen Vergessen. Auch für sie gilt: Hier ist dein Haus. Hier ist, was zählt. Hier bist du überdacht, hier ist deine Heimat. Sie ist dankbar, zuhause wohnen zu können. Es ist gut, dass sich ihr Mann um sie kümmert. Er lernt langsam, verständnisvoll mit ihr und ihrer Krankheit umzugehen. Und auch für den jungen Mann mag gelten: Der Ort, an dem du bist, ist richtig. Trotz aller Zweifel. Hier ist der Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren, wo am Ende alles seinen Sinn bekommt, auch die Auseinandersetzung mit dem Chef. Es fällt dem jungen Mann nicht leicht, das anzunehmen.
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Aber am Ende sagt er zu sich selbst: Du bist richtig, und du bist am richtigen Ort. Du musst nicht fliehen, nicht vor der Arbeit, nicht vor dem Chef, nicht vor dir selbst. Hier ist dein Haus. Hier ist, was zählt. Hier bist du überdacht, hier ist deine Heimat. Ähnlich geht es auch dem jungen Paar, nachdem es sich miteinander versöhnt und sich ausgesprochen hat. Am Ende denken beide: Wo wir zusammen sind, da ist auch unser Zuhause. Da sind wir einander nicht mehr fremd. Da finden wir Ruhe für Leib und Seele. Und Jakob träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Hier ist dein Haus. Hier ist, was zählt. Hier bist du überdacht, hier ist deine Heimat. Amen.
Tagesgebet Allmächtiger Gott, es ist gut, bei dir zu sein, und in deinem Haus den Zauber zu spüren, der den Ort umweht, an dem du wohnst. Schenke uns dein Wort, das tröstet und befreit. Öffne uns das Land, das du uns verheißt 189
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und das keine Grenzen kennt. Verwandle uns und schenke uns ein neues Herz und einen verständigen Geist. Dies bitten wir im Namen deines Sohnes Jesus Christus, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen.
Fürbitten Dank sei dir, du Gott mit dem weiten Herzen, für den Platz, den du jedem von uns in dieser Welt zuweist. Danke für die Orte, an denen wir heimisch werden, danke für die Einladung in dein Haus, danke für alle, die uns zu Schwestern und Brüdern und zu Müttern und Vätern unseres Glaubens werden.
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Wir bitten dich: Komm mit deiner Weite in unsere Enge, komm mit deiner Erlaubnis in unsere Verbote, komm mit deiner Liebe in unsere Angst, damit wir leben und du in uns. Komm mit deinen Spuren in unser Leben, öffne und weite unsere Herzen, dass Freude und Liebe sich ausbreiten und wir Wege des Friedens gehen. Komm an unsere Orte, auch wenn sie uns fremd werden. Schenke uns Dankbarkeit, gerade auch dann, wenn wir in Tiefen fallen, wenn die Aussichten düster werden.
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